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Gioias Sünde war groß, fast unsagbar. Sie war so groß, daß zwei Menschen an ihr zu tragen hatten: er und seine Tochter. Sie gehörte zu den furchtbaren Taten, die nicht den Tod, sondern das Leben des Opfers fordern und sich mit ihm vermählen, Fleisch und Dauer werden, nicht zu übersehen, nicht zu vergessen. Solche lebendig gewordene Sünde besaß die Kraft des rächenden Gottes, das Leben des Urhebers zu brechen oder zu biegen. Checca war das Opfer, Gioia der Täter. Aber sein Leben war nicht spröde genug, um in Stücke zu gehen. Der rächende Gott gönnte ihm die Härte nicht, die barmherzig zerschellen konnte. Er verlangte die letzte Strafe, die Urstrafe für den schuldigen Menschen. Gioias Leben mußte sich biegen wie sein Körper.
Ohne seine Sünde wäre wohl Gioia nicht viel mehr als eines von den zersplitterten Teilchen der französischen Revolutionsmaschine, die zu jener Zeit in allen Abfallgruben der europäischen Länder verrosteten. Aber diese Menschentrümmer einer explodierten Idee waren zumeist empfindungslos und ganz zufrieden mit ihrer Apathie, die von der neuen Zeit in gewissem Sinne respektiert, zum mindesten doch nicht gestört wurde. Doch die Sünde gewährte dem Splitter Gioia nicht einmal diesen armseligen Frieden. Sie zog ihn aus dem Haufen und schmiedete ihn zu dem Nagel für alle Hämmer der Qual.
Gioia, der Musiker, aus kleinbürgerlicher Familie stammend, gehörte zu den römischen Jakobinern, die bewaffnet am 28. Dezember 1797 vor den Palazzo Corsini zogen, der Wohnung Joseph Bonapartes, und von der französischen Republik Schutz und Hilfe gegen die päpstliche Herrschaft verlangten. Diese Demonstration und die blutigen Wirren, die ihr folgten, führten dann zur Besetzung Roms durch Berthier und zur Gründung der römischen Republik.
Auch Gioia, der Musiker, gehörte der neuen Regierung an, und zwar als Kommissar der Schönen Künste, welche Stellung er als einziger unter den neuen Machthabern nicht zu Erpressungen großen Stils und für eigene Rechnung benutzte, sondern nur zur Finanzierung seiner ungeheuren Trinkgelage mit den zahlreichen Freunden aus der römischen Bohême. Doch dergleichen kostete damals so wenig, daß er mit den ihm zur Verfügung stehenden Geldern auch noch die Schulden seiner Genossen bezahlen und ihre Pfänder aus dem Monte di Pietà auslösen konnte. So genoß er eine angenehme Popularität, von der er indes keinen starken Eindruck behielt, weil er zumeist betrunken war.
Zu erwähnen ist noch, daß er in dieser Zeit – ob in unklarer Verfassung seines Kopfes, ob der revolutionären Mode folgend – nach jakobinisch vereinfachtem Ritus » sotto l'albero«, wie man es nannte, die Ehe mit einem Mädchen einging, das er am Abend vorher kennengelernt zu haben glaubte. Das wäre nun weiter nichts Ungewöhnliches gewesen, hätte er nicht bereits schon eine vorrevolutionäre, kirchlich angetraute Frau und eine zwölfjährige Tochter besessen, die irgendwo im Trastevere wohnten. Er hatte sich niemals viel um sie gekümmert und sie im Eifer und Rausch seines Kommissariates völlig vergessen. Er wurde an sie erinnert, als eines Tages ein mageres Weib in sein Amtszimmer einbrach und ihn ohne Einleitung mit Ohrfeigen bedachte. Das war seine bürgerliche Frau, die geradeswegs von einer ähnlichen Exekution an seiner jakobinischen Frau herbeieilte und nur durch eine größere Piasteranweisung zum Abzug zu bringen war. Während der Szene stand Checca, die Tochter, ein langbeiniges, unentwickeltes Mädchen, mit ihrem starren Gesicht in einer Ecke und sah zu.
