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I

Paris im Mai 1917.

Das Theater Empyrée-Montmartre hat für seine Frühjahrsrevue »Ça Gaze« achtzehn junge Mädchen engagiert, ferner ein schwächliches Bürschlein und einen achtzigjährigen Tragöden für die unvermeidlichen Rollen des Père de la Victoire, des Grognard de Raffet und des Général en Chef.

Die Garderobe der Mademoiselle Mitsou, des Revuestars. Eine Tapete, die zur Zeit, da sie noch weiß und rosa war, geblümtes Leinen vortäuschen sollte. Das war lange vor Mitsou. Ein rohes Holzgestell, das als Toilettetisch dient, mit Frottiertüchern belegt. Ein eiserner Waschständer mit einer Blechschüssel wie in einem Dienstbotenzimmer. Reismehl in Pappschachteln. Ein sehr schön gefaßter Brillantring inmitten von Farbstiften und Büchschen roter Schminke. Kleiner Diwan, so weich wie eine Bank in einem öffentlichen Garten; zwei gestrichene Rohrstühle. Gesamteindruck: »So ist es gut genug!« Zwischenakt. Mitsou allein. Sie ruht sich aus. Ihre Kleidung besteht aus einem Paar fraisefarbener Strümpfe, deren Saum an den Beintrikots befestigt ist, ferner aus Goldschuhen und einem lila Kimono. Die Natur hat Mitsou mit einer Schönheit beschenkt, wie sie die Mode des Tages fordert: Keine Nase – oder sagen wir, ein winziges Näschen –, sehr große Augen, schwarz wie das Haar, rundliche Wangen, ein kleiner, trotziger, frischer Mund. Dies das Gesicht. Und der Körper: schlank, wie sich's gehört, die Beine edel und lang, der Busenansatz tief, die Brüste klein. All das haben wir, nur ist der Schenkel oberhalb des Knies ein klein wenig zu mager. Doch wird dieses Pagenbein mit der Zeit wohl an Fülle gewinnen, ebenso der überzarte Nymphenrücken. Mitsou ist kaum vierundzwanzig Jahre alt.

Sie sitzt an ihrem Schminktisch, die Beine zu einem »V« gespreizt, damit sich die Strümpfe am Knie nicht ausweiten; der junge Rücken aber ist vorgebeugt und der Hals gestreckt wie der einer durstigen Gazelle. Man würde kaum glauben, daß Mitsou lebendig ist, wenn sie sich nicht ab und zu die Wange puderte, den Mund röter schminkte oder die Augenwinkel mit dem Farbstift nachzeichnete. Nichts denkt die emsige Hand, nichts die großen, düster glänzenden Augen, nichts das junge Gesicht in seiner ernsten Klarheit.

Lärm auf dem Gang. Hinkende Schritte. Ein dürrer alter Finger klopft an die Tür, der Finger des Inspizienten Boudou.

Boudou öffnet die Tür ein wenig. Er zählt zweiundsiebzig Jahre und sieht noch älter aus: Schluß der Pause. Jetzt kommen Sie bald dran, Mademoiselle Mitsou.

Mitsou langsam erwachend: Danke. Boudou. Geht's Ihrem Fuß besser?

Boudou: Nicht viel besser. Wenn's bis Donnerstag nicht anders wird, dann werd' ich ihn waschen und ihm einen Schafwollsocken und drüber einen baumwollenen anziehn. Man muß alles probieren, das ist mein Grundsatz.

Er entfernt sich und läßt die Tür offen. Lärm auf dem Gang. Schlürfende Schritte. Im Halbdunkel geht Beautey, der achtzigjährige Tragöde, vorüber. Er bleibt einen Augenblick stehen, und die Glühbirnen der Garderoben beleuchten seine strahlende Uniform, aber auch die blutunterlaufenen Augen und die widerlich herabhängende Unterlippe.

Beautey zu Mitsou: Geht's dir gut, Kleine?

Mitsou dreht sich jäh gegen ihren Spiegel: Ja, ja, Monsieur Beautey, danke … Oh, ich bin zu spät dran …

Beautey: Soll ich dir helfen?

Mitsou entsetzt: Nein, nein, Monsieur Beautey, bemühen Sie sich nicht. Was denken Sie! Er entfernt sich.

