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Was Harvey am meisten verwunderte, war die ungemein sorglose Art, mit der manche Schiffe sich auf dem Atlantik herumtrieben. Fischerboote hingen natürlicherweise, wie Dan erklärte, von der Freundlichkeit und Erfahrung ihrer Nachbarn ab; aber von Dampfern konnte man etwas Besseres erwarten. Nichtsdestoweniger brachte sie ein alter, schwerfälliger Viehtransportdampfer über drei Meilen außer Kurs, dessen Deck über und über mit Vieh beladen war, und der stank, wie tausend Hürden. Ein sehr aufgeregter Mann auf der Brücke schrie die »Da sind wir« durch ein Sprachrohr an, indes der Viehdampfer hilflos schlingernd hielt. Disko führte seine Bark in Lee von ihm und hielt mit seiner Meinung nicht zurück. »Wo man ist, will man wissen, he? Nirgends, von mir aus. Ihr Landtrampel stolpert hier auf See 'rum, ohne jede Rücksicht auf eure Nebenmenschen, verdammt nochmal, und habt eure Augen bloß in euren Kaffeetassen, statt in euren blöden Schädeln.« Daraufhin begann der Kapitän wütend auf seiner Brücke herumzutanzen und rief etwas von »um seine eigenen Augen kümmern«.
»Wir haben seit drei Tagen keine Observation. Meint ihr, wir können blind fahren?« brüllte er.
»Ich kann's, jawohl«, rief Disko zurück. »Was habt ihr mit euerm Lot gemacht? Gefressen? Könnt ihr nich Grund riechen? Oder stinkt das Vieh zu sehr?«
»Womit füttert ihr?« fragte Onkel Salters mit größtem sachlichen Ernst. Denn der Geruch der Herde hatte den Landmann in ihm wachgekitzelt. »Ich hab' gehört, sie nehmen sehr ab, unterwegs. Is ja nu eigentlich nich mein Geschäft, aber ich hab' mir sagen lassen, daß Ölkuchen klein zerbröckelt und gut eingeweicht, vermischt mit …«
»Donnerwetter«, rief ein Viehknecht in roter Jacke, »aus welchem Narrenhaus haben sie den Graubart laufen lassen?«
»Junger Bursch«, sagte Onkel Salters, sich aufrichtend, »laß dir von mir sagen, eh' du weiter redest …«
Der Kapitän auf der Brücke lüftete mit ausgesuchter Höflichkeit seine Mütze. »Bitte um Entschuldigung«, sagte er, »ich wollte mich nur über unsre Lage orientieren. Wenn diese behaarte Persönlichkeit mit den landwirtschaftlichen Fachkenntnissen gütigst die Klappe halten wollte, würde sich vielleicht der verehrte Seebär mit den Walfischaugen herbeilassen, uns darüber aufzuklären.«
»Da hast du mich wieder mal richtig zum Narren gemacht, Salters«, sagte Disko ärgerlich. Diese Art von Konversation widerstand seinem Naturell. Er gab ihnen ohne weitere Ermahnung Länge und Breite an.
»Scheint ja 'ne ganze Ladung Idioten«, sagte der Kapitän, indem er in den Maschinenraum Signal gab und einen Pack Zeitungen in den Schoner hinüberwarf.