Aber diese Erschütterung ging in einer größeren unter, die ihr unmittelbar folgte. Der Bonaparte stäupte das Gesindel aus der Regierung Roms, auch wenn es jakobinisch war – weil es jakobinisch war, dachten die Betroffenen und ballten die Fäuste in der Hosentasche. Gioia war unter ihnen, auch einer von jenen mit den heimlichen Fäusten. Grob und plötzlich – ganz ähnlich wie am Tage vorher seine erste Frau – war ein Offizier von der polnischen Legion des Generals Dabrowski, der mit seiner disziplinierten Truppe den Säuberungsbefehl des Obergenerals ausführte, in Gioias Dienstzimmer getreten, ein Kerl, schnauzbärtig wie ein Kosak und mit einer sonderbar eckigen Mütze. Der schlug zweimal mit der Reitgerte auf den Schreibtisch, daß der Staub aufflog – und die Reitgerte pfiff haarscharf an Gioias Nase vorbei. Bei jedem Schlag zischte ein barbarisches Wort mit. Und dann warf er den Commissario hinaus: nicht etwa nur mit Worten und Gesten – nein, mit zwei unglaublich zupackenden Händen, deren eine den Kragen und deren andere den Hosenbund des hochgerissenen Regierungsmitglieds zu fassen bekam und ihn in hohem Bogen zur Tür hinauswarf. Zu allem Unglück war Gioia nicht ganz nüchtern, als der Kerl eintrat und sich an sein Werk machte. So versagten seine französischen Sprachkenntnisse vollständig, und der Protest, der zustande kam, bestand aus einer römischen Fluchkaskade, die auf den Gewalttätigen nicht den kleinsten Eindruck machte. Und so verlor er durch den Schwung zur Tür völlig die Überlegung, fühlte nur noch im Fluge, daß andere Hände ihn unsanft weiterbeförderten, und kam erst, zerbeult und zerschlagen, auf der Treppe zu sich, die vom Kapitolsplatz stadtabwärts führte.
Jetzt schien sein Schicksal an der Besinnungslosigkeit und den steilen Abstürzen Gefallen gefunden zu haben. Es ging sehr schnell, atembeklemmend, in wollüstigem Tempo. Die gewohnte Trunkenheit schützte vor Verzweiflung, Wahnsinn und Knochenbrüchen. Er gehörte zu jenen mit den Fäusten in der Hosentasche. Das wurde rasch zum Bundeszeichen. Warum auch nicht? Eine Revolution gebiert die andere. Man hatte gelernt, Wütende aus Profession zu sein, Desperados aus Temperament. Führer war Cerrachi, der Bildhauer, der eine hohe Stellung in der jakobinischen Regierung eingenommen hatte. Versammlungsort war Gioias Wohnung im Trastevere, ein verborgener Winkel, gut für Konspirationen. Die Frau schien demütig, gewonnen durch eine Nacht der Liebe – was kam es ihm, Gioia, darauf an! – und war zumeist unsichtbar. Checca, die Tochter, sah aus ihrem Winkel stumm und mit starrem Gesicht die Männer an. Es waren wilde Männer, treffliche Hasser. – Was war das Ziel? Wahrhaftig, das alte, das geheiligte: Tod dem Tyrannen! – Wer war der Tyrann? – Verräter der Revolution und heimlicher Usurpator: Bonaparte. – Gioia, betrunken, spielte auf seiner Geige die Marseillaise und das Ça ira und verlor sich plötzlich in einem Thema von Palestrina, es meisterlich variierend. – Und doch brüllten die Genossen immer noch das » Formez les bataillons«. Man war ein wenig verwirrt. – Checca, im Winkel, sah stumm den Vater an, der spielte und nasse Augen hatte – vor Begeisterung und Rausch.
Alles ging sehr schnell. Schwung und Saus des nebelhaften Daseins wurde nicht eigentlich unterbrochen. An einem der trunkenen Abende, inmitten von Sang, Geige, Verschwörung und lustigem Kunterbunt von Tod und Leben, brüllte Cerrachi, der Bildhauer, der Führer, welcher stets der Nüchternste war, ganz plötzlich: »Still!« und zog seine heroischen Pistolen. Man war auch still – sehr still. Man hörte das Straßenpflaster hallen: Pferdehufe, Geklirr von Waffen, Kommandos. Man spähte aus dem Fenster: Fackelblitze auf Pallasch und böse blankem Helm der päpstlichen Dragoner, die Haus, Straße und Viertel blockierten. Gioia gröhlte vor Angst oder Berauschtheit. Cerrachi schlug ihn mit dem Pistolenkolben gegen den Magen, daß er über den Tisch fiel und sich erbrach. Cerrachi sprang zur Tür. Aber es war schon zu spät. Polnische Legionäre drangen die Treppe herauf. Cerrachi erschoß den Ersten. Das kostete ihm den Kopf; denn er war der einzige der Verschwörer, der hingerichtet wurde. – Checca saß steif und stumm in ihrem Winkel und sah zu: wie man die Männer fesselte, die Geige zerstampfte, den besinnungslosen Vater verschnürt, gleich einem fleckigen, stinkenden Warenballen die Treppe hinunterschleifte. Die Frau war unsichtbar.
