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Zehntes Kapitel

Anders machte es der schweigsame Koch der »Da sind wir«; denn er erschien in der »Constance«, seinen Kram in ein Taschentuch geknüpft, und er blieb einfach da. Bezahlung spielte bei ihm keine besondere Rolle, und es war ihm höchst gleichgültig, wo er schlafen würde. Es war in seinen Träumen über ihn gekommen, daß es seine Bestimmung sei, Harvey zu folgen für den Rest seiner Tage. Der Koch und der Diener Cheynes – ebenfalls Schwarze – versuchten es mit allerhand Vernunftgründen und gütlichem Zureden bei ihm. Aber gegen einen Nigger von Kap Freton kommen selbst zwei Alabama-Nigger nicht auf, und so sahen die beiden sich genötigt, die Angelegenheit dem Millionär selber vorzutragen. Der lachte nur. Über kurz oder lang würde Harvey sowieso einen eigenen Diener brauchen, und ein freiwilliger war mehr wert, als fünf bezahlte. Also gut, der Mann solle dableiben, wenn er auch Macdonald hieße und auf Gälisch fluche. Der Wagen könne inzwischen nach Boston zurückfahren, und wenn er da noch bei seiner Meinung bliebe, würden sie ihn nach dem Westen mitnehmen.

Mit der »Constance«, die Cheyne im Grunde seines Herzens verabscheute, rollte das letzte äußere Anzeichen von Cheynes Millionärswürde davon. Jetzt fühlte er sich erst richtig frei und gab sich nach Herzenslust dem Müßiggang hin. Einem recht tatkräftigen Müßiggang freilich. Dieses Gloucester war eine neue Stadt in einem neuen Land, und er nahm sich vor, sie »einzuschlucken«, wie er bereits alle die Städte seiner westlichen Welt samt und sonders eingeschluckt hatte, von Surhomish bis San Diego. In dieser krummen Straße hier, halb Werft, halb Warenhaus, wurde überall Geld verdient: als Sachverständiger in dem Fach fühlte er sich gedrängt, in Erfahrung zu bringen, auf welche Art dieser edle Sport hier betrieben wurde. Die Leute sagten ihm, von den fünf Fischkroquettes, die in Neu-England jeden Sonntagmorgen auf jedem Frühstückstisch stünden, kämen vier allein aus Gloucester, und überhäuften ihn zum Beweis mit Zahlen – Statistiken über Boote, Ausrüstung, Werftlängen, Kapitalinvestierungen, Verpackung, Gebühren, Versicherungen, Löhne, Reparaturen und Gewinn. Er unterhielt sich mit den Eigentümern großer Flottillen, deren Kapitäne nicht viel mehr waren als geheuerte Matrosen und deren Mannschaft fast ausschließlich aus Schweden und Portugiesen bestand. Dann sprach er ausführlich mit Disko, einem der wenigen, die selber Bootseigentümer waren, und erwog und verglich alles in seinem vielumfassenden Kopf. Er trödelte von Bude zu Bude, hier auf einer Rolle Taue, da auf einem Haufen Ankerketten hockend, und fragte und fragte, immer mit der gemütlich-unersättlichen Neugier des Westlers, bis schließlich die ganze Waterkant sich verwunderte, auf was zum Teufel der Mann es wohl abgesehn habe. Er schnüffelte in die Kontore der Versicherungs-Gesellschaften und verlangte Aufklärung über die geheimnisvollen Mitteilungen, die täglich auf den schwarzen Tafeln angeschrieben standen; und das hatte zur Folge, daß sämtliche Sekretäre aller Fischerwaisen- und -witwen-Unterstützungsvereine über ihn herfielen. Sie bettelten schamlos, jeder bemüht, die Verlustliste des andern zu übertrumpfen, und Cheyne strich seinen Bart und wies sie alle an seine Frau.

Sie wohnte in einem Hotel garni nahe Eastern Point, einem sonderbaren Etablissement, das anscheinend von den Insassen selbst betrieben wurde, und in dem die Tischtücher weiß-rot kariert waren und die Bewohner, die sich alle seit Jahren intim zu kennen schienen, um Mitternacht aufstanden, um sich Welsh-Rarebits zu machen, wenn sie hungrig waren. Am zweiten Morgen ihres dortigen Aufenthaltes legte Frau Cheyne ihre großen Brillantringe ab, eh' sie zum Frühstück hinunterging.

»Es sind reizende Leute«, vertraute sie ihrem Mann an, »und so freundlich und bescheiden, obwohl sie fast alle aus Boston sind.«

»Das ist nicht Bescheidenheit, Mama«, sagte er, zwischen den Apfelbäumen, an denen die Hängematten hingen, zum Strand hinüberblickend. »Es ist etwas anderes – etwas, das wir … das ich nicht habe.«

»Das kann doch nicht sein«, sagte Frau Cheyne ruhig. »Hier ist keine einzige Frau, die ein Kleid hat, das hundert Dollar kostet. Wir …«

»Gewiß, Liebe, ich weiß … Aber ich glaube, das ist einfach mehr so die Art, wie sie sich hier im Osten tragen. – Fühlst du dich wohl hier? Cheyne spricht sich seiner Frau gegenüber nicht deutlich aus, um sie nicht zu verletzen. Er will sagen: »Was dir als Bescheidenheit erscheint, ist in Wahrheit die Überlegenheit der höheren geistigen Erziehung, die uns fehlt, trotz unserer Millionen.« (Die Bostoner gelten als die Bildungselite Amerikas.)«

»Ich sehe Harvey so selten, er ist ja immer mit dir, aber ich bin jetzt nicht halb so nervös mehr.«

»Ich hab' mich auch lange nicht so wohl gefühlt. Bisher hab' ich nie so recht gewußt, daß ich einen Sohn habe. Harve wird noch 'n Prachtkerl, paß auf. Kann ich dir irgend was holen, Liebe? Ein Kissen unter den Kopf? Wir wollen jetzt wieder nach der Werft und uns 'n bißchen umschaun.«

Harvey war in diesen Tagen seines Vaters Schatten; sie strolchten Seite an Seite herum, und Cheyne nahm jede Steigung zum Vorwand, um seine Hand auf des Knaben breite Schulter zu legen. Zum erstenmal lernte Harvey mit Bewunderung etwas erkennen, was ihm vorher nie aufgefallen war – die merkwürdige Fähigkeit seines Vaters, sofort das Wesentliche all des Neuen zu erfassen, das er unterwegs von den Leuten erfuhr.

»Wie machst du's bloß, daß sie dir alles sagen, ohne daß du ihnen was von dir sagst?« fragte der Sohn, als sie aus einem Takelschuppen heraustraten.

