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IV

Mitsou an den blauen Leutnant

Monsieur,

ich weiß nicht, wie ich Ihnen für die hübschen Sachen danken soll, die Sie mir geschickt haben. Ich verstehe genug von schönen Dingen, um zu wissen, daß sie von jemandem gewählt sind, der Geschmack hat. Wenn Sie mir die Freude machen, mich wieder zu besuchen, dann werden Sie in meiner Garderobe vieles verändert finden und sehen, daß Ihr schönes Kristall darin den Ehrenplatz einnimmt.

Mit vielen freundlichen Grüßen

Mitsou

P. S. Wenn es nicht zu indiskret ist, so möchte ich Sie um das Datum Ihres nächsten Urlaubes bitten.

 

Der blaue Leutnant an Mitsou

Madame,

Sie haben mich beschämt: Ihnen die bescheidenste, die banalste Kleinigkeit zu schicken und dafür ein Briefchen zu erhalten, in dem Humor, Ursprünglichkeit und Pariser Anmut leuchten – das ist zu viel! Manche meiner Kameraden würden mich beneiden, wenn ich ihnen das Kärtchen zeigte, und sie würden es ohne Zweifel den Anfang eines Abenteuers nennen. Aber die wissen eben nicht, daß ich kein Abenteurer bin, und daß Sie in der Revue des Empyrée-Montmartre den jugendlichen Ernst, den guten Willen und die vornehme Haltung verkörpern – die Haltung , mit großen Buchstaben geschrieben, die Haltung einer Dame, die ein Automobil und einen würdigen Freund besitzt. Habe ich auch nichts vergessen? Wenn es doch der Fall sein sollte, entschuldige ich mich im vorhinein, Madame, mit aller Bescheidenheit eines Mannes, der, obwohl Sie seinen Namen und seinen Vornamen kennen, es sich in den Kopf gesetzt hat, zu verharren als

der anonyme und ehrfurchtsvolle

blaue Leutnant

 

Mitsou an den blauen Leutnant

Monsieur,

ich habe mich über Ihren Brief sehr gefreut. Er hat nur vier Tage gebraucht, was nicht viel ist bei den langsamen Zeiten, ich meine, zu einer Zeit, die so langsam vergeht. Manchmal vergeht sie langsamer als sonst und man weiß nicht, warum. Es gibt Komplimente, die einem keine Freude machen, ja, die einen sogar traurig stimmen; das fiel mir ein, als ich Ihren Brief las. Es macht mir mehr Vergnügen, Ihre hübsche Schrift zu betrachten, als Ihren Brief nochmals zu lesen; denn es sind Stellen darin, die so aussehen, als ob Sie mich für eine andere hielten, als ich bin. Wenn Sie sie in der Hoffnung geschrieben haben, daß ich sie nicht verstehe, so ist das kein schöner Zeitvertreib für einen jungen Mann wie Sie. Und wenn Sie geglaubt haben, ich würde sie verstehn und verletzt sein, so nehmen Sie bitte zur Kenntnis, daß sie mir nicht viel Eindruck gemacht haben, und daß eine Frau keine Zeit hat empfindlich zu sein, wenn ihre Gedanken mit etwas beschäftigt sind. Wenigstens weiß ich jetzt, wie sich die französischen Offiziere die ›vornehme Haltung‹ vorstellen: im Tüllhemd mit fraisefarbenen Strümpfen.

Nichts für ungut und auf Wiedersehen. Und vergessen Sie das nächste Mal nicht, daß ich Sie gebeten habe, mir das Datum Ihres nächsten Urlaubs mitzuteilen.

Mitsou

 

Der blaue Leutnant an Mitsou

Madame,

wenige Briefschreiberinnen dürfen sich gleich Ihnen rühmen, in fünfzehn Zeilen so viel Wesentliches ausdrücken zu können. Ihr Brief enthält: Ironie, Schicklichkeitsgefühl und die Andeutung eines Geheimnisses. »Das Geheimnis der Sängerin« – welch schöner Titel für einen Film in dreiundzwanzig Kapiteln! Haben die weit geöffneten Augen, die dem Getriebe des Lebens gleichgültig zuzusehen schienen, also gelogen? Dachten sie an etwas? Was die Ironie anbetrifft, so habe ich, wenn ich nicht wieder für einen rohen Kerl gehalten werden will, kein Recht, mich darüber zu wundern. Man lebt nicht ungestraft in der fieberhaften Atmosphäre der Music Hall und inmitten der alten Witzbolde, die die Revuen verfassen. Ich habe einmal einen kennengelernt: es war ein glänzender Bureaukrat, der das kriegstaugliche Alter längst überschritten hatte. Allabendlich verzeichnete er auf einem Notizblock in alphabetischer Ordnung die Schlager, die Witze und Zoten des Tages.

