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Viertes Kapitel

Als Harvey erwachte, saß die erste Runde bereits beim Frühstück. Die Logistür war geschlossen bis auf einen schmalen Spalt, und jeder Zoll des Schoners sang seine eigene Melodie. Die schwarze Masse des Kochs balancierte in der winzigen Kombüse im rötlichen Schein des Kochherds, und die Töpfe und Pfannen klapperten in ihren hölzernen Gestellen bei jedem Überholen. Wieder und wieder hob sich der ganze Raum unter Seufzen und Stöhnen, um, wie eine Garbe unterm Sensenhieb, wieder in die See zu sinken. Man konnte den Bug förmlich einschneiden hören, und es dauerte jedesmal eine Weile, bis das zerteilte Wasser wie eine Salve Rehposten auf Deck niederprasselte. Dann kam der weiche Ton des Ankertaus in seiner Klüse; das Quietschen des Spills; ein Schaukeln, ein Schwingen, ein Stoßen … und die »Da sind wir« raffte sich auf, um ihren Tanz von neuem zu beginnen.

»Am Land«, hörte Harvey den langen Jack sagen, »gibt's immer Arbeit und bei jedem Wetter. Hier sind wir schön für uns und haben nix zu tun, und das ist ein wahrer Segen. Gute Nacht mitsammen!« Er wand sich wie eine dicke Schlange von der Bank zur Koje und fing zu rauchen an. Tom Platt folgte seinem Beispiel. Onkel Salters und Penn kämpften sich die Leiter hoch, um auf Wache zu gehen. Und der Koch rüstete sich für die »zweite Tour«.

Die Leute kamen zu Tisch. Sie schüttelten sich und gähnten, während sie aus den Kojen krochen, genau so wie die andern, die schon wieder hineinkrochen. Man aß, bis man nicht mehr konnte. Dann stopfte Manuel seine Pfeife mit einem schauerlichen Stinkkraut, postierte sich zwischen dem Pallpfosten und einer Kojenwand, legte die Füße auf den Tisch und schaute stillvergnügt und sorglos seinen Rauchwolken nach.

Dan lag lang ausgestreckt auf seiner Koje und tippte vergnügt auf einer alten Ziehharmonika herum, immer im Takt mit dem Auf und Ab des Schoners. Der Koch lehnte mit seinem breiten Rücken gegen den Kasten, in dem er das »Gebackene« aufbewahrte (Dan war ein großer Freund von Gebackenem) und schälte Kartoffeln, mit einem wachsamen Blick auf seinen Kochherd, für den Fall, daß zuviel Wasser durch den Schornstein herunterspritzen sollte; und allenthalben herrschte ein unbeschreiblicher Mief aus Tabaksqualm und Küchendunst.

Wenn Harvey seine gegenwärtige Situation bedachte, wunderte er sich ehrlich, daß ihm nicht speiübel war. Er kroch wieder in seine Koje, als den besten und sichersten Platz, den er sich wußte, während Dan auf seiner Harmonika »Ich mag in deinem Garten nicht mehr spielen« anstimmte, so gut es bei den wilden Sprüngen des Schoners gehen wollte.

»Wie lang wird das noch so weiter gehn?« fragte Harvey.

»Bis wir ruhiges Wetter kriegen und die Leinen einholen können«, gab Manuel zur Antwort. »Vielleicht noch heute, vielleicht in zwei Tagen. Nichts für dich, he?«

»Noch vor einer Woche wär' ich grün und gelb geworden vor Seekrankheit. Jetzt macht's mir nichts mehr aus – fast nichts mehr.«

»Das haben wir gekonnt. Jetzt bist du schon ein halber Fischersmann. Wenn ich du wär', und wir sind wieder in Gloucester, tät' ich zwei, drei große Kerzen zum Dankopfer stiften.«

»Stiften? wem?«

»Herrgott – wem! Unserer Lieben Frau auf dem Berge natürlich! Die hilft allen Fischerleuten immer. Deshalb ertrinken so wenige von uns Portugiesen.«

»Seid Ihr katholisch?«

»Ich bin von Madeira. Was soll ich also wohl sein – etwa Baptist, he? Ich stift' immer Kerzen; zwei, drei, wenn ich nach Gloucester komm'. Drum vergißt auch die Madonna ihren Manuel nicht.«

»Da denk' ich anders«, warf Tom Platt ein. Sein narbiges Gesicht leuchtete auf im Schein des Streichholzes, mit dem er sich seine Pfeife paffend in Brand setzte. »Wasser bleibt Wasser, das ist doch klar. Und was kommen soll, kommt, da hilft kein Wachs und kein Stearin.«