»Ich hab' mit einer ganzen Menge Leute zu tun gehabt in meinem Leben, Harve, und man lernt sie taxieren mit der Zeit. Ich weiß auch einigermaßen über mich selber Bescheid.« Und nach einer Weile, indes sie sich an den Rand eines Piers hockten: »Solche Leute können fast immer herausfühlen, ob einer sich selber durchgearbeitet hat, und dann behandeln sie ihn als einen der ihren.«

»Genau wie mich in Wouvermans Werft. Ich bin jetzt einer von ihnen. Disko sagt jedem, daß ich mir mein Geld verdient hab'.« Harvey spreizte die Hände und rieb die Handflächen gegeneinander. »Sie sind schon wieder ganz weich«, sagte er traurig.

»Behalt sie so die nächsten paar Jahre, bis du mit deinen Studien fertig bist. Nachher kannst du dir wieder eine Hornhaut beilegen.«

»Ja-a, so wird's wohl sein«, war die wenig entzückte Antwort.

»Es steht bei dir, Harve. Du kannst dich natürlich auch wieder deiner Mama an die Schürzenbänder hängen und ihr zusetzen, daß sie wieder den ganzen Tag jammert über deine Nerven und deine Überreiztheit und all dergleichen Unfug.«

»Hab' ich das je getan?« fragte Harvey beklommen.

Der Vater drehte sich auf seinem Sitz herum und streckte den Zeigefinger aus: »Du weißt so gut wie ich, daß ich nichts aus dir machen kann, wenn du nicht ehrlich zu mir stehst. Ich kann was mit dir anfangen, wenn du für dich allein bleibst. Aber du und Mama – das geht über meine Kraft. Das trau' ich mir nicht mehr zu. Dazu ist das Leben zu kurz.«

»Bis jetzt hat es noch nicht viel aus mir gemacht, nicht wahr?«

»Das war wohl zum großen Teil meine Schuld; aber wenn ich die Wahrheit sagen soll – allerdings, viel ist bis heute noch nicht los gewesen mit dir. Oder? Sag selber.«

»Hm. Disko findet … Sag mal, Vater, was rechnest du, daß ich dich gekostet hab' bis jetzt, von klein auf?«

Cheyne lächelte. »Ich hab' nie nachgerechnet, aber ich schätze in Dollar und Cents, eher fünfzig- als vierzigtausend; vielleicht auch sechzig. Die junge Generation ist kostspielig. Alles woll'n sie haben, und im nächsten Augenblick sind sie's wieder müde – und der Alte muß berappen.«

Harvey pfiff durch die Zähne, aber im Grunde fühlte er sich doch gehoben, daß seine Erziehung soviel gekostet hatte. »Und das alles ist verlorenes Kapital, nicht?«

»Angelegtes Kapital, Harve. Angelegt, hoff' ich.«

»Nehmen wir an, es wären nur dreißigtausend gewesen – dreißig hab' ich verdient –, macht zehn Cent auf hundert Dollar. Mächtig schlechtes Geschäft.« Harvey schüttelte ernsthaft den Kopf.

Cheyne lachte, daß er beinahe von seinem Pfahl ins Wasser fiel.

»Disko hat einen Haufen mehr gehabt von Dan, und schon seit er zehn Jahr alt war. Und dabei ist Dan immer noch ein halbes Jahr in der Schule.«

»Oh, also darauf bist du aus!«

»Nein. Ich bin auf gar nichts aus. Ich wollt' bloß sagen, ich hab' keine große Ursache, stolz zu sein auf mich … eigentlich verdien' ich Prügel.«

»Das liegt mir nicht, alter Junge; sonst hätt' ich's wahrscheinlich getan, wenn ich dazu veranlagt wär'.«

»Das hätt' ich bis zu meinem letzten Tag nicht vergessen – und dir nie verziehen«, sagte Harvey, das Kinn in beide Fäuste gepreßt.

»Sehr richtig. Genau so wär' mir's gegangen, siehst du.«

»Ich bin schuld und kein Mensch sonst. Aber jedenfalls muß ja jetzt irgend was geschehen.«

Cheyne entnahm seiner Westentasche eine Zigarre, biß das Ende ab, zündete sie an und begann zu rauchen. Vater und Sohn glichen einander sehr, wie sie da so saßen. Den ungleichen Mund verbarg Cheynes Bart, und die leicht gebogene Nase, die eng liegenden schwarzen Augen und die schmalen, etwas hervortretenden Backenknochen waren bei beiden dieselben. Hätte man Harveys Gesicht ein bißchen braun bemalt, so würde er ausgeschaut haben wie eine echte Rothaut aus dem »Lederstrumpf«.

»Es steht natürlich nichts im Wege«, sagte Cheyne langsam, »daß du einfach so weitermachst wie bisher. So mit sechs- bis achttausend Dollar aus meiner Tasche, bis du großjährig bist. Na, und von da ab, wenn du dann sozusagen ein Mann bist, kann's ruhig so weitergehen, mit vierzig- bis fünfzigtausend von mir, nicht gerechnet, was deine Mutter dir geben wird, mit Kammerdiener und Jacht und 'ner Luxusfarm, wo du dir Rennpferde züchten kannst, damit es nach was aussieht, und Kartenspielen mit deinesgleichen …«

»So wie Lorry Tuck?« warf Harvey ein.

»Jawohl. Oder wie die zwei De Vitrés oder der Sohn vom alten M'Quade. Kalifornien ist voll von solchen Jünglingen, und da schau – da siehst du gleich, daß es hier im Osten auch so was gibt.«

Eine glänzend schwarze Dampfjacht mit einem Deckhaus aus Mahagoni, nickelbeschlagenem Kompaßhäuschen, rosa und weiß gestreiftem Sonnensegel und der Flagge irgendeines Neuyorker Klubs paffte in den Hafen ein. Zwei junge Herrchen, in einer Tracht, die sie offenbar für seemännisch hielten, saßen beim Salondeckfenster und spielten Karten, und zwei Dämchen mit roten und blauen Sonnenschirmen schauten zu und lachten geräuschvoll.

»Mit dem Ding möcht' ich in keinen Wind kommen. Keine Breite«, sagte Harvey kritisch, indes die Jacht langsam ihre Hafenboje ansteuerte.

»Das nennen sie sich amüsieren. Das kannst du von mir auch haben, und noch viel mehr. Wie gefällt dir das?«

»Karl der Große! So setzt man doch kein Dingi aus«, rief Harvey, noch immer ganz in den Anblick der Jacht vertieft. »Wenn ich nicht besser mit 'ner Talje umzugehen wüßte, blieb' ich lieber an Land … Und wenn ich das nicht will?«

»An Land bleiben … oder was?«

»Jacht und Stall und dem ›Alten‹ auf der Tasche sitzen und – mich hinter Mama stecken, wenn was schief geht«, sagte Harvey mit einem Zwinkern.

»Gut, in dem Fall wären wir ja beide einer Meinung, mein Sohn.«

»Zehn Dollars monatlich?« Wieder ein Zwinkern.

