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Zweites Kapitel

»Ich hab' dich gewarnt«, sagte Dan, während das Blut in raschen Tropfen auf das dunkle, ölige Plankenwerk fiel. »Papp is nich jähzornig, aber du hast's redlich verdient. Hab dich doch nich so.« – Harvey schüttelte sich vor Schluchzen. – »Ich kenn' das. Einmal hat er mich geschlagen und nie wieder. Und das war auf meiner ersten Reise. Da kommt man sich dann ganz elend vor und gottverlassen; das kenn' ich.«

»Du hast recht«, stöhnte Harvey. »Der Alte ist entweder verrückt oder betrunken, und ich – und ich kann gar nichts tun.«

»Laß das Papp nicht hören! Alkohol, das gibt's bei ihm nicht, und … und er hat gesagt, daß du verrückt bist. Warum hast du ihn denn auch bloß einen Dieb geschimpft? Er ist doch mein Vater.«

Harvey richtete sich auf, wischte seine Nase ab und berichtete über das Mißgeschick mit seinen verschwundenen Banknoten. »Ich bin gar nicht verrückt«, schloß er; »aber dein Vater hat scheinbar nie mehr als eine Fünfdollarnote beisammen gesehn, und mein Vater könnte jede Woche einmal so einen Kasten wie euern hier kaufen und würde es gar nicht mal merken.«

»Du weißt nicht, was die ›Da sind wir‹ wert ist. Da müßte dein Vater ja haufenweise Geld haben. Womit hat er sich's denn verdient? Mein Vater sagt immer. Verrückte können kein richtiges Garn spinnen. Erzähl nur weiter.«

»Womit er es verdient hat? In Goldbergwerken und so, im Westen.«

»Davon hab' ich gelesen. So, so, im Westen! Ob er da wohl auch mit der Pistole und einem dressierten Pony 'rumreitet wie im Zirkus? Sie nennen das ›Wildwest‹, und ich hab' gehört, daß sie Sporen und Zaumzeug aus purem Silber haben.«

»Du bist ein Schaf!« sagte Harvey, wider Willen belustigt. Mein Vater kann mit Ponys nichts anfangen. Wenn er fort muß, nimmt er seinen Wagen.«

»Was soll das wieder für ein Wagen sein?«

»Seinen eigenen Salonwagen natürlich; hast du noch nie was von einem Salonwagen gehört?«

»Slatin Beeman hat einen«, sagte Dan bedächtig. »Ich hab' ihn in Boston auf dem Bahnhof gesehen. Drei Neger haben dran 'rumgeschrubbert. Aber dem Slatin Beeman, dem gehören ja alle Eisenbahnen auf Long Island, heißt's. Und halb Hampshire hat er gekauft, heißt's, und einen großen Zaun drum 'rum gemacht und dann Löwen und Tiger und Bären und Büffel und Krokodile und noch mehr so Viehzeug 'reingesteckt. Ja, das ist ein Millionär! Dem seinen Wagen hab' ich gesehn, jawohl!«

»Na also, mein Vater ist, was man einen Multimillionär nennt. Und er hat zwei Salonwagen. Einer heißt nach mir ›Harvey‹ und der andre nach meiner Mutter ›Constance‹.«

»Halt!« rief Dan. »Papp kann das Schwören nicht leiden. Aber diesmal mußt du. Bevor du weiter erzählst, mußt du sagen: ›Ich will auf der Stelle tot sein, wenn ich gelogen hab'.‹«

»Gerne«, sagte Harvey.

»Das genügt nicht. Du mußt wörtlich sagen: ›Ich will auf der Stelle tot sein, wenn ich nicht die Wahrheit spreche.‹« »Ich will hier auf der Stelle sterben, wenn nicht jedes Wort, das ich gesagt hab', die glatte Wahrheit ist.«

»Auch das mit den hundertvierunddreißig Dollars und alles?« rief Dan. »Ich hab' zugehört, wie du Papp davon erzählt hast. Da dacht' ich schon, jetzt muß gleich der Walfisch kommen und dich verschlingen, wie den Jonas.«

Harvey redete sich in Hitze. Dan war ein schlauer Bursch auf seine Art, und nach weitern zehn Minuten war er überzeugt, daß Harvey nicht log – wenigstens nicht allzusehr. Außerdem hatte er sich ja durch den furchtbarsten Eid, den Knaben kennen, gebunden. Und da saß er ja, lebend, mit roter Nase, im Speigat, und erzählte Wunder über Wunder.

»Bei Gott noch mal!« sagte Dan aus der Tiefe seines Herzens, als Harvey seine genaue Beschreibung des Salonwagens beendet hatte, der seinen Namen trug. Ein kleines Grinsen der Schadenfreude überzog sein breites Gesicht: »Ich glaub' dir, Harvey. Zum erstenmal in seinem Leben hat sich Papp verhauen mit seinem Urteil.«

»Ganz gewiß«, sagte Harvey, rachebrütend.

» Das wird ihn mächtig fuchsen. Das verträgt er gar nicht, wenn er sich geirrt hat.« Dan warf sich zurück und schlug sich auf den Schenkel. »O Harvey, verdirb jetzt bloß den Spaß nich und halt den Mund!«

»Ich will mich aber nicht wieder verprügeln lassen. Ich will quitt werden mit ihm!«

»Das ist bei meinem Vater noch keinem gelungen. Er wird dich höchstens noch mal verprügeln. Je mehr er sich geirrt hat, um so kräftiger. Goldminen und Pistolen …«

»Ich habe kein Wort von Pistolen gesagt«, fiel Harvey rasch ein, der an seinen Eid dachte.

