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Drittes Kapitel

Es war der vierzig Faden tiefe Jungenschlaf, der Herz, Auge und Seele klärt und gewaltige Frühstücksgier erzeugt. Sie aßen eine große Schüssel saftiges Fischgulasch leer, aus den Teilen bereitet, die der Koch gestern weggetragen hatte. Sie wuschen dann das Geschirr der »Alten« auf, die schon wieder auf Fang aus waren, schnitten Schweinespeck für die Mittagsmahlzeit zurecht, spülten den Boden, füllten die Lampen, trugen dem Koch Kohle und Wasser zu, inspizierten den Packraum, wo die Schiffsvorräte verstaut lagen. Ein milder, klarer, wunderbarer Morgen war angebrochen, und Harvey sog die würzige, reine Luft tief in seine Lungen.

Seit gestern lagen noch mehr Schoner vor Anker, und auf der blauen Dünung tanzten Segler und Jollen in großer Zahl. Weit hinten am Horizont stieg, das Blau des Himmels trübend, die Rauchsäule eines Dampfers auf, dessen Rumpf nicht sichtbar war, und östlich schnitt das Großsegel einer Bark ein Viereck ins Blau. Disko Troop saß rauchend auf dem Dach des Deckhauses, ein Aug' auf die schwärmenden Barken, das andere auf den Windzeiger am Toppsegel gerichtet.

»Wenn Papp so vor sich hin stiert«, flüsterte Dan, »dann denkt er sich immer was Wichtiges aus für die ganze Mannschaft. Ich wett' meine Heuer, daß wir bald unsern Ankerplatz verlegen. Papp kennt die Fische am besten. Die ganze Flotte weiß das. Siehst du, wie sie alle 'rankommen, so ganz beiläufig, scheint's, und dabei schielen sie doch die ganze Zeit nach uns. Da kommt der ›Prince Leboo‹, der is aus Chatham. Der hat sich seit gestern abend angeschlichen. Und siehst du dort den großen Kasten mit dem Flicken im Fock und dem neuen Klüverbaum? Das ist die ›Carrie Pittman‹ aus West-Chatham. Die wird nicht mehr lange segeln, wenn sie nicht mehr Glück hat wie letztes Jahr. Sie tut jetzt schon nicht viel mehr als treiben. Der Anker, an dem die festliegt, der is noch nich erfunden … Wenn Papp so kleine Ringe pafft, dann studiert er über die Fische. Jetzt darf ihn keiner anreden, sonst wird er wütend. Neulich hat er mir einen Stiefel an den Kopf geschmissen.«

Disko Troop starrte vor sich hin, die Pfeife zwischen den Zähnen, mit Augen, die ins Leere gingen. Er studierte, wie sein Sohn gesagt hatte, über die Fische, die eigene Kenntnis und Erfahrung in den »Bänken« gegen die Launen ihrer Schwärme mobilmachend. Die Anwesenheit der beobachtenden Schoner am Horizont nahm er als eine Reverenz vor seinen Fähigkeiten ruhig hin. Aber nun, da ihm diese Auszeichnung zuteil geworden war, hätte er lieber in der Stille seinen Ankerplatz gewechselt, bis es Zeit war, nach der »Virgin« abzusegeln und die »Straßen dieser brausenden Stadt im Wasser« durchzufischen. So überdachte er also die Wetterlage der letzten Tage; Stürme, Strömungen, Ernährungsverhältnisse und sonstige Hausvatersorgen, alles vom Standpunkt eines zwanzigpfündigen Stockfisches aus gesehn. In der Tat schien er sich für eine Stunde lang in einen Stockfisch verwandelt zu haben und glich ihm auf ein Haar. Endlich nahm er die Pfeife aus dem Mund.

»Papp«, wagte sich jetzt Dan hervor, »wir haben unsre Arbeit durch, dürfen wir nich 'n bißchen 'raus? Es is so gutes Fangwetter.«

»Aber nicht in dem roten Gelump da und mit den braunen Gigerlschuhn. Gib ihm was Richtiges zum Anziehn.«

»Der Alte ist bei Laune, dann ist alles in Ordnung«, sagte Dan fröhlich und zog Harvey hinunter. Troop warf ihnen einen Schlüssel nach. »Vater sperrt mir das Zeug zum Wechseln immer ein, weil Mutter sagt, ich bin so schlampig.« Er wühlte in einer Kiste herum, und in weniger als drei Minuten stand Harvey fix und fertig umgekleidet da: in hohen Fischerstiefeln, einer dicken blauen Wolljoppe, an den Ellbogen gehörig verstopft, in Fäustlingen und Südwester.

»So, jetzt siehst du doch nach was aus«, sagte Dan. »Los!«

»Bleibt nah beim Boot und macht keine Visiten in der ganzen Flotte herum. Wenn euch jemand fragt, was ich mir auskalkuliert hab', dann sagt ihr's so, wie's ist: ihr wißt nichts.«

Eine kleine rote Jolle, ›Hattie S‹ gezeichnet, war hinter dem Schoner angemacht. Dan holte das Tau an und sprang leicht in das Boot, während Harvey tolpatschig hinterdreinplumpste.

»So geht man in kein Boot«, rügte Dan. »Beim kleinsten Seegang gehst du kopfüber. Das mußt du erst noch richtig lernen.«

Dan setzte die Riemen ein, nahm das erste Paar und beobachtete Harveys Rudertechnik. Harvey konnte rudern, etwa wie Damen auf einem Parkteich. Aber es ist ein gewaltiger Unterschied zwischen leichten, kurzen, wohlausgewogenen Salonrudern und schweren, knirschenden, acht Fuß langen Seeriemen. Sie blieben Harvey schon in der leichten Dünung stecken, und er stöhnte.

»Kurz! Kurz rudern!« schrie Dan. »Wenn du dein Ruder so tief ins Wasser läßt, bringst du das Boot zum Kippen. Nicht ein Prachtboot? Gehört mir

Die kleine Jolle war blitzsauber. Im Bug lag ein kleiner Anker, zwei Wassereimer und siebzig Faden dünnes, braunes Ankertau. Eine Blechtute war gerade unter Harveys rechter Hand angebracht, daneben ein grob gearbeiteter Holzschlegel, ein kurzer Bootshaken und ein noch kürzerer Holzstock. Etliche Leinen, mit schweren Bleistücken daran, und Doppelfischhaken waren ordentlich auf Wickelhölzer aufgereiht und hingen an ihrem Platz an der Bordwand.