»Das sind die komplettesten Idioten – nächst dir, Salters –, die mir jemals vorgekommen sind«, sagte Disko, indes die »Da sind wir« davonglitt. »Ich wollte ihnen gerade meine Meinung sagen darüber, daß sie hier auf dem Wasser 'rumstolpern wie 'n verirrtes Kind im Wald, da mußt du hineinschwätzen mit deiner dummen Landwirtschaft. Kannst du denn nie zwei Dinge auseinanderhalten?«
Dan, Harvey und die andern standen im Hintergrund und zwinkerten sich vergnügt zu. Aber Disko und Salters zankten noch bis abends weiter. Salters verteidigte sich, indem er behauptete, ein Viehdampfer sei nichts andres als ein schwimmender Stall, während Disko meinte, das möge ja vielleicht sein, aber trotzdem hätte er nach Fischerbrauch und Ehre die Dinge auseinanderhalten müssen. Der lange Jack saß eine Weile in düsterm Schweigen – wenn der Kapitän bei schlechter Laune ist, ist auch schlecht Wetter bei der Mannschaft. Aber endlich ließ er sich doch nach dem Essen vernehmen:
»Was schert uns, was die sagen!«
»Sie werden die Geschichte wieder jahrelang gegen uns ausschlachten. Eingeweichte Ölkuchen!« brummte Disko.
»Mit Salzzusatz«, beharrte Onkel Salters verstockt, in den landwirtschaftlichen Bericht einer acht Tage alten Neuyorker Zeitung vertieft.
»So was kränkt mich einfach«, begann der Schiffer von neuem.
»Das seh' ich anders an«, sagte der lange Jack als Friedensengel. »Schau her, Disko: schwimmt hier vielleicht sonst noch einer 'rum, der imstande wär', daß er so 'nem Vagabunden, bei so 'nem Wetter, noch außer der Messung auch noch 'ne richtige fachmännische Beratung gibt über Viehfütterung und so –, noch außer der Messung, sag' ich? Das vergessen die nich so bald, das kann ich Euch sagen. Das war das großartigste Palawer, das ich je gehört hab'. Zweimal Trumpf – für uns.«
Dan stieß Harvey unter dem Tisch an, und Harvey kicherte in seinen Becher.
»Well«, sagte Onkel Salters, gestärkt durch das Pflaster auf seine verwundete Ehre. »Ich hab' ja auch gleich dazugesagt, es wär' eigentlich nich mein Geschäft – eh' ich noch angefangen hab'.«
»Ja, und da …« fiel Tom Platt ein, der sich viel auf seine Erfahrung in Sachen der Etikette zugute tat, »und da hättet Ihr ihm schon gleich dazwischenkommen müssen, Disko, wenn nach Euerm Urteil das Gespräch eine falsche Richtung nahm.«
»Mag sein«, pflichtete Disko bei, der seinen Rückzug ehrenvoll gedeckt sah.
»Ja, natürlich!« rief Salters. »Du bist der Käpt'n. Auf einen Wink von dir hätt' ich geschwiegen, nicht aus Prinzip oder Überzeugung, sondern schon wegen den zwei verdammten Bengels da.«
»Hab' ich dir's nicht gesagt, Harvey, zum Schluß bleibt's wieder an uns hängen. Immer die verdammten Bengels'! Aber ich hätt' das Theater nich für den halben Anteil an 'nem Heilbuttfang versäumen mögen«, flüsterte Dan.
» Trotzdem: man muß die Dinge auseinanderhalten«, sagte Disko, und neue Streitlust blitzte in Salters Augen auf, während er sich den Knaster in seine Pfeife krümelte.
