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III

Bei Mitsou. Eine Parterrewohnung mit »allem Komfort«, das heißt mit dem Komfort, den man für dreitausend Francs Miete in der Gegend des Trocadero haben kann. Zwei ziemlich große Gassenzimmer, zwei kleinere nach dem Hof hinaus. Der Hof ist selbstverständlich »ein großer, heller, mit Topfgewächsen gezierter Hof«. Das Badezimmer, das Schrankzimmer, die Küche und die Speisekammer liegen zwischen Hof- und Gassenzimmern in einer schwer definierbaren Zone; aus einem schmalen Aufzugschacht fällt ein bläulicher Schimmer, der mit der elektrischen Beleuchtung ein unangenehmes Zwielicht ergibt. Man atmet hier unvermeidlich einen öden Geruch von Keller, Gas, Spülwasser und Messerputzmitteln.

Die Einrichtung Mitsous ist sonderbar, doch waren ihre Absichten bestimmt die besten. Vom Augenblick an, da ihre Mittel es gestatteten, hat sie ehrfürchtig und emsig zusammengetragen, was sie in den armen Tagen ihrer Jugend neidvoll bewundert hatte. Alles ist da: Eine Merowinger Krone aus Kupfer hängt als elektrische Lampe über dem Eßtisch und spiegelt ihre farbigen Steine in einem unseligen Service aus weißem Porzellan mit Goldmonogramm, von vorschriftsmäßiger Eleganz. Und Damasttischtücher meine Liebe! Ferner ein großes Rokoko-Himmelbett mit geschnitzten Girlanden; die Wolke gestickten Tülls, die sein Kopfende umhüllt, wird oben an der Decke von Amouretten festgehalten. Sodann eine Chaiselongue in drei Teilen – ein Glück, daß es nicht tausend sind! – mit Seidendamast bespannt. Neben der Chaiselongue steht ein kleiner Damenschreibtisch, von dem man vermutet, er habe sich im Stockwerk geirrt, derart erstaunlich wirkt er hier, gebrechlich, von Grazien und Jahren beschwert und rosafarben wie eine verblichene Rose.

Wenn es der Bettwäsche an Feinheit fehlt, so trösten wir uns damit, daß Mitsou, um die haltbare Ware zu verschönern, sie mit einer Unmenge von Hohlsäumen und einer breiten Zwirnspitze hat versehen lassen. Daß das Badezimmer blau-weiß gehalten ist, versteht sich von selbst. Soll ich auch noch den modernen und »sehr praktischen« Toilettetisch schildern? – eines jener Möbel, die aus einer Goldschmiedewerkstätte hervorgegangen scheinen und die Schönheit des chirurgischen Untersuchungsstuhles mit der eines Patentschlosses und eines amerikanischen Schreibtisches vereinen.

Was den Salon anbetrifft … Nein, vom Salon sage ich nichts. Ich habe den Leser schon genug gequält.

Einen kurzen Blick nur möge er auf die Rokoko-Bukette werfen, auf die falschen oder echten Meißner Porzellangegenstände, die Miniaturtabatièren – und dann auf ein höchst modernes Kissen, das sich in wohlgenährter Frechheit breitmacht, grell gefleckt wie die Wange eines Clowns, buntfarbig wie ein Eisenbahnsignal, ein Jockeigewand oder ein Handtuch, das eine ganze Woche lang zum Abschminken gedient hat … Einen gelinden Schreck wird ihm auch ein Bücherschrankkanapee verursachen, auf dem Bronzebeschläge, violetter Samt, bemaltes Holz und Perlmutterverzierungen in irrsinniger Weise vereint sind … Dann suchen wir Mitsou in ihrem Boudoir (einem Hofzimmer) auf; es liegt neben dem Schlafgemach (einem Hofzimmer). Nutzlos scheint die Sonne von der Straße her in den Salon und in das Eßzimmer, geheiligte Räume, die Mitsou für ihre Empfänge reserviert, was besagen will, daß sie fast nie den Fuß hineinsetzt.