Gioia kam in einem südfranzösischen Bagno zu sich. Er begann zu überlegen. Er hatte Zeit zum Nachdenken. Es störte nur die Eisenkugel, die dem linken Bein nachschleifte, und das brennende Verlangen nach Alkohol, und dann die furchtbaren Begierden seines Körpers, der an keine Abstinenz gewöhnt war. Doch die Wünsche förderten die Wut, die aus dem ungeheuerlichen Hohn der Buchstaben N. B. kam, Napoleon Bonaparte, eingebrannt auf seinen Rücken, aus dem Arbeitsschweiß – in den Steinbrüchen, bei den Wegbauten –, aus den Gliederschmerzen in den Nächten auf dem nässenden Steinboden der Zelle, aus Ungeziefer, aus Kälte, Hitze, Prügelstrafe und Leiden aller Art – vor allem aber aus dem Nachdenken. Als endlich seine Überlegung zur Gewißheit gelangt war, daß die erste Frau, die heuchlerische, demütige und unsichtbare, das Komplott zur Anzeige gebracht hatte, begann sein Hirn an der Strafe zu arbeiten, die ihr zu geben war. Dann stand auch die Sühne fest, und das Hirn lief leer. Schließlich lief nur noch die Mühle der monotonen Zeit in ihm und um ihn. Er genoß die Gnade gänzlicher Stumpfheit. Ohne sie, mit dem kleinsten aufbegehrenden Gedanken, wäre der Wahnsinn hochgesprungen und hätte den Kopf an den dicken Mauern zerschlagen. Das war die letzte Gnade seines Lebens; denn mit der Begnadigung, die plötzlich wie eine wilde Sonne einbrach und den blöden Augen weh tat, öffnete sich das Tor für die Sünde.
Die Amnestie des Krönungsjahres 1804 galt im allgemeinen nicht für die Attentäter auf das Leben des Kaisers. Wer den ehemaligen Musiker und Regierungskommissar Gioia auf die Gnadenliste gesetzt hatte, wer überhaupt seine Deportation nach Cayenne verhütet hatte, war damals noch nicht recht erfindlich. Kurzum, das Bagno öffnete sich für ihn, er wurde von der Kette abgeschmiedet, er wußte mit den ersten lastlosen Schritten nichts anzufangen und fiel über seine viel zu leichten, gichtverkrümmten Beine. Man gab ihm ein paar blanke neue Napoleond'ors und einen Zivilanzug. Man sagte ihm auch, daß jemand ihn im Torgebäude des Zuchthauses erwarte. Gioia betrachtete dumm und dumpf des Kaisers römisches Profil auf den Münzen und kratzte sich des Kaisers Initialen auf seinem rechten Schulterblatt. Er kicherte. Die eingeätzten Buchstaben pflegten zu jucken, wenn er sich erregte. Es war zudem kein unangenehmes Gefühl.
»He, Gioia, hörst du?« schrie der baskische Aufseher, der kein schlechter Mensch war und so etwas wie eine Zuneigung zu dem kleinen geduldigen Italiener gefaßt hatte, »ein langes Frauenzimmer wartet auf dich. – Na, das gibt was heute nacht … he?«
Gioia blieb stehen und sah ihn merkwürdig an.