»Es gehört Charakterstärke dazu, daß man die Dinge auseinanderhält«, warf der lange Jack ein, um einem neuen Sturm zuvorzukommen. »Das hat Reeder Steyning, von Steyning und Hare, auch erfahren müssen, wie er den Counahan als Käpt'n mit der ›Marilla D. Kuhn‹ ausgeschickt hat, für den Käpt'n Newton, weil der schweren Rheumatismus gehabt hat und nich fahren konnte. Counahan, der Navigator, hat er bei uns bloß geheißen.«
»Nick Counahan, der kam nie an Bord ohne 'ne mächtige Ladung Rum«, mischte sich Tom Platt sekundierend ins Gespräch. »Beim Stellungsnachweis in Boston is der immer 'rumgelungert und hat drauf gelauert, daß der liebe Herrgott ihm wenigstens 'nen Schlepper zuschanzen sollt', zum Lohn für seine Verdienste. Sam Coy, der hat ihm über ein Jahr lang Kost und Logis gegeben, bloß auf seine Lügengeschichten hin. Counahan, der Navigator!« Er spuckte verächtlich aus. »Das mag seine fünfzehn Jahre her sein.«
»Siebzehn, meiner Schätzung nach. Er starb in dem Jahr, wo die ›Caspar M'Veagh‹ gebaut wurde. Steyning, der nahm ihn aus demselben Grund wie der Dieb den heißen Ofen: weil er nichts andres finden konnte. Alle andern waren schon 'raus, und Counahan, der bracht' 'ne feine Besatzung zusammen, sag' ich euch. Rum gab's an Bord, daß die ganze ›Marilla‹ hätte drin schwimmen können. Sie liefen von Boston aus bei scharfem Nordwest, stinkbesoffen. Sie hatten Glück, wie alle Besoffnen, und sie kümmerten sich den Teufel um 'ne Wache oder den Teufel was um die Segel, bis sie dem ersten Fünfzehn-Gallonen-Faß Fusel auf den Grund sahen. Das war nach einer Woche, soweit sich Counahan erinnern konnte. Herrgott, könnt' ich die Geschichte nur so bringen, wie er sie erzählt hat! Jupheidi! blies der brave Wind ohne Aufhören, es war Sommer und die ›Marilla‹ machte gute Fahrt. Da nahm Counahan seinen ›Zinken‹ in die zittrigen Tatzen und bekam damit und mit Hilfe der Karte und seinem Brummschädel heraus, daß sie südlich von Sable Island waren. Sie hatten famose Fahrt gehabt. Er aber sagte gar nichts. Dann zapften sie ein andres Fäßchen an und kümmerten sich den Deubel um was. Schon von Boston weg lag die ›Marilla‹ leewärts tief, und das blieb so. Aber sie stießen weder auf Seegras noch auf Möwen noch auf andre Schoner, und plötzlich dämmerte es ihnen in ihrem Dusel, daß sie schon vierzehn Tage auf See waren. Sie konnten nicht begreifen, wohin die Bänke verschwunden waren. Sie loteten und hatten sechzig Faden. ›Hab' ich das nicht wieder fein gemacht?‹ prahlte Counahan. ›So segle ich! Ich hab' euch glatt an die Bänke gebracht, und wenn wir dreißig Faden haben, geht das Geschäft los wie der Teufel. Das ist 'n Kerl, der Counahan, was?‹ sagt er. ›Counahan, der Navigator!‹ Bei der nächsten Messung waren's neunzig. Da sagt Counahan: ›Entweder hat sich das Lot gestreckt oder die Bänke sind tiefer gesunken.‹
Sie setzten sich auf Deck, zählten die Knoten und brachten das Lot in Ordnung, so gut sie es in ihrem Zustand vermochten. Die ›Marilla‹ segelt lustig drauflos. Und plötzlich kommt ein Frachter daher, und Counahan ruft ihn an:
›He, habt ihr wo Fischerboote hier herum gesehn?‹ ruft er so beiläufig.
›Haufenweise an der irischen Küste!‹ sagt der Frachter.
›Fopp deine Großmutter‹, sagt Counahan. ›Was hab' ich bei der irischen Küste verloren?‹ sagt er.
›Was seid ihr dann hergekommen‹, sagt wieder der Frachter.