Mitsou schaudernd: Lieber sterben, als den ansehen. Es ist beinahe unanständig, so alte Leute auftreten zu lassen. Und ich, die ich nicht einmal ein gestürztes Pferd sehen kann …

Lärm. Auf dem Gang klappern zehn kleine Holzabsätze. In angenehm englischer Unordnung ziehen die fünf Tirelireli-Girls vorüber. Mitsou jedoch wendet den Kopf nicht. Dann kommen nacheinander: das Kriegsbrot, die Papierkrise, das Saccharin … Eine alte Dame in Filzpantoffeln erscheint. Auf der linken Seite ihres Plüschumhanges trägt sie die Palme der Akademie, mit einer Nadel festgesteckt. Es ist die Garderobière. Nun wieder Lärm und Gequieke auf dem Gang; man denkt an ein aufgestörtes Mäusenest. Petite Chose stürzt in die Garderobe herein. Ist Petite Chose häßlich oder hübsch? Ist sie gut gewachsen oder nicht? Es ist ein kleines aufgeregtes Frauenzimmerchen, das sich immerfort dreht und wendet und sich so sehr schlau jeder ernstlichen Betrachtung entzieht. Die gefärbten Haare fallen wolkenartig bis auf die Nasenspitze, die ihrerseits, emporgestülpt, dem Haarschopf entgegenzustreben scheint. Die schwarz gefärbten Wimpern, die lustigen Bäckchen, die Mundwinkel, all das steigt in die Höhe, als ob ein Windstoß es nach oben geblasen hätte. Die Schultern zittern, die Hüften tanzen, die Hände umfassen den Hals – um auf ihn hinzuweisen oder ihn zu stützen? – und wenn die Knie im Gehen aneinanderreiben, so weiß man nicht, geschieht dies, weil Petite Chose friert oder weil sie komisch wirken will – oder einfach nur, weil sie X-Beine hat. Fiele Petite Chose in die Seine, so würden ihre intimsten Freunde, zur Totenschau gerufen, sie nicht erkennen, denn eigentlich hat keiner sie jemals richtig gesehen …

Petite Chose in einem nicht sehr sauberen Bademantel, eine »stilisierte« Banane auf dem Kopf, stürzt sich auf Mitsou: Versteck' sie mir, Mitsou, versteck' sie mir! Sie wollen sie hinausschmeißen und mir eine Strafe diktieren.

Mitsou ruhig mit hochgezogenen Brauen: Wen?

Petite Chose: Die zwei Kleinen da, die hübschen! Sie zeigt auf den Gang. Versteck' sie mir so lang, bis Boudou mit der Runde fertig ist. Schmeichlerisch und unter übertriebenen Körperwindungen: Dir wird man keine Geschichten machen, du bist als Star engagiert, du hast das Recht, zu empfangen, wen du willst.

Mitsou königlich: Selbstverständlich. Das wäre ja auch noch schöner, wenn ich nicht empfangen dürfte, wen ich will. Aber ich empfange hier niemanden, und ich will niemanden in meiner Garderobe haben, den ich nicht kenne.

Petite Chose drängend: Nur eine Minute, Mitsou. In deinen großen Wandschrank! Sie sind soo hübsch! Ohne die Antwort abzuwarten, ruft sie mit halber Stimme in den Gang. Schnell, schnell, ihr zwei dort. Trab!

Sie zieht zwei junge Leutnants in die Garderobe, einen in Khaki und einen in Himmelblau. Der in Khaki ist sehr hübsch, der in Himmelblau noch hübscher.

Mitsou betrachtet die beiden, als wären sie zwei Möbelstücke: Ich habe damit nicht das geringste zu tun.

Der Khaki: Mademoiselle Mitsou, wir haben Sie eben auf der Bühne sehr bewundert, gestatten Sie mir, in der Nähe …

Mitsou, die ihn nicht zu hören scheint, über seinen Kopf hinweg zu Petite Chose: Du mußt doch verstehn, wenn's meinem Freund einfallen sollte, vor dem zweiten Bild mit seinen beiden Geschäftsfreunden hier heraufzukommen, das gäb' einen netten Tanz!