»Da hast du recht. Also: Zwei Salonwagen, einer mit deinem, einer mit Mutters Namen … Zweihundert Dollar Taschengeld im Monat … und sitzt im Speigat mit blutender Nase, weil er nicht für zehneinhalb im Monat arbeiten will. Das nenn' ich einen Spaß!« Er schüttelte sich vor Lachen.

»Ich war also doch im Recht?« sagte Harvey, der hoffte, einen Parteigänger gefunden zu haben.

»Nein, du warst im Unrecht, ganz und gar. Jetzt halt dich man bloß an mich und mucks dich nich, sonst kriegst du's wieder und ich dazu, weil er dann denkt, daß ich auf deiner Seite bin. Er gibt mir immer die doppelten Hiebe, weil ich sein Sohn bin. Er will niemanden bevorzugen. Jetzt hast du natürlich eine Stinkwut auf ihn. Geht mir auch manchmal so. Aber Papp ist ein grundgerechter Mann. Das sagt die ganze Flotte.«

»Das sieht wohl sehr nach Gerechtigkeit aus?« sagte Harvey und zeigte auf seine vergewaltigte Nase.

»Macht nichts. Das verdünnt dein Landrattenblut. Papp sagt, das ist gut für deine Gesundheit. Und hör mal, ich kann mit niemandem verkehren, der mich oder Papp oder sonst wen auf der ›Da sind wir‹ einen Dieb schimpft. Wir sind keine Bande von gewöhnlichen Werftarbeitern. Ganz und gar nicht. Wir sind alle Fischer, und wir fahren schon sechs Jahre miteinander. Laß dir das gesagt sein! Ich soll nicht schwören, Papp nennt das den Eid mißbrauchen und verhaut mich dafür. Aber wie du geschworen hast, daß alles wahr ist, was du über deinen Pappa und sein Geld erzählt hast, kann ich auch schwören wegen den Dollars. Ich weiß nicht, was du in deinen Taschen gehabt hast, wie wir deinen Kram zum Trocknen gehängt haben, denn ich hab' nich nachgesucht. Aber ich kann mit genau denselben Worten schwören, wie du eben: weder Papp noch ich wissen was von deinem Geld, und wir waren die einzigen, die dich angefaßt haben, wie du an Bord kamst. Das sag' ich! Na?«

Der »Aderlaß« hatte Harveys Gehirn scheinbar ein wenig geklärt, und auch die Einsamkeit hier auf weiter See tat wohl das ihre. »Gut!« sagte er. Dann schaute er verwirrt zu Boden. »Mir scheint, daß ich mich für einen, den man eben vom Ertrinken gerettet hat, nicht besonders dankbar gezeigt habe, Dan.«

»Na ja, du warst eben noch nich ganz bei Trost«, antwortete Dan. »Übrigens hat bloß Papp und ich dich gesehn. Der Koch zählt nicht.«

»Ich hätt' mir überlegen sollen, daß ich das Geld vielleicht im Wasser verloren hab'«, sagte Harvey halb zu sich selbst, »statt jeden einen Dieb zu nennen, der mir vor die Augen kam. Wo ist dein Vater?«

»In seiner Kajüte. Was willst du schon wieder von ihm?«

»Das wirst du gleich sehn«, antwortete Harvey. Er ging, etwas schwankend, denn der Kopf summte ihm noch, zur Kajüte, wo die kleine Wachuhr in Sicht des Steuerstandes hing. In der schokoladebraun und gelb gemalten Kajüte saß Troop, mit einem Notizbuch und einem riesigen schwarzen Bleistift beschäftigt, an dem er von Zeit zu Zeit heftig sog.

»Ich habe mich nicht gut benommen«, sagte Harvey, erstaunt über seine eigene Schüchternheit.

»Was ist jetzt wieder los?« fragte der Kapitän. »Hast du was mit Dan gehabt?«

»Nein. Es betrifft Sie.«

»Also, ich höre.«

»Ich … ich … bin hergekommen, um zurückzunehmen, was ich gesagt hab'«, sagte Harvey sehr rasch. »Wenn einer vom Ertrinken gerettet wird …« er schluckte.

»Wie? – Na – aus dir kann immerhin noch 'n Mann werden, wenn du so weitermachst …«

»… dann sollt' er sich nicht damit einführen, daß er die Leute beschimpft.«

»Gut und recht. Recht und gut«, sagte Troop mit einem kleinen trockenen Lächeln.

»Deshalb bin ich hier, um um Entschuldigung zu bitten.« Wieder ein großer Schluckser.

Troop erhob sich langsam von der Schlopskiste, auf der er saß. Er reichte Harvey seine zwölfzöllige Pranke hin: »Ich hab's gewußt, es wird dir mächtig nützen; beweist wieder mal mein Urteil.« Ein unterdrücktes Kichern kam vom Deck. »Ich täusch' mich sehr selten in meinem Urteil.« Die Riesenhand schloß sich um die Harveys, seinen Arm bis an den Ellbogen lähmend. »Das muß noch 'n bißchen mehr Schmalz ansetzen, eh' wir dich abliefern, mein Junge – und was vorher war – Schwamm drüber. Du warst auch nich ganz richtig im Kopf. Mach dich jetzt an die Arbeit, das wird dir nichts schaden.«

Als Harvey auf Deck kam, sagte Dan: »Na, jetzt bist du reingewaschen!«

Harvey wurde rot bis an die Haarwurzeln.

