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Man geht durch die Straßen Rio de Janeiros, zwischen die Häuser der engen ältern Gassen begraben, wie in Schächte. Die Hitze übergießt einen mit einer warmen Feuchtigkeit. Ein nie unterbrochener Lärm behämmert die Ohren. Man ist jeden Augenblick in Lebensgefahr, von einem der Automobile zertrümmert zu werden, die unbesonnen die Engheit durchbrechen. Aus der dunklen Tiefe der offenen Warenlager spülen hundert Gerüche von unerkennbaren Waren durcheinander in die Nase. Das Treiben, der Lebenserwerb, das Dasein von anderthalb Millionen Menschen überstürzen den Durchgehenden.
Dann setzt man sich in einen Viersitzer, jagt, ohne die Stadt zu verlassen, am Meer entlang durch die schönsten Avenuen der Welt. Der Wagen klettert mühelos steil hinauf, und fünfzehn Minuten später (ein Weg, wie von den Linden zur Tauentzienstraße) ist man in einer Weltflucht, die das Herz fast schmerzt vor Beglückung, hoch über Lärm, Gerüchen, Häusern, Menschen und Hitze im Urwald. Der Wald dringt schwer in hemmungsloser Triebkraft die steilen Berge hinan, in einer Einsamkeit, wie es sie tiefer auf der ganzen Welt nicht zu geben scheint.
Es wohnen Schlangen in ihr, die einen Reiter vom Roß heben und verschlingen. Es durchgaukeln sie glühend blaue Schmetterlinge, die zwischen dem Grün aussehen, wie Flämmchen, die Gott über die Erde niederflattern läßt, damit das Auge aus dem Schwelgen der großen Natur sich herausholt und sich der Glut der Erscheinung kleiner Kreatur ergibt. Sie vereinigt in ihrem Mikrokosmos einen heißen Abglanz der Schönheiten des Weltalls. Die Phantasie entzündet sich. Sehnsüchte wachsen im Wetteifer mit dem Urwald.
In einer der Höhlen der Tijuca hier oben über Rio de Janeiro haben Paul und Virginie, die Lieblingskinder einer verflossenen Zeit, deren Schicksale der alte Roman Bernhardin de St. Pierres erzählt, ihre idyllische Robinsonade gelebt. Sonst bindet nichts, was menschlich ist, unserem Herzen diese Landschaft, die wir in einer Viertelstunde erreichen und die eine der größten, von der Weltwirtschaft erhitzten Städte überwuchtet. Zu dieser Siedlung bringen Hunderte von Dampfern jahrein jahraus zehntausende von Menschen, die hier ihre Begierden nach Geld oder Glück, nach Abenteuern oder Flucht stillen wollen.
In unserer Heimat wächst durch tausend Jahre aus der Besonnenheit, dem steten Drang aller Wurzeln des Volkes eine Siedlung zu 10 000, 100 000, einer Million Menschen und wirft auf Jahrzehnte voraus weit rundum durch die Bannmeile die Greifarme der Begehrlichkeit, mit denen sie das Land in ihre Macht zu ziehen versucht. Diese Stadt Rio de Janeiro aber ist in einigen Jahrzehnten der Abenteurerlust, der Erwerbsgier, dem Zufall, dem Glück und Unglück aller Rassen der Welt entflammt. Ja, sie ist wie eine Flamme an einer fernen Küste! Aber ihr Feuer ist nicht so stark, die Natur auch nur einen Steinwurf weiter, als das letzte Haus reicht, in sich zu verbrennen.
Das ist ihr Sinn und ihr Zauber. Sie ist eine Oase von Menschen, umströmt von dem Ozean der unbesiegbaren Natur der Tropen.
Ein gläserner Wagen fährt durch eine Straße Rio de Janeiros einem Platze zu, dessen Ausbuchtung ich durch die Öffnung der Straße sehe, die ich durchschreite. Die Straße heißt: Rua Uruguayana. Der gläserne Wagen ist angefüllt mit Sträußen und Kränzen von roten und weißen Rosen. Er steht im bewegten Bild der Straße, achtlos von Elektrischen, Autos, Menschen umbrandet, wie ein künstliches gesteigertes Märchen.
Erhebt sich nicht ein brasilianisches Schneewittchen daraus?
Ich folge dem Wagen, hingezogen von seinem Bild, das sich sanft und lyrisch zwischen dem starken Verkehr der Straße gleichsam dahinträumt. Alle Läden sind offen, lassen ihre Waren bis auf die Straße quellen. Eine Kirche ist offen. Auf schwarzem Samt glänzen heimliche ferne Lichter. An der Tür in einem langen schwarzen Überwurf, auf dem ein goldenes Kreuz aufgenäht ist, hockt ein schwarzhäutiges Wesen als Wächter, das wie ein menschgewordener Kugelfisch aussieht und geschlechtlos ist.
Dann hält der Wagen an einer zwischen Häusern eingeklemmten offenen Halle. Sie ist bis ans Dach hinan mit Blumen gefüllt. Auf hohen Ständen errichten sich mit einem weißen und einem zarten rosa Schimmern Pyramiden von Rosen und Nelken. Ein ganz sanfter lieblicher Hauch von ihrem Duft weht mich an.
Auf einmal tritt ein junges, brasilianisches Mädchen aus einem dieser Märchenberge hervor. Es ist, als ob sich ein Blumenschoß geöffnet habe, um es zu den Menschen zu entlassen. Es ist, als ob der liebliche Hauch des Blumenduftes, der mich anweht, die Atmosphäre sei, aus der das Mädchen entstanden.
Es ist mittelgroß. Sein Körper ist schlank und zart und hat etwas Gerafftes und Dunkles. Das Kleid ist einfach und aus einer sehr schönen gelb gefärbten Seide. Im Gesicht stehen zwei von tiefen Augenbrauen umschattete dunkle Augen. Sie glänzen und glühen, aber sie sind sanft. Die Nase ist klein, schmal, und in einer plötzlichen Laune sehr leicht und fein gebogen, und drunter der Mund hat rote Lippen, die von einem Leben glühen, das heimlich und aufstachelnd die Phantasie des Fremden in ferne nie betretene Gärten führt. Die Haut ist eine Seide, die mit Ambradünsten zauberisch angeraucht und mit dem Schmelz topasfarbener Orchideen überzogen ist. Der schmale Kopf hat einen Adel voll Ruhe und Selbstsicherheit.