Der Blaue, den die Nichtachtung Mitsous reizt: Mademoiselle, ich kann Ihnen nicht länger meine Anwesenheit aufdrängen, da …

Mitsou wie früher zu Petite Chose: Verstehst du, mir ist es ganz gleichgültig, ob sie in meinem Wandschrank sind oder wo anders – darum handelt es sich nicht. Nur wie das aussieht! Du weißt doch, daß ich nicht jemand bin, der …

Petite Chose unwiderstehlich: Ich weiß, ich weiß. Aber für mich tust du es doch, du bist ja ein so netter Kerl. Zu den beiden Leutnants: Hup – ihr zwei, da hinein in den Wandschrank. Zu Mitsou: Hier im Haus gibt's nichts als dramatische Ereignisse. Denk' dir, Boudou hat einen aus dem siebzehner Jahrgang in der Kleiderkammer der alten Kuh, der Weiß, gefunden. Er hat gesagt, er bringt das bis zur Direktion. Eine Giftschlange, der alte Boudou …

Boudou die Tür öffnend, verbindlich und argwöhnisch: In fünf Minuten kommen Sie dran, Mademoiselle Mitsou. Er blickt Petite Chose, die die Tür des Wandschrankes den Leutnants vor der Nase geschlossen hat, scharf an.

Petite Chose liebenswürdig: Wie geht's Boudou? Was macht der Fuß?

Boudou kalt: Danke, es geht ihm leidlich. Wenn er bis Donnerstag nicht besser ist, dann werd' ich ihn waschen und dann ziehe ich ihm einen Schafwollsocken an und drüber einen baumwollenen.

Petite Chose: Im Notfall muß man wohl zu solchen Mitteln greifen, Boudou!

Er geht ab. Petite Chose öffnet den Wandschrank. Die beiden Eingesperrten, schön flach im Hintergrund des Schrankes aufgestellt, würden ihren Platz nicht für das Kriegskreuz aufgeben. Sie sagen kein Wort und freuen sich diebisch.

Petite Chose: Seht ihr, wie er euch eingefangen hätte, der alte Schleicher, ohne mich! Jetzt komm' ich aber dran! Ich höre das Finale von der »Gifthölle«! Sie küßt beide mit wunderbarer Behendigkeit. Leise zum Blauen, auf Mitsou deutend: Auf die dürft ihr nicht rechnen, wenn ihr ein lustiges Gespräch führen wollt … Davonstürzend schreit sie: Seid schön brav, Kinder! Ihr seid bei einer feinen Dame!

Diese schlaue Schmeichelei entlockt Mitsou ein herablassendes Lächeln. Allein mit den beiden jungen Leuten, die immer noch aufrecht und steif im Wandschrank stehen, wirft sie den Kimono ab. Sie hat nun weiter nichts an als lange fraisefarbene Strümpfe, ein Beintrikot und ein Tüllhemdchen. In aller Ruhe schnürt sie das Taillenband des Trikotes fester, streckt die Beine auseinander, um es an der Innenseite der Schenkel zu glätten, und schlängelt sich darauf vorsichtig in das schwarzrote Tüllgewirr, aus dem ihr Kostüm (ihre Rolle ist die »Rose Jacqueminot«) besteht. Sie pudert sich die Achselhöhlen und den Hals. Kurz, ihr Tun bezeugt eine gleichgültige Ungeniertheit und eine zerstreute Schamlosigkeit, die jeden Gedanken an Koketterie ausschließen. Während dieses Treibens hält sie es für angebracht, den Leutnants ein trockenes »Na, wie geht's da drin im Wandschrank?« hinzuwerfen, dessen Ton die beiden verletzt.

Der Blaue ganz Auge, aber sehr korrekt: Ausgezeichnet, Madame, ich danke sehr.

Mitsou: Ah, jetzt bin ich gar zur Madame avanciert. Sehr schnelles Avancement, das muß man sagen. Schweigen. Sie bemüht sich, ihr Gürtelband hinten zuzuhaken, aber es gelingt ihr nicht. Möchte wissen, wo sie sich wieder verkrochen hat, diese alte Dingsda, diese Eule, die Garderobière!

Der Blaue aus dem Wandschrank steigend: Darf ich Ihnen helfen, Madame?

Mitsou: Dankend angenommen. Am Ripsband sind vier Haken, nicht wahr? Das andere kann ich dann selbst, das sind Druckknöpfe. Sie hält ihm, völlig kalt, ihren nackten Rücken hin. Danke.

