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Ritt in die Hölle

1

Erst als Madda Guerra ihre Gastgeberin am Schluß eines erregten und ungewöhnlichen Gespräches aufforderte, bei rechter Gelegenheit den Polizeipräsidenten Caminer einzuladen, sagte die Fürstin ein ziemlich deutliches Nein. Das war zu Anfang des neuen Jahres, während in Rom noch immer das Konklave tagte und die politische Erregung bis zur Wahl des neuen Papstes gleichsam innerlicher geworden war. Es mag sein, daß dieser erste Widerstand der Corleone, abgesehen von ihrer persönlichen Überlegenheit in jener gespannten Stunde, durch die allgemeine Stagnation des äußerlichen Schicksals – Güte des Souveräns, Ruhe der Straße, Verstummen der Gerüchte und offenbare Erfolglosigkeit von Maddas Mission – beeinflußt worden war; denn sie bat auch in diesen Tagen den alten Baron Steiner, wieder ihr täglicher Tischgast zu sein.

»Warum?« fragte er, freundlich lächelnd, mit seinem offenen Blick doch; »beginnt Ihre hübsche Hausgenossin, Sie zu langweilen?«

»Würden Sie an ihre Langeweile glauben können, Steiner?« fragte sie zurück. Der Alte schüttelte den Kopf.

»Setzen Sie noch keine Segel, Maria,« entgegnete er. »Das ist doch die übliche Ruhe vor dem Sturm.« Er löschte auch den Rest des Lächelns aus, das noch um die Mundwinkel spielte und schloß eindringlich: »Brüskieren Sie nicht, Liebe – nach keiner Seite!«

Diese Warnung war tiefer begründet als durch die kluge Überlegung allein. Denn der alte Steiner hatte in den letzten Tagen einen ebenso unerwarteten wie bedeutungsvollen Besucher empfangen, den Minister del Monte, der sich kurzerhand eine Stunde vorher durch einen Sekretär anmelden ließ und bezeichnenderweise zu Fuß kam, in schlichtem Schwarz und nach Anbruch der Dunkelheit. Es war die Stunde, wo Steiner, der wenig aß, in seinem Arbeitszimmer einen kalten Imbiß verzehrte, ohne vom Schreibtisch aufzustehen. Der Baronissimo machte für den Empfang del Montes keine Anstalten, trotzdem der Minister, mit dem er in loser gesellschaftlicher Verbindung stand, von jeher der einzige Hofmann der Residenz war, den er schätzte. Wie mit kleiner Koketterie ließ er nicht einmal neben seinem Sessel das niedrige Lacktischchen mit den Speisen und dem Glas Wein forttragen, als der Marchese gemeldet wurde, und ließ sich auch in seiner Arbeit nicht stören. Er legte erst die Lupe und einen etwas lädierten Kupferstich aus der Hand, wie sich die Tür aufs neue öffnete und sein alter Diener ehrfürchtig die Ankündigung murmelte. Er stand, die Brille mit dem Einglas vertauschend, rasch auf und sah dem Hochgewachsenen in das noble Gesicht. Er ließ auch keine fatale Zwischenzeit der Übergänge und Anspürungen zu und sagte gleich nach der gemessenen Begrüßung:

»Ich darf annehmen, Exzellenz, Sie kommen nicht wegen der schönen Künste zu mir. So bleibt also nur noch meine andere scheinbare Kompetenz übrig – oder sagen wir gleich: meine Freundschaft mit Ihrem Sorgenkind. Betagte Leute sollen Zeitverlust scheuen – gar noch, wenn sie Verantwortung tragen. Nicht wahr, Marchese?«

Zwischen diesen beiden alten Männern war trotz der Unterschiede der Wirkung und der Geltung das leise Wohlwollen natürlich, das sie jetzt wie von ungefähr verband und das ihre Einsicht sich sofort, durch die Magie irgendeiner Gemeinsamkeit, erklären konnte. Del Monte hätte im umgekehrten Falle das Gespräch über das spröde Thema nicht viel anders begonnen. Steiner wußte es. – Beide lächelten jetzt ein wenig. Es war, als sähe einer des anderen Lebensberg: beifällig und kameradschaftlich zur ungefähren Höhengleichheit. Das Glück einer innerlichen Bestätigung seines fast vollendeten Lebensgefühls durch den würdigen Anderen – seltene Unterbrechung der Alterseinsamkeit – war mit zarter Schwingung spürbar.

»Ja,« nickte del Monte, »wir dürfen mit dem Überflüssigen sparsam sein. Sie sollen nur wissen, daß ich nicht als Regierungschef komme … das klingt fast lächerlich, ist es nicht so, Baron? – Ich meine nur, auch meine Kompetenz sei Freundschaft – für den anderen Teil …«

Er hatte etwas zögernd gesprochen und dabei an dem alten Steiner vorbeigesehen. Der Baronissimo zwang ihn in seinen grauen graden Blick.

»Ihnen glaube ich, Exzellenz,« sagte er die schlichte Ermutigung; »und das gehört zu den raren Geständnissen meines Lebens.«

Del Monte stützte das Kinn auf die Hand und sprach nachdenklich:

»Ich danke Ihnen, Signore. Das ist schön – aber Sie werden mir wohl doch nicht auf alle Fragen antworten können.«

»Nein,« sagte Steiner sofort, »Sie begreifen, daß ich in unserem Fall durchaus Partei bin – vielleicht mehr noch als Sie, Marchese?«

Der Minister hob überrascht den Kopf.

»Vielleicht,« erwiderte er ehrlich; »ich gebe ohne weiteres zu, daß ich ein alter Verehrer der Fürstin bin und immer verstanden habe … nun ja, lassen wir das. Es handelt sich ja jetzt um eine nahe und gerade im Aspekt unserer Freundschaften sehr gefährliche Zukunft, ganz abgesehen von der reinen Politik. Sie sind doch wohl vollkommen orientiert, Baron?«

»Ja,« sagte Steiner. Del Monte hatte jetzt seinen klaren, blauen, ein wenig harten Blick.

»Können Sie Ihren Einfluß auf die Fürstin abschätzen, Herr von Steiner,« fragte er.

»Durchaus,« entgegnete der andere; »er geht bis zu einer von ihr und mir genau gekannten Grenze.«

»Das ahnte ich,« sagte del Monte, ein wenig die Schultern hochziehend; »aber ich gestehe Ihnen schon jetzt, daß Sie in meinen Augen die einzige Person sind, welche die – sagen wir – private Katastrophe abwenden könnte. Vor der politischen schützen wir uns selber.«

Steiner faltete die Händchen und legte den Kopf etwas auf die Seite.

»Das ist leider eine Überschätzung meiner Person,« erwiderte er ernst. Del Monte schwieg eine Weile; dann sprach er beinahe hastig:

»Sie haben natürlich das Recht, alles, was ich Ihnen jetzt sage – ob Sie darauf eingehen oder nicht – zugunsten der Fürstin zu verwenden. Ich möchte das ausdrücklich bemerken.«

Steiner nickte stumm. Der Minister strich sich mit der Hand über die Augen.

»Eines noch zuvor,« meinte er mit einer fast verlegenen Geste, »eine neutrale Frage, von Mensch zu Mensch – vom alten Menschen zum alten Menschen: Der Souverän, den ich liebe, ist von mir über alle diese Dinge, die uns bewegen, nicht unterrichtet worden – weder über die Verbindung der Fürstin mit der revolutionären Partei noch über die Identität ihres Gastes mit der Maddalena Guerra. Halten Sie dieses Verschweigen für gerechtfertigt – tragbar für das Gewissen? – Können Sie mir eine unparteiische Antwort geben, Baron? Es wäre nicht unwichtig für mich.«

Steiner sah das schmale und besorgte Greisengesicht und fühlte eine starke Neigung. – Mir offenbart sich in dieser merkwürdigen Zeit alles Gute und alles Bedenkliche in den Menschen, ging es ihm durch den Sinn. Aber er zögerte zu antworten. Del Monte lächelte schmerzlich.

»Meine Frage ist keine Falle,« fügte er leise hinzu, »und Ihre Antwort soll mir durchaus nicht die Fakten bestätigen, die die Fürstin angehen. Es gilt hier nur die kleine humanitäre Hilfeleistung, die ich übrigens nicht erwartete, als ich Ihr Haus betrat. Sie verstehen mich wohl, lieber Herr?«

»O ja,« sagte Steiner und beugte den Oberkörper vor, als wollte er ihm näher kommen, »und ich würde genau so handeln, wäre ich an Ihrer Stelle und liebte ich den Souverän. Das ist ganz ehrlich gesprochen und nur eine gefühlsmäßige, vielleicht keine vernünftige Entscheidung.«

Del Monte nickte mit dem Kopf, ein wenig greisenhaft lange. Er zuckte zusammen, als draußen die Glocke von San Lorenzo mit dunklen Schlägen die Stunde läutete. Auf dem Kamin eine fein gekurvte Barockuhr mit mattem Gold der Beschläge spielte zittrige Dreiklänge nach. Der Marchese ließ das Schlagwerk ausklingen, jetzt erst die Augen über die tausend Gegenstände des Raumes gleiten lassend, und hob dann leicht die Hände, als wollte er gegen Einwendungen nicht hart sein.

»Es bleibt natürlich immer noch die Frage,« begann er wieder, die Stirne faltend, »ob nicht die Fürstin ihre Verbindung mit der Revolution im Interesse des Souveräns unterhält – so wenig ich sie mir übrigens als politische Agentin vorstellen kann …«

Er hielt inne, weil er den feinen Spott auf dem Gesicht des Baronissimo sah und im gleichen Augenblick an die ziemlich bestimmten Anmerkungen dachte, die der Polizeichef Caminer in einem Geheimakt über den alten Steiner aus seinem Mailänder Amt mitgebracht hatte.