Und was meinen nächsten Urlaub betrifft, Madame, den bestimmen die Deutschen. In zwei Monaten etwa, wenn sie brav sind – niemals vielleicht, wenn sie angreifen. Ist es nicht ärgerlich, daß mein nächster Besuch in Ihrer Garderobe von diesen Leuten abhängt?

Ich verbleibe in aller Ehrfurcht, Madame,

Ihr

blauer Leutnant

 

Mitsou an den blauen Leutnant

Sie haben es entschieden, Sie sind »mein blauer Leutnant«. Sehn Sie, es ist etwas Komisches mit Worten. Wenn ich sage »mein Leutnant«, so klingt das ganz gewöhnlich, schreibe ich aber »mein blauer Leutnant«, hin, so ist das gleich viel netter! Petite Chose nannte einen ihrer Freunde »mein hellviolettes Wasserhuhn«, aber ich will damit keinen Vergleich gemacht haben. Nun aber bitte ich Sie, mich »Mademoiselle« zu nennen und nicht »Madame«. Ich habe keinen anderen Grund dafür, außer daß ich das nicht leiden kann.

Ich habe in Ihrem Brief nichts »Wesentliches« entdecken können. Vielleicht haben Sie aber nichts dergleichen darin geschrieben. Wenn nicht an der Stelle, wo Sie von den bedauernswerten alten Herren sprechen, die die Revuen verfassen. Diese Stelle schmeichelt mir fast, weil sie mir so vorkommt, als spräche Ihr Herr Vater mit mir. Alte Herren reden nämlich gern von dem Leben hinter den Kulissen, als ob sie es kennten, und kichern dazu.

Beim zweiten Lesen Ihres Briefes merkte ich aber wohl, daß Sie ihn selbst geschrieben haben. Ich sah Sie auf einmal ganz so wieder, wie Sie damals im Wandschrank standen – genau so jung. Denn ein Mann muß wohl sehr jung sein, wenn er nicht versteht, daß eine Frau, die sagt, sie denke an Etwas, damit sagen will, sie denke an Jemanden.

Leben Sie wohl, mein blauer Leutnant! Petite Chose schickt Ihnen die besten Grüße, und ich wünsche Ihnen von Herzen, daß Ihnen kein Leid geschehe.

Mitsou

 

Der blaue Leutnant an Mitsou

Mademoiselle Mitsou, mir ist, als könnte ich Ihnen heute nichts als Dummheiten schreiben. Man sollte auch nach zwei durchwachten Nächten – eine davon habe ich als Wachtposten verbracht – nicht an eine Frau schreiben. Mademoiselle Mitsou, Ihre Einfachheit, Ihre scheinbare Einfachheit beunruhigt mich mehr, als mir lieb ist. Sie denken ? Das liegt wohl an unserem Alter. Wir sind beide aus dem dreizehner Jahrgang, wenn ich nicht irre. Auch ich denke. Ich denke an meine Familie, an meinen militärischen Beruf, an die flüchtigen, etwas rohen Vergnügungen, die die Urlaubstage mir bringen, an – meine Marraine, werden Sie gewiß vermuten! Aber Sie vermuten falsch. Ich habe keine Marraine und will auch keine. Meine Freunde und Kameraden, meine Mannschaft, alles rings um mich lebt in einer wahren Briefschreiborgie, gibt sich einer derartigen Übertreibung des Marrainespieles hin, daß ich nicht die geringste Lust verspüre, dabei mitzutun.

Sagen Sie, Mademoiselle Mitsou, »Mitsou, die denkt«, beunruhigt am Ende das freundliche Gesicht meines Kameraden in Khaki Ihre Träume? Aber ich bin ja dumm! Es handelt sich – es kann sich nur um einen Zivilisten handeln. Wir, wir Vorübergehenden, wir rufen im hastigen Davoneilen »auf Wiedersehen« … »wer weiß?« … »vielleicht«. Wir geben ein Versprechen, und die Zivilisten halten es. Denn sie sind ja da – vielleicht nicht immer, aber doch zumeist! Oh, wieviel haben sie dadurch vor uns voraus!

