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Der Daumen

1

Ein Bettler ging über die Piazza. Der harte Schlagschatten teilte das große, im Mittag brennende Viereck in zwei ungleiche Flächen von Weiß und Schwarz. Die Cafés auf der Sonnenseite waren leer, trotz der aufgespannten Schutzsegel. Im Schattenteil aber, vor den metallenen Tischchen des Café del Giappone, standen viele Männer wie immer. Der Bettler, ein alter Mann mit grauem Bart und blauer Brille, ging auf seinen verbogenen Beinen gelassen das Viereck aus und kürzte durchaus nicht den Weg durch die weiße Glut. Seine rechte Hand war sonderbar verkrüppelt, wohl auch der ganze rechte Arm; denn er trug ihn scharf im Ellenbogen abgeknickt, so daß die Fingerknöchel fast die Schulter berührten. Der riesige Daumen war aufgerichtet und starrte wie ein abgebrochener Wegweiser in die Luft.

Der Bettler strich an den Sonnentischen vorbei. Sein Gang schwenkte den Oberkörper auf und ab, als bewegte sich unter ihm der Boden. Man wußte nicht, ob das Auge hinter dem dunklen Glas nach Mildtätigen suchte oder ob es nicht immer stumpf und ergeben am Boden haftete; denn der steife Nacken hatte den Kopf so tief auf die Brust gedrückt und gleichsam mit der Demut verklammert, daß der starre Daumen fast über ihn hinaus zu begehren schien und merkwürdig rebellisch oder anklägerisch die Spitze dieses armen Körpers zu sein beanspruchte. Der alte Mann blieb übrigens niemals stehen und drehte sich nicht einmal den Menschen zu, an denen er vorbeikam. Sein Betteln war stumm und voll einer gewissen Rücksicht, offenbart nur durch die linke Hand, die leicht geöffnet vorgeschoben und bescheiden bereit war, Almosen zu empfangen. Doch man gab ihm nichts, und es schien ihn nicht zu verwundern. Das aber war das Absonderliche: man übersah ihn nicht. Von den wenigen Kaffeegästen der Sonnenseite schauten nur zwei oder drei nicht auf, als er vorbeischlürfte. Die anderen hoben mit einer gewissen Spannung die Köpfe und sahen sich dann an oder runzelten die Brauen. Und doch hatten ihre Blicke ohne jedes Mitleid den Krüppel überflogen und nichts anderes gesucht als seinen erstarrten Daumen.

Als der Bettler am Ende der Sonnentische im rechten Winkel abbog, an den Häusern, die mit geschlossenen Läden schliefen, entlang humpelte und in die schwarze Hälfte des Platzes tauchte, sah einer aus der Gruppe der zeitungsschwenkenden und disputierenden Literaten und Studenten vor dem Café del Giappone auf, kniff die Augen zusammen und rief scharf durch das Stimmengewirr der anderen:

»Gioia!«

Sofort schwiegen alle. Die Köpfe wandten sich dem Menschenwrack zu, das näherrollte. Der Mann in mittleren Jahren, der eben gerufen hatte – Scaleterra, der radikale Journalist – sprach jetzt leiser:

»Ich sehe ja schon. Starrt nicht alle hin! – Es ist so weit. – Ich sage euch – nein, ich sage nichts …«

Gioia, der Bettler, schwenkte in die Front des beschatteten Cafés ein, verdeckten Blickes, krumm und teilnahmslos. Die Gruppe um den Journalisten konnte nicht den Blick von dem aufwärts ragenden Daumen reißen. Auf ein leises und hartes Wort Scaleterras wurden die unterbrochenen Gespräche und die Lektüre der Zeitungen ein wenig hastig und unnatürlich fortgesetzt. Ein sehr dicker Abate, der in kleiner Entfernung an einem der äußersten Tischchen neben dem Fahrdamm saß, bislang unbeweglich wie in halbem Schlaf oder tiefem Nachdenken, blinzelte jetzt mit den wimperlosen Äuglein, drehte den Kopf mit einer ganz schnellen und kurzen Wendung der debattierenden Gruppe zu, jetzt schon zu dem heranwalzenden Krüppel und streckte lässig und gutmütig den Arm aus. Er traf auch sehr sicher Gioias Almosenhand und flüsterte:

»Du hast es schwer, amico. – Hier einen Soldo.«

Gioia blieb stehen und wurde kleiner und schiefer noch als in der Bewegung. Einen Augenblick schien der hochstehende Daumen wie vor maßloser Überraschung zu beben oder gar umklappen zu wollen. Auch der Bart zitterte.

» Dio, Dio!« murmelten die grauen Lippen, vielleicht noch irgendeinen Dank. Die trübe Brille aber wandte sich dem Geber nicht zu. Jetzt hob sich der Körper, senkte sich nach vorne und kam dann wieder in Gang. Die Almosenhand umschloß krampfhaft den Soldo, der ein Fünffrankenstück war. Der Abate nahm einen Schluck Kaffee und saß von neuem dann unbeweglich, als versinke er in seiner eigenen Massigkeit. Die Gruppe des Journalisten plauderte gehorsam und warf sehr gleichgültige Blicke auf den vorübergetragenen Daumen. Gioia bog in die lärmende Straße, die zum Domplatz führte, und steckte die Hand mit dem großen Geldstück hastig in die Tasche. Als sie wieder zum Vorschein kam, war sie leicht geöffnet, bescheiden und arm wie zuvor.

Kurze Zeit später begann die Gruppe des Journalisten zu zerbröckeln. Die Männer gingen zu zweit oder dritt und auf verschiedenen Straßen in nördlicher Richtung.

Auch der dicke Abate erhob sich und war gewaltig groß und breit, als er stand. Er drückte den krempigen Hut in die Stirn, schlenderte dem Domplatz zu und sah aus der Höhe seines Wuchses mit strengen Brauen in den Busenausschnitt der Frauen, die vor den Läden standen und ihm den Rücken wandten. In dem schmalen Durchgang zwischen Dom und Campanile traf er endlich Gioia, den Bettler, der dort auf ihn wartete.

 

2

In einem dichtbevölkerten Arbeiterhaus des Borgunto zu Fiesole wohnte der einunddreißigjährige Gasto Guerra, ein in bestimmtem Sinne schon berühmter Mann, dabei doch nur ein Advokat ohne Klientel, gebürtig aus Livorno, politischer Flüchtling aus Mailand, seit langem schon ein Dorn im Auge der österreichischen und toskanischen Polizei. Was dem heißblütigen und beredten, doch wenig redseligen, in seiner politischen Wirksamkeit schwer zu fassenden Mann in Wahrheit vorgeworfen werden konnte, wurde nicht recht klar. Vielleicht vermuteten die Behörden hinter seiner zugleich leidenschaftlichen und geheimnisvollen Art Schlimmeres und Bedeutungsvolleres, als es berechtigt oder erwiesen war. Jedenfalls hatte der kluge Mailänder Polizeigouverneur die Aufhebung einer Geheimgesellschaft in den zwanziger Jahren dazu benutzt, sich auch dieses unheimlichen Mannes zu entledigen. Er tat es auf die übliche geräuschlose Art, indem er eines Tages den Advokaten durch einen guten Freund wissen ließ, daß seine Verhaftung beschlossen sei und daß ihm für die Flucht aus Lombardo-Venetien noch achtundvierzig Stunden zur Verfügung ständen. Guerra hatte eine feine Witterung für die Ernsthaftigkeit solcher amtlichen Indiskretionen und verscholl für einige Zeit. Es hieß, er habe zwei Jahre lang im Pariser Zentralkomitee der italienischen Unabhängigkeitsbewegung gearbeitet und dann Geheimgesellschaften in Piemont, in der Romagna und mittelitalienischen Kleinstaaten organisiert. Aber man wußte darüber nichts Genaues. Dann tauchte er um 1828 in Toskana auf und ließ sich in Florenz als Advokat nieder. Doch weil die einzigen Besucher seiner Kanzlei die unterschiedlichen Typen des trefflichen großherzoglichen Geheimdienstes waren oder weil er vielleicht erfahren hatte, daß er der Mittelpunkt einer lebhaften und sich ihrem Abschluß nähernden Korrespondenz zwischen Florenz, Mailand und Wien war, verschwand er nach einiger Zeit aufs neue. Und während ihn die irritierte Behörde mit der aufglimmenden Unruhe in Oberitalien in Verbindung brachte und ihren Verdacht an sämtliche in Frage kommenden Regierungen weitergab, saß er, mit einem schwarzen Backenbart und dem Namen Carlo Malossi versehen, ein paar Kilometer nördlich von der Hauptstadt in eifriger Tätigkeit.

Er bewohnte drei kleine Zimmer, zu denen eine schmale, zwischen zwei Häusern hängende Terrasse gehörte. Die sanfte Schwingung des Mugnonetals, vor den Fenstern in lieblich ernstem Rhythmus ausgebreitet, begütigte die Ärmlichkeit und die Enge der Räume. Ein ungewöhnlich hübsches Mädchen von etwa zwanzig Jahren, das sich für seine Schwester ausgab, besorgte den Haushalt und verstand mit seiner sicheren Anmut, die Neugierde, die in der ersten Zeit von allen Seiten anrannte, der Schwelle fernzuhalten. Da das blaue Schwarz der Haare und der strengen Brauen, eine freie und breite Stirn und die meerfarbenen, etwas stechenden Augen in der Tat dem breitschultrigen Mann und dem schmalen Mädchen gemeinsam waren, wurde ihre Geschwisterschaft nicht einmal stark bezweifelt. Dazu kam, daß etliche junge Arbeiter des Viertels von Anfang an schon dem Manne einen scheuen Respekt entgegenbrachten und es sich wie auf bestimmte Weisung angelegen sein ließen, jedem Gerede entgegenzutreten und die Inwohner des Borgunto für die beiden Fremden einzunehmen. Das fiel ihnen nicht schwer; denn der Signore war ein ungemein liebenswürdiger und leutseliger Mann.

Guerra ging wenig aus und saß tagsüber zumeist schreibend auf der Terrasse. Während jeder Nacht brannte die Tischlampe in seinem Arbeitszimmer, zuweilen bis zum Morgengrauen. In der ersten Zeit schien er einen ausgedehnten Freundeskreis zu besitzen; denn es verging kaum ein Tag, an dem er nicht Besucher empfing: Männer zu Fuß, zu Pferd, zu Wagen, die nicht selten in der Dunkelheit ankamen und am nächsten Morgen nicht mehr anwesend waren. Man bemerkte auch einige Male einen geschlossenen Reisewagen, der merkwürdigerweise nicht die Straße von Florenz heraufkam, sondern in entgegengesetzter Richtung vom Gebirge herab, und aus dem eine vornehm gekleidete Dame gestiegen war. Auch ihr Aufenthalt im Hause des Signore dauerte immer nur kurze Zeit. Dann fuhr die Kutsche mit ihr wieder die bergige Straße auf San Clemente zu zurück.

Es gab unter den Einwohnern damals nicht wenige, denen dieses Hin und Her nicht recht gefiel oder sogar verdächtig vorkam; aber auch jetzt waren es die jungen Arbeiter, verstärkt durch einige angesehene Fiesolaner Bürger, die für die Harmlosigkeit und Ehrenhaftigkeit der Besucher eintraten und die Bedenken verscheuchten. Später dann, als in der Folge der Pariser Juliereignisse die Gewitter sich über Mittel- und Südeuropa ausbreiteten und von der Wiener Zentralgewalt aus die dringlichsten Weisungen an die angegliederten und an die befreundeten italienischen Staaten gingen, erhielt auch die kleine Fiesolaner Polizeistation den Befehl zur stärkeren Fremdenüberwachung. Ob diese Order eine bestimmte Verfügung gegen den Signor Malossi im Borgunto und gegen seine zirkulierenden Bekannten verbarg, wurde nicht offenbar. Gewiß ist, daß mit einem Male die vielen Besuche aufhörten – und zwar schon einige Tage vor Übermittlung des Dekrets –, aber daß die Person des Schriftstellers Malossi völlig unbehelligt blieb. Seit jener Zeit verlief das Leben der beiden Geschwister augenscheinlich in gleichförmiger Ruhe und Abgeschlossenheit, hier und da unterbrochen von größeren Spaziergängen des jungen Mädchens, denen sich der Signore ziemlich selten anschloß, und von den Besuchen einer alten, ärmlich gekleideten Frau, die man aus unbekannten Gründen für die Amme der Signorina hielt.