»Wo ist der Mast und wo sind die Segel?« fragte Harvey, dessen Hände schon Blasen zogen.

Dan kicherte. »Da wird nicht viel gesegelt. Da muß man rudern! Aber drück nicht so hart auf. Möchtest du nicht auch so ein Boot haben?«

»Mein Vater hätte mir gewiß schon ein paar gekauft, wenn ich ihn darum gebeten hätte«, antwortete Harvey. Bis jetzt hatte er noch wenig Zeit, an seine Familie zu denken.

»Ach so! Jetzt hab' ich ganz vergessen, daß dein Vater ein Millionär ist. Millionärisch lebst du ja nu jetzt grade nicht. Aber so eine Jolle mit Besatzung und Zubehör« – er sprach, wie wenn von einem Walfischfängerboot die Rede wäre – »kostet einen Haufen Geld. Glaubst du, dein Vater würde dir eine schenken bloß so zum … zum Spielen?«

»Selbstverständlich. Das wär' ohnedies so ziemlich das einzige, worum ich ihn noch nicht gequält hab'.«

»Du mußt ein kostspieliges Söhnchen sein zu Hause! Fackel nicht so mit den Rudern durchs Wasser, Harve. Kurz, kurz! Immer kurz! Denn die See ist fast nie ganz glatt, und sobald eine Dünung kommt …«

Krack! Der Riemen schlug Harvey unters Kinn und warf ihn zurück.

»Davor wollte ich dich grade warnen. Ich hab' auch mein Lehrgeld zahlen müssen. Aber ich war noch keine acht Jahr alt.«

Mit gerunzelten Brauen und mit schmerzender Kinnlade setzte sich Harvey neuerdings auf seinem Platz zurecht.

»Es hat keinen Zweck, sich über die Dinge zu erbosen. Man ist selber schuld, wenn man nicht damit umgehen kann, sagt Papp immer. Hier wollen wir anfangen. Manuel wird uns die Wassertiefe geben.«

Der Portugiese schaukelte eine gute Meile von ihnen entfernt, aber als Dan sein Ruder hochhob, schwenkte Manuel dreimal seinen linken Arm.

»Dreißig Faden!« sagte Dan und steckte einen Köder an den Haken. »Runter mit dem saftigen Bissen! Mach auch deinen Köder an, Harve, und schau, daß die Schnur sich nicht verwickelt.«

Dans Fischleine war schon lange draußen, bis Harvey das Kunststück des Köderanmachens und Leineauswerfens gemeistert hatte. Die Jolle trieb leicht weiter. Es hatte noch keinen Zweck zu ankern, ehe sie einen guten Fischplatz gefunden hatten.

»Da sind sie schon!« schrie Dan. Ein salziger Guß durchnäßte Harveys Schulter und ein schwerer Stockfisch zappelte an der Leine.

»Das Ding her, Harve! Rasch! Grad' bei deiner Hand! Rasch!«

Offensichtlich konnte das »Ding« nicht die Blechtute sein. Drum langte Harvey nach dem Holzschlegel. Damit betäubte Dan kunstgerecht den Fisch, bevor er ihn hereinzog. Dann zog er ihm mit dem kurzen Holzstock, den er »Zahnstocher« nannte, den Haken aus dem Hals. Plötzlich fühlte Harvey einen Anbiß und zog eifrig ein.

»Gott, das sind ja Erdbeeren!« rief er. »Schau!«

Der Haken hatte sich in ein Büschel »Erdbeeren« verfangen; sie sahen genau so aus wie Landerdbeeren, rot und weiß, aber blätterlos und mit röhrenartigen, schleimigen Stengeln.

»Rühr sie nicht an! Schüttel sie ab, sonst …«

Die Warnung kam zu spät. Harvey hatte sie vom Haken genommen, um sie aus der Nähe zu betrachten.

»Autsch!« schrie er, denn seine Finger brannten ihm, als hätte er in Brennesseln gegriffen.

»Jetzt weißt du wenigstens, was ›Erdbeerenpflücken‹ heißt. ›Nichts mit der bloßen Hand anfassen‹, sagt Papp, ›bloß Fische.‹ Streif sie an der Bordwand ab und spieß einen frischen Köder an, Harve. Vom Hinschaun wird's nicht besser. Das ist alles in der Heuer inbegriffen.«

Harvey mußte lachen beim Gedanken an die zehneinhalb Dollar. Was würde wohl seine Mutter sagen, wenn sie ihn so sehen könnte, mitten im weiten Ozean, halben Leibs über Bord in einer winzigen Fischerjolle hängend. Sie hatte schon Todesängste ausgestanden, wenn er nur auf den Saranac-See hinausgerudert war; und beiläufig fiel ihm dabei ein, daß er sie so manches liebe Mal deswegen ausgelacht hatte. Plötzlich glitt ihm die Schnur blitzschnell durch die Hand, daß es ihn durch die wollenen Fäustlinge hindurch brannte.

»Ist das ein Klotz!« schrie Dan. »Laß ihm Leine, dem Kerl, daß er sich austoben kann. Ich helf' dir.«

»Nein, du hilfst mir nicht!« keuchte Harvey, der an der Leine zerrte. »Es ist mein erster Fisch. Ist es ein Wal?«

»Ein Heilbutt könnt's sein.« Dan äugte ins Wasser und schwang kampfbereit den großen Holzschlegel. Etwas weißlich Ovales glitzerte und wand sich im Grünen. »Ich wett' meinen Lohn und Anteil, der wiegt mehr als hundert Pfund. Bist du noch immer so versessen drauf, ihn allein 'reinzuholen?«

Harveys Knöchel waren wund und blutig vom Aufschlagen an die Bootswand; sein Gesicht war blaurot vor Aufregung und Anstrengung. Er war in Schweiß gebadet, halbblind vom Hinstarren auf das sonnengrelle Gestrudel um die tanzende Schnur. Die Knaben waren bald müder als der Heilbutt, der sie und das Schiffchen noch fast eine halbe Stunde lang narrte. Endlich aber konnten sie doch den großen, flachen Fisch durch einen Schlag betäuben und hereinholen.

»Anfängerglück!« sagte Dan und wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Der hat seine hundert Pfund!«

Harvey betrachtete sich das riesige, graugesprenkelte Tier mit unaussprechlichem Stolz. An Land hatte er schon oft an den Fischständen Heilbutte ausgelegt gesehen, aber es war ihm nie eingefallen zu fragen, wie sie dahingekommen seien. Nun wußte er's; wußte es mit jeder Faser seines schmerzenden Körpers.