»Ja,« sagte er mit schwerfälligen Lippen; denn er war nicht mehr gewohnt zu sprechen; »ja – ich schlage sie tot.«
»Bist du verrückt, Halunke? – Das junge Ding? – Das tat dir doch nichts! Das war ja noch ein halbes Kind, als du hierher …«
»Jung?« staunte Gioia und ging weiter. – Es war Checca. Er erkannte sie sofort, trotzdem sie inzwischen eine Frau geworden war, ein wenig hager, doch nicht unschön. Er gab ihr die Hand und fühlte eine warme Welle Bluts zum Herzen schießen. Sie hatte immer noch ihr starres Gesicht, das nicht lächeln konnte – auch jetzt nicht. Sie sprachen nichts, kein Wort, bis die letzten Formalitäten erledigt waren und man ihm seinen Paß aushändigte. Schweigsam gingen sie fort.
Als die Landstraße abbog und der Block des Zuchthauses hinter einem freundlichen Hügel verschwand, begann Checca zu sprechen. Im nächsten Dorf, man sehe schon den Kirchturm, warte ein Wagen. Sie führen nach Toulon. – Ja, sie lebe in Toulon, seit einem Jahr. – Gioia sah sie an, fragend und stirnrunzelnd. – Die Mutter sei schon lange tot, sagte Checca in ihrer ruhigen und knappen Art; das heißt, man habe sie ein paar Wochen nach der Verhaftung der Verschworenen vermißt und die Leiche dann, fast schon unkenntlich, aus dem Tiber gefischt; man habe sie wahrscheinlich in den Fluß geworfen. Checca schwieg. Gioia fuchtelte mit der Hand durch die Luft und wollte etwas sagen. Doch er unterdrückte es. Plötzlich lachte er auf: Hahaha! – Es klang sehr häßlich. Checca sah ihn an, nicht erstaunt, auch nicht angewidert.
»Ja,« sagte sie einfach, »ich weiß es sogar. Man hat sie in den Fluß geworfen. Ich erfuhr es später von der Partei.«
»Von welcher Partei?«
Checca schüttelte den Kopf und antwortete nicht. Gioia biß sich auf die Lippen. Sie gingen schweigend weiter. Checca sah aus, als habe sie genug gesprochen. Er fragte, um irgend etwas zu fragen:
»Wovon lebst du in Toulon?«
»Von den Männern natürlich.«
»Ja … natürlich …« murmelte er und sah sie von der Seite an. Sie trug ein seidenes Kleid und gutes Schuhzeug. Sie trug eine schwarze Spitzenmantille und eine weiße Spitzenhaube, die sich freundlich um die Fülle der schwarzen Haare faltete. Sie konnte sich einen Wagen leisten. – Mein Gott, was durfte man da sagen.
Der Wagen war zwar nur ein zweiräderiger Karren mit einem Eselchen, den ein kleiner Savoyarde lenkte. Aber man brauchte doch nicht zu laufen. Man saß sehr eng nebeneinander und wurde lustig hin und her geschüttelt. Checca roch nach Parfüm. Gioia glitt in ein ganz vergessenes Lebensgefühl. Es war wie ein leichter Rausch.
»Weißt du, was du jetzt machen wirst?« fragte Checca plötzlich. Er fuhr auf.
»Wer? Ich? – Nein, das weiß ich nicht …«
»Das ist auch nicht nötig,« versetzte sie. »Ich weiß es. – Du gehörst ja der Partei.«
Gioia begriff nicht. Aber er opponierte wie von ungefähr:
»Ich … ich bin doch frei …«
Checca hob die dicken Brauen, die über der Nasenwurzel zusammenstießen.
»Bah,« machte sie, »du bist nicht frei. Die Partei hat dich durch ihren Pariser Gewährsmann da herausgebracht …«
Sie wies mit dem Daumen über die Schulter nach rückwärts. »Du bist ihr Dank schuldig.«
»Dank …«
»Ja. – Übrigens kannst du bei mir wohnen, bis man über dich bestimmt.«
»Wenn ich aber nicht über mich bestimmen lasse …«
Checca streifte ihn mit einem bösen Blick. Die Fahrt war nicht mehr lustig. –
Das Mädchen bewohnte ein Zimmer in einem schmalen schmutzigen Hause des Hafenviertels. Als sie ankamen, war der furchtbare Abend schon ganz nahe. Das Zimmer war klein und roch wie Checca. Er wurde unruhig. Da war ein Bett, ein Tisch, ein Diwan. Mehr sah er nicht. Und er sah immer weniger, je mehr er trank. Er trank viel. Er sah nur noch die Checca mit dem starren Gesicht, das nicht lächeln konnte – auch jetzt nicht. Auch nicht, als dem Mann die Welt nichts mehr anderes war als ein roter wilder Glorienschein um ihr schwarzes wildes Haar. Es brach sein Körper aus dem Gefängnis der sechs Jahre Einsamkeit. Die Checca packte ihn an die Kehle; aber sie schrie nicht, und er besaß die Kraft des Besessenen. Plötzlich wehrte sie sich auch nicht mehr.