»Es ist aber doch was wert, einen Freund da oben zu haben«, warf der lange Jack dazwischen. »Ich halt's wie Manuel. Es kann zehn Jahre her sein, da war ich Matrose auf einem Süd-Bostoner Frachtsegler. Wir waren hinter Riff Minot bei Nord-Ost und der Nebel war dicker wie Brei. Unser Alter war besoffen – immer das Kinn an der Pinne. Und ich sag' zu mir: Wenn ich wieder heil und trocken auf unserer Werft steh', sag' ich, dann sollen die Heiligen merken, aus was für einer Rotte Korah sie mich gerettet haben. Jetzt bin ich hier, wie ihr seht, und das Modell von dem ollen Dreckskahn, von der ›Kathleen‹, das hab' ich dem Pfaffen gegeben. Er hat's beim Altar aufgehängt. Einen ganzen Monat Arbeit hat's mich gekostet. Es ist mehr, so ein Modell zu opfern, was sozusagen ein Kunstwerk ist, als noch so viele Kerzen. Kerzen kannst du überall kaufen. Aber so ein Modell zeigt den guten Heiligen, daß man sich Mühe gemacht hat und dankbar ist.«

»Glaubst du daran, Irländer?« fragte Tom Platt und stieß ihn mit dem Ellbogen an.

»Würd' ich es tun, wenn ich nicht dran glauben würde, Ohio?«

»Schön. Na ja – Enoch Fuller, der hat ein Modell gemacht von unserer alten ›Ohio‹, und das steht jetzt im Museum in Salem. Mächtig feines Modell, sag' ich dir. Aber der hat's nicht für die Jungfrau gemacht, taxier' ich. Und meiner Meinung nach …«

So wäre es denn wieder einmal zu einem jener stundenlangen Diskurse gekommen, wie Fischer sie lieben und wo das gleiche Thema immer in der Runde herumgeht und zu guter Letzt keiner was bewiesen hat – hätte nicht Dan plötzlich den folgenden munteren Gesang angestimmt:

»Hoch springt die Makrele, jetzt nehmt euch in acht,
Die Rahen geholt, und die Segel gerafft,
Denn jetzt gibt's Wind« –

Hier fiel der lange Jack ein:

»und bösen Wind.
Alle Mann! eh' wir alle zum Teufel sind.«

Jetzt begann Dan von neuem, mit einem vorsichtigen Seitenblick auf Tom Platt, sich tief in die Koje drückend:

»Hoch springt der Stockfisch mit dickem Kopf,
Nimmt das Lot für 'nen Köder, der arme Tropf.
Und jetzt gibt's Wind …«

Tom Platt schien nach etwas zu suchen. Dan duckte sich noch tiefer und sang und sang noch lauter:

»Hoch springt die Flunder vom sandigen Grund,
Armer Tropf, armer Tropf, schon' deinen Schlund.«

Tom Platts schwerer Wasserstiefel sauste durchs Logis und traf Dans erhobenen Arm. Es herrschte Krieg zwischen Tom und Dan, seit der Junge entdeckt hatte, daß Tom beim Loten jedesmal in Wut geriet, wenn einer das Lied auch nur pfiff.

»Da! Volltreffer!« grinste Dan, das Geschoß treffsicher zurücksendend. »Wenn du meine Musik nicht hören kannst, hol doch deine Fiedel her. Ich hab' keine Lust, hier den ganzen Tag zu liegen und zuzuhören, wie ihr euch über Kerzen zankt. Geig was, Tom Platt, oder ich bring' Harvey auch das Lied bei.«

Tom Platt beugte sich über eine Kiste und zog eine alte, verkratzte Geige hervor. Manuels Augen glänzten. Und wie von ungefähr brachte er ein kleines, gitarreähnliches Ding mit Drahtsaiten zum Vorschein, das er eine »Machette« nannte.

»Das gibt ein Konzert«, rief der lange Jack beseligt durch den Qualm, »echtes Bostoner Konzert.«

Das Luk öffnete sich; Disko, in gelbem Ölzeug, kam die Treppe herunter. Ein Sturz Wasser folgte ihm.

»Grade recht, Disko! Wie geht's da draußen?«

»So!« knurrte Disko, von einem Stoß des rollenden Schoners auf die Schlopskiste plumpsend.

»Wir singen, damit wir unser Frühstück im Magen behalten!« erklärte der lange Jack. »Ihr müßt den Anfang machen, Disko!«

»Immer wieder meine zwei alten Lieder! Die kennt ja jedes!«

Seine Ausrede schnitt Tom Platt kurz ab, indem er eine höchst klagevolle Weise anstimmte, die wie das Heulen des Windes und das Ächzen der Maste klang.

Die Augen auf die Decksbalken gerichtet, begann Disko die alte, alte Weise, und Tom Platt phantasierte auf seiner Geige herum, bemüht, die Begleitung einigermaßen dem Text anzupassen.