»Wenn Papp da wäre«, sagte Dan, seine Leine einziehend, »könnt' er an dem Fang jetzt alles lesen, wie in einem gedruckten Buch. Die Fische werden immer kleiner und kleiner, und du fängst hier einen Klotz von Heilbutt, wie wir ihn vielleicht auf der ganzen Fahrt nich wieder kriegen. Gestern – hast du drauf geachtet? –, da gab's lauter große Fische und keinen einzigen Butt drunter. Papp kann das sofort taxieren. Er sagt, alles was in den Bänken geschieht, hat seine Bedeutung. Man muß sie bloß erkennen. Papp, der versteht sein Handwerk wie keiner.«

Er hatte den Satz noch nicht beendet, als auf der »Da sind wir« eine Pistole abgefeuert und ein Kartoffelkorb am Fockmast gehißt wurde.

»Na, was hab' ich dir gesagt? Das ist das Signal zum Zurückrudern für die ganze Mannschaft. Papp muß was Besonderes vorhaben, sonst würd' er nicht um diese Tageszeit abbrechen lassen. Dreh die Fischleine ein, wir müssen auch zurück.«

Sie lagen in Lee von dem Schoner, eben im Begriff, mit der Jolle über die stille See zurückzuflitzen, als aus einiger Entfernung Hilferufe zu ihnen drangen. Es war Penn, der immer um einen festen Punkt herumkreiste, wie ein riesenhafter Wasserkäfer. Der kleine Mann versuchte immer wieder abzukommen und wurde immer wieder gewaltsam zurückgerissen, und am Ende des Manövers drehte sich die Jolle jedesmal wie besessen um ihr Ankertau.

»Wir müssen ihm rasch helfen, sonst wächst er hier noch an!« rief Dan.

»Was ist denn los?« fragte Harvey. In dieser neuen Welt konnte er nicht einfach wie zu Hause klugschwätzen, sondern mußte sich bescheiden aufs Fragen verlegen. Und die See war überhaupt so schrecklich groß und gleichgültig.

»Sein Anker hat sich verhakt. Das passiert ihm immer so. Zwei hat er schon wieder verloren diesmal. Papp sagt, beim nächsten, den er verliert, so wahr er ein Fischer ist, kriegt er den ›Kelleg‹. Aber das würde Penn das Herz brechen.«

»Was ist ›Kelleg‹?« fragte Harvey, der eine dunkle Vorstellung von einer Seemannstortur damit verband, etwa wie das »Kielholen«, das er aus Seemannsgeschichten kannte.

»Ein schwerer Stein anstatt eines Ankers. Den sieht man schon im Bug meilenweit. Jeder Fischer weiß, was das zu bedeuten hat. Sie würden ihn fürchterlich aufziehen. Das könnte Penn ebensowenig vertragen, wie ein Hund 'nen Topf am Schwanz. Er is kolossal empfindlich. Hallo, Penn! Wieder festgehakt? Laß deine Kunststücke jetzt und halt das Tau straff, immer 'rauf und 'runter.«

»Er rührt sich nicht«, sagte der kleine Mann keuchend. »Er rührt sich absolut nicht. Ich hab' schon alles probiert.«

»Was bedeutet dieses Schlangennest?« fragte Dan und zeigte auf ein wildes Durcheinander von Reserverudern und Tauen, von unkundiger Hand zusammengeballt.

»Das«, rief Penn stolz, »ist eine spanische Ankerwinde. Mister Salters hat mir das gezeigt. Aber auch damit krieg' ich das Boot nicht los.«

Dan beugte sich über Bord, um ein Lächeln zu verbergen. Dann zog er ein paarmal am Ankertau hin und her und – sieh da – der Anker gab nach.

»Hol auf, Penn, sonst hakst du dich wieder fest.« Sie ließen den verwirrten Penn zurück, der mit großen und traurigen blauen Augen den tangumwickelten Anker betrachtete und ihnen überschwänglich dankte.

»Du, Harve, was ich dir sagen wollte«, begann Dan, als sie außer Hörweite waren, »Penn, der is nich ganz richtig im Kopf. Es ist gar nicht gefährlich, aber er vergißt alles.«

»Ist das wahr, oder sagt das bloß wieder dein Vater?« fragte Harvey, sich in die Riemen legend. Er fühlte, daß er sie schon leichter handhabte.

»Diesmal irrt sich Papp bestimmt nicht. Penn ist 'n richtiger Verrückter. Na, nich ganz so. Aber so 'ne Art harmloser Idiot. Das kam nämlich so – gut gerudert so, Harve –, ich erzähl' dir's, weil du's doch wissen mußt. Früher, da war er mal 'n Prediger bei den Herrnhutern. Jacob Boller hat er geheißen, hat mir Papp erzählt, und er lebte mit seiner Frau und vier Kindern irgendwo da in Pennsylvania. Einmal nahm er seine ganze Familie zu einer Herrnhuterversammlung mit. Im Freien, glaub' ich, oder so, und sie blieben eine Nacht in Johnstown. Hast du von Johnstown schon was gehört?«

Harvey überlegte. »Ja, aber ich weiß nicht mehr in welchem Zusammenhang. Es ist mir noch so was in Erinnerung. War das nicht irgend so ein großes Unglück?«

»Ganz richtig. Also. In dieser selben Nacht, als Penn und seine Leute in der Herberge schliefen, da wurde ganz Johnstown weggeschwemmt. Der Damm brach ein, und die ganze Stadt wurde überschwemmt, und die Häuser stürzten ein, und manche sind einfach versunken. Ich hab' Bilder davon gesehn. Muß ganz schrecklich gewesen sein. Penn, der sah seine Frau und seine Kinder vor seinen Augen ertrinken, eh' er noch recht wußte, was überhaupt los war. Seitdem ist er nich ganz richtig im Kopf. Er wußte schon noch, daß da irgend was passiert war in Johnstown, aber er konnt' ums Leben nich sagen, was, und dann is er halt immer nur so 'rumgezogen und hat vor sich hin gelacht und sich gewundert. Er wußte schon gar nich mehr, wer er war und wer er gewesen war, und so lief er Onkel Salters in die Hände, der in Alleghany zu Besuch war. Fast alle Verwandten von Mutters Seite leben verstreut in Pennsylvania, und Onkel Salters, der besucht sie immer der Reihe nach im Winter. Onkel Salters, der hat ihn so gewissermaßen adoptiert, weil er gewußt hat, was mit ihm war, und hat ihn mitgenommen nach dem Osten und ihm Arbeit gegeben auf seiner Farm.«