Es ist halb zwölf Uhr mittags. Mitsou betätigt sich häuslich; mit jenem zwecklosen Gegenstand, der nichts reinigt, allerdings auch nichts beschmutzt, einem Flederwisch, liebkost sie die Kunstgegenstände ihres Boudoirs. Sie trägt ein rosafarbenes Pyjama, das an Knöcheln, Handgelenken und Hals mit Tüllvolants abgebunden ist; ihre Haare sind zu einer chinesischen Frisur zusammengedreht.

Mitsou zum Stubenmädchen: Zwanzigmal habe ich Ihnen schon gesagt: die elektrischen Lampen gehören hieher, möglichst weit weg von der Wanduhr – die Armleuchter ganz nah daran.

Das Stubenmädchen müde und blaß wie alle Stubenmädchen, die nicht genug schlafen: Ach ja, das vergess' ich immer.

Mitsou betrachtet sie: Sie sehn aus, als ob Sie sich den Magen verdorben hätten.

Das Stubenmädchen einfach: Nein Mademoiselle, der achttägige Urlaub meines Bräutigams ist heute früh abgelaufen.

Mitsou: Ah! Ist es immer derselbe? Der Korporal?

Das Stubenmädchen: Ja, gewiß! Nur ist er nicht mehr Korporal, sondern Feldwebel.

Mitsou aufhorchend: Ah! Was für eine Uniform hat er denn jetzt?

Das Stubenmädchen erstaunt: Was für eine Uniform? Eine Zuavenuniform.

Mitsou gleichgültig: Ach so, ein Zuave. Die sind nicht blau, die Zuaven … Das Telephon klingelt: Gehn Sie?

Das Stubenmädchen zurückkehrend: Der gnädige Herr läßt Mademoiselle sagen, seine Sitzung wird so lange dauern, daß er nicht zum Dejeuner kommen kann.

Mitsou gleichgültig: Gut … Trällernd: Gut – gut – gut – gut … Sagen Sie der Julienne, sie soll die Artischocken lassen. Ich mag sie nicht.

Schweigen. Abstauben. Mitsou weiß nicht, was gründlich abstauben heißt. Sie kann an Blumen in einer Vase herumbasteln und dreimal hintereinander die Falten eines Vorhanges ordnen. Aber schönes Kupfer blankreiben, einem Spiegel den Glanz klaren Wassers geben, Palisanderholz so polieren, daß es wie dunkles Öl glänzt, – das wird Mitsou erst im Alter der Runzeln, des Fettansatzes und des Geizes lernen.

Mitsou plötzlich und laut: Louise! Das Stubenmädchen kehrt zurück: Wenn man's bedenkt, so bin ich eigentlich zum Frühstück ganz allein.

Das Stubenmädchen: Wie meistens.

Mitsou ärgerlich: Wie meistens. Möglich! Aber heute wird es mir den Appetit verderben.

Das Stubenmädchen: Mademoiselle könnten Ihre Frau Mutter einladen.

Mitsou: Heute, Freitag? Nein, ihre Freitagkunden gibt Mama für ein Frühstück nicht auf. Freitag legt sie der Herzogin von Montmoreau Karten und sagt einem Gemeinderat aus dem Kaffeesatz die Zukunft. Wissen Sie! …

Das Stubenmädchen: Und wie wär's mit der Gesangslehrerin?

Mitsou empört: Damit ich ihr Gebiß klappern höre, wenn sie ißt? Ich danke! Haben Sie nichts Besseres vorzuschlagen? In einer plötzlichen Eingebung: Aber telephonieren Sie doch an Mademoiselle Petite Chose – das ist ein guter Gedanke.

Das Stubenmädchen: Hat Mademoiselle Petite Chose denn ein Telephon?

Mitsou: Wagram 66-66.

Das Stubenmädchen: Wagram 66-66? Aber das ist ja unser Milchhändler.

Mitsou: Unser Milchhändler? Sie scherzen.

Das Stubenmädchen: Nein, fällt mir gar nicht ein. Vor einer Stunde erst hab' ich mit dieser Nummer telephoniert. Julienne hatte den Reibkäse vergessen.

Mitsou unsicher: Verlangen Sie die Nummer trotzdem … ich lass' mir den Kopf abhacken, wenn ich mich irre.