»Nicht einen Cent mehr, bis du's wert bist. Und du wirst noch ein paar Jahre brauchen, bis du das verdienen wirst.«

»Ich möcht' viel lieber als Hausdiener anfangen, die Kontore fegen und so – so fangen doch die großen Kanonen immer an –, und was dabei verdienen, als …«

»Das kenn' ich; das geht uns allen so. Aber einen Mann zum Stubenfegen können wir schon immer noch erschwingen, denk' ich. Ich habe denselben Fehler gemacht, daß ich zu früh angefangen hab' mit dem Verdienen-wollen.«

»Dreißig Millionen Dollar, das lohnt schon einen Fehler, nicht? Dafür würd' ich's riskieren.«

»Ich habe verloren und gewonnen. Ich will dir's erzählen.«

Cheyne strich seinen Bart, sah lächelnd auf das stille Meer hinaus und begann zu sprechen, ohne Harvey anzuschauen, der alsbald begriff, daß der Vater seine Lebensgeschichte zu erzählen begann. Er sprach mit leiser, gleichmäßiger Stimme, ohne Gesten und ohne besondre Betonung; und doch war es eine Geschichte, für die ein Dutzend führender Blätter gerne viele Dollars bezahlt hätten – die Geschichte von vierzig Arbeitsjahren, die zugleich die Geschichte des neuen Westens war, die noch geschrieben werden muß.

Sie begann mit einem verwaisten, ganz allein auf sich gestellten Knaben in Texas, und ging phantastisch weiter über unzählige Wechselfälle des Lebens hinweg; die Szenerie wandelte sich von einem Weststaat zum andern, Städte schossen in einem Monat aus dem Boden, um nach einem halben Jahr wieder zu verschwinden, wilde Steppen voll wilder Abenteuer breiteten sich, wo heute arbeitsreiche, wohlgeordnete Gemeinwesen blühten. Von dem Bau von drei Bahnstrecken erzählte die Geschichte, und von dem völligen Zusammenbruch einer vierten. Sie handelte von Dampfern, Siedlungen, Wäldern, Minen, und von Männern aller Nationen unter dem Himmel, schaffend, bauend, rodend, grabend. Von Möglichkeiten zu ungeheurem Reichtum erzählte sie, sich eröffnend vor Augen, die sie nicht zu erkennen vermochten, oder versäumt einfach aus Zeitmangel oder Zufall. Und durch all den rasenden Wechsel der Geschehnisse bewegte sich – manchmal zu Pferde, öfters zu Fuß, jetzt reich, jetzt arm, auf und ab, zurück und vorwärts, als Schiffs- und Bahnarbeiter, Lieferant, Gastwirt, Journalist, Maschinist, Agent, Grundstücksmakler, Politiker, Destillateur, Minenbesitzer, Spekulant, Viehhändler, Landstreicher – bewegte sich, flink und gelassen, die Gestalt Harvey Cheynes, immer dem großen Ziel entgegen, zu seinem eigenen Vorteil und, so sagte er, zu Ruhm und Fortschritt seines Vaterlandes.

Er sprach von dem Selbstvertrauen, das ihn nie verlassen hatte, selbst am Rande der Verzweiflung nicht –, jenem Selbstvertrauen, das aus dem Wissen um Menschen und Dinge kommt. Er verbreitete sich, wie zu sich selbst sprechend, über seinen großen Mut und seine Tatkraft in jeder Lage. Das alles war ihm offenbar so selbstverständlich, daß er nicht einen Augenblick seinen Tonfall änderte. Er beschrieb, wie er es seinen Feinden entweder heimgezahlt oder ihnen verziehen hatte, je nachdem wie es ihm selber von ihnen ergangen war; wie er Städte, Gesellschaften und Syndikate mit Vernunftgründen, mit Lockung, mit Gewalt bezwungen hatte, immer zu ihrem eigenen Vorteil; wie er um Berge und Schluchten herum, durch sie durch und drunter weg gekrochen war, immer ein Stück Bahnstrang hinter sich herziehend, und wie er es ruhig hatte über sich ergehen lassen, wenn man ihm noch so oft seinen Charakter öffentlich in Fetzen gerissen hatte.

Harvey hörte atemlos zu, den Kopf ein wenig zur Seite geneigt, die Augen unverwandt auf des Vaters Gesicht gerichtet, während das Zwielicht in Dunkelheit überging und nur die brennende Zigarre noch die bärtigen Wangen und buschigen Brauen beleuchtete. Es war Harvey zumute, als ob er einer Lokomotive zuschaute, die ins dunkle Land raste – von Meile zu Meile ihr glühendes Feuerloch öffnend; aber diese Lokomotive konnte sprechen, und ihre Worte rüttelten und wühlten den Jungen bis in die Tiefe seiner Seele auf. Schließlich warf Cheyne seine Zigarre weg, und die beiden saßen im Dunkeln bei dem leckenden Wasser.

»Das habe ich noch nie jemandem erzählt«, sagte der Vater.

Harvey holte tief Atem. »Das ist das Großartigste, was je da war!« sagte er.

»Das war, was ich erreicht habe. Jetzt komme ich zu dem, was ich nicht erreicht habe. Dir wird das jetzt noch bedeutungslos vorkommen, aber ich möchte nicht, daß du so alt wirst wie ich, eh' du's einsiehst. Ich kann mit Menschen umgehen, gewiß, und bin mir meines Weges sicher, aber … aber ich kann nicht mit den Menschen mit, die eine wirkliche Bildung mitbekommen haben. Ich hab' mir so manches angeeignet unterwegs, aber ich glaube, man merkt es doch an allen Ecken und Enden.«

»Ich habe nie was davon gemerkt«, sagte der Sohn entrüstet.

»Du wirst es noch merken, Harve. Du wirst es merken, sobald du mit deinem Studium durch bist. Seh' ich's denn nicht? Kenn' ich den Blick der Leute nicht, wenn sie heimlich bei sich denken: der Emporkömmling! Ich kann sie kurz und klein schlagen – jawohl –, aber ich kann sie nicht an ihren Wurzeln treffen. Ich sage nicht, daß sie weit über mir stehn, aber ich fühle, daß sie irgendwie weit, weit weg von mir sind. Du hast jetzt die Gelegenheit. Du kannst jetzt alles in dich aufnehmen, was wissenswert ist, und du wirst mit Menschen leben, die dasselbe tun. Sie tun es, um zu 'n paar tausend Dollars höchstens im Jahr zu kommen, aber du, vergiß das nicht, tust es für Millionen. Du wirst genug von der Juristerei lernen, daß du dich um dein Eigentum kümmern kannst, wenn ich nicht mehr da bin, und du wirst dich befreunden mit den Söhnen der besten Leute am Markt (sie können dir später nützlich sein). Und vor allem wirst du das ganz gewöhnliche, einfache Büffeln über den Büchern hinter dich bringen. Nichts macht sich so gut bezahlt wie das, Harve, und es wird sich jedes Jahr mehr und mehr bezahlt machen in unserm Land – im Geschäft wie in der Politik, das wirst du noch einsehn.«