»Aha, deshalb hat er ihn auch ›Stoppelhopser‹ geschimpft, gestern abend, wie die Jollen zusammenstießen. Ist dein Onkel Salters Farmer?«

»Und ob!« rief Dan. »Soviel Wasser gibt's gar nicht, um dem die Erdschollen von den Stiefeln zu waschen. Der ist und bleibt ein Landmann. Ich hab' ihm neulich abend zugeschaut, wie er sich einen Eimer geholt hat und an dem Wasserhahn von der Filtertonne 'rumgefummelt hat, wie wenn's ein Kuheuter wär'. Also er und Penn, die machten da so weiter auf ihrer Farm, da bei Exeter 'rum. Aber heuer im Frühjahr, da hat Onkel Salters verkauft an irgendein Frauenzimmer aus Boston, die wollt' sich da ein Sommerhaus bauen, oder so was, und er hat einen Haufen Geld dafür gekriegt. Und die zwei Verrückten haben sich dann 'rumgetrieben, bis eines schönen Tages die Sekte, zu der Penn gehörte, diese Herrnhuter, 'rausbekommen haben, wo er gesteckt hat, und an Onkel Salters einen Brief geschickt haben. Ich hab' nie ganz 'rausgekriegt, was eigentlich drinstand, aber Onkel Salters war wütend. Er ist protestantisch, aber das schert ihn nich viel. Und er sagte, er gibt den Penn nicht mehr 'raus, so einem verdammten Herrnhuter in die Hände, nicht in Pennsylvania noch anderswo. Dann, das war vor zwei Sommern, kam er zu Papp und brachte Penn mitgeschleppt und sagte, er und Penn wollten mitfahren ihrer Gesundheit wegen. Bei sich dacht' er wohl, bei den großen Bänken werden die Herrnhuter den Jacob Boller nicht aufspüren. Vater war's recht, denn Onkel Salters hat schon seit dreißig Jahren immer ab und zu mal mitgefischt, wenn er nicht grade dran geknobelt hat, irgendein neues Düngemittel zu erfinden, und da nahm er ein Viertel Beteiligung an der ›Da sind wir‹, und die Fahrt ist dem Penn so gut bekommen, daß ihn Papp jetzt immer mitnimmt. Eines Tages, sagt Papp, wird er sich schon wieder an seine Frau und seine Kinder und alles in Johnstown erinnern. Und dann wird er wahrscheinlich bald sterben, sagt Papp. Sprich nie über Johnstown oder über Erdbeben oder so was zu Penn, sonst schmeißt dich Onkel Salters über Bord.«

»Armer Penn«, sagte Harvey leise. »Ich hätt' gar nicht gedacht, daß Onkel Salters ihn so gern mag, so wie er ihn behandelt.«

»Wir alle mögen Penn. Wir hätten ihn ins Schlepptau nehmen können. Aber ich wollt' dir's erst erzählen.«

Sie waren jetzt dicht beim Schoner und die andern Jollen gleich hinter ihnen.

»Zieht die Jollen erst nach dem Essen ein«, rief Troop vom Deck herunter. »Erst nehmen wir die Fische aus. Tisch herrichten, Jungs!«

»Gescheit wie 'n Wal!« zwinkerte Dan Harvey zu, als sie den Tisch aufstellten. »Schau dich um, wieviel Boote seit heute früh 'rangekommen sind. Die warten alle, was Papp macht.«

»Mir sehn sie eins aus wie's andre«, sagte Harvey. Und in der Tat glichen die sich wiegenden Schoner einander, wie aus einer Form gegossen.

»Die sind aber sehr verschieden. Siehst du den gelben, schmutzigen Kasten da drüben mit dem steilen Bugspriet? Das ist ›Die Hoffnung von Prag‹. Nick Brady ist der Bootsherr, der gemeinste Kerl in den Bänken. Dem zeigen wir's noch, wenn wir ans ›Große Riff‹ kommen! Ein Stück weit ab liegt die ›Sonnenblume‹. Die gehört den zwei Jeraulds. Kommt von Harwich. Ein schneller Segler und hat mächtig Fischglück. Aber mein Papp, der würde noch auf 'nem Kirchhof Fische fangen. Die drei dort nebeneinander sind die ›Margie Smith‹, die ›Rose‹ und die ›Edith S. Walen‹. Alle von uns daheim. Morgen werden wir die ›Abbie M. Deering‹ zu sehn kriegen, taxier' ich, gelt, Papp? Die kommen alle von der Queereaubank 'rüber.«

»Morgen wirst du nicht mehr viele sehn, Danny.« Wenn Troop seinen Sohn Danny nannte, war das ein Zeichen guter Laune. »Jungens, wir hocken hier zu dicht aufeinander«, wendete er sich an die Mannschaft, die heraufkletterte. »Großen Köter, kleinen Fisch: das woll'n wir ruhig den andern überlassen!« Wie zum Beweis betrachtete er sich den Fang, und wirklich, er war armselig genug. Außer Harveys Heilbutt war kein Fisch über fünfzehn Pfund dabei.

»Ich warte nur auf diesiges Wetter«, fügte er hinzu.

»Das werdet Ihr Euch selber machen müssen, Disko. Ich sehe keine Anzeichen«, sagte der lange Jack, den klaren Himmel musternd.

Und doch fiel eine halbe Stunde später, während sie beim Ausweiden saßen, der Nebel über den Bänken ein. »Zwischen Fisch und Fisch«, wie sie das nennen. Er fiel in dichten Schwaden ein, sich ballend und dampfend, und breitete sich über das farblose Wasser aus. Ohne ein Kommandowort hielt die Mannschaft plötzlich in der Arbeit inne. Der lange Jack und Onkel Salters richteten das Spill her und begannen den Anker zu lichten; das Spill knarrte, als sie das nasse Tau aufseilten. Manuel und Tom Platt legten auch mit Hand an. Ächzend hob sich der Anker, und das Toppsegel bauchte sich, als Troop am Steuer den Schoner in die Fahrt stellte. »Klüver und Flieger hoch!« rief er.

»Ersticken soll'n sie in dem Mulm«, brüllte der lange Jack am Vorsegel, die andern zogen die klappernden, rasselnden Ringe des Klüversegels auf. Und der Vormast knarrte verheißend, als die »Da sind wir« sich den Winden anheimgab und durch leichten Wellenschaum ins Weite glitt.

»Es liegt Wind hinter dem Nebel«, sagte Troop.

