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Düsseldorf

Die grünen Tanzhusaren kamen von Düsseldorf; doch wer in dieser Gegend sonst nach Dingen fragt, die auch aus Düsseldorf gekommen wären, wird nur erstaunte Köpfe geschüttelt bekommen: Von Düsseldorf kommt nichts, nach Düsseldorf geht alles. Wie eine Spinne sitzt im Netz des reichen Industriebezirks die Stadt, geschäftig zwar mit tausend Zangen, doch anderen Gewinn als nur den eigenen geniessend. Die alte Residenz ist heimlich aufgewacht, zwar sind die bergischen Fürsten nicht mehr da, auch die von Hohenzollern-Sigmaringen, die noch zu Immermanns und Schadows Zeiten auf fein künstlerische Art Hof hielten, sind verzogen, das alte Fürstenschloss ist abgebrannt bis auf den roten Turm, und einsam reitet im Grünspan der Jahrhunderte Jan Willm, der Kurfürst, auf dickem Ross von seinem Marktplatz in die Ewigkeit. Doch unsichtbare Herrscher gebieten mächtiger als jemals rings ins Land und zwingen den Tribut in Gold, der da in Kohlen, Eisen, Seiden und Litzen mühsam erworben wird.

Sie wurde die Kunst- und Gartenstadt am Rhein genannt, bis in der grossen Ausstellung 1902 die rheinisch-westfälische Industrie hier einen neuen Tanz aufspielte, der heimlich erwählten Königin dieses unheimlichen Bienenstaates zu Ehren. Seitdem weiss alle Welt, dass hier die Kunst und die Gärten als angeerbter Schmuck kokett getragen werden: die reichen Kleider aber sind von gestern und von der Industrie bezahlt. Die zu den Zeiten der Kunst und Gärten 40 Tausend zählte, hat heute 250 Tausend Einwohner. Sie ist als Mittelpunkt einer Bevölkerung von 5 Millionen Menschen, die zum Nachmittag in einem Stündchen hinfahren können, Kunst oder sonst ein Amüsement zu haben, das grösste Zentrum in Deutschland. Und längst beginnen die grossen Gesellschaften, durch einen industriellen Oberbürgermeister verbindlich aufgenommen und freigebig bedacht mit Millionenplätzen, hier ihre Stammquartiere in riesigen Palästen aufzuschlagen, wie sie nun auf dem ehemaligen Exerzierplatz amerikanisch aus dem Boden wachsen.

Ein übergrosser Hafen mit Riesenkranen, deren eiserne Arme nicht immer mit Erfolg nach Arbeit angeln, das leere Millionenviertel am Rhein, wo der quadersteinerne kupfergetürmte Kunstpalast von 1902 übrig geblieben ist und ein bisschen verschüchtert allein steht, das sauberste Hotel im Rheinland, das neue Schauspielhaus, wo man vor leeren Häusern ein Schauspiel bietet, wie wenn hier wirklich schon das geistige Leben blühte, das einst erwartet wird: das alles erinnert fast an einen kühnen Bauspekulanten, der die Bedürfnisse erzeugt, statt sie bescheiden zu erwarten. Kein Zweifel aber, dass die Berechnung stimmt und allen Respekt der Kühnheit, die sie wagte. Wer in dem Industriegebiet der Thyssen, Stinnes, Haniel und Kirdorf die Residenz abgeben will, dem darf der industrielle Wagemut selber nicht fehlen.

Noch ist die Rheinfassade von Düsseldorf ein ärmlich Ding vor Köln, der alten Herrscherin am Niederrhein, mit ihren alten Kirchen als dem Sinnbild einer überreichen Vergangenheit. Die neue Welt der Fördertürme und Eisenbrücken, der Reichtum und die Schönheit unserer Zeit sind erst im Werden: und schon kein Zweifel, sie werden in Düsseldorf ihr Denkmal bauen.

Doch ist es schade um die Gartenstadt, die dabei grausam geopfert wird. Nicht um des Hofgartens willen allein hiess Düsseldorf so, sondern weil es ehemals nach allen Seiten in Gärten, Büschen mit Nachtigallen und Gärtnerhäusern in den Wiesen und gegen den Grafenberg verlief. Heut schliessen längst Fabriken, Villen- und Arbeiterviertel einen hässlichen Ring um sie; und wer das alte Düsseldorf noch einmal mit dem Herzen sucht, muss in die Altstadt gehen, wo auf dem Marktplatz sein Fürst und erster Oberbürgermeister sein Reiterdenkmal hat, das eins der schönsten in der Welt ist, wo in der Bolkerstrasse im grüngekalkten Hof von einem Metzgerladen Heinrich Heine sein ärmliches Geburtshaus versteckt, wo neben der schiefgetürmten Lambertuskirche oder am Speeschen Graben sich Plätze heimlicher Schönheit auftun, und wo in den engen Rheingassen und auf dem wimmelnden Marktplatz am Morgen mit kopftuchbehangenen Marktfrauen niederrheinisches Leben fröhlich und nur ein wenig verdrossen um der prophezeiten Stadtzukunft willen sein Dasein fristet, und in den Kneipen mit Düsseldorfer Lagerbier statt schlecht befrackter Kellner Brauburschen in gestrickten Jacken die Gläser schwenken.

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Das Geburtshaus von Heinrich Heine.
Nach einem Gemälde von Wilhelm Schreuer

Seitdem der Hofgarten mit dem Stadtgraben und der Kastanienallee daran nicht mehr zum weissen Bahnhofgebäude führt, aus dessen Halle den ankommenden Reisenden die Gartenstadt reizend begrüsste, liegen seine Teiche und Baumgruppen etwas bekümmert da; auch mit dem Damm der neuen Brücke vermögen sie nicht eins zu werden, die früher mit der schönen Aussicht an dem alten Hafen zum Rhein vortraten, sie hören mit den schönen Baumriesen auf dem Napoleonsberg jetzt auf.

Er spukt noch viel in Düsseldorf herum, der grosse Kaiser; in manchen Wirtschaften hängt sein Bild im Kupferstich dicht neben dem alten Fritz. So verteilten sie am Niederrhein vormals nach beiden Seiten ihre Liebe. Und als der Kaiser ruhig mitten durch die Allee ritt: »hinter ihm stolz auf schnaubenden Rossen und belastet mit Gold und Geschmeide, ritt sein Gefolge, die Trommeln wirbelten, die Trompeten erklangen … und das Volk rief tausendstimmig: Es lebe der Kaiser!« Er wohnte damals im Jägerhof, ausser dem schlichten Rathause der einzige grössere Profanbau von Bedeutung, der in Düsseldorf erhalten ist: im späten Rokoko von feiner Haltung, die leider im Portal durch ein davor gesetztes Glasdach und ausserdem durch später vorgebaute Flügel in ihrer Wirkung etwas gehindert wird. Wie sonst das Schlösschen vor der breiten Hofgartenallee daliegt: das ist das feinste Landschaftsstück der Gartenstadt. Hier wird der Geist lebendig, der dem alten Düsseldorf, seitdem das alte Schloss im Jahre 1872 verbrannte, den stärksten Stilcharakter gibt, und der in zahlreichen Privathäusern noch bis vor kurzem erhalten war: rheinisches Rokoko. Nichts hat dem Rheinländertum, soweit es heute als Volkscharakter am Niederrhein vorhanden ist, so sehr gelegen wie diese Eleganz vom achtzehnten Jahrhundert. So mag sie uns auch hier aus der modernen Welt zurückgeleiten.


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