Das Mädchen geht an mir vorüber. Ich glaube, nur einmal vorher in meinem Leben sah ich ein so schönes Mädchen. Das war an einem fremden Nebelmorgen in einer ßetschuanesischen Stadt, eine Chinesin. Ich schaue dem menschlichen Wunder, das den Rosen und Nelken Rio de Janeiros entstiegen, nach … Ein Reh, das ein Mädchen wurde … Eine Waldeinsamkeit hat aus ihrer Tiefe dies Geschöpf entlassen. Wird das häßliche Pflaster der Stadt nicht diese Fesseln, diese Beine zerbrechen?
Das Mädchen ging mir verloren. Der gläserne Schneewittchen-Wagen, statt es in seine Blumenkutsche von schwesterlichem Schmelz, Farbenzartheit und Duft zu nehmen, wurde bei einem Stand ausgeleert und trollte sich klappernd und ernüchtert davon. Jetzt erst sah ich, daß ein deutscher Besitzername drauf stand. Ich kam zu dem Platz, in dem die baumbestandene Straße ausging. Es war der Largo da Carioca, der den Bewohnern Rio de Janeiros ihren Namen gegeben hat; denn man nennt sie allgemein »Carioca-Leute.«
Dieser Platz ist bedeutsam im Leben der Stadt. Er ist seit ihrem Bestehen wie ihr Herz, so klein er ist und so groß sie ist. Denn er zieht allen Verkehr in sich ein und stößt ihn in seine Bahnen, wenn er auch etwas neben der großen Avenida liegt. Dann sind an ihm die Brunnen erhalten, aus denen vor hundert Jahren die Stadt sich mit Trinkwasser versorgte. Es ist eine Sammlung von schweren und schönen Messinghähnen nebeneinander an einer Steinwand, die fast die ganze östliche Breite des freien Platzes einnimmt. Hierhin kamen die Sklaven das Wasser holen, das die Haushaltungen brauchten, stellten die Eimer auf die Steinpodeste unter den Hähnen und schleppten die Last des Wassers den meilenlangen Weg in die Berghäuser zurück.
Von diesen Hähnen reichen die Leitungen bis hoch in den Corcovado-Berg hinaus. Dort durchlaufen sie auf kinderhohen Bögen als ein offener Kanal den Wald und fangen das Wasser aus allen Spalten des Bodens auf. Dieser Kanal wurde vor zweihundert Jahren angelegt und überschreitet nach meilenlangem Lauf, in dem er das Wasser gesammelt zur Stadt hinabträgt, kurz vor der Mündung in die Brunnen auf dem Cariocaplatz das häuserbebaute Tal zwischen dem Morro do Carvello und dem Morro do Santo Antonio auf einem schönen Aquädukt, der heute der elektrischen Bahn nach Santa Theresa hinauf als Brücke dient. Das Mauerwerk dieses alten Kanals und des Aquäduktes ist aus einem Kunststein, über dessen Zusammensetzung nur Mutmaßungen bestehn. Jedoch, erzählte mir ein Bauunternehmer aus Rio, gebe es in der Stadt noch alte portugiesische Maurer, die das Geheimnis kannten und, als er das neue Copacabana Hotel baute, es dort unter andern beim Bau der Säulen angewandt hätten. Alles was man von dem Geheimnis weiß, ist, daß dabei Fischleim mit im Löschen begriffenen Kalk zusammengemischt wird. Der Stein widersteht der Hacke. Auf dem ältesten Hügel der Stadt, dem Morro do Castello, der jetzt abgetragen wird, hat man Häuser aus demselben Material gebaut gefunden, ihr Mauerwerk war nur mit Dynamit zu zerstören.
Von dem Hügel, der über dem Cariocaplatz aufsteigt, schaut das alte, jetzt von deutschen Patres bewohnte Franziskanerkloster herab und neben ihm stehn auf einer Terrasse zwei Kirchenfassaden. Sie sind von außen sehr einfach, aber doch mit einer gewissen stilistischen Besonderheit gebaut. Im Innern aber ist die kleinere von beiden, die Kirche des dritten Ordens, von einem beseligenden Reichtum, von einer unerschöpflichen Schwelgerei in Formen, einem Prassen in Ornamenten und Einzelheiten. In diesem Kircheninnern ist außer den Gewändern der Heiligenfiguren alles aus Gold. Der Frohmut des ja-sagenden Christentums der Jesuiten gibt in der Architektur dieses Heiligtums ein nie aufhörendes Konzert von Geigen, Cellis und Klarinetten.
Von der breiten Terrasse vor dem Kloster und den Kirchen übersieht man die Teile der alten Stadt, die sich um niedere Hügel herum bis zum Ufer der Bucht scharen und nur dem Handel und Verkehr dienen. Die Massive der Häuser, von regelmäßigen Straßenzügen durchfurcht, liegen wie geheimnisvolle Wälle unter der Hitze. Lärm und Gerüche fremden Lebens dringen heraus. Aber überall entsteigen ihren geschlossenen alten Wällen Bauwerke, die im Geschmack jenseits von Gut und Bös nur der neuen Zeit des Amerikanismus, des Tanzes ums goldene Kalb, des menschenvereinigenden, seelenzerstörenden Weltverkehrs unterbötig sind, der für Europäer den Sinn dieser großen Siedlung ausmacht.
Um fünf Uhr abends
Um fünf Uhr tut sich in der Nahe Cariocas, in der Rua Gonçalves Dias ein Schloß von Spiegeln, Musik, Menschen, Lichtern, Lärm und Süßigkeiten auf. Draußen in den Straßen war wie unter der Wirkung eines unsichtbaren Zauberstabes die Musik des Verkehrs unvermittelt um viele Zeitmaße heftiger geworden. Man fühlte sich mit einemmal von Gedränge umtrubelt. Das geschah jeden Tag um dieselbe Stunde. Und das war die Stunde des Schlosses von Spiegeln, Licht, Musik, Süßigkeiten und Menschen. Sein Name war aus einem andern brüderlich tropischen Weltteil herübergeholt worden. Es hieß: Colombo.
Es gab mehrere solcher Lokale in Rio. Aber dieses war das strahlendste. Es ging durch zwei Stockwerke. Alle Tische waren besetzt. Die Gänge dazwischen voller Menschen. Unaufhörliches Leben, skandiert durch die Musik der unsichtbaren Kapelle, vervielfältigte sich bis ins Unendliche und Unzählbare in den Spiegeln aller Wände.