Das Stubenmädchen geht telephonieren und kommt mit angewiderter und hochmütiger Miene zurück: Mademoiselle Petite Chose kommt zum Frühstück.

Mitsou: Ah! Na, sehn Sie!

Das Stubenmädchen: Mademoiselle wohnt im Hinterhaus des Milchhändlers. Er gestattet ihr, das Telephon zu benützen. Ich habe es ja gesagt, daß Mademoiselle nicht jemand ist, der …

Mitsou unterbricht sie streng: … der ein Stubenmädchen hat, dem eine Haarsträhne, voll Bettfedern womöglich, bis auf die Stirn hängt. Gehn Sie sich kämmen. Ich will niemanden im Hause haben, der zerzaust herumläuft, wo bei mir jedes einzelne Haar glatt liegt.

Das Stubenmädchen geht ab. Nachdem Mitsou noch den Staub einer Vitrine aufgewirbelt hat, in der wahrlich kein sehenswerter Gegenstand zur Schau gestellt ist, legt sie den Flederwisch fort und zieht sich an. Dies ist eine Angelegenheit von fünf Minuten. Sie ist unter dem Pyjama schon fertig, hat Schuhe aus Antilopenleder an, ein Höschen aus rosa Voile, und ihr Oberkörper schimmert durch das Hemd wie eine erlesene Traube durch ein Tüllsäckchen. Darüber wird nun ein Kinder- oder Großmamakleid gezogen, ein Kleid aus grünem Taffet, das weder Taille noch Gürtel, noch Achselnaht, noch Kragen, mit einem Wort überhaupt nichts hat, nicht einmal einen Rock über den Waden.

Mitsou ist damit beschäftigt, sich die Fingernägel zu pflegen – schlecht zu pflegen, das heißt, sie verwendet ungeheuer viel Lack und Karmin –, als Petite Chose lärmend und beweglich wie ein Foxterrier zur Tür hereinkommt. Wenn sie einen Augenblick stillhielte, würde man bemerken, daß ihr Jerseykostüm aus dem billigsten Warenhaus stammt, daß ihr Hut aus Papierfilz besteht und daß sie recht abgenützte Schuhe trägt; niemals aber wird sie einem die Muße gönnen, all das zu beobachten. Der Pelzkragen aus grauem Hasenfell gibt ihrem Sommerkostüm Schick und reicht ihr bis zu den Augen, die man für blau hält – zumindest sind es die Lider.

Petite Chose tritt nach vielen Küssen, Geschrei und Begrüßungen einen Schritt zurück: Was fällt dir eigentlich ein, mich zum Frühstück einzuladen?

Mitsou verlegen: Ich weiß nicht … das schöne Wetter … die Artischoken … magst du Artischoken?

Petite Chose: Das glaub' ich.

Mitsou: Ich dachte es mir, daß du sie gern essen würdest. Leg' doch deinen Pelzkragen und deinen Hut ab. Wir sind ganz unter uns.

Petite Chose: Hübsch ist das bei dir! Ich bin nur einmal abends auf einen Sprung hier gewesen, aber bei Beleuchtung kann man eine Wohnung nicht so gut beurteilen. Was für ein Glück, daß du hier keine Sonne hast, sonst würden die Tapeten schießen, und auch manche Bilder halten die Sonne nicht aus.

Mitsou bescheiden: Oh, ich habe nichts Besonderes hier, aber alles ist persönlich. Ich habe bei meiner Einrichtung niemanden um Rat gefragt.

Petite Chose: Ja, man muß selber wissen, was einem gefällt. Was Möbel anbetrifft, darf man nicht auf andere Leute hören. Ich zum Beispiel, wenn ich für mein bescheidenes Quartier mich von irgend jemandem hätte beraten lassen, ich hätte schon längst meine ganze Sammlung zum Fenster hinausgeschmissen.

Mitsou: Was für eine Sammlung?

Petite Chose: Eine Sammlung von Reiseerinnerungen.

Mitsou erstaunt: Bist du denn so viel gereist?

Petite Chose: Aber nein. Es sind Reiseerinnerungen von Bekannten. Vor dem Kriege habe ich Leute aus aller Herren Ländern gekannt.

