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II

Zwei Tage später. Derselbe Ort. Zehn Uhr. Mitsou vor dem Schlußbild »La Gloire Rouge«. Ihr Kostüm besteht aus einem Hauch von feuerrotem Musselin und einem purpurfarbenen Bauchlatz aus Samt. Dazu trägt sie einen versilberten Holzdegen.

Mitsou gähnend: Ich weiß nicht, was ich heut abend hab'. Eine Kugel im Magen und Schmerzen in den Rippen. Ich muß zu viel Kalorien gegessen haben, wie mein Freund immer sagt. Die mit der Palme der Akademie geschmückte alte Dame in Pantoffeln nickt verständnisvoll mit dem Kopf. Wissen Sie denn, was Kalorien sind?

Die alte Dame: Selbstverständlich.

Mitsou: Also ich – wenn mir mein Freund die Geschichte mit den Kalorien erklärt, da glaub' ich zuerst immer, jetzt werd' ich's verstehen, und dann versteh' ich's doch wieder nicht. Melancholisch: So geht's mir mit ihm in jeder Beziehung. Er hat kein Glück mit mir. Schweigen. Mitsou betrachtet ihr Spiegelbild. Plötzlich: Und dieses Rot wächst mir schon zum Hals heraus. Zuerst die »Rose Jacqueminot«, dann die »rote Seele des Sieges«. Der Kuckuck soll's holen! Wo sind die da unten?

Die alte Dame neckisch und gebildet: »Chi lo sa?«

Mitsou: Nein, geben Sie sich keine Mühe. Das macht mir keinen Eindruck. Gehen Sie lieber zur Tür und horchen Sie.

Die alte Dame, nachdem sie die Tür geöffnet hat: Sie sind bei der »Panne der exotischen Lebensmittel«. Ich höre die Stimme von Mademoiselle Petite Chose.

Mitsou: Da müssen Sie aber gute Ohren haben. Schweigen. Es klopft. Wer ist da?

Eine Stimme: Ein Paket für Mademoiselle Mitsou. Die alte Dame nimmt das Paket und reicht es Mitsou.

Mitsou wendet das Paket, ehe sie die Schnur durchschneidet, um und um: Ist heute Heiliger Dingsda oder was ist los?

Sie macht das Paket auf. Es enthält zwei hübsch geschliffene und gravierte Flaschen, eine Puderdose und einen Brief.

Mitsou langsam lesend:

 

Madame,

ich bin der blaue Leutnant, er ganz allein, denn der Urlaub meines Kameraden in Khaki ist früher zu Ende als der meine. Als ich vorgestern abend das Theater verließ, kam mir der Gedanke, daß Sie wohl ihre ganze Monatsgage auf den Einkauf des sechzehnpferdigen Renouhard, der auf Sie wartete, verwendet haben dürften, denn in Ihrem Ankleidezimmer quillt der Puder aus der Originalschachtel, und das Toilettewasser trägt noch die Etikette des Kaufhauses, aus dem es stammt. Wollen Sie zum Dank für eine Ihnen aufgedrängte Gastfreundschaft diese Kristallgegenstände annehmen und für Puder und Verveine-Parfüm verwenden? Leider sind sie nicht gerade erlesen schön, aber – ich sage es auf die Gefahr hin, Sie etwas brutal in Erstaunen zu versetzen – es ist Krieg!

Mit dem Ausdrucke ehrfurchtsvoller Hochachtung

Der blaue Leutnant

 

Mitsou betrachtet, nachdem sie sehr aufmerksam gelesen hat, die drei Gegenstände, dann den Brief, dann wieder die drei Gegenstände und beginnt schließlich ganz leise nochmals zu lesen: »Madame, ich bin der blaue Leutnant …« Laut zu der alten Dame: Aber warum nennt er mich Madame?

Die alte Dame: Aus Zartgefühl!

Mitsou: Möglich, daß das zartfühlend ist, höflich aber ist es nicht. Geben Sie mir einmal die Puderdose, damit ich meinen Puder hineintue.

Die alte Dame: Das ist gar keine Puderdose!

Mitsou: Keine Puderdose?

Die alte Dame: Nein, es ist ein Marmeladentopf.