»Nicht sehr verlockend für mich«, sagte Harvey. »Vier Jahre Studium! Hätt' ich nur lieber den Kammerdiener und die Jacht gewählt!«

»Macht nichts, mein Sohn«, bestand Cheyne. »Du legst dein Kapital dort an, wo es dir die besten Zinsen bringt; und ich denke, du wirst unsern Besitz nicht verringert finden, wenn du so weit bist, daß du ihn übernehmen kannst. Denk darüber nach und gib mir morgen Bescheid. Jetzt rasch, sonst kommen wir zu spät zum Essen!«

Da dies eine geschäftliche Unterredung gewesen war, fühlte sich Harvey nicht verpflichtet, seiner Mutter etwas davon zu sagen, und Cheyne hielt es ebenso. Aber Frau Cheyne spürte, daß etwas geschehen war, und war ein wenig eifersüchtig. Ihr Söhnchen, ihr verwöhntes Muttersöhnchen, das so rücksichtslos auf ihren Nerven herumgeritten hatte, war verschwunden, und an seiner Statt war da ein selbstbeherrschter, ungewöhnlich schweigsamer Junge mit klarem, festem Blick, der sich fast ausschließlich mit dem Vater unterhielt. Sie fühlte, daß es sich um Geschäftliches handelte, ein Gebiet, das außerhalb ihrer Begriffswelt lag. Ihre letzte Hoffnung, sich vielleicht noch getäuscht zu haben, schwand, als Cheyne ihr eines Tages von einer Fahrt nach Boston einen neuen Brillant-Marquise-Ring mitbrachte.

»Was habt ihr beiden Männer denn miteinander vorgehabt?« fragte sie mit einem schwachen Lächeln, während sie den Ring im Licht spielen ließ.

»Miteinander geredet, Mama – nur geredet; hat alles seine Richtigkeit mit Harvey.«

Dem war so. Der Junge hatte seinerseits dem Vater einen Vertrag vorgeschlagen. Eisenbahnen, erklärte er ernst, interessierten ihn ebensowenig wie Holz, Grundstücke oder Minen. Was seine Seele sich ersehnte, war die Leitung der jüngst vom Vater erworbenen Segelschiff-Linie. Wenn der Vater ihm das innerhalb einer nach seinen Begriffen annehmbaren Zeit versprechen könne – so wolle er seinerseits mit Fleiß und Ernst vier oder fünf Jahre seine Studien betreiben. Während der Ferien sollte ihm Einblick gestattet sein in alle Einzelheiten, die mit der Linie zusammenhingen – er hatte nicht weniger als zweitausend Fragen schon jetzt gestellt –, von seines Vaters Geheimpapieren im Safe angefangen bis zum letzten Schlepper im Hafen von San Franzisko.

»Topp, das kann gelten«, sagte Cheyne schließlich. »Du wirst deine Meinung zwar noch zwanzigmal ändern, eh' du mit dem Studium fertig bist; aber wenn du dann immer noch Lust dazu hast, sollst du die Linie verwalten. Und wenn du das ordentlich machst und die Sache nicht wieder an den Nagel hängst, bis du, sagen wir, dreiundzwanzig bist, dann soll die ganze Linie in deinen Besitz übergehen. Was meinst du dazu, Harve?«

»Nein, nein, das nicht. Nie gut, 'ne alte Firma zu zersplittern. Es gibt sowieso schon zuviel Konkurrenz in der Welt, und Disko sagt immer: ›Gleiches Blut muß zusammenhalten.‹ Das ist bei ihm immer so, und das ist mit ein Grund, sagt er, weshalb sie immer so guten Profit machen. Sag mal, Vater, die ›Da sind wir‹ geht Montag schon wieder nach den Georgesbänken. Das geht schnell bei denen, nicht?«

»Ja, wir müssen auch fort, denk' ich. Ich hab' meine Geschäfte einfach liegen lassen, und es ist höchste Zeit, daß ich mich wieder zeige. Ich geh' wahrhaftig nicht gern. Seit zwanzig Jahren hab' ich keine solchen Ferien mehr gehabt.«

»Wir können nicht fort, ohne erst Disko das Geleit zu geben«, sagte Harvey. »Montag ist Gedächtnistag. Bleiben wir doch auf jeden Fall noch so lange, Vater.«

»Was ist das eigentlich mit diesem Gedächtnistag? Im Gasthof haben sie auch schon davon gesprochen«, sagte Cheyne, halb schon nachgebend. Auch ihm war es nicht allzu eilig damit, die goldenen Tage zu beenden.

»Soweit ich verstanden hab', ist es eine Art Gesangs- und Tanzunterhaltung für die Sommergäste. Disko ist nicht sehr dafür, sagt er, weil dabei für die Witwen und Waisen gesammelt wird. Disko hat seine eigenen Ansichten. Hast du das noch nicht bemerkt?«

»J-a, schon. Hier und da. – Die Sache geht wohl also von der Stadt aus?«

»Diese Sommerversammlung jetzt ja. Sie verlesen die Namen der Schiffer, die ertrunken oder verschollen sind, und halten Reden und Vorträge und so. Und dann, sagt Disko, gehen die Sekretäre der Wohltätigkeitsvereine in den Hof und streiten sich um die Beute. Das wirkliche Fest ist im Frühjahr, sagt er, das ist dann ganz in den Händen von den Geistlichen, und es sind keine Sommergäste mehr dabei.«

»Aha«, sagte Cheyne, der mit angeborenem Bürgersinn begriff, daß es sich hier um eine Ehrensache für die ganze Stadt handelte. »Bleiben wir also über den Gedächtnistag und fahren dann am Nachmittag weg.«

»Ich will zu Disko 'runtergehn und ihm sagen, daß er seine Leute mitbringen soll, eh' sie absegeln. Ich muß natürlich bei ihnen bleiben.«

»So«, sagte Cheyne; »ich bin also nur so ein armseliger Sommerfrischler, und du …«

»Ein Bankfischer – ein Vollblut-Bankfischer!« rief Harvey, auf die Straßenbahn springend und Cheyne seinen weiteren frohen Zukunftsträumen überlassend.

Disko hatte nichts für öffentliche Wohltätigkeitsveranstaltungen übrig, aber Harvey bettelte: der ganze Glanz dieses Tages sei für ihn verloren, wenn die von der »Da sind wir« nicht mitmachen würden. Daraufhin stellte Disko eine Bedingung. Er habe gehört – es war erstaunlich, wie alle Welt an der Waterkant immer gleich wußte, was alle Welt trieb – er habe gehört, daß so ein »schauspielerndes Frauenzimmer« aus Philadelphia sich an den Vorträgen beteiligen werde; und er sei sicher, daß sie »Schiffer Iresons Fahrt« zum besten geben werde. Er persönlich mache sich ebensowenig aus Schauspielerinnen, wie aus Sommerfrischlern; aber Recht bleibe Recht! Und wenn er seinerseits zwar auch einmal mit einem Urteil ausgerutscht sei (hier kicherte Dan), so dürfe doch aus dieser Sache keinesfalls etwas werden. Also fuhr Harvey nach Ost-Gloucester zurück und brachte einen halben Tag damit zu, einer höchlich belustigten Schauspielerin von königlichem Ruf an beiden Küsten Amerikas auseinanderzusetzen, welchen groben Fehler sie im Begriffe sei zu begehen. Und sie gab zu, daß Disko recht habe und daß es eine Forderung der Gerechtigkeit sei, auf »Schiffer Ireson« zu verzichten.