»Nun, Exzellenz,« sprach der Lächelnde jetzt, »politische Agenten von Qualität müssen nun einmal schwer vorstellbar sein. Das wäre noch kein Gegenbeweis.«

Auch del Monte lächelte und strich sich das Kinn.

»Ich will Ihnen gerne glauben, Baron,« sagte er freundlich, »daß Sie auch in dieser Sparte des Daseins kompetent sind. – Die Fürstin deutete mir eine solche Tätigkeit ihrer Person überdies vor einiger Zeit selber an.«

»Mir gegenüber bewies sie es sogar – in einem unbedingt gültigen Falle,« sagte Steiner. Der Minister legte die Hände flach aufeinander und das Kinn auf die Fingerspitzen. Er zog die weißen Brauen zusammen und sprach gedämpft:

»Dann wäre es gut, sehr wichtig wäre es, wenn sie vor der Verhaftung von Guerras Schwester es auch uns bewiese.« Er seufzte leise und schloß einen Augenblick die Augen. »Das ist ein unnützes Aufgebot an Dialektik, nicht wahr?«

»Ja,« entgegnete Steiner sehr ernst; »denn sie ist das Gegenteil einer Agentin: sie ist ein gehetzter und ratloser Mensch.«

Del Monte ließ die Hände sinken und sah den anderen an.

»Es steht schlimm,« sprach er; »aber jenen Beweis hat sie Ihnen gegeben?«

»Ja.«

Steiner nickte ihm zu, als wisse und ermutigte er seine Gedanken. Del Monte war unruhig.

»Das kann nichts anderes heißen,« rief er, »als daß sie den Souverän vor dem Oktoberattentat bewahrte.«

Der alte Steiner hatte sich abgewandt und gab, mit der Lupe spielend, keine Antwort. Del Monte prüfte das Vogelprofil des Männleins und sein Blick war wie erstaunt, als sehe er ihn zum erstenmal.

»Man könnte wohl noch weiter kombinieren,« redete er langsam, »und man könnte Sie schließlich um Ihre Eingeweihtheit und um die Stille Ihres Tuns beneiden, Baron. – Trotzalledem: der Souverän ist beruflich ohne jede Sentimentalität, und er verteidigt zudem unsere staatliche Existenz. Wir beide sind also unnütz und verhindern nichts.«

»Richtig,« sagte Steiner, »und es mag für uns ein Trost sein, daß wir alt sind und daß die Bewegung, deren Anfang wir erleben, unpersönlich ist und elementar und nicht zu verhindern.«

»Diesen Trost lehne ich ab,« sagte der Minister, »das müssen Sie begreifen …«

»Wann soll der Gast der Fürstin verhaftet werden?« unterbrach Steiner. – Das wisse nur der Präsident des Buon Governo, entgegnete del Monte vorsichtig, der seine besonderen Pläne zu haben scheine. Vielleicht warte man die wahrscheinliche Emeute in den nördlichen Staaten ab. Steiner wandte ihm das Gesicht zu.

»Sie wissen doch wohl, Exzellenz, daß Sie das Leben der Fürstin Corleone aufs Spiel setzen, sollte der verhaftete Gast in der Tat Guerras Schwester sein. Sie haben doch sicherlich schon von gewissen Ordensregeln gehört?«

»Ich brauche Ihre Hilfe, nicht Ihre Drohung,« sagte del Monte leise; »dem Bargello in die Zügel zu fallen habe ich nicht das Recht!«

»Dann müssen Sie beide Frauen verhaften lassen,« bemerkte Steiner ruhig. Del Monte stand auf und kam nahe dem Schreibtischsessel des Baronissimo. Er legte ihm die Hand auf die Schulter, mit einer plötzlichen Vertraulichkeit, die ihm der Aufblick Steiners erlaubte.

»Sie wissen jetzt sehr viel, mein Lieber,« sprach er gutmütig, »und ich weiß nichts oder nur sehr wenig. Sie sind also der Geschicktere von uns beiden. Nutzen Sie es aus, ich flehe Sie an! Und bleiben wir so etwas wie Alliierte – trotz unserer anscheinend divergierenden Freundschaften. Sind Sie einverstanden?«

»Ja,« sagte Steiner, ihm die Hand reichend, »und Sie sollten den Souverän nicht lieben, sondern ihm die Wahrheit sagen. Denn es ist für ihn und seinen Staat besser, die Lieblosigkeit kommt von einem Freund als von einer Freundin.«

Der Minister sah ihn betroffen an. Dann war er nachdenklich gegangen.

*

»Brüskieren?« wiederholte die Corleone verwundert Steiners ernste Warnung. Sie überlegte noch einen Augenblick; dann überwand sie die Hemmung und fuhr fort: »Warum soll ich es Ihnen nicht sagen, lieber Freund? Das Mädchen, das mit dem dicken Abate scheinbar nicht die gewünschte Abwechslung hat, verlangt jetzt den Präsidenten Caminer als Tischherrn. Das habe ich ablehnen zu können geglaubt – nicht nur aus Furcht vor der gesellschaftlichen Zweifelhaftigkeit des Cavaliere.«

Der Baronissimo schaute auf seine Händchen.

»Warum das?« fragte er bedächtig. »Vielleicht ist das Interesse an einer näheren Bekanntschaft bei beiden Teilen gleich groß.«

»Und wenn sie schließlich noch den Großherzog kennenzulernen wünscht?« fragte die Corleone scharf, nach dem Augenblick der Überraschung. Der Alte lächelte klug.

»Das wäre nicht die schlechteste Lösung – bei dem Charakter und dem scheinbar klaren Willen des Fürsten, seine Position zu verteidigen – – vorausgesetzt,« fuhr er leiser fort, »daß das Mädchen keine Waffe bei sich hat, und daß Sie, Maria, den einmal doch notwendigen Schritt wagen.«

»Welchen Schritt?« fragte sie gespannt. Er hob die Schultern hoch und sah ihr in die Augen.

»Zu wählen, Maria – zwischen ihm und Guerra.«

 

2

Guerra hatte bei seinem letzten Gespräch im Borgunto doch wohl dem Renzo Maddii Unrecht getan: Madda wußte bis zum heutigen Tag noch nicht, daß der Bruder seinen Fiesolaner Schlupfwinkel verlassen mußte und in eine geheimnisvoll vorbereitende und tatkräftige Anonymität versunken war. Zudem hatte sie immer seltener Nachrichten für ihn. Sie empfand durch die tatsächliche Ergebnislosigkeit ihrer Florentiner Mission, durch das nebelhaft verhüllte Weitergleiten der kritischen Zeit und durch das peinliche Zurückweichen der Menschen ihrer Umgebung eine Isolierung, die ihr fremd war und sie beklemmte. Dazu verstärkte sich in dem Maße, in welchem durch die Trennung vom Bruder die leidende und empörte Seele sich beruhigte, das Schuldgefühl. Sie litt darunter, daß sie die Wirksamkeit ihrer privaten Meldung an die Parteizentrale nicht übersehen konnte und die Folgen nicht kannte. Es war durchaus keine Denunziation des Bruders gewesen, sondern ein sachlicher Hinweis auf den mißlichen Zustand, daß in einer so gespannten Zeit wie der augenblicklichen der Führer außerhalb des Aktionszentrums verweile und mittels eines viel zu komplizierten Verbindungsapparates kommandiere, und daß die letzten Fehlschläge möglicherweise dadurch entstanden seien. Das Mädchen hatte die chiffrierte Anzeige mit dem Zeichen des verhafteten Scaleterras versehen, dessen gelegentliche Opposition der Zentrale nicht unbekannt war und von dem Guerra selber annahm, daß er ihm gegenüber geheime Kontrollmandate habe. So hatte die Sendung, die mit einer Deckadresse der gewöhnlichen Post anvertraut wurde, den gewiß möglichen Anschein, als würde sie der verhaftete Unterführer aus dem Gefängnis geschmuggelt und zur heimlichen Beförderung gebracht haben – unter erklärlicher Vermeidung des Kurierweges.

Als damals der Bruder die Trennung aussprach und ihr leichthin auch die Nachfolgerin bestätigte, die ihr Instinkt mutmaßte, war der scharfsinnige Plan und die Ausführung dieser Anzeige das Werk von zehn rachsüchtigen Minuten gewesen. Was sie mit alledem beabsichtigte, blieb ihr auch späterhin klar. Es war die glatte Rechnung der eifersüchtigen Frau. Das Selbstvertrauen erlaubte ihr die Folgerung, daß die gute und getreuliche Arbeit in Florenz den Stoß, der gegen den Bruder von Paris aus geführt werden mochte – gewiß war es bei Guerras Ansehen keineswegs – doch letzten Endes würde parieren können.

Weniger deutlich als Absicht und als Richtung für das Handeln waren ihre Gefühle gegen die Corleone, von der die Erschütterung ihrer Seele ausging. Hier führten die kleinen Praktiken zur Störung von Liebesnächten zu keinem Ziel. Es gab hier nur das Entweder und das Oder, das sie selber anging: zu lieben oder zu zerstören. Madda war zur Entscheidung noch nicht weit genug; denn in ihrem Blut glühte immer noch die Neigung zum körperlichen Spiel auf, wenn sie die Fürstin sah, der sinnliche Wunsch zu berühren und zu verwirren. Und dann spürte sie, war sie nur ruhig und nicht selber in Flammen, in der Liebe jener Frau zu ihrem Bruder die dunkle Anmut der Resignation, die immer gütig macht. Sie wußte dann auch, wie sehr es ihr an Güte fehlte, ihrem Geist, ihrem Körper und dem bösen Schicksal ihrer Liebe. Und wie sich dann alles wandelte, sie allein war in der fatalen Umhüllung ihrer beruflichen Unheimlichkeit und nicht mehr die Behandlung der Fürstin bedenken, sondern ihr schrittweises Abrücken ertragen mußte, wie der Gedanke an den Bruder – an den verratenen Bruder, formulierte sie dann schon – immer lastender wurde, litt sie wie nur je ein armer Mensch.