»Ich weiß einen Klipper,
Dem Seemann bekannt.
Er kommt von Neuyork,
Wird Dreadnought genannt.
Immer preist eure ›Schwalbe‹,
Euren ›Flieger‹ nur an,
An den Dreadnought, da kommen
Sie alle nich ran.«

Chor:

»An den Dreadnought, da kommen
Sie alle nich ran.«

»Der Dreadnought liegt schon
Im Wasser bereit.
Es holt ihn der Schlepper
Zur richtigen Zeit.
Das offene Meer
Ist sein Bereich.
Nach Liverpool geht's.
Gott sei mit euch!«

Chor:

»Nach Liverpool geht's.
Gott sei mit euch!«

Das Lied hatte unzählige Verse, denn Disko begleitete das Schiff so gewissenhaft die ganze Reise zwischen Liverpool und Neuyork, als stünde er selber an Deck, und die Geige quietschte und die Ziehharmonika orgelte die Begleitung dazu. Dann folgte Tom Platt mit dem Gesang von einem »rauhen und grauen Kaptein – Der lotste das Schiff herein«. Dann wurde auch Harvey aufgefordert, der sich sehr geschmeichelt fühlte, daß er auch etwas zur allgemeinen Unterhaltung beitragen sollte; aber alles, woran er sich erinnern konnte, waren ein paar Bruchstücke aus dem Lied von »Schiffer Iresons Fahrt«, das er in der Sommerschule in den Adirondacks gelernt hatte. Das Lied schien Harvey nicht schlecht hierher zu passen, aber er hatte kaum den Titel genannt, als Disko krachend mit einem Fuß aufstampfte und schrie:

»Fang erst gar nicht an, Junge. Das ist ein ganz urteilsloses Zeug – ganz besonders schlimm, weil sich's so leicht nachsingen läßt, daß es jeder gleich behalten kann.«

»Ich hätt' dich warnen sollen«, sagte Dan leise. »Dabei wird mein Alter immer wild.«

»Warum denn?« fragte Harvey erstaunt und ärgerlich.

»Das Ganze ist vom Anfang bis zum Ende erstunken und erlogen«, grollte Disko. »Und der Whittier, der ist schuld dran. Mir ist's ja eigentlich egal, ob einem aus Marblehead Unrecht geschieht oder nicht, aber auf Ireson kann man's nicht schieben. Mein Vater hat mir's oft und oft erzählt, und die Sache war so: –«

»Zum einhundertstenmal!« warf der lange Jack halblaut ein.

»– Ben Ireson, der war der Käpt'n von der ›Betty‹, 'n junger Kerl, auf der Heimfahrt von den Bänken – das war noch vor dem Krieg von 1812, aber Gerechtigkeit muß Gerechtigkeit bleiben, allemal! Sie stießen auf die ›Active‹ aus Portland, und Gibbon, von Portland, der war der Käpt'n. Sie war beim Kap Cod leck gelaufen. Es war ein Pfundssturm, und sie wollten die ›Betty‹ heimbringen, so rasch es ging. Es hätt' keinen Zweck und Verstand gehabt, hat Ireson gesagt, ein Boot bei solchem Wetter zu riskieren, und die Mannschaft hätt's auch nich zugelassen, und da schlug er ihnen vor, sie sollten bei der ›Active‹ bleiben, bis der Sturm nachließ. Das wollten sie wieder nicht, da am Kap herumhängen bei so 'nem Wetter, leck oder nicht leck. Also die Vorsegel hoch und los! Und Ireson, der mußte natürlich mit, wohl oder übel. Aber in Marblehead, da war das ganze Volk wie toll auf ihn, daß er die ›Active‹ im Stich gelassen hatte, und tags darauf, wie die See wieder ruhig war (daran hat aber keiner gedacht), da wurden 'n paar von der ›Active‹ von einer andern Bark aufgefischt. Die kommen also nu nach Marblehead und erzählen ihre Geschichte, und wie Ireson seiner Stadt hätte Schande gemacht, undsoweiter, undsofort. Jetzt kriegt's die Mannschaft mit der Angst, wie sich alles gegen sie kehrt, und schieben nu alles auf Ireson und schwören Stein und Bein, er sei schuld an allem. Aber daß die Weiber von Marblehead ihn geteert und gefedert hätten – das stimmt nicht – so was tun die Weiberleute in Marblehead nich! Es war eine Rotte Mannsvolk und Buben, alles Pack, und die schleppten ihn hernach in der ganzen Stadt 'rum in einer alten Jolle, bis der Boden 'rausfiel. Ireson schwor ihnen, sie würden's eines Tags bitter büßen. Viel später kam die Wahrheit an den Tag, wie's gewöhnlich geht, zu spät, als daß es 'nem ehrlichen Mann noch was nützen könnt'. Und da kommt so ein Whittier daher, und packt die Lügengeschichte wieder aus und teert und federt den armen Ben Ireson zum zweitenmal, nachdem er längst gestorben is. Meinen Dan, den hab' ich gehörig verwalkt, wie er mir mit der Lügengeschichte aus der Schule angekommen is. Aber ich sag' dir's jetzt. Schreib's dir hinter die Ohren! Ben Ireson war nicht so einer, wie Whittier ihn hinstellt. Mein Vater hat ihn noch gut gekannt. Vorher und nachher. Und du hüt dich vor vorschnellem Urteil, Junge!«

Harvey hatte Disko noch nie so lange in einem Zug sprechen hören und saß geknickt mit brennenden Wangen. Aber Dan verteidigte ihn gleich: ein Junge könne nur wissen, was man ihn lehrt, und das Leben sei zu kurz, um sich um jede Lügengeschichte an Land zu kümmern.