Das Ungeheuerliche, das er ihr angetan hatte, flammte in der gleichen grellen Sekunde in ihr auf, nahm Seele und Körper und war schon das ganze andere Leben: Checca. Das war kein wüster Traum, als er anderen Tags zerschlagen und voller Angst erwachte. Das richtete sich drüben im Bett an der Wand wieder auf, mit dem steinernen Gesicht, und sprach nichts, zeigte nur, daß es da war und immer da sein würde. Die Sünde lebte neben ihm und hatte ihn durch die eigene Existenz in den Krallen. Er entkam ihr nicht mehr. Sie jagte ihn durch alle Kreise der irdischen Hölle. Er war gehorsam, weil es furchtbarer noch war, ungehorsam zu sein. Er kroch in den engen Bretterverschlag neben dem Zimmer, wenn Männer seine Tochter besuchten oder wenn sie kam und eine kurze Bewegung ihres Kopfes ihm bedeutete, daß irgend jemand hinter ihr die Treppe heraufschlüpfe. – Mein Gott, das war schon schwer und grausam. Denn was konnte er machen? Was half ihm Verzweiflung und Ekel vor sich selber? Er war auf sie eifersüchtig. – Dann aber kam ein Herr mit fahlem Gesicht und einem großen Bart, der zu schwarz war, um echt zu sein. Er kam nicht zu Checca, die seltsam ergeben in einem Winkel stand; er kam zu ihm, Gioia.
»Gioia?« sagte der Herr mit leicht fragender Stimme; und er wiederholte sachlich wie ein Feldwebel, der aus der Stammrolle liest: »Gioia Benedetto.«
»Ja,« sagte Gioia furchtsam. Der Herr räusperte sich und teilte ihm ohne Umschweife mit, daß sein Verbrechen der Partei bekannt sei. Gioia wurde grau im Gesicht und sein Kinn bebte wie bei einem alten Mann.
»Welches … welches – Verbrechen …?« stotterte er. Der bärtige Herr antwortete nicht; nur sein spanisches Rohr hob sich von den Knien und zeigte mit dem goldenen Knopf flüchtig in die Richtung auf Checca.
»Allmächtiger … sie – sie …« stöhnte Gioia und suchte den Blick der Tochter. Aber sie sah kalt an ihm vorbei.
»Bitte, nicht viele Worte,« bestimmte der Herr und durchschnitt die Luft mit der Hand wie mit einem Messer. »Das alles ist überflüssig. Die Partei will vorerst, in Anerkennung Ihrer revolutionären Vergangenheit, den Fall nicht zur Anzeige bringen. Je nach Ihrer Verwendbarkeit und Ihrem Pflichteifer ist sie sogar bereit, die Sache möglichst zu unterdrücken. Das hängt also von Ihnen ab. – Kurzum: Sie sind als G. B. in die ambulante Exekutionsabteilung versetzt.«
»Als G. B.?« fragte Gioia betäubt und verwirrt.
»Ja, ja,« sagte der Herr etwas ungeduldig. »Sie heißen von jetzt ab G. B. Bei uns gibt es keinen Namen, aus naheliegenden Gründen. Ich bin zum Beispiel F. R. und Leiter der Sektion Piemont. Sie empfangen vorerst Befehle nur von mir und werden solange keine anderen Lettern kennen lernen, nur Befehlsgänger, die anonym bleiben. Alle Befehle, die Ihnen immer nur mündlich übermittelt werden – auf jede schriftliche Äußerung steht die Todesstrafe –, müssen von Ihnen in der angegebenen Weise und der verlangten Zeit erledigt werden. Ich sage Ihnen gleich, daß Ihre Tätigkeit sehr anstrengend und nicht sehr angenehm ist. Aber es bleibt Ihnen nichts anderes übrig als unbedingter Gehorsam. Überdies werden Sie auf Schritt und Tritt überwacht. – Hm, ja …«
Er schwieg und dachte nach. Gioia hockte auf seinem Stuhl mit schiefem Gesicht und pendelnden Armen und hörte doch die bösen klaren Worte, so laut auch in den Ohren das Blut brauste.