Guerra verstand es sehr gut, seine verbindliche Art zugleich vermittelnd und abstandschaffend zu gebrauchen. Er war freundlich zu jedermann, hatte für den Nachbarn immer ein gewinnendes Wort oder eine interessierte Frage, aber er ließ keine laute oder heimliche Neugierde, keine Vertraulichkeit, keinen vorspürenden Blick durch die feste und glatte Schicht seiner Höflichkeit hindurch. Er hatte in seinen Augen einen gewissen Hochmut und manchmal so etwas wie eine böse Bodenlosigkeit – leise Warnungssignale, die schon aufleuchteten, wenn das Gegenüber eine ungemäße Frage auch nur dachte. So ließen es die schlichten Menschen seiner Umgebung wie von ungefähr bei der äußeren Beziehung, sehr zufrieden und fast ein wenig stolz über den gleichberechtigten Gruß, der ihnen niemals versagt wurde, und immer leise betäubt von dem aufstrahlenden Lächeln der Signorina. Denn sie, die wie eine sinnreiche Ergänzung des Mannes neben seiner dunklen Ruhe lebte, vermochte zuweilen, wenn ein zu starkes Licht auf ihn fiel, auf ihrem Gesicht eine solche Sonne zu entfachen, daß man, wie geblendet, den Bruder nicht mehr sah und den Gedanken an den Bruder nicht mehr dachte.

Übrigens schien der Signore auch die gleichsam disziplinierte Achtung und Ergebenheit bestimmter junger Leute wenig zu beachten oder gar auszunutzen. Er kümmerte sich um sie kaum mehr als um die ältere Generation, mit der er in Berührung kam. Nur einer von den Jungen gewann ungefähr seit der Zeit, als die zahlreichen Besuche aufhörten, gelegentlich Zutritt zu ihm: der fünfundzwanzigjährige Buchdrucker Renzo Maddii, ein intelligenter, ziemlich wortkarger und verschlossener Mensch, der in der Offizin der Florentiner radikalen Zeitung beschäftigt war. Es wurde bemerkt, daß dieser Maddii hin und wieder in den Abendstunden bei den Malossi auf der Terrasse saß. Aber man wußte nicht, ob seine Besuche nicht eher dem schönen Mädchen galten als dem Bruder, von dem man überdies niemals ein politisches Wort gehört hatte.

Und doch war in diesen Monaten, die schicksalsträchtig und undurchsichtig dem Pariser Juli folgten, auch das Gemüt des Kleinbürgers durch den unbestimmbaren und bedrohlichen Begriff des politischen Schicksals erschüttert. Man munkelte von irgendwelchen gefährlichen Dingen, die sich in den nördlichen Nachbarstaaten vorbereiteten, von nahen Explosionen jener jakobinischen Minen, die neulich in Paris erprobt wurden und jetzt das übrige Europa unsicher machten. So ähnlich sprach man, auch wenn man insgeheim ein wenig anders dachte. Aber man war von der Allwissenheit des Buon Governo – so hieß das Florentiner Polizeipräsidium – und von der Allgegenwart seiner Geheimagenten aus guten Gründen überzeugt und gefährdete ungern seine persönliche Ungebundenheit. Zudem gehörte das Großherzogtum dank seines sehr klugen Herrschers und einer außenpolitisch elastischen Regierung in der Tat zu den wenigen Staaten der Halbinsel, in denen die Rebellion nicht unter der Oberfläche lauerte. Man hatte sich an das etwas schulmeisterliche Regiment gewöhnt, war artig und wurde von der Hand, die den Bakel in die Ecke stellte, auch gestreichelt. Und schon liebte man die Hand. Warum sollte man sie, die väterlich war, auch wenn sie fest zugriff, um einer Idee willen loslassen, welche verwirrte, sofern sie nicht tötete, und welche doch wieder in der alten festen Hand verendete. So dachten die alten Leute, die den Freiheitsbaum auf der Piazza del Granduca hatten sich erheben und zusammensinken sehen und die den ironischen Kreislauf der Geschichte über französische Konventskommissäre, parma-bourbonische Operettenkönige, Napoleoniden und Metterniche in gedrängten fünfzehn Jahren zurück oder vorwärts zum alten großherzoglichen Hausvater erlebt hatten. Soweit es anzuhören gut war, sagten diese Leute, was sie dachten. Die jungen Menschen indessen schwiegen, vielleicht weil sie anders – vielleicht weil sie nichts dachten.

Auch der Schriftsteller Malossi verlor kein Wort über die Zeitdinge. Und das Borgunto nannte ihn poeta, weil es hinter diesem Schweigen abgekehrte Verse vermutete, schöne, klingende, etwas unnütze Dinge, die nichts mit dem Alltag und wenig auf der vibrierenden Gegenwartserde zu tun hatten.

Aber der Signore sprach doch in den Morgenstunden des heißen Herbsttages, an dem Gioias Daumen über der Piazza schwebte, die gleichen Worte wie der Politiker Scaleterra. Er sagte, als die alte Checca, die man für die Amme des Mädchens hielt, sich nach kurzem Aufenthalt verabschiedet hatte und auf der abfallenden Straße nach Fiesole verschwand, zu seiner Schwester:

»Ja, Madda, es ist so weit.«

Er hob die Brauen und wollte das hübsche sorglose Lächeln zeigen, das ihm gut stand; aber es war, als hielte die schwere Überlegung die Mundwinkel fest. So zuckte es nur um seine Lippen, und das sah wenig zuversichtlich aus. Maddalena beobachtete ihn.

»Glaubst du, es wird gelingen?« fragte sie. Guerras Gesicht hatte mit einemmal Runzeln und Risse; es schien jetzt alt und vom Leben hart gerieben. Das Kinn war brutal und widerspenstig.

»Es wird einmal gelingen,« sagte er. »Das Wichtigste ist, daß man nicht Angst vor der Wiederholung hat. – Es gibt hundert Anfänge und nur ein Ende.«

 

3

Allein die alte Checca wußte, wo der Bettler Gioia zu schlafen pflegte und wo er während der Tagesstunden zu treffen war. Sie nur kannte den Wechsel seines sichtbaren und seines unterirdischen Daseins, und sie nur konnte dieses Leben in gewissem Sinne beeinflussen. Sie war viel jünger, als ihre weißen Haare und ihre vertrocknete Haut vermuten ließen. Sie war jetzt fünfundvierzig und er wohl schon mehr als siebzig. Es mochte das schwere Leben gewesen sein, das sie so früh zur Greisin gemacht hat, oder es war der merkwürdige Wille, so alt zu scheinen wie Gioia und sich von seiner zeitverdorrten und zeitbeschwerten Erscheinung wenig zu unterscheiden; denn sie gestand niemals, daß sie seine Tochter war. Sie ließ es zu, daß man sie für seine Frau oder seine Schwester oder seine ehemalige Konkubine hielt – sofern man sich überhaupt für ihr Verhältnis interessierte. Seit zwanzig Jahren sah man den Bettler immer krummer und grauer das Stadtviertel von Santa Croce bis Santa Maria del Fiore abpatrouillieren, und man merkte sich seinen Namen, weil des lieben Gottes Einfall, diesen armen Teufel Gioia zu nennen – Benedetto Gioia –, stutzig oder sogar nachdenklich machen konnte. Was er vor diesen zwanzig Jahren getrieben hatte, wußte niemand; denn er sprach sehr wenig und nie von sich. Man wußte ja selbst von der Gegenwart des stillen alten Mannes nicht viel: eben nur das, was man sah – ein Schwanken durch die Straßen, eine kranke Hand, die zuweilen starr war, eine im Gegensatz zu den anderen Bettlern auffallende Bescheidenheit, die seine Existenz hätte zu einem Rätsel machen müssen, würde man sich um ihretwillen Gedanken gemacht haben. Denn Gioia sah bei alledem nicht verhungert aus, sondern zeigte sogar eine gewisse Beleibtheit; und seine Kleidung war wohl abgetragen und ärmlich, aber niemals zerlumpt und hin und wieder sogar durch andere, wenn auch nicht neue Stücke ersetzt. Trotzdem hatte die Behörde noch keinen Grund gefunden, sich mit ihm zu beschäftigen. Seine natürliche und berufliche Zurückhaltung brachte ihn niemals mit einem Polizeigesetz in Konflikt, noch niemals hatte man ihn betrunken gesehen oder in Gemeinschaft mit jenen zweifelhaften Elementen, die unter Brückenbögen oder auf Parkbänken übernachteten und deren Gebrechen sich erst einstellten, wenn das Mitleid sie sehen konnte.

Indes sah man in der Öffentlichkeit Gioia und seine Tochter nicht oft beisammen; denn Checca war keine Bettlerin, sondern Strohwirkerin und bewohnte im proletarischen Viertel bei der Porta Romana ein sauberes freundliches Zimmer. Sie ging manchmal mit ihren Hüten und Basttaschen hausieren und hatte allwöchentlich auch einen kleinen Stand am Mercato Vecchio. Dorthin pflegte der Alte zu kommen, wenn nicht viel Leute da waren: während der Mittagsstunden oder abends nach dem Angelusläuten. Er blieb immer nur kurze Zeit, wechselte ein paar schlichte Worte und war offenbar in seiner Haltung der demütigere. Ihr Zusammentreffen an anderen Tagen auf den Straßen – in der letzten Zeit geschah es ziemlich häufig – machte noch mehr den Eindruck des Zufälligen und Flüchtigen: ein kurzes Halten, ein sparsames Hin und Her der Rede – die blaue Brille hob sich nicht höher, und Checca, die zumeist mehr zu sprechen hatte als er, beobachtete mit ihren unsteten Augen die Vorübergehenden; dann gingen sie ohne Gruß auseinander. In ihrem Zimmer suchte er sie niemals auf, vielleicht weil es sein Grundsatz war, seinen Bezirk nicht zu verlassen. Aber die Checca, die zuweilen zu sehr später Stunde nach Haus kam, mochte zu solcher Zeit bei dem Alten in seinem unbekannten Quartier gewesen sein. –

An jenem Herbstmorgen – ein vor Bläue schon schwermütiger Himmel erstarrte über dem Gold und Braun und schwarzem Grün der Landschaft, und die ferne Kuppel des Domes bebte unter der Last der Weltruhe – stieg die Frau die steile Straße nach San Domenico hinab. Ihr saß der Auftrag mit seiner Spannung und seiner Verantwortung im Rücken. Er trieb sie an, mit langen, hurtigen und jugendlich sicheren Schritten die buckligen, tückisch abfallenden Steine der Strada Fiesolana zu bewältigen und nichts anderes zu schauen als die günstigste Stelle für den eiligen Fuß. Das gelbe Gesicht unter der ungestümen Fülle der weißen Haare zeigte nur die Strenge des beherrschenden Gedankens, nicht die Anstrengung des Weges oder die Wirkung der Sonne, die schon zu brennen begann. Als sie das Dominikanerkloster am Fuße des Berges erreichte, war das Pergament ihrer Haut ungefärbt und trocken, wie noch vor einer Viertelstunde oben auf dem windfrischen Marktplatz von Fiesole. Vor dem Zollhäuschen wartete ein Bauer auf seinem Karren mit leeren Strohflaschen.

