Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Anzeige. Gutenberg Edition 16. 2. vermehrte und verbesserte Auflage. Alle Werke aus dem Projekt Gutenberg-DE. Mit zusätzlichen E-Books. Eine einmalige Bibliothek. +++ Information und Bestellung in unserem Shop +++

Neuntes Kapitel

Ein Multimillionär muß, genau wie jeder arbeitende Mann, in geschäftlichen Dingen seinen klaren Kopf behalten, welcher Art immer seine Privatsorgen sein mögen. Harvey Cheyne senior war Ende Juni nach Osten gereist, zu einer völlig gebrochenen Frau, die halb von Sinnen, Tag und Nacht nur von ihrem Sohn phantasierte, der in der grauen See ertrunken war. Er hatte sie mit Doktoren, Pflegerinnen, Masseusen, ja selbst Gesundbetern umgeben, aber alles war umsonst. Frau Cheyne lag apathisch da und stöhnte oder sprach stundenlang von ihrem Sohn, zu jedem, der es hören wollte. Sie hatte keine Hoffnung mehr, und wer hätte ihr Hoffnung geben können? Das einzige, was sie immer wieder hören wollte, war die Versicherung, daß Ertrinken nicht weh tue; und ihr Gatte ließ sie streng überwachen, um zu verhüten, daß sie an sich selbst den Versuch machte. Von seinem eigenen Schmerz sprach er selten – war sich der Tragweite seines Leids nicht eigentlich bewußt, bis er sich eines Tages an seinem Schreibtisch vor seinem Arbeitskalender bei der Frage ertappte: »Was hat es für einen Sinn, weiterzumachen?«

In seinem Unterbewußtsein hatte stets die freudige Vorstellung gelebt, daß er eines Tages, wenn er selbst alles gut abgerundet und der Junge seine Schulen hinter sich haben würde, seinen Sohn väterlich beim Arm nehmen und in sein Reich einführen würde. Er hatte es sich, nach arbeitsreicher Väter Art, ausgemalt, wie dieser Sohn dann sogleich sein Kamerad, Partner und Verbündeter werden würde – herrliche Jahre fruchtbarer Zusammenarbeit – gereifte Erfahrung gemeinsam mit jugendlichem Feuer.

Und nun war sein Sohn tot, im Meer umgekommen, wie der erste beste Schwedenmatrose auf einem seiner Teefrachter; seine Frau siechte dem Tode entgegen oder noch Schlimmerem, und er selbst sah sich überrannt von einem Schwarm von Weiberleuten, Ärzten, Zofen, Pflegerinnen, bis zur Unerträglichkeit gequält durch die ewig wechselnden Launen der armen, ruhelosen Frau, selber hoffnungslos und kaum mehr imstande, seinen vielen Geschäftsgegnern die Stirn zu bieten.

Er hatte seine Frau in einen eben erst fertiggestellten Palast in San Diego gebracht, wo sie mit ihrem Hofstaat einen luxuriösen Flügel bewohnte, während Cheyne in einem Verandazimmer zwischen einem Sekretär und einem Tippfräulein, das zugleich Telegraphistin war, freudlos einen Tag wie den andern seinen Geschäften oblag.

Vier westamerikanische Eisenbahngesellschaften lagen gerade in einem Wirtschaftskrieg miteinander, der auch für ihn von größtem Interesse hätte sein müssen; ein bedrohlicher Streik war auf seinen Holzstapelplätzen in Oregon ausgebrochen, und die Legislatur Kaliforniens, die ohnedies ihren Unternehmern nicht grün war, bereitete offenen Krieg gegen ihn vor.

Unter gewöhnlichen Verhältnissen wäre er der Herausforderung zuvorgekommen und hätte sich mit Vergnügen und ohne Bedenken in jeden Feldzug eingelassen. Jetzt saß er schlaff in seinem Stuhl, den weichen schwarzen Hut tief übers Gesicht gezogen, der schwere Körper wie verschrumpft in den losen Kleidern, starrte abwechselnd auf seine Schuhe oder auf die chinesischen Dschunken in der Bucht und gab nur wie abwesend auf die Fragen seines Sekretärs Antwort, der dabei war, die Samstagspost zu öffnen.

Cheyne beschäftigte sich gerade mit dem Gedanken, was er verlieren würde, wenn er alles stehn und liegen ließe und sich einfach zurückzöge. Er hatte sich durch enorme Versicherungen gedeckt und sich ein königliches Jahreseinkommen gesichert. Und abwechselnd zwischen einem seiner Landsitze in Kolorado und ein bißchen gesellschaftlichem Verkehr (der würde seiner Frau gut tun) – etwa in Washington oder auf den Süd-Karolinen – würde man vielleicht Vergessen finden für vernichtete Hoffnungen. Andererseits …

Das Klappern des Tischtelegraphs hörte plötzlich auf; das Mädchen schaute den Sekretär an, der weiß geworden war.

Der reichte Cheyne ein Telegramm hinüber, das von San Franzisko weitergegeben worden war:

 

»Aufgefischt von Fischerschoner ›Da sind wir‹ – vom Dampfer heruntergefallen – feines Leben gehabt auf den Bänken beim Fischen – bin wohlauf – warte in Gloucester Massachusetts bei Disko Troop auf Geld oder Nachricht – drahte was tun und Befinden Mama.

Harvey N. Cheyne.«

 

Der Vater ließ das Telegramm fallen, legte seinen Kopf auf das geschlossene Pult seines Schreibtischs und atmete schwer.

Der Sekretär rannte nach Frau Cheynes Arzt, der Cheyne rastlos auf und ab gehend vorfand.

»Was … was halten Sie davon? Ist das möglich? Gibt Ihnen das einen Sinn? Ich kann nicht recht begreifen, was das heißt«, rief er.

»Ich schon«, sagte der Doktor. »Ich verliere Siebentausend jährlich – das ist alles.« Er dachte an seine mühselige Neuyorker Praxis, die er auf Cheynes dringliches Angebot aufgegeben hatte, und reichte das Telegramm mit einem Seufzer zurück.

»Meinen Sie, daß man es ihr sagen darf? Kann es nicht ein Betrug sein?«

»Aus welchen Motiven?« fragte der Doktor kühl. »Die Angaben sind zu präzis. Das ist der Junge, ganz sicher.«

Herein kam eine französische Zofe, frech wie jemand, der sich unentbehrlich gemacht hat und nur durch enormes Gehalt zum Bleiben bewogen werden kann.

»Madame sagen, sollen kommen. Fürchten, Sie sein krank.«

Der Herr über dreißig Millionen beugte sein Haupt und folgte ohne Widerspruch Suzanne. Und eine dünne hohe Stimme rief vom obern Absatz der breiten, aus Weißholz gearbeiteten Treppe: »Was ist denn? Was ist geschehn?«

Keine Tür hätte den Schrei dämpfen können, der einen Augenblick später durch das widerhallende Haus schrillte, als der Gatte die Nachricht herausgesprudelt hatte.

»Ganz gut«, sagte der Doktor mit Galgenhumor zum Tippfräulein. »So ziemlich die einzige medizinische Feststellung in Romanen, die stimmt, ist, daß Freude nicht tötet, Fräulein Kinzey.«

»Hab' ich auch schon erfahren. Aber zunächst mal gibt's jetzt eine Menge Arbeit.« Fräulein Kinzey war aus Milwaukee und etwas gerade heraus mit der Sprache. Und da sie eine gewisse Neigung zum Sekretär hatte, ahnte sie bereits, was in dessen Kopf vorging. Er betrachtete eben aufmerksam die riesige Eisenbahnkarte von Amerika, die an der Wand hing.