Es begann mit Schaukästen und Tischen aus Glas, in denen, in allen Farbenskalen spielend, die nicht zu zählenden Süßigkeiten dieses Landes in vielen Größen und Formen sich hervortaten: Fruchtgelees, Tijonlinhos de Marmelada, Kuchen, Torten und Gebäck, kandierte Früchte und vor allem die in runde oder ovale Kuchen eingekochten Fruchtsäfte der Goyabe. Diese Goyabada fehlte neben den Feijoada (schwarze Bohnen mit Zutaten) bei keiner brasilianischen Mahlzeit … und es setzte sich fort mit Frauen und Mädchen, die aus der bewegten Menge hervorleuchten.
Brasilianische Mädchen, eurer Schönheit ist ein Hymnus zu singen, wie keiner anderen Schöpfung der Völker. Weide der Augen und der Sehnsucht! Der von einem Liebeszauber überschattete, weich behauchte und süß schöne Ausdruck der Gesichtszüge ist wie die Seele des Körpers, an dem blumenhafte Schlankheit mit blumenhafter Grazie in einem gehn. Wo vermögen sich Frauen so schön in eine so kühne Farbigkeit zu kleiden, die wie die wundersame Buntheit der Schmetterlinge des Landes, der Glut der Natur selber entstammt zu sein scheint. Die Frauen von Rio de Janeiro sind die am besten gekleideten Frauen der Welt. Ihre Art sich zu kleiden hält die Wage zwischen dem Bild ihrer Erscheinung und der in der Sonne gesteigerten Kraft der Farben der Natur.
Die Markthallen in Rio de Janeiro
In einem Park in Rio de Janeiro
Die Musikkapelle spielt Machiches, kaum etwas andres. Das Leben in Colombo steigert sich zwischen ihren Klängen und den Spiegeln ins Unaufhörliche. Die Klänge dieser Tanzlieder verwirren sich in einer milden Verzweiflung der Liebe, geben die Melancholie eines Abends zwischen Urwald und Meer in einem fremden und andersfarbigen Weltteil und verlieren sich ganz zu einer kreisenden, sich in sich selber steigernden Erotik, die mit einem kleinen leisen Aufschrei am Schluß scheinbar ins Leere verklingt.
Ich bezahle mein Eis und meine Kuchen, und der Kellner gibt mir mit einer freundlichen Entschiedenheit das Trinkgeld zurück, das ich der Rechnung beigefügt hatte. Er sagt dazu, indem er mit der Hand eine ausdrucksvoll wedelnde Bewegung des Verneinens macht: »no amigo!« Er bringt dadurch das übliche »no, Senhor« variierend für den Fremden gemildert zum Ausdruck. Dann muß man auf die Avenida Rio Branco gehn, die neue breite Geschäftsstraße, von der, als ich vor 17 Jahren das erstemal nach Rio kam, nur Baustellen bestanden und die heute das alte Geschäftsviertel von einer Bucht zur andern grad und gewaltsam durchschneidet. Zwei Reihen riesenhafter Bauwerke, eine Baumallee und Trottoirs an der Seite und in der Mitte. Ein Hexenkessel von Menschen und Automobilen. Die Kinotheater leuchten aus der beginnenden Dunkelheit und lärmen aus dem Lärm hervor. Ein jedes hat eine nach der Straße offene Halle. Sie brüllt vor Farben. Hoch auf einem Podium geigen Musikanten in die Straße hinein. Fast immer nur Machiches. Hinter der Halle öffnen sich jedesmal zwei Säle, in denen zu gleicher Zeit Vorführungen sind. Vom vierten Stockwerk eines Hauses, in dem eine Radiogesellschaft ihr Geschäft treibt, knattert der Bariton eines italienischen Sängers aus São Paulo telefonisch in die Avenida herab.
Auf den Fahrdämmen sausen die Autos auf der einen Seite hinunter, auf der andern herauf. Auf den Trottoirs drängen sich Menschenmassen durcheinander, die ziellos schlendern. Die hellen Seiden der Mädchen und ihr unbeschreiblich anmutiger Gang werfen Auftakte hinein. Alles Leben vollzieht sich hier in einer Gelöstheit zwischen den Rassen, die auf südliches Klima eingestellt ist. Die schöne Steilheit der Beine und des Gehens haben etwas, das aus der Wildnis des Urwaldes für die Gesittung gewonnen zu sein scheint.
Ein Rosenkranz ohne Ende, surren die Autos mit gedämpften Tönen auf und ab. Dann erschallt in der Ferne ein Knattern und Donnern, die kleinen huschenden Fahrzeuge weichen bei Seite und hervor bricht mit einer tobenden Raserei, läutend, wahnsinnig vor Eile eines der ungetümen weißen Sanitätsautomobile, sprengt alles bei Seite und wütet als eine verrückt gewordene Maschine davon. Die Cariocaleute sagen: es fährt, um einen Menschen zu retten, unterwegs drei tot.
Hinter ihm schlägt die lautlose Eile der andern Automobile wieder zusammen. Nie sieht man ein Pferd. Nur Kraftfahrzeuge. Und fast alle sind leichte schöne amerikanische Viersitzer.
Rasch hat sich ihre Bahn wieder geordnet, beherrscht an jeder Stelle, wo eine der alten engen Gassen die breite Avenida kreuzt, von einem Polizisten, der unter einer großen Winkmaschine steht, die ihre Arme befehlend bald in dieser bald in jener Richtung ausstreckt, wobei sie jedesmal klingelt.
Doch schon entsteht ein neuer Wirrwarr. Die Autos halten an, stopfen sich aufeinander; die Menschen scharen sich zusammen. Die Elektrischen, die um diese Zeit bis auf die beiderseits längs der offenen Sitzreihen laufenden Trittbretter mit Fahrgästen überladen sind, bleiben klingelnd vor Wut in den Quergassen stehen.
Ein Zug nähert sich. Fern sieht man, von Guirlanden von Glühbirnen leuchtend überschwebt, schon einen hohen Wagen. Er ist so hoch, daß vor ihm ein Mann gehen muß, der mit einer Stange die die Avenida überschneidenden Drähte der Elektrischen hochheben muß, damit er drunter durchkann.