›O du leidende Christenheit‹, sagt Counahan. Das rief der Navigator immer, wenn er mit seiner Weisheit am Ende war. ›Leidende Christenheit, wo bin ich denn?‹
›Fünfunddreißig Meilen Westsüdwest von Kap Clear‹, sagt der Frachter. ›Wenn dich das beruhigen kann.‹
Counahan macht einen Satz, vier Fuß, sieben Zoll. Der Koch hat's nachgemessen. ›Beruhigen!‹ brüllt er zornig. ›Nehmt ihr mich für einen Anfänger? Fünfunddreißig Meilen von Kap Clear und vierzehn Tage vom Bostoner Leuchtturm! Leidende Christenheit, ist das ein Rekord! Bei allen Heiligen, ich hab' meine Mutter in Skibeeren!‹
Stellt euch das vor! Die Wut von ihm! Aber seht ihr, der konnte auch die Dinge nicht auseinanderhalten. Die Mannschaft bestand hauptsächlich aus Cork- und Kerry-Leuten. Nur ein Marylander war an Bord. Der wollte nach Hause. Aber sie nannten ihn einen Meuterer und segelten mit der alten ›Marilla‹ nach Skibeeren. Dort lebten sie in den Tag hinein und suchten an Land ihre alten Freunde auf. Schließlich segelten sie ab und brauchten zweiunddreißig Tage, bis sie wieder zu den großen Bänken kamen. Es ging schon gegen Herbst, der Mundvorrat wurde ihnen knapp. So liefen sie ohne einen Schwanz Ladung wieder nach Boston zurück.
»Und was sagte die Rederei dazu?« fragte Harvey.
»Was wollten sie machen? Die Fische schwammen in den Bänken, und Counahan war auf der Werft und prahlte mit seinem Rekord nach Osten. Das konnten sie sich als Profit anrechnen, und alles kam nur daher, weil er erstens Mannschaft und Rumbottel nicht auseinanderhalten konnte, und zweitens Skibeeren und Quereau. Ja, Counahan, der Navigator! Friede seiner Asche! So was steht nur einmal auf!«
»Einmal fuhr ich auf der ›Lucy Holmes‹«, begann Manuel mit seiner sanften Stimme. »In Gloucester wollt' man keine Preise zahlen. Fische waren billig. So gehn wir übers Wasser und wollen an einen in Fayal verkaufen. Es weht stark, und schlechte Sicht, versteht ihr? Dann weht's noch stärker. Wir treiben weiter, niemand weiß wohin. Nach einiger Zeit sieht man Land, und es wird wärmer. Dann kommen ein paar Neger in einem Kanu. Wir fragen, wo wir sind. Also was glaubt ihr, he?«
»Bei den Kanarischen Inseln«, sagte Disko nach kurzer Pause.
Manuel schüttelte seinen Kopf und lachte.
»Blanco«, riet Tom Platt.
»Nein, noch schlimmer. Wir waren unter den Bezagos, und das Kanu kam von Liberia. So verkauften wir unsre Fische da. Nicht schlecht, he?«
»Kann eine Bark wie unsre direkt nach Afrika hinübersegeln?« fragte Harvey.
»Man kann ums Kap Horn herum, wenn sich's verlohnt und der Vorrat reicht«, sagte Disko. »Mein Vater, der fuhr einen kleinen Frachter, so eine kleine Rinke, bei fünfzig Tonnen taxier' ich, den ›Rupert‹. Er segelte damit nach Grönland, wo die Eisberge sind. Unsere halbe Flotte ging damals dort auf Fischfang. Und zum Überfluß nahm er noch meine Mutter mit, damit sie auch mal sehen sollt', wie das Geld verdient wird, scheint's. Und sie blieben im Eise stecken, und ich wurde in Disko geboren. Ich kann mich nicht dran erinnern, das ist klar. Wir kamen zur Eisschmelze wieder nach Hause. Aber den Namen behielt ich von da. Das heißt einem Baby einen Streich spielen! Aber jeder Mensch macht Fehler.«
»Aber sicher«, sagte Salters und nickte mit dem Kopf. »Ja, jeder Mensch macht Fehler, und ich sag' euch Buben, wenn ihr mal einen Fehler gemacht habt – und ihr macht nicht weniger wie hundert an einem Tag –, dann ist es am anständigsten, daß man sich dazu bekennt.«
Der lange Jack zwinkerte der Tischrunde vielsagend zu, Disko und Onkel Salters respektvoll übergehend, und damit war der Zwischenfall erledigt.