»Ich mein' es nicht bös«, gab Dan zurück. »Ich hab' gehört, was Papp gesagt hat; und wenn er mal sagt, daß er von einem was hält, dann bleibt's auch dabei. Er kann nu mal nich leiden, daß er sich irrt. Ho, ho! Wenn Papp mal 'ne Meinung hat, streicht er lieber die Flagge vor den Engländern, als daß er davon abgeht. Ich bin froh, daß jetzt alles klar ist. Papp hat schon recht, wenn er sagt, daß er dich jetzt nicht zurückbringen kann. Wir leben alle vom Fischen. In einer halben Stunde kommen die Fischer zurück, wie die Haifische auf 'nen toten Wal.«

»Wieso?« fragte Harvey.

»Essen, natürlich. Sagt dir dein Magen nichts? Du mußt noch 'ne Menge lernen.«

»Das scheint mir auch so«, sagte Harvey kläglich und schaute auf das Gewirr von Tauen und Spieren über sich. »Prachtschiff, was?« begeisterte sich Dan, den Blick Harveys mißverstehend. »Wart nur, bis wir mit vollen Segeln und schwerbeladen heimkehren! Aber vorher heißt's noch tüchtig schaffen!« Er zeigte in die finstere Leere des offenen Großluks zwischen den beiden Masten.

»Wozu ist das, das ist doch ganz leer?« fragte Harvey.

»Du und ich und noch 'n paar andre werden dafür sorgen müssen, daß es voll wird«, erklärte Dan. »Dahinein kommen die Fische.«

»Lebend?« fragte Harvey.

»Aber nein, erst müssen sie tot sein – und platt – und eingesalzen. Wir haben hundert Fässer Salz in den Behältern, und bis jetzt haben wir kaum eine Lage eingesalzen.«

»Wo sind denn aber die Fische?«

»Erst naß im Wasser, dann tot im Boot«, antwortete Dan nach einem alten Seemannswort. »Gestern hat man dich zusammen mit Stücker vierzig eingeholt.« Er zeigte auf eine Art hölzernen Behälter. »Den müssen wir beide schrubben, wenn er wieder leer ist. Gott geb's, daß wir heute volle Tröge haben. Ich hab's schon erlebt, daß das Boot vor Ladung einen Fuß tiefer ging, und wir haben an den Tischen gearbeitet, bis wir uns fast selber aufgeschlitzt haben vor Müdigkeit. Schau, jetzt kommen sie!« Dan schaute über die niedrige Reling auf ein halbes Dutzend Jollen, die durch das seidig glänzende Wasser herangerudert kamen.

»Ich hab' die See noch nie von so tief aus gesehn«, sagte Harvey. »Das ist schön.«

Die untergehende Sonne färbte das Wasser purpurrot, und goldene Lichtstreifen spielten auf den Wellenhöhen und bildeten makrelfarbige, blaugrüne Schatten in den Wellentälern. Jeder Schoner, der in Sicht war, schien seine Jollen wie an unsichtbaren Fäden heranzuziehn, und die kleinen, dunkeln, rudernden Gestalten in den winzigen Booten nahmen sich wie aufgezogne Spielzeugmännchen aus.

»Sie haben heut gut angebissen«, rief Dan mit halbgeschlossenen Augen, um besser zu sehn. »Manuel hat nicht mehr Platz für einen einzigen Fisch. Seine Jolle liegt so flach am Wasser wie ein Seerosenblatt.«

»Welcher ist Manuel? Ich begreife nicht, wie du das aus der Entfernung unterscheiden kannst.«

»Das letzte Boot nach Süden. Der hat dich gestern gefischt«, sagte Dan und zeigte mit dem Finger in die Richtung. »Er rudert portugiesisch, man kann ihn nicht verkennen. Östlich von ihm, das is Pennsylvania, kann besser fischen als rudern. Pumpvoll, soviel man sehn kann. Wieder östlich – schau nur, wie schön sie alle in der Reihe kommen –, der mit den hohen Schultern, das is der lange Jack. Der is aus Galway, wohnt in Südboston, wie die meisten, und alle aus Galway sind gute Ruderer. Dort, weiter nach Norden, du wirst ihn gleich singen hören, das is Tom Platt. Er war Matrose auf dem alten Kriegsschiff ›Ohio‹, dem ersten, das um Kap Horn herumkam, erzählt er. Er spricht nie von was anderm, außer wenn er singt. Aber er hat viel Glück beim Fischen. Aha, was hab' ich gesagt!«

Rauher Sang kam übers Wasser von der nördlichen Jolle. Harvey verstand etwas von kalten Händen und Füßen und dann:

»Die Karte her, den Fetzen,
Schau dort die Berge an,
Die Wolken um die Häupter
Und Nebel unten dran.«

»Volles Boot«, rief Dan mit einem Jauchzer. »Wenn er den ›Capitano‹ singt, ist das Boot pumpvoll.«

Der Sang setzte wieder ein:

»Und dich, mein Capitano,
Bitt' ich aus Herzensgrund:
Begrabt mich nicht im Kirchhof
Nach meiner letzten Stund'.«

»Hurra, Tom Platt! Morgen kommt wieder die Geschichte von der ›Ohio‹ dran. Siehst du die blaue Jolle hinter ihm? Das ist mein Onkel – Vaters Bruder. Und wenn irgendwer Pech hat bei den Bänken, dann ist's sicher Onkel Salters. Schau, wie er zimperlich rudert. Ich wett' meine Heuer, er ist wieder der einzige heute, der ganz zerstochen ist. – Und ob er zerstochen ist!«

»Wovon denn zerstochen?« fragte Harvey, den die Sache zu interessieren anfing.