»Rasch, Carlino,« sagte Checca, und setzte sich neben den kleinen dicken Mann, »zwanzig Soldi, wenn du rasch fährst!« –

Gioia rollte ganz langsam den Lungarno entlang, zwischen dem Ponte alle Grazie und der Alten Brücke. Die verkrüppelte Rechte endete in der geschlossenen Faust. Von Por Santa Maria kam die Checca, das Gesicht ganz böse vor gelbem Eifer, und ihr Blick hüpfte unruhig über die Menschen, unwichtige, dreiste, viel zu viele Menschen, deren jeder die Fähigkeit in sich trug, gefährlich zu werden. Gioia, der sich unter den Bögen des Uffizien-Ganges wiegte, sah sie, sah alles, ohne hinzuschauen. Er senkte den Kopf noch tiefer, schob sich mit einem Ruck der Schultern zur anderen Seite an die Brüstung und spie in das lehmgelbe und lehmträge Wasser des Arno. Checca stand schon hinter seinem Rücken und warf die wenigen wichtigen Worte ab – wie einen Schatz, den man vergraben will, zugleich befreit und beklommen.

» Dio! Dio!« murmelte Gioia und drehte sich nicht um. Doch Checca ging noch nicht fort.

»Vorsichtig! – Hörst du, alter Räuber? Sonst kommen sie dir auf den Kopf!«

Jetzt erst ging sie fort. Der Alte bewegte sich in entgegengesetzter Richtung. Als er in die offene Halle der Uffizien einbog, war er noch der gleiche. Aber wenige Schritte später, in dem Halbschatten der Kolonnaden, schütterte es durch die rechte Hand, der Arm zuckte bis in die Schulter hinauf: der riesige Daumen erhob sich und trat seinen Weg an.

*

Aber Checca, ausgerüstet mit ihrer Verantwortung und ihrem Mißtrauen, mußte während der Wanderschaft der aufrufenden Hand niemals weit gewesen sein. – Oh, Checca war furchtbar und unerbittlich! Sie war mehr als eine Drohung, sie war eine Geißel! – Der Raum zwischen Dom und Campanile war nicht schmal genug, der dicke Abate war nicht hoch und breit genug: Gioias graue Lippen begannen zu zittern und ließen kein Wort mehr durch.

»Kerl, bist du stumm geworden!« schnaufte der Abate. Gioia sank ein wenig nach vorne und rollte unter dem Arm des Riesen hindurch, dem rückwärtigen Domplatz zu. Der Gottesmann, einen Augenblick überrascht, fand noch die Zeit, von hinten ein zweites Geldstück in die Almosenhand zu drücken. Doch der Alte ließ es fallen, ohne seine Bewegung zu unterbrechen, und war jetzt schon außerhalb des Turmschattens in der grellen Sonne. Der Abate, der dem Bettler unter den Augen von Zuschauern nicht nachlaufen konnte, hob mit einem häßlichen Wort das Geldstück auf und verschwand in der Richtung auf das Battisterio.

Checca, die in der nahen Seitenpforte der Kirche lauerte, hatte den Alten schon eingeholt. Gioia schrumpfte ergeben zusammen und stand.

»Was wollte Don Lionello?« fragte sie nicht einmal unfreundlich.

»Nichts,« antwortete er undeutlich, abgewandt, boshaft. Sie schwieg einen Augenblick; dann bückte sie sich an sein Ohr und kniff die Augen zusammen.

»Hör mal …,« sagte sie durch die Zähne, und es klang gefährlich. Gioia wiegte sich unruhig vor und zurück. Checca zögerte ein wenig und sagte dann nur noch: »Babbo,« das sanfte Kosewort der Kinder für den Vater. Doch der Alte schien dieses Wort nicht zu ertragen – seine Unruhe schien gerade dieses Wort gefürchtet zu haben. Er bewegte gequält und besiegt die Almosenhand.

»Laß doch,« flehte er, und er stöhnte in tiefem Schmerz hinzu: »Santa Madonna!«

Checca schien schon jede Bedrohung vergessen zu haben. Sie hatte sich aufgerichtet und ließ die Augen wachsam kreisen. Sie sprach sehr leise:

»Don Lionello gehört nicht zu ihnen. – Er hat sogar eine schwarze Nummer, wenn ich mich nicht irre. – Na …?«

Gioia war gehorsam. Er sagte ohne Umschweife:

»Er fragte mich, ob ich wüßte, wer Scaleterra sei.« –

Wenn der Alte einen vollständigen Satz sprach, offenbarte sich ein erstaunliches Mißverhältnis zwischen seiner harten Jammerstimme und seiner dialektfreien, beinahe gepflegten Wortbildung, die nicht einmal den toskanischen Rachenlaut duldete. – Checca sah besorgt aus.

»Na, und?« fragte sie ungeduldig. »Du sagtest natürlich nein.«

»Ich sagte nein. – Und er nannte mich einen alten Gauner. – Dann fragte er mich, ob ich wüßte, wen man meint, wenn man von der Fürstin spräche. Ich tat so dumm wie möglich und antwortete: jedenfalls die Großherzogin. Er lachte und sagte, daß ich ihm gefalle, und ob ich viel Geld verdienen wolle.«

Checca unterbrach scharf:

»Er fragte dich nach Ihm?«

»Nein,« sagte Gioia, »so weit kam er nicht. – Ich sah dich und ging weg.«

»Und wenn du mich nicht gesehen hättest?«

Der Alte war wieder hartnäckig.

» Dio!« murrte er, »ich habe dich doch gesehen …«

»Babbo,« sagte sie grausam und kniff die Augen zusammen, »ich zeige dich an.«

Er rollte mit einemmal davon, fast mühelos. Sie hielt mit ihm Schritt.

»Was habe ich denn gesagt?« klagte er jetzt. »Laß mich doch, Checca. Nichts habe ich gesagt. Nichts werde ich sagen. – Ich habe doch Angst!«

Sie ließ ihn laufen. –

 

4

Im Palazzo Vecchio, dem Sitz der Regierung, herrschte jene gedämpfte, gleichsam höfliche Nervosität, die sowohl der Ausdruck einer politischen Krise als auch das Zeichen von des Chefministers ungnädiger Stimmung war. Der alte Marchese del Monte liebte keine deutlichen Emotionen, weder bei sich, noch bei seinen Beamten, noch selbst bei der Politik, die er mit der diplomatischen Meisterschaft des achtzehnten Jahrhunderts durch alle unterschiedlichen Formen der vergangenen dreißig Jahre geleitet hatte. Als vor fünfzehn Jahren die letzte ganz große Erschütterung in sein Kabinett drang – die Nachricht, daß der Imperator am Abend des 26. Februar mit den Generälen Bertrand und Drouot auf der Brigg L'Inconstant den Hafen von Portoferraio verlassen habe – zerbrach seine wohlgespitzte Bleifeder. Das war alles. Die anderen Schwankungen des politischen Bodens registrierte er je nach der Stärke mit einem Leiserwerden seiner leisen Greisenstimme, mit der Zunahme seiner gefährlichen Dialektik oder seiner geschliffenen Ironie, mit einer deutlicheren Mißachtung der Menschen im allgemeinen und seiner Beamten im besonderen – eine leichte Ungeduld nur im Anhören, ein unvermutetes Abschneiden der Rede, eine bis auf die mißlaunige Beweglichkeit der schmalen Finger spürbare Ungnädigkeit der Haltung, die um so peinlicher war, als die immer gewahrte äußere Form jeden Einblick in die Gründe und jede Abschätzung der Dauer verwehrte. Der Regierungspalast, von den Privatzimmern der Würdenträger bis hinunter zu den Bureaus der kleinen Schreiber, hatte auf besondere Art den Charakter der Chefs angenommen: er war nicht zu erschüttern, höflich, leise, geheimnisvoll und spöttisch. Er konnte mühelos, von der verdeckten Anzüglichkeit der Menschen bis auf die leise irritierende Undeutlichkeit der alten Fresken, die jeweilige Stimmung des Präsidenten und das Aussehen des politischen Horizontes wiedergeben. Geist und System des bedeutenden Mannes waren in die Mauer gedrungen; man schien keinen großen Unterschied im Bestand und in der Haltbarkeit zu kennen. –

Dieses Mal währte die eingepanzerte Gereiztheit des Palazzo und seines Herrn seit Monaten, seit den Pariser Ereignissen. Die lange Abwesenheit des Großherzogs war ein taktischer Fehler: nicht wegen der Fülle von Verantwortung, die sich dadurch auf den Schultern seines Stellvertreters del Monte aufhäufte; denn der alte Staatsmann war an Selbständigkeit gewöhnt. Die Deutschlandreise der fürstlichen Familie, programmäßig in der Zeit kurz nach der Julirevolution angetreten und mit der Pedanterie des Herrschers weder verschoben noch abgekürzt, sah wie eine Flucht aus. Nicht nur Wien war unangenehm berührt und verschwieg es nicht; das aufgestörte Europa hatte sich die Augen gerieben und studierte sehr neugierig und klarsichtig die Physiognomien ihrer Fürsten. Es war am allerwenigsten in den unterminierten und doch durch das Gewicht der Persönlichkeit leicht bestimmbaren italienischen Staaten ratsam, sich der Kritik des allgemeinen Blickes zu entziehen. Del Monte begriff zuweilen seinen Herrn nicht mehr. Der Großherzog war einer der wenigen Menschen, die er achtete und sogar auf seine Art liebte. Der Jüngere war der würdigste Schüler seines Geistes gewesen und hatte dann, in fast zu plötzlicher Entwicklung, den eigenen Geist gefunden und zur Anerkennung gebracht. Der Minister war damals, als sich der Herrscher gleichsam zum zweitenmal inthronisierte, heimlich erschrocken. Aber sehr bald sah er, daß sich das regierende Haupt nicht im mindesten als Gegensatz zu ihm gebildet hatte, sondern, der Tradition und seiner Berufung sehr bewußt, als Autokrat, als die entscheidende Instanz, die indes die Befugnis des Ministers nicht herabdrückte, sondern recht großzügig aufrundete. Del Monte, der Hofmann des Dixhuitième, der dynastische Sachwalter ohne persönlichen Ehrgeiz, wurde durch solche lässig sichere Stipulierung der Selbstherrlichkeit nicht gekränkt, sondern in tiefstem Grunde erfreut. Seine Skepsis sah mit einemmal den wahren Sinn seiner Existenz wieder. Die verhaßte Generation der Emporkömmlinge und Usurpatoren schien überwunden, dieses wirbelnd beginnende Jahrhundert endgültig sich abklärend. Del Monte war glücklich, daß er für seinen Fürsten die respektvolle Neigung fühlen konnte, die sich gebührte. Bestimmte Eigenwilligkeiten des Herrschers, Extreme sowohl nach der Tyrannis als auch nach unvermittelter Toleranz hin, konnten jetzt unschwer quittiert werden. Der ergebene Diener des vollkommenen Herrn durfte manches zugestehen oder still ertragen, was der Mentor eines gekrönten Popanz lärmend hätte bekämpfen müssen. So wurde die Auslandsreise des Großherzogs, der alles andere als eine Memme war und keine Mißdeutung beachtete, ruhig hingenommen und die Folgen mit sich selber abgemacht. Die devote Bemerkung, die der Minister damals nicht unterdrücken konnte – ob nicht das Zusammentreffen der Pariser Vorgänge mit der Abreise der Hoheit von manchen Beobachtern des Zufalls entkleidet und mit gewissen Ideenverbindungen versehen werden könnte –, bekam als Antwort nur die Bewegung der blassen hochmütigen Brauen und ein wenig später die erwartete Gegenfrage:

»Pflegt mich derlei zu alterieren, liebe Exzellenz?« –

Dabei war im Hochsommer die Wirkung der Pariser Explosion auf das südliche Europa nicht abzusehen, noch nicht einmal zu spüren. Noch blieb an der Oberfläche alles ruhig, und die ungewöhnliche Bewegung beschränkte sich bisher auf die Polizeipräsidien der einzelnen Staaten, die nach den Signalen der vorgesetzten oder befreundeten Wiener Zentralstation in fieberhafter Tätigkeit waren. Denn der Vulkan arbeitete, unterirdisch noch, aber auszubrechen gewiß bereit. Er arbeitete vielleicht im eigenen Land, vielleicht jenseits der Grenzen, die nirgends weit waren. Man konnte nervös werden. Die Ohren der Regierungen hatten das schlimme Getöse noch nicht vergessen, das vor einer Handvoll Jahren aus Piemont und aus Neapel kam. Selbst Toskana, das solideste Gefüge, dessen Sicherheit die kluge Regierung im letzten Jahrzehnt durch einige verbindlich humane Gesten der Umwelt dokumentierte, durch die offizielle Aufnahme einiger illustrer, aber ungefährlicher Flüchtlinge aus dem Süden, durch die liebenswürdige Duldung einiger intellektueller Zeitschriften – selbst das Großherzogtum wurde unruhig; und del Monte gab dem Drängen des sehr eifrigen Polizeigouverneurs nach und ließ die am wenigsten berühmten und ungefährlichen politischen Emigranten nach San Marino abschieben. Immerhin sorgte er noch dafür, daß es so geräuschlos wie möglich geschah, und sicherte den Ruf seines Kulturstaates durch schriftliche Äußerungen der betroffenen Persönlichkeiten, aus denen deutlich wurde, daß der Wohnungswechsel eine Folge klimatischer Bedürfnisse sei.