»Milsom, wir fahren glatt durch. Salonwagen – quer durch – bis Boston. Stellen Sie die Anschlüsse fest«, rief Cheyne herunter.

»Dacht' ich mir.«

Der Sekretär wandte sich nach dem Fräulein um, und ihre Augen trafen sich. (Daraus entstand später eine Geschichte, die nichts mit dieser Geschichte zu tun hat.) Sie schaute ihn fragend an, gespannt, welche genialen Maßnahmen er ergreifen würde. Er gab ihr ein Zeichen, sich an den Morseapparat zu begeben, wie ein General seine Brigade zum Angriff vorschickt. Dann fuhr er sich nach Musikerart durch sein Haar, warf einen Blick zur Zimmerdecke empor und machte sich dann ans Werk, während Fräulein Kinzeys weiße Finger ganz Nordamerika in Bewegung setzten.

»›K. H. Wade, Los Angeles‹ – Die ›Constance‹ steht doch in Los Angeles, nicht wahr, Fräulein Kinzey?«

»Jawoll.« Fräulein Kinzey nickte tippend, und der Sekretär sah auf seine Uhr.

»Fertig? ›Sendet Salonwagen »Constance« her, und bestellet Extrazug zu Sonntag für rechtzeitigen Anschluß an Neuyork Limited, Sechzehnte Straße, Chikago, nächsten Dienstag.‹«

Klick, klick, klick … »Geht's nicht schneller?«

»Nicht bei dieser Steigung. Das sind sechzig Stunden bis Chikago. Es würde auch nicht rascher gehn, wenn man einen Sonderzug mehr östlich laufen ließe. Fertig? – ›Treffet Vereinbarung mit Lake Shore und Michigan Süd, die »Constance« auf New York Central und Hudson River Buffalo nach Albany zu bringen und mit B. und A. von Albany nach Boston. Müssen Boston Mittwochabend unbedingt erreichen. Jedweder Zwischenfall zu vermeiden. Drahte gleichzeitig an Caniff, Toucey und Barnes. Gezeichnet Cheyne.‹«

Fräulein Kinzey nickte wieder, und der Sekretär fuhr fort:

»Also. Caniff, Toucey und Barnes, natürlich. Fertig? ›Caniff, Chikago. – Bitte befördert meinen Salonwagen »Constance« von Santa Fé, eintreffend sechzehnte Straße, Dienstagnachmittag, mit New York Limited nach Buffalo und leitet weiter an N. Y. C. nach Albany.‹ – Schon mal in New York gewesen, Fräulein Kinzey? Werden mal zusammen hinfahren. Fertig? – ›Bringet »Constance« von Buffalo nach Albany, mit Kurierzug. Dienstagnachmittag.‹ Das geht an Toucey.«

»War zwar nie in Neuyork. Aber das weiß ich auch.« Ärgerliche Kopfbewegung.

»Entschuldigung! Jetzt, Boston und Albany, Barnes. Dieselben Anweisungen von Albany nach Boston. Abfahrt drei Uhr fünf (das brauchen Sie nicht zu telegraphieren), Ankunft neun Uhr fünf, Mittwochabend. Mehr kann Wade selber auch nicht machen. Aber doppelt hält besser.«

»Großartig«, sagte Fräulein Kinzey mit einem bewundernden Blick. Das war die Art Mann, die sie verstand und zu schätzen wußte.

»Nicht schlecht«, sagte Milsom bescheiden. »Jeder andre würde erst dreißig Stunden nachgedacht und dann eine Woche lang den Fahrplan ausgearbeitet haben, statt die Sache der Santa Fé direkt bis Chikago zu übertragen.«

»Aber, was die New York Limited betrifft … Nicht mal den Abgeordneten Chauncey haben sie seinen Privatwagen anhängen lassen«, gab Fräulein Kinzey zu bedenken, sich von ihrer Bewunderung erholend.

»Jawohl, aber es handelt sich hier nicht um Chauncey, sondern um Cheyne. Einleuchtend? Das geht.«

»Möglich. Wir sollten aber auch dem Jungen telegraphieren. Das haben Sie vergessen.«

»Ich werde fragen.«

Als er mit dem Telegramm des Vaters an Harvey zurückkam, er möge die Eltern in Boston zu der und der Zeit erwarten, fand er Fräulein Kinzey lachend vor ihrem Apparat sitzen. Im nächsten Augenblick lachte Milsom herzlich mit, denn die aufgeregte Antwort von Los Angeles lautete:

»Wollen wissen warum – warum – warum? Allgemeine Unruhe im Steigen.«

Zehn Minuten später wandte sich Chikago flehentlich an Fräulein Kinzey mit folgenden Worten:

»Falls Riesenattentat sich vorbereitet, warnet Freunde bitte rechtzeitig. Wir suchen Deckung.«

Das wurde noch übertroffen durch eine Nachricht aus Topeka (und wieso Topeka da hinein verwickelt war, war selbst Milsom ein Rätsel): »Nicht schießen, Oberst. Wir lassen mit uns reden.«

Cheyne lächelte grimmig-schadenfroh über die Bestürzung seiner Feinde, als man ihm die Telegramme vorlegte. »Sie denken, wir sind auf dem Kriegspfad. Sagen Sie ihnen, mir ist jetzt gar nicht nach Kampf zumute, Milsom. Sagen Sie ihnen, warum wir reisen. Ich denke, Sie und Fräulein Kinzey kommen am besten mit, obwohl ich unterwegs kaum arbeiten werde. Sagen Sie ihnen die Wahrheit – ausnahmsweise.«

Also sagte man die Wahrheit. Fräulein Kinzey steuerte das nötige Gefühl bei, und der Sekretär setzte die denkwürdigen Worte hinzu: »Friede sei mit uns.« Und in ihren Kontoren – zweitausend Meilen weit – atmeten die Vertreter von dreiundsechzig Millionen Dollars Eisenbahn-Interessen wieder freier: Cheyne eilte also nur seinem Söhnchen entgegen, das ihm auf so wunderbare Weise wiedergeschenkt war. Der Bär suchte sein Junges, nicht die Widersacher. Die grimmen Männer, die ihre Messer schon gezückt hatten zur Verteidigung ihrer finanziellen Existenz, legten die Waffen wieder weg und wünschten glückliche Reise, während ein halbes Dutzend eben noch von Panik ergriffener armseliger Kleinbahnen die Köpfe hochwarfen und prahlten, was für große Dinge sie getan haben würden, wenn Cheyne nicht sein Kriegsbeil vergraben hätte.

Das Ende dieser Woche brachte viel Unruhe in die Telegraphendrähte; denn nun die Angst von ihnen genommen war, beeilten sich Menschen und Städte, sich Cheyne gefällig zu erweisen. Los Angeles rief San Diego und Barstow an, damit die südkalifornischen Maschineningenieure informiert würden und sich in ihren einsamen Rundschuppen bereit hielten. Barstow gab die Nachricht an die Atlantic und Pacific, und Albuquerque schickte sie über Atchison, Topeka und Santa Fé bis nach Chikago: Eine Lokomotive, ein Verbindungswagen mit Personal und der große vergoldete Salonwagen »Constance« sollen aufs schnellste über zweitausenddreihundertundfünfzig Meilen hin befördert werden. Vor hundertundsiebenundsiebzig fahrplanmäßigen Zügen hat dieser Extrazug das Vorrecht. Die Stationsbeamten und das Personal jeder dieser genannten Züge müssen benachrichtigt werden. Sechzehn Lokomotiven, sechzehn Zugführer und sechzehn Heizer sind noch bereitzuhalten – alles nur vom besten. Je zweieinhalb Minuten Zeit zum Wechseln der Lokomotiven, weitere drei zum Wasserfüllen und zwei zum Kohlenfassen. »Personal ist gut zu instruieren, Tanks und Kohlen sind entsprechend vorzubereiten. Denn Harvey Cheyne hat Eile … Eile … Eile«, sang der Telegraph. »Vierzig Meilen in der Stunde werden erwartet, und die Streckenkontrolleure sollen den Sonderzug von Station zu Station begleiten. Rollt den Zauberteppich auf von San Diego bis zur Sechzehnten Straße, Chikago! Eile, ja Eile!«