»Erdbeeren, meistens. Kürbis, Gurken und Zitronen. Natürlich! Zerstochen bis an die Ellbogen! Der hat ein Glück beim Fischfang, der Mann! Komm, jetzt machen wir die Flaschenzüge klar, damit wir sie 'raufziehn können. Stimmt das wirklich, was du gesagt hast, daß du in deinem Leben noch nie gearbeitet hast? Ist das nicht ein schreckliches Gefühl?«

»Aber jetzt werd' ich's versuchen«, antwortete Harvey tapfer. »Es ist mir nur alles so neu.«

»Pack jetzt die Talje an, da hinter dir!«

Harvey griff nach einem Seil und einem großen Haken, die vom Backstag herunterpendelten, während Dan einen andern Haken herunterzog vom Topptakel, wie er es nannte. Eben kam Manuel mit seinem vollen Boot längsseit. Der Portugiese lächelte sein strahlendes Lächeln, das Harvey später so gut zu deuten wußte, und begann mit einer kurzstieligen Gabel die Fische in den Trog auf Deck zu werfen. »Zweihunderteinunddreißig«, schrie er.

»Gib ihm den Haken«, sagte Dan. Harvey reichte ihn Manuel hinunter. Manuel hakte ihn in eine Seilschlinge am Bug ein, ergriff Dans Talje, hakte sie in den Heckshaken und klimmte sich zum Schoner hinauf.

»Zieh!« schrie Dan, und Harvey zog. Er war erstaunt, wie leicht die Jolle sich hob.

»Halt! Bis zum Großmast soll sie nich 'rauf!« lachte Dan. Und Harvey ließ nach, denn das Boot hing in der Luft über seinem Kopf.

»Tiefer!« kommandierte Dan. Harvey gab nach und Dan schwang mit einer Hand das leichte Boot herüber, bis es sanft auf Deck landete.

»Leer wiegen sie fast gar nichts. Das war ganz gut für 'nen Neuling. Aber 'n richtiger Seemann hat den Trick noch besser 'raus.«

»Aha!« rief Manuel, seine braune Hand ausstreckend. »Geht's besser heut? Gestern um die Zeit haben die Fische nach dir gefischt. Jetzt fischst du nach Fischen, he?«

»Ich … ich bin Ihnen zu großem Dank verpflichtet«, stammelte Harvey und fuhr wieder einmal seiner unseligen Angewohnheit nach mit der Hand in die Tasche. Aber er erinnerte sich gleich, daß er ja kein Geld mehr hatte. Später, als er Manuel besser kannte, errötete er noch in der dunklen Koje vor Scham bei dem Gedanken an den Mißgriff, den er da begangen hätte.

»Was ist da zu danken?« brummte Manuel. »Hätt' ich dich vielleicht um die ganzen ›Bänke‹ 'rumtreiben lassen sollen? Und jetzt bist du ein Fischer, he? Au, au!« machte er und bog sich hin und her, um die Steifheit aus seinen Gliedern zu kriegen. »Ich hab' heut das Boot nich saubergemacht. Zu viel geschafft. Ging zu schnell. Danny, mein Söhnchen, mach du für mich!«

Harvey war auch gleich mit dabei. Jetzt konnte er etwas für den Mann tun, der ihm das Leben gerettet hatte.

Dan warf ihm einen Wischer zu, und Harvey mühte sich ab, das Boot vom Fischschleim zu säubern, ungeschickt, aber voll guten Willens. »Heb die Fußplanken hoch, die gehn 'rauszunehmen aus den Rillen«, ordnete Dan an. »Wisch sie gut ab und leg sie hin. Eine Fußplanke darf nie klemmen. Kann sein, daß man sie mal nötig braucht! Da kommt der lange Jack.

Ein Strom glitzernder Fische floß von Jacks Jolle in den Trog. »Manuel, laß die Talje runter, ich mach' inzwischen die Tische zurecht. Mach Manuels Jolle frei, Harvey! Jack seine hängt ja schon drüber.«

Harvey sah von seiner Arbeit auf, und schon pendelte der Boden einer andern Jolle über seinem Kopf.

»Passen ineinander wie Löffel, was?« meinte Dan, als sich das eine Boot bequem ins andre fügte.

»Wie die Ente ins Wasser«, sagte der lange Jack, ein graubärtiger Mann aus Galway mit breitem Mund, sich auf die gleiche Weise zurechtbiegend wie vorher Manuel. Aus der Luke herauf hörte man Disko in seiner Kajüte brummen und an seinem Bleistift nagen.

»Hundertneunundvierzig Stück und einen halben! Pech, Diskobolus!« rief der lange Jack. »Dabei hab' ich mich halbtot geschunden für deine Tasche. Brumm du nur. Der Portugiese hat mich geschlagen.

Hopp, da kam schon wieder eine Jolle an, und eine neue Ladung Fische schoß in den Trog.

»Zweihundertdrei. Wo ist der neue Passagier?« Der Sprecher war noch größer als der Galwaymann und besonders gekennzeichnet durch eine rote Narbe, die vom linken Auge schräg zum rechten Mundwinkel lief.