Dieses »Danke« sagt sie, ohne sich umzuwenden, zu dem Bilde, das ihr der Spiegel zeigt: zwei braunhaarige, jugendliche Köpfe mit großen Augen, die einander ähneln, als wären die beiden Bruder und Schwester. Mitsou lächelt, der Blaue lächelt – da gleichen sie einander noch mehr.

Der Blaue sich verneigend: Nichts zu danken, Madame. Er kehrt in den Wandschrank zurück. Schweigen.

Mitsou setzt sich und weist auf den Diwan: Ich fordere Sie nicht auf, sich zu setzen, denn solange Boudou nicht auf der Bühne zu tun hat, ist immer noch Gefahr für Sie. Sowie er auf die Bühne hinuntergestiegen ist, um die Geräusche in den Kulissen zu machen, können Sie weggehen. Boudou macht nämlich den Schrei des Verdammten, den Glasermeister und den Blumentopf, der aus dem Fenster fällt.

Der Khaki, um auch etwas zu sagen: Wahrhaftig, das ist ja Proteus!

Mitsou einfach: Nein, er heißt Boudou. Und er wirkt seit der ersten Aufführung der Revue mit. Schweigen. Mitsou poliert sich die Nägel.

Der Blaue höflich: Und wie sind Sie mit Ihren Rollen in dieser Revue zufrieden, Madame? Er spricht in kühlem Ton, betrachtet Mitsou aber feurig. Jedesmal, wenn er sie »Madame« nennt, drückt sie ihr Erstaunen dadurch aus, daß sie ihre schön geschwungenen Brauen ein wenig hochzieht.

Mitsou: Sehr zufrieden. Besonders, da es hier nicht nur eine Sache des Talentes ist, wenn man engagiert wird.

Der Blaue und der Khaki: Ach, wirklich?

Mitsou mit wichtiger Miene: Die Schwierigkeit, hier auftreten zu dürfen, besteht im Alter. Die Direktion engagiert keine weibliche Kraft, die älter ist als fünfundzwanzig Jahre. Das ist so eine Eigenart des Hauses. Ich bin vierundzwanzig Jahre alt.

Der Blaue: Ich auch.

Mitsou: Nein, wirklich? Das ist aber komisch!

Der Blaue: Was es nicht alles Komisches auf der Welt gibt …

Der Khaki: Glauben Sie, daß Mademoiselle Petite Chose nicht älter ist als fünfundzwanzig Jahre?

Mitsou: Sie behauptet es. Aber Sie kennen sie ohne Zweifel besser als ich.

Der Khaki und der Blaue: Nein!

Mitsou: Nicht möglich!

Der Khaki: Wir sehen sie heute abends zum erstenmal. Einer unserer Freunde hat uns vorgestellt. Der Feigling hat sich inzwischen aus dem Staube gemacht. Sie wissen, der aus dem siebzehner Jahrgang, den man bei Madame Weiß aufgestöbert hat. Wir ahnten nicht, daß die Hauspolizei in einem Café-Concert so streng ist.

Mitsou empört: Wir sind hier in einer Music Hall und nicht in einem Café-Concert. Übrigens ist das notwendig. Denn sonst würde es hier schön zugehn. Ich kann in meiner Garderobe empfangen, wen ich will, das steht in meinem Kontrakt.

Der Blaue: Und Sie empfangen viele Leute?

Mitsou würdig: Was denken Sie! … Niemanden!

Im selben Augenblick klopft es. Mitsou ist erstaunt, öffnet den Mund, hebt die Augenbrauen und sagt nichts. Es klopft wieder, und die Tür geht auf. Es erscheint der Freund Mitsous, ein gut erhaltener, eleganter Herr, strahlend im Glanze seiner fünfzig Jahre.

Der Herr küßt Mitsous Hand: Liebe kleine Freundin! Er dreht sich um und sieht die beiden Leutnants im Wandschrank. Leichter Schrei. Ah! Denn er ist nervös. Dann gibt er sich einen Ruck und versucht einen ungezwungenen Ton. Ich habe es Ihnen doch gesagt, kleine Freundin, Ihr Wandschrank wird nicht groß genug sein für all Ihr Spielzeug.

Die beiden jungen Leute steigen aus dem Wandschrank. Auf ihren Gesichtern steht zu lesen, daß sie hoffen, es würde nun endlich einen Spaß geben.