»Hm, ja,« sprach jetzt wieder der Herr mit dem Bart – er hatte eine sanfte, wohlklingende Stimme –, »zeigen Sie mir mal Ihren Rücken.«
»Rücken …,« klappte Gioia nach. Aber er sprang gehorsam auf, so schnell, daß er sich das Knie stieß, und zog mit bebenden Händen das Hemd über den Kopf. – Mein Gott, dachte er plötzlich, ich habe einen ganz runden Rücken … man kann es auch einen kleinen Buckel nennen … Wenn nur Checca nicht hersieht! – Doch Checca schaute aus dem Fenster.
Der Herr fuhr mit einem spitzen feuchten Finger über die kaiserlichen Initialen, die stark juckten. Die Reibung tat wohl. Gioia mußte plötzlich kichern.
»He!« rief der Herr, beugte sich vor und sah ihm prüfend auf die Stirn. Auch Checca drehte sich um und betrachtete ihn mißtrauisch. – Sie zweifeln an meinem Verstand, dachte Gioia.
»Das kitzelt nämlich,« sagte er als Entschuldigung. Er sagte es zu Checca hin, die schon wieder abgewandt war und es wohl überhörte.
»So,« sagte der Herr und musterte den Rücken von neuem, prüfte Tiefe und Höhe der Tätowierung. »Gut,« meinte er schließlich und schien nicht unzufrieden: »Das läßt sich machen. Zwei Streifschüsse genügen …«
Gioia öffnete den Mund und hob die Arme hoch. Der Herr mußte ein klein wenig lächeln.
»Nun ja,« erklärte er, »man muß das natürlich wegbringen. Man schießt Sie an, verstehen Sie. Man streicht sozusagen das Brandmal mit zwei dicken ehrlichen Soldatennarben aus. Wir haben für solche Zwecke einen Scharfschützen, eine Art Spezialisten für notwendige Ausschüsse und kleine Verstümmelungen …«
*
Gioia dachte natürlich in der ersten Zeit an Selbstmord. Aber als dieser Gedanke an irgendeinem schlimmen Tag wirklich Gestalt annahm und als kleines scharfes Federmesser die Pulsader ritzte, war Checca schon hinter ihm, entwand ihm leicht den schmalen blanken Gedanken, warf ihn fort und sagte leise: nein – nein. Sie sagte kein anderes Wort, kein hartes Wort, – wahrhaftig, sie strich ihm über das Haar und dann küßte sie ihn – ein wenig flüchtig zwar: aber sie hatte ihn geküßt. So nahm Gioia das schwere Leben auf sich und dachte nie mehr daran, es abzuwerfen.
Es war ein schweres Leben. Es begann damit, daß der Anschuß-Spezialist gerade bei ihm seinen schlechten Tag hatte und zwar die kaiserlichen Initialen fortschoß, aber auch einige wichtige Nervenstränge, ein Stück vom Schulterblatt und vom rechten Ellenbogen. Er lag ein paar Wochen, von einem portugiesischen Schiffsarzt schlecht behandelt, von Checca gut gepflegt. Er war ein Krüppel, als er seinen Dienst antrat. Der Herr mit dem Bart, der allmächtige F. R., schien übrigens mit dem körperlichen Fehler ganz einverstanden; denn er konnte jetzt aus Gioia einen veritablen Kriegsinvaliden machen, wie sie für seine Zwecke überaus geeignet waren und je nach Bedarf als ehemalige Angehörige dieser oder jener Partei des italienischen Kriegsschauplatzes zu gelten hatten. Die Tätigkeit der ambulanten Exekutionsabteilung, der Gioia angehörte und von der er nichts anderes sah noch vernahm als fremde wortkarge Männer mit der jeweiligen Order von F. R., war geheimnisvoll, gefährlich und aufreibend. Für eine dunkle Macht, die er nicht kannte und nur fürchtete, mußte er nach Paris und Wien und in alle Hauptstädte der italienischen Staaten fahren, bestimmten Personen unverständliche Stichworte oder auch nur Ziffern sagen, Menschen und Gebäude ausspionieren, Waffen, Sprengstoffe und Gifte ein- und ausschmuggeln, dunklen Geschehnissen