»Es wird heiß werden«, sagte Cheyne, als sie Sonntags bei Tagesanbruch aus San Diego abrollten. »Wir werden so rasch machen, wie wir nur können, Mama, aber ich glaube wirklich, es ist noch ein bißchen früh, jetzt schon immerzu in Hut und Handschuhen zu sitzen. Am besten, du legst dich jetzt ein bißchen hin und nimmst deine Tropfen. Ich würde gerne eine Partie Domino mit dir machen, wenn nicht Sonntag wär'.«

»Ich werde vernünftig sein, oh, ich werde ganz vernünftig sein! Aber wenn ich meinen Hut abnehme, hab' ich das Gefühl, als ob wir nie hinkommen würden.«

»Versuch ein bißchen zu schlafen, Mama, paß mal auf, dann sind wir in Chikago, eh' du dich's versiehst.«

»Aber wir müssen ja bis Boston, Vater. Sag ihnen, sie sollen schnell machen.«

Das sechsfüßige Ungetüm hämmerte sich seinen Weg nach San Bernardino und den Einöden von Mohave, aber die Steigung war zu groß, um wirklich schnell zu fahren. Das kam später. Auf die Hitze der Wüste folgte die Hitze der Berge, als sie sich ostwärts zu den »Nadeln« und zum Fluß Kolorado wandten. Der Wagen krachte in allen Fugen von der unendlichen Dürre und Sonnenglut, und man legte Frau Cheyne Eisstückchen in den Nacken. Der Zug arbeitete sich die langen, langen Steigungen hinauf an Ash Fork vorbei auf Flagstaff zu, wo die großen Wälder und Steinbrüche unter unendlich weitem, trockenem Himmel liegen. Der Zeiger des Schnelligkeitsmessers zitterte hin und her; Kohlenschlacke rasselte auf das Dach, und ein Wirbel von Staub ballte sich hinter den rasenden Rädern auf. Das Personal im Verbindungswagen saß auf den Pritschen in Hemdsärmeln, keuchend, und es kam mehrmals vor, daß Cheyne mitten unter ihnen saß und ihnen, das Gerassel des Zugs übertönend, uralte Eisenbahngeschichten zuschrie, die jeder Eisenbahner längst kennt. Er erzählte ihnen auch von seinem Sohn, und wie die See ihm den Totgeglaubten wiedergegeben habe, und sie nickten und spuckten und freuten sich mit ihm. Sie fragten auch, was »die da hinten« mache und ob »sie« es vertragen könne, wenn der Zugführer ein bißchen mehr loslegen würde, und Cheyne meinte, es ginge schon.

Demgemäß wurde das große Dampfroß zwischen Flagstaff und Winslow losgelassen, bis ein Betriebsleiter energisch Protest einlegte.

Aber Frau Cheyne im Boudoir des Salonwagens verzog nur ein wenig das Gesicht, indes die französische Zofe aschfahl sich an die silberne Türklinke klammerte, und drang immer wieder in ihren Gatten, die Leute zur Eile anzutreiben.

Und so rasten sie durch die trockenen Sandflächen und wahnwitzigen Felsen von Arizona dahin und ließen sich weiter rösten, bis das Krachen der Kupplungen und das Kreischen der Bremsen anzeigten, daß sie Coolidge und die Kontinental-Wasserscheide erreicht hatten.

Drei kühne, erfahrene Männer – kühl, ihrer Sache sicher und trocken, als sie begannen, bleich, zitternd und schweißtriefend, als sie ihr schweres Kunststück vollbracht hatten – »hoben« die Maschine über die große Steigung von Albuquerque nach Glorietta und weiter über Springer, höher und immer höher zum Ratontunnel der State Line, von wo sie nach La Junta hinunterrasselten, einen Blick auf den Arkansasfluß werfend, und dann den langen Abhang nach Dodge City hinunterjagten, wo Cheyne mit größter Genugtuung seine Uhr um eine Stunde vorstellen konnte.

Man sprach wenig im Wagen. Der Sekretär und die Telegraphistin saßen miteinander in den echten Saffianpolstern beim großen Aussichtsspiegelglasfenster am Ende des Wagens, das wellige Schienenband beobachtend, das sich hinter ihnen aufrollte, und, wie man vermuten darf, Bemerkungen austauschend über die wechselnde Szenerie.

Cheyne pendelte nervös zwischen dem übertriebenen Luxus des eigenen und der nackten Kahlheit des Beiwagens hin und her, eine kalte Zigarre zwischen den Zähnen, bis das mitleidige Zugspersonal zu guter Letzt vergaß, daß er ja ihr Stammfeind war, und sein möglichstes tat, ihn zu zerstreuen.

Nachts erhellten Strahlenbündel von Licht diesen rollenden Palast, und all die Pracht schwang sich ruhelos durch die öde Leere draußen. Jetzt hörten sie das Zischen eines Wassertanks, die Kehllaute eines Chinesen, das Kling-Klang eines Prüfhammers an den Stahlrädern, das Fluchen eines blinden Passagiers, den man von der hintern Plattform heruntergejagt hatte; dann wieder das dichte Geprassel der Kohlen beim Einfüllen in den Tender, oder das zurückschlagende Getöse, wenn sie an einem wartenden Zug vorbeiflogen. Jetzt sah man in tiefe Abgründe, eine Brücke buckelte sich unter den Rädern, jetzt auf Felsenmassive, die den halben Sternenhimmel verbargen. Wieder wechselten Zinken und Schluchten und ballten sich am Horizont zu zackigen Bergen zusammen. Dann zerbröckelten sie in immer niedriger werdende Hügel, bis endlich die wirkliche große Ebene erreicht war.

In Dodge City warf eine unbekannte Hand ein Exemplar einer Kansas-Zeitung ins Kupee, die eine Art Interview Harveys mit einem gewandten Berichterstatter enthielt, von Boston weiter telegraphiert. Der hocherfreute Journalist stellte zweifelsfrei fest, daß es sich hier wirklich um Cheynes Sohn handle, und das beruhigte Frau Cheyne eine Zeitlang.

Ihr einziges Wort – »Eile« – wurde den jeweiligen Zugführern in Nickerson, Tobeka und Marzeline weitergegeben, wo die Steigungen gering waren, und sie fetzten die Landschaft hinter sich.

Städte und Dörfer lagen jetzt nahe beieinander, und der Mensch konnte fühlen, daß er wieder zwischen Menschen war. »Ich kann die Zahlen nicht mehr erkennen. Mich schmerzen die Augen. Wie rasch fahren wir?«

»So rasch wie irgend möglich, Mama. Es hat keinen Zweck, vor dem Kurier anzukommen. Wir müßten dann doch bloß warten.«

»Einerlei. Ich muß das Gefühl haben, daß wir fahren. Bitte, setz dich und sag mir die Zahlen.«

Cheyne setzte sich und sagte ihr die Ziffern des Geschwindigkeitsmessers an (manche davon sind noch heute durch keinen Rekord übertroffen), aber der siebzig Fuß lange Wagen veränderte niemals sein langes, wiegendes, dampferähnliches Rollen, indes er durch die Hitze flog mit dem Gebrumm einer Riesenbiene. Dennoch war es Frau Cheyne immer noch nicht schnell genug – und die Hitze, die unbarmherzige Augusthitze machte sie schwindlig – und die Zeiger der Uhr wollten auch gar nicht vorwärtsrücken – und wann, wann werden wir endlich in Chikago sein?!