Mitsou: Das muß sehr interessant sein …

Petite Chose verächtlich: Ach jetzt will ich von Ausländern nichts mehr wissen. Seit dem Krieg freut mich nur mehr khaki und blau …

Mitsou lebhaft: Ja, eben deshalb wollte ich …

Das Stubenmädchen: Mademoiselle das Essen ist angerichtet.

Mitsou: Nach dem Frühstück muß ich dir etwas sagen.

Sie zieht Petite Chose mit sich. Arm in Arm gehen sie in das Eßzimmer und setzen sich unter die Merowinger Krone. Dejeuner. Sardinen. Rettiche. Eine fade Seezunge. Ein graues Filet. Weiche Pommes frites und Artischoken. Mitsou versteht es noch nicht zu essen oder anderen Leuten Essen vorzusetzen. Zwar trinken die Damen ausgezeichneten Chablis – ein Geschenk des Freundes –, aber sie wissen ihn nicht zu würdigen.

Petite Chose einen Teller betrachtend: Man kann sagen, was man will, weißes Porzellan ist doch immer am elegantesten. Und mit Monogramm! Übrigens – was hast du für einen Namen? Ist er arabisch?

Mitsou: Nein, mein Freund hat ihn erfunden. Pierre ist Direktor zweier Aktiengesellschaften. Sie heißen: »Minoteries Italo-Tarbaises« und »Scieries Orléanaises Unifiées«, und aus den Anfangsbuchstaben M.I.T.S.O.U. haben wir meinen Namen gemacht – Mitsou.

Petite Chose herausplatzend: Nein!

Mitsou ebenfalls in Lachen ausbrechend: Ja!

Petite Chose sich windend: Ah, ah, ah! Und ich habe erst neulich … Wie heißt er nur? … Ach, was weiß ich – einem Freund, den man mir vorgestern vorgestellt hat … kurz, ich habe ihm gesagt, daß du einen persischen Namen hast.

Mitsou: Einen persischen?

Petite Chose: Na ja, wie das russische Ballet. Wie findest du das? Sie lachen. Das tut gut, so zu lachen!

Mitsou: Ja, das bringt einen auf andere Gedanken.

Petite Chose: Möchtest du gern auf andere Gedanken kommen?

Mitsou ausweichend: Nein … Aber ich weiß nicht, mir ist dieser Tage nicht so ganz fröhlich zumute.

Petite Chose: Das macht die Jahreszeit. Mir hat neulich der Arzt bei uns im Theater die Brust abgehorcht und er hat gesagt, ich brauche Land, gute Luft, gute Ernährung, Ortsveränderung. Ich hab' ihm seinen Verordnungszettel weggerissen und drunter geschrieben: »Wilson, Poincaré, Albert, Georges, Victor Emmanuel, etc.« Zum Kuckuck mit Landluft und gutem Essen! Es lebe das Kriegsende und mein Auto!

Mitsou: Das Land! Ich war nie auf dem Land, außer zweimal im Auto mit meinem Freund. Also ich bin aus Paris und das Land tut mir schlecht. Beweis: jedesmal, wenn ich mit Pierre bei den »Deux Amants« wohnte – reg' dich nicht auf, so heißt das Hotel – hat's mich gepackt … Ich weiß nicht, was es war … Der Sonnenuntergang und die Wolken und der Himmel, von dem man gar kein Ende gesehen hat … Es hat mich umgeschmissen … Ich war ganz schwindlig … wie geschwollen innerlich, dem Ersticken nah. Und dann hab' ich zu heulen angefangen und Pierre gebeten – »führ' mich zurück«, hab' ich gesagt, »führ' mich zurück, oder ich sterbe!« In Paris war dann alles wieder gut. Das Land ist nichts für mich, glaub' ich.

Petit Chose etwas beschwipst: Auf mich hat die Landluft eine ganz komische Wirkung … Kaum angekommen, lieg' ich schon im Bett …

Mitsou: So krank macht sie dich? Durch Petite Choses unanständiges Gelächter aufgeklärt: Oh, Petite Chose, denkst du denn immer nur daran ?