Da Harvey nicht wußte, was er sonst tun sollte, wischte er eine Jolle nach der andern aus, zog die Fußplanken heraus und legte sie längsseits auf den Boden des Boots. »Der macht sich ganz gut«, sagte der Narbige, der kein anderer als Tom Platt war, mit kritischem Blick. »Man kann alles auf zweierlei Art machen. Das eine ist Fischerart – ganz egal wo man anfängt bei dem glitschrigen Geschäft – und das andre …«

»Wie wir's gemacht haben auf der alten ›Ohio‹«, fiel Dan ein, sich mit einem langen Klapptisch durch den Knäuel von Männern drängend. »Platz da, Tom Platt, daß ich den Tisch aufstellen kann!«

Er klemmte das eine Tischende auf zwei Bolzen an der Reling, klappte die Beine herunter und duckte sich gerade noch rechtzeitig, um einem schwungvollen Hieb von der Hand des alten Kriegsschiffmanns auszuweichen.

»Das haben sie auch gemacht auf der ›Ohio‹, siehst du, Danny«, rief Tom Platt lachend.

»Die müssen aber schieläugig gewesen sein, denn es ging daneben; und ich kenne einen, der wird morgen seine Stiefel auf dem Hauptmast finden, wenn er uns jetzt nicht in Ruhe läßt. Platz da, siehst du nicht, daß ich zu tun hab'.«

»Danny, du liegst den ganzen Tag auf der faulen Haut und schnarchst! Das nenn' ich die Höhe der Frechheit«, sagte der lange Jack. »Wenn du so weiter machst, wirst du unsern ›Neuen‹ in einer Woche ganz verdorben haben.«

»Harvey heißt er«, stellte Dan vor und schwang zwei sonderbar geformte Messer. »Und es wird keine Woche dauern, da wird er es mit fünf solchen Südbostoner Muschelsuchern aufnehmen!« Darauf arrangierte er die Messer mit Geschmack auf dem Tisch und legte, sein Werk bewundernd, den Kopf auf die Seite.

»Ich hab' zweiundvierzig«, sagte eine schwache Stimme von außenbords herauf, und ein dröhnendes Gelächter erhob sich, als eine zweite Stimme antwortete:

»Na, da hab' ich ja diesmal noch Glück gehabt, ich hab' fünfundvierzig. Dafür bin ich auch zerstochen von oben bis unten.«

»Zweiundvierzig oder fünfundvierzig!« sagte wieder die kleine Stimme. »Man kann sich ja verzählen!«

»Das ist Penn und Onkel Salters«, sagte Dan. »Wenn die ihren Fang zählen, das ist jedesmal der reinste Zirkus. Hör dir das an!«

»'rauf, 'rauf mit euch«, brüllte der lange Jack. »Is feucht da unten, Kinder.«

»Zweiundvierzig hast du gesagt.« Das war Onkel Salters' Stimme.

»Ich kann ja noch mal zählen«, sagte die schwache Stimme sanft.

Die beiden Jollen stießen gegeneinander und schlugen an die Bordwand des Schoners.

»Heiliges Jerusalem«, jappste Onkel Salters und schlug mit dem Ruder auf, daß es klatschte. »Welcher Teufel hat dich bloß geritten, dich Stoppelhopser, daß du je deinen Fuß in ein Fischerboot gesetzt hast! Um ein Haar hätt'st du mich in Grund gerannt.«

»Tut mir aufrichtig leid, Mister Salters. Ich bin zur See gegangen wegen meines nervösen Magenleidens. Sie selbst haben mir dazu geraten, wenn ich mich recht erinnere.«

»Wärst du bloß in einem Walfischloch ersoffen, du mitsamt deinem Magenleiden«, schrie Onkel Salters, eine kleine dicke Tonne von Mann. »Jetzt kommst du ja schon wieder auf mich los! Hast du jetzt zweiundvierzig gesagt oder fünfundvierzig?«

»Ich weiß es nicht mehr, Mister Salters. Ich will noch mal zählen.«

»Woher sollen's auch fünfundvierzig sein! Ich hab' fünfundvierzig«, sagte Onkel Salters. »Zähl du genau nach, Penn.«

Disko Troop kam jetzt herauf und fuhr dazwischen: »Salters, schaff jetzt sofort deine Fische herauf«, befahl er gebieterisch.

»Verdirb uns den Spaß nicht, Papp«, flüsterte Dan. »Jetzt fangen sie grade erst richtig an.«

»Barmherziger Himmel! er spießt sie stückweise auf«, grölte der lange Jack, als Onkel Salters sich umständlich an die Arbeit machte, während der kleine Mann in der andern Jolle eine Reihe von Kerben im Dollbord abzählte.

»Das war der Fang von voriger Woche«, sagte er, kläglich aufschauend und den Zeigefinger noch auf die Kerbe haltend, bei der er aufgehört hatte zu zählen.

Manuel stieß Dan an, der sprang aufs Achterdeck, beugte sich rasch über, hakte die Jolle hinten ein, während Manuel sie vorne festmachte. Die andern zogen rüstig an und hißten das Boot an Bord – Mann, Fisch und alles.

»Eins, zwei, vier – neun«, zählte Tom Platt mit geübtem Aug'. »Siebenundvierzig! Penn, du bist Sieger!« Dan ließ den Flaschenzug laufen und entleerte Penn mitsamt einem Strom von Fischen auf Deck.

»Halt!« rief Onkel Salters, während sein Boot schon in der Luft baumelte. »Halt! Jetzt hab' ich mich wieder verzählt.«

Es blieb ihm keine Zeit mehr zu protestieren; er wurde über Bord gehißt und in derselben Weise behandelt wie »Pennsylvania«.