Dann zupfte Manuel auf seiner kleinen zirpenden »Machette« eine fremdartige Weise und sang etwas auf Portugiesisch von der »Nina innocente« und endigte mit einem gewaltigen Akkord. Dann gab Disko sein zweites Lied zum besten, zu einer altmodisch weinerlichen Melodie, und alles sang den Chor mit. Eine Strophe lautete:

»April ist vorbei und geschmolzen der Schnee,
Bald geht's aus Neubedford hinaus in die See.
Ja, hinaus aus Neubedford müssen wir ziehn,
Nie sehn wir daheim den Weizen blühn.«

Hier spielte die Geige eine Weile sehr leise allein, und dann:

»Wenn der Weizen blüht, blüht auch der Liebsten Strauß.
Wenn der Weizen blüht, geh' ich aufs Meer hinaus.
Als der Weizen blühte, war'n deine Wangen rot,
Als ich wiederkam, warst du altbacken Brot.«

Das brachte Harvey fast zum Weinen, trotzdem er nicht sagen konnte, weshalb. Aber es wurde noch trauriger, als der Koch die Kartoffeln beiseite stellte und nach der Geige griff. Noch immer gegen den Kasten gelehnt, stimmte er eine Weise an; es klang wie etwas Schlimmes, das über einen hereinbricht, mochte man sich dagegen wehren oder nicht. Dann sang er in einer unbekannten Sprache, sein schweres Kinn an den Geigenhals gedrückt, und das Weiß seiner Augen glänzte im Lampenlicht. Harvey richtete sich auf, um besser hören zu können. Zwischen dem Knarren der Deckbalken und dem Zischen der Fluten wehklagte und stöhnte der Gesang wie die Brandung im dicken Nebel, bis er in einem Seufzer ausklang.

»Da läuft einem ja 'ne Gänsehaut über den Rücken!« Dan schüttelte sich. »Was in aller Welt war denn das?«

»Das Lied von Fin M'Coul, als er nach Norwegen ging«, sagte der Koch. Sein Englisch klang nicht kehlig, sondern scharf und blechern, als käme es aus einem Phonographen.

»Bei Gott, ich bin auch in Norwegen gewesen, aber so ein grausiges Gewinsel hab' ich nich vollführt. Klingt aber, wie wenn's was Altes wär'«, seufzte der lange Jack.

»Nich gleich noch so eins, erst was andres dazwischen«, rief Dan; die Ziehharmonika stimmte eine lustig rasselnde Melodie an, und er sang:

»Die Heimatküste sah'n wir
Seit dreißig Wochen nicht.
Wir luden hundert Zentner,
Ja, mehr als hundert Zentner,
Ein fülliges Gewicht!«

»Halt!« brüllte Tom Platt. »Willst du uns die Fahrt verschrein? Das ist ›Jonas‹, bei Gott, das singt man erst, wenn alles Salz naß ist

»Das ist nich ›Jonas‹, gelt, Vater? Höchstens die letzte Strophe. Du brauchst mir nich sagen, was ›Jonas‹ ist!«

»Was ist denn das?« fragte Harvey. »Was ist denn ›Jonas‹?«

»›Jonas‹ ist alles, was einem Unglück bringt. Einmal kann's ein Mann sein, einmal ein Bub, 'n andermal ein Schöpfeimer.«

»Ich weiß von einem ›Jonas‹messer«, sagte Tom Platt. »Und wir haben's zwei Reisen mitgeschleppt, bis wir dahinter kamen. Das gibt's auf alle Arten. Jim Bourke war auch so ein ›Jonas‹, bis er ersoff. Mit Jim Bourke wär' ich nich an Bord gegangen, und wenn ich hätt' verhungern müssen. Auf der ›Ezra Flood‹ war's wieder 'ne grüne Jolle. Ein Jonas von der schlimmsten Sorte. Vier Mann sind ersoffen auf ihr. Bei Nacht, da hat sie immer ganz feurigrot ausgeschaut.«

»Und so was glaubt ihr?« fragte Harvey, sich erinnernd, was Tom Platt über Kerzenopfer gesagt hatte. »Müssen wir nicht einfach alle hinnehmen, was kommt?«

Ein mißfälliges Murmeln ging von Mann zu Mann. »An Land mag das stimmen. Auf See kann vieles geschehn«, sagte Disko ernst. »Mach du dich nicht etwa über Jonas lustig, mein Junge.«

Dan warf rasch ein: »Aber Harvey ist kein Jonas. Gleich nachdem wir ihn eingefangen haben, haben wir einen großartigen Fang gehabt.«

Der Koch warf seinen Kopf hoch und lachte ein sonderbares, schrilles Lachen. Mit diesem Nigger kannte man sich nie aus.