Der Polizeigouverneur oder, wie sein offizieller Titel lautete, der Präsident des Buon Governo fand solche Behutsamkeiten lächerlich. Er sagte seine Meinung gewiß nicht dem Regierungschef, mit dem er in diesen Zeiten täglich konferierte, aber sie saß ihm deutlich in den Augen – und der Marchese hatte einen sehr scharfen Blick. Der Gouverneur war ein neuer Mann, erst kürzlich berufen, und hieß Pompeo Caminer. Er war also ein Venezianer, früher österreichischer Beamter von berüchtigter Bedeutung: der Chef der berühmten Mailänder Spionageabteilung. Die lombardische Regierung wollte ihn aus irgendwelchen Gründen los sein und lancierte ihn nach Toskana, wo eine rabiate Persönlichkeit notwendig schien. Er trat an die Stelle des verstorbenen Gouverneurs, der ein prachtvoller Gesellschafter und bekannter Kunstsammler, aber kein Polizist war und mit seinen Inkulpanten vom Standpunkt des Ästheten und alten Voltairianers umging. Del Monte nahm den Caminer an, weil er wußte, in welchem Maße das Polizeiwesen reformbedürftig war, und weil ihm sein feiner Spürsinn sagte, daß die kommende Zeit nach einer guten Waffe verlangen möchte. Er wählte den Mann, trotzdem der Großherzog eine ungewöhnlich starke Abneigung gegen ihn fühlte, trotzdem er selber berechnete, daß jener in den sanften Akkord des Regierungspalastes den groben Mißton bringen würde, und trotzdem er, so menschenkundig er war, bis zum heutigen Tag noch nicht wußte, ob der Caminer ein großer Schurke oder nur ein großer Kriminalist sei. Er behandelte ihn auf eine eigens für ihn komponierte Art und Weise, die sich aus fataler Höflichkeit, vollkommener Mißachtung des Menschen und ironischer Anerkennung des Berufes zusammensetzte und deren Worte gleichsam Handschuhe trugen, um sich nicht zu beschmutzen. Pompeo Caminer, ein bäuchiger Vierziger, hatte rotblondes Haar und Bart und Braue, rotblondes Fleisch, wahrhaftig auch rotblonde Augen. Er schien mit seiner brutalen Sonnenhaftigkeit den Abscheu des Greises zu zersetzen wie einen sanften Mond: er schien nichts zu merken und zutiefst unempfindlich. Der Chef, den er manchmal bis zu dem Gelüste, grob zu werden, reizte, wünschte sich lebhaft, ihn letzten Endes für dumm halten zu können. Aber dazu war der alte Staatsmann viel zu klug und noch nicht bequem genug. –

Del Monte öffnete selten ganz die Augen und seltener noch die Lippen mehr, als zu einem winzigen Sprechspalt neben der ewigen Zigarette. Er nahm sie nur aus dem Mund, wenn er mit dem Großherzog, mit Damen oder in solenner Form sprach. Jetzt natürlich behielt er sie in dem schmalen Mundwinkel und zerstäubte durch die weißen Wimpern seinen hoffärtigen Blick auf Pompeo Caminer, der kurzbeinig und breithüftig ihm gegenüberstand, durch die mächtige Fläche des Schreibtisches in wohltuender Entfernung. Der Chef forderte den Polizeigouverneur trotz seiner hohen Stellung niemals zum Sitzen auf, so lange zuweilen auch die Besprechungen dauerten; aber der Caminer stand gern und gut auf seinen stämmigen Beinen. Er sprach viel und laut und immer dringlich. Sein fremd singendes und grell klingendes Venezianisch ätzte die Worte ab, schob die Sätze ineinander, so daß er peinlich viel in einer Redeminute unterbrachte. – Auch seine Sprache ist rotblond, dachte del Monte, drehte den Bleistift zwischen den Fingern und blinzelte wieder dem blauen Zigarettenrauch nach.

Caminer schwieg plötzlich. Der Chef war sich nicht recht klar, auf welche rhetorische Weise die Beredsamkeit des Beamten zu solchem abrupten Schluß gekommen war; denn er hatte gerade in den letzten Minuten nicht mehr genau zugehört. Wie schön wäre es, dachte er, möchte der Gouverneur seine Unaufmerksamkeit bemerkt haben und gekränkt sein! Aber ein neuer Blick belehrte ihn rasch, wie töricht solche Erwartungen waren. Der Caminer glühte ihn rechtschaffen und aufmerksam an, nach erfüllter Redepflicht, lodernd in jener gemeinschaftlichen Glückseligkeit des Körpers und des Berufs, die dem Marchese immer wieder gelinde Übelkeit verursachte. Del Monte pfiff ganz leise einen haardünnen Rauchstrahl aus. Es eilte ihm nicht mit der Antwort. Die schmale Fläche seines noblen Greisengesichtes wandte sich jetzt dem Beamten zu – nicht eigentlich ihm, sondern der ungefähren Richtung seines Standortes.

»Sehr schön, Cavaliere,« sagte er endlich. »Das alles ist sehr schön. Und wenn auch nicht alles zutreffen mag, so sind Ihre Ermittlungen doch ungemein interessant.« – Er klopfte mit dem Bleistift leicht auf die Tischplatte und sprach noch leiser: »Aber ich darf Sie gewiß darauf aufmerksam machen, Cavaliere, daß es nicht nur Staatsvorsichten gibt, sondern auch Staatsrücksichten. Das heißt also – um viele Worte einzusparen: wäre es Ihnen, auch bei gutem Willen, nicht möglich, die Fürstin Corleone aus dem Spiel zu lassen?«

Caminer war sehr überrascht.

»Wie sollte ich das können, Exzellenz, wenn ich eben die Behauptung wagte, daß die Fürstin eine Carbonara sei, eine Revolutionärin, und zwar eine aktive, sicherlich in fester Verbindung mit den Wühlern in Bologna, Parma und Modena, vielleicht sogar die Leiterin des bisher noch unentdeckten toskanischen Exekutivkomitees!«

Der Chef wurde wenig erschüttert und strich sich langsam das Kinn mit zwei Fingern.

»Leiter von Kriminalbehörden,« versetzte er nicht unfreundlich, »leben von gewagten Behauptungen. Das ist also Ihr gutes Recht. Außerdem will ich nicht einmal bestreiten, ob nicht an alledem etwas dran ist. – Aber, Cavaliere, die Fürstin ist nicht nur eine der prominentesten Erscheinungen der toskanischen Gesellschaft, sie ist auch als Gattin eines von uns wenn auch nicht politisch, so doch gesellschaftlich anerkannten und unsere Gastfreundschaft genießenden ausländischen Thronprätendenten exterritorial.«

Caminers Augen brannten lichterloh vor Verwunderung.

»Ich sehe darin nicht den geringsten Hinderungsgrund für eine polizeiliche Aktion, Exzellenz.«

»Ach so,« sagte der Chef einfach, spreizte die dünnen Finger und lächelte ein wenig. – »Nun ja,« meinte er nach der kleinen, boshaften Pause, »das ist Sache der Anschauung – um nicht zu sagen: der Moral. Ich gestehe dem Buon Governo fraglos die technisch notwendige Unbeschwertheit von solchen Skrupeln zu. Aber Sie müssen mir wiederum in Fällen, die über der angewandten Technik stehen – und ich erlaube mir, diese Fälle zu bestimmen: Sie müssen mir und meinem Amt auch meine Weltanschauung lassen, nicht wahr, Herr Gouverneur? Ich respektiere nun einmal gewisse Formen menschlicher Konvention.«

Caminer schwieg und hob ein klein wenig die Schulter. Der Chef warf mit einem merkwürdigen Schwung aus dem Handgelenk die Zigarette in einen wassergefüllten Bronzebehälter. Diese Bewegung wäre für jeden Beamten des Regierungspalastes das deutliche Signal gewesen, sich mit geziemender Schnelligkeit zurückzuziehen und in den Vorzimmern einen kritischen Tag anzusagen. Doch Pompeo Caminer blieb, seine energischen Beine standen fest und sicher. Del Monte hatte schon eine neue Zigarette im Mundwinkel. Der weiße Strich der Brauen stand etwas höher.

»Und zu alledem,« sprach er, und seine Lippen blieben in einer Weise geschlossen, daß die Worte sich durch das Tabakröllchen zwängen mußten, »zu alledem steht die Fürstin in ganz besonderer Gunst bei unserem hohen Herrn – wenn Sie es noch nicht wissen sollten, in einem weder verheimlichten noch unbekannten Freundschaftsverhältnis. Sie werden die Geneigtheit haben, diese Mitteilung entsprechend zu verwerten, Signor Caminer. Und ich glaube, daß wir dieses Thema bis auf weiteres zurückstellen können.«

Doch der Gouverneur ging nicht. Del Monte richtete ganz langsam den Oberkörper auf und hob den Kopf. Er öffnete auch die Augen, ganz helle, blaue, empörte Augen.

»Nun?« fragte er scharf. Caminer sagte mit einem unangenehmen Lächeln:

»Ich weiß die Instruktion Euer Exzellenz einzuschätzen. Aber ich weiß auch aus meiner Praxis Fälle, wo die Umstände selbst gegen die Gemahlinnen sehr hochgestellter Persönlichkeiten Maßnahmen der staatlichen Macht verlangten. – Die ungeheure Kraft der Heiligen Inquisition – darf ich dieses Beispiel anführen, Exzellenz – lag in der Aktionsfreiheit, die auch der Papst nicht behindern konnte.«

Der Chef spürte eine winzige Sekunde lang das unbekannte Gefühl der Angst wie einen feinen Stich des Herzens. Er schützte mit einer unbewußten Bewegung der Hand seine Augen und sah trotzdem die borstige Sonne seines Gegenübers.

»Ja, was wollen Sie denn, lieber Herr?« fragte er lauter, als es seine Gewohnheit war. »Wollen Sie die Fürstin peinlich verhören? – Aber ich darf Sie darauf aufmerksam machen, daß hierzulande die Folter seit sechzig Jahren abgeschafft ist.«

»Exzellenz belieben zu scherzen,« grinste Caminer. »Ich will wissen, wo Guerra ist – und die Fürstin, scheint mir, weiß es sehr gut …«

Der Chef hob den Bleistift an die Augen, von denen er die Hand mit einer hastigen Bewegung abgelöst hatte; er betrachtete die scharfe und lange Spitze.

»Was Sie nicht sagen,« summte er in eine zittrige Rauchspirale. »Apropos, Cavaliere, schreiben Sie insgeheim Romane?«

Der Caminer lachte so unanständig laut, daß del Monte böse und kurz auf die Platte trommelte und unterbrach:

»Pardon, Monsieur, hier ist das Zimmer des Premierministers.«

Der Gouverneur biß sich auf die Lippen und war schon ernst.