Cheyne wußte aus alter Erfahrung, was kommen würde; aber jedwede öffentliche Aktion war Speise und Trank für seine Seele. Er sah mit Behagen, wie die Straßenbahnwagen einherrollten durch den dunstig heißen Morgen, voll Frauen in hellen Sommerkleidern und bleichen Männern in Strohhüten, die direkt von ihren Schreibtischen aus Boston kamen; er sah den Haufen Fahrräder bei der Post; das Kommen und Gehn der geschäftigen Festordner, die einander grüßten; das Wehen der Flaggen in der schweren Luft, und den wichtigen Mann mit seinem Schlauch, der den Bürgersteig abspritzte.

»Mama«, rief er plötzlich, »weißt du noch, wie sie Seattle Bedeutende Stadt nördlich von San Franzisko (A. d. Ü.). damals wieder in Schwung brachten, nach dem Brand?«

Frau Cheyne nickte und schaute mit Kennerblick die krumme Straße hinunter. Sie hatte ebenso lebhaften Sinn wie ihr Mann für derlei Volksfeste und Massenbewegungen, wie sie im ganzen Westen so häufig sind, und stellte im Geist Vergleiche an. Das Fischervolk begann sich unter die Menge zu mischen, die sich am Rathaustor drängte: Portugiesen in blauen Jacken, ihre Frauen größtenteils ohne Kopfbedeckung oder mit Kopftüchern; helläugige Neuschotten und Leute aus den Küstenprovinzen; Franzosen, Italiener, Schweden, Dänen und andre Besatzung der Küstenfahrzeuge. Und überall Frauen in Schwarz, die einander mit düsterm Stolz begrüßten, denn heute war ihr großer Tag. Und Geistliche aller Glaubensbekenntnisse – Pastoren großer, reicher Gemeinden, die als Kurgäste an der See weilten, neben einfachen Seelenhirten von hier: Priester der »Kirche am Berge« und wildbärtige Lutheraner, Veteranen der See, Du-und-Du mit jedem zweiten Seemann. Da sah man großmächtige Reeder, aus deren Taschen die Hauptbeiträge an die Wohltätigkeitsvereine quollen, kleine Leute, deren Schiffe bis zum Mast verpfändet waren, Bankiers und Seeversicherungsagenten, Kapitäne von Schleppern und kleinen Booten, Takler, Monteure, Hafenarbeiter, Salzer, Bootsbauer, Küfer, und die ganze zusammengewürfelte Bevölkerung der Wasserkante.

Sie schlenderten die Sitzreihen entlang, ein heiterer Anblick mit all den farbigen Kleidern der Sommergäste; ein Herr des Stadtkomitees lief hin und her und schwitzte und glänzte über und über von echtem Bürgerstolz. Cheyne hatte ihn vor ein paar Tagen kennengelernt und fünf Minuten mit ihm gesprochen, und die beiden verstanden sich ausgezeichnet.

»Nun, Herr Cheyne, und was halten Sie von unserer Stadt? – Bitte, Madam, nehmen Sie Platz, wo es Ihnen beliebt. – Sie haben dergleichen Feste auch im Westen, nehme ich an.«

»Ja, aber unser Westen ist nicht so alt.«

»Natürlich, gewiß. Sie hätten dabei sein müssen, wie wir unsern zweihundertundfünfzigsten Geburtstag gefeiert haben! Ich sage Ihnen, Herr Cheyne, die alte Stadt hat sich selbst überboten.«

»Das habe ich gelesen. So was bringt auch Geld. Aber woher kommt es, daß ihr hier kein erstklassiges Hotel habt?«

»… Links hinüber, Pedro! Massenhaft Platz für dich und deine Familie. – Ja, das predige ich ihnen immerfort, Herr Cheyne. Da wär 'n Haufen Geld zu machen, aber das wird Sie wohl kaum interessieren. Was wir brauchen, ist …«

Eine schwere Hand fiel auf seine Schulter, und der hochgerötete Kapitän eines Portland-Kohlen- und Eis-Transport-Küstendampfers drehte ihn halb herum. »Was zum Teufel fällt euch Kerlen ein, hier über Gesetze abzustimmen, während alle rechten Leute auf See sind, he? Die Stadt ist beintrocken und riecht 'n gut Teil schlechter, seit ich zuletzt hier war. Ihr hättet uns wenigstens 'ne kleine Ecke für milde Getränke reservieren können.«

»Ihr scheint nichtsdestoweniger zu Eurer nötigen Zufuhr gekommen zu sein heut morgen, Carsen. Ich werde später mit Euch darüber politisieren. Setzt Euch unterdessen dort an die Tür und denkt über Eure Gegenargumente nach, bis ich wiederkomme.«

»Pfeif auf Argumente! In Michelon kostet der Champagner achtzehn Dollar die Kiste und …« Der Kapitän schwankte auf seinen Sitz zu, da ein Orgelpräludium ihm das Wort abschnitt.

»Unsere neue Orgel«, sagte der Beamte stolz zu Cheyne, »kostet uns auch viertausend Dollar. Wir werden im nächsten Jahr die Steuern erhöhen müssen, um sie zu bezahlen. Aber ich habe mich dafür eingesetzt, daß das Religiöse nicht immer nur den geistlichen Herren überlassen bleibt. Sehn Sie, jetzt stehn unsere Waisenkinder auf, um zu singen. Meine Frau hat es mit ihnen einstudiert. Auf später, Herr Cheyne! Ich werde hinter der Bühne verlangt.«

Die hohen, klaren, reinen Kinderstimmen übertönten das letzte Geräusch der Nachzügler, die ihre Plätze aufsuchten.

»Alle deine Werke lobpreisen dich, o Herr! Gesegnet seist du, o Herr! Lobpreiset ihn und verherrlichet ihn von Ewigkeit zu Ewigkeit!«

Die Frauen lehnten sich allenthalben im Saal vor, um hinzuschauen, während die Klänge des Chorals die Luft erfüllten. Frau Cheyne und viele andre Frauen mit ihr begannen rascher zu atmen. Sie hatte sich kaum vorgestellt, daß es so viele Witwen auf der Welt gäbe, und unwillkürlich suchte ihr Blick nach Harvey. Harvey hatte die Leute der »Da sind wir« hinten im Saal gefunden und stand als einer der ihren zwischen Dan und Disko. Onkel Salters, der mit Penn Tags zuvor angekommen war, begrüßte ihn mißtrauisch.