Täglich verlegten sie jetzt den Ankerplatz nördlich, täglich waren die Jollen draußen, gegen die Ostseite der Bänke hin, bei dreißig, vierzig Faden Tiefgang, täglich machten sie guten Fang.
Hier war es zum erstenmal, daß Harvey Tintenfische zu Gesicht bekam, die besten Köder für Stockfische, aber schwer zu fangen, weil sie sehr launisch sind. Mitten in der Nacht wurden alle durch Onkel Salters' Ruf: »Tintenfisch, ahoi!« aus dem Schlaf geschreckt. Anderthalb Stunden war alles damit beschäftigt, die Tintenfischangeln auszuwerfen, Stücke rot bemalten Bleis, unten mit einem Kranz schräg nach oben stehender Nägel versehn, wie die Rippen eines halbgeöffneten Regenschirms. Aus irgendwelchen unbekannten Gründen hat der Tintenfisch diese Instrumente gern, er schlingt sich um sie herum und wird hochgezogen, ehe er wieder loskommt. Sobald er aber aus seinem Element taucht, spritzt er erst Wasser und dann Tinte in das Gesicht seiner Verfolger. Und es war lustig zuzusehn, wie die Männer ihre Köpfe wendeten und drehten, um dem Strahl auszuweichen. Sie waren so schwarz wie Schornsteinfeger, als das Kampfspiel zu Ende war. Aber ein Haufen frisch erlegter Tintenfische lag auf Deck. Die großen Stockfische sind Liebhaber eines solchen kleinen, leckern, durchsichtigen Stückchens Tintenfischfühler an der Spitze des Köderhakens.
Am andern Tag war guter Fang. Sie kreuzten die »Carrie Pittman«, der sie die Kunde von ihrem Glück zuriefen. Die waren gleich bereit zu einem Tauschhandel und boten sieben Stockfische für einen mittelgroßen Tintenfisch. Das war Disko zu wenig, und die »Carrie« wandte sich verstimmt nach Lee und ankerte eine halbe Meile weiter, in der Hoffnung, selber einen ebensolchen Fang zu machen.
Disko sprach nichts mehr bis nach dem Abendessen. Dann sandte er Manuel und Dan aus, um das Ankertau einzuhieven, und gab seine Absicht kund, mit dem Kappbeil zu Bett zu gehn. Dan gab natürlich diese Bemerkungen einer Jolle der »Carrie« weiter, die wissen wollte, warum sie es für nötig hielten, ihr Kabel einzuhieven, da sie doch nicht auf felsigem Grund seien.
»Mein Vater würde sich mit keinem Fährboot sicher fühlen in fünf Meilen Nähe von euch!« brüllte Dan zurück.
»Warum geht er denn dann nich woanders hin? Was hindert ihn?« rief wieder der andre.
»Weil ihr euch direkt in Lee von uns gepflanzt habt. Das läßt sich mein Vater von keinem Boot bieten, am allerwenigsten von so einem treibenden Trog wie ihr einer seid!«
»Diesmal treibt sie überhaupt nicht«, rief der von der »Carrie« ärgerlich.
Die »Carrie Pittman« stand in dem schlechten Ruf, des öfteren von ihrem Anker auszubrechen.
»Wie macht ihr's denn dann jetzt? Und was macht ihr denn mit dem neuen Klüverbaum, wenn sie nicht mehr treibt?« Dieser Hieb saß.
»He, du portugiesischer Drehorgelmann, führ deinen Affen nach Gloucester, und du, Dan Troop, kannst noch mal in die Schule gehen und was lernen«, war die Antwort.
»Schlosserkittel!« rief Dan zurück, der wußte, daß einer von der Mannschaft vorigen Winter in einer Fabrik gearbeitet hatte.