»Um Vergebung, Exzellenz.«

»Bitte sehr,« sagte der Chef. »Ich darf auch zum Schluß kommen. Der Herr Präsident der Justizkonsulta wartet gewiß schon. Ihre Bemerkungen gegen die Fürstin beruhen bisher auf einer spekulativen Idee, die mir mehr kühn als beweisbar vorkommt – nicht wahr?«

»Wenn Exzellenz es so formulieren wollen: ja.«

»Gut. Sie haben von mir gewisse Hinweise zur Vorsicht gehört und verstanden. Was wollen Sie also tun?«

»Vorerst beobachten – mit aller Delikatesse natürlich, und bestimmte Fäden verfolgen.«

»Beobachten Sie nur, Cavaliere, beobachten Sie nur! – Im Namen Gottes und der Heiligen Hermandad! – Addio!«

Der Caminer ging endlich. Er fand am Fuß der Haupttreppe den dicken Abate in gelangweiltem Hin und Her. Der begann dann, vertraulich neben ihm zum Wagen gehend, zu flüstern und gemessen zu gestikulieren.

Del Monte sah eine Weile auf die Stelle, wo der lodernde Mann gestanden war. Des Alten Stirn, eben noch von einer reinen, ganz fein gemaserten Glätte, war jetzt tief durchfurcht. Als Professor Mascagni, der Oberste Justizbeamte, eines der ältesten Mitglieder der Regierung und der einzige Vertraute des Chefs, eintrat, empfing er ihn mit der Frage:

»Wissen Sie, Commendatore, wer meinen siebzig Jahren ein ganz neues Gefühl beigebracht hat?«

Den Juristen, der seinen Chef seit fünfzehn Jahren kannte, verwunderte ein fremder Klang in der Stimme. So machte er keine humorige Bemerkung, sondern schwieg.

»Unser purpurner Bargello,« antwortete del Monte selber, nach kurzem Schweigen und sehr ernst.

»Der Caminer war sogar den wohltrainierten Mailänder Herren zu gefährlich,« sagte der andere und zupfte an seinen dicken grauen Koteletten. »Ich habe Sie gewarnt, Exzellenz.«

Der Chef schien die Worte nicht gehört zu haben. Er schien nicht unterbrochen worden zu sein.

»Und wissen Sie, welches Gefühl, Mascagni? – Die Angst. – Veritable Angst vor der Wut, vor dem bösen Blut, vor allem, was purpurn ist in diesem Menschenjäger und in der widerlichen Zeit, die kommen wird und zu ihm gehört. – Amico, ich bin ein grauer alter Mann.«

 

5

Maria Fürstin Corleone Gräfin Labia ließ sich von ihrer Dienerschaft Majestät titulieren, weil ihr Mann, der senile Prinz George Y., der letzte Namensträger einer längst gestürzten Dynastie, sich nicht mit dem Ruhm zufrieden gab, der regierende Viveur der römischen und florentinischen Gesellschaft zu sein, sondern unentwegt seine Ansprüche auf einen nordischen Königsthron bekundete, und weil ihn seine Leute, in vorgerückter Stunde auch seine Klubgenossen Sire nannten. Die Fürstin, eine sehr schöne, pompöse neapolitanische Aristokratin, lebte weder von ihrem Mann getrennt noch mit ihm zusammen, sondern in einem merkwürdigen, sehr gesellschaftlichen Nebeneinander, wie es damals nicht einmal ungewöhnlich war. Sie zählte dreißig Jahre, der Prinz sechzig. Sie war seit acht Jahren verheiratet und seit acht Jahren die anerkannte Freundin des Großherzogs. Mit Rücksicht auf dieses Verhältnis bequemten sich die hochmütigen Florentiner Geschlechter zu der offiziellen Anrede Hoheit für die Fürstin; und sie spotteten nur unter sich über ihre fiktive Königlichkeit, die es ihr zur Pflicht machte, nur den Besuch regierender Personen und ihrer Stellvertreter zu erwidern. Diese Stellung der Fürstin bedeutete wiederum für ihren prinzlichen Gemahl eine halbe Anerkennung seiner Prätendentenschaft und den fortwährenden Anreiz, hinter der anderen Hälfte herzujagen, so wenig Illusion er sich insgeheim über die wahren Untergründe seiner Existenz zu machen pflegte. Denn Maria Corleone war sehr reich, er vermögenslos; und da sie für ihn wenig Freundschaft und nicht einmal viel Achtung fühlte, hielt sie ihn knapp. Sie hatte seine heimliche Königskrone, die in ihrer Wäsche, auf ihren Briefbogen und über dem thronartigen Sessel ihres Salons wiederzufinden war, mit der Bezahlung seiner bis zur Eheschließung aufgelaufenen Schulden ziemlich reichlich aufgewogen. Seit jener Zeit gab sie ihm freie Wohnung und Verpflegung in ihren Palazzi zu Rom und Florenz und ein Taschengeld von einem knappen hundert Dukaten monatlich. Selbst wenn man dazu die beträchtlichen Summen hinzurechnet, die der Prinz im Spiel zu gewinnen pflegte, und die Beträge, die seine Hartnäckigkeit hin und wieder von der nordischen Regierung erpreßte oder von einigen versponnenen Bewunderern seines Namens empfing, so war doch damit sein Grandseigneurtum nicht zu unterhalten. Darum wurde sein königlich begehrter und seltsamerweise stets gewährter Kredit wieder die Quelle seines Lebens; das heißt, er lebte von seinen ungeheuren Schulden, die ihn indes so wenig beschwerten, wie die Fürstin daran dachte, sie zu bezahlen. –

Der Großherzog liebte die Corleone in der stillen, zuverlässigen, dauerhaften Weise, die sein Gefühlsleben auszeichnete. Das wußte auch die Großherzogin, eine grämliche und kränkliche Frau, welche in der Formalität ihres Daseins noch keinen Antrieb gefunden hatte, sich über das Verhältnis der beiden zu beunruhigen oder gar zu kränken. Zudem sorgte des Herrschers souveräner Takt und auch das Selbstbewußtsein der Fürstin für eine Art der Beziehung, die den grellen Ton des Favoritentums niemals aufkommen ließ. Die Neigung des Fürsten für die junge Frau war aus zwei Empfindungen entsprungen, die bei ihm nicht einmal häufig waren: aus dem Mitleid und – wunderlicherweise – aus der Scham. Als ihr Vater, der inzwischen verstorbene Principe Corleone, einer der wenigen Männer des neapolitanischen Hochadels, die antibourbonisch gesinnt und als Liberale durch die Militärrevolution der Carbonari-Verbände kompromittiert waren, vor den Greueln der Reaktion von 1821 mit seiner jungen Tochter nach Florenz floh – fast ohne Mittel und fassungslos in der unbekannten Drangsal eines beengten Lebens, bewegte das Drama des schönen Mädchens die ganze Stadt. Ihr Geliebter, ein Dichter und leidenschaftlicher Carbonaro, der zum Stab des revolutionären Generals gehörte, hatte, um ihr nahe zu sein, nach der Rückkehr der Bourbonen und dem Einzug der österreichischen Soldateska in der Stadt zu bleiben gewagt. Er wurde von den Sbirren des Blutherzogs, des reaktionären Polizeiministers Canosa, erkannt und verhaftet. Er wurde, bis zum Gürtel nackt, Brust und Rücken mit dem Schwarzrotblau der Carbonari-Farben angestrichen, auf einen Esel gesetzt, im Sattel festgebunden und durch die menschenvolle Via Toledo gepeitscht. Die Geißelriemen waren mit Nägeln gespickt. Hinter dem blutigen Körper auf dem Esel schritt die andere Qual: zwischen zwei österreichischen Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett hing ein ohnmächtiges Mädchen, angetan mit einer höhnischen schwarzrotblauen Schärpe. Das war die Contessina Maria, denunziert von ihrer Kammerfrau und verurteilt, der langsamen Hinrichtung zu folgen. Bei dem Teatro San Carlo endlich schlugen die Henkersknechte auf eine Leiche. Der Trommelwirbel hörte auf. Die Gräfin Labia erwachte in einem Franziskanerinnenkloster außerhalb der Stadt. – Das war das Drama der jungen Corleone, die den Zusammenbruch der Nerven in erstaunlich kurzer Zeit überwand. Der erschütterte Großherzog verlangte sie zu sehen. Sie schrieb ihm zurück: »Hoheit, ich hasse Österreich. Wünschen Sie mein Erscheinen trotzdem?« – Der Fürst begab sich persönlich in die französische Gesandtschaft, die sie und ihren Vater aufgenommen hatte. Er sah sie an, mit seinen großen, klaren, immer etwas staunenden Augen. Er küßte ihre Hand.

»Ich will versuchen, Contessina, das Böse wieder gutzumachen,« sagte er schlicht. Er bat sie nicht mehr, bei Hof zu erscheinen. Er ließ nichts mehr von sich hören. Aber er arbeitete für sie mit stillem Eifer. Er erreichte, daß das Wiener Kabinett ein Machtwort in Neapel sprach und daß der alte Fürst, feierlich rehabilitiert, in seine Würden und seine Besitztümer wieder eingesetzt wurde. Er erreichte, daß sich der österreichische Gesandte in das Quartier der Contessina begab und im Namen seines Kaisers sich wegen der Teilnahme österreichischer Heeresangehöriger an der schändlichen Exekution entschuldigte, sie von der Eröffnung des kriegsgerichtlichen Verfahrens gegen die verantwortlichen Oberoffiziere unterrichtete und sich bereit erklärte, die erlittene Unbill in jeder gewünschten Form zu sühnen. Die Contessina dankte gemessen und verzichtete auf weitere Entschädigungen. Aber sie kehrte nicht nach Neapel zurück. Ihr Vater starb. Der Großherzog erreichte, daß Rang, Name und Vermögen auf die Tochter überging. Die junge Fürstin liquidierte sofort einen großen Teil ihres neapolitanischen Grundbesitzes und kaufte sich in Toskana an. Sie erwarb den prachtvollen Palazzo am rechten Arnoufer nahe der Trinità-Brücke, eine ausgedehnte Villeggiatur zwischen Fiesole und Settignano und einige Güter. Der Großherzog, dessen Liebe durch ihre außerordentliche Zurückhaltung zur Leidenschaft geworden war, fühlte eine unbeschreibliche Freude, als er sie in seinem Staat verankert sah, half ihr auf jede Weise und bot ihr ein Marchesat an, das sie ausschlug. Plötzlich heiratete sie den Prätendenten, jenen in der Florentiner Gesellschaft wohlbekannten Roué, der bei der Regierung wenig beliebt war, weil er oft und gern Komplikationen mit der nordischen Großmacht herbeiführte. Der Großherzog vollends hatte für den degenerierten Mann nichts als eine kräftige Verachtung übrig und war über die Maßen betroffen. Als sich das Ehepaar im Palazzo Pitti vorstellte, hatten die Hofleute das Antlitz ihres Fürsten kaum je in solcher Deutlichkeit traurig gesehen. Wenige Tage später meldete sich die Fürstin, die aus verwickelten Gründen der dynastischen Nachfolge ihren Namen und ihren Rang beibehalten hatte, zur Privataudienz an. Diese Unterredung hatte der Souverän niemals vergessen. Sie gehörte zu den seltenen Stunden seines Lebens, die stärker waren als sein Selbstbewußtsein. Er, der fünfunddreißigjährige Fürst mit seiner fast schon sprichwörtlichen Würdigkeit der Haltung, war an jenem Tag unruhig gewesen wie einer seiner kleinen Leutnants, wenn sie hinter dem sich endenden Dienst gleich einem langsam hochgehenden Vorhang schon das zutunliche Bild irgendeiner schönen Frau zu sehen schienen. Er war schon eine Stunde vor der angesetzten Zeit in der Bibliothek, wohin er sie zu führen befohlen hatte. Er sah nicht die sanfte Kadenz des Boboli-Gartens, der mit harmonisch gebanntem Rhythmus in die großen Fenster hineinspielte und seinem Sinn für Ordnung und Musikalität die tägliche Freude bereitete. Er sah nicht auf die zugleich ernste und freundschaftliche Bereitschaft der Bücher, ringsum in feierlichen Schränken und ihm vertraut bis in die Heimlichkeit der Reihenfolge. Er sah auf die Uhr. – Sie kam pünktlich und sah sehr schön aus. Sie enttäuschte nicht die maßlose Erwartung seiner Augen. Er konnte nicht sitzen bleiben. Er konnte nicht Souverän sein. Er lief ihr entgegen und küßte ihre Hände.