Es bröckelten für sie die Möglichkeiten ab, mit den Menschen zu sprechen. Die Fürstin schränkte den Verkehr mit ihr auf das notwendigste ein und vermied unter dem Vorwand irgendeines Leidens jedes gesellschaftliche Leben, um sich nicht mit ihr zeigen zu müssen. Und Don Lionello kam in der Tat nicht mehr, nachdem er sich noch einmal oder zweimal überzeugt hatte, daß die Reize der Dame wohlverwahrt hinter den politischen Dornen lagen, und nachdem Caminers polizeiliches Ziel augenscheinlich geworden war. Es blieb das verkniffene Gesicht des wortkargen Renzo Maddii, dessen langweilige Liebe nur noch selten ihm aus den Augen leuchtete; es blieb schließlich der artige Gruß, das förmliche Wort und der nicht auszuhaltende Blick des Todfeindes. So benannte sie für sich den alten Baron Steiner.

Ihre lebhafte und redselige Natur wurde von der Stille und der menschlichen Ablehnung ringsum viel stärker bedrängt, als von den Gefahren, die nicht klein waren, wie sie wohl wußte, aber die schließlich auf das innigste mit dem vielfach verankerten Schicksal der Corleone zusammenhingen. Das war ja der tiefe und tückische Sinn ihrer Anwesenheit. Die Idee, mit dem Polizeichef zusammenzutreffen – damals halb kokett und halb erpresserisch dem Abate zugeworfen – war vielmehr Auflehnung gegen das verdeckte Spiel des Schicksals, Kühnheit des Desperados, Spekulation des Körpers, als Taktik und Auftrag. Sie ließ zunächst den Renzo Maddii kommen, dem die fürstliche Livree griesgrämig und unaufrichtig am dürren Körper hing. Sie pflegte zu ihm in letzter Zeit ein wenig hoffärtig zu sein, so als wollte sie ihm seine Dienerrolle in der gleichen Weise glauben machen, wie der Fürstin zu Anfang die Basenschaft.

»Melden Sie meinem Bruder,« befahl sie, »daß sich Vacca tatsächlich fernhält, jedenfalls auf bestimmte Weisung, und daß ich jetzt versuche, mit Caminer direkt in Berührung zu kommen.«

Maddii sah sie betroffen an, ohne jede Haltung des Domestiken, und schüttelte den Kopf.

»Dazu müssen Sie unbedingt seine Einwilligung haben,« erklärte er, »bevor Sie die Annäherung wagen. Soviel ich weiß, ist davon nie die Rede gewesen.«

»Also gut,« entschied sie; »dann gehen Sie hinauf. Sie können bis zum Abend zurück sein. Ich werde vorher nicht mit der Fürstin sprechen.«

Renzo überlegte, daß innerhalb dieser Zeit eine Verständigung des Führers nicht möglich war, da er Checca erst wieder am Abend erreichen konnte und Guerras Antwort nicht vor dem anderen Morgen von ihr zurückgebracht würde. Bisher verlangten die nicht eben häufigen Meldungen Maddas an den Bruder keine zeitlich bedingte Antwort, so daß Renzo noch keine Schwierigkeit hatte, den Ortswechsel des Führers zu verheimlichen. Es war jetzt nur eine unscheinbare Verlegenheit auf seinem Gesicht, eigentlich nur die Anspannung eines nicht geschmeidigen Geistes, die rechte Antwort zu finden. Aber das Mädchen war mißtrauisch geworden, scharfsichtig und hellhörig, wie Einsame oft – auch wie die mit schlechtem Gewissen; denn sie erwartete schließlich ein Echo auf den Ruf nach Paris.

Renzo versuchte es endlich mit seiner gutmütigen Grobheit, die ihm am nächsten lag.

»Ich sehe nicht ein,« sagte er und rückte mit knabenhaft verlegenem Trotz die Schultern, »ich sehe nicht ein, warum die Sache so eilig ist und bis abends erledigt sein muß.«

»Ach,« sagte Madda, machte dünne Lippen und sah ihn scharf an. Renzo ging unwillkürlich einen Schritt zurück.

»Weiß ich denn, ob ich ihn antreffe?« gestikulierte er in gesteigerter Verwirrung.

»Seit wann ist mein Bruder nicht mehr im Borgunto?« fragte sie – doch sie bereute die Frage sofort. Denn der Maddii war mit einem Male nicht mehr linkisch und verlegen, sondern großäugig aufgerichtet, prüfend, irgendeinen Zusammenhang findend und der Empörung schon ganz nahe.

»Das sollte Sie nichts angehen, Signorina,« sagte er mit unfreier Stimme und merkwürdig krampfiger Bewegung der Arme. Er flüsterte jetzt: »Und Gott helfe Ihnen, Madda, wenn es Sie wirklich angeht …«

Das Mädchen war sehr blaß geworden. Einen solchen zielsicheren Rückprall ihres pseudonymen Unternehmens hatte sie nicht berechnet. Und da sie nicht wußte, welche Ereignisse hinter dem Ausbruch des Maddii standen, nahm sie die düstersten an – für den Bruder und für sich – und wurde schwach. Sie krallte sich an die goldenen Fangschnüre der Livree und keuchte:

»Um Gottes willen! Ist ihm etwas geschehen?«

»Was soll ihm geschehen sein,« entgegnete Renzo grob, »warum ihm?«

Das war deutlich: es galt nur ihr allein – Klage, Verfemung, Urteil. Kannte sie nicht diesen Guerra, wenn er sich zur Wehr setzte, und die Parteijustiz, die dunkel, erbarmungslos und unfehlbar war. Sie fingerte den weißen Dienerärmel ab und auf, drängte sich an, hinter ihrem Körper wie hinter einem Schild verkrochen, flüsterte arme und hilflose Worte der Liebe. Er war einen Augenblick betäubt, lehnte mit langen hängenden Armen an der Wand, an die sie ihn drängte. Jetzt wurde er wach und machte sich los.

»Das ist ja doch nur Angst, Madda,« flüsterte er, »das ist ja schlecht von Ihnen.«

Madda trat zurück und strich mit beiden Händen über Stirn und Haar.

»Also jetzt gehst du zu ihm oder Checca und zeigst mich an?« fragte sie mit peinlichem Lächeln.

»Nein,« sagte er, »wenn Sie etwas getan haben, Maddalena, gegen ihn getan haben, was nicht gut ist, so weiß er es auch ohne mich. – Ich habe Sie doch lieb, Madda – aber Sie sollten jetzt nicht Du zu mir sagen.«

Er sah sie dabei nicht an. Sie hatte sich umgedreht und nagte an den Lippen. – Bis morgen werde sie wegen Caminer des Bruders Antwort haben, sagte er noch. Dann ging er.

Sie gehörte zu den elastischen Frauen, die in Augenblicken tiefer geistiger Depression nur an den eigenen kräftigen Körper erinnert zu werden brauchen, um wieder dem Leben zu vertrauen. Die Erschütterung durch Renzos Andeutungen war im Augenblick überwunden, als aus seinem ehrlichen Mund die Versicherung kam, daß er nicht den Angeber machen werde. Außerdem schien das Ganze noch wenig geklärt, Guerras Verdacht gegen sie unsicher, Renzo vielleicht nichts als ein überraschender Logiker, der jetzt den Mund halten würde. Und schließlich waren sie alle Menschen ohne sonderlichen Schutz gegen die Gefühle. Diese ermutigende Argumentation kam vom Körper. Die Sekunde von Renzos beinahe tölpischer Erstarrung an der Wand unter dem leichten Druck ihres Leibes genügte als Prüfstein. Sie fühlte jetzt, fast ohne gedankliche Arbeit, daß ihre Verlassenheit so tief und unheimlich war, weil ihr angriffslustiger und fähiger Körper kontaktlos blieb. In dieser seltsam exaltierten halben Stunde seit Renzos Fortgang, in der sie rasch und ruhelos zwischen den zärtlichen Möbeln des Boudoirs hin und her schritt, faßte ihre aufgemunterte Seele den Körper wie eine Lanze und lief amazonenhaft den flüchtigen und feindlichen Menschen nach.

Daß sie in solcher Stimmung den Bescheid des Bruders nicht abwartete, ist begreiflich. Vielleicht war es aber nicht einmal ihre eigentliche Absicht, das Gespräch auf Caminer zu bringen, als sie dann die Fürstin aufsuchte; vielleicht wollte sie nur zurückerobern, was sie verloren hatte. Und der unvermutete Vorstoß in die politische Intrige, zum Schluß, kam dann aus dem eigenen Temperament.

Die Corleone sah es nicht mehr gerne, wenn sich längere Gespräche zu entwickeln schienen. Die unentwegte Spannung der letzten Zeit hatte sie nervös gemacht, und sie konnte dann trotz ihrer Selbstbeherrschung das Mißbehagen nicht verbergen. Die Augenlider begannen zu flattern und um den Mund zeigte sich ein herber und verblühter Zug. Jetzt, als sie die körperliche Angriffslust des Mädchens spürte, vermochte sie nicht einmal die paar freundlichen und gleichgültigen Worte zu finden, mit denen sie sonst sich deckte. Sie saß in ihrem tiefen englischen Sessel, ließ die Handarbeit in den Schoß sinken und verfolgte stumm und beinahe ängstlich den Weg Maddas von der Tür zu ihr hin.

Das Mädchen war von einer ungewöhnlichen, von einer schmerzenden Schönheit in diesem Augenblick. Es war, als hätte die körperliche Energie an sich selber wie mit magischer Kosmetik gearbeitet oder das Auge der Älteren mit solcher Wirkung geblendet. Die Corleone fühlte mit einem Male den alten Zug um ihren Mund ganz deutlich, wie eingeritzt von einer feinen Nadel. Sie hob das Spitzentuch vor den Mund. Aber sie spürte auch winzige Linien unter den Augen und die sehr leise und dünne Ausstrahlung des Leides zur Schläfe hin; denn das Gesicht des Mädchens kam ihr jetzt hauchnahe und brannte seine Jugend ein wie scharfe Sonne.