Mitsou, die an schwierige Situationen nicht gewöhnt ist, findet zunächst keine Worte. Dann sagt sie ganz einfach die Wahrheit. Sie deutet auf die beiden Offiziere: Die gehören nicht mir, sondern Petite Chose!

Der Herr bitter: Ach, Mitsou!

Mitsou: Boudou hat sie in ihrer Garderobe erwischt, und da hat sie sie in meinen Wandschrank gesteckt.

Der Blaue: Aus dem wir nun heraussteigen, Madame, um Ihnen unsere Entschuldigungen und unsere ergebene Verehrung zu Füßen zu legen.

Der Khaki als Echo: Tschuldigung … Verehrung … Monsieur …

Der Herr hochrot: Monsieur … Monsieur … Die Tür schließt sich hinter den beiden Leutnants. Schweigen. Mitsou!

Mitsou: Was? Der Herr schweigt vorwurfsvoll. Ach so – deshalb. Das ist sehr überflüssig. Ich hab' Ihnen doch schon gesagt, sie gehören Petite Chose. Ich kann keine Ausreden erfinden. An meinem blöden Benehmen können Sie doch sehen, daß ich die Wahrheit sage.

Der Herr: Zwei Offiziere! … Zwei auf einmal! … Ah, Mitsou, dieses Laster habe ich bisher an Ihnen nicht gekannt.

Mitsou düster: Ich auch nicht. Weder dieses noch ein anderes.

Der Herr gerührt: Das ist wahr, Mitsou. Aber geben Sie zu, daß der Anschein … Sie sahen übrigens gut aus. Besonders der Blaue …

Mitsou hebt die Augen zu dem Spiegel, in dem kurz zuvor zwei junge Gesichter zu sehen waren: Finden Sie?

Der Herr: Wie heißt er?

Mitsou erstaunt: Wahrhaftig! Ich weiß nicht, wie sie heißen, weiß nicht, wer oder was sie sind.

Petite Chose vom Gang her: Bist du da, Mitsou?

Mitsou die Tür öffnend, streng: Komm du nur herein!

Petite Chose außer Atem: Du hast sie also weggeschickt! Ein Glück, daß ich sie getroffen habe. Sie sind eben hinuntergegangen.

Mitsou: Zuerst entschuldige dich bei meinem Freund. Den hat fast der Schlag getroffen. Stell' dir nur vor: da hereinzukommen und zwei Soldaten in meinem Schrank zu finden …

Petite Chose schmeichelt sich gewohnheitsmäßig dicht an den Herrn heran: Wirklich? Das tut mir leid. Sie dürfen mir nicht bös sein – auch auf Mitsou dürfen Sie nicht bös sein. Sie sind sooo hübsch! Haben Sie sie angesehn, besonders den Blauen? Der hat Augen …

Der Herr neidisch: Was für Augen?

Petite Chose leidenschaftlich: Feurige Augen! Und der Mund! Mitsou, hast du seinen Mund gesehn? Und seine Nasenflügel? Hübsche, kleine Nasenflügel, die zittern, wenn er tief atmet … Übrigens, wenn man's recht bedenkt, ist der in Khaki ebenso hübsch. Er hat einen schönen Teint. Haben Sie das bemerkt?

Der Herr trocken: Ich muß gestehen, daß ich den beiden nicht so viel Aufmerksamkeit geschenkt habe wie Sie.

Petite Chose begeistert: Ach! Mir entgeht nicht so leicht etwas! Monsieur, Monsieur, Sie werden die straßenkehrenden Kabylen versäumen!

Der Herr: Habe ich schon gesehen.

Petite Chose ganz Weltdame: So bleiben Sie uns also erhalten. Welch ein Fest für uns!

Der Herr:: Nein, denn ich muß zu meinen beiden Gästen zurück, zwei Mehlexporteuren, die ich im Parkett zurückgelassen habe.

Petite Chose: Zwei Mehlexporteure? Oh Schicken Sie sie mir! Sind sie hübsch?

Der Herr: Der eine ist mein Onkel, der andere dessen Schwager.

Petite Chose, als ob sie Bitterwasser zu schlucken bekäme: Brrr – Die alten ausgebeutelten Mehlsäcke können Sie sich behalten.

Der Herr geht ab.

Mitsou in lehrhaftem Ton: Da siehst du, was du mir mit deinen beiden Liebesgaben hättest für Unannehmlichkeiten bereiten können. Glücklicherweise habe ich es mit einem intelligenten Menschen zu tun.