Vielleicht wird mich Ihr nächster Brief in den Rang eines Vertrauten erheben. Es ist ganz recht so, ist ganz kriegsmäßig, daß der Vertraute seine jungen Jahre im Schützengraben vergeudet und dort den Roman eines glücklichen Geliebten liest, der sein Vater sein könnte. Mademoiselle Mitsou, ich lausche Ihnen. Mein Wohlwollen ist Ihnen sicher, und das um eines Satzes willen, der Ihrer zerstreuten Feder gerade in dem Augenblick entschlüpft ist, da ich seiner sehr bedurfte: »Ich wünsche Ihnen von Herzen, daß Ihnen kein Leid geschehe.«

Ihr ehrfurchtsvoller und müder

blauer Leutnant

 

Mitsou an den blauen Leutnant

Mein blauer Leutnant,

ich konnte nicht anders, ich mußte lachen, als ich Ihren Brief las, erstens, weil ich schon gleich froh war, als ich Ihre Schrift sah, und zweitens, weil Sie schreiben: »ein Satz, der Ihrer zerstreuten Feder entschlüpft ist.« Meine zerstreute Feder! Du guter Gott! Man sieht, daß Ihnen das Schreiben leicht fällt. Wie kann denn meine Feder zerstreut sein, wenn ich beim Schreiben auf so vieles achten muß, auf die Schrift, auf die Orthographie und auf das, was ich Ihnen verständlich machen will. Oh, nein, ich bin nicht zerstreut, wenn ich Ihnen schreibe. Und jetzt, da Sie anfangen, eine gute Meinung von mir zu kriegen, da darf ich schon gar nicht nachlässig sein oder mich gehen lassen!

Also, meine Briefe langweilen Sie nicht zu sehr? Was soll ich Ihnen dann von Ihren Briefen sagen? Sie werden es vielleicht nicht glauben wollen: ich habe noch nie mit jemandem korrespondiert. Ich bin aus Paris und rühre mich nicht weg von hier. Die Bekannten, die ich habe, sind auch aus Paris, und Pariser geben lieber drei Sous fürs Telephon aus, als daß sie sich Briefe schrieben. Ich möchte es Ihnen gern recht begreiflich machen, was für ein Ereignis es in meinem Leben ist, daß ich nun anfange, Briefe zu schreiben, und daß die Briefe noch dazu für Sie sind. Ich kann nicht abschätzen, was für ein Unterschied zwischen den Briefen besteht, die ich Ihnen schreibe, und denen, die Sie zu erhalten verdienen. Aber ich schreibe Ihnen, ohne zu lügen. Und so dumm diese Mitsou auch sein mag, sie wird schon merken, wann die Zeit gekommen sein wird, wo sie Ihnen nicht mehr schreiben soll. Solche Sachen lernt man, Gott sei Dank, auch ohne etwas von Grammatik zu verstehen.

Ich gebe zu, daß ich es in meinen früheren Briefen versucht habe, mich ein wenig über Sie lustig zu machen. Warum auch nicht? In der kurzen Zeit, die ich Sie gesehn habe, sind Sie mir so jung vorgekommen, so ernst – ganz wie eine männliche Mitsou. Gleich Mitsou haben Sie Angst, daß man Sie nicht genügend achtet, Sie nehmen Ihren Beruf so ernst wie sie, und vielleicht sagen Sie sich auch wie sie: »Vergiß nicht, daß du erst vierundzwanzig Jahre alt bist und daß Spaß und Scherz nur fürs reife Alter sind.«

Deswegen, wegen dieser Vorstellung, die ich von Ihnen habe, fühle ich mich geneigt, Ihnen alles zu verzeihen, Ihnen aber auch nichts durchgehen zu lassen. Ich bilde mir gerne ein, daß wir ein bißchen miteinander wetteifern, daß wir Rivalen sind wie zwei Freunde oder Zwillinge. Das gibt mir ein wenig Mut und das Recht, Fragen an Sie zu stellen – zum Beispiel zwei Fragen:

1. Ist eine Wachtpostennacht sehr gefährlich?

2. Brauchen Sie nicht ein paar unnütze Dinge? Denn eine Familie, die denkt wohl daran, einem das Nützliche zu schicken, aber alles andere – nein! Es würde mir Freude machen, Ihnen einige von den Dingen schicken zu können, die zu nichts dienen und angenehm sind.