»Du Knirps, du Seeheuschrecke, du Gloucester-Zwerg, scher dich fort, du Neuschotte!«
Einen aus Gloucester einen Neuschotten zu schimpfen, gilt als schwere Beleidigung. Dan antwortete dementsprechend:
»Selber Neuschotten, ihr Stadtgesindel, ihr Chathamer Stranddiebe! Macht, daß ihr fortkommt, ihr mit euerm Jahrmarktsboot!« Die feindlichen Streiter trennten sich, aber die Chathamleute hatten den kürzeren gezogen.
»Ich weiß im voraus, wie es kommen wird«, sagte Disko. »Sie hat den Wind schon 'rumgezogen. An den Kahn sollt' einer Warnungstafeln anhängen. Sie wird schnarchen bis Mitternacht, und grade, wenn wir ein Auge schließen wollen, werden sie angetrieben kommen. Gut, daß fast keine andern Boote hier liegen. Aber für so ein Chathampack geb' ich den Ankerplatz nicht auf. Mögen sie treiben oder nicht!«
Der Wind hatte gedreht, wurde gegen Sonnenuntergang stärker und blies steif. Doch war noch nicht einmal Seegang genug, um die Ankertaue einer Jolle zu beunruhigen. Aber die »Carrie Pittman« stand unter ihrem eigenen Gesetz. Gegen Ende der Wache, die die Knaben gingen, hörte man das Krachen eines Vorderladers an Bord der »Carrie«.
»Gloria, halleluja!« frohlockte Dan. »Hier kommt sie schon, Papp! Heck voran, noch halb im Schlaf, ganz wie bei Quereau.«
Bei jedem andern Schiff hätte Disko es darauf ankommen lassen. Jetzt aber kappte er das Ankertau; denn obwohl der »Carrie« der ganze Nordatlantik zur Verfügung stand, kam sie geradeswegs auf die »Da sind wir« los. Diskos Schoner unter Klüver und Toppsegel gab ihr nur soviel Raum als unbedingt nötig – denn der Schiffer wollte keine Woche daran setzen, nach seinem Ankertau zu fischen – und drehte sich in den Wind, indes die »Carrie« auf Rufweite wie in lautloser Wut vorbeitrieb, auf Gnade und Ungnade der Laune eines Seetangfeldes preisgegeben, das ihre Breitseite bedrängte.
»Schönen guten Abend!« rief Disko hinüber und schwang seine Mütze. »Wie geht's, wie steht's?«
»Geht nach Ohio und mietet euch einen Maulesel«, schrie Onkel Salters. »Wir brauchen hier keine Landwirte.«
»Soll ich euch meinen Jollenanker borgen?« kläffte der lange Jack dazwischen.
»Macht euer Ruder los und schmeißt's in den Dreck!« riet ihnen Tom Platt.
»Hallo, ist bei euch in der Fabrik Streik ausgebrochen oder hat man Frauenzimmer angestellt?« Dans Stimme schrillte im Diskant vom Ruderhaus herunter. »Ihr Landstreicher!«
»Nagelt euer Steuerruder ans Deck!« rief nun auch Harvey, der diesen Salzwasserscherz von Tom Platt aufgeschnappt hatte.
Manuel beugte sich über die Reling und schrie: »Drehorgelspieler, hahaha!« Dabei beschrieb er mit seinen breiten Daumen eine nicht mißzuverstehende, verächtlich drehende Bewegung durch die Luft. Und der kleine Penn bedeckte sich mit Ruhm, indem er hinüberpiepste: »Hü, hott! … Brr!«
Für den Rest der Nacht lag der Schoner vor der Ankerkette und machte kurze, schnippische, hastige Bewegungen, die Harvey recht unangenehm empfand. Den halben Vormittag brachten sie damit zu, ihr Kabel wieder aufzunehmen.
Aber die beiden Jungen waren sich darüber einig, daß die Plage gering war im Verhältnis zur Ehre, und voll Kummer gedachten sie nachträglich all der schönen Dinge, die sie der unseligen »Carrie« noch hätten zurufen können.