Wenn behauptet wird, Cheyne habe beim Maschinenwechsel in Fort Madison dem »Vereinigten Lokomotivführerverband« einen dermaßen hohen Betrag überwiesen, daß sie von Stund' an in der Lage waren, ihn und seine Partner mit ebenbürtigen Waffen zu bekämpfen, so ist das eine Übertreibung. Er gab nur so viel, als die Führer und Heizer nach seiner Meinung verdient hatten. Und was er der Zugmannschaft schenkte, die sich so mitfühlend gegen ihn gezeigt hatte, das wissen nur seine Bankiers. Es wird berichtet, daß die letzte Begleitmannschaft das Rangieren an der »Sechzehnten Straße« noch selbst übernahm. »Sie« war endlich etwas eingeschlummert, und Gnade Gott dem, der sie durch einen unvorsichtigen Ruck geweckt hätte.

Der hochbezahlte Spezialist, der den Verkehr der »Lake Shore and Michigan Southern Limited« von Chikago nach Elkhart zu leiten hat, ist eine Art Autokrat, dem es höchst merkwürdig erscheinen würde, wenn ihm jemand Maßregeln erteilen wollte, wie ein Salonwagen zu behandeln sei. Nichtsdestoweniger verfuhr er mit der »Constance«, als wäre sie mit Dynamit beladen. Und wenn das Zugpersonal trotzdem etwas zu tadeln fand, so geschah es nur im Flüsterton und durch Zeichen.

»Pah!« sagten die Angestellten von Atchison, Tobeka und Santa Fé, wenn sie später die Geschichte besprachen, »wir waren gar nich auf Rekord aus. Harvey Cheynes Frau, die lag krank im Wagen, und wir wollten sie nicht wachrütteln. Und trotzdem haben wir von San Diego nach Chikago bloß Siebenundfünfzig Komma Vierundfünfzig gebraucht. Das könnt ihr euern Ostbahnern sagen. Wenn wir wirklich mal 'nen Rekord machen wollen, dann werden wir's euch sagen.«

Für westliche Begriffe liegt Chikago dicht bei Boston (obgleich das keiner der beiden Städte besondere Freude machen würde), und bei manchen Zügen könnte es in der Tat so scheinen. Der »Limited« wirbelte die »Constance« nach Buffalo und in die Arme der »New York Central« und »Hudson-River« (illustre Magnaten mit weißen Backenbärten und goldenen Berlocks an den Uhrketten empfingen sie hier, um ein paar geschäftliche Worte mit Cheyne zu wechseln), und diese führte sie sanft nach Albany, wo die »Boston and Albany« den Reigen von Ozean zu Ozean beschloß. – Gesamtzeit: siebenundachtzig Stunden und fünfunddreißig Minuten, oder drei Tage, fünfzehneinhalb Stunden. Harvey erwartete sie.

 

Nach heftigen Gemütsbewegungen verspüren die meisten Menschen und alle Knaben den Wunsch, etwas zu essen. Sie feierten den wiedergekehrten verlorenen Sohn hinter geschlossenen Vorhängen, sich in ihrem großen Glück absondernd, während die Züge donnernd ein- und ausliefen. Harvey aß, trank und verbreitete sich über seine Abenteuer, alles in einem Atem, und wenn er eine Hand frei hatte, bemächtigte sich die Mutter ihrer liebkosend. Seine Stimme war voller geworden von dem Leben in der frischen Salzluft; seine Handflächen waren rauh und hart, seine Gelenke besät mit den Narben der Salzwassergeschwüre, und ein prächtiger, voller Geruch von Stockfisch hing um seine Stiefel und blaue Wolljoppe.

Der Vater, seit jeher gewöhnt, Menschen zu beurteilen, beobachtete ihn scharf. Er war sich noch nicht klar, ob der Junge irgendwelchen Schaden davongetragen haben mochte. Dabei ertappte er sich bei dem Gedanken, daß er überhaupt sehr wenig von seinem Sohn wußte; aber er erinnerte sich deutlich an einen unzufriedenen Jungen mit käsigem Gesicht, der sich darin gefallen hatte, seinem »Alten« frech zu kommen und seine Mutter zu Tränen zu bringen – einen jener liebenswürdigen Sprößlinge der Oberen Zehntausend, wie sie in Hotels und an sonstigen öffentlichen Stätten sich zum allgemeinen Entzücken mit allerhand Unwesen bemerkbar zu machen pflegen.

Aber dieser wohlgestalte junge Fischer saß ruhig und bescheiden da, sah ihm mit stetem, klarem Blick in die Augen und sprach in überraschend respektvollem Ton zu ihnen. Auch klang etwas in seiner Stimme, was zu verheißen schien, daß die Veränderung von Dauer sein würde und daß der neue Harvey halten werde, was er versprach.

Irgend jemand hat ihm den Kopf zurechtgesetzt, dachte Cheyne bei sich. Bei Constance wär' es nie dazu gekommen. Kann mir nicht denken, daß Europa ihm besser getan hätte.

»Aber warum hast du diesem Mann, diesem Troop, nicht gesagt, wer du bist?« fragte die Mutter abermals, als Harvey zum zweitenmal am Ende seiner Geschichte angekommen war.

»Disko Troop, Mama! Der beste Mann, der je auf Deck stand. Ich kenn' keinen zweiten, wie den.«

»Warum hast du ihm nicht gesagt, daß er dich an Land bringen soll? Du weißt doch, Papa hätt's ihm zehnmal bezahlt.«

»Weiß ich … Aber er dachte, ich sei verrückt. Leider hab' ich ihn einmal einen Dieb geschimpft, weil ich meine Banknoten nicht in meiner Tasche finden konnte.«

»Ein Matrose hat sie gefunden, bei der Fahnenstange in der … in der Nacht damals …«, sagte Frau Cheyne, Tränen hinunterschluckend.

»Das erklärt ja die Sache. Troop hatte ganz recht. Ich sagte ihm direkt ins Gesicht, daß ich nicht arbeiten wollte – auf so einem Kahn noch dazu –, da bekam ich natürlich eins auf die Nase …, oh, ich hab' geblutet wie ein gestochenes Schwein.«

»Mein armer Liebling! Sie müssen dich schrecklich behandelt haben!«

»Nicht so ganz. Na ja – danach, da ging mir dann ein Licht auf.«

Der alte Cheyne schlug sich auf den Schenkel und lachte in sich hinein. Das würde ein Junge werden, so recht nach seinem verlangenden Herzen. Just so ein Zwinkern hatte er noch nie in Harveys Augen gesehen.

»Und der Alte gab mir dann zehneinhalb monatlich; die Hälfte hat er mir schon ausgezahlt; und ich hab' mich immer an Dan gehalten und gleich alles mitgemacht. Ich kann noch nicht Männerarbeit tun. Aber ich kann mit einer Jolle umgehn fast so gut wie Dan, und Nebel macht mir auch nix mehr aus – nicht viel; und bei leichtem Wind kann ich eine Tour durchhalten – das ist beim Steuern, Mama –, und ich kann eine Köderleine schon ganz gut bestecken, und ich kenn' die Taue alle, natürlich; und ich kann Fische gabeln, bis die Kühe heimkommen, und ich kenn' mich großartig aus im alten Josephus, und ich werd' euch zeigen, wie man Kaffee durch eine Fischhaut durchseiht und – oh, noch eine Tasse Kaffee, bitte! Ja, ihr habt keine Ahnung, was für 'n Haufen Arbeit das heißt: zehneinhalb im Monat.«

»Ich hab' mit achteinhalb angefangen, mein Sohn«, sagte Cheyne.

