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IX

Am selben Tag um drei Uhr.

Mitsou hat mit ihrem Freund bei sich daheim zu Mittag gegessen, und dieser hat keine Veränderung an ihr bemerkt. Von nun an ist sie imstande, ein Geheimnis zu bewahren, bei gegebener Gelegenheit zu lügen, zu schweigen, um nicht unnötig zu lügen, und um ihres Geheimnisses willen auch die gewohnten erbärmlichen Zugeständnisse zu machen.

Der Freund ist eben fortgegangen und hat Mitsou das tröstliche Versprechen gegeben, daß er erst am nächsten Tag zur selben Stunde wiederkommen werde.

Allein geblieben, hätte sich Mitsou zum erstenmal fast einem stürmischen Freudenausbruch hingegeben. Sie hätte Lust gehabt, aus reinem Übermut eine Vase zu zerbrechen, mit beiden Füßen zugleich auf das Damastsofa zu springen, ein Kissen gegen die Decke zu schleudern und einige grelle Schreie auszustoßen. Der Freund ist eine halbe Stunde früher als gewöhnlich fortgegangen, und sie hat also noch eine halbe Stunde Zeit, sich schön zu machen. Robert soll sie um fünf Uhr im Taxi abholen, und sie wollen durch den Bois de Boulogne bis in die menschenleeren Straßen von Auteuil spazierenfahren. Als er sie am Morgen verließ, war sie müde gewesen und ein wenig enttäuscht, weil er vor dem Erscheinen des Stubenmädchens und des Frühstücks ging; aber die Morgenumarmung hatte lange gedauert und war beglückender gewesen, als sie gehofft hatte.

›Als er beim Fortgehen sagte: Ich bete dich an‹, überlegt Mitsou, ›da habe ich geglaubt, er würde sagen: Ich liebe dich.‹

Die Erinnerung ist zu süß, als daß sie lächeln könnte, und ihr ernster Gesichtsausdruck ändert sich auch nicht, da es läutet und sie sich mit einer Bestimmtheit, die im ersten Augenblick fast etwas Erleichterndes hat, sagt: »Ein Brief! Er kommt nicht.«

Das Stubenmädchen eintretend: Hier ist ein Brief gebracht worden.

Mitsou mit schwacher Stimme: Wartet man auf Antwort?

Das Stubenmädchen: Nein, Madame. Es war ein gewöhnlicher Soldat. Er ist schon wieder fort.

Mitsou: Gut, danke!

Sie öffnet den Brief nicht gleich. Sie ruht sich einen Augenblick aus, weil eine seltsame und ganz körperliche Schwäche sie befallen hat, ähnlich der, die man nach einem Nasenbluten oder einem Ohnmachtsanfall empfindet. ›Komisch‹, denkt sie, ›mir ist, als ob mein Herz blaß geworden wäre.‹ Dann setzt sie sich zu einem Fenster, öffnet den Brief und liest:

 

Meine geliebte Mitsou, der Hauptmann, den ich auf seiner Mission hieher begleitet habe, fährt heute abend ab.

 

Mitsou hält inne, um nach diesem kurzen Satz Atem zu schöpfen. Sie sagt sich: ›Ich verstehe. Er ist also nicht etwa böse auf mich oder hat irgendeinen Hintergedanken.‹ Sie lächelt sogar, um sich zu beweisen, daß alles in Ordnung ist. ›Mein Gott, es ist eben Krieg!‹

 

Meine geliebte Mitsou, der Hauptmann, den ich auf seiner Mission hieher begleitet habe, fährt heute abend ab. Es versteht sich von selbst, liebe Mitsou, daß auch ich abreise. Ich dachte nicht, daß ich die Nacht im Eisenbahncoupé an der Seite eines rauhen Kriegers würde verbringen müssen … Ich fürchte, mein Warmes, Sanftes, Liebes, ich werde nicht die rechten Worte finden, Ihnen zu sagen, wie sehr ich Sie vermisse, wie sehr … (Sehen Sie, da kehre ich wider Willen zu dem »Sie« unserer Briefe zurück, obwohl wir uns heute früh so aufrichtigen Herzens und Körpers »Du« sagten …) Ich werde nicht die rechten Worte finden und habe auch keine große Lust, es Ihnen zu sagen. Erinnern Sie sich, wie Sie mich vor ganz kurzer Zeit noch als Zwilling, als Altersgenossen, als Kameraden behandelten? … Ihr verliebter Kamerad, Mitsou, wird Ihnen verschweigen, was er, indem er von Ihnen scheidet, am meisten vermißt und was am wenigsten – das eine wie das andere wäre geeignet, Ihre Eitelkeit anzufachen und gleichzeitig Ihren braven Jungmädchenstolz zu verletzen.