und Terrorakten voraushuschen wie ein unheimlicher Schatten – und zweimal mußte er töten: in Neapel einen spanischen Agitator und in einem Flecken bei Parma einen etwa dreißigjährigen Mann, von dem er nicht wußte, wer er war noch was er getan hatte. Der unheimliche Mechanismus, der ihn bewegte und ihn fast immer unbeschadet durch die Gefahrklippen brachte, wurde für ihn schließlich etwas Gottähnliches, demgegenüber die persönliche Reflexion, das Gewissen, die Seele nichts galten. Warum er dies und dies und jenes tat und zweimal seine Pistole auf Menschen abfeuerte, die ihm ahnungslos den Rücken zudrehten – ob der Zweck solche schlimmen Mittel heiligen konnte: dies wurde ihm bis zu einem Grade gleichgültig, daß er die eigene Person nur noch als Hand oder Wort oder Muskel des Machtbegriffes F. R. sah, ohne Verantwortung und ohne Belastung. Dann war ja auch Checca auf ihre Art ein dienendes Teilchen wie er. Sie begleitete ihn auf seinen Missionen oft genug, um keinen Abstand zwischen ihm und seiner Sünde aufkommen zu lassen. Aber sie brauchte kaum je die Peitsche des erinnernden Wortes zu erheben. Er tat ja seine Pflicht, um es zu vermeiden.
Doch sein kranker Körper hielt den immer gespannten Tag und die Strapazen des ewigen Hin und Her nur knappe sechs Jahre aus. Dann war er fertig, von Gichtattacken und zunehmenden Lähmungserscheinungen zerschlagen, unbrauchbar, mit fünfzig Jahren ein kleiner krummer Greis. F. R. pensionierte ihn; das heißt, er gab ihm ein harmloses Beobachter- und Botenpöstchen in Florenz, das die Partei wenig kostete. – Der Bettler Gioia begann sein Pendelleben zwischen Santa Croce und Santa Maria del Fiore.
Das war um 1810. Die Jahre, die jetzt folgten, waren für ihn von einer dumpfen Barmherzigkeit. Die Sünde ließ ihn in Ruhe: Checca hatte auf lebhafterem Boden zu tun. Das ruhige Toskana war schon damals für die italienische Unabhängigkeitsbewegung, die sich allmählich aus den revolutionären Sekten kristallisiert hatte, aber unter der napoleonischen Sonne noch keine feste Form gewinnen konnte, von geringem Interesse. Die beiden Aktionszentren waren Piemont und Neapel. Checca lebte zumeist in Norditalien. Und da die Fünfundzwanzigjährige rasch verblühte, wurde bald nicht mehr ihre Prostitution für die Zwecke der Partei benutzt, sondern nur noch ihr Fanatismus. Sie arbeitete als Geheimagentin wie früher ihr Vater. Sie kam sehr selten nach Florenz. Gioia, der sich in der ersten Zeit nach ihr sehnte und die Distanz von seinem Schicksal schmerzlich wie eine schlichte Trennung von etwas Vertrautem und Geliebten empfand – die menschliche Seele bleibt in ihrem gottiefen Grunde immer unschuldig –, gewöhnte sich doch bald an die Einsamkeit, die seinem stumpf gewordenen Hirn das zu vergessen half, was er vergessen wollte. Er schwamm wie ein morsches Holz unansehnlich und ungefährdet auf der hochgehenden Flut der Jahre, die einen Halbgott von der Erde schwemmte. Als die Historie kleinlich und tückisch das Weltbeben mit einem Punkt im Atlantischen Ozean beschloß und dann die Menschlein animierte, sechsundzwanzig riesengroße Jahre auszuschneiden und das Jahr 1816 an das Jahr 1788 anzuheften, schlich sich doch in die neu-alte Welt die alte neue Idee mit hinein. Die italienische Geheimpartei sah auf dem schwarzen Grund der Restauration immer klarer ihr Gesicht. Sie sah schon das große Ziel. Das Ziel war die Zukunft. Sie verjüngte sich, um der Zukunft gewachsen zu sein.