»Mord und Totschlag!« rief der lange Jack. »Mach das nich nochmal, Doktor! Das paßt uns nicht.«

»Was lachst du?« fragte Dan. »Harvey ist doch 'ne Mascotte für uns. Haben die Fische etwa nicht gut gebissen, seit er angebissen hat?«

»O ja–ah!« sagte der Koch. »Schon! Aber wir sind noch nich am Ende.«

»Von ihm kommt uns nichts Böses«, rief Dan erregt. »Was willst du eigentlich sagen damit? Er ist all right

»Böses nichts! Aber eines Tages, da wird er dein Herr sein, Danny.«

»Ist das alles, was du weißt?« sagte Dan beruhigt. »Einen Dreck!«

»Herr!« sagte der Koch auf Harvey weisend. »Diener!« Dabei zeigte er auf Dan.

»Das ist das Neueste! Wann denn?« fragte lachend Dan.

»In ein paar Jahren, und ich werd' dabei sein. Herr und Diener … Diener und Herr!«

»Donnerkiel! Wie hast du das ausgeknobelt«, fragte Tom Platt.

»In meinem Kopf. Ich seh' das.«

»Wie?« kam es von allen zugleich.

»Ich weiß nicht. Aber es wird sein.« Dann senkte er den Kopf und schälte ruhig seine Kartoffeln weiter. Nichts brachten sie mehr aus ihm heraus.

»Na«, sagte Dan, »da muß noch vieles kommen, eh' Harve mein Herr wird. Aber ich bin nur froh, daß ihn der Doktor wenigstens nich zum Jonas gemacht hat. Ich fürchte, der Hauptjonas in der ganzen Flotte ist Onkel Salters; das heißt, bis jetzt bringt er sich selber bloß Unglück, aber hoffentlich steckt's nich an wie die Pocken. Der gehört eigentlich auf die ›Carrie Pittman‹. Die is selber ihr eigener Jonas. Die ganze Mannschaft und Takelage kommt dagegen nich auf. Heilige Weihnacht! die reißt's noch bei der größten Flaute vom Anker.«

»Wir sind weit ab von der Flotte und von der ›Carrie Pettman‹ auch«, sagte Disko. Vom Deck her hörte man Klopfen.

»Onkel Salters hat sein Glück gefangen«, spottete Dan, als sein Vater gegangen war.

»Es klart auf«, rief Disko herunter. Das ganze Logis stolperte an Deck, um frische Luft zu schnappen. Der Nebel war gewichen, aber es war noch hoher Seegang. Die »Da sind wir« glitt wie durch lange, tiefe, hohle Wasserstraßen, darin man sich ganz traulich und geborgen hätte fühlen können, wenn sie nur still gestanden hätten. Aber sie wechselten ohne Gnade und Rast und hoben den Schoner immer wieder auf den Kamm eines der tausend schaumigen Hügel, von dem er – das Takelwerk von Wind umheult – im Zickzack wieder zu Tal fuhr. Weitab brach sich eine Riesenwelle schäumend, und andre folgten wie auf ein gegebenes Zeichen, bis Harveys Augen übergingen im ewigen Wechsel von Weiß und Grau. Seevögel umkreisten das Schiff und stießen spitze Schreie aus, sobald sie dem Bug nahekamen. Regenböen huschten wie ziellos durch die trostlose Weite.

»Ich habe da drüben eben was krauchen sehn, scheint mir«, sagte Onkel Salters und zeigte nach Nordost.

»Von der Flotte kann's keiner sein«, sagte Disko, und sein scharfer Blick traf den Punkt. »Wir kriegen ölige See. Danny, spring 'rauf und schau, wie unsre Angelboje liegt.«

In seinen schweren Stiefeln schwang Dan sich mühelos auf die Sahling. (Harvey erbleichte vor Neid.) Er ließ sein Auge wandern, bis er etwa eine Meile entfernt auf einem Wellenberg die winzige schwarze Bojenflagge entdeckte.

»Alles in Ordnung«, schrie er. »Segel ahoi! Genau Nord. Schoner, scheint's.«

Nach einer halben Stunde hellte sich der Himmel stellenweise auf, von Zeit zu Zeit brach ein Sonnenstrahl für Augenblicke durch und warf grüne Flecken auf das Wasser. Dann tauchte ein Fockmast auf, verschwand wieder. Die nächste Welle brachte einen hohen Stern mit altmodischen hölzernen Schneckhorndavits in Sicht.

Die Segel waren rostbraun.

»Ein Franzmann!« rief Dan. »Nein, doch nicht. – Pa–app!«

»Das ist kein Franzos'«, bestätigte Disko. »Dein verfluchtes Glück hält fester wie eine Faßschraube, Salters.«

»Jetzt seh' ich's! Es ist ›Onkel Abishai‹.«

»Das kannst du noch gar nicht mit Sicherheit sagen!«

»Der König aller Jonasse!« seufzte der abergläubische Tom Platt. »Salters, Salters, warum liegst du nich lieber in deiner Koje und schläfst!«

»Was kann ich dazu?« jammerte der arme Salters, als der Schoner näherkam.