Mitsou verletzt: Ein Marmeladentopf? Warum nicht gleich eine Kaffeekanne?

Die alte Dame hartnäckig: Weil es ein Marmeladentopf ist. Eine sehr hübsche Marmeladenschale im Restaurationsstil. Aber Sie können trotzdem Puder hineintun.

Mitsou: Ein Wunder, daß Sie mir das erlauben. Klingeln im Gang. Mitsou erhebt sich jäh. Ich komme dran! Schnell, meinen Degen! … Wenn Sie's nicht sehr anstrengt, dann, bitte, tun Sie, während ich auf der Bühne bin, den Puder in den Marmeladentopf und das Verveine-Parfum in die Flaschen … in beide Flaschen, damit's hübsch aussieht!

Sie geht ab. Die alte Dame beginnt sich seltsam zu betragen, das heißt, sie füllt in der Tat die Flaschen, schüttet sich keinen Tropfen Parfüm auf ihr Taschentuch oder in ein eigenes Fläschchen, unterläßt es – obwohl allein – aufzuschnupfen, zu rülpsen oder in der Nase zu bohren, liest den Brief auf dem Tische nicht, klaut keine Watte … Offenbar gehört sie zu einer Sorte von Originalen, die erst im Kriege gewachsen sind. Es klopft …

Die alte Dame verbirgt Brief und Umschlag hastig in ihrer Tasche: Herein!

Der Herr immer noch fünfzigjährig, besonders schön und elegant: Ist Mademoiselle auf der Bühne?

Die alte Dame: Ja, mein Herr! Es ist eben das Bild »La Gloire Rouge«.

Der Herr erblickt die Kristallgegenstände und fährt zusammen: Was ist das?

Die alte Dame: Zwei Parfumflaschen und eine Puderdose. Ich sage Puderdose, eigentlich ist es aber ein Marmela …

Der Herr unterbrechend: Woher kommt das?

Die alte Dame: Von Dauwel, wie Sie sehen. Es steht auf der Etikette.

Der Herr ungeduldig: Wer aber schickt es?

Die alte Dame: Das weiß ich nicht. Sollte nicht Mademoiselle die Dinge selbst gekauft haben? Mademoiselle war nicht sehr gut ausgestattet, was die Toilettegegenstände anbetrifft.

Der Herr bestürzt: Nicht gut ausgestattet?! Unerhört sieht es hier aus! Hundertmal wollte ich schon … Immer sagte sie mir, daß die Garderobe in einer Music Hall … und daß überdies für Kriegsrevuen …

Die alte Dame gerührt: Welch großes Herz!

Der Herr fortfahrend: … daß für Kriegsrevuen, die mitunter nicht mehr als fünfzehn Aufführungen erleben … Er geht sehr aufgeregt hin und her: Ich versichere Ihnen, ich habe darauf bestanden … Mein Tapezierer sollte hier alles …

Er hält wieder inne. Er beginnt seine Sätze mit blendender Leichtigkeit, beendet sie jedoch selten. Schweigen. Mitsou kehrt aus der »Gloire Rouge« zurück, erhitzt, als käme sie aus einem Dampfbad. Sie hat unterwegs ihren purpurfarbenen Gürtel aufgeknöpft und den goldenen Lorbeerkranz abgenommen; ihren silbernen Degen schleift sie wie einen Besenstiel hinter sich her.

Mitsou die Tür öffnend, außer Atem: Ha! Ist das heute eine Menschenmenge! Ihren Freund erblickend: Ach, Sie sind da?

Der Herr küßt ihr die Hand: Kleine Freundin! …

Mitsou bemerkt, daß der Brief verschwunden ist: Sie sehn, mir ist recht heiß. Sie sind wohl jetzt hier abonniert? Oder machen Sie Petite Chose den Hof? Sie setzt sich und streift die Schuhe ab; der Seufzer, den sie dabei ausstößt, kommt durchaus nicht aus einem bewegten Herzen. Oh, meine Füße! Sie beobachtet das Gesicht des Herrn im Spiegel.

Der Herr: Mitsou?

Mitsou sich abschminkend: Ja, ja – ich bin's..

Der Herr: Diese Kristallsachen sehe ich heute zum erstenmal.