»Einundvierzig!« sagte Tom Platt. »Ein Seemann wie du! Läßt sich von einem Farmer übertrumpfen!«

»Das ist geschwindelt!« antwortete der und stolperte aus seinem Boot. »Und ich bin zerstochen von oben bis unten!«

Seine fetten Hände waren geschwollen und rotweiß gesprenkelt.

»Manche Leute finden Erdbeeren, und wenn sie danach tauchen müßten«, sprach Dan zum eben aufgehenden Mond hin.

»Und andre«, erwiderte Onkel Salters, »stinken vor Fett und Faulheit und verhöhnen noch dazu ihre eigenen Blutsverwandten.«

»Los, los!« rief eine Stimme, die Harvey bis jetzt noch nicht gehört hatte. Disko Troop, Tom Platt, der lange Jack und Salters machten den Anfang. Der kleine Penn bückte sich nach seiner Tiefsee-Angelwinde und nach den verwickelten Fischleinen. Manuel legte sich der Länge nach auf Deck und Dan tauchte in den Packraum unter, wo ihn Harvey hämmern hörte.

»Salz!« sagte er heraufkommend; »gleich nach dem Essen geht's ans Ausnehmen. Du wirst die Fische spießen, und Tom Platt und Vater werden sie verstauen und sich dabei in die Haare geraten wie gewöhnlich. Du, ich, Manuel und Penn gehören zur zweiten Eßrunde. Die Jüngsten und die Schönsten!«

»Was nützt mir das! Ich hab' Hunger.«

»Die sind gleich fertig. Hmm! heut riecht's besonders gut. Vater hält auf einen guten Koch. Das war heute ein feiner Fang, was?« Er zeigte auf die mit Stockfischen vollgefüllten Tröge. »Wie war der Wasserstand, Manuel?«

»Fünfundzwanzig Faden«, antwortete der Portugiese schläfrig. »Sie haben gut und rasch angebissen. Das lernst du auch noch, Harve.«

Der Mond hatte schon seine nächtliche Wanderung über die stille See angetreten, eh' die älteren Männer an Deck kamen. Der Koch brauchte nicht erst »zweite Tour« zu rufen. Dan und Manuel waren schon durchs Luk hinunter und saßen am Tisch, noch ehe Tom Platt, der Langsamste von den Älteren, recht mit Essen fertig war und sich den Mund mit dem Handrücken abgewischt hatte. Harvey folgte Penn und setzte sich vor einen Blechteller mit Dorschköpfen und Lebern, Speckwürfeln und Bratkartoffeln; daneben gab's noch warmes Brot und starken schwarzen Kaffee. So hungrig sie waren, warteten sie doch, bis Penn den Tischsegen gesprochen hatte. Dann stopften sie schweigend in sich hinein, bis Dan nach einem langen Zug aus seiner Tasse Atem schöpfte und Harvey fragte, ob er satt sei.

»Voll bis oben, aber es ist doch noch Platz für einen letzten Bissen.«

Der Koch war ein riesiger, jettschwarzer Neger und im Gegensatz zu allen Negern, die Harvey bis jetzt gesehn hatte, redete er nicht, sondern begnügte sich, mit Grinsen und Deuten zum Zulangen aufzufordern.

»Siehst du, Harve«, sagte Dan, seine Gabel auf den Eßtisch aufklopfend, »die jungen und schönen Leute wie ich und Pennsy und du und Manuel, wir gehören zur zweiten Runde und essen nach den ersten. Die sind die alten Fische; grantig und mufflig, und man muß ihren Mägen schöntun. Drum kommen sie zuerst dran, was sie gar nicht verdienen. Hab' ich recht, Doktor?«

Der Koch nickte.

»Kann der nicht sprechen?« flüsterte Harvey.

»Genug, um sich verständlich zu machen. Aber nicht wie wir. Seine Muttersprache ist ganz komisch. Er kommt vom Kap Breton, aus dem Innern, da sprechen die Farmer ihr eigenes Schottisch. Kap Breton ist voll Niggern, die sind im Krieg dahingekommen, und jetzt sprechen sie alle so ein Kauderwelsch zusammen.«

»Das ist nicht Schottisch«, warf Penn ein. »Das nennt man gälisch. Das hab' ich in einem Buch gelesen.«

»Penn liest sehr viel, und meistens hat er recht, außer, wenn er Fische zählt. Was, Penn?«

»Läßt sich dein Vater bloß einfach sagen, wieviel Fische jeder gefangen hat, ohne zu kontrollieren?« fragte Harvey.

»Freilich. Glaubst du, daß einer wegen ein paar lumpiger Stockfische lügen wird?«

»Es war einmal einer, der hat gelogen«, warf Manuel ein. »Tagtäglich immer fünf oder zehn oder fünfundzwanzig mehr, wie er hatte.«

»Wo war denn das?« fragte Dan. »Nicht bei unsern Leuten?«

»Franzmann aus Anguille.«

»Ah, diese Franzmänner von der Westküste zählen überhaupt nich mit. Begreiflich, daß sie nich zählen können. Wenn du dir mal einen von ihren weichen Haken in die Finger jagst, Harve, weißt du Bescheid«, sagte Dan mit größter Verachtung.

»Welche Wonne früh und spät,
Wenn's ans Fischeputzen geht«,

brüllte der lange Jack durch die Luke hinunter, und die zweite »Runde« kletterte flugs hinauf.