Harvey fiel von einem Erstaunen ins andre. Aber das Merkwürdigste schien ihm, daß er gar keine Befehle hörte, außer einem gelegentlichen Brummen Troops, das in ein »Gut so, mein Sohn« auslief.

»Hast noch nie einen Anker lichten sehn?« fragte Platt den Jungen, der entgeistert auf das feuchte Leinen des Focksegels starrte.

»Nein. Wohin fahren wir?«

»Fischen und einen neuen Ankerplatz suchen! Das hast du alles 'raus, wenn du eine Woche bei uns bist. Jetzt ist dir das alles noch neu. Aber man kann nie wissen, wozu man alles kommt. Nimm mich zum Beispiel, Tom Platt, ich hätt' nie gedacht …«

»Immer noch besser als vierzehn Dollar im Monat und eine Kugel durch den Bauch«, rief Troop vom Steuer. »Locker das Stagsegel!«

»Hast recht, Käpt'n!« gab der Kriegsschiffsmann zurück und machte sich an der Spiere des schweren Vorsegels zu schaffen. »Aber daran dachte keiner, als wir mit der ›Miß Jim Buck‹ aus Beaufort-Hafen ausliefen. Aus der Festung Macon jagten sie uns wie verrückt ihre blauen Bohnen ins Heck, und zum Überfluß kam Sturm und Wetter. Wo wart Ihr denn zu der Zeit, Disko?«

»So hin und her, wie immer«, erwiderte Disko. »Brotverdienen auf hoher See, den Kaperschiffen aus dem Weg gehen … Mit blauen Bohnen kann ich nicht dienen, Tom Platt, aber einen gehörigen Wind kann ich dir versprechen, eh' wir Eastern Point sichten.«

Um den Schiffsbug klatschte und gurgelte es unaufhörlich. Ab und zu klang es dumpf dazwischen, und schaumige Gischt spritzte auf die Back.

Die Takelage troff vor Nässe, und die Mannschaft hielt sich in Lee vom Deckhaus. Nur Onkel Salters saß wie angewurzelt auf dem Großluk und kühlte seine zerstochenen Hände.

»Taxiere, sie könnte das Stagsegel vertragen«, sagte Disko mit einem Seitenblick auf seinen Schwager.

»Halt's für unnütz. Wozu Leinwand vergeuden«, antwortete der Farmer-Seemann.

Das Steuerrad zuckte fast unmerklich in Diskos Händen. Und einen Atemzug später ging ein Wellenkamm zischend quer über Deck, traf Onkel Salters' Schultern und durchtränkte ihn von Kopf bis Fuß. Er sprang, sich schüttelnd, auf, nur um in einen zweiten Guß hineinzulaufen.

»Paß auf, Harvey«, sagte Dan, »wie Vater ihn jetzt ums ganze Deck 'rumjagt. Onkel Salters denkt immer bloß an sein Viertel Anteil. Papp hat ihn schon auf zwei Reisen so getauft. Hei! Das hat ihn erwischt.« Onkel Salters hatte am Fockmast Zuflucht gesucht, aber eine neue Welle schlug ihm über die Knie. Troops Gesicht war so unbewegt wie das Holz des Steuerrads.

»Taxiere, sie würde ruhiger laufen mit dem Stagsegel, Salters«, sagte Disko, als hätte er nichts bemerkt.

»Laß deinen ollen Drachen steigen, meinetwegen«, brüllte das Opfer unter einem neuen Sturzbad. »Aber schieb mir's nicht zu, wenn was passiert. Penn, scher dich sofort 'runter an deinen Kaffee. Du solltest auch mehr Grütze haben, als daß du hier bei dieser Saunässe auf Deck 'rumstrolchst.«

»Jetzt gehn sie Kaffee schlappern und schachspielen, bis die Kühe von der Weide kommen«, klärte Dan seinen Freund auf, während Onkel Salters Penn hinuntertrieb. »Uns könnt' 'n bißchen Kurzweil auch nich schaden. Es gibt auf Gottes weiter Welt nichts Öderes für einen Fischer, als wenn nicht gefangen wird.«

»Gut gebrüllt, Danny!« rief der lange Jack, der auch auf der Suche nach Unterhaltung herumstrich. »Hatt' ganz vergessen, daß wir 'nen Passagier bei uns haben da unterm Südwester. Wer noch kein Tauende benamsen kann, der braucht sich nicht zu öden. Lang ihn mal her, Tom Platt, wir werden ihm was beibringen.«

Dan grinste: »Nich mein Geschäft diesmal, Harve. Da mußt du schon alleine 'ran. Mir hat's Papp mit dem Tauende beigebracht.«

Eine Stunde lang hetzte der lange Jack sein Opfer Deck auf, Deck ab und lehrte ihn alles, was, wie er s ich ausdrückte, »ein richtiger Seemann wissen muß, blind, besoffen oder im Schlaf«. Es gibt nicht viel zu sehn auf einem Siebzig-Tonnen-Schoner, der nur mit Fockmast fährt, aber der lange Jack verfügte über die Gabe, die Dinge eindrucksvoll zu erklären. Wenn er Harveys Aufmerksamkeit auf die Rahen lenken wollte, grub er seine Knöchel in des Jungen Nacken und zwang ihn eine ganze Weile so hinaufzustarren. Er schilderte ihm mit Begeisterung den Unterschied zwischen vorn und achtern, indem er Harveys Nase etliche Male am Mast hin und her rieb, und jedes Tau prägte sich Harveys Gedächtnis ein mit Hilfe seines eigenen Endes.

Auf einem leeren Deck wäre die Lektion für Harvey leichter gewesen. Aber es schien der Stapelplatz für alles und jedes zu sein, Menschen ausgenommen. Da gab es das Ankertau und die Ankerwinde, die Kette und die Hanfseile, vorzüglich geeignet, um drüber zu stolpern. Da gab es den Schornstein vom Logis und die Deckeltonne für die Fischlebern. Dahinter nahm der Fockmast und das Ladeluk allen Platz ein, der von den Pumpen und Fischtrögen noch nicht besetzt war. Dann kamen die Jollen, an Ringbolzen im Quarterdeck festgemacht. Dann kam das Haus und aller Tod und Teufel, der da herum lag und hing. Und zum guten Schluß konnte man sich noch jedesmal am Großbaum, der in seiner Gabel ruhend das Schiff in zwei Teile teilte, den Kopf wundstoßen, wenn man sich nicht gehörig bückte.