Es ist jetzt sehr schön in Paris. Ich wünsche Ihnen, daß es draußen im Feld auch so ist, aber ich wünsche vor allem, daß wir in zwei oder eigentlich in eineinhalb Monaten ebenso schönes Wetter haben. Ich genieße den Sonnenschein von zehn Uhr morgens an. Sie werden finden, das ist spät genug, aber ich brauche nicht früher aufzustehn, denn vor zehn Uhr kommt keine Post, ich hab's erfragt. Dann kommt die zweite um zwölf Uhr mittags, das ist sehr bequem, denn die Person, die Sie in meiner Garderobe getroffen haben, kommt um ein Uhr zum Frühstück, und da habe ich meine Post lieber vorher. Nachher kann ich beruhigt Einkäufe machen oder sonst etwas, denn erst um sieben Uhr oder halb acht kommt die nächste, ich meine die nächste interessante Post.

Um halb sieben nehme ich einen ausgiebigen Tee, und da die Post im Augenblick sehr launenhaft ist, geschieht es, daß ich bei meiner Heimkehr aus dem Theater Post finde, die erst nach meinem Weggehen gekommen ist. So war's mit Ihrem letzten Brief. Ich bin so erschrocken, als ob ein lebendiger Mensch in meinem Zimmer gewesen wäre.

Ich schreibe Ihnen da sehr lange und sehr dumme Sachen, aber es hat mir solche Freude gemacht zu schreiben, daß ich nicht den Mut habe, es zu zerreißen. Ich wünsche Ihnen eine gute Nacht, mein lieber blauer Leutnant, – hoffentlich ist es nicht wieder eine Wachtpostennacht!

Mitsou

 

Der blaue Leutnant an Mitsou

Mitsou, ich habe Ihren Brief. Ich lese ihn voll Staunen darüber, daß ein Mädchen, das sich ohne Scheu nackt zeigt, ihr Wesen doch so sehr verbergen kann. Mitsou, weder jetzt noch in aller Zukunft will ich Ihre stolze Gelassenheit vergessen, dank welcher ich aus der Tiefe des Wandschranks Ihre entzückende Gestalt habe bewundern dürfen. Doch als ich damals in Betrachtung versunken stand, wandelte mich durchaus nicht die Lust an, Ihnen zuzurufen: »Wer sind Sie, Mitsou?« Ich frage es heute, als ob ich Sie nie gesehen hätte. Dieser Mitsou, die keinerlei stilistische Gewandtheit besitzt, dieser Mitsou mit der Schülerinnenhandschrift ist es niemals mißlungen, mich in ihren Briefen das durchblicken zu lassen, was ich erfahren sollte – um nichts mehr und nichts weniger. Sie haben mir nicht geantwortet, Mitsou, als ich Sie in einer etwas plumpen Art nach dem bevorzugten Gegenstand Ihrer Gedanken fragte. Sie haben mir nicht darauf geantwortet, aber – Sie haben mir einen genauen Stundenplan der Briefzustellung in Paris geschrieben.

Oh, kluge Mitsou, Sie haben mich gelehrt, daß auch ein Eisenbahnfahrplan Romantik enthalten kann. Welch entzückendes und aufregendes Abenteuer, daß zwei Wesen, die noch nichts von einander wissen, doch schon die gebieterische Notwendigkeit fühlen, zu gewissen Stunden beieinander zu sein! … Mitsou, ich will Sie von nun ab einfach nur Mitsou nennen. Mitsou, ein Wort noch, und ich sage »Du« zu Ihnen … Nein, ich tue es nicht. Das erste »Du« ist ein Aufschrei, und in einem Briefe schreit man nicht.

Nein, meine liebe Mitsou, eine Wachtpostennacht ist nicht sehr gefährlich. Aber sie ist eine Probe, die einem zweierlei auferlegt: Verantwortung und Einsamkeit; und beide Bürden werden von Stunde zu Stunde schwerer. Die leichtere von beiden ist die Verantwortung; man kennt sie, man zeigt sich gerne ihrer würdig. Die Einsamkeit aber überwältigt einen mit Träumen, Schaudern, unheimlichen Bildern, deren man sich nicht erwehrt, mit einer Überempfindlichkeit, die man kaum unterdrücken kann … Eigentlich dürfte ich das gar nicht gestehen, Mitsou.

Sie wollen mir also unbedingt das schenken, was Richard Wagner – in wahrhaft gutem Französisch – »l'enivrant superflu« nannte. (Ihre allerliebste, schlichte Wendung »Brauchen Sie nicht ein paar unnütze Dinge« wäre ihm niemals eingefallen.)