Die Corleone ließ geschwächt den Kopf zurücksinken.

»Quäle mich doch nicht so,« flüsterte sie unter Maddas Kuß. Das Mädchen nahm unbarmherzig seine Vorteile wahr, umarmte sie, hüllte sie mit seinem warmen Leben ein.

»Du sollst mich nicht wie eine Aussätzige behandeln, Maria,« klagte es; »das ist nicht auszuhalten!«

»Ja, ja,« nickte die Corleone und strich ihm über das Haar. »Aber du bist nicht mehr aufrichtig, Kind.«

Madda ließ sie nicht los.

»Das sind wir alle nicht mehr,« sagte sie und lachte dabei leise und spitz in die Stirn der Fürstin, die die Brauen zusammenzog. Es begann sich in ihr der Widerstand zu regen. Die Gedanken sammelten sich gegen die grobe Taktik des Mädchens. Sie schob es etwas von sich ab.

»Es könnte alles anders sein, Madda,« sprach sie, »würdest du mich nicht gar so deutlich fühlen lassen, wie sehr ich vor dir auf der Hut sein muß.«

Das Mädchen kniete jetzt neben ihr auf der gepolsterten Seitenlehne des Sessels, nahm ihren abgewandten Kopf zwischen beide Hände und zwang ihr Gesicht in seinen Blick, der ein wenig von oben kam.

»Was könnte dann anders sein, Maria?« fragte es mit ehrlichen Augen. »Alles andere ist doch gleichgültig.«

»O nein!« wehrte die Corleone leise ab, und nach einigem Zögern fügte sie hinzu: »Wir sehen ihn doch wohl von zwei verschiedenen Seiten …«

»Das ist falsch!« rief Madda ganz unbeherrscht, »das ist dein furchtbarer Irrtum, Maria! – Du brauchst nicht die Scheu aufzuwenden, das nicht verstehen zu wollen! Ich mache mir nicht einmal etwas aus deinem Abscheu, damit du es endlich verstehst …«

Die Fürstin wollte aufstehen; aber sie kam an Maddas vorgeworfenem Körper nicht vorbei. Sie blieb bedrängt und steif sitzen.

»Das auszusprechen geht doch zu weit,« sprach sie mit etwas flatternder Stimme; »das muß man mit sich selber abmachen. – Und wie muß es ihn belasten …«

»Warum? Warum!« schrie Madda wild und umklammerte ihre Handgelenke, »warum sollen Sie sich nicht vor ihm ekeln können, Majestät!«

»Armes Kind,« sagte die Corleone sanft und mütterlich. Dieser nicht erschütterte Glaube an seine Sauberkeit, das Hindurchsehen durch ihre böse Lüge und das Hindurchhören bis zu den beiden gleichen Worten, die er in den schlimmen Stunden zu ihr gesprochen hatte, erregte Madda maßlos.

»Arm?« fragte sie tückisch, von der heimlichen Wut geschüttelt, »ahnst du denn, wie reich ich bin, wenn du es schon nicht siehst.«

»Ich sehe es nicht,« erwiderte die Fürstin ruhig, »aber ich frage mich, wohin das alles führen soll.«

»In die Politik zunächst – da er es so will. – Und das heißt: in die Revolution, Hoheit.«

»So,« sagte die Corleone, plötzlich kühl. »Ich hatte diese Sphäre allerdings für den Augenblick ausgeschaltet.«

»Das ist falsch,« hastete Madda, »das ist Ihr Grundfehler, Maria. – Verdienen Sie ihn sich doch!«

Die Corleone hob das Kinn.

»Jetzt wird es Zeit, glaube ich, daß wir uns für heute trennen, Madda.«

Das Mädchen stand sofort auf und trat zur Seite.

»Verzeih,« sprach es; »doch ich sagte noch nicht den neuen Auftrag.«

»Bitte,« sagte die Corleone mit nervösem Gesicht und erhob sich. Madda sah sie aufmerksam an und fuhr fort:

»Da ich mit Vacca nicht weiterkomme, ist es im Interesse unserer Sache notwendig, daß der Präsident Caminer zum Besuch deines Hauses bewogen wird. Unauffällige Gelegenheit für eine Einladung gibt es wohl im Karneval genug.«

Die Fürstin war nur einen Augenblick sprachlos; dann erwiderte sie kalt:

»Der Mann paßt nicht in mein Haus. Wenn du in das seine hineinzupassen glaubst, steht deinem Wunsch von mir aus nichts im Wege.«

Madda duckte den Kopf wie eine anspringende Katze. Das war eine häßliche Angewohnheit von ihr, wenn sie drohen wollte. Sie fragte mit dünner Stimme:

»Muß ich das als die endgültige Weigerung dem Parteibefehl gegenüber …«

Die Corleone hatte schon das Zimmer verlassen.

 

3

Gioia, ins Ghetto zurückgekehrt, merkte zunächst von der Nachbarschaft des großen Guerra wenig. Die schwarze Steinwoge der Cortacce schlug über ihm zusammen und hielt ihm den traurigen Frieden durch die Brustwehr von Winkelwerk und Elend. Salomone empfing ihn freundlich und ohne Neugierde, wie immer, mit seinem gelben Gesicht und dem unheimlichen Glück in den schwerlidrigen Augen, die eigentlich traurig waren und durch diese Durchglühung von innen her zuweilen wie wahnsinnig blickten. Durch diesen fanatisch verinnerlichten und abgeschlossenen Menschen war nichts von dem bedeutsamen Gast zu erfahren, der irgendwo in dem wilden Haus das Schicksal kommandierte, ebensowenig auch von Checca, welche verdächtig oft zu sehen war. Doch auch Gioia war nicht neugierig, und er war überdies mit der beunruhigenden Last zweier Erlebnisse heimgekehrt. Das eine waren zwei Sbirrenlichter unmittelbar neben Checcas Haustür gewesen, als er sie an jenem Abend gegen zehn Uhr verlassen hatte – auf eine plötzlich scharfe Weisung der Tochter hin, trotzdem er die vorgeschrittene Stunde als bedenklich erwähnte und draußen im Gang auf einem Stuhl die Nacht zu verbringen sich erbot; trotzdem sie schon seit etlicher Zeit im Bett lag, auch schon geschlafen zu haben schien; trotzdem er still in einer anderen Ecke des Zimmers saß, mit dem Gesicht zur nahen Wand hin, immer noch so, wie seit dem Augenblick, als die Tochter sich zu entkleiden anschickte. Ob die beiden Sbirren zufällig am Haustor standen oder mit schlimmer Absicht – vielleicht hatte man ihn auf seinem wirren Gang zur Tochter doch beobachtet – das war die Ungewißheit, die ihn noch im Ghetto quälte. Die beiden Beamten leuchteten ihm ins Gesicht, hielten ihn aber nicht an und verfolgten ihn auch nicht auf seinen vorsichtigen Umwegen zur Schenke des starken Guillotine, der den spät und unerwartet Heimkehrenden mit ein paar gutmütigen Schimpfworten empfing und ihn in dem einzigen Gastzimmer über der Schankstube verstaute, zwischen einem brutalen Liebespaar und einem schnarchenden Säufer.

Das andere Erlebnis war drei Tage später, als er sich wieder auf das rechte Arnoufer wagte, dem Ghetto zuwalzend, und im plötzlichen Überdruß gegen den schwierigen und anstrengenden unterirdischen Weg von dem bestimmten Haus der Via della Nave durch die Kellergänge unter der Ghettomauer bis zu den Cortacce, auf der Piazza del Olio bettelnd die Dunkelheit abwartete, um sich im Strom der heimkehrenden Hausierer durch das Ghettotor hindurchzuschmuggeln. Wie er schon durch das Portal trieb und einem Händler, der ihn erkannte, einen freundlichen Gutenabend wünschte, zwang ihn das Gefühl, daß beobachtende Blicke seinen Rücken trafen, sich umzudrehen. Er sah im erhöhten Fenster der Torwache den Kopf jenes gepflegten Geheimagenten, der sich von ihm am Tage der Güte hatte zwei Almosen abnehmen lassen und ihm jetzt mit kalter Aufmerksamkeit nachblickte. Gioia war geistesgegenwärtig genug, ruhig weiterzugehen, sich einige Zeit auf der Piazza della Fontana umherzutreiben und dann wieder durch das gleiche Tor das Ghetto zu verlassen – wie nach einer harmlosen Bettelfahrt durch die Judenstadt. Noch vor dem Tor, innerhalb des Ghettos, war er dem Geheimagenten in Begleitung seines unfreundlichen Kollegen, wahrscheinlich auf der Streife nach ihm, begegnet. Es schien ihm sicher, daß sie seinen Rückzug und damit die Zufälligkeit seines Aufenthaltes im Ghetto erkannten. Aber frei von Sorge war er nicht, und mit aller Vorsicht drückte er sich außerhalb der Ghettomauer in das Verbindungshaus in der Via della Nave, ließ sich von dem Besitzer, einem der ältesten Parteigänger im Stadtzentrum, den Keller aufsperren und tastete hinter dem tückischen Licht einer Öllampe den langen schwarzen Gang entlang, dessen schleimiger Boden seinen Füßen kaum Halt gab und dessen Grabluft die arme Brust folterte.