Es hätte ebensogut der »Fliegende Holländer« sein können, so verschmutzt und wirr und verwahrlost war jedes Tau und Holz an Bord. Das altmodische Achterdeck war vier oder fünf Fuß hoch, und die Takelage hing herum wie Kraut und Rüben. Das Ding lief ächzend vor dem Wind. Das Stagsegel diente als Fock – empörend für ein Fischerauge – und der Fockmast selber stand schief. Das Bugspriet ragte in die Höhe wie bei einer uralten Fregatte. Der Klüverbaum war angeschlagen, gelascht, genagelt, verbolzt, daß es schier nicht mehr anging. Und als das Jammerfahrzeug sich hochhob und wieder auf sein breites Hinterteil niedersetzte, sah es, weiß Gott, wie ein häßliches, altes, zerlumptes Weib aus, das boshaft zu einer hübschen Jungfer herübergrinst.

»Das ist Abishai«, sagte Onkel Salters. »Wieder mal voller Schnaps und Gesindel. Der findet nirgends Rast und Ruh'. Den treibt richtig ein Fluch.«

»Er wird seinen Kasten noch in Grund fahren«, sagte der lange Jack. »Das ist doch keine Takelung für so 'n Wetter.«

»Der nicht! Sonst wär's ihm schon längst passiert«, antwortete Disko. »Scheint eher, als ob er drauf aus wär', uns in Grund zu fahren. Liegt er nicht mehr auf der Nase als nötig, Tom Platt?«

»Wenn sie so laden, ist sie bald fertig«, sagte der Matrose bedächtig. »Wenn sie ihr Werg ausspeit, sollen sie lieber gleich an die Pumpen gehn.«

Das elende Wrack drehte sich ächzend und krachend herum und lag im Wind innerhalb Rufweite.

Ein graubärtiger Mann beugte sich über die Reling, und eine kehlige Stimme schrie etwas herüber, was Harvey nicht verstehn konnte. Aber Diskos Gesicht verfinsterte sich: »Er riskiert den letzten Nagel an seiner Schundbarke für eine schlimme Nachricht. Er sagt, wir kommen in einen Windbruch. Ihm wird's den Kragen kosten.« Disko brüllte: »Abishai! A…bi…shai…!« Er hob und senkte seinen Arm wie ein Mann an einer Pumpe und zeigte nach vorn. Von drüben kam höhnisches Gelächter. »Rührt euch, tummelt euch, takelt ab!« rief der Graubärtige zurück. »Ein toller Sturm, ein toller Sturm … hoho! Anker gelichtet zur letzten Fahrt, ihr Gloucester Stockfische. Keiner von euch sieht Gloucester wieder, keiner!«

»Stinkbesoffen, wie gewöhnlich!« rief Platt. »Wär' besser, er hätte uns nicht ausspioniert.«

Der Graubart brüllte noch etwas von einem »Tanz« in der Bullbay herüber und von einem Toten im Logis, während die Bark außer Hörweite trieb. Harvey schauderte. Er hatte das vor Schmutz starrende Deck und die wildfremden Gesichter gesehn.

»Das ist eine leibhaftige Hölle auf See«, sagte der lange Jack und schüttelte sich. »Was mag er an Land wieder angerichtet haben!«

»Er ist 'n Schleppfischer«, erklärte Dan seinem neuen Freund, »er fischt die Küsten ab. Im Süden und Osten treibt er sich 'rum. Nach Hause kommt er nie.« Er deutete in die Richtung der gnadelosen Neufundlandküste. Dann fuhr er fort: »Papp wollt' mich dort nie an Land lassen. Das ist eine üble Gesellschaft, und Abishai der ärgste von allen. Hast du sein Boot gesehn? Es soll fast siebzig Jahre alt sein, der letzte von den alten Marbleheadkästen. Solche Hecks werden gar nicht mehr gebaut. Abishai geht nie mehr nach Marblehead zurück. Er ist dort nicht gern gesehn. Er treibt sich so herum, trinkt und schimpft. Du hast ihn ja gehört. Der ist ein Jonas für alle, Jahr für Jahr. Er bekommt Schnaps von den Feecampfischern; dafür macht er seinen Hokuspokus, beschwört den Wind und solches Zeug. Er ist verrückt, glaub' ich.«

»Hat keinen Zweck mehr, daß wir heut noch die Leinen unterlaufen«, sagte Tom Platt verzweifelt. »Ist bloß längsseit gekommen, der Kerl, um uns den Fang zu verderben! Heuer und Anteil würd' ich dafür geben, wenn ich den Kerl auf der alten ›Ohio‹ hätte. Sechs Dutzend Hiebe müßt' ihm Sam Mocatta kreuzweis überziehen.«

Die verwahrloste Bark tanzte wie betrunken unter dem Wind, und aller Augen folgten ihr. Plötzlich rief der Koch mit seiner Phonographenstimme: »Das ist der Tod, der spricht aus ihm. Er ist verloren, ich sag' euch, verloren. Schaut hin!« Die Bark segelte auf einen sonnenbeschienenen Fleck zu, drei Meilen von ihnen weg. Der Fleck verdunkelte sich, erlosch, und mit dem Licht verschwand der Schoner.