»Sie sind überrascht, Hoheit. Sie sind über meine Heirat erstaunt?«

»Ich leugne es nicht, Fürstin.«

»Sie mißbilligen meine Heirat, Hoheit?«

»Dazu habe ich kein Recht.«

»Hoheit, dazu haben Sie ein Recht.«

*

»Ich freue mich über Ihre Heirat nicht, Maria.«

»Ich könnte es Ihnen ersparen, Hoheit; aber ich frage es doch: warum nicht?«

»Darauf antworte ich Ihnen nicht, Principessa.«

»Ich will antworten, für Sie, Hoheit, und für mich. – Sie sind der bemerkenswerteste Mensch, den ich kenne. Der Prinz George ist der lächerlichste Mensch, den ich kenne.« –

Dann war zwischen beiden das erste Schweigen gekommen. Aber es war keine Verlegenheit, keine Sekunde, die dumpf auf den Kopf drückte. Es war die Sekunde, in der die Worte vor ihrem tiefsten Sinn zurücktraten und lautlos wurden. Er sah sie an. Ihre Augen, ein wenig mandelförmig geschnitten, hatten ein unruhiges Gold in der Iris, ein Gold mit gelben Lichtern. Die Wimpern waren so lang, daß die Augen immer gerändert schienen. Es waren unzüchtige Augen. Der Fürst preßte die Lippen zusammen. Doch er war es, der als erster wieder sprach.

»Sie haben also politische Ambitionen, Fürstin?«

»Vielleicht.«

»Hätte … hätte ich sie nicht in gewisser Hinsicht erfüllen können?«

»Nein, Hoheit; das heißt: nicht vor meiner Ehe …«

Der Herrscher hob schnell den Kopf.

»Fürstin, ich verstehe Sie nicht. Können Sie deutlicher werden?«

»Gewiß, Hoheit; das ist sogar der Zweck meines Kommens.«

Doch sie schwiegen jetzt wieder; und diese zweite Stille tat dem Fürsten weh. Er preßte die Handflächen gegeneinander und senkte die Stirn. Die Corleone betrachtete diese Stirn, die breit und widerstandsfähig war.

»Ja,« sagte sie leise, »gäbe es eine Möglichkeit, daß Sie, Hoheit, durch Ihre Geltung in der Hofburg die Heilige Allianz veranlassen könnten, den Thronanspruch des Prinzen wenigstens zu aktualisieren?«

Der Großherzog entblößte etwas die Zähne, als wollte er lachen. Doch er blieb sehr ernst: so sah die Bewegung der Lippen aus, als überwände sie einen heftigen Schmerz. Er antwortete sofort:

»Nein, Fürstin, diese Möglichkeit besteht nicht.«

Die Corleone sah auf ihre Hände.

»Sie besteht nicht,« sprach sie, leiser noch, »auch wenn Sie mich durch Ihre Bemühung in einer Weise verpflichteten, daß ich … daß ich Ihnen nichts – verweigerte?«

Der Fürst trat ein paar Schritte zurück. Dann war das dritte Schweigen gekommen, welches der Frau das Blut in die Wangen und in die Stirn trieb und Tränen in die Augen. Jetzt sprach er wieder:

»Ich liebe Sie sehr, Maria. Ich lasse das Häßliche nicht an Sie heran. Ich habe Ihre letzten Worte nicht gehört.«

Sie war dann auf ihn zu gekommen – nein, es war ein ganz erschreckter Körper, der mit einem Male in seinem Arm lag, so als habe ihr ein Unsichtbares, das hinter ihr stand, einen Stoß versetzt. Sie hatte ihn dann geküßt. –

Der Bund war geschlossen. Er forderte von keiner Seite eine Leidenschaftlichkeit, die das wichtige Formgesetz des äußeren Lebens verletzt hätte. Der Fürst wußte, daß seine Liebe die stärkere war. Er wußte vielleicht noch mehr, aber er schwieg darüber. Die Corleone schien sich mit den gesellschaftlichen Vorteilen zu begnügen, die ihr die Neigung des Herrschers einbrachte, mit den letzten Endes ein wenig billigen Prärogativen einer selbstgezimmerten Königlichkeit, die anerkannt wurde, weil sie der Fürst tolerierte, und die den politischen Bankrott des Prätendenten verhütete. Etwas anderes wollte sie augenscheinlich nicht mehr. Die wirre Idee einer gültigen Dynastie schien die törichte Spekulation ihrer Jugend gewesen zu sein. Ein politisches Interesse wurde an ihr so wenig bemerkt wie die üblichen Amouren einer mondänen Frau; denn das Verhältnis zum Souverän wurde so legal genommen wie eine Ehe, und der Prinzgemahl, der um diese Zeit schon seine Tänzerinnen mit Absinth abzulösen begann, zählte nicht mit. Die Corleone blieb für die skandallüsterne Gesellschaft ein dürftiges Thema.

Sie pflegte die heiße Jahreszeit auf ihrem üppigen Sommersitz zu verbringen, der ein paar tausend Schritt vom Kloster San Majano entfernt war – auf den zauberischen Hügeln nördlich der Hauptstadt, hinter denen in immer höheren Wellen und Kuppen das Gebirge gemach sich aufstuft. Die schloßartige Villa lag inmitten eines großen, schweigsamen, ein wenig unheimlichen Parkes, der zugleich die Kuppe des flachen Hügels war, auf seiner größten Höhe. Eine ungewöhnlich hohe und dicke Mauer umschloß den weiten Besitz, hartnäckig das Auf und Ab des welligen Bodens mitmachend.

Die Fürstin war auch in diesem Jahr um die Mitte des Mai hinaufgezogen, wie es ihre Gewohnheit war. Sie bewohnte also schon ihre Sommerresidenz, als die Julirevolution ausbrach und der Großherzog seine Fahrt nach dem Norden antrat. Trotz seiner tiefen Neigung hatte der Herrscher niemals, auch nicht in den ersten Jahren der Freundschaft, seine ziemlich häufigen Auslandsreisen aufgegeben oder auch nur abgekürzt. Vielleicht tat er dies aus seinem fast pedantischen Pflichtbewußtsein – denn er fuhr zumeist nach Wien zu politischer Arbeit –, vielleicht aber auch in der Absicht, die Freundin von seiner eigenen Person zu entlasten. Seine Reisen fielen gewöhnlich in die Sommermonate und erledigten wenigstens zu einem Teil das jährliche Problem der Hofgesellschaft: wo kommt der Souverän mit der Corleone zusammen, wenn die Fürstin auf ihrem Sommersitz weilt? War indessen der Großherzog zu solcher Zeit im Lande, so vermutete man die Lösung dieser bedenklichen Frage in dem mediceischen Lustschlößchen oberhalb Settignanos, in dem der Fürst hin und wieder, wenn auch nur für wenige Tage, sich aufzuhalten pflegte.

Aber das war nicht erwiesen und ein Beweis nicht leicht. Denn die Corleone lebte auf ihrer Besitzung, die sie etwas maliziös die »Isola« nannte, in der Tat wie auf einer Insel. Man wußte nicht recht, was sie dort trieb, und man bekam keine Gelegenheit, sie dort zu beobachten. Sie lebte, zumal in diesem Jahr, sehr abgeschlossen und sagte keine Empfangstage an, im Gegensatz zu der neueingebürgerten Gewohnheit der Gesellschaft, auch ihren Landaufenthalt durch offizielle Besuchstage abwechslungsreich zu gestalten. Nur selten auch fanden sich bei der Fürstin flüchtige Besucher aus den in der Nähe liegenden Villen ein. Die Gesellschaft lief einer Frau nicht nach, die bei formellen Visiten keinem Gast, auch den Damen nicht, in ihrer Gegenwart zu sitzen erlaubte. Prinz George pflegte trotz der Hitze in der Stadt zu bleiben, wenn er nicht einem eleganten Badeplatz der Ostküste seinen knieweichen Gang vorführte. So kam er im Laufe des Sommers nur zwei oder drei Male nach der Isola, und auch dann nur für wenige Stunden.

»Madames Augen gefallen mir nicht,« hatte er das letztemal beim Weggehen zu seinem Freund, dem alten Baron Steiner gesagt. »Ich bin für sie immer um zwei Zoll zu klein. Und dabei sehen sie so aus, als glaubten sie meiner Platte nicht einmal, daß ihr eine Krone paßte.« –

Dieser alte Baron Steiner, der übrigens der häufigste Gast der Fürstin auf der Isola und beinahe so etwas wie ihr Hausfreund war (wahrhaftig ein Cicisbeo, der nicht skandalisiert werden konnte), gehörte zu den merkwürdigsten Erscheinungen des zeitgenössischen Florenz. Die scharfen Zungen der alten Aristokratie nannten ihn immer nur den Baronissimo, womit sie sowohl sein bis zur Travestie edelmännisches Auftreten bespöttelten, als auch ihre vielleicht nicht unberechtigten Zweifel an der Gültigkeit seines Adelstitels auszudrücken verstanden. Der alte Baron Steiner war seinem Namen nach ein Deutscher; aber er sprach jede europäische Sprache wie seine Muttersprache, und niemand wußte, woher er stammte. Es gab sogar einige Skeptiker, die aus seiner scharf gebogenen Nase und der etwas vorgeschobenen Unterlippe, aus seinem dunklen Reichtum und seiner Indolenz in Glaubensdingen den Juden erkannten. Er kümmerte sich indes um kein Gerede, schritt dürrbeinig in Eskarpins, einer lächerlich schwarzen Perücke und das ewige Einglas im vertrockneten Gesicht durch die Salons und belebte immer wieder den erlöschenden Sinn seines Lebens durch zwei unterschiedliche Agenzien: durch die heimlichste Freude an der Dummheit der Menschen und durch die leidenschaftliche, gar schon manische Liebe für Bilder und Antiquitäten. Er besaß eine kostbare, unendlich behütete Sammlung alter Meister und unfraglich das bedeutendste private Kupferstichkabinett der Hauptstadt. Sein kleines, äußerlich unansehnliches Haus im Borgo San Lorenzo war ein Museum, das aber nur ganz wenige Menschen zu sehen Gelegenheit hatten. Er besaß das immense Wissen und die etwas kokette Vielseitigkeit der Enzyklopädisten, allerdings ohne ihren stets bereiten Äußerungswillen; denn er war im allgemeinen ein verschlossener Mann. Seine Kunstkennerschaft hingegen war stadtbekannt und wohl der Schlüssel, der ihm die Salons der Aristokratie bis hinauf zum Privatkabinett des Souveräns geöffnet hatte. Er war der Schrecken der Auktionen – wenn er sie nicht selber leitete – und der mephistophelische Berater bilderkaufender Lords. Denn an diesem Punkt schwenkte seine Leidenschaft ins Dämonische ab. Er geißelte die protzige Dummheit und den hohlen Snobismus mit sehr unbedenklichem Betrug, zu dessen Entschuldigung man nur sagen kann, daß er niemals aus Eigennutz geschah und ihm zuweilen sogar Geld kostete. Denn er unterhielt für solche Fälle einige äußerst geschickte Kopisten, Restauratoren und Steinschneider und verkaufte niemals die Falsifikate selber, sondern überließ das Geschäft und den Gewinn irgendeinem armen Teufel von Maler oder Bildhauer, von dem er wußte, daß er begabt war und Hunger hatte.