In den ersten Tagen in den Cortacce hatte er dann diese Begegnungen, über die er auch zu Checca schwieg, mit allen ihren bösen Möglichkeiten zu verwinden. Denn die Tochter zeigte nichts als berufliche Härte, wie überhaupt jener Wundertag grell und böse sich mit seiner Vertreibung beschlossen hatte und keine Spur mehr hinterließ. Schließlich schien ihm auch die dumpfe Freundschaft des Ortes nicht mehr ehrlich. Hinter dem steten Niederschlag des Lärms und der gewohnten Elendsdünste wetterleuchtete es. Da war irgendwo der Unsichtbare an der Arbeit und zupfte schon an den Fäden der rebellischen Bewegung wie ein ungeduldiger Marionettendirektor vor Theaterbeginn. Gioia spürte bis in den engen Zirkel seiner Kammer und des Ganges mit dem Himmelsstückchen die angesammelte Spannung solcher widerlichen Aktivität, fühlte das feindliche Element eindringen wie Gas. Man konnte sich nicht schützen, und die Sonne, welche die verbogenen Dachtraufen beschoß, wenn der vor der Kammertür Sitzende den entrüsteten Blick in die Höhe wagte, hißte schon die Glutfahne ihrer alten Gegnerschaft, als wäre es nicht Januar.

Checca war verdächtig viel zu sehen. Zu ganz ungewöhnlichen Stunden trat sie zu ihm in die Kammer, sagte ein paar Worte oder auch nichts, ließ ihr eifergelbes Gesicht mit dem wilden Weißhaar im Türrahmen zum Gang aufglänzen, gab dem Blut- und Fleischgeruch des dumpfen Raumes den Duft ihres Parfüms als beinahe dreisten Gegensatz und ging dann wieder mit ihrem kurzen, gleichsam verwarnenden Kopfnicken. Gioia spürte immer deutlicher, daß es viel weniger ein Besuch als ein Kontrollgang war. Ihre Person, wußte er bald, war die derbste Trägerin der feindlichen Idee und schien die Aufgabe zu haben, ihn oder seinen Bereich mit dem Gift zu infizieren. Es war bald so weit, daß er für ihre Erscheinung den gleichen böswilligen Blick der unbebrillten Augen hatte, wie für die Kriegssignale der Sonne.

»Ja, was ist denn …« begehrte er schließlich auf, als ihre hagere Gestalt wieder auf der Schwelle stand, und sah feindselig geradeaus, in das immer zerbrochene und vergitterte Fenster der gegenüberliegenden Wand. Dort hatte er seine große Spinne, die jeden Morgen in die bestimmte Ecke des Fensterausschnittes kam und aus dem Blechtellerchen die Tropfen Kaffee trank, die er ihr eingoß. Es war immer schon ein gutes Verhältnis zwischen Gioia und der Spinne gewesen, befriedigend durch die Lautlosigkeit und Anspruchslosigkeit des Umganges. Der Alte schätzte in diesen Tagen das Tier besonders, weil es seine lange Abwesenheit nicht mit Wegzug oder Entfremdung quittierte, sondern sich sofort wieder auf den Kaffee hinunterließ, als sei zwischen diesem Trunk und dem letzten keine böse Spanne Zeit gewesen. Im Anblick der Spinne und durch die Gedanken, die sie bei ihm auszulösen pflegte, vergaß er seine rebellische Frage und die Tochter im Türrahmen und bekümmerte sich auch nicht um ihr Schweigen. Erst als sie, die linke Schulter gegen die Pfosten drückend, den Kopf in den Gang streckte und zu ihm hinuntersah, wurde er mit erschrecktem Herzen an sie erinnert. Er sah sie an und bekam es mit der Angst. Sein Gewissen war nicht unbelastet.

»Ach, Checca,« murmelte er in aller Demut, »sieh mal …«

Er hatte nichts zu sagen; es war nur seine Art, sie sich günstig zu stimmen. Sie sah ihn immer noch an, stumm, als erwarte sie, mehr von ihm zu hören, versonnen auch und leidenden Gesichts. Jetzt war es ihm, als seien ihre Gedanken so wenig bei ihm, als die seinen vorhin, die Spinne streichelnd, bei ihr gewesen waren. Aber sie fragte in diesem Augenblick, wie sein Befinden sei. Das machte ihn stutzig und mißtrauisch.

»Wieso?« fragte er zurück. Sie antwortete mit einer Phrase, die sich bei ihr sonderbar ausnahm: man werde jetzt bald alle Kräfte zusammennehmen müssen, auf welchem Posten man auch stehe. Gioia entgegnete wach und böse:

»Du wirst mich für jede Art Gefängnis verwendungsfähig melden können.«

Checca schüttelte sanftmütig den Kopf.

»Es wird wohl nicht das sein,« sprach sie leise. »Ich weiß auch nicht, um was es sich in deinem Fall handeln könnte.« Sie machte eine Pause und ließ sich langsam in die Kammer zurückgleiten, aus der sie sich hinauslehnte. Es war jetzt von ihr nur noch die Hand zu sehen, die sich am Türrahmen hielt. »Übrigens …« kam ihre Stimme aus dem Dämmer und die Finger glitten am Holz auf und ab und erinnerten den Alten an den Geigenhals, an seine eigenen beweglichen tönenden Finger – und die Melodie wurde so stark, daß sie Checcas zaghafte Worte übertönte. – –

»Babbo,« erinnerte sie nach einer Weile, das Wort des Schicksals ohne Aufwand an Ton und Absicht gebrauchend. Es war auch nicht das Wort, das den dünnen Lauf nach rückwärts und seine Versponnenheit zerriß, sondern die Hand, die von der Tür fortgeflogen war.

»Was meinst du, Checca?« fragte er wirr zur Kammer hin.

»Ja,« entgegnete ihre Stimme, nicht mehr recht sinnvoll, als würden sich die Worte dieses gezerrten Gespräches nur noch zufällig begegnen können, »auch ich muß jetzt hier wohnen. Die Polizei hat das Haus entdeckt, in der … du weißt schon, und mein hübsches Zimmerchen und ungefähr unseren Zusammenhang – – durch dich natürlich … neulich …«

Gioia nickte blöde mit dem Kopf und ließ ihn dann hängen. Er hörte eine Zeitlang nichts als einen Betenden, dessen plötzlich lauter und klagend gezogener Gesang aus einer Mauerritze über ihnen zum strengen und rauhen Gott zog. Dann hörte er wieder die Tochter:

»Aber du brauchst deshalb keine Angst zu haben. Ich sagte ihm nichts – und deshalb ruft er dich nicht.«

Gioia stand auf und tastete mit der Almosenhand hinter sich die Mauer ab; aber sie war da und blieb, bröcklig und vertraut.

»Wer – wer …« stöhnte er weinerlich. Checcas Gesicht glitt aus der Kammer, mit erstaunten Augen.

»Hast du wirklich nichts gehört vorhin?« fragte sie. Gioia jammerte aufdringlich:

»Nichts! Nichts! Bei der heiligsten Jungfrau! Was will man von mir! Ich bin taub …«

»G. G. will dich kennenlernen – das sagte ich dir,« unterbrach Checca ruhig. Gioia wurde ganz still. Er legte den Kopf noch mehr auf die rechte Schulter, wie er es zu tun pflegte, wenn er aufsehen wollte, beugte den ganzen Oberkörper nach rechts und blinzelte mit dem linken Auge in die Höhe. Auch die böse Sonne war noch da und entzündete den obersten Rand des Dachstückes, das zu sehen war. Wie der Blick wieder in den Hofschacht zurückkehrte, erkannte er, geblendet, nicht einmal mehr die zutunliche Spinne im schwarzen Fensterviereck.

»Das muß doch einmal ein Ende haben,« flüsterte Gioia; und als ob er fühlte, wie mißverständlich seine Worte waren, setzte er hinzu: »... dieses Leben …«

»Das hat ein Ende,« versicherte Checca.

*

Der Ausbruch der mittelitalienischen Rebellion war von der Parteizentrale auf die Woche nach der endlichen Papstwahl festgelegt worden. Der Unterschied gegenüber der mißlungenen Herbstrevolte sollte in der möglichst selbständigen Aktion jedes einzelnen Landes von der lombardo-venezianischen bis zur neapolitanischen Grenze bestehen. Aus den Instruktionen für die Bewegung in Toskana erkannte Guerra durchaus die Absicht der Zentrale, seinen früheren Einfluß auf die Gesamtaktion auszuschalten und ihn nur noch für den Abschnitt zu verwenden, der innerhalb der Unabhängigkeitsidee immer noch der unwichtigste war. Denn daß mit einem glatten Umsturz im festgefügten Großherzogtum nicht zu rechnen war, wußten auch die Pariser Drahtzieher. Im großen ganzen also war das demonstrative Ziel der abgesagten Oktoberemeute wenig verändert. Und es war auch weder die parteipolitische Degradierung seiner Person noch die unveränderte Aussichtslosigkeit der bevorstehenden Empörung, die Guerra in tiefer Seele belastete, sondern jener Geheimbefehl, der von ihm am Tage der Papstwahl zu öffnen war und über dessen Inhalt er sich keiner Täuschung hingab. Denn es gehörte nicht viel Scharfsinn für die Vermutung, daß der Anschlag auf das Leben des Großherzogs wiederholt werden und unmittelbar durch ihn geschehen sollte.

Schon in der ersten Nacht im Hause Salomones verschaffte er sich die Gewißheit, die ihm wichtiger war, als die kaum nachzukontrollierende Einhaltung des befohlenen Termines. Er entsiegelte das Billett, sah die gebrochene Linie über der Chiffer, mit der der Großherzog bezeichnet wurde, und sein eigenes Signum als fatalen Abschluß.

Wenn dieser Parteibeschluß die Folge einer Denunziation und die Strafe für sein Verhalten während der Herbstvorgänge war, so hatte er für die Unruhe des Herzens allen Grund. Ein zweiter Ungehorsam würde unabwendbar das Parteigericht gegen ihn zusammenrufen. Verbrechen prominenter Führer pflegten, um Erschütterungen der Parteidisziplin zu vermeiden, nicht wie bei Subalternen mit dem Tod bestraft zu werden, sondern mit dem Befehl zum Selbstmord innerhalb einer bestimmten Zeit.