Um das Jahr 1820, als schon in fast allen italienischen Staaten die Geheimgesellschaften organisiert waren, kam Checca nach Florenz, um bei der Konstituierung des Toskanischen Revolutionskomitees mitzuarbeiten. Sie hatte Gioia seit drei Jahren nicht gesehen. Da sie mit ihm zu sprechen hatte, paßte sie ihn nicht auf der Straße ab, sondern suchte sie ihn in seinem Schlupfwinkel auf, den nur sie und die Partei kannte. Der Bettler wohnte im Ghetto am Mercato Vecchio, in irgendeinem stinkenden schwarzen Winkel von ineinandergeschachtelten Häusern, unheimlichen Höfen, morschen Mauerbögen und krummen Galerien, die jeder polizeilichen Razzia spotteten. – Das war übrigens kein Unterschlupf aus Zufall oder aus persönlichem Scharfsinn Gioias: es war Parteibefehl. Die Verbindung der geheimen Gesellschaften mit den italienischen Ghetti war verdeckt und unterirdisch, unheimlich wie die Elendsburgen selber. Aber sie bestand, und es hieß, daß kein geringer Teil der Unterstützungsgelder aus unsichtbaren Ghettokanälen in die Parteikasse floß. Es hieß, daß die Mehrzahl der Juden den Funken von [1789] vor dem Verlöschen bewahrten. Sie waren Parteigänger jeder revolutionären Bewegung, weil ihr Erfolg notwendigerweise die Emanzipation bedeutete.
Gioia bewohnte den unbenutzten Hinterladen eines Schächters, eine dunkle Kammer, die auf einen offenen Gang führte, auf einen der Irrwege zwischen schiefen Mauern, zerrissenen Dachtraufen und zahllosen Türen, hinter denen wieder Menschen wohnten und wieder Galerien krochen und der Fiebertraum der wirren Häuserhaufen weiterlief. In der fensterlosen Kammer, die immer nach Blut und rohem Fleisch roch, schlief er nur. Wenn er wach war und zu Hause bleiben konnte, saß er auf dem Gang mit den zerbrochenen Bodenfliesen, saß er auf einem Hocker zwischen der Kammertür und einem vergitterten, immer dunklen Fenster der gegenüberliegenden Hausmauer und starrte in das enge Stückchen Himmel über sich. Er war ein verschlossener und abweisender alter Mann und viel weniger demütig als auf der Straße. Er sprach fast nie und grüßte keinen, mit Ausnahme seines Hausherrn, der es gut mit ihm meinte. Er schien auch taub gegen den Lärm der Menschen, der aus allen Mauerritzen quoll. Man ließ ihn in Ruhe, man achtete ihn; denn man wußte, wer ihn geschickt hatte.
Als er hinter sich die innere Kammertür kreischen und jemanden eintreten hörte, faltete er böse die Stirn. Man wußte doch, daß es verboten war, sein Zimmer zu betreten. Er rührte sich nicht, drehte sich nicht um. Er wartete, daß sich der Eindringling beschämt zurückziehe. Doch er stand schon auf der Gangschwelle, ganz nahe hinter seinem Rücken.
»Was ist …« fragte er grob; aber dann roch er Checca, die immer stark parfümiert war. Er drehte sich auf dem Hocker ihr zu.
»Guten Tag,« sagte sie kühl, »ich habe mit dir zu sprechen.«
»Ach, Checca,« sprach er leise und reichte ihr die Hand. Sie nahm sie und sagte mit einem gewissen Nachdruck: »Ich bleibe jetzt hier.«
Gioia schwieg. Seine grauen Lippen zitterten ein wenig. Er sah wieder zum Himmel. Checca teilte ihm mit kurzen sachlichen Worten allerlei mit.
»Du wirst also wieder in den aktiven Dienst gestellt,« schloß sie, »allerdings nur innerhalb des Stadtgebietes. Du empfängst alle Befehle direkt von mir.«
Gioia bewegte sich nicht.
»Hast du verstanden?« fragte sie. Der Alte bewegte die Lippen.
»Ich will nicht …« hörte sie endlich.
»Was …?«
»Ich – will – nicht … Ich habe genug …«
»Babbo …« sagte sie nur, mit tiefer Stimme, und sah ihn an.
*
Um diese Zeit schon begann der gerade zwanzigjährige Gasto Guerra aus Livorno, der auf der ziemlich heruntergekommenen Universität Pisa die Rechte studierte, seine politische Laufbahn.