Der Schatten der Masten und der Takelage mit dem nie ganz eingezogenen Toppsegel schwankte im Mondlicht hin und her übers Deck, und der Berg von Fischen am Heck glitzerte wie ein Block flüssigen Silbers. Im Laderaum hörte man Disko Troop und Tom Platt lärmend mit den Salzfässern herumhantieren. Dan gab Harvey eine großzinkige Forke in die Hand und placierte ihn an das eine Ende des Brettertisches, wo Onkel Salters schon ungeduldig mit dem Messer trommelte. Ein Zuber mit Salzwasser stand neben ihm.

»Du langst Vater und Tom Platt die Fische durch die Luke 'runter«, kommandierte Dan, »und paß auf, daß dir Onkel Salters die Augen nicht aussticht.« Damit turnte er in den Packraum hinab. »Ich muß unten Salz zureichen.« Penn und Manuel standen bis an die Knie zwischen den Stockfischen in den Trögen und schwangen ihre Messer. Der lange Jack stand am andern Tischende, trug Fäustlinge und hatte einen großen Korb neben sich aufgestellt. Harvey starrte seine Gabel und den Zuber an.

»He«, schrie Manuel, sich nach einem Fisch bückend und ihn mit zwei Fingern, einen unter der Kieme, einen im Auge, hochhebend. Er legte ihn auf den Rand des Troges; die Messerklinge glitzerte, man hörte einen Ratsch, und der Fisch, aufgeschlitzt vom Hals zum Schwanz und am Kopf beiderseits eingeschnitten, fiel dem langen Jack vor die Füße.

»He!« rief jetzt der lange Jack und löste mit einem Griff die Leber. Die flog in einen Korb. Ein zweiter drehender Griff brachte Kopf und Eingeweide, und der ausgenommene Fisch glitt zu Onkel Salters hinüber, der mächtig schnaufte. Wieder ein Ratsch und die Rückengräte flog über Bord, und der ausgeweidete, kopflose Fisch klatschte in den Trog, und Salzwasser spritzte Harvey in den vor Staunen offenen Mund. Nach den ersten Ausrufen wurde es still unter den Arbeitenden. Die Fische glitten von einem zum andern, als wären sie noch lebendig; und ehe Harvey sich vom ersten Staunen über diese rätselhafte Geschicklichkeit erholt hatte, war sein Zuber voll.

»Vorwärts!« grunzte Onkel Salters, ohne sich umzudrehn, und Harvey gabelte die Fische immer zu zwei und drei die Luke hinunter.

»He! du mußt immer gleich mehr auf einmal nehmen«, rief Dan. »Aber keinen fallen lassen. Onkel Salters ist der beste Aufschlitzer in der ganzen Flotte. Schau, das geht wie bei 'nem Buch!«

In der Tat sah es fast so aus, als ob der rundliche Onkel damit beschäftigt wäre, Buchseiten auf Rekord aufzuschneiden. Manuels gebückter Körper war wie versteinert. Nur mit seinen langen Armen langte er ohne Unterlaß nach Fischen. Der kleine Penn arbeitete voll Eifer, aber es war leicht zu erkennen, daß er zu schwach war. Ein- oder zweimal fand Manuel Zeit, ihm zu helfen, ohne die Kette zu unterbrechen. Und einmal schrie er auf, weil er sich einen französischen Angelhaken in die Finger gespießt hatte. Diese Haken sind sehr weich gearbeitet, damit sie nach dem Gebrauch wieder zurechtgebogen werden können. Aber der Kabeljau reißt sich oft mitsamt dem Haken los und beißt anderswo wieder an. Das ist einer der vielen Gründe, weshalb die Gloucester Flotte die französische so verachtet.

Von unten her klang das Einreiben des groben Salzes auf das rohe Fleisch wie das Knirschen eines Schleifsteins – die ständige Begleitung zu dem »Klipp-Klapp« der Messer, dem Abdrehen der Köpfe, dem Aufklatschen der Lebern und Eingeweide, dem »Krrrr« von Onkel Salters Messer beim Entgräten und dem »Platsch«, mit dem die Fische in die Bottiche fielen.

Eine Stunde später hätte Harvey alles hingegeben für einen Augenblick Ruhe. Denn nasser, frischer Kabeljau wiegt mehr als man denkt, und sein Rücken tat ihm weh von dem unausgesetzten Aufgabeln. Aber zum erstenmal in seinem Leben fühlte er sich als Arbeiter unter Arbeitern. Das machte ihn stolz, und er hielt hartnäckig aus.

»Messer!« rief Onkel Salters nach einer geraumen Weile. Penn richtete sich japsend zwischen seinen Fischen auf, Manuel begann mit seinen Rumpfbeugen, um sich wieder geschmeidig zu machen, und der lange Jack lehnte sich über die Reling. Der Koch tauchte auf, geräuschlos wie ein schwarzer Schatten, raffte einen Haufen Köpfe und Fischschwänze auf und verschwand wieder.

»Gebackene Fischköpfe zum Frühstück!« schnalzte der lange Jack.

»Messer!« rief Onkel Salters wieder und schwang ungeduldig seine krumme, flache Aufschlitzwaffe.

»Schau unter dich, Harvey«, rief Dan von drunten.

Harvey sah in einer Leiste des Lukgitters ein halbes Dutzend Messer stecken. Er verteilte sie und nahm die stumpfen ab.

»Wasser!« rief Disko Troop.

»Die Wassertonne ist vorn, und der Schöpfer steht daneben, los, Harve«, rief Dan.