Er verschwand in die Tiefe, wie von ihr eingeschluckt.

»Abgesackt, bei Gott!« schrie Disko und sprang auf. »Betrunken oder nüchtern, wir müssen helfen. Einhieven und dann Anker hoch! Vorwärts!« Harvey wurde von dem Stoß, der nun beim Setzen der Segel folgte, auf Deck geschleudert. Um Zeit zu sparen, wurde der Anker nur gehoben, schleifte eine Zeitlang über den Grund und wurde erst in der Fahrt eingehievt. Das ist ein gewaltsames Manöver, das selten angewendet wird, nur wenn es auf Leben und Tod geht. Und die kleine »Da sind wir« jammerte wie ein Geschöpf aus Fleisch und Blut. Sie liefen zu der Stelle, wo Schiff und Mannschaft verschwunden waren, fanden zwei oder drei Schleppnetzbaljen, ein Faß Schnaps und eine eingerannte Jolle. Sonst nichts.

»Laßt es treiben!« befahl Disko, obwohl niemand den Versuch gemacht hatte, etwas davon hereinzuholen. »Ich möchte kein Streichholz haben, das der an Bord gehabt hat. Hat sich schnurgerade in den Grund gesegelt. Muß schon seit einer Woche oder mehr Werg gelassen haben, und niemand hat dran gedacht, zu pumpen. Kommt davon, wenn man mit besoffener Mannschaft fährt!«

»Dank den Heiligen«, seufzte der lange Jack befreit auf. »Beistehn hätte man ihnen doch müssen, wenn sie noch über Wasser getrieben wären.«

»Dacht' ich mir eben auch«, sagte Tom Platt.

»Fort, fort!« rief der Koch mit rollenden Augen. »Er hat das Unglück mitgenommen.«

»Das ist eine gute Geschichte für die Flotte«, schrie Manuel. »Wenn eins so dahersegelt, vor dem Wind, mit offenen Nähten …« Manuel warf die Hände mit einer nicht zu beschreibenden Geste in die Luft, während Penn auf dem Deckhaus saß und vor Entsetzen und Mitgefühl schluchzte. Harvey kam es noch nicht ganz zum Bewußtsein, daß er Tod und Untergang auf hoher See erlebt hatte, aber es war ihm elend genug zumute. Dan kletterte wieder zur Sahling, und Disko steuerte den Schoner zurück, bis sie wieder ihre Boje sichteten, gerade noch rechtzeitig, eh' der Nebel die See wieder zudeckte.

»Wenn's hier zum letzten kommt, dann geht's rasch«, war alles, was Disko darüber zu Harvey sagte. Und dann: »Das kommt vom Schnaps! Denk ein bißchen drüber nach, mein Junge.«

Nach dem Essen war es ruhig genug, um von Deck aus zu fischen. Penn und Onkel Salters waren besonders eifrig dabei. Der Fang war reichlich und die Fische waren groß.

»Der ›Abishai‹ hat wirklich das Unglück mit sich 'runtergenommen«, sagte Onkel Salters. »Nich weniger Wind und nich mehr. Gar nichts. Was ist jetzt mit dem Netz? Ich pfeif' auf allen Aberglauben.«

Tom Platt war durchaus der Meinung, man solle das Netz einholen und einen neuen Ankerplatz suchen. Aber der Koch sagte: »Das Glück hat zwei Hälften. Wenn ihr nachschaut, könnt ihr's sehn. Ich weiß es.«

Das reizte den langen Jack so sehr, daß er Tom Platt überredete, mit ihm auszufahren.

Eine Schleppleine »unterlaufen« heißt: man holt ein Ende herauf in die Jolle, nimmt die Fische ab, besteckt die Haken mit frischem Köder und setzt sie wieder aus. Eine ähnliche Arbeit, wie wenn man Wäsche abnimmt und neue aufhängt. Es ist ein langwieriges Geschäft, und auch gefährlich. Denn die schwerbelastete Leine kann das Boot unter Wasser ziehn. Aber als aus dem Nebel herausklang »… und dich, mein Capitano …«, faßte die Mannschaft auf der »Da sind wir« frischen Mut. Die Jolle kam vollgepackt längsseits, und Tom Platt rief um eine zweite Jolle zum Leichtern.

»Jawoll, das Glück hat zwei Hälften«, sagte der lange Jack und warf die Fische mit der Gabel an Bord. Harvey blieb vor Staunen der Mund offen über die Geschicklichkeit, mit der die heftig schwankende Jolle vor dem Zerschellen bewahrt wurde.