Dem Zug voran reiten in Schwalbenschwänzen und Zylinderhüten zwölf ernst und würdig aussehende Herren. Ihnen folgt eine berittene Militärkapelle. Sie spielen eine Machiche nach der andern. Dann kommt ein mit groteskem Prunk ausgestatteter Wagen, aus dem, unter einem in Farben und Formen geradezu ausschweifenden Baldachin, ein in Gazestoffe gehülltes Mädchen steht. Lächelnd begrüßt es die Menschen. Auf einem folgenden, nicht minder maßlos ausgestatteten Fuhrwerk, folgen junge Leute. Auf einem riesenhaften Transparent steht, daß der Klub der Demokraten edle Gaben für den Bau eines Krankenhauses erbittet, das zu Gunsten von Geschäftsangestellten errichtet werden soll. Vier der jungen Männer auf dem Wagen halten eine Decke wie ein Sprungtuch und von der Straße herauf wirft man die Gaben hinein.
Es ist sehr eindrucksvoll und furchtbar häßlich zugleich und ich bezweifle, ob so viel zusammenkommt, daß man auch nur die Kosten des Umzugs davon decken kann, denn der ganzen Anstalt folgen noch Scharen von Autos mit Zylinderhut geschmückten dunkelgekleideten Herren, denen die seimige Hitze der rasch eingefallenen Nacht nichts anhaben zu können scheint. Unbeweglich ernsthaft und wie erstarrt liegen die Falten ihrer Gesichter.
Sobald der Aufzug des Demokratenklubs vorüber ist, setzt der Zug der andern Autos wieder ein. Er strebt, immer deutlicher erkennbar, den östlich die Avenida Rio Branco fortsetzenden Avenuen zu. Man fährt heim. Der Zauber der »fünf Uhr« ist aus. Es ist halb sieben. Das Nachtessen beginnt in den Hotels der Europäer und Nordamerikaner. Auch ich fahre zu meinem schönen Hotel Central an der Praia do Flamengo.
Ich habe außer größeren Noten nur Nickelstücke zu 100 bis 400 Reis, zähle während der schnellen Fahrt in der Dunkelheit rasch zusammen und bitte, als ich aussteige, den Chauffeur, nachzuprüfen. Der aber weist das empört ab. Er sagt mit einem scharfen Protest gegen das Mißtrauen, das ich in meine eigne Arithmetik setze, nichts wie die beiden Worte: no Senhor! und läßt das Geld ungeprüft in seine Tasche gleiten.
* * *
Rio ist ein Kind des Meeres.
Es ist entstanden aus seinen Fluten, die in portugiesischen Segelschiffen die ersten Europäer hier ans Ufer trugen. Sie haben es begonnen, schutzsuchend in der weiten Bucht vor demselben Meer. Es ist ein verborgener Hafen in seinen Anfängen gewesen und es ist weiter gewachsen aus der Schönheit des Festlandes heraus, das hier die Schwester des Meeres ist.
Durch viele Jahrzehnte baute es sich um die niederen Hügel in die Flächen, die bis ans Wasser reichten und stieg immer höher die Berge heran, überzog Hügel und erkletterte die Abhänge bis zum Urwald.
Diese Stadt, in alter Liebe zum Meer, das die Bahn nach der Heimat war, saugt sich immer weiter an dessen Ufer, verläßt die Bucht, bohrt sich durch Tunnels oder hebt sich über Hügelrücken dem großen offenen Ozean zu, den es draußen in Copacabana und Leme jetzt erreicht hat. 25 Kilometer lange Avenuen schwingen als eine Einrandung sondergleichen an den Ufern der Bucht und des Meeres dahin, und überall an diesen Aveniden wird den ganzen Tag über gebadet.
Gibt es das irgendwo in der Welt, daß man aus seinem inmitten einer Millionenstadt eingeschlossenen Zimmer heraus im Badeanzug zum Wasser geht und zwischen Scharen von anderen Stadtbewohnern baden kann!? Kommt man in den Morgen- oder späten Nachmittagsstunden in die Straßen, die auf die Aveniden zuführen, so sieht man überall in Bademäntel gehüllte Menschen dem Wasser zuwandern. Junge Mädchen, Männer, eine Gruppe von Frauen, Eltern mit einem bis sechs Kindern, Bübchen, Neger, ergraute Herren, schlanke Burschen … alles pilgert dem einen Ziele zu.
Aus entlegeneren Stadtteilen bringen Taxameter und Privatautos die Menschen im Badekostüm an die Avenidas. In der mittleren Stadt ist besonders die Praia Flamengo, die der Zuckerhut so schön und abenteuerlich abschließt, beliebt. Von Weile zu Weile ist in die Kaimauer ein Einlaß gebaut, der auf eine Treppe führt.
Von hier aus steigt man hinab. Aber hier hat man eine Prüfung zu bestehn. Sie betrifft den Badeanzug. Über ihn herrschen strengere Vorschriften, als etwa über das Schießen mit Revolvern in Kaffeehäusern oder Attentate gegen öffentliche Gebäude. An dem Durchlaß stehn unter einem roten Schirm, der an der Kaimauer befestigt ist und gegen die Sonne schützt, zwei Polizisten von früh bis spät in die Nacht. Denn die Badeleidenschaft der Cariocaleute kennt keinen Unterschied der Tages- oder Nachtzeiten. Die Grundzüge der Bestimmungen über die Badeanzüge sind die folgenden: den Damen ist es verboten, durch ein eng anliegendes Trikot zu zeigen, wie schön sie sind. Sie müssen weite bis an die Knie fallende Hosen und darüber ein lockeres Wams tragen. Männer sind gezwungen, ihre Badehosen ebenfalls bis an die Knie reichen zu lassen und werden nicht zugelassen, wenn sie nicht außerdem den Oberkörper mit einem Gewand bekleiden, das nicht früher nach unten aufhören darf, als in der Hälfte der Schenkel. Die Polizisten sind vollkommen unerbittlich. Unbarmherzig wird jeder abgewiesen, der nicht nach diesen Vorschriften bekleidet ist.
Doch daran hat man sich gewöhnt. Und unten im Wasser und auf dem Sand paddeln die Hunderte von Menschen stundenlang herum, legen sich in den Sand in die Sonne, schwimmen weit hinaus. Scharen von Burschen, gymnastisch geübt, machen schöne ganz flache Forellensprünge in das nicht mehr als fußhohe Wasser, oder turnen auf den Händen hinein. Die schönen jungen Mädchen äugen nach einem Flirt, und weiß und schwarz mischt sich, wie sich Einheimische mit Deutschen und Amerikanern mischen.