Doch von diesen dunklen Dingen wußte die Außenwelt nichts, wenngleich sie annahm, daß die Wohlhabenheit des Baron Steiner von mehr oder weniger verdecktem Kunsthandel herrührte. Sie wußte auch nicht, wie die Freundschaft mit dem Prätendenten – einem allem Geistigen abholden Lebemann – zustande kam. Man hatte die beiden gemeinsam aus Rom kommend vor vielen Jahren das erstemal zusammen gesehen. Das war noch zur napoleonischen Zeit gewesen, als die Hoffnung des Prinzen auf seinen Thron im Zenithpunkt stand. Denn der Imperator hatte sich tatsächlich in einer seiner kombinativen Launen zehn Minuten lang mit dem Gedanken abgegeben, den Prätendenten gegen die feindliche Großmacht auszuspielen. Es waren die zehn Minuten in Fontainebleau gewesen, als Murat ihm den Prinzen vorstellte und aus glücklichen Umständen ein Gespräch über Pferdezucht zustande kam; davon nämlich verstand Prinz George etwas. Der Kaiser vergaß noch am gleichen Abend das Pferdethema und seine Kombination mitsamt dem Prätendenten; er vergaß ihn so vollständig, wie nur er vergessen konnte. Für den Prinzen aber wurden die Minuten unvergeßlich; er war heute noch imstande, das Gespräch Satz für Satz in Rede und Gegenrede zu wiederholen. Damals wurde er Bewunderer und Anhänger des Imperators. Er blieb es in seiner gutmütigen Beharrlichkeit, auch als er einsehen mußte, daß es ihn keinen Schritt seiner Krone näher brachte. Er blieb es, dann schon in seiner Opposition gegen die ewig abweisende Gegenwart, selbst als der Meteor im Atlantischen Ozean unterging. Es mag das gleiche bonapartistische Gefühl gewesen sein, das er bei dem Baron Steiner traf und das zu ihrer Freundschaft führte, oder es mag die gröbere Ursache gewesen sein, daß der Baron Steiner von der ersten Minute ihrer Bekanntschaft an mit fast peinlicher Gewissenhaftigkeit die Anrede »Sire« an den Prätendenten verschwendete, oder es waren brutal finanzielle Gründe: kurz, die Gesellschaft ließ schließlich die Zusammensetzung ihrer Freundschaft dahingestellt sein und gewöhnte sich daran, die überschlanke, schlenkrige und vorgebeugte Gestalt des Prinzen George und die zierliche Korrektheit des Baronissimo zusammen zu sehen.

Die geheimnisvollste Rolle spielte Steiner bei der Verheiratung des Prätendenten. Es wurde, wenn auch ohne jeden Anhaltspunkt, behauptet, daß er die Ehe vermittelt habe, um seinen Freund zu finanzieren. Gewiß ist, daß er schon bei der Corleone aus und ein ging, als sie noch die Contessina war. Und da er zwischen dem Ehepaar eine absonderlich geschickt balancierte Stellung einnahm, sein Freund blieb und ihr Vertrauter, wagte man es schließlich nicht mehr zu unterscheiden, wem er mit dieser Heirat hatte helfen wollen, und schwieg auch darüber.

Die Corleone schätzte den alten Baron als den ungemein klugen und unter der skurrilen Schale liebenswerten Menschen, der er war. Sie vertraute ihm viel an, wenn auch nicht alles; denn es blieb ihr ein Rest von Angst und Unsicherheit in seiner Gegenwart, trotz des jahrelangen Umganges. Und da sich dieses Gefühl bei keinem anderen Menschen wiederholte, gab sie es bald auf, den ungewöhnlichen Menschen durchschauen zu wollen, wie es in der ersten Zeit der Bekanntschaft ihr Wunsch gewesen war. So stand der alte Baron Steiner, der seinerseits eine väterliche Zuneigung für sie bekundete, auch außerhalb ihres Geltungsbedürfnisses. Das heißt, sie respektierte ihn – mehr noch als den Großherzog, weil sich dem Greise gegenüber ihre starke Position als Frau seltsam verringerte und verkindlichte.

Selbst die Fürstin hatte die Kameradschaft zwischen ihrem Mann und dem Baron niemals begriffen. Aber sie fragte weder den einen noch den anderen, aus einem bestimmten Gebot des Taktes oder auch in unbewußter Verteidigung ihrer eigenen Heimlichkeiten. Erst vor kurzer Zeit – eben nach dem letzten Besuch des Prinzen auf der Isola, als der ihn hinausbegleitende Steiner mit einem kaum merklichen Lächeln auf die Terrasse zurückgekehrt war, wurde diese Frage von der Fürstin ganz plötzlich, fast brüsk gewagt. Es war, als ob die nachsichtige Ironie auf dem Gesicht des alten Mannes sie gereizt hatte. – Er sah sie ruhig und heiter an.

»Sie verstehen nicht, Principessa, daß ich der Freund dieses Menschen sein kann? – Aber warum sagen Sie: dieses Menschen? – Zunächst sind Sie doch nun einmal seine Frau, seine in jeder Beziehung mit Ehrfurcht behandelte Frau. Dann ist der Prinz nicht einmal so dumm. Und schließlich ist er von tiefer Gutmütigkeit. Das ist die einzige Tiefe bei ihm; aber sie genügt für ihn. Er ist viel gutmütiger als ich, Fürstin, und auch als – nun ja, als viele andere Menschen.«

»Und auch als ich,« sagte die Corleone. »Warum machen Sie den verlegenen Gedankenstrich und die Verallgemeinerung, Steiner? Das ist doch sonst nicht Ihre Art.«

» Per Bacco, Fürstin!« lachte der Alte und wiegte das schmale Köpfchen, »ich wollte Sie nicht über die notwendige Zurechtweisung hinaus beschämen. Aber wenn Sie es wollen, dann sage ich Ihnen noch, daß viele von Ihren Vettern mit den geschichtlich donnernden Namen und der verwickelten Wappenkunde im Hirnchen vielleicht oft schon dem Prinzen auf ein Haar die gleiche Frage vorgelegt haben, ebenfalls sagten: diesen Menschen? – und dabei wiederum mich meinen. Sie begreifen also, daß ich recht daran tue, mich an diesem Ausdruck zu stoßen.«

Die Fürstin sah ihn etwas unsicher an und fühlte leise eine Unruhe in sich aufdämmern. Sie kannte immerhin den wunderlichen Mann gut genug, um nicht zu fühlen, daß er zu sprechen – daß er Besonderes, Beunruhigendes zu sagen bereit war. Aber die Fürstin war nicht feige und retirierte nicht. Sie entgegnete:

»Ich erkenne Ihre Zurechtweisung an, Steiner, und lasse mich von Ihnen gern beschämen. Das wissen Sie. Sie sind ein ritterlicher Mensch. Gut. Aber Sie haben doch bisher nicht zu verstehen gegeben, daß Sie meine Frage als solche verwerfen – daß Sie sie nicht beantworten möchten. – Oder doch?«

Der alte Baron zwinkerte mit dem etwas starren Auge unter dem Einglas, einem viereckigen, schwarz geränderten und gebänderten Monokel, das in Florenz berühmt war.

»Altezza,« erwiderte er in sichtlich guter Laune, »Altezza Reale, ich erwarte diese Frage seit acht Jahren. Aber ich gestehe Ihnen, ich bin nicht seit acht Jahren gesonnen, sie zu beantworten. Ich bin es erst seit acht Minuten – oder ein bißchen länger. – Ein jeder hat seine großen und kleinen Geheimnisse.«

Er sah sie bei diesen Worten nicht an, sondern betrachtete seine Fingernägel, die ein wenig zu augenscheinlich gepflegt waren. Die Corleone fühlte, daß er nicht seinetwegen, sondern um ihretwillen den Blick senkte, und wurde rot. Doch sie sprach kein Wort. Steiner ließ ihr für [einen] Einwurf Zeit. Da sie beharrlich schwieg, fuhr er freundlich zu reden fort.

»Jedermann hat seine Geheimnisse,« wiederholte er und seine Stimme hatte einen ernsten Klang. »Es ist gut, daß man sie versteckt; denn sie sind selten schön. Die meinen zum Beispiel – mein langes Leben rann in etliche dunkle Löcher rechts und links des Weges, Fürstin – die meinen zum Beispiel sind zum größten Teil recht häßlich. Die Antwort auf Ihre Frage wird sogar ein besonders dunkles Kapitel meines nicht ganz einfachen Lebensbuches streifen …«

Die Corleone unterbrach leise und ein wenig in Hast:

»Hören Sie, Steiner, ich bin die letzte, die Konfidenzen eintreibt. Meine Frage ist gewiß nicht so gewichtig wie Ihre Antwort. Meine Frage ist eine Laune. Und ich will nicht, Steiner, ich will nicht, daß gerade Sie …«

Sie schwieg. Der Alte sah sie an, und seine Augen, schon ein wenig trüb, hatten ein ganz unbestechliches Grau, das die Vorwände beiseite schob.

»Doch, doch, doch,« sagte er, ganz wenig kichernd, und legte einen Finger an das magere Kinn, »Sie wollen jetzt, Eccellenza, und ich will jetzt. Es ist gut, daß man seine Abgründe versteckt. Es ist aber besser, wenn man sie zur richtigen Stunde und dem rechten Menschen zeigt. – Man kann dadurch am besten lernen, geheimnisvoll zu sein. – Übrigens,« fuhr er mit anderer Stimme fort und machte eine kleine befreiende Geste mit der Hand, »mein Geschichtchen ist, recht besehen, gar nicht so schlimm. Denn ob ich freiwillig oder auf Befehl der Freund des Prinzen geworden bin, bleibt sich ja schließlich gleich …«

Die Corleone richtete sich im Sessel auf.

»Das begreife ich nicht ganz,« sagte sie.

»Gewiß nicht, Fürstin,« bekräftigte Steiner; »das können Sie nach dieser Einleitung auch noch nicht begreifen. Aber lassen Sie mich ausreden. Es braucht ja nicht mehr vieler Worte. Ich wurde sein Freund vor etwa achtzehn Jahren auf Befehl der Großmacht, die er – und vielleicht auch Sie, Altezza – so gerne zu beherrschen wünschen. Ich darf mich seinen Freund nennen, weil ich seine Ansprüche immer in die notwendige Harmlosigkeit dirigierte – nun ja, weil ich sie erfolglos machte, wie es gut ist für Europa und für ihn. Ich bin nämlich seit einem Menschenalter und noch heute politischer Agent jenes Reiches. Ich könnte auch ruhig sagen: Spion, wenn ich nicht in der Tat eine Wirksamkeit geübt hätte, die diesen Begriff gewaltig übersteigt. Ich für meine schmächtige Person war dem großen Kaiser ein schlimmerer Feind, als eine vollzählige österreichische Division. – Übrigens werde ich für meine Tätigkeit bezahlt.«

»Ach,« sagte nur die Corleone, stand auf und trat an die steinerne Balustrade der Terrasse. Vor ihrem Blick schnitt sich eine breite Zypressenallee durch den Parkwall und bahnte der Sicht auf die florentinische Ebene einen Weg. Die Sommerhitze stand auf der Stadt wie ein Nebel. Man sah sie kaum mehr hinter der letzten, verspielt auslaufenden Welle der grünen Hügelflut. – –

»Ja,« sagte der alte Baron Steiner nach einer guten Weile und sah beständig auf den Rücken der Frau, »Sie brauchen sich nicht zu einer Revision Ihrer Meinung über mich zu zwingen, Hoheit. Diese Tätigkeit hat mich nicht besser oder schlechter gemacht als ich schon war. Und sie hat mein Gewissen wenig belastet – Ihnen gegenüber, Frau Maria, nicht im kleinsten belastet.«

»Im Gegenteil,« sagte die Corleone vor sich hin. Der alte Mann hatte noch scharfe Ohren.