Das Beste, was Sie tun können, meine Mitsou, ist, sich, sobald Sie diesen Brief gelesen haben, an den rosigen alten Schreibtisch, der in Ihrem Boudoir steht, zu setzen und mir zu schreiben. Dann werde ich da draußen nicht zu lange auf Ihren ersten Brief warten müssen. Sagen Sie mir's nur recht ehrlich und grob heraus, ob Sie sehr böse waren über unseren versäumten Nachmittag, unsere verschobene Nacht. Sagen Sie mir auch, was Sie gewählt hätten, wenn Sie zwischen beiden hätten wählen müssen: eine lange Spazierfahrt oder eine kurze Nacht – eine Nacht, die spät anfängt und früh aufhört? Ich habe diesmal nicht die Zeit gehabt, Ihnen dergleichen Fragen zu stellen, Fragen, die man eigentlich nur Mund an Mund, Körper an Körper gepreßt fragen sollte, so daß jede Ausflucht unmöglich wird. Ich bin bisher in keines Ihrer Geheimnisse eingedrungen und habe die liebe Gewohnheit noch nicht aufgegeben, lange, quälend lange – vier Tage mindestens – zu warten, bis einer Ihrer Schleier fällt und das Echo Ihrer Worte zu mir dringt. Dieses Zwiegespräch, so manches Mal durch äußere Hindernisse noch mehr verzögert, vermittelte mir das Bild einer sanften, ein wenig gleichgültigen Mitsou, eine Vorstellung, die mir heute nacht verlorenging, als unsere Umarmung meine Begierde aufpeitschte …

Ich weiß nicht, wann ich wiederkommen werde, weiß nicht, ob ich wiederkommen werde. Erschrecken Sie nicht, Liebling. Ich meine damit nur, daß die Wege schlecht sind, daß man sich bei einem Autounfall das Bein brechen kann und daß in meinem Regiment infolge des schlechten Wassers die Dysenterie herrscht. An das andere, an »die andere Gefahr«, wie es literarisch heißt, denkt man doch nicht. Wenn Sie mir nur schreiben, Mitsou. Zynisch, wie ich zuweilen bin, brenne ich vor Neugier, nun, da ich die eine wie die andere mit solchem Entzücken an mein Herz gedrückt habe, Mitsou in Batist und Mitsou auf dem Papier einander gegenüberzustellen.

Noch ein Geständnis – ein ebenso unvorsichtiges: Wenn Sie, meiner müde, ehe Sie mich wiedergesehen haben, in einigen Wochen mit einem anderen Leutnant, blaugekleidet und in Mitsou verliebt, wie es sich für Frankreichs Offiziere gehört, ein Fest feiern sollten, so darf ich doch bestimmt damit rechnen, daß diese Wandlung mir einen letzten Brief eintragen wird, einen Brief, in den Mitsou ihre gefährliche Einfalt, ihre unwiderstehliche Aufrichtigkeit hineinlegt, einen Brief, in dem sie durch Argumente entwaffnet, zu deren Bekräftigung nichts anderes als die Tatsachen dienen?

Ich scherze, Mitsou! Und das zeigt von recht gewöhnlichem Geschmack. Am Schluß eines Briefes, in dem man klagen wollte und vor Unzufriedenheit fluchen … Ich küsse nur Ihre Hände, Mitsou, und versage mir für einige Zeit die Erinnerung an Ihren feinfühlenden Körper.

Ihr

blauer Leutnant


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