Manchmal aber steht eine starke Dünung auf die Kais. Dann spielt sich das Strandleben auf dem breiten Steig hinter der Kaimauer ab. Ins Wasser wagen sich nur die Mutigsten. Die Wellen laufen zehn, fünfzehn Meter von der Mauer zurück und stürmen dann mit wildem Ungestüm wieder herbei, an den Quadern hoch aufklatschend. Eine jede ist voll Lebensgefahr. Aber die Burschen unten warten bis die Woge zurückgeht. Wenn die neue herankommt, vier, fünf Meter hoch, laufen sie alle, dreißig, vierzig auf sie zu, schreien laut: »uma boa« (eine gute) und setzen in schnellenden Kopfsprüngen hinein. Das Wasser geht über sie hinweg, hebt sie hinter der Woge hoch und die Woge zerschlägt sich an der Kaimauer hinauf und wirft Wasser über die Zuschauer und die Autos, die den Fahrweg dahinter entlangrasen.
Nicht immer gelingt den Badenden der Sprung durch die Woge. Das Wasser reißt sie wehrlos rückwärts, überdreht sie und sprengt sie an die Mauer. Fünf Minuten später hört man dann das wilde Sanitätsauto angedonnert kommen. Der Verletzte oder Getötete wird davongetragen. Die anderen springen wieder in die schönen Wellen und es fällt den Polizisten nicht ein, sie an etwas anderem zu hindern, als daran, daß sie in einem vorschriftsmäßigen Badeanzug ihrem Unheil entgegenspringen.
Diese Tatsache ist anzumerken, da sie eine der hauptsächlichsten Eigenschaften des brasilianischen Volkscharakters aufdeckt – die Lässigkeit. Nach dem Bad um fünf oder halb sechs Uhr nimmt man eines der ununterbrochen vorbeifahrenden Autos und läßt sich im Badeanzug und Bademantel eine Stunde hinausfahren. Das Auto eilt die Avenida Beira Mar hinab, an der Praia Flamengo entlang, macht den schönen Bogen der Praia do Botafogo mit und durchsaust den Tunnel, der zwischen den Hügeln da Babylonia und de S. Joao nach Leme und Copacabana mündet.
Auch nach dem Nachtessen, in den Abenden, die die breiige Hitze nicht kühlen, sondern sie wie einen schwarzen Teig in den Räumen des Hotels und auf den Straßen, selbst den Avenuen am Wasser stehen lassen, liebt man es, im Auto diese Ziele aufzusuchen.
Der Luftzug, den die sausende, in Schnelligkeit prassende Fahrt der Schwüle entreißt, ist die einzige Kühlung in der lastenden Wärme. Der Zuckerhut erhebt sich als eine Pyramide, die die Schöpfung zur Feier der eigenen Landschaft zwischen Wasser und Land errichtet zu haben scheint, ersteigt dunkel die Nacht. Rund um uns im fahrenden Wagen ist ein ruheloses Überholen und Zurückbleiben von anderen Autos. Dasselbe Bild auf dem rechten Fahrdamm in umgekehrter Richtung.
In Leme wogt das Meer mit unausklingbaren Symphonien auf den Strand. Der ist breit und wunderbar ruhig und in seinem Sand in der Nacht liegen Menschen. Ihre braune Haut leuchtet verhohlen von dem hellen Sand ab. Diesen erfassen ihre Hände mit spielerischer Zärtlichkeit, als sei er die Hände des Geliebten. Denn die jungen brasilianischen Mädchen sind unter drakonischen Familiengesetzen gegen Männer sehr zurückhaltend.
Im Meer leuchtet ein weiß-weißrotes Blinkfeuer, östlich stellt der Lemeberg seinen nackten gewaltigen Granit gegen Strand und Meer. Die Dünung jagt an seine zerrissenen Flanken. Tausend Tierchen überhuschen in der Finsternis den Sand.
Ein neues riesenhaftes Gebäude glänzt aus der Nacht. Es ist der Copacabana-Palast, wie alle die modernen Hotels in Rio von dem deutschen Baumeister Riedlinger gebaut. Der Komplex birgt neben dem größten Hotel Süd-Amerikas ein Kino und Varietetheater, vor allem aber Spielsäle in sich, die mit schönem Prunk ausgestattet sind. Es wird Roulette und Baccarat gespielt. Fremde mischen sich an den Spieltischen zu den Einheimischen. Amerikanische Damen betätigen sich mit großer Leidenschaftlichkeit, bis um zwei Uhr morgens die Spielsäle geschlossen werden.
Die Hitze ist nicht abgeebbt. Wer mag nach Haus, in den Ofen eines Schlafzimmers fahren? Das Auto saust mit uns weiter über das Fort von Copacabana in die neueste Avenueanlage hinein, die den Namen eines Deutschen festhält, der sich um den Ausbau Rios verdient gemacht hat. Sie heißt Avenida Niedermeier. Man fährt bis zu einer willkürlichen Stelle, eingelullt in beginnende Müdigkeit von dem scharfen Luftzug der schnellen Fahrt und dem eintönigen großen Choral der über den Strand verrauschenden Dünung.
Wenn der Chauffeur die Scheinwerfer einstellt, sieht man, daß der Weg von Hunderten von Krabben belegt ist, die auf Raubzügen aus sind und nicht verstehen, was für ein plötzlicher Feind ihren Weg vom Wasser aufs Land kreuzt. Sie stellen sich erregt auf und strecken mit tapferen verzweifelten Bewegungen ihre weit aufgerissenen Scheren gegen das schlagende Ungetüm des unheimlichen Automobils, bereit zur Verteidigung wie zum Angriff. Die Perlen ihrer schwarzen Augen sind wie blinde Kugeln voll Raserei um ihr kleines Leben und unter ihrem Panzer sind sie beladen mit den Geheimnissen, die das dunkle Meer heraus aufs Ufer schickt.
Dann geraten wir wieder durch den Tunnel und Straßen mit hellen Häuschen in Gärten, aus denen Palmen auf schwarzen zersplitterten Säulenköpfen den Himmel zu tragen scheinen, zur Stadt zurück.