»Wirklich, Vater? Davon hast du mir nie erzählt.«

»Du hast nie danach gefragt, Harve. Aber ich will dir gerne mal davon erzählen, wenn's dich interessiert. Hier, versuch mal eine gefüllte Olive.«

»Troop sagt, das Interessanteste auf der ganzen Welt ist, daß man erfährt, wie einer sein Brot verdient. Großartig, wieder mal so 'ne richtig getrimmte Mahlzeit zu kriegen. Aber wir haben auch nich schlecht gefuttert. Beste Küche auf den Bänken. Disko hat uns erstklassig verpflegt. Ein großartiger Kerl. Und Dan – das ist sein Sohn –, Dan ist mein Kollege. Und dann ist noch Onkel Salters da, mit seinen Düngemitteln, und der liest immer aus dem Josephus vor. Der hält mich heute noch für verrückt. Und dann ist der arme kleine Penn da, und der ist wirklich verrückt. Ihr müßt nicht mit ihm über Johnstown reden, weil … und … oh, ihr müßt Tom Platt und den langen Jack und Manuel kennenlernen. Manuel hat mich gerettet. Schade, daß er Portugiese ist. Er kann nicht gut reden, aber er ist ein großer Musiker. Er hat mich aufgefischt, wie ich im Wasser trieb.«

»Ich wundre mich nur, daß deine Nerven nicht vollkommen kaputt sind«, sagte Frau Cheyne.

»Warum denn, Mama? Ich hab' gearbeitet wie ein Pferd, gegessen wie ein Eber und geschlafen wie ein Toter.«

Das war zu viel für Frau Cheyne, die wieder an ihre Visionen denken mußte, von einem Leichnam, schaukelnd in salziger See. Sie ging in ihr Boudoir, und Harvey schmeichelte sich an seinen Vater heran und begann von der Dankesschuld zu reden, die er abzutragen habe.

»Du kannst dich auf mich verlassen, daß ich alles für die Leute tun werde, was ich kann, Harve. Es scheinen gute Menschen zu sein, so wie du es darstellst.«

»Die besten in der ganzen Flotte, Vater. Frag in Gloucester. Aber Disko glaubt immer noch, daß er mich von der Verrücktheit geheilt hat. Dan ist der einzige, der's ernst genommen hat, was ich ihm erzählt hab' von euch und unserm Salonwagen und all dem andern, und sogar bei dem bin ich nicht ganz sicher, daß er's glaubt. Ich möcht' so gern, daß sie morgen alle die Augen aufreißen. Sag mal, Vater, kannst du nicht die ›Constance‹ nach Gloucester bringen lassen? Mama schaut ohnedies so angegriffen aus, daß sie nicht gleich wieder zurückfahren könnte, und wir müssen morgen fertig ausladen. Wouverman nimmt unsern ganzen Fang. Weißt du, wir sind diesmal als erste von den Bänken zurück, und er zahlt uns vier- bis fünfundzwanzig den Zentner. Wir haben solange zurückgehalten, bis er nachgegeben hat. Aber jetzt wollen sie die Ladung rasch.«

»Heißt das, daß du morgen arbeiten mußt?«

»Ich hab' Troop gesagt, daß ich komme. Ich bin bei der Wage. Ich hab' die Abrechnung mit.« Er holte ein fettiges Notizbuch aus der Tasche und schaute mit so wichtiger Miene hinein, daß sein Vater an einem Lachen würgen mußte. »Es sind nur mehr drei- – nein, zweihundertvierundneunzig oder fünfundneunzig Zentner nach meiner Rechnung.«

»Miet dir doch einen Vertreter«, schlug Cheyne vor, um zu sehn, was Harvey sagen würde.

»Das kann ich nicht, Vater. Ich bin der Rechnungsführer für den Schoner. Troop sagt, ich hab' einen bessern Kopf für Zahlen wie Dan. Troop ist ein sehr gerechter Mann.«

»Also, gesetzt den Fall, ich würde die ›Constance‹ heute abend nicht hinüberschaffen lassen, wie würdest du's dann machen?«

Harvey schaute auf die Uhr, die zwanzig Minuten nach elf zeigte.

»Dann würd' ich bis um drei schlafen und den Frachtzug um vier nehmen. Sie lassen uns von der Flotte gewöhnlich frei mitfahren.«

»Das wär' ein Ausweg. Aber ich glaube, wir können mit der ›Constance‹ ebenso schnell hinüberkommen wie euer Frachtzug. Geh jetzt lieber schlafen.«

Harvey streckte sich auf das Sofa, warf die Stiefel ab und war eingeschlafen, ehe noch sein Vater die elektrischen Lampen verdunkeln konnte. Cheyne blieb sitzen und beobachtete das junge Gesicht, beschattet von dem einen Arm, den Harvey über die Stirn gelegt hatte. Und unter den vielen Dingen, die ihm durch den Kopf gingen, kam es ihm, daß er bisher als Vater vielleicht so manches vernachlässigt hatte.

»Ins größte Risiko läuft man immer blind«, sagte er zu sich. »Es hätte schlimmer enden können als mit Ertrinken. Aber ich denke, 's ist alles gut … alles gut. Und wenn es so ist, dann reicht alles, was ich habe, nicht hin, um es Troop zu vergelten.«

Am Morgen, in Gloucester, strich eine frische Seebrise durch die Fenster herein: die »Constance« stand zwischen Frachtwagen, auf ein Nebengleise rangiert, und Harvey war bereits zur Arbeit gegangen.

»Er wird wieder über Bord fallen und ertrinken!« sagte die Mutter vorwurfsvoll.

»Wir wollen hingehn und zusehn und ihm nötigenfalls ein Tau zuwerfen. Du hast ihn noch nie um sein Brot arbeiten sehn«, sagte der Vater.

»Was für ein Unsinn! Als ob jemand von ihm erwartete …«

»Nun, der Mann, der ihn geheuert hat, erwartet es von ihm. Und er hat so einigermaßen recht!«

Sie gingen zwischen den Buden, in denen Ölzeug für die Fischer auslag, zu Wouvermans Werft hinunter, wo die »Da sind wir« vor Anker lag; die Bankflagge flatterte noch, und alle Mann waren in dem herrlichen Morgenlicht so fleißig an der Arbeit wie Biber.

Disko stand am Großluk, Manuel, Penn und Onkel Salters am Flaschenzug überwachend. Dan schwang die geladenen Körbe, die der lange Jack und Tom Platt unten im Raum gefüllt hatten, auf Deck, und Harvey mit einem Notizbuch in der Hand verkörperte das Interesse seines Schiffsherrn gegenüber dem Mann, der die Waage am salzgesprenkelten Pier bediente.

»Fertig!« riefen die Stimmen von unten. »Hol an!« rief Disko. »Hei!« schrie Manuel. »Hier!« schrie Dan, den Korb ausschwingend. Dann hörten sie Harveys klare, frische Stimme das Gewicht ausrufen.

Der letzte Fisch war herausgekippt, und Harvey sprang mit einem Riesensatz in die Wanten, weil das der kürzeste Weg war, Disko die Tabellen auszuhändigen, und schrie:

»Zweihundertsiebenundneunzig! Und alles leer!«

»Was ist die Gesamtzahl, Harve?« fragte Disko.

»Achthundertfünfundsechzig. Dreitausendsechshundertsechsundsiebzig Dollar, fünfundzwanzig Cents! Wünschte, ich hätt' Anteil, statt bloß Heuer!«

»Na, ich will nich grad' sagen, daß du's nich verdient hätt'st, Harve. Möcht'st du nich mal eben nach Wouvermans Kontor springen und ihm unsre Abrechnung bringen?«

»Wer ist der Junge?« wendete Cheyne sich an Dan, der an alle Art Fragen von seiten jener müßigen Trottel, die man Sommerfrischler nennt, gewöhnt war.