Mitsou: Ich auch.

Der Herr: Haben Sie sie selbst gekauft?

Mitsou: Muß ich mir denn alles selber einkaufen?

Der Herr: Ja, aber dann … Woher kommen … Was bedeuten …

Mitsou, deren in Vaseline gebadetes Gesicht wie eine zerschmelzende Rose aussieht: Sie sind das Geschenk eines Bewunderers.

Der Herr: Ach so! Und dürfte man seinen Namen erfahren?

Mitsou: Sie dürften vielleicht, aber ich weiß ihn selbst nicht.

Es fällt ihr plötzlich auf, daß sie die Wahrheit sagt und ihre Behauptung doch nicht glaubhaft klingt; sie wechselt mit ihrem Spiegelbild einen Blick, in dem zum erstenmal ein boshaftes Teufelchen aufblitzt: die List …

Der Herr gereizt: Madame belieben zu scherzen!

Mitsou wendet sich mit Heftigkeit um: Madame? Was? Madame? Seit wann bin ich Madame?

Der Herr verwirrt: Aber Mitsou … das ist eine Redewendung … Man sagt »Madame belieben zu scherzen« ebenso wie »Madame sind zu gütig« …

Mitsou scharf: Ich beliebe aber nicht zu scherzen und bin heute abend nicht zu gütig.

Der Herr: Mitsou!

Mitsou in Hitze geratend: Es ist unerhört!

Der Herr: Was ist unerhört?

Mitsou im selben Ton: Sie suchen Streit mit mir. Sie fragen mich: »Wer hat diese Glassachen geschickt?« Und ich antworte Ihnen: »Ich weiß es nicht«, weil ich es eben nicht weiß. Es ist nicht meine Art, Lügengeschichten zu erzählen. Wenn ich bei Premièren Blumen geschickt bekomme, zeig' ich Ihnen etwa nicht die Karten und alles?

Der Herr: Aber gewiß Mitsou!

Mitsou: Na also! Und wenn ich nun behaupte, daß ich die Person, die mir diese … diese … mit einem fragenden Blick auf die Garderobière: diesen Marmeladentopf geschenkt hat, nicht kenne, so heißt das, daß ich sie wirklich nicht kenne.

Der Herr, der in den ganzen drei Jahren einer Liaison ohne Wolken und ohne Sonnenschein noch nicht so viel zu hören bekommen hat: Aber ja, Mitsou. Beruhigen Sie sich, kleine Freundin! Es ist die Hitze … Und dann, drei Matineen in der Woche … Ich werde Ihnen morgen eine Flasche Kognak aus dem Jahre 1848 hierherschicken …

Mitsou nervös, im Ankleiden: Nein, ich danke. Genug Flaschen, genug Flaschen! Und machen wir, daß wir fortkommen. Feindseliger Blick auf ihren Ankleideraum: Ekelhaft ist es hier. Alle Krankheiten kleben an den Wänden. Und der Tisch! … Puh!

Der Herr: Aber Sie selbst haben doch nicht gewollt … Morgen lasse ich meinen Tapezierer herkommen und …

Es klopft.

Mitsou sehr nervös zusammenfahrend: Wer ist da?

Eine Stimme: Madame Mitsou?

Mitsou: Ja! Was gibt's?

Die Stimme: Der Chauffeur von Madame läßt sagen, daß er Madame an der Ecke der Straße erwartet. Die Schutzleute lassen ihn nicht, wie sonst, vor dem Hause halten.

Der Herr: Gut, gut! Hier! Er öffnet die Tür ein wenig und reicht ein Trinkgeld hinaus. Da er sich umdreht, bemerkt er zu seiner Verblüffung Tränen in Mitsous Augen. Mitsou! Was fehlt Ihnen nur, kleine Freundin?

Mitsou: Nichts fehlt mir … Stotternd: es ist … es ist die Hitze … Und dann drei … drei Matineen in der Woche … Plötzlich schluchzend: und dann … und dann, was haben sie nur alle heute abend, warum nennen sie mich alle »Madame« … diese Rohlinge! In Tränen aufgelöst geht sie ab, gefolgt von dem bestürzten Herrn.


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