Man ist müde, wie ausgesaugt, da der Luftzug im Auto zu heftig kühlte, und in demselben Augenblick, wo der Wagen hält, wieder von dem Gespenst der strudelnd feuchten Wärme umarmt. Nein, nicht schlafen gehn! Wir ziehen im Hotel rasch eine Schwimmhose an. Um drei Uhr morgens steht kein Polizist mehr an der Kaimauer. Die Dünung schlägt schwer auf die Kais zu. Wir springen in die schönen hohen, wie wandernde Zauberwände herannahenden Wellen, tauchen jenseits wieder heraus, hören die Woge an der Mauer zerschlagen und müssen dann, kämpfend gegen das Wasser, abwarten, bis wir auf einer kleineren Welle es wagen dürfen, uns der Treppe in der Kaimauer zu nähern und das Bad zu verlassen.
Um diese Zeit sind in Rio immer schon Menschen auf den Beinen. Von der Mauer aus schaut uns eine Gruppe in der Dunkelheit zu. Wir eilen im Bademantel über die Straße zum Hotel. Wie wird man schlafen können, so süß ermattet in den Beinen und dem ganzen Körper von dem Kampf gegen die Dünung und so erquickt durch die Kühle des Bades!
Doch im Hotel liegt in den Fluren, in den Höfen, unter der Zimmerdecke, in den offenen Fenstern die Hitze aufgestapelt. Sie hat nur auf uns gewartet. Beim Eintritt ins Zimmer scheint es noch einen Augenblick kühl zu sein. Dann geht es los. Dann überfällt und umstrudelt es einen und wehrlos, gemartert, flehend um Schlaf mit allen vor Ermattung gelähmten Nerven liegt man wach in die beginnende Morgendämmerung hinein.
Heute Abend bleibt der Wind aus, der sonst von den Bergen herunterfällt und die Stadt durchkühlt. Wohl sollte schon Herbst in Rio sein, doch war der Sommer voller Regen gewesen und jetzt im April, wo er gehen soll, holt er Versäumtes nach. Über die Avenida Rio Branco fließt ein Strom von einer dicken Hitze und an dem Konzentrationspunkt alles Lebens dieser Stadt und dieser Stunde, dem roten Avenidahotel, bleibt sie steif und unberührt stehen, wie ein Gespenst, das quallenhaft und eindringlich mit einer unsichtbaren Gewalt unsere Körper in sein Netz eingarnt. Wir können uns nicht retten.
Die Dunkelheit überfällt die Stunde, kaum daß sie die Dämmerung begonnen hat, und alle Lichter blinken aus den erhitzten schwarzen Strudeln der Luft heraus. In eines der ungezählten Autos! Mit einem lautlosen langen Satz schießt es von seinem Halteplatz in die Bahn. Der Asphalt gleist schwarz poliert von dem ununterbrochenen Fahren der Automobile, die keine Stunde des Tags und der Nacht ruhen.
Man sieht fast nur amerikanische Wagen, fast ausnahmslos Taxameter, doch fast alle neuester Konstruktion und in allerbester Verfassung. Die deutschen Wagen sind zu teuer und ihr weit ausladender Typ gilt als zu schwerfällig für hier. Man sieht noch einige deutsche Benzwagen, die von vor dem Krieg herrühren. Ihr Alter spricht für ihre unvergleichliche Solidität, wirbt aber nicht durchs Auge. Das Autofahren ist ein Volksvergnügen in Rio, und man zahlt etwa sechs Mark für die Stunde.
Abends ist es unsere Rettung. Kaum fahren wir, so umquirlt und umjauchzt uns ein kühler Luftzug, der von einem unerschöpflichen Wohlsein voll ist und jeden Blutschlag unserer Adern mit einer Frische segnet, wie auf einer deutschen Sommerwiese die erste Stunde des Morgens mit ihrem Tau die erwachenden Gräser.
Aus der Dumpfheit mühsam sich erduldenden Daseins sprossen wir in ein neues Leben und unsere Energien wecken das Herz zu der Kraft, die Wunder dieser fernen Küsten erfassen zu können. Strömende Luft nimmt Besitz von mir. Die Augen greifen zusammen mit dem Herzen in das Bild, das sich der Fahrt bietet.
Es ist das Bild einer Straße sondergleichen, die das Meer besäumt. Als vielfache grüne Gewölbe schließen sich die Alleen der Bäume über unserer Fahrt. Die Häuser leuchten hell auf der einen Seite vorbei. Ihre abenteuerlich grotesken Formen scheinen in die Gesteigertheit der nächtlichen Stimmung zu passen.
Links zieht die Bucht vorbei. Steile Inselfelsen erheben sich aus der dunklen Wüste des ruhenden Wassers, nebeneinander, hintereinander, sich überschneidend, sich übersteigend, erstarrte Kinderscharen der Natur, deren Seele ich nicht verstehe und die alle Fremdheit dieser Küsten auf meine Phantasie loslassen.
Der höchste dieser Felsen hat ein Diadem von Lichtern auf dem spitzen Scheitel, ein südliches Kreuz aus Bogenlampen. Es ist der Zuckerhut. Das Auto saust ihm entgegen. Dieses dunkle Monument der Natur steht gegen einen Himmel, dessen schwarze Bläue die Energie des Leuchtens von Edelsteinen hat. Es scheinen tausend heimliche Fackeln in ihr zu brennen. Alles ist schwarz und blau in dieser Nacht, in einer riesenhaften einfachen Zweifarbigkeit. Das Funkeln der elektrischen Lampenkugeln, die mit weiten, ja endlosen Schwingen, unter denen wir fahren, den Riß des Ufers in die sammtene Finsternis zeichnen, spielt hinstrahlend wie ein Märchen von Licht in einem Märchen von Dunkelheit.
Gemüsehändler in Rio de Janeiro
Seit einigen Jahren ist der Gipfel des Zuckerhuts durch eine von deutschen Ingenieuren gebaute Schwebebahn zugänglich gemacht. Man reist in zwei Etappen hinauf. Zuerst auf den 275 Meter hohen Vorberg, von dort noch 150 Meter weiter auf den Kopf des Zuckerhutes hinauf. Der Wagen schwebt erleuchtet in der Nacht an dem Gewirr der Drahttaue hinan, wie die Gondel eines Luftschiffes Ich habe nie etwas so Phantastisches an Beförderungsmittel gesehn. Die Häuser weichen in die Tiefe. Die Nacht umspült uns mit ihrer Schwärze und Leere, und wir ziehen immer höher zwischen Himmel und Erde, wie in einer Entführung aus der Welt. Die Räder surren über den Tauen. Tritt man in der Gondel von vorne nach hinten, so schwankt der Wagen leise. Sonst ist es, als binde uns nichts an die Erde, wie das unstäte kribbelnde Gefühl des Vertrauens in die Kraft der beiden Drahttaue.