»Sind die Leute noch immer nicht fort?« brummte er. »Was willst du noch hier bei uns, junger Mann?«

»Ihr Meere und Fluten, preiset den Herrn! Lobpreiset ihn und verherrlicht ihn von Ewigkeit zu Ewigkeit!«

»Ist das vielleicht nicht sein gutes Recht?« gab Dan zur Antwort. »Er war mit uns genau wie die andern.«

»Nicht in den Kleidern«, schnarchte Salters.

»Halt die Klappe, Salters«, sagte Disko. »Du hast wohl wieder mal Galle geschluckt! Bleib, wo du bist, Harve.«

Jetzt erhob sich der Festredner, eine andre Säule des Stadtrats, und entbot aller Welt den Willkommen Gloucesters, was ihm Gelegenheit gab, beiläufig darauf hinzuweisen, in welchen Punkten diese Stadt die gesamte übrige Welt an Glanz überstrahle. Dann sprach er vom Reichtum, der der Stadt aus dem Meere erwuchs, und von dem Preis, den sie alljährlich dem Meer dafür zu entrichten hätte. Man würde später die Namen ihrer Toten nennen – hundertundsiebzehn an Zahl. (Die Witwen bekamen große Augen und sahen einander an.) Gloucester könne sich keiner hervorragenden Industriezweige rühmen. Ihre Söhne müßten für den Lohn arbeiten, den das Meer ihnen bot; und sie alle wüßten, daß weder Georges noch die Bänke friedliche Weideplätze seien. Dafür müsse die Landbevölkerung das Äußerste daransetzen, um für die Witwen und Waisen zu sorgen; und nach einigen allgemeinen Bemerkungen nahm er die Gelegenheit, im Namen der Stadt allen denen zu danken, die in so gemeinnütziger Weise zum heutigen Tage beigesteuert hätten.

»Ich hasse das Gebettel dabei«, brummte Disko. »Gibt den Leuten 'ne ganz falsche Vorstellung von uns.«

»Wenn Leute nichts beiseite legen, solange es ihnen gut geht«, gab Salters zurück, »liegt es in der Natur der Sache, daß man sie nachher beschämen muß. Laß dich warnen, Junge, Reichtum dauert nicht, wenn man ihn mit Luxus vertut.«

»Aber wenn man alles verliert, alles«, sagte Penn, »was soll ich dann machen? Ich hab' mal« – und die wasserblauen Augen irrten umher, als ob sie etwas suchen würden, wo sie Ruhe fänden – »ich hab' mal wo gelesen – ich glaube in einem Buch – von einem Boot, mit dem alle untergingen bis auf einen – und der sagte zu mir …«

»Blech«, sagte Salters, ihm das Wort abschneidend. »Lies weniger und interessier dich mehr für dein Essen, dann wirst du eher dazu kommen, daß du dir deinen Unterhalt verdienst, Penn.«

Harvey, zwischen den Fischern eingeklemmt, verspürte einen kribbelnden, kriechenden Schauer, der im Genick begann und bis zu den Zehen hinunterlief. Es fror ihn, obgleich es ein schwüler Tag war.

»Ist das die Schauspielerin aus Philadelphia«, fragte Disko, mürrisch nach dem Podium hinschauend. »Hast du's mit ihr abgemacht wegen dem alten Ireson, Harve? Du weißt schon warum.«

Es war in der Tat nicht »Iresons Fahrt«, was sie vortrug, sondern eine Art Ballade von einem Fischerhafen, namens Brixham, und einer Flottille von Schleppfischern, die sich durch Sturm und Nacht heimwärts kämpfte, während die Frauen an der Mole ein Leuchtfeuer anzündeten, mit allem und jedem, dessen sie habhaft werden konnten.

»Sie nahmen der Ahne die Decke,
Sie gab sie zitternd drein,
Sie nahmen dem Säugling die Wiege,
Der konnte nicht sagen: nein!«

»Hu!« sagte Dan, über die Schulter des langen Jack hinwegguckend. »Allerhand! Muß aber 'ne kostspielige Sache gewesen sein!«

»Nich sehr erstklassige Hafenbeleuchtung, Danny«, sagte der Gallwayer.

»…
Und dabei wußten sie nicht,
Wird es ein Freudenfeuer
Oder ein Grabeslicht.«

Die wundervolle Stimme griff allen ans Herz; und als sie zu der Stelle kam, wo die triefenden Männer – Lebende und Tote – ans Ufer geschleudert wurden und sie die Körper in den Feuerschein schleppten und fragten: »Kind, ist das dein Vater?« oder »Weib, ist das dein Mann?« – konnte man das schwere Atmen durch alle Reihen hin hören.

»Und ziehn die Boote von Brixham
Wieder in Sturm und Braus:
Es zieht wie ein Leuchten
Die Liebe mit hinaus.«

Es wurde nur sehr wenig Beifall laut, als sie endete. Die Frauen suchten nach ihren Taschentüchern, und die Männer starrten mit nassen Augen gegen die Decke.

»Hm«, sagte Salters, »das würd' einen 'nen Dollar kosten in jedem Theater, um so was zu hören – oder zwei. Manche können sich das ja wohl erlauben. Nach meiner Meinung die reinste Verschwendung … Heiliges Jerusalem! Was hat denn den ollen Bart Edwardes hierher verschlagen?«

»War nich abzuhalten«, sagte einer aus Eastport hinter ihm. »Er ist 'n Dichter und will seine Sache absolut hersagen. Er is aus unserer Gegend.«

Er verschwieg, daß Kapitän B. Edwardes sich fünf Jahre nacheinander um die Erlaubnis bemüht hatte, sein Werk am Gedächtnistag in Gloucester vortragen zu dürfen. Das belustigte und erschöpfte Komitee hatte ihm schließlich seinen Wunsch erfüllt. Die Einfachheit und die vollkommene Glückseligkeit des alten Mannes, der in seinem besten Sonntagsstaat dort oben stand, gewann ihm die Herzen der Zuhörerschaft, ehe er noch den Mund aufgetan hatte. Sie ließen siebenunddreißig ungehobelte Strophen ohne Murren über sich ergehn, die in größter Breite den Untergang des Schoners »Joan Hasken« auf den Georges-Bänken im Sturm von 1867 beschrieben, und als er endlich fertig war, riefen sie ihm wie aus einem Halse gutmütigen Beifall zu.

Ein fixer Bostoner Berichterstatter schlüpfte hinaus, um sogleich eine Abschrift des ganzen Epos zu bekommen und den Verfasser zu interviewen – Kapitän Bart Edwardes, weiland Walfischfänger, Schiffsbauer, Meisterfischer und Poet, sah sich im dreiundsiebzigsten Jahre seines Lebens am Ziel aller seiner Wünsche angelangt. Die Erde hatte ihm nichts mehr zu bieten.