Guerra war niemals in einem Grade Fanatiker der Idee gewesen, um den Respekt vor dem menschlichen Leben und den Abscheu vor seiner Zerstörung zu verlieren. Das politische und persönliche Komödiantentum seiner Jugend schreckte schon wegen seiner Oberflächlichkeit vor dem endgültigen Gesicht des Todes zurück. Der Ernst des Mannes, der durch die Entwicklung des eigenen Lebens, durch die Einsicht in vieles Schicksal gewonnen war und den politischen Weg ohne Kothurn gehen wollte, besaß dann eine klare humanitäre Anschauung der Mittel, um die Idee zu verwirklichen. Denn die Idee war gut und der Hingabe des Lebens würdig. Sie wuchs mit dem Leben mit, das seine und ihre Theatralik abgestreift hatte und älter wurde, größer, reifer, wahrhaftiger. Die Idee entwickelte sich gleich dem Werden des Lebendigen, unaufhaltsam und zwangvoll in ihrer Realität. Das war gut so, aber das mußte seine Zeit haben. Noch ein Menschenalter: und die Entwicklung war zu Ende, die nationale Idee war Nation, aus dem Gesetz der Natur, ohne die peinlichen Antriebe mittelalterlicher Blutromantik. Der göttliche Ausgleich zwischen den Gegensätzen der äußeren und der inneren Welt war immer nur das Menschliche allein. Es waren überall Verbindungen denkbar, geschaffen vom humanen Geist und nicht abwegig vom Ziel. Aber Blut und Feme, stark durch die Überlieferung, arbeiteten anders – und die erschütternde Erfahrung der Historie durfte nicht behaupten, daß sie schlecht arbeiteten. Guerra begann, die Tragik seines Lebens zu begreifen, daß er für die bessere Einsicht immer noch nicht jung genug und zu stark schon durch die eingespielte Brutalität des Berufes kompromittiert war.

Guerra war keine heldische Natur, auch nicht von der offensiven Unberechenbarkeit der Schwester oder von Checcas zäher Passion. Er war ein mutiger Mann, der die Kulissen seiner Jugendszene auf sympathische Weise zum dauerhaften und einigermaßen imponierenden Hause ausgebaut hatte und die heroische Geste beibehalten mußte, wie der Offizier die Achselstücke und Schärpe. Seine ungewöhnliche Stellung, die immer in dem Augenblick, wo sie sichtbar wurde, Wirkung sein mußte, hatte bei der eigentümlichen Ehrlichkeit seiner Natur das Bravouröse zur Folge, das seinen revolutionären Ruhm schuf. Die Pflicht zur Haltung hielt Geist und Körper in bewundernswerter Weise aufrecht, auch in unmittelbarer Todesgefahr, auch wenn das Herz im tollen Angstwirbel schlug. Aber alle diese Krisen bisher waren gleichsam persönlicher Art gewesen, Auseinandersetzungen mit sich selber, mit den eigenen Nerven, unsichtbar doch hinter der eleganten Fassade seines Führertums. Was ihm jetzt zu drohen schien, war der Tod in beiderlei Gestalt, in der fremden und in der eigenen – Pole der Furchtbarkeit, die außerhalb seiner Idee und seiner Bravour stand.

Übrigens blieb er auch jetzt noch äußerlich ruhig, umsichtig und entschlossen tätig, unanfechtbarer Führer. Checca, die ihn gut kannte, sah das Beunruhigende zuerst nur in seinen Augen. Er hatte ihr auch nicht die Ursache seines Wegzuges aus dem Borgunto gesagt, nicht Madda verdächtigt noch von dem Schweren gesprochen, was ihm bevorstand. Es verwunderte ihn selber, wie wenig Raum in seinen Gedanken für die Entrüstung über das dunkle Spiel der Schwester übrigblieb. Wo anders saß der Trieb, sie vor sich selber zu entschuldigen und sie nicht der gefährlichen Feindschaft Checcas auszusetzen, als in seiner schönen Liebe? – War diese Liebe schön? – Er dachte viel darüber nach. Er sagte ja, frei und entfernt von der Versuchung jener einen bösen Nacht. Und da er durch sie an die anderen Frauen dachte, die sich an sein Leben gebunden hatten, mit jeder Art von Liebe, dienend, entsagend, gebend, Checca, Maria die Frau und Maria das Kind – wie unter den Schlaglichtern der Erinnerung tausend Gesichter auftauchten, die ihm zujubelten – ihm, dem Führer, und ihm, dem schönen Menschen – und Salomones verzückter Segensspruch über seinem Haupt war wieder hörbar, zu spüren wieder sein scheuer und erschütternder Handkuß –: da wurde Guerra schwach vor so viel Zärtlichkeit des Lebens und schrie:

»Mein Gott! Mein Gott! Wer hilft mir!«

Checca war bei ihm; er mochte es vergessen haben. Sie waren beide erschrocken. Die Frau sah ihn sprachlos an. Sein Gesicht wirkte durch den kurzen Backen- und Kinnbart, den er sich im Ghetto hatte stehen lassen, und wohl auch durch den Mangel an Bewegung und frischer Luft fahl und kränklich. Jetzt zwang er sich zu einem Lächeln, fuhr mit der Hand durch die Luft und fragte:

»Sonst noch etwas, Checca?«

Sie antwortete leise und etwas bestürzt über seinen Wunsch, daß sie den Ausruf seiner heimlichen Not zu überhören habe:

»Nein, – nur Gioia ist wieder in den Cortacce.«

»Gioia …« wiederholte er leise, die Silben dehnend, und dachte nach. Checca hob plötzlich die Arme und schrie leicht auf, scheinbar sinnlos. Guerra, der ihr jetzt den Rücken zudrehte, beachtete es nicht.

Den Wunsch, den Alten zu sprechen, äußerte er erst nach etlichen Tagen, recht nebenbei, wie aus zufälligen Gedanken. Doch Checca ließ sich nicht täuschen.

»Den hinfälligen alten Mann?« fragte sie zögernd; »ich verstehe das nicht recht.«

Guerra hob den Kopf; er hatte böse Augen.

»Heute abend,« sagte er kurz. Sie ging. Er blieb noch eine Weile sitzen, mit nervös spielenden Fingern, das Gesicht zusammenziehend, als schmeckte er eine Säure. Er fuchtelte plötzlich mit den Armen. – Er glitt ab, in tollem Tempo schon, auf diesem verfluchten Gedanken reitend wie auf einem Teufelspferd. – Plötzlich stand er auf und verließ das Haus, das erstemal seit seiner Übersiedlung ins Ghetto. »Ist es nicht gefährlich, Signore?« murmelte Salomone, der aus dem Laden herbeilief; »es ist heller Tag noch.«

»Lassen Sie nur,« wehrte Guerra freundlich ab; »Gefahr ist überall.«

Noch vor dem Tor, das zum Alten Markt führte, wußte er, von der Depression umhüllt wie von grauen Nebeln, gewiß nicht, wie weit es ihn in die Gefahr treiben würde, die mit einem jämmerlichen Schritt schon eine verächtliche Rettung sein konnte. Doch als er im Torbogen die erste Uniform sah, stand eine Mauer so hoch wie der Himmel zwischen ihm und dem bärenmützigen, stumpfgesichtigen Invaliden – und der Schritt zu jenem war schon Unmöglichkeit, die Worte an ihn – die Worte: ich bin Guerra – nur noch grauenhaftes Echo des abziehenden Wahnsinns. Es kam anders. Weil ein vor ihm schreitender Hausierer die eine Schulter höher hatte als die andere, hob auch er ein wenig die linke Achsel und ging vorgestreckten Kopfes mit überlangen Schritten. Er kam durch das Tor in den geschäftig gleichgültigen Mercato, übersehen wie ein anderer jüdischer Händler, bog in die Pellicceria, war bald am Arno und vor dem Palazzo Corleone. Er verlangte die junge Gräfin in Geschäften zu sprechen; er sei der Juwelier Krieg – er nannte den deutschen Namen – aus der Via Fiesolana, Eccellenza wisse Bescheid. Der Pförtner, leise mißtrauisch, bemühte sich um die schwere Aussprache des Namens. Guerra riß eine Ecke von der Zeitung ab, die der Portier las, und mit dem Stückchen Bleifeder, die er schon unterwegs in Salomones langem Rock gefunden hatte, schrieb er auf den Fetzen mit seiner festen kleinen Handschrift: »G. Krieg – Gioie – Fiesolana« und eine winzige Chiffer, verborgen in der Paraphe des Namens. Der Pförtner, dem das Wort der Entrüstung über den Mißbrauch seiner Zeitung im Mund stecken blieb, als ihn der herrische Mann ansah, läutete nach einem Lakaien. Wenige Minuten später lief Renzo Maddii die breite Treppe herab – so als liefe er seiner unpassenden Livree davon.

»Herr … Herr …,« stammelte er, blaß und aufgeregt.

»Krieg!« fuhr Guerra ihn an, um ihn ins Gleichgewicht zu bringen. »Juwelier Krieg – wegen der Ohrringe …«

»Ja, ja,« sagte Renzo verschwommen, »kommen Sie nur.«

Die beiden verschwanden im Treppenhaus. Der Pförtner sah ihnen nach, ging dann schwerfällig würdig zum Portal zurück und betrachtete aufmerksam das Hin und Her auf dem Halbbogen der Trinitàbrücke. Dann drehte er den breiten Kopf mit dem pompösen Zweimaster scharf nach rechts. Dort, an der Ecke des Kais und der Tornabuoni, lehnte ein Mann in mittleren Jahren mit peinlich aufgehobenem Gesicht und halb geschlossenen Lidern und spielte ohne Unterbrechung auf einer Gitarre zerflatternde Akkorde. Hin und wieder öffnete er auch den Mund zu einer imaginären Melodie. Am Hutrand war ein Schild befestigt, welches völlige Blindheit und Erbarmungswürdigkeit des Musikanten feststellte.

»Faustino!« rief der Pförtner den Armen an, »ist der Dicke heute schon vorbeigekommen?«

Der Musikant schüttelte wehmütig und beschäftigt den Kopf, ohne das Gesicht zu senken und sein Spiel zu unterbrechen.