Petite Chose: Aber denkst du denn nie daran?

Mitsou auch etwas beschwipst, aber melancholisch … Ja, vorher manchmal … aber niemals während …

Petite Chose Arme und Beine gegen den Himmel streckend: Mein Gott! Ist es denn wahr, daß die Liebe nur für die Armen da ist?

Mitsou: Ach, weißt du, reich bin ich noch nicht, aber recht arm war ich einmal, und … Sie schüttelt traurig den Kopf.

Petite Chose sehr interessiert: Wie? Nicht möglich? Aber, meine arme Mitsou, warum gibst du dich auch … da das Stubenmädchen den Kaffee bringt – in die Hände einer Schneiderin, die es nicht versteht, dich jung zu kleiden? Geh zu einer anderen …

Mitsou: Nein, das liegt mir nicht, jemanden so im Handumdrehen aufzugeben. Und weißt du, der Gedanke an eine Veränderung, an eine Komplikation … Beide lachen.

Petite Chose schnuppert den Duft des Kaffees: Ah, der gute Kaffee! Alles kann ich entbehren, nur den Kaffee nicht. Hast du Zucker, Mitsou?

Mitsou: Aber gewiß!

Petite Chose: So viel, daß ich zwei Tassen trinken kann?

Mitsou: Selbstverständlich. »Ein Kaffee«, das reicht immer für zwei Tassen.

Petite Chose: Überall, nur nicht im Restaurant.

Mitsou: Willst du rauchen? Ich habe Zigaretten.

Petite Chose prahlerisch: Auch ich, Madame. Sie zündet sich eine an. Meine sind sogar militärische. Die zwei Hübschen von neulich abend haben sie mir geschenkt.

Mitsou Petite Chose die Zigarette aus dem Mund nehmend: Zeig' her! Welcher von den beiden hat sie dir geschenkt? Der in Khaki oder der in Blau?

Petite Chose: Ich weiß es nicht mehr.

Mitsou: Hast du sie wiedergesehn? Hast du … Sie hält inne.

Petite Chose schlürft, beschwipst und etwas ermattet, ein großes Glas Likör aus: Ob ich was habe? Mitsou schweigt. Ach so! Nein, denke dir, ich hatte keine Zeit dazu. Und nun sind sie fort. Aber das macht nichts, ich werde schon noch andere, ebenso hübsche finden.

Mitsou: Also, du hast nicht mit ihnen …

Petite Chose: Aber nein, sag' ich dir! Ich würde es doch zugeben. Schweigen. Zigaretten, Kaffee, Likör.

Mitsou sehr sanft: Du bist nett, Petite Chose. So gemütlich sind wir noch nie beisammengesessen.

Petite Chose: Ja, man kann sich täglich sehen und doch nichts voneinander wissen.

Mitsou: Da hast du recht! Meinen Freund zum Beispiel sehe ich seit drei Jahren jeden Tag und kenn' ihn nicht besser wie im Anfang.

Petite Chose belehrend: Ja, aber das ist doch selbstverständlich! Ein ernstes Verhältnis, das ist wie ein Gast. Wovon willst du mit ihm reden? Von seiner Häuslichkeit, von seinen Geschäften … damit kommt man nicht weit … »Guten Tag, mein Lieber, wie geht es den Kindern? Hat sich der Kleinste schon von den Masern erholt? Dein Geschäftsfreund hat ein Gesicht, das mir nicht gefällt … Und die Generalversammlung, war sie lustig?« Na, mit einem Wort, nichts als Banalitäten … Aber einen Liebhaber, einen Flirt, einen Herzensfreund, den lernt man in dreiviertel Stunden besser kennen als den anderen in drei Jahren.

Mitsou: Glaubst du?

Petite Chose entschieden: Es ist, wie ich sage. Verlaß dich drauf. In dreiviertel Stunden – manchmal in noch kürzerer Zeit – weißt du, was für ein Liebhaber er ist, ob er nachher ein fröhliches Gesicht macht, ob er Geld braucht, ob er eben sein Gehalt gekriegt hat, ob dein Hut ihm gefällt, ob er deine Freundinnen kennt, ob er beim Rennen spielt, ob er Lust hat, dich wiederzusehen … Kurz, alles Wesentliche! Selbst wenn du ihn nie mehr zu Gesicht bekommst, bleibt er doch Jemand, eine Erinnerung, ein Mensch, der existiert.