»Der? Das is so 'ne Art Superkargo«, lautete die Antwort. »Den haben wir in den Bänken aufgefischt. Er ging über Bord von einem Dampfer, sagt er. Er war ein Passagier. Jetzt ist er dabei, 'n Fischer zu werden.«

»Ist er seine Heuer wert?«

»Tja-woll. Papp, der Herr hier möcht' wissen, ob Harvey seine Heuer wert is. Sie, möchten Sie vielleicht an Bord kommen? Dann werden wir 'ne Leiter hertun für die Madam.«

»Das möchte ich sehr gern, allerdings. Es wird dir nicht schaden, Mama, und du kannst dich dann von allem selbst überzeugen.«

Und die Frau, die noch vor einer Woche kaum den Kopf hatte heben können, kletterte die Leiter hinunter und blieb entgeistert zwischen dem Wirrwarr auf Deck stehn.

»Haben Sie irgendein Interesse an Harve?« fragte Disko.

»Na … ja …«

»Er ist ein guter Junge und packt an, wo man's ihm sagt. Sie haben gehört, wie wir ihn gefunden haben? Er hat so 'ne Art Nervenklaps gehabt oder hat sich den Kopf irgendwo angeschlagen, kalkulier' ich, wie wir ihn an Bord bekamen. Darüber ist er jetzt 'raus. Jawoll, das ist das Logis, zwar noch nicht instand gesetzt, aber schaun Sie nur immer herum, wo's Ihnen beliebt. Da, an dem Schornstein, das sind seine Zahlen. Da notieren wir meistens unser Besteck.«

»Hat er hier geschlafen?« fragte Frau Cheyne, auf einer gelben Kiste sitzend und die unordentlichen Kojen musternd.

»Nein, er hat vorne geschlafen, Madam. Und außer daß er mit meinem Jungen zusammen manchmal Pasteten gemaust und Allotria getrieben hat statt zu schlafen, kann ich ihm nichts Schlimmes nachsagen.«

»Es war nicht viel an ihm auszusetzen«, sagte Onkel Salters, die Stiegen herunterkommend. »Einmal hat er mir die Stiefel auf dem Flaggenmast aufgehängt, und übermäßig respektvoll is er überhaupt nich grade gegen Leute, die mehr wissen wie er, besonders in der Landwirtschaft; aber da hat ihn Dan meistens angestiftet.«

Dan, schon seit Morgen durch einige dunkle Andeutungen Harveys vorbereitet, vollführte unterdessen einen Kriegstanz auf Deck. »Tom, Tom!« flüsterte er ins Großluk hinunter: »Seine Leute sind gekommen, und Papp hat's noch immer nich kapiert. Jetzt palawern sie alle unten in der Kabine. Sie is wunderschön, und bei ihm stimmt auch alles, scheint's, was Harve behauptet hat, so wie er ausschaut.«

»Heiliger Rauchfang!« rief der lange Jack, aus dem Luk herauskriechend, ganz mit Salz und Fischschuppen bedeckt. »Meinst du wirklich, daß die Geschichten von ihm alle wahr gewesen sind, von dem Kind mit dem kleinen Viergespann und so?«

»Das hab' ich schon lange gewußt«, sagte Dan. »Komm, los, da müssen wir dabei sein, wenn Papp 'n Seifensieder aufgeht.«

Sie kamen, hochentzückt, gerade zurecht, um zu hören, wie Cheyne sagte: »Ich bin froh, daß er einen guten Charakter hat, denn – er ist mein Sohn.«

Diskos Unterkiefer sank herab – der lange Jack schwört noch heute, daß er es klappern gehört hat –, und er starrte abwechselnd den Herrn und die Dame an.

»Ich bekam sein Telegramm in San Diego vor vier Tagen, und wir sind herübergekommen.«

»In einem Salonwagen?« fragte Dan. »Harve hat gesagt, Sie würden vielleicht …«

»Ja, gewiß, in unserm Privatwagen.«

Dan zwinkerte sich vor Schadenfreude fast die Augen aus zu seinem Vater hinüber.

»Er hat uns mal 'ne Geschichte erzählt von einer Kutsche mit vier Ponys, die ihm selber gehört hat«, sagte der lange Jack. »Ist das nu wahr?«

»Sehr wahrscheinlich«, sagte Cheyne. »Stimmt das, Mama?«

»Ich glaube, er hatte einen kleinen Wagen, wie wir in Toledo waren.«

Der lange Jack pfiff. »O Disko!« war alles, was er sagte.

»Ich hatte … ich habe mich in meinem Urteil getäuscht …, schlimmer als die Leute in Marblehead«, sagte Disko, und es klang, als zöge ihm jemand die Worte aus dem Hals. »Ich will Ihnen gern eingestehn, Herr Cheyne, daß mir der Junge verrückt vorkam. Er redete immer so sonderbares Zeug über Geld.«

»Das hat er mir erzählt.«

»Hat er Ihnen sonst noch was erzählt? Weil ich ihm nämlich einmal eins 'reingegeben habe« – dies mit einem etwas ängstlichen Seitenblick auf Frau Cheyne.

»O ja«, antwortete Cheyne. »Aber ich kann wohl sagen, es hat ihm wahrscheinlich besser getan als irgend etwas andres.«

»Mein Urteil war, daß er's nötig hatte. Sonst hätte ich's nicht getan. Ich will nicht, daß Sie glauben, wir behandeln unsere Jungens hier auf dem Schoner schlecht.«

»Davon bin ich überzeugt, daß Sie das nicht tun, Herr Troop.«

Frau Cheyne hatte sich inzwischen die Gesichter betrachtet: Diskos elfenbeingelbe, glatte, wie aus Erz gegossenen Züge; Onkel Salters' Farmerantlitz mit dem Kranz von Haaren drüber; Penns verschüchterte Einfalt; Manuels stilles Lächeln; des langen Jacks grinsendes Entzücken und Tom Platts Schmarre. Es waren alles rauhe Leute in ihrer Art und Weise, aber sie sah mit dem Scharfblick der Mutter und stand mit ausgestreckten Armen auf:

»Oh, sagt mir, welcher von euch war es!« sagte sie, halb schluchzend. »Ich will euch danken und euch segnen! Euch alle!«

»Bei Gott, das bezahlt mich hundertmal«, sagte der lange Jack.

Disko stellte sie alle gebührend vor. Der Kommandant eines Kriegsschiffes hätte es nicht besser vermocht, und Frau Cheyne stammelte allerhand Unzusammenhängendes. Sie warf sich fast in Manuels Arme, als sie erfuhr, daß er es war, der Harvey zuerst aufgefischt hatte.

»Aber ich konnt' ihn doch nich einfach treiben lassen«, sagte der arme Manuel. »Was täten Sie denn, wenn Sie einen so finden? Nu – was? Wir sind auf die Art wieder zu 'nem guten Schiffsjungen gekommen, und es freut mich sehr, daß er Ihr Sohn ist.«

»Und er hat mir erzählt, Dan war sein Kollege«, rief sie.

Dans Wangen glänzten an sich schon rosig genug, aber jetzt wurde er puterrot, denn Frau Cheyne küßte ihn vor der ganzen Versammlung auf beide Wangen.