Petite Chose nicht weniger belehrend: Ein intelligenter Mensch ist jeden Tag darauf gefaßt, Hörner aufgesetzt zu kriegen, oder er ist kein intelligenter Mensch. Und Unannehmlichkeiten? Was ist das schon Besonderes? Das ganze Leben besteht aus Unannehmlichkeiten.

Sie rollt sich zappelnd auf das Sofa, nur die Knie hält sie still, um die Beintrikots zu schonen.

Mitsou würdig und verdrossen: Gott sei Dank, seit drei Jahren, seit ich nämlich mit Pierre beisammen bin, weiß ich nicht mehr, was Unannehmlichkeiten sind.

Petite Chose reißt ihre kleinen Augen ungläubig auf: Nein? Wirklich? Nicht ein einziger Streit? Keine einzige Versöhnungsszene?

Mitsou: Nicht so viel! Er sucht nie Streit mit mir.

Petite Chose: Na, das muß aber lustig sein, bei euch zu Haus! Und wie ist's mit der Front?

Mitsou: Welche Front?

Petite Chose außer sich: Welche Front? Die Front! Der Schützengraben! Das Feld! Der Krieg! Verstehst du denn nicht? Du wirst doch irgend jemanden, den du liebst, an der Front haben?

Mitsou: Nein, denn ich bin seit Juni 1914 mit Pierre beisammen.

Petite Chose die Füße gegen die Zimmerdecke erhoben: Als ob das ein Grund wäre! – Apropos, die beiden Kleinen, die Hübschen meine ich, wo sind die eigentlich an der Front?

Mitsou: Ich weiß es nicht.

Petite Chose: Hast du sie denn nicht gefragt?

Mitsou: Nein.

Petite Chose: Na, wovon habt ihr denn gesprochen?

Mitsou: Ich weiß nicht … Sie haben mich gefragt, ob ich mit meinen Rollen in der Revue zufrieden bin.

Petite Chose in die Höhe springend: Deine Rollen! Die Revue! … Was sind das für Gespräche mit Leutnants auf Urlaub! Wo bist du denn erzogen worden? O weh, ich hab' ihre Adresse nicht! ich muß sie haben – muß sie haben!

Pfeilgeschwind stürzt sie zur Tür hinaus. Wiedererscheinen der alten Dame, der Garderobière. Sie tritt lautlos ein. Mitsou, in Nachdenken versunken, hört sie nicht.

Die alte Dame dicht an Mitsous Ohr mit kaum hörbarer Stimme: Man ist schon bei den »Blumen der Gefangenen«.

Mitsou fährt heftig zusammen, legt eine Hand aufs Herz und schreit: Ha! Sie, Sie werden's noch dahin bringen, daß ich an einem Herzkrampf sterbe. Ich möchte wissen, wo Sie sich diese Gespenstermanieren angewöhnt haben.

Die alte Dame murmelnd: Ich war vor dem Krieg Krankenpflegerin …

Mitsou: Wie viele haben Sie denn auf dem Gewissen, die vor Schreck gestorben sind? Geben Sie mir meine Lanze! …

Sie ergreift eine rosenumwundene Holzlanze und betrachtet die reizende Wirkung ihrer Erscheinung im Spiegel. Wie wenig unterscheidet sich in einem sehr jungen Antlitz der Ausdruck stiller Heiterkeit von dem grundloser Verzweiflung! … Petite Chose stürzt herein, schwingt eine Karte und hüpft mit geschlossenen Beinen.

Petite Chose schreiend: Ich habe sie! Ich habe sie! Die Namen, die Adressen, die Feldpostnummer! Alles!

Mitsou: Sind sie schon fort?

Petite Chose: Fort? Sie wollen überhaupt nicht mehr fort. Sie sagen, es ist hier viel lustiger als im Saal. Nun spiel ich meine Szene, so schnell ich kann, und lauf dann wieder herauf.

Mitsou: Wo sind sie denn?

Petite Chose: In der Kleiderkammer der Christophette Colombe. Ein Spaß, sag' ich dir! Wir schieben ihnen Bier unter dem Vorhang zu und Brötchen. Wir sind halb krank vor Lachen!

Sie entflieht, vor Freude glucksend. Mitsou geht mit dem Ausdruck eines bestraften Kindes resigniert und brav zur Bühne hinunter.


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