Nun gut denn! Ich brauche:

1. Eine Photographie von Mitsou.

2. Ein Stück fraisefarbenen Samt, so groß etwa wie meine beiden großen Hände, um ein Buch, das ich liebe, darein zu hüllen. Welche Nuance? Die der Strümpfe der »Rose Jacqueminot«.

Das ist vorläufig alles. Bitte machen Sie sich aber auf weitere Forderungen gefaßt. Liebe Mitsou, ich küsse ehrfurchtsvoll Ihre schmalen kleinen Hände und bin

Ihr blauer Leutnant

 

Mitsou an den blauen Leutnant

Mein lieber blauer Leutnant,

so manche Frau hätte beim Lesen Ihres letzten Briefes geglaubt, es sei ein Liebesbrief. Ich nicht, glücklicherweise! Obwohl Sie hie und da schwierige Ausdrücke gebrauchen, so ist doch keine Gefahr, daß ich mich darüber täusche, was sie wirklich bedeuten. Ich bin schon geschmeichelt genug und bilde mir nichts Unmögliches ein.

Ein Bild Mitsous und der Samt gehen heute in einem kleinen Paket ab. Die Farbe des Samtes stimmt genau. Und die Photographie ist auch »Rose Jacqueminot«. Aber wie düster ist dieses Rot auf dem Bild! Von nun an will ich keine Rollen in Rot mehr – es kommt mir ganz traurig vor.

Petite Chose hat gemeint, ich soll Ihnen ein Sachet schicken, so wie sie es an ihre Freunde schickt. Es sind dies kleine Säckchen aus Seide, in die sie nichts anderes hineintut als Küsse. Ich aber schicke Ihnen, wie immer, nur meinen innigen Wunsch, daß Ihnen nichts Böses geschehe. Dieser Satz klingt so ähnlich wie diejenigen, die ich als Kind zu Neujahr auf feines Spitzenpapier schreiben mußte. Es tut mir leid, daß ich keinen schöneren für Sie erfinden kann. Aber das macht nichts. Mein Wunsch ist mehr wert als ein schöner Satz. Ein Satz lebt nicht, mein Wunsch aber lebt. Er lebt, ebenso wie früher einmal für mich die kleine Schwalbe oder Taube auf dem altmodischen Briefpapier. Ich sehe ihn, er wandert zu Ihnen, er fliegt, er hat ein Gesicht, er ist rings um Sie, über Ihrem Kopf, an Ihrer Brust, – ich sehe ihn so gut, als ob ich selbst ganz nah bei Ihnen wäre … Das Sachet von Petite Chose wäre sicher sehr hübsch und sehr schön bestickt, aber es würde nur eine zu kleine Stelle von Ihnen beschützen. Mit meinem Wunsch bin ich viel beruhigter, da sind Sie ganz eingewickelt.

Wie sind Sie doch komisch, mein lieber blauer Leutnant, mit Ihrem »Wer sind Sie, Mitsou?« Ich hätte niemals gedacht, daß Sie die Rolle des alten Herrn in der Revue so gut spielen können: »Wer sind Sie denn, mein schönes Kind?« Wenn ich noch bei Mayol in der Weihnachtsrevue spielte, würde ich Ihnen mit Flügeln, Helm und Lanze antworten: »Ich? Ich bin die heroische Liebe!«

Ich bin nicht die heroische Liebe. Ich bin gar nichts Besonderes, das kann ich Ihnen versichern. Sie haben mich ja damals aus dem Wandschrank ganz gesehen: eine kleine Künstlerin, jung, nicht häßlich, die dem Publikum gefällt, und nicht viel Talent hat. Sind Sie erstaunt über meine Bescheidenheit? Sehn Sie, wir in der Music Hall wissen fast alle recht gut, was wir wert sind, trotz des Ansehens, das wir uns geben. Nehmen wir einmal Petite Chose: sie versucht dadurch interessant und originell zu wirken, daß sie nie still hält; das ist ein Gedrehe! Und ich, die ich ein kindlicher Typ bin, ein glattes Gesicht habe und Augen, die ich so aufreiße, daß mir die Stirn weh tut, weil sich das zu den langen Beinen, dem kleinen Mund und meinem Nichts von einer Nase gut macht – von mir haben die Revueverfasser gedacht: »Die wird in den unanständigen Rollen glänzend wirken, also wollen wir sie ihr geben.« Sie sehn, wie einfach das ist. Sie aber, der Sie kein Revueschreiber sind, suchen Sie keine andere Mitsou als die, die Sie gesehen haben! Ich habe mich vor Ihnen ausgezogen? Weil ich nichts Böses dabei gedacht habe, sonst hätte ich den Wandschirm vorgestellt. Ich habe keine drei Worte gesprochen? Das kommt daher, weil ich das Pulver nicht erfunden habe, wie man so sagt. Beweis dafür ist, daß ich kein Wort herausgebracht habe, um die Situation zu retten, als die bewußte Person in meine Garderobe gekommen ist. So, das ist alles. Mehr ist von Mitsou nicht zu sagen – höchstens noch, daß sie eine brave kleine Modistin war und sich vor dem Elend und der Arbeit fürchtete, weil sie beides sehr gut kannte. Und deshalb hatte sie Lust, das zu versuchen, was sie am wenigsten kannte, nämlich zur Bühne zu gehen. Man glaubt immer, man wird in dem, was man nicht gelernt hat, leichter Erfolg haben, als in dem, was man gelernt hat. Das ist ganz natürlich.

