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Wenn das Dampfboot mit Gesang und Tücherschwenken am Drachenfels vorüber nach Bonn gekommen, wenn der letzte Rückblick auf diesen malerischen Torbau des romantischen Rheins genossen ist: dann verschwinden von den Reisenden, die auf dem Schiff geblieben sind, die meisten rasch in die Kajüten, um in Behaglichkeit zu essen.
Das Schauspiel ist vorbei. Der lustige Kranz der Städtchen, Burgen und Kapellen ging zu Ende, die vielgebogene Rinne des engen Tals mit wechselvollen Silhouetten läuft in ein breites Land gemächlich aus. Gebüsch und Pappeln, nicht mehr die schlanken italienischen vom Oberrhein, nur noch die breiten deutschen mit ihren Riesenbesen, säumen das flache Uferland. Die Romantik löst sich in Landschaft auf. Wer aber aufmerksamen Auges bleibt, der fühlt sehr bald den neuen Reiz: Das puppenhafte, kleine elegante, das lustige und lärmende, verschwindet. Der Horizont wird frei, die Umrisse werden gross: der Bäume wie der Schiffe, die uns begegnen; sie stehen nicht mehr kleinlich vor grünen und weinberggrauen Bergen, sie ragen in den Himmel und zeigen ihre Form in schattenhaften Silhouetten; das Wasser dunkelt in der Farbe und breitet sich gemächlich aus in Schilf und Land: der Rheinfluss wird zum Strom, Seeschiffe tragend.
Am linken Ufer tritt das Gebirge in einer schlanken Linie zurück; am rechten verliert es sich ins breite Tal der Sieg: bis über ihrer Mündung ein Kegel fern und bescheiden aus der Ebene wächst: Siegburg. Dann aber bleiben die blauen Hügel zur Rechten, bis hinter Duisburg (sprich Düsburg) hin, in stundenweiter Ferne und darum meist verdeckt, doch wenn sie über grünen Feldern und zwischen Bäumen sichtbar werden, in jenem starken Blau, darin die alten Meister ihre Fernen malten; und wenn die Sonne aus Wolken, wie ein Scheinwerfer, darüber läuft, dann schimmern hochgebaute Städte und Dörfer her in einer grossen Fülle: Das bergische Land begleitet achtungsvoll den Niederrhein zu seiner alten Hauptstadt Düsseldorf und macht ihm, dort im Grafenberg auf eine halbe Stunde mit einer steilen und waldbedeckten Hügelkette vorspringend, seine tiefe Reverenz; und bleibt ihm nah, bis an der Ruhr das Industriegebiet um Berg und Ebene den Qualm aus tausend Schloten legt
Noch aber hört der Niederrhein nicht auf: in schimmerigem Grau ziehn seine Ufer still dahin, bis an der Grenze von Holland als Wächter seiner Mündung, die nun in viel verschlungenen Armen sich verbreitet, zwei Hügel noch einmal gegenüber stehen: Hochelten rechts und dicht am Strom, links weiter zurück und ragender die Schwanenburg zu Cleve.
Es sind der Städte nicht allzuviel, die er berührt; meist liegen seine Ufer still, die doch bei Bingen und Koblenz voller Leben waren. Der Fremde könnte meinen, aus einer reichbelebten Gegend in eine ödere zu fahren; er sieht nicht, wie da oben aus Gebirgen, spärlich bewohnt, das Leben sich an den Fluss zusammendrängt in einer einzigen Strasse; hier aber gehen in einer volksüberreichen Gegend tausend Wege, nur wenige kreuzen den Strom in langen Eisenbrücken; doch rechts und links, da ist ein Menschenwerk im Werden wie nirgendwo in Deutschland, da wachsen Städte aus der Erde, wo gestern noch die Landwirtschaft behaglich sich ernährte, da wechseln Warenhäuser mit viehbesetzten Weiden so jäh, dass man erschrickt: denn wo man gräbt, da wirft die Erde ihre Schätze aus. Hier werden die Kanonen, die Brücken und Maschinen der halben Welt gebaut; und auf den Höhen des bergischen Landes hämmern die Feilenhauer und Säbelschmiede seit alter Zeit; im Wuppertal färben und drucken sie und wirken Bänder und Litzen, und drüben in Krefeld, Rheydt und Gladbach sitzen sie an Webstühlen, zu Hause und in Fabriken, und machen Tuche, Teppiche und Seiden. Hier ist die Werkstatt Deutschlands; mitten hindurch treibt der Strom sein breites Wasser, und wenn die Schlepper nicht darauf wären, man würde die Welt nicht ahnen, durch die der ehemals so ungebärdige Rhein sein Alter gelassen und bescheiden nach Holland trägt.