»Soll zu mir!« befahl der Pförtner und zog sich zurück.

*

Renzo Maddii wagte noch einen verstörten Blick in das Zimmer und schloß dann hinter den Geschwistern die Tür. Madda starrte den Bruder an wie eine unwirkliche Erscheinung. Sie lehnte noch so erschrocken, hilflos und stumm an der Wand wie bei seinem Eintritt. Wie sie allein waren, ging Guerra auf sie zu und küßte sie. Das war ein böser Kuß, höllisch aus Absicht. Madda wurde blutrot und stöhnte leise.

»Im Ghetto also?« fragte sie schließlich.

»Du wußtest es nicht – von Renzo?«

»Wahrhaftig nicht.«

Guerra hielt ihre Hand fest und sah ihr in die Augen, die groß vor Angst wurden.

»Du hast Dummheiten gemacht, Madda,« sprach er leise und zärtlich, »schlimme Sachen – weiß Gott, wie sie ausgehen. Ich könnte dich jetzt schon auch fragen, was du mit Caminer vorhast. Du bist also suspekt – und du wärest furchtbar in Gefahr, würde ich nicht sein, Kind …«

Ihr Gesicht war ohne Blut.

»Der Caminer sitzt mir auf den Fersen,« klagte sie, »er kann mich jeden Augenblick verhaften, glaube ich. – Das ist die letzte Möglichkeit, ihn aufzuhalten.«

»Die letzte Möglichkeit,« wandte er lächelnd ein, »ist, ihm zu sagen, wo ich bin … Denn du wirst bei diesem Menschen keine Judith-Gelegenheit bekommen, ihn umzubringen.«

»Ich weiß nicht, was du willst,« bebte sie. »Soll ich von hier fort? jetzt noch? ins Ghetto?«

Er schüttelte den Kopf.

»Das käme ja auf das Gleiche hinaus, wie jene kleine Intimität mit dem Bargello,« meinte er; »denn ich stehe für deine vollkommene Überwachung ein. Außerdem hast du hier ja noch nichts getan – und wir stehen vor der Entscheidung. Und schließlich wirst du kaum verhaftet werden, solange sich die Corleone auf die Krone stützen kann und weil sie vor den Folgen Angst haben muß, die ihr dann von unserer Seite drohen. – Das sind immer noch die beiden guten Garantien für deine Sicherheit. – Was ist mit Maria?«

Das Mädchen war froh, durch diesen Namen aus der unheimlichen Zweideutigkeit des Gespräches fliehen zu können. Sie antwortete scharf, daß die Fürstin sich ihr und der Sache völlig entfremdet und zum mindesten den alten Steiner in das Parteigeheimnis eingeweiht habe. So habe sie ihren Wunsch, Caminer einzuladen, zuerst auf das schärfste abgelehnt und selbst auf klare Warnung nicht reagiert; wenig später aber – der alte Steiner war dagewesen – habe sie sich, ohne Überleitung fast, mit dem Besuch Caminers einverstanden erklärt.

»Der Baronissimo,« unterbrach Guerra ruhig, »weiß zu viel, viel zu viel – gefährlich die Profession und die Freundschaft – das kann böse Folgen haben. Vielleicht habe ich noch Gelegenheit, mit ihr zu sprechen; und sie sollte in keinen Verrat hineinrennen, die Arme …« Guerra sprach nervös, abgehackt, abwesend beinahe. »Und dem Alten – du warntest schon einmal vor ihm – kann ich ein paar Leute ins Haus schicken, wenn es losgeht …«

Er stockte und zog sie an sich. »Könntest du töten?« fragte er plötzlich, ganz nahe ihrem Gesicht. Es war, als erstarrte sie unter seinem Blick.

»Ich weiß es nicht …,« flüsterte sie, »vielleicht, aber … du fragst, weil du etwas willst, Gasto …«

»Laß nur! Laß nur!« beruhigte er, mit den Lippen über ihre Augen gleitend; »aber möchtest du leben, wenn ich nicht mehr …«

»Was … was heißt das!« schrie sie, zurückfedernd, wild.

»Kannst du?« wagte er wieder.

»Nein! Nein!«

Er schloß ihren aufgerissenen und entsetzten Mund mit sanfter Hand.

»Laß nur,« sagte er von neuem, mit einer beinahe irren Versonnenheit im Gesicht; »das ist gut so; das ist Trost für mich, weißt du? Das sind nur Gedanken …«

Madda schüttelte den Arm des Reglosen.

»Gastino …,« flüsterte sie benommen, »das gibt ein Unglück … du mußt bei Besinnung bleiben – du wenigstens …«

»O die Besinnung!« lachte er leise, »dies alles sind nur Besinnungen!«

Sie tat eine gequälte Geste.

»Weshalb bist du eigentlich gekommen? Gib mir doch klare Weisung!«

»Hinhalten!« rief er grob, »den Bargello hinhalten – bis zur Papstwahl! Dann kann ich losschlagen – in den Wahnsinn, in den Seifenschaum, der in die Augen spritzt. – Sag ihm, ich bin in Fiesole, in Settignano, in den Hurenhäusern San Fredianos, unter dem Bett der Corleone … zum Teufel auch – – wenn er es nicht schon besser weiß.« Er lachte böse und laut, murmelte auch etwas hinterher.

»Was sagst du da?« fragte sie und riß die Augen auf. Er sah sie einen Augenblick an.

»... und das wäre das Beste,« wiederholte er. Sie bekam die kleinen Buckel der Wut über der Nasenwurzel.

»Für die Corleone?« fragte sie gehässig. »Das wäre nicht mehr originell.« Er sah sie verblüfft an. »Willst du sie sehen,« fuhr sie fort und hatte dünne Lippen, »sie dürfte im Haus sein …«

Er schüttelte den Kopf und kniff die Brauen zusammen, als bedachte er es in der Tat.

»Nein,« erwiderte er langsam, »ich habe heute eine ganz einseitige Gedankenrichtung. Es ist wie ein Zwang fast – wahrhaftig. Ich würde am Ende auch von ihr wissen wollen, ob sie den Großherzog erschießen könnte.«

Madda wich bis zur Zimmerwand zurück. Sie öffnete den Mund, ehe sie das Wörtchen, das sie erschütterte, wiederholte:

»... auch …«

*

Er sei ein braver und zuverlässiger Mensch, lobte Guerra den Renzo Maddii ohne Übergang und mit abwesenden Augen, mit ganz fremder Stimme auch, als sie dann die ausschweifende Treppe mit den feierlich breiten und niedrigen Stufen wieder hinabstiegen. Renzo antwortete nicht, schaute zu Boden und blieb auf dem letzten Podest stehen. Guerra warf einen kurzen Gruß zurück. Im Portal stand kantig der Pförtner, steif, wichtig und teilnahmlos wie der Kugelstab in seiner Hand. Er rührte sich nicht, wie der verdächtige Händler vorbeikam. Er hielt den Blick wie eine Barriere quer über den Torweg, rückte nicht den Kopf, bis der Fremde das Sehfeld durchschritten hatte. Dann hob er, mit einem Ruck nach links, zugleich Kopf und Brauen. Das war mit keinem Lärm verbunden; doch der Fremde, schon auf der Schwelle, drehte sich schnell um, mißtrauisch, wie zur Abwehr gegen einen Schlag aus dem Hinterhalt. Der Pförtner sah hoffärtig über ihn hinweg. Gegenüber dem Portal an der Kaimauer lehnte Don Lionello und hatte bereits mit den Brauen zurückgewunken. Weiter ging den Zweispitz die Sache nichts an.

Guerra, dessen Blick vom Pförtner auf den Abate gesprengt wurde, hatte einen Augenblick das Gefühl, als fließe der breite schwarze Mann wie schwarzer Nebel auseinander, alles verdeckend. Doch er war schon weitergegangen, der Trinitàbrücke zu – kaum bewußt die List des entgegengesetzten Weges ausführend –, hatte eine hohe Schulter und lahmte sichtlich. Don Vacca ging ihm nicht nach.

*

Salomones Staatszimmer, dem Führer ehrfürchtig als Aufenthaltsraum eingeräumt – grüne Plüschmöbel, ovale Bilder häßlicher Frauen, herber Ruch von Staub und Kampfer –, gab wenigstens einen Augenblick des Friedens. Guerra lag auf dem kurzen harten Sofa und hielt sich den Kopf. Der Körper war müde, aber das erregte Herz war mit feinen Stichen fühlbar, und vor den Augen schwirrten noch tausend Bilder von der Flucht durch die Stadt – Hast zum linken Ufer in die Campuccio, in Guillotines Taverne –, das langsam sich vor Staunen und Devotion verschiebende Massiv des Athletengesichtes, das Warten auf die Dunkelheit im grimmigen Gastzimmer, über dem Kopf den Kinnfelsen des besorgten Hausherrn, der mit rückenden Schultern willens war, zum Schutz des Führers seine gesamte Truppe zu alarmieren, auf Guerras ausdrücklichen Befehl still blieb, knurrend wie ein großer Hund, mit einem brutalen Wort das Zimmer von den Gästen räumend –, Gang in den Abend, Angst im Herzen, immer diese Angst im Herzen, Straßen, Brücke, Straßen, viele Menschenschatten, deren jeder feindlich war –, das alte Haus in der Via della Nave wie ein schiefer Zahn vor dem Schlund der Hölle, Gang durch den Keller mit der schwarzen, schweißtreibenden Trauerluft des Grabes, das gut war, weil die Menschen fehlten, zugleich entsetzlich aus demselben Grunde. – Und was war dieses alles und die schäbige Plüschruhe dieses Zimmers, wenn er die Augen schloß und die Hölle sah, in die er hineingeglitten war! –

Checca stand im Zimmer, weiß Gott wie lange schon. Vielleicht hatte er die Tür offengelassen oder ihr Klopfen überhört. Vielleicht war diese alte Frau, die aufschrie, wenn er an die Mordlast dachte, der nächste Mensch, mit ihm zu tiefst verbunden, durch ihre Liebe allsichtig. Aber das nützte jetzt nicht zum Guten; denn hätte er sie nicht rufen lassen, wenn sie nicht von selber gekommen wäre? – Er nickte ihr grüßend zu.

