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VIII

Drei Uhr nachts. Er schläft. Sie erwacht – vielleicht, weil er sich bewegt hat oder weil sie vergessen haben, das Licht abzudrehen. Sie wacht etwas verwirrt auf, aber sie erinnert sich sofort: ein junger Mann ist da, ein junger Mann, der auf eine kurze und fast stumme Art ihr Geliebter war, gegen Mitternacht, und der dann sofort neben ihr in einen todesähnlichen Schlaf verfallen ist.

Sie ist müde, aber klaren Geistes und entsinnt sich eines besonderen Glücksgefühles, des Glückes, einen schönen Körper umschlungen zu haben, der wie duftendes Holz roch, das man reibt, und der sich ihr so innig anpaßte wie eine Schlingpflanze. So war er schön, und so noch schöner, immer schöner mit jeder Veränderung. Dafür ist sie dankbar und nicht für die heftige Erregung, die sie kaum schätzt.

Er schläft auf der Seite, einen Arm unter dem Kopf. Sie fühlt sich schuldig, weil sie ihn betrachtet – würde er in wachem Zustand dulden, daß sie seine Adern unter der weißen Haut so genau studiert, und das braune Fellchen, das zwischen den flachen Brustwarzen die Form einer Lilie zeichnet? Auf der Schulter eine weiße Narbe. Zwei runde Impfmale auf dem Armmuskel. Die Rippenbogen sind unter der Haut sichtbar. Ist er in den letzten Wochen nicht blässer und schlanker geworden? Wo lebte er wohl? Und wie? Die feinen Hände, ganz dunkel gegen die weißen Arme, welche Arbeit mögen sie wohl verrichtet haben – Erde, Stahl, Feuer, was wohl hat sie gehärtet und ihre Nägel abgestumpft?

Wird Mitsou diese geöffnete Hand küssen, ohne den ernsten, schlafenden jungen Mann zu erwecken? Nein, er hat sich bewegt, er bewegt sich, und sie rückt von ihm ab. Er träumt. Die Haut seiner Stirn, seine Augenbrauen, die zitternden Mundwinkel, das ganze Gesicht belebt sich mit einemmal in einer Art, die nichts vom Lächeln, nichts von der Erregung des Tages hat. Wer quält, fern von unserer Welt, diesen Gefangenen des Traumes? Zu ihrem Entsetzen sieht Mitsou, wie er kämpft, seufzt, wie seine Füße zucken, wie er vergeblich versucht, sich zu erheben … Mit einer Art Schluchzen schwindet der Schrecken aus dem armen Gesicht, gerade als Mitsou sich entschließen will, den Träumer sich selbst zu Hilfe zu rufen, und er versinkt aufs neue in die heitere Ruhe eines Schlafes, der ohne Zweifel durch Krieg, Angst, Abwehr und Todeskampf gestört worden war …

Vorgebeugt und die Hand noch ausgestreckt, um den schlafenden Geliebten zu wecken, beobachtet Mitsou, wie die letzten Wellen des Traumes ersterben. Noch ein Ruck, ein Aufleuchten eines schmalen perlmutterfarbenen Streifens zwischen den Augenlidern … und er schläft friedlich weiter, von seiner aufgeregten Seele unbehelligt. ›Man könnte glauben, er geht fort‹, denkt Mitsou. Aber sie läßt diese Vorstellung, das zarte und schmerzliche Bild des Geliebten, der ihr auf den Wogen des Schlafes entgleitet, in ihrer Phantasie nicht deutlich werden …