Mitsou träumerisch: Eine Erinnerung … Hast du viele … Erinnerungen?

Petite Chose schenkt sich noch ein Glas Likör ein: Na und ob … und ich hoffe noch viele zu sammeln.

Mitsou keusch: Oh, Petite Chose! …

Petite Chose beschwipst: Was denn! Was denn? Was? Petite Chose? Was hat Petite Chose denn getan? Selbstverständlich ist es noch nicht aus. Ist es meine Schuld, wenn wir in einer solchen Zeit leben?

Mitsou: In einer solchen Zeit?

Petite Chose immer lebhafter: In einer Zeit, wie es sie vielleicht seit Beginn der Welt noch nicht gegeben hat. Hat man's je zuvor erlebt, daß die Straßen voll junger Leute sind, junger Leute aller Art, hübsch, Burschen, die schon durch ihre Uniformen alle Blicke auf sich lenken und die uns Frauen gierig ansehn und uns die weißen Zähne zeigen? Nein, nicht wahr? Und da will man uns am Ende verbieten, ihnen in die Nähe zu kommen? Man kriegt ja Dinge zu hören wie: »Der Zynismus der Frauen hat keine Grenzen! Diese Kreaturen hängen sich an unsere Söhne, unsere Männer, unsere Brüder, unsere Vettern.« Darauf kann ich nur antworten: »Madame! …«

Mitsou gerührt, trinkt Likör: Wen meinst du?

Petite Chose ohne sie zu hören: »Madame, ich eigne mich nicht fürs Stricken. Ich mag keine Verbände machen und kann keine Liebesgaben ins Feld schicken, denn ich habe keinen Pfennig! Ich eigne mich nur für das eine … für das … Nun, Sie wissen schon! Und wenn ein schöner Kerl vor mir steht, kann der Blitz hinter mir einschlagen, ich werd' mich nicht umdrehen. Ein schöner Kerl, der vielleicht morgen sterben muß!«

Mitsou erregt: Nein, nein, nicht morgen!

Petite Chose fortfahrend: »Deshalb, Madame, wenn Sie mich nicht an Armen und Beinen fesseln, werde ich weiter leben wie bisher. Ich werde diese Arme ausbreiten, wann immer es mir beliebt, werde jeden glücklich machen, wenn ich nur Lust dazu habe, einerlei ob's ein Khakifarbener ist, Madame, oder ein Blauer.«

Mitsou mit einem Schrei: Nein, nein, den Blauen nicht!

Petite Chose zur Wirklichkeit zurückkehrend: Wie? Was? Was ist los? Was für ein Blauer?

Mitsou außer sich: Der Blaue! Der mit dem Marmeladentopf. Der mit dem Brief!

Petite Chose springt vom Stuhl auf, läßt ihren Likör im Stich und läuft zu Mitsou: Erkläre mir, mein Kleines, erkläre mir …

Mitsou ohne Atempause: Ich will die Adresse des blauen Leutnants, den du in meinen Wandschrank gesteckt hast, der mir die Glassachen geschenkt hat, der mir geschrieben hat, mir aber seine Adresse nicht angegeben hat. Sie läßt den Kopf auf die verschränkten Arme fallen.

Petite Chose: Nein, so was!

Mitsou schmiegt sich, den Kopf wieder erhebend, an Petite Chose: Ich wußte, daß du die Adresse hast … aber ich hab' mich nicht getraut, sie gleich von dir zu verlangen. Petite Chose, gib sie mir, Petite Chose, gib mir die Adresse, die Adresse … Sie weint.

Petite Chose, als ob Mitsou eben das Ehrenkreuz verdient hätte: Na also! Gott sei Dank! Das ist gut! Das ist fein! Du sollst sie haben, aber ja, du kriegst sie, die Adresse … Das ist fein!

Sie nimmt sie mütterlich in die Arme. Küsse, Geflüster, Verschwörung …


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