Tom Platt konnte sich natürlich auch nicht enthalten, seinen Senf dazu zu geben, und beteiligte sich mit umfangreichen und höchst überflüssigen Beschreibungen sämtlicher Segel und Spieren auf der alten »Ohio«.

»Acht nicht auf den, hör mir zu, junge Unschuld! Der Kahn, Tom Platt, ist nicht die ›Ohio‹, und du machst mir den Burschen ganz wirr!«

»Du ruinierst ihn fürs Leben mit diesem Hin- und Hergelaufe«, verteidigte sich Tom Platt. »Laß ihm doch erst mal Zeit, daß er 'n paar Grundbegriffe kapiert. Segeln ist 'ne Kunst, Harve, und das würd' ich dir zeigen, wenn ich dich im Topp der …«

»Schon gut, schon gut! Du schwätzt ihn ja zuschanden. Ruhe, Tom Platt, laß mich mal! Also, nach allem, was ich dir schon erklärt hab', wie würdest du jetzt die Fock reffen, Harvey? Besinn dich, eh' du antwortest!«

»Das einholen …« antwortete Harvey schließlich und zeigte mit dem Finger leewärts.

»Was einholen? Den ganzen Nordatlantik?«

»Nein, den Mast da. Dann würde ich das Segel, das ihr mir gezeigt habt, da hinten …«

»So geht das nicht«, platzte Tom Platt dazwischen.

»Ruhig! Er lernt doch erst und kann die Namen noch nich alle wissen. Nur weiter, Harvey!«

»Oh, jetzt weiß ich's wieder. Das heißt Reefhanger! Ich hake die Talje in den Reefhanger und dann lass' ich das Segel herunter.«

»Fiern! heißt das, mein Kind, fiern!« rief Tom Platt in fachmännischer Verzweiflung.

»… fiere Klaufall und Pickfall weg«, verbesserte sich Harvey. Diese Bezeichnungen waren ihm im Kopf geblieben.

»Zeig mit der Hand drauf!« bestand der lange Jack.

Harvey gehorchte. »… führe sie herunter, bis die Schlinge der – der He–, nein, der Segel – unten am Mast ist. Dann bind' ich sie fest, wie ihr mir's gezeigt habt, und dann hiss' ich die Klaufall und die Pickfall wieder auf.«

»Du hast vergessen, die Talje einzuhaken, aber mit der Zeit und Gottes Hilfe wirst du's schon erlernen. Jedes Tau an Bord hat seinen Zweck und Sinn, sonst würde man's über Bord schmeißen. Hast du gut verstanden? Das sind Dollar und Cents, die ich dir jetzt in die Taschen stopf', du spillriger, kleiner Ballast. Wenn du aufgefuttert bist und was gelernt hast, kannst du von Boston nach Kuba segeln und dazu sagen, das weiß ich alles vom langen Jack. So, jetzt werd' ich dich noch eine Zeitlang herumhetzen. Ich benenn' die Taue und du legst jedesmal die Hand drauf.«

Er begann, und Harvey, der anfing, müde zu werden, ging langsam zu dem bezeichneten Tau. Da sauste ihm ein Tauende um die Rippen, daß ihm fast der Atem verging.

»Wenn du einmal selber Bootsherr bist«, sagte Tom Platt mit strengem Blick, »dann kannst du über Deck schlendern. Bis dahin heißt es laufen bei jedem Kommando. Jetzt noch einmal, daß du's im Kopf behältst.«

Harvey hatte die Lehrstunde schon warm genug gemacht, und dieser Hieb brachte sein Blut gehörig in Wallung. Nun war Harvey ein besonders geweckter Junge, Sohn eines sehr klugen Vaters und einer überempfindsamen Mutter, dessen an sich gute Anlage zur Entschlossenheit durch systematisch schlechte Erziehung fast zur Bockigkeit eines Maulesels ausgeartet war. Er schaute von einem zum andern, und selbst auf Dans Gesicht war kein Lächeln zu bemerken. Offenbar gehörte das alles zur Lehre, wenn es auch elend weh tat. So verbiß er den Schmerz, indem er die Tränen hinunterwürgte und zu lächeln versuchte. Mit derselben Klugheit, mit der er die Nachgiebigkeit der Mutter zu seinem Vorteil benützt hatte, erkannte er, daß niemand, Penn vielleicht ausgenommen, sich hier an Bord das Geringste von ihm bieten lassen würde.

Der lange Jack benannte ihm noch ein halbes Dutzend Taue, und Harvey wand sich so behend über Deck wie ein Aal bei Ebbe, ein Auge stets auf Tom Platt gerichtet.

»Bravo! Sehr gut!« rief Manuel. »Nach der Mahlzeit zeig' ich dir einen kleinen Schoner, den ich selber gemacht hab', mit der ganzen Takelage, daran kannst du viel lernen!«

»Erstklassig für einen Passagier!« rief Dan. »Papp hat eben auch gesagt, du wirst vielleicht dein Salz noch mal wert sein, eh' du ersäufst. Das will viel sagen bei meinem Alten. Wenn wir Wache gehn, zeig' ich dir wieder was.«

»Flacher!« knurrte Disko, durch den Nebel spähend, der wie Rauchschwaden über den Bug zog. Zehn Fuß über den Klüverbaum hinaus konnte man nichts mehr sehen. Längs des Schiffs rollte in feierlicher Prozession Woge um Woge heran, bleich und wispernd, eine an der andern.

»Jetzt zeig' ich dir mal was, was der lange Jack nicht kann«, rief Tom Platt und zog aus einem Fach am Heck ein abgenütztes Tiefseelot hervor. Er schmierte die Höhlung mit Hammeltalg aus. »Jetzt paß auf, wie wir die ›blaue Taube‹ fliegen lassen! Hooo!«

Disko hantierte etwas am Steuer; der Schoner machte langsamere Fahrt. Manuel mit Harvey – wie stolz half er ihm! – »führte« den Klüver auf den Baum. Das Blei sang tiefdröhnend, als Tom Platt es surrend im Kreise schwingen ließ.

»Wirf aus, Kerl!« rief der lange Jack ungeduldig. »Wir wollen doch hier keine Kunststücke machen.«

»Nur kein Neid, Galwayer!« Das Lot flog losgelassen ins Wasser, weit voraus, und der Schoner folgte langsam.

»Loten ist ein Kunststück«, sagte Dan, »wenn's einem für eine ganze Woche die Augen ersetzen muß. Wieviel taxierst du, Papp?«

Diskos Züge glätteten sich. Seine Seemannskunst und Ehre stand auf dem Spiel bei dem heimlichen Schnippchen, das er der übrigen Flotte geschlagen hatte, und er hatte den Ruf eines Meisterkenners, der sich in den Bänken mit verbundenen Augen auskannte. »Sechzig etwa, nach meiner Schätzung,« antwortete Disko mit einem Blick auf den winzigen Kompaß im Fenster.