Sie hat keine Lust zu schlafen. Das Bett duftet gut. Niemals hat sie auf diese Art über den Schlaf ihres Freundes gewacht. Wie mag der wohl schlafen? Sie weiß es nicht. Einen Augenblick denkt sie an den wohlgepflegten Fünfzigjährigen im blauen Pyjama, ein Schauder läuft ihr über die Haut, und sie wendet sich im Geiste von dem Bilde ab: ›Das gehört sich nicht.‹ Ein anderes Bild steigt auf, das ihres Freundes am Eßtisch um ein Uhr mittags … ›Was tun?‹ Es ist drei Uhr morgens. Sie hat also noch zehn Stunden vor sich. Sie hebt unwillkürlich den Kopf gegen das Fenster, hinter dem der Tag graut, – die instinktive Bewegung der Gefangenen und der Tiere im Käfig …, ›Was tun?‹ Die Wahrheit sagen? Daran denkt sie vor allem, denn sie ist trotz ihrer Jugend sanft, ein wenig gleichgültig und einfach. Aber diese Wahrheit wird sie nicht ohne die Einwilligung des Mannes gestehen, der hier an ihrer Seite schläft; das Geheimnis gehört nicht ihr allein. Es gibt einen Namen, den sie ihrem Freunde weder aus Prahlsucht, noch aus Grausamkeit, noch im Taumel der Freude verraten wird, sondern nur, wenn die Zeit dazu gekommen sein sollte. ›Nein‹, sagt sich Mitsou, den Kopf mit den gelösten schwarzen Haaren schüttelnd, ›nein, ich darf Pierre nichts sagen. Bis auf weiteres ist es anständiger zu lügen. Robert hat zu entscheiden, und wenn er nichts entscheidet – nun dann …‹ Sie betrachtet ihn angstvoll. Er gehört jetzt tiefen Regionen des Schlafes an, wo keine Träume ihn mehr stören. Er gleicht einem schönen Toten, aus dessen Gesicht die Farbe noch nicht gewichen ist. ›Ist dieser Mann da mein Leben?‹ fleht Mitsou. ›Ach! Wenn er wollte …‹ Und sogleich ist sie zu dem banalsten Heldentum bereit: ›Wenn er wollte, würde ich alles, was ich hier habe, entbehren können, ich würde eine möblierte Wohnung nehmen. Ich verdiene siebenhundert Francs im Monat, achthundert bei der nächsten Revue … Ich würde meinen Brillantring verkaufen … Ich könnte wieder filmen, wie vor drei Jahren. Und er könnte mich abends vom Theater abholen, wenn der Krieg aus ist …‹ Sie lächelt, es ist ein schattenhaft flüchtiges Lächeln: ›Nein, er würde mich nicht abholen. Er würde mich nicht in meiner Garderobe erwarten. Er würde sich nicht mit Petite Chose oder Alice Weiß unterhalten, während ich auf der Bühne bin … Er ist zu stolz, er ist böse, er ist etwas Besonderes.‹

Die Spatzen beginnen zu zwitschern. Sie ist des Denkens müde, gähnt vor Kälte und Hunger, und das Unbehagen des Morgengrauens befällt sie. Sie hat nicht den Mut, sich etwas von den Bananen, den Erstlingskirschen und den Keks zu holen, die vier Schritt von ihr zu erreichen wären. Sie sagt sich so lange vor, daß sie unglücklich ist und nicht mehr schlafen kann, bis sie zurücksinkt und, an den fühllosen Körper Roberts geschmiegt, die Knie an seinen Kniekehlen, einschläft …

Fünf Uhr. Das blaue Tageslicht hinter den Vorhängen wird rosig. Durch ein Möbelrücken oder ein Türschlagen im Hause erweckt, ruft Robert: ›Ja!‹ und setzt sich im Bett auf. Ein Blick ins Zimmer, ein zweiter auf das schwarze, von weißem Linnen umrahmte Köpfchen der schlafenden Mitsou. Er wacht auf, wie eben ein zwanzigjähriger Soldat aufwacht: fröhlich, tatenlustig, bereit, aufzuspringen und in den Sonnenschein hinauszulaufen. Mitsou aber schläft … ›Arme Kleine, sie hat die ganze Nacht durchgeschlafen, und ich habe sie nicht gestört.‹ Er will sie in die Arme schließen, besinnt sich jedoch und nimmt sich die Zeit, mit den Fingern durch seine Haare zu fahren, sich die Augen zu reiben und fades Mineralwasser aus der am Bett stehenden Flasche zu trinken. Er bedauert es, wie ein ›alter Ehemann‹ geschlafen zu haben, und beugt sich über Mitsou … Sie hat undeutlich gefühlt, daß sich in ihrer Nähe etwas bewegt, und zieht die Arme weg, die ihr Gesicht verbargen. Sie ist blaß, die doppelte Reihe der Wimpern, die ihre Lider umrahmen, wiederholt – der Spiegelung eines Brückenbogens im Wasser vergleichbar – in entgegengesetzter Richtung den Bogen der Brauen. Der geschlossene Mund ist ganz klein und traurig.