Sie führten sie nach vorne, um ihr das Logis zu zeigen, wobei sie wieder weinte, und dann mußte sie noch durchaus Harveys höchsteigene Schlafstätte sehn. Dort stieß sie auf den Neger, der grade seinen Herd reinigte, und er nickte ihr zu, als wäre sie jemand, den er schon jahrelang erwartet hatte. Sie waren, immer zwei auf einmal, bemüht, ihr das tägliche Leben an Bord zu schildern, und sie saß am Pallpfosten, ihre behandschuhten Hände auf dem öligen Tisch, und lachte mit zitternden Lippen und weinte mit lachenden Augen.

»Und wer will jetz die ›Da sind wir‹ noch zu irgend was benutzen – nach dem?« sagte der lange Jack zu Tom Platt. »Mir is, als ob sie 'ne Kathedrale draus gemacht hätt'.«

»Kathedrale!« grinste Tom Platt. »Wenn's wenigstens noch das Boot von der Hafenkommission gewesen wär'. Und wenn wir nur 'n bißchen Anstand und Ordnung hier hätten, und 'n Fallreep, wenn sie 'rausgeht. Jetz wird sie wieder die Leiter 'raufklettern müssen, wie 'n Huhn, und … und wir sollten die Rahen bemannen!«

»Also Harvey war nicht verrückt?« sagte Penn langsam zu Cheyne.

»Nein, nein, Gott sei Dank«, erwiderte der große Millionär, sich freundlich zu ihm herunterbeugend.

»Es muß schrecklich sein, verrückt zu sein. Ich kann mir nichts Schrecklicheres denken. Außer daß man sein Kind verliert. Aber Ihr Kind ist ja zurückgekommen! Laßt uns Gott dafür danken.«

»Hallo!« rief Harvey, wohlwollend von der Werft auf sie herabblickend.

»Ich habe mich getäuscht, Harve! Ich hab' mich getäuscht«, rief Disko rasch, eine Hand hochhaltend. »Ich habe mich in meinem Urteil getäuscht. Du brauchst mir's nich erst unter die Nase zu reiben!«

»Das werd' ich schon besorgen«, sagte Dan beiseite.

»Und jetzt willst du fort, was?«

»Nicht ohne den Rest meiner Heuer. Außer Ihr wollt, daß ich die ›Da sind wir‹ pfänden lasse.«

»Ja, richtig, das hätt' ich jetzt beinah vergessen.« Und er zahlte ihm den Rest in Dollars aus. »Du hast alles gemacht, wozu du dich verpflichtet hast, Harve, und du hast es so gut gemacht, wie wenn du ganz woanders aufgewachsen wärst als …«, hier unterbrach sich Disko. Er konnte mit dem Schluß des Satzes nicht recht klarkommen.

»… als in einem Salonwagen?« ergänzte Dan boshaft.

»Kommt, ich zeig' ihn euch!« sagte Harvey.

Cheyne blieb, um mit Disko zu sprechen, aber die andern pilgerten in Prozession zum Bahnhof, Frau Cheyne an der Spitze. Die französische Zofe kreischte laut auf bei diesem Überfall, und Harvey führte sie wortlos in die Herrlichkeiten der »Constance« ein. Ebenso schweigend nahmen sie zur Kenntnis: gepreßtes Leder, silberne Türklinken und Beschläge, geschorenen Samt, Spiegelglas, Nickel, Bronze, Schmiedeeisen handgehämmert und Intarsien aus den seltensten Hölzern des Kontinents.

»Ich hab's euch ja gesagt!« strahlte Harvey. »Ich hab's euch ja gesagt!«

Das war der glorreiche Höhepunkt der Revanche.

Frau Cheyne ließ ein Gastmahl richten; und wenn man dem Bericht glauben darf, den der lange Jack hernach in seinem Quartier zum besten gab, so wartete sie sogar selbst mit auf.

Leute, die gewohnt sind, an winzigen Tischen bei heulendem Sturm zu essen, haben meist erstaunlich gute, fast vollendete Tischmanieren. Aber für Frau Cheyne war das ganz etwas Neues, und sie war sehr überrascht. Sie hätte Manuel am liebsten auf der Stelle als Butler Eine Art oberster Hausdiener in guten englischen und amerikanischen Häusern. mitgenommen, so geräuschlos und leicht hantierte er mit dem zerbrechlichen Glaszeug und dem feinen Silber. Tom Platt besann sich der großen Tage auf der »Ohio«, wenn fürstliche Gäste mit den Offizieren gespeist hatten, und ahmte ihr Benehmen erfolgreich nach. Und der lange Jack bestritt als echter Ire die Kosten der Unterhaltung, so daß bald allgemeines Behagen herrschte.

In der Kabine der »Da sind wir« saßen derweil die beiden Väter bei einer Zigarre und nahmen Fühlung. Cheyne wußte genau, wann er es mit jemandem zu tun hatte, dem er kein Geld anbieten durfte; ebenso genau wußte er, daß kein Geld Disko für das bezahlen konnte, was er getan habe. So hielt er mit eigenen Vorschlägen zurück und wartete ab.

»Ich habe mit Ihrem Jungen und für Ihren Jungen nichts andres getan, als ihn zur Arbeit angehalten und ihm gezeigt, wie man den Quadranten handhabt«, sagte Disko. »Im Rechnen steckt er meinen zweimal in die Tasche.«

»Weil wir gerade dabei sind«, sagte Cheyne wie von ungefähr, »was wollen Sie Ihren Jungen mal werden lassen?«

Disko nahm die Zigarre aus dem Mund und beschrieb damit einen vagen Bogen. »Dan ist noch 'n rechter Junge, und er läßt mich da nich 'reinschaun, was er selber im Sinne hat. Das brave kleine Boot hier wird er mal erben, wenn ich mich zur Ruh' setz'. An irgend 'nen andern Beruf denkt er nich, das weiß ich.«

»Hm! Schon mal im Westen gewesen, Herr Troop?«

»Ich war mal bis Neuyork mit 'nem Boot. Für mich ist die Eisenbahn nichts. Für Dan auch nich. Für die Troops ist Salzwasser gut genug. Ich war so ziemlich überall – auf dem natürlichen Weg, versteht sich.«

»Ich kann ihm so viel Salzwasser verschaffen, als er nur haben will – bis er mal Kapitän wird.«

»Wie meinen Sie das? Ich dachte, Sie sind so 'ne Art Eisenbahnkönig. Das hat Harve mir so gesagt, damals wie ich noch schief gewickelt war.«

»Jeder kann sich irren. Ich dachte, Sie wüßten vielleicht, daß ich eine Tee-Klipper-Linie besitze, San Franzisko–Jokohama. Sechs Schiffe. Alles Eisenkonstruktion, zirka siebenhundertundachtzig Tonnen jedes.«

»Verdammter Junge! Hat er mir nie gesagt. Da hätt' ich anders hingehört wie bei dem Unsinn mit den Eisenbahnen und Ponywagen.«

»Er hat es nicht gewußt.«

»Nich gedacht an so 'ne Kleinigkeit, kalkulier' ich.«

»Nein. Ich hab' die ›Blau-M‹-Frachtschiffe – die alte Morgan- und M'Quade-Linie – erst diesen Sommer erbeu… bekommen.«

Disko klappte fast auf seinem Sitz beim Ofen zusammen.

»Gott, Allmächtiger! Diesmal bin ich von allen Seiten der Genarrte! Phil Airheart, der is aus unserer Stadt weg vor sechs Jahren – nein, vor sieben –, und der is jetzt Steuermann auf der ›San José‹. Sechsundzwanzig Tage is sie immer draußen. Seine Schwester, die lebt noch hier und die liest meiner Frau immer seine Briefe vor. Und Sie sind der Besitzer von der ›Blau-M‹?«

Cheyne nickte.