»Vielleicht sogar im Gegenteil,« wiederholte er wie in leiser Freude. »Wir haben also gut getan, mit der Frage und mit der Antwort acht Jahre zu warten. Wir könnten wohl sonst nicht so sprechen, und …«

Er erhob sich ebenfalls und trat neben die Fürstin. Auch er sah durch die sonnenweiße Allee auf das sommertaumelnde Tal. Er sprach weiter, ohne den Kopf ihr zuzudrehen:

»... und ich könnte Sie nicht bitten, Maria: seien Sie vorsichtig.«

Die Corleone wandte ihm das Gesicht zu und betrachtete sein kleines Vogelprofil. – Er weiß? fragte sie sich wieder, wie vorhin schon. Der Baron Steiner lächelte, als gäbe er die Antwort.

»Sie begreifen doch die Moral meiner Geschichte, Fürstin? – Man muß ein so alter Fuchs sein wie ich, um seine Heimlichkeiten freiwillig beichten und mit ihnen überraschen zu können. – Sie sind weder alt noch ein Fuchs, Altezza, Sie sind eine Frau und leidenschaftlich. – Seien Sie vorsichtig!«

»Ich weiß,« sagte die Corleone bewegt und machte eine Geste, als wollte sie seine Hand ergreifen, »Sie sind ein so seltener Mensch, daß Sie sich entblößen, um mich gut zu warnen. – Aber ich kann nicht mehr zurück; schon lange nicht mehr. – Und … und, mein Freund, es ist sehr gefährlich, etwas von diesen Dingen zu wissen …«

» By Jove!« lächelte Steiner, »die Dolche Ihrer Ordensleute! Ich habe nicht viel Angst. Sie werden mich nicht gerade denunzieren, schöne Frau. – Doch Sie, Maria,« setzte er dringlich und ernst hinzu, »Sie sollten Angst haben, Ihr Herz sollte Angst haben – – vor der großen schönen Güte, vor der großen schönen Liebe des Souveräns!«

»Ach Gott,« stöhnte die Corleone, »ach Gott!«

 

6

Gioia der Bettler drehte sich vorsichtig um, als er die Gewißheit hatte, daß Checca ihm die Freiheit schenke, und sah noch die Tochter in der Via dei Servi dem Norden zu enteilen. Gioia schüttelte besorgt den Kopf und tauchte in dem Gewirr der kleinen Gäßchen unter, die vom Dom zum Viertel von San Firenze führten. Er ruderte verstört und so schnell er konnte, gleich als gehöre er nicht der Straße, sondern einem bestimmten Ziel. Der riesige Daumen blieb im ängstlichen Gehorsam aufgerichtet; aber die Almosenhand stak in der Tasche, um durch keine Barmherzigkeit die Flucht vor den plötzlich gefährlichen Menschen zu stören.

In der Tat strebte die Checca wieder aus der Stadt, den Weg des Morgens zurück, diesem sinnlos sommerwütigen Herbsttag zum Trotz, der selbst im Straßenstaub kochte. Als am Ende der Landstraße, die zwischen hohen Parkmauern und hitzgrauen Olivenbäumen brodelte, der Fiesolaner Berg sich mit harter Kontur, hier und da von Häusern weiß und rot gefleckt, im Sonnenbrand aufpflockte, fiel ihr ein, daß diese Rückkehr nicht anbefohlen und vielleicht nicht einmal erwünscht war. Sie wußte, daß der Signore keine Eigenmächtigkeiten liebte und sie mit den bösen Augen, vor denen sie sich fürchtete, zu bestrafen pflegte. Sie blieb stehen und fuhr sich mit dem Handrücken über die Augen, denen das grausame Licht weh tat. Sie merkte, daß ihre Stirn naß war, und schien darüber verwundert. Die Straße vor ihr fiel wie milchige Lava zum Zollhäuschen von San Domenico ab. Dann begann die Strada Fiesolana mit ihrer bösen Steilheit und ihrer Steinhöllenglut, wußte sie. Einen Augenblick fühlte sie große Müdigkeit. Sie bedachte die Gründe. Sie überlegte. Doch dann ging sie weiter und sagte laut: nein! – Es waren keine bösen Augen zu befürchten. Und was sie zu melden hatte, war aller Mühe wert.

Doch ihre Knie zitterten und das Herz arbeitete schmerzhaft, als sie eine Stunde später im Borgunto ankam. Die Signorina erschrak heftig; denn die keuchende Frau sah wahrhaftig so aus, wie man sich einen Unglücksboten vorstellt; und sie wurde noch atemloser und ganz wirr, als sie die bleiche Angst auf dem Gesicht des Mädchens sah.

Maddalena rüttelte sie an der Schulter.

»Was ist denn, Checca, um Gottes willen, was ist geschehen?«

Die Frau schüttelte den Kopf und die Hand. Sie wollte beruhigen; doch sie begann jetzt zu husten. – Madonna! dachte sie verzweifelt, dieser Husten, dieser verfluchte Husten dauert immer seine Zeit! – Ihre arme Brust wurde hin und her geschüttelt, von kleinen tückischen Stößen, ununterbrochen. Sie mußte auch das Taschentuch an den Mund pressen; denn es war ja möglich, daß Blut kam, und das wollte sie nicht zeigen. Mit der anderen Hand winkte sie ab – sowohl dem Mitleid als auch der Angst des Mädchens.

Zum Glück schlief der Signore, wie immer in der Stunde nach dem Mittagessen. Und Maddalena schloß sofort die Tür der winzigen Küche, in die sie die Checca gezogen hatte und die ein kleiner Gang von den Wohnräumen trennte. Die Alte, die einen Schluck Wasser trank, kam zu Atem.

»Nichts, nichts, Signorina,« keuchte sie verlegen, »gar nichts Schlimmes! – Madonna, mein Husten! – und diese Hitze! – Na ja, also der dicke Don Lionello – Sie wissen doch, Signorina, der Abate Vacca – ist hinter Gioia hergelaufen, hat ihn gestellt und auszufragen versucht. – Das ist alles. Das wollte ich dem Herrn doch noch vor heute abend mitteilen.«

Maddalena war ruhig geworden und überlegte. Sie zog die Brauen zusammen. Die zwei feinen Falten über der Nasenwurzel veränderten seltsam ihr Gesicht. Sie sah jetzt ein wenig böse aus. Auf der Stirn, die eben noch glatt und sanft war, erhoben sich dicht über den Brauen zwei kleine wilde Buckel. Man konnte ihr allerlei zutrauen.

»Du bist eine wackere Frau, Checca, eine brave Frau,« sprach sie etwas abwesend.

Nebenan ging eine Tür. Guerra hatte den leisen Schlaf des Menschen, der immer auf der Hut ist und einen besonderen Spürsinn wie eine Schildwache aus sich heraus stellen konnte. Das Gefühl, daß jemand Fremder in der Wohnung sei, hatte ihn geweckt. Die Alte wurde unruhig und sah auf die Tür.

»Der Signore …« murmelte sie ängstlich. Guerra trat ein, das Gesicht vom Schlaf noch etwas aufgetrieben und gerötet.

»Du bist wieder hier, Checca?« fragte er nicht eben freundlich. »Warum? Etwas Ernstes?«

»Die gute Haut,« antwortete die Schwester für die Furchtsame, »ist in der Hitze wieder heraufgestiegen, um dir zu melden, daß der dicke Vacca dem Alten nachgelaufen ist und ihn zum Reden bringen wollte.«

Guerra schwieg einen Augenblick und runzelte die Stirn wie vorhin die Schwester.

»Was wollte er wissen?« fragte er kurz. Checca entgegnete eilfertig:

»Ob Gioia den Signor Scaleterra und die Fürstin kenne, Signore. Gioia sagte natürlich nein.«

»So. Und fragte er sonst noch etwas?«

»Ich – glaube nicht,« sagte Checca zögernd. »Gioia ließ ihn dann stehen. Ich sah es selber.«

»So,« sagte Guerra wieder und blickte seine Schwester an, die etwas die Schulter hob. – »Nun, Checca,« wandte er sich wieder an die Alte, und seine Stimme wurde anerkennend, »es war sehr klug und sehr brav von dir, daß du gekommen bist. Deine Meldung ist recht wichtig. Also vielen Dank. Und ruh dich jetzt nur aus.«

Er ging wieder zur Tür, blieb aber auf der Schwelle stehen, als sei noch etwas zu bemerken, das ihm nicht gleich einfalle.

»Ja,« meinte er dann, ohne sich noch einmal umzudrehen, »Gioia muß natürlich für einige Zeit verschwinden.«

»Ja natürlich,« entgegnete Checca leise, »ich dachte es mir auch schon.«

»Es wird gut sein,« sprach Guerra halb über die Achsel, »wenn du ihm noch etwas schärfer auf die Finger siehst – verstehst du mich, Checca?«

Er wartete ihr Ja nicht ab und ging ins Wohnzimmer. Maddalena folgte ihm. Guerra strich sich über die Stirn.

»Hat der Alte geschwatzt, glaubst du?«

»Nein,« meinte Madda nachdenklich, »er ist zu ängstlich. Er ist doch wohl zu sehr in der Hand seiner Sünde. Ich meine Checca damit. Aber die Arme ist schwindsüchtig. Sie lebt vielleicht nicht länger als er.«

»Er darf eben nicht länger leben als seine Sünde,« sagte Guerra ruhig. Maddalena zog die Augenbrauen hoch.

»Mein Gott, ja,« sprach sie, unangenehm berührt. »Aber das wichtigste im Augenblick ist doch, daß der fatale Abate und also auch Caminer nicht allein schon den Faden zwischen Scaleterra und Maria entdeckt haben, sondern selbst den Daumen in seiner richtigen Bedeutung sehen. – Es wäre vielleicht das beste, wenn du heute abend nicht hingingest, Gasto.«

»Das kann ich nicht,« entschied Guerra nach kurzem Bedenken. »Ich darf unsere Leute nicht an falschen Alarm gewöhnen, abgesehen davon, daß es soweit ist und daß auch ich den Termin der Aktion nicht mehr verschieben darf. Im Gegenteil, Madda, mir scheint, gerade heute noch ist die Gefahr nicht groß. Caminer ist auf dem Weg, aber noch nicht am Ziel. Wir müssen versuchen, ihm mit der Tat vorzukommen. – Außerdem …«

Er stockte. Das Mädchen sah ihn mit einem merkwürdigen Blick an.

»Du meinst, Gasto, der Abate ist noch zu fangen?«

»Ja. Aber es ist widerlich. – Es ist auch ziemlich riskant, Madda. Der Bock hat Gehirn.«

»Pah,« machte das Mädchen. Beide schwiegen eine Zeitlang. Dann sprach Guerra unvermutet:

»Es wird nicht gut gehen, Madda.«

»Mein Gott, warum nicht? – Hänge dir doch keinen Kleinmut an. Du kannst Maria anstecken. Sie wird wahrhaftig kein kleines Spiel …«

»Nun ja, eben – Maria,« unterbrach der Mann mit Nachdruck. –

Zwei Stunden später, als die Tramontana sanft zu wehen begann, verließ Checca das Haus und schritt ausgeruht und guter Dinge die Straße abwärts der Piazza zu. Kurz darauf sah man die Signorina fortgehen, das Gesicht im Schatten eines modischen Kapotthutes. Sie plante wohl einen ihrer längeren Spaziergänge; denn sie trug einen Stock. Sie ging in der entgegengesetzten Richtung wie ihre Amme, die Straße bergauf, an den letzten lauten Häusern der Vorstadt vorbei und dann der sich nach rechts aufkrümmenden Chaussee folgend in die Richtung auf San Clemente, wie es schien. Doch nach ein paar hundert Schritten verließ das Mädchen die Landstraße und ging zur rechten Hand einen steilen Pinienwaldweg hinan, der bald den mageren Schatten der Bäume verlor, nicht unbeschwerlich wurde, im welligen Auf und Ab um den Monte Ceceri herumführte und an Steinbrüchen vorbei über Geröll und verbranntem Gras ziemlich überraschend auf die Straße nach San Majano abstürzte. Dort wartete ein Wagen.

Nach Anbruch der Dunkelheit verließ auch der Signore das Haus und ging, ausgerüstet mit einer kleinen Laterne, diesen selben Weg.


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