Eine Minute später kam er zurück mit einem großen Schöpfer voll abgestandenen, braunen Wassers, das trotzdem wie Nektar mundete und Disko und Tom Platt die Zungen löste.

»Das sind Stockfische«, sagte Disko, »und keine Damaskusfeigen, Tom Platt. Das sag' ich dir jedesmal immer wieder, solange wir schon zusammen fahren.«

»Sieben Jahre lang dieselbe Leier«, antwortete Tom Platt kühl. »Gut verstaut bleibt gut verstaut. Man kann auch Ballast falsch und richtig stauen. Wenn Ihr je gesehen hättet, wie wir vierhundert Tonnen Eisen auf der …«

»He!« rief Manuel und gab das Zeichen zur Arbeit. Und sie schafften ohne aufzuhören, bis die Tröge leer waren. Kaum war der letzte Fisch verschwunden, so stapften Disko und sein Bruder ins Deckhaus. Manuel und der lange Jack gingen voraus ins Logis, nur Tom Platt wartete noch, um das Luk zu schließen, und verschwand dann auch. Eine Minute später hörte Harvey schon tiefe Schnarchtöne, und sprachlos vor Verwunderung starrte er Dan und Penn an.

»Diesmal ging's doch schon etwas besser, Danny«, sagte Penn schlaftrunken. »Aber eigentlich muß ich euch doch jetzt noch beim Reinemachen helfen.«

»Für keine Stange Gold möcht' ich Ihr Gewissen haben!« sagte Dan. »Gehen Sie ruhig schlafen, Penn. Sie sind doch nich zu Schiffsjungenarbeit da. Harve, zieh einen Eimer mit Wasser hoch. Hören Sie, Penn, schaffen Sie das noch in die Deckeltonne. Können Sie sich noch so lange wachhalten?«

Penn nahm den schweren Korb mit Fischlebern auf und leerte ihn in die Deckeltonne beim Fock. Dann verschwand auch er in seine Koje.

»Aufklaren ist Schiffsjungenarbeit hier bei uns, und bei ruhigem Wetter haben wir die erste Wache.« Unter dem begann Dan schon die Tröge kräftig auszuschrubben, schlug den Tisch zusammen, stellte ihn im Mondlicht zum Trocknen auf, zog die blutigen Messerklingen durch Werg und wetzte sie dann noch an einem kleinen Schleifstein, während Harvey unter seiner Anleitung Eingeweide und Rückengräten über Bord werfen mußte.

Gleich beim ersten Platsch stieg ein silberweißer Geist aufrecht aus dem öligen Wasser und sandte einen pfeifenden Seufzer in die Stille. Harvey wich mit einem Aufschrei zurück. Aber Dan lachte. »Delphine, die um Fischköpfe betteln. So kommen sie immer hoch, wenn sie hungrig sind. Klingt wie'n Geist aus 'm Grabe, was?« Ein übler Gestank von Fischabfall erfüllte die Luft, als die weiße Säule wieder verschwand, und es gurgelte im öligen Wasser. »Hast du noch nie Delphine kopfstehn sehn? Du wirst sie noch zu Hunderten sehn, solang du bei uns bist. Du, is doch gut, wieder 'nen Jungen hier zu haben. Otto war zu alt und auch bloß 'n Holländer. Haben uns immer mächtig in den Haaren gelegen. Aber das hätt' mir nix ausgemacht, wenn er wenigstens wie 'n Christenmensch geredet hätte. Müd?«

»Todmüde«, sagte Harvey und ließ den Kopf vornüber sinken.

»Beim Wachegehn darf man nicht schlafen. Vorwärts! Schau, ob die Ankerlichter gut brennen. Du hast jetzt Wache, Harve!«

»Pah! Was kann uns denn geschehn? Is ja hell wie am Tag.« Schon schnarchte er.

»Grade dann passiert am leichtesten was, sagt Papp. Bei ruhigem Wetter is gut schlafen, und eh' man sich's versieht, is man von einem großen Dampfer mitten durchgeschnitten, und siebzehn goldbetreßte Offiziere, lauter feine Herren, schwören einen Eid drauf, daß kein Licht gebrannt hat und dicker Nebel war. Harve, ich mag dich sozusagen gern, aber wenn du noch einmal einnickst, treib' ich dir's mit dem Tauende aus.«

Der Mond, der schon vieles in den »Neufundlandbänken« gesehn hat, sah heute auf einen schmalen Jungen in Knickerbockers und roter Jacke herab, der auf dem Deck eines 70-Tonnen-Schoners schlaftrunken herumstolperte, während hinter ihm wie ein Henkersknecht ein anderer Junge sein geknotetes Tauende schwang und zwischen den Schlägen, die er austeilte, gähnte und selbst fast einnickte.

Die festgemachten Ruder knarrten und bewegten sich leise, das Toppsegel klapperte leicht im Nachtwind, und der Ankerspill knirschte, während der klägliche Umzug sich über das Deck bewegte. Harvey flehte, drohte, winselte und weinte zuletzt laut auf. Dan aber pries mit einer Zunge, die ihm am Gaumen klebte, die Wachsamkeit und schlug mit seinem Tauende immer drauflos, wobei er öfter die Jollen als Harvey traf. Endlich, endlich schlug die Uhr zehn, und mit dem letzten Schlag kam der kleine Penn auf Deck gekrochen. Er fand zwei Jungen Seite an Seite am Großluk liegen, so tief in Schlummer, daß er sie buchstäblich an ihre Schlafplätze rollen mußte.


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