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Das bergische Haus

Das bergische Land ist mehr als nur das Wuppertal. Der Wuppertaler ist ein Städter und hockt beieinander; der bergische Bürger ist ein Mann für sich, im eigenen Haus und freier Luft. Von allen bergischen Orten liegen die wenigsten in Tälern, die meisten, wie Solingen und Remscheid, den Kegel oder den langen Rücken eines Berges mit ihren Häusern krönend. Und zwar auf Höhen, die, so nahe am Niederrhein, beträchtlich sind. Remscheid z. B. liegt auf einer Höhe von rund 350 Metern; das ist schon höher als die Spitze vom Drachenfels. Und diese Lage, den nassen Stürmen ausgesetzt, die über die Rheinebene her vom nahen Meer her fegen, in einer regnerischen Luft hat wohl den Anlass gegeben, die Fachwerkwände ihrer Häuser mit Schieferkleidung zu umgeben, woraus sich das entwickelte, was man den bergischen Hausbaustil nennen kann. Obwohl gerade dabei mit dem, was man so Stil nennt, sehr eigenwillig umgesprungen wird.

Schwarze Beschieferung, zumeist mit Ölfarbe noch schwarz gestrichen, dazu ein weisses Holzwerk an Fensterrahmen, Türoberlichtern und Gesimsen, grüne Fensterläden und die Türen meist in einem schönen Braun: so werden drin im Bergischen die Häuser auch heute noch gebaut. Der Farbenklang ist lustig und passt so gut in diese Landschaft von Grauwackeschiefer, dass seine Bauform nebensächlich wird. Gleichzeitig aber liegt in dem besonderen Material der Beschieferung eine Hinderung, hereingetragene Baumoden ohne weiteres mitzumachen, sodass darin recht eigentlich der Anlass zu jenen Bürgerhäusern lag, die heute endlich auch nach ihrem künstlerischen Wert bewundert werden. So frei ein Bürger auf dem Lande sitzt, er will doch zeigen, dass er die Zeit versteht; und als das Rokoko da unten am Niederrhein von seinen Fürsten so eifrig ausgebildet wurde: da machte sich der bergische Bürger sein Schieferhaus danach zurecht. Da wurde aus dem Giebel der Eingang in die Mitte verlegt, die beiden nächsten Fenster zur Flurbeleuchtung dicht herangezogen, eine Treppe behaglich davor gesetzt und das Portal war fertig; zugleich aber auch die Grundform, die später im Empire und weiterhin nicht mehr verlassen wurde.

Nichts Schöneres ist nun zu sehen an bürgerlicher Hausbaukunst, als diese Hauseingänge, die keine Nachäffungen, sondern Übertragungen von steinernen Portalen in Holz und darum in schlichteren und dennoch – weil die Handwerker damals noch Tradition bewahrten – in materialgerechten Schmuckformen sind. Da sprudelte der Einfall bürgerlicher Meister in immer neuen Erfindungen: die Fenster bald schmal, bald breiter an die Tür zu rücken, das Oberlicht bald reich verschlungen, bald schlichter auszubilden, das Profil an der Portalbedachung vorzuschweifen oder schlicht zu halten. Und so gross war die Selbstachtung dieser bürgerlichen Kunst, dass Häuser, von denen wir beglaubigt wissen, dass hergeholte Baumeister sie errichteten, nur in der strengeren Durchbildung und Wiederholung derselben Schmuckform auffallen, sonst gar nicht verschieden sind: Indem sie durch den bürgerlichen Sinn der Bauherrn immer bergische Wohnhäuser blieben und keine Jagdschlösser oder Stadtpaläste nachäfften.

Und noch von einem sonderbaren Zickzack menschlicher Naturgeschichte ist zu berichten, wie sich das bergische Bürgerhaus zum Ahnen hochberühmter Nachkommen entwickelt hat auf dem Umweg über Amerika. Im 18. Jahrhundert sind auch aus dem bergischen Land viele Bürger über den Ozean gegangen, und weil ihr Eigensinn auch drüben die Heimat nicht vergass, so bauten sie sich, wenn sie dazu gekommen waren, Häuser in bergischer Bauart. So finden sich in Amerika aus dem 18. Jahrhundert Häuser mit Schieferbekleidung, deren Herkunft aus dem bergischen unleugbar ist, und diese sind wiederum so typische Beispiele des sogenannten Kolonialstils, dass man diesen auf die schlichte Wohnlichkeit des bergischen Bürgerhauses zurückführen kann. Aus dem Kolonialstil aber hat sich zum guten Teil das englische Landhaus entwickelt, dessen Sachlichkeit und wohnliche Bildung uns heute in Deutschland entzücken und das wohl der stärkste Nothelfer war, mit allem Palast-Stilplunder im deutschen Land- und Bürgerhaus endlich zu brechen.

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Nach einem farbigen Holzschnitt von E. R. Weiss


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