Das Übrige, mein Privatleben, können Sie sich wohl vorstellen. Sie haben ja gesehn, von wem es abhängt – bis zu dem Tage, wo mir das nicht mehr paßt. Meine Freunde? Da ist die Runde leicht gemacht. Ich bin zu jung, um Freunde zu haben – in meinem Alter hält die Freundschaft mit einem Mann nicht lang. Und Freundinnen, das ist auch nicht so einfach. Da stößt man auf ganz närrische Weiber, die vor nichts mehr Ehrfurcht haben. Sie trinken und rauchen Opium. Manche, die ich kenne, sind seit dem Krieg Maschinenschreiberinnen oder Telephonistinnen und behandeln unsereinen, als wären wir Luft. Andere wieder sind dasselbe wie ich, und das sind die allerärgsten! Wenn ich eine Stunde lang mit ihnen beisammen war, frage ich mich: »Was, bin ich am Ende auch so? Bin ich wirklich in meinem Alter auch so öde und langweilig, wenn ich nicht auf der Bühne stehe?« Da bleibe ich gleich lieber vor meinem Spiegel sitzen, das ist weniger beschämend. Was will man machen! Man gewöhnt sich bald daran, allein zu sein, und ist dabei zufrieden, wenn nicht irgend ein Ereignis … In unserem Leben gibt es nur drei mögliche Ereignisse: den Tod, die Berühmtheit oder die Liebe. Mein lieber blauer Leutnant, welches von den dreien wird mir wohl zuerst zustoßen? Ich warte.

Nein, nein, küssen Sie mir nicht die Hände, nicht einmal in einem Brief. Sie sind nicht schön genug, die weiße Schminke verdirbt sie, und dann habe ich mir auch zu viel roten Lack auf die Nägel getan. Nun pflege und schone ich sie, damit sie besser sind, wenn Sie kommen. Küssen Sie mir lieber den Arm, innen, wo die vielen grünen und blauen Linien laufen, dann können Sie auch während des Küssens an nichts anderes als an Ihre Generalstabskarte denken.

Ihre

Mitsou

P.S. Aber ich will auch eine Photographie!

 

Der blaue Leutnant an Mitsou

Liebe Mitsou, ich möchte Sie sehn! Ich möchte Sie sehn! Was soll ich sonst noch sagen? Ich möchte Sie sehn! Ich bin sanft, schwach und wie umnebelt. Mich lockt, mich zieht ein Weiches, Tiefes, Unbestimmtes. Ich fühlte mich glücklich und gleichzeitig jeglichen Glücks beraubt. Eine Unruhe ist es und doch wieder eine Art Lässigkeit, und das eine wie das andere hat seinen eigenen Zauber. Ein Zustand der Jugend … Ihre Photographie erinnert vor allem an Sie und dann an einen Satz von Francis Jammes über ein junges Mädchen, »qui avait l'air d'une sombre petite rose et qui chantait …« Mitsou, möchten Sie mich küssen? Ich frage das, weil ich es sehr gern möchte. Die acht Wochen unbedingter Aufrichtigkeit, die hinter uns liegen, verpflichten mich dazu, Ihnen nichts zu verschweigen. Mitsou, küssen Sie mich! Wenn ich denke, daß ich Ihnen einen Ripsgürtel zugemacht und dabei nur aufgepaßt habe, Ihre von Tüll wenig verhüllte Haut zwischen den Haken nicht einzuzwicken … Ich erinnere mich, daß Ihre Arme und die Einbuchtung Ihres Rückens neben dem Begonienrot Ihrer Wangen im grellen Licht ganz grün ausgesehen haben. Grün wie weißer Flieder, dem man im Winter künstlich zum Blühen zwingt … Ich erinnere mich, daß Sie kalt und keusch Ihre schlanken Arme gehoben haben, um mir zu helfen … Mitsou, ich kann Verveine-Parfüm nicht leiden. Ich liebe nur ein Parfüm, den Duft von Teerosenblättern in einer Sandelbüchse, die vorher ein wenig feinen Tabak enthalten hat – Mitsous Parfüm.