»Das nenn' ich 'ne richtige Sache«, sagte der Mann aus Eastport. »Ich bin selber in der Gegend gewesen und hab' sein Geschreibsel vorgehabt in meinen beiden Händen, genau wie er's hier gelesen hat, und ich kann bezeugen, daß alles stimmt.«

»Wenn Dan hier das nicht vor dem Frühstück und mit einer Hand besser machen könnte, verdient' er Prügel«, sagte Salters, im allgemeinen für die Ehre von Massachusetts eintretend. »Aber ich gebe gerne zu, daß es ganz gut gedichtet ist für einen aus Maine. Aber …«

»Onkel Salters wird sicher draufgehen diesmal auf der Reise! Das is das erste Kompliment, das er mir macht«, grinste Dan. »Was ist denn mit dir los, Harve? Du bist so still und siehst so grün aus. Ist dir schlecht?«

»Ich weiß nicht, was mir ist«, antwortete Harvey, »mir ist, als hätt' irgend was nich Platz in mir. Ich fühl' mich so vollgepumpt und kalt.«

»Verdorbner Magen, was? Zu dumm! Wir warten noch die Verlesung ab und dann gehn wir, daß wir noch mit der Flut 'rauskommen.«

Die Witwen – sie waren es fast alle erst seit diesem Jahr – gaben sich einen Ruck, wie Verurteilte, die die Zähne zusammenbeißen vor dem Erschossenwerden, denn sie wußten, was jetzt kam. Die jungen Mädchen in ihren roten und blauen Blusen auf den Bänken, wo die Sommerfrischler saßen, unterbrachen ihr Geschnatter über Kapitän Edwardes' schönes Poem und schauten sich um, um zu sehn, warum alles plötzlich so still wurde. Die Fischer drängten nach vorne, als der Vertreter der Stadt, derselbe, der vorhin mit Cheyne geplaudert hatte, sich auf die Rednerbühne schwang und die Verlustliste dieses Jahres, nach Monaten eingeteilt, zu verlesen begann.

Bei den Verlusten vom letzten September handelte es sich meist um ledige Männer und Fremde. Seine Stimme durchdrang scharf die Stille des Saals:

»9. September. Schoner ›Florrie Anderson‹, in den Georges-Bänken gesunken mit der ganzen Mannschaft.

Reuben Pittman, Schiffseigentümer, 50 Jahre, ledig, Maine Street, hier.

Emil Olsen, 19 Jahre, ledig, Hammon Street 329, hier, Dänemark.

Oskar Stanberg, ledig, 25 Jahre, Schweden.

Carl Stanberg, ledig, 28 Jahre, Maine Street, hier.

Pedro, wahrscheinlich aus Madeira, ledig, Keenes Logierhaus, hier.

Joseph Welsh, alias Joseph Wright, 30 Jahre, aus St. John, Neufundland.«

»Nein, aus Augusty, Maine«, rief eine Stimme aus der Versammlung.

»Er fuhr von St. John aus«, sagte der Vorleser aufschauend.

»Ich weiß. Aber er ist aus Augusty. Er ist mein Neffe.«

Der Vortragende machte eine Bleistiftkorrektur an den Rand der Liste und fuhr fort:

»Vom selben Schoner, Charlie Ritchie, Liverpool, Neu-Schottland, 33 Jahre, ledig.

Albert May, Rogers Street 267, hier, 27 Jahre, ledig. 27. September. Orvin Dolard, 30 Jahre, verheiratet, ertrunken bei Eastern-Point in einer Jolle.«

Dieser Schuß traf. Die Witwe wankte und rang die Hände. Frau Cheyne, die mit weit offenen Augen zugehört hatte, warf ihren Kopf hoch und würgte an Tränen. Dans Mutter, die ein paar Sitze weiter rechts saß, bemerkte es und setzte sich rasch neben sie. Die Verlesung nahm ihren Fortgang. Als man zu den Strandungen im Januar und Februar kam, fielen die Schüsse immer dichter und rascher, und die Witwen atmeten schwer mit zusammengebissenen Zähnen.

»14. Februar. Schoner ›Harry Randolph‹, entmastet auf dem Heimweg von Neufundland; Asa Musie, verheiratet, 32 Jahre, von hier, Maine Street, über Bord gespült.

23. Februar. Schoner ›Gilbert Hope‹. Robert Beaven, 29 Jahre, verheiratet, gebürtig aus Pubnico, Neuschottland, in der Jolle verschollen.«

Sein Weib war im Saal. Man hörte einen leisen Schrei, wie von einem kleinen getroffenen Tier. Er wurde gleich unterdrückt, und eine Frau wankte aus dem Saal. Sie hatte durch Monate nicht aufgehört zu hoffen, denn so manche, die mit ihren Jollen verschollen waren, waren schon auf wunderbare Weise von Tiefseefahrern aufgefischt worden. Nun hatte sie ihre Gewißheit, und Harvey konnte sehn, wie ein Schutzmann eine Droschke für sie herbeirief. »Fünfzig Cents bis zum Bahnhof …«, fing der Kutscher an – der Polizist hob die Hand –, »aber ich fahr' sowieso den Weg. Steigt nur ein. Dafür schnappst du mich das nächste Mal nich gleich, Alf, wenn ich mal kein Licht hab' – was?«

Die Seitentür schloß sich wieder vor dem Strahl hellen Sonnenscheins von draußen, und Harveys Augen wandten sich abermals dem Verleser und seiner endlosen Liste zu.

»19. April. Schoner ›Mamie Douglas‹ in den Bänken mit der ganzen Besatzung gesunken.

Edward Canton, 47 Jahre alt, verheiratet, hier.

D. Hawkins, alias Williams, 34 Jahre, verheiratet, Shelbourne, Neuschottland.

G. W. Clay, farbig, 28 Jahre, verheiratet, hier.«

Und so fort, und so fort. Es stieg immer dicker in Harveys Kehle auf, und der Zustand seines Magens gemahnte ihn an den Tag, an dem er von seinem Dampfer gefallen war.

»10. Mai. Schoner ›Da sind wir‹« (das Blut sauste ihm in den Ohren). »Otto Svendson, 20 Jahre, ledig, von hier, über Bord gegangen.«

Wieder kam von irgendwo ein kleiner durchdringender Schrei.

»Sie hätte nicht kommen sollen, sie hätte nicht kommen sollen«, sagte der lange Jack, vor Mitleid glucksend.

»Dräng nich, Harve!« brummte Dan. Das hörte Harvey noch. Alles andre löste sich in ein Schwarz auf, in dem feurige Räder tanzten. Disko beugte sich vor und sagte etwas zu seiner Frau, die vor ihm saß, einen Arm um Frau Cheyne gelegt, mit dem andern die zuckenden, ruhelosen, beringten Hände niederhaltend.

»Lehnen Sie den Kopf an mich, dicht an mich«, flüsterte sie. »Es wird gleich vorübergehn.«

»Ich kann nicht … ich will nicht … oh, lassen Sie!« Frau Cheyne wußte nicht recht, was sie sprach.