»Zuerst haben wir nichts eingeholt wie Kürbisse. Tom Platt wollt's schon aufgeben. Aber ich sag' zu Tom Platt: ›Ich vertrau' auf das zweite Gesicht von unserm Doktor.‹ Und wirklich war die Leine dann dick voll mit Fischen, und lauter großen. Fix, Manuel, neue Köder, heut schwimmt das Glück auf dem Wasser!«

Die Fische bissen an die neu besteckten Haken, von denen man ihre Brüder gerade abgenommen hatte. Tom Platt und der lange Jack fuhren methodisch auf und ab längs der Angelstelle. Die Fischleine fuhr surrend über die Bootsnase, die Seegurken, die sie »Kürbisse« nannten, wurden abgestreift, und die frisch gefangenen Stockfische schlugen klatschend auf. So wurden die Leinen immer wieder besteckt und die Fische eingeholt bis Einbruch der Dunkelheit.

»Ich will nichts riskieren«, sagte Disko dann, »solange der ›Abishai‹ hier 'rumtreibt. Der sinkt nicht vor einer Woche. Holt die Jollen ein. Nach dem Abendbrot wird ausgenommen.«

Das war ein gewaltiges Stück Arbeit, wobei ihnen ein paar schnaufende Schweinsfische Gesellschaft leisteten. Es dauerte bis neun Uhr, und man konnte Disko mehrmals lachen hören, als Harvey die geputzten Fische in den Raum hinuntergabelte.

»Du machst dich ja mächtig, hör mal«, sagte Dan zu Harvey, während sie die Messer schliffen, nachdem die Männer das Deck schon verlassen hatten. »Allerhand See heut abend, und du hast noch kein Wort drüber gesagt.«

»Man hat nicht Zeit zum Sprechen«, gab Harvey zurück, die Scheide einer Klinge probierend. »Jetzt, wo du's sagst … das Boot stößt gehörig.«

Der kleine Schoner kapriolte zwischen den silberköpfigen Wellen um den Anker herum. Wie mit gespieltem Erstaunen sprang er beim Anblick des gestrafften Ankertaus zurück und wieder vor, wie ein Kätzchen, während das Wasser von dem Rücksprung mit der Gewalt von Flintenschüssen durch die Klüsen schoß. Dann schien er wieder den Kopf zu schütteln und zu sagen: »Es tut mir leid, ich kann nicht länger bei euch bleiben, ich muß fort nach Norden«, worauf er sich seitwärts abwandte, um plötzlich, dramatisch seine Takelage rüttelnd, wieder innezuhalten. »Was ich noch sagen wollte«, begann er von neuem feierlich ernst, wie ein Betrunkener einen Laternenpfahl anredet: … der Rest der Rede ging in einem wirren Taumel von Bewegungen unter: bald benahm er sich wie ein Hündchen, das an seiner Leine kaut, dann wieder wie ein plumpes Frauenzimmer, das im Damensattel reitet, dann wieder wie eine Henne, der man den Kopf abgeschlagen hat, oder eine Kuh, die von einer Hornisse gestochen ist … wie es gerade den Launen der See beliebte.

Dann schwang er seitwärts auf einer großen Woge, mit dem Klüverbaum gleichsam eine schwungvolle, dramatische Geste machend:

»Meine Herren …, geben Sie mir … Freiheit … oder … den … Tod!«

Wupp! Dann setzte er sich mit einer stolzen Verbeugung mitten in den Streifen Mondlicht, der über dem Wasser lag.

Harvey lachte laut. »Genau, als ob sie lebendig wär'!« rief er.

»Sie ist so standfest wie ein Haus und so zäh wie ein Hering«, rief Dan begeistert, während er von einer Sturzwelle quer über Deck geschwemmt wurde. »Da schau! Die können ihr alle nix anhaben! ›Kommt mir bloß nich zu nahe‹, sagt sie. Schau sie dir an – schau sie dir bloß an! Herrgott, aber da solltest du erst mal einen von den ›Zahnstochern‹ sehn, wie die aus fünfzehn Faden Wasser ihren Anker hissen!«

»Was ist denn das, ein Zahnstocher, Dan?«

»Das sind die neuen Schellfisch- und Heringsfangboote. Schön wie 'ne Jacht und mit einem Heck wie 'ne Jacht und einem Deckhaus so groß wie unser Packraum. Papp ist dagegen, weil sie so stampfen. Aber man kann einen Haufen Geld damit machen. Papp, der ist ein guter Fischer, aber nicht fortschrittlich, verstehst du? Er geht nicht mit der Zeit. Die Boote, die sind voll von neuen Erfindungen, die Arbeit sparen. Hast du schon mal den ›Elector‹ von Gloucester gesehn? Ein Prachtboot!«

»Was kostet so ein Boot, Danny?«

»Haufen Dollar. Fünfzehntausend vielleicht oder mehr. Alles vergoldet drin, was man sich bloß denken kann.« Leise fügte er hinzu, wie zu sich selbst: »Ich glaube, ich würd' es auch ›Hattie S.‹ nennen.«


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