»Viele Veränderungen« in Ihrer Garderobe? Warum? Warten Sie noch. Lassen Sie mich sie wiedersehen, so wie ich sie seinerzeit aus der Tiefe des Wandschrankes gesehen habe. Verändern Sie nichts, verbannen Sie daraus nur ein Möbel. Ein Möbel, das kam, als ich da war, ein fünfzig-, sechs- und fünfzigjähriges Möbelstück. Sehr schlechter Stil! – Und dann wird alles gut sein. Ach, liebe, liebe Mitsou, wie mir alles an Ihnen gefällt, und besonders Ihr Bemühen, mir in Ihren Briefen Ihr Leben eintönig und öde zu schildern und leer wie eine Mansarde! Wissen Sie, daß meines auch nicht möblierter ist? Mitsou, uns, die wir vierundzwanzigjährige Jungen sind, hat der Krieg von der Tür des Gymnasiums weggeholt. Er hat Männer aus uns gemacht; aber ich glaube, es wird uns immer fehlen, daß wir nie junge Männer waren. Sie ist für uns verloren, jene kostbare Zeit, in der man lernen kann, wie man seine Stimme und seine Bewegungen beherrscht, seinen Freiheitsdrang einschränkt, sich der Familie anpaßt und vor allem sich ohne Angst, aber auch ohne kannibalische Gier Frauen nähert, die nicht nur an unsere Lust oder an unser Geld denken … Mitsou, verzeihen Sie mir, daß ich Sie mit solchen Dingen langweile. Mein Kummer hat aber nun einen neuen Stachel, ich schwanke zwischen zwei Befürchtungen: werde ich als ein gealterter Gymnasiast vor Ihnen stehen oder als ein zu junger Mann, gleichsam eine ab gefallene Frucht, auf der einen Seite schon reif, auf der anderen noch grün? …

Mitsou, hören Sie: In zehn Tagen, Mitsou, werde ich … ja, Mitsou, in zehn Tagen werde ich in Paris sein. Auf achtundvierzig Stunden. Eine kurze Mission … Die Brutalität meines Geständnisses erschreckt mich selbst. Ich bin eben darüber rot geworden, wie über eine Gebärde, die man im Gedränge gegen einen Busen oder eine Hüfte unternimmt und deren man sich später schämt.

Hier ist die Photographie, die Sie von mir verlangt haben. Sie ist gelb und nicht aufgeklebt, und ich bin recht häßlich darauf, weil ich die Nase in der Sonne verziehe. Die kleinen Erhebungen im Hintergrund, die Sie durch den Einschnitt in die Erdhügel sehen, sind die deutschen Linien – zum Teufel! nur vierhundert Meter Entfernung. Mitsou, wie der purpurne Samt doch duftet – ich bin mit dem Kopf darauf eingeschlafen.

Ihr blauer Leutnant

 