»Sechzig!« schrie Tom Platt und holte die Leine in großen nassen Ringen ein.

Der Schoner nahm wieder volle Fahrt. »Loten!« rief Disko nach einer Viertelstunde.

»Was taxierst du jetzt?« wisperte Dan und sah Harvey stolz an. Aber Harvey war zu stolz auf seine eigene Arbeit, als daß er die Meisterschaft seines Kapitäns genügend hätte würdigen können.

»Fumfzig!« sagte der Vater. »Wenn es richtig hergeht, sind wir direkt über dem Einschnitt der Green Bank bei Sechzig-Fumfzig.«

»Fumfzig!« brüllte Tom Platt. Man konnte ihn kaum durch den Nebel sehn. »Haarscharf, wie die Granaten vom Fort Macon.«

»Köder her, Harve!« rief Dan und bückte sich nach einer Angelleine.

Der Schoner schien wie ziellos durch den Nebel zu irren. Das Toppsegel schlug mächtig an. Die Männer warteten zu und sahen auf die fischenden Knaben.

Hei! Etwas zuckte an Dans Leine, die über die Reling hing. »Wie, zum Teufel, hat jetzt Papp das gewußt?! Los, Harve, zieh! Das is ein Dicker. Hat den ganzen Haken verschluckt.«

Sie zogen miteinander einen glotzäugigen, zwanzigpfündigen Kabeljau herauf. Der Köder saß tief im Magen.

»Ach, der sitzt ja voll lauter kleiner Krabben!« rief Harvey, ihn herumdrehend.

»Beim großen Neptun, hier sind sie sogar verlaust!« rief der lange Jack. »Es scheint, Disko, Ihr habt noch 'n zweites Paar Augen unter Wasser.«

Rasselnd fiel der Anker. Alle Mann nahmen an der Reling ihre Plätze ein und warfen die Leinen aus.

»Sind die gut zum Essen?« keuchte Harvey, einen zweiten krabbenbedeckten Stockfisch heraufziehend.

»Und ob! Wenn sie ›verlaust‹ sind, ist das ein Zeichen, daß sie zu Tausenden beisammenhausen. Und wenn sie so anbeißen, sind sie sehr hungrig. Egal, wie dein Köder sitzt, die beißen hier auch auf den leeren Haken.«

»Oh, fein!« schrie Harvey, als ein Fisch nach dem andern schnappend und platschend hereinkam, fast alle mit verschlucktem Haken. »Warum fischen wir nicht immer vom Boot aus?«

»Wär' schon recht, solange bis wir die ersten ausweiden; dann vertreibt uns der Abfall die Fische. Vom Boot aus fischen gilt nicht für einträglich, außer man versteht soviel davon wie Papp. Wir werden wohl heut nacht noch unsern Kahn aussetzen. Da geht's einem nicht so über den Rücken, von der Jolle aus.«

In der Tat, diese Art Fischerei brach einem fast das Rückgrat; denn in der Jolle wird das Gewicht des Fisches bis zum letzten Augenblick vom Wasser getragen und der Fischer ist sozusagen in gleicher Höhe mit ihm; beim Schoner dagegen wird unnütz Kraft vergeudet durch das Einziehen bis zur Bordhöhe, und dazu krampft einem das Bücken über die Reling den Magen zusammen. Aber es war trotzdem ein lustiger, aufregender Sport, und ein großer Haufen Fische lag an Deck, als sie endlich nicht mehr anbissen.

»Wo sind eigentlich Penn und Onkel Salters?« fragte Harvey, das Ölzeug vom Fischschleim säubernd und die Leine aufwickelnd, sorgfältig bedacht, es genau so zu machen wie die andern.

»Hol uns Kaffee, dann wirst du's gleich sehn.«

Im gelben Schein der Logislampe saßen die beiden an dem aufgeklappten Tisch über ihrem Schachbrett, völlig versunken, weder auf Fisch noch auf Wetter achtend. Bei jedem Zug knurrte Onkel Salters den armen Penn an.

»Was ist jetzt wieder los?« brummte der Farmer, als Harvey, eine Hand in der Lederschlaufe über der Treppe, sich herunterbeugte und zum Koch nach Kaffee hinüberrief.

»Riesenfische, und alle verlaust, haufenweise!« berichtete Harvey, den langen Jack zitierend. »Wie steht das Spiel?«

Der kleine Penn ließ die Lippe hängen. »Es ist nicht seine Schuld«, erklärte Onkel Salters großmütig. »Penn ist matt.«

»Schach, was?« sagte Dan, als Harvey mit dem dampfenden Kaffee im Blecheimer ankam. »Da kommen wir heute am Aufklaren vorbei. Papp ist ein gerechter Mann. Er wird sich die beiden 'rankriegen.«

»Und zwei junge Herren, die ich kenne, werden derweil Köder für die Schleppnetze aufstecken, so für 'nen Kübel voll etwa, während die andern aufklaren«, warf Disko am Steuer dazwischen.

»Oh, Papp, da möcht' ich lieber noch aufklaren.«

»Glaub' ich gern. Aber is nich. Anfangen! Penn wird zureichen und ihr besteckt die Leinen.«

»Warum, zum Donnerwetter, haben uns die verdammten Jungs nich gesagt, daß ihr geankert habt?« brummte Onkel Salters, an seinen Platz schlurfend. »Das Messer hier ist total stumpf, Dan!«

»Wenn euch das nich von selber aufweckt, wenn der Anker 'runtergeht, müßt ihr euch lieber 'nen eignen Jungen halten«, rief Dan, im Dunkeln mit den Trögen voll Schleppnetzen hantierend, die in Lee des Deckhauses festgemacht waren. »Ho, Harve, spring doch 'runter und hol uns Köder.«

»Wir stecken frischen Köder auf«, befahl Disko, »der zieht besser.«

Das hieß, die beiden Jungen mußten mit ausgewählten Stücken aus dem Abfall der eben ausgeweideten Stockfische die Köder bestecken. Das war immerhin angenehmer, als mit bloßen Händen in den kleinen Köderfäßchen herumzupantschen.