›Wie hübsch sie ist‹, stellt er fest. ›Wie schade …‹ Er hat dies fast laut gedacht und hält erstaunt inne. ›Wie schade, daß – was? Ach, nun weiß ich es … Daß es mit meiner Verliebtheit vorbei war, als ich Mitsou wiedersah. In einem Augenblick werde ich ihr beweisen, daß sie schön ist und ich jung bin, doch das wird keinerlei Bedeutung haben. Nein, keinerlei Bedeutung, aber es bekümmert mich, daß es keine haben wird … Zwischen Mitsou und mir liegt etwas Störendes. Daß sie in mir ein Ideal ersehnt, das macht ja nicht viel, doch habe auch ich zu wünschen begonnen, sie möge etwas Besonderes sein – zufälligerweise ist sie das nun wirklich. Sie ist anders als die kleine Germaine von Weihnachten, als die Lili vom März; auch der – wie hieß sie nur – der Cricri vom vorigen September gleicht sie in keiner Weise.‹

Er läßt ohne Bedauern einige Erinnerungen an sich vorüberziehen und setzt jedesmal ehrlich hinzu: ›Mitsou ist besser. Mitsou ist weitaus netter, und trotzdem hat mich noch nie ein Abenteuer so wenig befriedigt wie dieses. Ist sie im Liebesspiel zwar zärtlich, aber zu unerfahren? Daran kann's nicht liegen. Ist sie dumm? Nicht im geringsten. Ein Geschöpf mit so feinen Sinnen, mit einer derartigen Gabe, zu fühlen, was sich nicht ausdrücken läßt, ist nicht dumm. Ihr großer Fehler ist …‹

Er streicht ganz zart eine Haarsträhne aus Mitsous Gesicht und versucht seinen Vorwurf in Worte zu fassen: ›Ihr großer Fehler besteht darin daß sie einen zwingt, an sie zu denken, indes man versucht ist, ihr zu sagen: Du kleiner Kummer, du bist nicht von denen, die eine große Qual werden können.‹

Ein Sonnenstrahl, der auf eine Scheibe jenseits der Straße fällt, wirft ein tanzendes goldenes Spiegelchen auf die geschlossenen Vorhänge, und der junge Mann wird von einer körperlichen Ungeduld erfaßt, von einem unbestimmten Groll und einem deutlichen Wunsch, fortzugehen …

›Ich kann übrigens ganz gut weggehen‹, denkt er, während er die schlafende Mitsou betrachtet, die mit wachsender Tageshelle an Blässe verliert … ›Nichts wird mich zurückhalten, nicht einmal sie; sie würde mich ohne Einwand, ohne Klage freigeben. Sie würde mich freigeben, aber in dem Augenblick, da ich sie verließe, würde ein Ruf von ihr ausgehen, die unausgesprochene Bitte eines stolzen Bettlers: Ich brauche nichts, und ich habe nichts verlangt.‹

Er fühlt die Gefahr, daß er, was er immer tue, in Mitsous Achtung sinken werde, und zuckt in auflodernder Brutalität die Achseln: ›Das ist ja recht angenehm! …‹

Der Anblick der noch immer regungslosen Mitsou macht ihn wieder sanft. ›Sie ist so hübsch‹, wiederholt er. ›Sie wird etwas Dummes sagen, sobald sie aufwacht. Cricri jedoch warf mir von der ersten Stunde an Grobheiten an den Kopf, Lili nicht minder, und ich machte mir nichts daraus. Oder sie wird mir einen jener sentimentalen Gemeinplätze auftischen, groß wie die Welt und alt wie sie, die mir greulich sind …‹

Das fremde Zimmer erhellt sich allmählich, und er betrachtet es mit feindseligen Blicken.