Doch bald wogen die Lichtströme Rio de Janeiros auf. Je höher wir kommen, um so weiter wird ihr Bild. Sie schwingen dahin, werfen sich in Bögen über die Hügel, erklettern in Reihen die Berge, verwirren sich, lösen sich wieder in strahlende einsame Feuerperlenketten. Aber die zauberhaft gestalteten Massive des Gebirgs über der Stadt, mit steilen Stürzen, mit weitgewölbten Rücken, mit Plötzlichkeiten, die einen erschrecken, gehen höher und tragen den Urwald in die Sterne des Himmels, an dem wir das Kreuz des Südens suchen.
Oben auf der Platte hatten wir Kühlung und Frische erhofft.
Aber es geht kein Hauch. Wir sehen zur anderen Seite ins dunkle Meer durch eine brühend schwarze Luft. Nichts regt sich in ihr, und der gewaltige Stein gießt die Sonnenhitze, die er während des Tags in sich aufgestapelt hat, nun erbarmungslos über uns, der Kachelofen eines Molochs.
Die Augen und die Seele wollen aus der Höhe dieser Einsamkeit der tausendfältigen, die Phantasie aufwühlenden Schönheit der über Hügel und Berge flutenden Stadt entgegenschwelgen. Aber alles ist in unserm Innern wie unter einem Topf, leer, dumpf, geisternd von einer Hitze, die sich einsaugt und die man nicht versteht. Und keinen Blutschlag lang gibt es eine Rettung aus ihr.
Ich weiß, in der Erinnerung wird sich diese Hitze auf dem nächtlichen Felsen zu etwas Wunderhaftem ausleben wollen! Vielleicht zu einem märchenhaften Tier Hygeeia, das den Körper mit gesund machenden Fluten durchstrahlt und von Unreinlichkeit und Schwere befreit. Aber ich mache mir gleich hier auf einer Bank in der Nacht diese Aufzeichnungen und halte einmal den Eindruck dieser Stunde gegen den Fälscherwillen der Phantasie fest. Ich bewahre mir untrügbar ihre Wahrheit. Denn sie ist mehr als die Qual der Stunde, der man nicht entrinnen kann.
Diese Hitze ist die Psychologie dieser Stadt und ihres Landes. Dreiviertel des Lebens, der Zeit, der Arbeit und Energie der Eingewanderten müssen gegen sie verwandt werden, und die Menschen, die nichts anderes kennen, keinen andern Anfang und kein andres Ziel, als in diesem Klima geboren zu werden und zu sterben, empfangen von ihr die Bestimmung ihres Temperaments und die Richtung ihres Wesens.
Als endlich das Schwebeschiff wieder abwärts geht, hatte der Führer, ein Halbneger, sämtliche Vorhänge dicht zugemacht. Wir machten ihm Vorhaltungen darüber und baten ihn, uns einen Grund zu nennen. Er sagte:
Wenn wir fahren, entsteht ein Luftzug und mich friert dann.
In der Tat kann man in Rio, während uns ein Leinenanzug noch zu schwer dünkt, Menschen sich in dicke Mäntel hüllen sehn. Die Hitze verschiebt die Empfindungsfähigkeit für das, was warm oder kalt ist, kämpft gegen das Blut und stiehlt dem Körper die zum Widerstand notwendige Wärmehöhe.
Zwanzig Tage drückte unabwehrbar, grausam und gewalttätig, Tag und Nacht die Hitze auf die Dächer, in die Straßen, die Häuser, über die Menschen. Da stürmten an einem Abend Wolken wild zuhauf. Rasch begann es zu regnen. Eine mit Wundern erfüllte Kühle fiel ins Zimmer, ein Balsam, beglückend, und anderthalb Millionen Menschen freuten sich darauf, daß sie einmal wieder eine ganze Nacht schlafen konnten, erlöst von dem Vampyr Hitze.
Aber der Erlöser wird zur Katastrophe. Die Wassermassen, die aus den Wolken an die Wände der Berge stürzten und vom Sturm in die Hügelgassen geschleudert wurden, vereinigten sich zu wilden Strömen und brachen gewalttätig durch die steilen Wege hernieder, rissen schwache Häuser mit, pflügten Pflaster auf, überschwemmten unten die Plätze und die Aveniden, zerstörten die Abflüsse, wühlten sich in der Stadt weiter. Sie brachen Breschen in die Kaimauern der Aveniden, das Telephon war überall futsch. Am Morro de Sao Carlos war eine Negerhütte weggewaschen worden, ein Kind drin ertrunken. Vom Morro de Maccaco war ein Fels abgespült und auf ein Haus geworfen worden, in dem er eine alte Frau erschlug. In der Rua Senhora do Mattosinho stand zwei Meter hoch Wasser und die Bewohner der Erdgeschosse flüchteten zu den Mietern auf den Stockwerken. Burschen schwommen hindurch um heimzukommen.
Keine Elektrische ging mehr. Manche waren in einem See stecken geblieben. Sie waren mit Insassen überfüllt und diese waren gezwungen, die ganze Nacht in dem offenen Wagen auszuharren. Da saßen schmutzige durchnäßte Neger neben blumenhaft zarten jungen Mädchen, denen die hellen Seidenkleider am Leib anklatschten.
Wo aber ein Auto auftauchte, das durch die Teiche nicht festgelegt worden war, da vergaßen die Chauffeure nun auf einmal die vornehme unmaterielle Einstellung. Möglichkeiten schier unausdenkbar hohe Taxen zu erreichen, durchgeisterten mit kindlicher Gier ihre Gemüter. Zweihundert Milreis verlangten sie, statt der drei oder vier, die ihre Uhr anzeigen würde. Sie ließen sich auf große Debatten ein, in denen sie wort- und gebärdereich gegen die Protestierenden ihren Standpunkt vertraten. Nur wenn ein Polizist in der Nähe auftauchte, stellten sie rasch den Motor an und verschwanden, ohne die Beweisführung zu Ende zu bringen. Denn die Polizei hatte sie in einer festen Hand.