»Sie müssen!« beharrte Frau Troop. »Ihr Junge ist eben in Ohnmacht gefallen. Das kommt vor im Wachsen. Wollen Sie nicht nach ihm schaun? Wir können hier nicht durch. Folgen Sie mir nur nach. Nur ruhig! Tja, meine Liebe, wir sind beide Frauen. Wir müssen unsern Mannsleuten beistehn. Kommen Sie.«

Die von der »Da sind wir« gingen als geschlossener Trupp durch die Menge, und es war ein sehr blasser und wackliger Harvey, den sie da in einem Vorraum auf eine Bank setzten.

»Ganz wie die Mutter«, war alles, was Frau Troop sagte, indes Frau Cheyne sich über ihren Sohn beugte.

»Wie konntest du bloß denken, daß er so etwas aushalten kann«, rief sie Cheyne vorwurfsvoll zu, der kein Wort gesprochen hatte. »Es war schrecklich, schrecklich! Wir hätten nicht kommen sollen! Es ist unrecht und abscheulich! So etwas sollte nicht sein! Warum … warum können sie solche Nachrichten nicht in die Zeitung setzen, wohin sie gehören? Ist dir besser, mein Liebling?«

Harvey fühlte sich beschämt. »Oh, mir ist ganz gut«, sagte er und versuchte aufzustehn, mit einem mißglückten Lächeln. »Ich muß irgend was zum Frühstück gegessen haben …«

»Vielleicht kommt's vom Kaffee«, sagte Cheyne, dessen Züge hart erschienen, wie aus Bronze gegossen. »Wir wollen nicht mehr hineingehn.«

»Ich denke, 's ist am besten, wir gehen zur Werft 'runter«, meinte Disko. »Drinnen ist's stickig, und die frische Luft wird Frau Cheyne gut tun.«

Harvey erklärte, daß er sich noch nie im Leben besser gefühlt habe; aber erst als er die »Da sind wir« frisch hergerichtet in Wouvermans Werft liegen sah, lösten sich seine gespannten Gefühle in einem sonderbaren Gemisch von Stolz und Wehmut. Allerlei Volk – Sommerfrischler und dergleichen – vergnügte sich in kleinen Booten oder schaute von der Mole aufs Meer; aber er begriff jetzt alles von innen heraus – mehr, als er sich klarzumachen vermochte. Nichtsdestoweniger hätte er sich hinsetzen und heulen mögen, weil der kleine Schoner nun fort sollte. Frau Cheyne weinte unaufhörlich während des ganzen Wegs und sagte die sonderbarsten Dinge zu Frau Troop, die sie hätschelte wie ein Baby, bis Dan, der seit seinem sechsten Jahr nicht mehr gehätschelt worden war, laut zu pfeifen anfing.

Und so sprang die alte Besatzung zwischen den verwitterten Jollen hindurch in den alten Schoner, während Harvey – er fühlte sich wie ein uralter Seemann – die Heckleine löste und die Mannschaft das Schiff mit den Händen den Kai entlang schob. Jeder wollte noch so viel sagen, daß keiner was Rechtes sagte. Harvey legte Dan ans Herz, gut auf Onkel Salters' Stiefel und Penns Jollenanker aufzupassen, und der lange Jack ermahnte Harvey, doch ja seinen seemännischen Unterricht nicht zu vergessen. Aber die Späße fielen matt aus, weil die beiden Frauen dabei waren, und weil einem der Spaß vergeht, wenn grünes Hafenwasser sich immer breiter und breiter zwischen gute Freunde legt.

»Klüver und Focksegel hoch!« schrie Disko, ans Steuer tretend, indes der Wind sich in die Segel legte. »Bis aufs nächste Mal, Harve! Und – alle Achtung! Du und deine Leute: alle Achtung, muß ich sagen.«

Dann glitt die »Da sind wir« außer Hörweite, und sie setzten sich hin, um ihr nachzuschauen. Noch immer weinte Frau Cheyne.

»Tja, meine Liebe«, sagte Frau Troop, »wir sind eben Frauen! Weinen Sie sich nur aus, da wird Ihnen leichter. Gott weiß, mir hat's noch nie viel geholfen; aber ich hab' auch Grund gehabt zum Weinen, Gott weiß!«

 

Es war ein paar Jahre später und am andern Rande Amerikas, als ein junger Mann durch den klammen Seenebel eine windige Straße entlang kam, die zu beiden Seiten von höchst luxuriösen Holzhäusern flankiert war. Als er bei einem schmiedeeisernen Tore haltmachte, stieß ein anderer junger Mann zu Pferde zu ihm – tausend Dollar wären ein billiger Preis gewesen für dieses Pferd –, und folgendes Gespräch entspann sich:

»Hallo, Dan!«

»Hallo, Harve!«

»Wie geht's, wie steht's?«

»Na, ich bin jetzt das Tier an Bord, das sich zweiter Steuermann nennt. Und du, bist du jetzt bald mit deinem dreifach fakturierten College fertig?«

»Ja, nahe dran. Ich sag' dir, es ist kein Vergleich zwischen der Weisheitsbude und unserer alten ›Da sind wir‹. Aber nächsten Herbst tret' ich für ganz in den Betrieb ein.«

»Meinst du unsere Paketfahrt?«

»Nichts andres. Wart nur, bis ich dir an den Kragen komme, Dan. Ihr sollt noch Heulen und Zähneklappen kriegen, wenn ich euch erst in Händen hab'.«

»Darauf lass' ich's ankommen«, sagte Dan mit brüderlichem Grinsen, während Harvey abstieg und ihn fragte, ob er hereinkommen wolle.

»Dazu hab' ich ja woll gekabelt! Aber hör mal, kraucht der Doktor irgendwo hier herum? Ich ersäuf' den verrückten Nigger noch mal mit seinem ewigen verdammten ›Herr und Diener‹!«

Ein leises, triumphierendes Gekicher ließ sich vernehmen, und der Exkoch der »Da sind wir« trat aus dem Nebel, um Harvey die Zügel abzunehmen. Er duldete nicht, daß irgend jemand außer ihm Harvey persönlich bediente.

»Diesig wie in den Bänken, was, Doktor?« sagte Dan leutselig.

Aber die kohlschwarze Kelte mit dem zweiten Gesicht hielt es nicht für geboten, zu antworten, ehe er nicht Dan auf die Schulter geklopft und ihm zum zwanzigstenmal die alte, alte Prophezeiung ins Ohr gekrächzt hatte:

»Herr – Diener, Diener – Herr! Weißt du noch, Dan Troop, was ich gesagt hab'? Auf der ›Da sind wir‹?«

»Na, ich kann nicht leugnen, daß es so aussieht, als hätt'st du recht behalten, wie die Dinge augenblicklich liegen«, sagte Dan. »Sie war 'n braver Kahn, und ich verdank' ihr 'ne Menge, in jeder Weise – ihr und Papp.«

»Ich auch«, sagte Harvey Cheyne.

 

Ende

 


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