›Ich war weder darauf gefaßt, diese kitschige Statue hier zu finden, noch solch eine an Ketten baumelnde Ampel, noch den spitzenspendenden Amor über meinem Haupt. Was hatte ich eigentlich erhofft, als ich herkam? Eine Frau, die weder Lili noch Cricri – noch Mitsou ist. Ich mache mir etwas vor, ich verherrliche Mitsous negative Tugenden, anstatt mir roh einzugestehen: ›Sie hat mich weder zum Lachen gebracht, noch zu Tränen gerührt; ihre Leidenschaft, deren Wellen nicht höher schlagen als die eines leise bewegten Sees, hat mich nicht in die wilde Brandung einer Wollust zu reißen vermocht, die betört oder erschüttert.‹ Dies einmal festgestellt, habe ich wohl nichts weiter zu tun als wegzugehen. Und kann den Lilis früherer Monate noch eine »Mitsou vom Mai« hinzufügen –? Nein. Irgend etwas in diesem Geschöpf stellt eine Forderung an mich, die zu erfüllen mein Alter und mein Soldatenberuf mich entheben. Sie scheint den glühenden Wunsch zu hegen, unter meiner Leitung der Frau ähnlich zu werden, die ich lieben werde. Von ferne ähnelt sie ihr schon. Zu früh hat der Zufall die Erdfurche aufgerissen, in der die schon lebende, schon bewegliche, aber doch noch unvollendete und zur Ohnmacht verurteilte Larve meiner künftigen Liebe ruhte. Ich habe aber, o du meine künftige Liebe, nicht den Wunsch, die Hülle, in der du deiner Vollendung entgegenreifst, noch weiter aufzureißen. Es ist nicht meine Schuld, wenn ich seit drei Jahren ein Leben führe, in dem tätiges Handeln ebenso wie leidendes Dulden einen Charakter heiliger Heftigkeit und höchster Anspannung gewinnen. Es ist ein Leben, das einen schließlich dahin bringt, alles schwer zu nehmen, sogar die Tatsache, daß man nicht liebt. Ohne Zweifel ist es eine Folge dieses Lebens, wenn ich hier, auf diesem Bette liegend, unseren beiderseitigen Irrtum abwäge, anstatt in aller Freundschaft fortzugehen und dir von draußen Feldpostkarten zu schicken. Nicht war, Mitsou, du wirst nicht daran sterben, daß ein verfrühter Lichtstrahl auf dein knospengleiches Wesen gefallen ist? Nein, du wirst, ein wenig beschädigt, zu deinem embryonalen kleinen Leben zurückkehren. Dein Aufblühen wird, glaube ich, nicht mein Werk sein. Ein reiferer Mann wird dich erwecken, einer, der geduldiger und leichtherziger ist als ich und besser auf dich einzugehen versteht, der sich nicht wie ich an dem Beigeschmack von »Hinterlandsgeist« in allen deinen Worten und Gedanken stößt. Wer nicht weiß, was für ein Leben wir führen, wir jungen Männer im Krieg, bebend, überspannt, skeptisch und resigniert, anspruchsvoll und elend, bitter, vorzeitig gealtert und doch von kindlichem Glauben erfüllt, der begreift auch nicht, wie sehr dieser »Hinterlandsgeist« uns die kurzen Tage der Rückkehr zu unserem früheren Leben, zu unseren Städten, unseren Gütern, unseren Frauen verdirbt.

Immerhin, Mitsou, habe ich um deinetwillen an die Frau gedacht, die ich lieben werde. Vielleicht wird sie deine Sanftmut haben und denselben Stolz wie du, Kummer schweigend zu ertragen. Und ich wünschte, sie hätte außerdem ein ebenso warmes Herz wie du unter ebenso kleinen schönen Brüsten. Schon schmeichle ich mir, daß sie und ich dieselbe Sprache sprechen und einander ohne Staunen begegnen werden …‹

Er hängt seinen Gedanken nach und wird ganz düster, da er sich ausmalt, wie einsam er sein wird, indes er auf die richtige, die endgültige Mitsou wartet … Draußen klatscht Wasser aus einem Spritzschlauch auf das Pflaster, und leere Milchkannen klappern wie Kuhglocken in den Alpen … Der junge Mann reißt sich aus seinem Brüten, reckt sich entschlossen in die Höhe und beugt sich dann über die schlafende Mitsou:

»Leb' wohl, Liebste!« murmelt er leise, ehe er sie weckt.

Er zieht sie an sich, küßt sie und sagt laut und fröhlich:

»Guten Morgen, Mitsou!«


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