»Hätt' ich das gewußt, da hätt' ich meinen Kahn nach 'm Hafen zurückbugsiert, wie er geht und steht. Auf mein Wort!«

»Vielleicht wäre das für Harvey nicht so gut gewesen.«

»Hätt' ich das bloß gewußt! Hätt' er bloß 'n Wort gesagt von der verdammten ›Blau-M‹, da hätt' ich schon kapiert. Ich werd' mich nie wieder auf mein eignes Urteil verlassen – nie wieder. Sind tadellose Schiffe. Phil Airheart hat's gesagt.«

»Freut mich, Anerkennung zu hören von solcher Seite. Airheart ist jetzt Käpt'n auf der ›San José‹. Aber was ich sagen wollte – ich wollte Sie nur fragen, ob Sie mir Dan für ein oder zwei Jahre überlassen würden; wir könnten dann schaun, ob wir nicht einen Steuermann aus ihm machen können. Würden Sie ihn Airheart anvertraun?«

»Das ist ein großes Risiko so einen unerfahrenen Jungen …«

»Ich kenne einen Mann, der mehr für mich getan hat.«

»Das ist was andres. Also – schaun Sie, ich will Dan nicht besonders empfehlen, weil er mein eigen Fleisch und Blut ist. Ich weiß wohl, es is was andres in den Bänken und was andres auf 'nem Klipper; aber viel braucht er nich mehr zu lernen. Steuern kann er – kein Junge könnt's besser, das kann ich sagen – und das übrige, das liegt bei uns im Blut. Eins wünscht' ich bloß, daß er nich so verdammt schwach wär' im Navigieren.«

»Dafür wird Airheart schon sorgen. Er wird ein oder zwei Reisen als Schiffsjunge mitmachen, und dann werden wir schon weiter sehen. Ich schlage vor, daß Sie ihn diesen Winter noch zu Hause behalten, und ich werde ihn zeitig im Frühjahr kommen lassen. Der Stille Ozean ist zwar freilich weit von hier …«

»Pah! Wir Troops, lebendig oder tot, wir sind über die ganze Erde und über alle Meere verstreut.«

»Aber Sie sollen wissen – und es ist mein voller Ernst –: wann immer Sie ihn mal sehen wollen, sagen Sie mir's, und ich werde für die Reise Sorge tragen. Es wird Sie nicht einen Cent kosten.«

»Wenn Sie 'n Stück mitkommen würden, dann könnten wir zu mir nach Hause gehn und mit meiner Frau darüber reden. Ich hab' mich so vertan in meinem Urteil, daß mir scheint, als wär' das alles nicht wahr.«

Sie gingen zu Troops Achtzehnhundert-Dollar-Häuschen hinüber, das weiß gestrichen war und blau gerändert, mit einer ausgedienten Jolle im Vorgarten, die mit Kresse vollgepflanzt war, und einem kühl verdunkelten Wohnzimmer, das ein ganzes Museum allerhand überseeischen Krams darstellte.

Darin saß eine große Frau, still und ernst, mit dem trüben Blick derer, die gewohnt sind, lange auf die See hinauszustarren, in Erwartung der Ihren.

Cheyne machte ihr seinen Vorschlag, und sie willigte müde ein.

»Wir verlieren hundert jedes Jahr, Herr Cheyne, aus Gloucester allein«, sagte sie, »einhundert Jungs und Männer. Und nach und nach bin ich so weit gekommen, daß ich die See hassen muß, als wär' sie lebendig und könnt' mich verstehn. Gott hat sie nich geschaffen, daß Menschen drauf ankern sollen. Die Boote von Ihnen, die gehn direkt 'rüber, wenn ich recht versteh', und kommen auch direkt wieder heim?«

»So direkt, wie die Winde es nur zulassen, und ich gebe außerdem eine Prämie für besonders rasche Fahrt. Tee wird nicht besser, wenn er zu lang' auf dem Wasser ist.«

»Wie er noch klein war, hat er immer Kaufmannsladen gespielt, und ich hab' mir Hoffnung gemacht, er würd' dabei bleiben. Aber sobald er 'ne Jolle hat rudern können, wußt' ich, auch der Wunsch wird mir versagt.«

»Das sind Vollbrigger, Mutter, aus Eisen, und sehr stark. Erinner dich nur, was Phils Schwester dir immer vorliest, wenn sie seine Briefe bekommt.«

»Ich hab' noch nie bemerkt, daß Phil gelogen hätt', aber er ist zu waghalsig (wie die meisten auf See). Wenn Dan will, Herr Cheyne, kann er meinetwegen gehn.«

»Sie kann nu mal den Ozean nich leiden, Herr Cheyne«, erklärte Disko, »und ich – mir is das auch nich so gegeben, sonst würd' ich Ihnen besser danken.«

»Mein Vater, mein ältster Bruder – zwei Neffen – und meiner jüngern Schwester Mann«, sagte sie, den Kopf in die Hand stützend. »Würden Sie wen mögen, der Ihnen das alles weggenommen hat?«

Cheyne fühlte sich erleichtert, als Dan auftauchte und begeistert einschlug – begeisterter, als er es in Worte auszudrücken vermochte. In der Tat, der Vorschlag bedeutete einen sichern, klaren Weg zu allen begehrenswerten Dingen; aber was Dan am verlockendsten vorschwebte, war, wie er auf breiten Decks die Schiffswache kommandieren und Ausschau halten würde nach fernen Häfen.

Frau Cheyne hatte unter vier Augen mit Manuel über Harveys Rettung gesprochen. Ein wunderlicher Mensch. Er schien kein Verlangen nach Geld zu haben. Auf heftiges Drängen erklärte er schließlich, er wolle fünf Dollar annehmen, um einem Mädchen etwas zu kaufen. Im übrigen – »wozu soll ich Geld annehmen, wo ich mir so leicht mein Essen und meinen Tabak verdienen kann? Sie wollen mir Geld schenken; ob ich will oder nicht? Nu – was? Dann können Sie mir Geld geben, aber nicht so. Sie können Geld geben, soviel Sie wollen.« Er stellte ihr einen schnupfenden portugiesischen Pfaffen vor, mit einer Liste halb verarmter Witwen, so lang wie seine Soutane. Als strenge Unitarierin war Frau Cheyne seinem Glaubensbekenntnis abgeneigt, aber zuletzt konnte sie dem kleinen, braunen, beweglichen Mann ihre Achtung nicht versagen.

Manuel, als treuer Sohn seiner Kirche, eignete sich alle Segenswünsche zu, mit der Frau Cheyne für ihre Wohltätigkeit überschüttet wurde. »Jetzt bin ich gut dran«, sagte er. »Ich hab' jetzt Absolution für sechs Monate oder mehr.« So schlenderte er fort, um ein Halstuch für seine augenblickliche Favoritin zu erstehen und die Herzen aller anderen zu brechen.

Salters ging diesen Winter mit Penn nach dem Westen und hinterließ keine Adresse. Er hatte eine geheime Angst, daß diese Millionärsleute mit ihrem üppigen Salonwagen unliebsames Interesse an seinem Gefährten nehmen könnten. Es war besser, ein bißchen ins Inland zu Verwandten zu fahren, bis die Luft an der Küste wieder rein war.

»Daß du dich nie von reichen Leuten adoptieren läßt, Penn«, sagte er, als sie schon in der Eisenbahn saßen, »sonst zerbrech' ich dir das Schachbrett auf deinem Schädel. Wenn du wieder mal deinen Namen vergessen solltest – der Pratt ist –, so erinnere dich nur, daß du zu Salters Troop gehörst, und setz dich hin, wo du gerade bist, bis ich dich holen komm. Lauf niemals denen nach, deren Augen vor Fett überquellen, wie's geschrieben steht.«


 << zurück weiter >>