Die Tröge waren voll sauber aufgewickelter Schleppleinen, die in Abständen von wenigen Fuß mit großen Haken versehen waren. Das Prüfen und Bestecken jedes einzelnen Hakens und dann das Wiederaufwickeln der Leinen, so daß sie beim Auswerfen aus den Jollen klar abliefen, war ein kunstvolles Geschäft. Dan beherrschte es im Dunkeln, fast ohne hinzusehn, während sich Harvey unzählige Male in die Finger stach und fast verzweifelte. Die Haken flogen nur so durch Dans Finger, wie die Stricknadeln durch die Hände einer alten Jungfer. »Ich hab' das schon daheim machen müssen, eh' ich noch richtig laufen konnte«, prahlte Dan. »Aber 'n ekliges Geschäft trotzdem. Hallo, Papp!« rief er ins Luk hinunter, wo Disko und Platt beim Einsalzen waren. »Wieviel Längen werden wir brauchen, schätzungsweise?«

»Gut drei! Eilt euch!«

»In jeder Tonne sind dreihundert Faden«, erklärte Dan. »Mehr als wir brauchen für heute. Autsch! jetzt hab' ich mich auch gestochen.« Er steckte den Finger in den Mund. »Ich sag' dir, Harvey, in ganz Gloucester gibt's nicht Geld genug, um mich für 'nen richtigen Schleppfischer zu heuern. Es mag einträglich sein, aber davon abgesehn ist es das verdammteste, ekligste Geschäft auf der ganzen Welt.«

»Wenn das hier keine richtige Schleppfischerei ist, dann weiß ich nicht«, sagte Harvey brummig. »Meine Finger sind schon ganz in Fetzen.«

»Pah! Das ist bloß mal wieder eins von Vaters Experimenten. Er läßt nicht mit Schleppleinen fischen, ohne besondern Grund. Der kennt sich aus. Die werden pumpvoll sitzen, wirst du sehn.«

Penn und Onkel Salters klarten auf, wie es Disko befohlen hatte, aber die Buben profitierten wenig dabei. Kaum waren die Leinen versorgt, so tauchten schon Tom Platt und der lange Jack auf, die inzwischen mit einer Laterne das Innere einer Jolle beaugenscheinigt hatten, bemächtigten sich der Tröge und verstreuten sie in die Jolle, die sie über Bord haulten – hinunter in eine See, die Harvey schrecklich stürmisch erschien. »Sie werden ertrinken!« schrie er. »Das Boot ist ja beladen wie ein Lastwagen!«

»Wir kommen schon wieder«, rief der lange Jack, »und Gott gnade euch beiden, wenn Knoten drin sind!«

Die Jolle tanzte auf dem Bug einer Woge; aber grade als es so aussah, als müßte sie im nächsten Augenblick gegen die Flanke des Schoners geschleudert werden, glitt sie jenseits hinab und war in dem nebligen Dunkel verschwunden.

»Faß hier an und läute, was du kannst«, sagte Dan, Harvey das Seil einer Glocke in die Hand drückend, die gleich hinter dem Ankerspill hing.

Harvey läutete nach Kräften, in dem Gefühl, daß zwei Menschenleben von ihm abhingen. Aber Disko in seiner Kajüte, in seinem Logbuch kritzelnd, sah nicht eigentlich wie ein Mörder aus; und als er zum Essen ging, blickte er nur mit einem trockenen Lächeln zu dem besorgten Harvey hinüber.

»Das ist noch lange kein Wetter«, meinte Dan. »Das könnten wir beide sogar auch machen! Sie fahren bloß so weit, daß sie nicht in unser Ankertau geraten. Die brauchen eigentlich gar keine Glocke.«

»Klang – kling – klang!« läutete Harvey unermüdlich. Ein Ruf und ein dumpfer Stoß erscholl längsseits. Manuel und Dan stürzten an die Haken der Jollentalje; der lange Jack und Tom Platt tauchten an Deck auf, den halben Nordatlantik auf dem Buckel, wie es schien, und hoch durch die Luft kam die Jolle nach und landete krachend an Deck.

»Nich ein einziger Knoten!« sagte Tom Platt, sich die Nässe abschüttelnd. »Danny, du bist 'n tüchtiger Kerl.«

»Wir haben die Ehre Ihrer Gesellschaft beim Bankett«, witzelte der lange Jack, das Wasser aus seinen Stiefeln quetschend, indem er mit der Grazie eines Elefanten von einem Fuß auf den andern trat und Harvey mit seinem ölignassen Ärmel ins Gesicht fuhr. »Wir werden uns gnädigst gestatten, die zweite Runde mit unserer Gegenwart zu beehren.« Und fort ging's zum Abendbrot, wo sich Harvey bis zum Hals mit Fischgulasch und geröstetem Zwieback vollstopfte und vom Fleck weg in Schlaf fiel, just als Manuel ein hübsches, kleines Modell der »Lucy Holmes«, seines ersten Bootes, anbrachte, um Harvey die Takelage zu erklären. Harvey rührte kein Glied mehr, als Penn ihn in seine Koje schob.

»Traurig, sehr traurig für Vater und Mutter, die ihn tot glauben«, sagte Penn mit einem sorgenvollen Blick auf den Knaben. »Ein Kind zu verlieren – ein Kind, das schon fast ein Mann ist!«

»Laß das gut sein, Penn«, tröstete Dan. »Geh, und spiel deine Partie mit Onkel Salters zu Ende. Sag Papp, ich geh' allein auf Wache, wenn er's erlaubt. Mit Harvey is doch nichts mehr anzufangen.«

»Braver Junge!« sagte Manuel, zog die Stiefel aus und verschwand im Dunkel der untern Koje. »Wird mal 'n tüchtiger Mann, Danny. Scheint mir nich halb so verrückt, wie dein Pappa meint, eh?«

Dan kicherte. Aber das Kichern ging rasch in Schnarchen über.

Dicker Nebel draußen! Stärkerer Wind kam auf, und die Älteren blieben über ihre Wache hinaus an Deck. Deutlich drang das Glasen der Nachtstunden in die Kabine. Dünung brach sich prustend am Schiffsbug. Der Schornstein am Logis zischte unter der aufspritzenden Gischt. Und die Knaben schliefen ruhig weiter, während Disko, der lange Jack, Tom Platt und Onkel Salters der Reihe nach zwischen jeder Runde nach achtern stolperten, um nach dem Steuer zu sehen, dann nach vorn, um zu schauen, ob der Anker auch hielt, und das Ankertau von Zeit zu Zeit zu fieren, damit es sich nicht heiß scheuerte, oder einen Blick auf das trüb brennende Ankerlicht zu werfen.


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