»Wenn Sie wollen, Signore,« sprach sie verhalten, »kann Gioia jetzt kommen.«

Guerra sagte weder ja noch nein. Er machte die gleiche Geste mit der Hand, wie eben zur Begrüßung. – Er sei etwas müde, meinte er schließlich wie zur Entschuldigung, er sei unvernünftigerweise in der Stadt gewesen, bei der Schwester; vor dem Palazzo Corleone sei der Abate Vacca gestanden und habe ihn fortgehen sehen. Und wenn er ihn auch nicht erkannt zu haben brauche, so ließen doch seine Kleidung und der Ort die besten Kombinationen zu. – Guerras Ironie war etwas hilflos und schal. Er fuhr immer wieder mit der Hand gequält durch die Luft. Checca hielt den Kopf gesenkt und sprach nichts. – Er habe Madda sprechen müssen, verbiß er sich in sein Berichten, klanglos sprechend wie im Selbstgespräch, nicht aus diesem und jenem Grund, sondern zwangvoll, zwangvoll, zwangvoll … – Die Stimme löschte mit dem immer wiederholten Wort aus. Checca rührte sich nicht und zog die eckig schmalen Schultern hoch. Guerra hob die Füße auf das Sofa, als wäre eine Ratte im Zimmer.

»Die Hölle ist da, wo ich jetzt bin,« flüsterte er; »aber ich kann nicht töten, Checca …« Er sah sie jetzt erst an, und in der gleichen Sekunde hob die Frau den Kopf. Er verzog das Gesicht und sah sonderbar häßlich aus. »Damit …« flüsterte er und ließ die Lippe hängen, »mit dem Tod gehe ich jetzt hausieren – ja, und das Kind Madda nimmt ihn mir vielleicht ab. Denk einmal über diesen Handel nach, Checca.«

»Ich habe schon nachgedacht,« versetzte Checca leise und ließ nicht den Blick von ihm.

»Denk nach!« rief er wild, »denk nach! Das ist nicht so einfach, und da sagt keiner recht ja und nein. – Und ich sagte nicht ja zu Madda – denn da bist du noch …«

Checca blieb ganz ruhig; nicht einmal ihre Lider flatterten. Sie sagte die Antwort glatt, sachlich, wie vorbereitet:

»Ich bin natürlich bereit. Es handelt sich wahrscheinlich um ein neues Attentat auf den Souverän.«

»Natürlich bereit – natürlich …,« wiederholte er mit verzweifeltem Gesicht; »aber ich sage noch lange nicht: ja und tu es! – verstehst du mich? – Das sind möglicherweise nur Vergewisserungen, Prüfungen …« Er richtete sich heftig auf, stellte die Füße auf den Boden. Er sagte streng: »Diese Hingabe in Ehren, Checca: aber wem gilt sie, dem Vater oder der Partei?«

Checca bekam rote Flecke im Gesicht und bewegte ein wenig die Schultern. So antwortete sie tonlos und scheu:

»Ihnen – Gasto …« –

Es war absonderlich, daß sie in diesem Augenblick die nie gewagte Vertraulichkeit des Vornamens aussprach. Vielleicht war es eine ungemein frauliche Ahnung, daß solche Zärtlichkeit, ganz wie von ungefähr durch das große Schicksal ans Licht gebracht, nicht einmal als etwas Neues oder Besonderes bemerkt werden würde und auf das sanfteste sich bestätigte, wie etwas Natürliches hingenommen.

Guerra merkte es nicht.

»Gut,« sagte er hastig, »gut, Checca mia, und du holst mir jetzt den Alten. – Es muß ein Ende sein, mit diesem Tag …«

Checca ging ohne ein Wort der Erwiderung. Ein paar Minuten lang rollte die Zeit leer durch das Zimmer. Guerra sah in die Flammen des vielkerzigen Leuchters.

Es klopfte. Die Tür öffnete sich langsam. Gioia schob den demütigen Kopf ins Zimmer, blinzelnd und allerlei murmelnd. Dann zog er den Körper ins Zimmer, schloß mit umständlicher Hantierung die Tür. Er blieb an der Wand stehen, auf und nieder wippend, und grüßte ein drittes Mal. Das Gesicht war fahl, wie ausgelöscht, stumpfgrau wie der Bart, in den es sich zerfaserte. Guerra sah ihn lange an. Plötzlich, als besänne er sich, streckte er ihm die Hand hin und nannte ihn: Herr Gioia. Der Alte rollte von der Wand fort und legte, vor Verlegenheit leise kichernd, die Almosenhand vorsichtig in die dargebotene.

»Diese Hand ist gebrauchsfähig?« fragte der große Guerra freundlich. Gioia, etwas benommen, sah ihn von der Seite an, als schielte er aus der Brille. Guerra lächelte ihm zu. Die Jovialität des gefürchteten Führers tat wohl; aber es steckte gewiß etwas dahinter. Der Alte entschloß sich, die Frage nur durch ein unbestimmtes Kopfnicken zu beantworten. Guerra wiederum hätte noch allerlei Zutunliches, Anpürschungen und Übergänge, zu sagen gewußt. Aber plötzlich konnte er nicht mehr, vielleicht durch Gioias Vorsicht gereizt, vielleicht am Ende seiner Nerven.

»Ja oder nein,« fuhr er den Alten an, »können Sie mit der Linken schießen?«

Der Alte hob den Körper und rollte langsam nach rückwärts. Die Almosenhand flatterte hin und her, um ihre Schwäche zu zeigen.

»Euer Gnaden …,« stammelte er, » Dio …«

Guerra holte einen Zettel aus der Tasche.

»Sie haben,« erklärte er, »im Auftrag der Partei am 15. August 1807 und am 13. November 1809 zwei Inkulpaten erschossen. Da Ihre rechte Hand seit dem Jahre 1804 verkrüppelt ist, müssen Sie es mit der Linken getan haben.«

Gioia stand jetzt in der anderen Ecke des Zimmers. Er nahm aus irgendeinem Grunde die Brille ab, vielleicht, um Mitleid zu erregen. Die armen Augen liefen hin und her und der Unterkiefer folgte mit irrem Rhythmus der Bewegung. Guerra hob die Fäuste vor die Augen. Plötzlich schrie er:

»Stehen Sie nicht so da! Glauben Sie, das ist auszuhalten!«

Gioia tat die linke Hand vor das Gesicht. Vielleicht wollte er Tränen verbergen oder auch nur den Kiefer und die Augen verdecken, die nicht mehr gehorchten. Guerra hustete erregt.

»Ja,« sprach er heiser und hastig, als widerlege er Einwände, »auf fünf Meter treffen Sie auch heute noch. Sie tragen das Pistol in eine Zeitung gewickelt. Ich weiß noch nicht, ob ich Sie an einem Karnevalssonntag zum Maskenkorso auf den Santa-Croce-Platz stelle oder zum ›Passeggio‹ unter die Uffizien, oder zu einer der Galavorstellungen in der Pergola neben dem Eingang. Das hängt von den Umständen ab. Jedenfalls werden Sie so gestellt, daß der Souverän in geringer Entfernung an Ihnen vorbeikommt.«

Gioia hatte währenddessen die Hand vom Gesicht genommen und die verwässerten Augen erhoben. Er sah den Führer mit einer Eindringlichkeit an, daß Guerras Stirn blank von Schweiß wurde. Der Alte hob den Körper auf und nach vorn, rollte auf den anderen zu, drohend fast. Guerra wich einen Schritt zurück.

»Was wollen Sie?« fragte er leise und tat die Hand in die Tasche. Gioia kam ihm nahe, den Kopf vorgestreckt wie ein Reptil. Er flüsterte, geheimnisvoll wie eine Sibylle:

»Sehen will ich, Euer Gnaden – sehen will ich – – sind Sie so schlecht – oder wahnsinnig … das kann man schon sehen …«

Guerra blieb jetzt ruhig, gleichsam sanft. Seine Augen nur waren aufgerissen, aber nicht vor Entsetzen, sondern wie erstarrt, als sähen sie oder als hörten die Ohren unerwartet Schönes. Er zog ein zierliches Terzerol aus der Tasche und reichte dem Alten die Waffe.

»Lassen Sie einmal sehen, Herr Gioia,« bat er leichthin, »ob Sie mit dem Pistol umzugehen verstehen. – Sie ist geladen.«

Gioia legte den Kopf ein wenig stärker auf die Seite, ergriff die Waffe, etwas vor sich hin murmelnd. Er stemmte den Lauf gegen den rechten Arm und spannte den Hahn mit sicherem Griff. Guerra stand breitbeinig vor ihm, den Oberkörper ein wenig zurückgebogen.

»Jetzt, Herr Gioia …,« sprach er ganz leise, als wäre jemandes Schlaf zu stören, »jetzt – schnell, schnell! – es ist das Beste …«

Er schloß die Augen, öffnete und schloß die seitwärts gestreckten Hände wie im Krampf, öffnete die Augen. Gioia, mit ausgelöschtem Gesicht, wog die Waffe auf der flachen Hand, als wollte er ihr Gewicht feststellen.

»Schießen Sie doch,« flehte Guerra. Gioia zwinkerte ihn an, beinahe wie erheitert.

»Armer Mann,« sagte er sanft, faßte den Kolben und wandte die Waffe gegen sich.

»Bruder!« schrie Guerra auf, stürzte sich auf ihn und entwand ihm die Pistole, warf sie auf das Sofa, wirr um Verzeihung bittend, ihn, Madda, Checca, streichelte die Almosenhand, immer wieder. Gioia kicherte verlegen.


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