Mitsou an den blauen Leutnant

Lieber blauer Leutnant, ach, ich habe nicht mehr den Mut, Ihnen zu schreiben. Denn ich werde Sie wiedersehn. Ich habe Sie schon auf der Photographie gesehn, von der Sie behaupten, sie sei häßlich. Trotzdem fühle ich es, fühle es so deutlich, daß ich fast den Verstand darüber verliere: Sie haben sie just deswegen ausgesucht, weil darauf Ihre Gestalt, die sich gegen den Himmel abhebt, unerhört hübsch ist, und weil man Ihre ganze elegante Erscheinung gut sieht und Ihre Kopfhaltung und Ihre eigene Art, das Kinn zu heben. Nein, nein, sagen Sie nicht, daß sie häßlich ist; sie gefällt mir, sie macht mir Herzklopfen, sie bringt mich außer Fassung. Ich kann mich nicht länger beherrschen, müssen Sie wissen. Ich habe mich nämlich sehr zurückhalten müssen seit dem Tag, wo ich Ihnen, anstatt einen so dummen Brief zu schreiben, ganz einfach hätte schreiben wollen: »Ich muß Sie wiedersehn, ich bin ganz verändert, ich glaube wirklich, ich liebe Sie …« Und wie gut es doch war, daß ich mich zurückgehalten habe! Schon deswegen, weil es möglicherweise noch gar nicht stimmte. Es war zuerst nur so, als ob ich krank würde, der Anfang einer Grippe in mir steckte. Ich kann nicht sagen, wie mir war. Ich habe mich bei Petite Chose beklagt, daß ich mich erkältet oder überhitzt haben müsse, und habe mir von der Garderobière Pulver gegen Kopf- und Magenweh geben lassen. Ich wußte nicht, verstehn Sie? Auch mit Ihren Geschenken war es sonderbar – ich sah sie an, als ob sie mir etwas zuleid getan hätten, ich beschimpfte sie, ich rief: »Dieser blaue Leutnant glaubt wohl, ich habe auf ihn gewartet mit seiner Puderdose.« Kurz, lauter Dummheiten und Mißverständnisse! Ich spreche nicht so gut wie Sie. Es wird immer Feinheiten geben, die ich nicht begreife. Aber wie Petite Chose meint: »Wenn man schweigt, dann sagt man keinen Unsinn.« – Ich erhoffe sehr viel von meinem Schweigen, wenn Sie da sein werden – bei mir … Ich will noch schnell alles vor Ihnen ausleeren, wie man einen Korb ausleert, um zu zeigen, daß das, was unten liegt, ebenso gut ist, wie das, was oben liegt. Nämlich, seit zwei Monaten fühle ich mich so sehr von neuen Gedanken erfüllt, süßen, quälenden Gedanken, daß mir keine Worte einfallen, um sie recht auszudrücken.

Eben erst glaubte ich, daß ich Ihnen nicht mehr schreiben könnte. Und jetzt kommt es mir wieder vor, als ob ich Ihnen so viel Wichtiges und so vieles, was mich beruhigt, zu sagen hätte, daß dieser Brief hier kein Ende nehmen wird. Da fällt mir zum Beispiel ein, daß Sie mich niemals im Straßenkleid gesehen haben. Das ist schrecklich! Was soll ich nur machen? Und dann habe ich Sie nie gefragt, ob Sie kleine Hüte mögen. Ich trage nämlich keine anderen. Meine Röcke sind nicht sehr kurz, müssen Sie wissen. Und dann trage ich keine grellen Farben auf der Straße, erstens, weil es Krieg ist, und zweitens, weil ich mich von den Regenbogenfarben, die man auf der Bühne hat, erholen muß. Also nur Dunkelblau, Dunkelgrün, Schwarz und Weiß. Am Tag schminke ich mir auch die Wangen nicht. Meine Frisur ist sehr glatt, und die Ohren sind frei, weil sie ganz klein sind.

Und was wollte ich noch sagen? Fast alles Übrige haben Sie ja gesehn, und das tut mir jetzt leid. Ich habe nichts wirklich Häßliches an meinem Körper, außer die Zehen, ein bißchen, durch die Modeschuhe. Und dann habe ich am Nacken, dicht am Haaransatz eine Narbe – die stammt von einem Malheur mit einer Hutnadel. Aber da ich vor Ihnen den Kopf nicht beugen werde, außer ich schäme mich oder ich kränke mich, so hängt es nur von uns beiden ab, ob wir Ihnen Gelegenheit geben, das zu sehn.

Ich weiß nicht recht, was uns geschehen wird. Ich weiß nicht einmal, ob uns etwas geschehen wird. Aber – oh, ich hoffe es wohl. Wir sind sehr jung und allen Gefahren ausgesetzt. Aber ehe ich Sie noch ganz kenne, und wenn Sie mich auch bald vergessen sollten, sage ich Ihnen von ganzem Herzen: »Danke.« Vielleicht werde ich nun bald vor mir in meinem Spiegel eine freudestrahlende Mitsou sehen – oder auch eine weinende. Auf jeden Fall aber wird es nicht mehr die Mitsou von früher sein. Diese dumme, diese vernünftige, die nicht lachte und niemals weinte; die arme, die nicht einmal einen Kummer hatte. So bin ich Ihnen, mein lieber blauer Leutnant, für mein ganzes Leben zu Dank verpflichtet. Sie haben eine beschenkt, die nichts hatte,

Ihre

Mitsou


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