Morgens um vier Uhr hörte der Regen endlich auf. Im Lauf der nächsten drei Stunden kam das Leben langsam wieder in Gang. Die Autos wurden aus den Teichen gezogen. Die Elektrischen bekamen Kraft in die Drähte und führten die ermatteten übernächtigen Fahrgäste ihren Wohngegenden zu.
Hitze und Regen, eines war maßlos wie das andere. Alles was von der Natur kommt, bringt diesem Volke Kampf. Die Fruchtbarkeit hat zugleich in sich den Stachel des Unkrautes, und so liegt im Überquellen schon wieder die Unfruchtbarkeit, weil das Unkraut mit der menschlichen Arbeit auch alles zu verschlingen droht, was diese Arbeit für die Ernährung der Menschen anstrebt.
Liegt darin vielleicht die Ursache einer sehr auffälligen Erscheinung, nämlich der, daß man niemals einen Brasilianer durch die Natur spazieren gehn, wenigstens nie ihretwegen auf den Beinen sieht? Haßt er sie, weil sie in ihrer Maßlosigkeit ihn zu einem Kampfe zwingt, den zu bestehen sie ihm nur ungenügende Waffen gab? Denn wenn auch eine Einmischung von Neger- und Indianerblut besteht, so ist der Brasilianer doch in den Hauptkomponenten seines Wesens Europäer und strebt mit der Energie, die er sich bewahrt, drauf los, es zu bleiben.
Am Tag nach dem Regensturm erlebe ich etwas ganz Großes und Wundervolles. Das Wasser der Bucht ist in einer starken Aufregung. Es hebt sich in hohen Wogen lang hin, gelb und grün, wie in einem Zorn, dem Ufer zu, das durch hohe Kaimauern befestigt ist. Die Woge prallt an die Mauer an, zuerst ganz unten auf den Zuckerhut zu, wo die Praia Flamengo eine Biegung macht. Dort stürzt das Wasser, das keinen Auslauf mehr findet, plötzlich jäh in die Höhe. Es entsteht eine Fontaine von einer unvorstellbaren Größe, Macht und Schönheit, höher und breiter als ein dreistöckiges Haus. Ihr Strahl verflattert in der Höhe, neigt sich, und die Wasser werfen sich über die Avenida.
Und nun, hastig und wild hintereinander, jagt eine Fontaine die andere, die ganze Avenue entlang, bis alles nur mehr eine aufrasende Wasserwand wird, so als wollte sich das Meer in einer mythologischen Liebesraserei der Erde an den Busen werfen. Und die lange tobende gischtige Wand löst sich rasch in ein herrliches Versprühen auf, das sich über die dahersausenden Automobile ergießt.
Dies Bild ist von unerschöpflichem Reichtum an Leben, Formen, Bewegung und Farbe. Man sah stundenlang diesem in immer neuer Leidenschaft sich wiederholenden Spiel zwischen Meer und Land zu.
Die Cariocaleute nennen es: Resacca.
Das Nachtleben Rio de Janeiros zieht sich nicht etwa nur nach den Spielsälen von Copacabana hinaus, in denen eigentlich doch die Ausländer vorherrschen. Es spielt sich vor allem in Anstalten ab, die im Innern der Stadt, in der Nähe der Avenida Rio Branco oder bei Tiradentes liegen und die man gewöhnlich Clubs nennt. Diese Clubs sind sehr kurios. Ein jeder Mensch kann von der Straße aus hineingehn. Er wird einige Lesezimmer finden, in denen sogar deutsche Zeitschriften, nie aber Leser anzutreffen sind. Dieses Lesezimmer liegt inmitten ebenso leerer Empfangsräume mit spärlicher Möblierung, in die sich außer dem auf Erforschungsgängen befindlichen Fremdling höchstens einmal eine suchende Lebedame verirrt.
Brandung an den Aveniden von Rio de Janeiro
Jedoch nach hinten liegen die eigentlichen Clubräume, d. h.: ein lose abgeteilter langer Saal ist angefüllt mit allen möglichen Menschen, die trinken, tanzen oder Roulette und Baccarat spielen. Denn das alles kann man hier in einem Raum erledigen.
Am Klavier sitzt ein deutscher Musiker und die erste Geige spielt gewöhnlich ebenfalls ein Deutscher. Das ist so in allen Lokalen Rios. Alle anderen Instrumente müssen gesetzlich von Einheimischen besetzt sein. Da die Musik nicht eine Minute aufhören darf, spielen überall zwei Kapellen. Sie spielen überall auffallend gut. Machiche und Tango argentino machen fast das ganze Repertoire aus. Dazwischen ab und zu Shimmy oder Onestep.
Öffentliche Mädchen aller Nationen tanzen dazu. Sie verrichten das oft mit vom Club ausgeliehenen Cavalieren. Diese erkennt man unfehlbar an der Verbindung: Smoking und Wurstigkeit des Tanzens. Zwischen zwei Tänzen treten mitten im Saal Varieteartisten auf. Die Kapellen hämmern, schreien, fiedeln, jammern und die Tanzenden holpern im Tango oder Shimmy lässig herum. Die bezahlten Tänzer sind manchmal von unbewußter burlesker Komik.
Aber dann kommt eine Machiche. Alle federn auf. Alle elektrisieren sich. Sie beginnen erst mit zurückhaltender Mäßigung. Doch die Motive wiederholen sich, steigern sich jedesmal und ihre bald rasend werdende Melancholie klingt wie durcheinander geschüttelte Gefühle. Diese Gefühle werden immer wieder zu einem süßen liedhaften Zusammenklingen gesammelt. Aber bei jeder Steigerung wirft es sich immer ungebärdiger stachelnd zwischen die Tanzenden.
Aus gelockerten Polkaschritten taumeln sie in einen Tanz hinein, der allmählich die Schwerkraft der Leiber aufzuheben beginnt. In einem immer eindeutiger werdenden Übereinandersinken ruckelnder Körper übersteigern sich die Bewegungen und alles endigt schließlich in einem Kreiseln, das aussieht, als ob lebendige Bohrer es in einem extatisch grotesken Schaukeln verrichteten. Dabei geraten die Paare in ununterbrochene Explosionen lasziver kindlicher Heiterkeit, die den Geist des Zuschauers zu den Urgründen des Menschentums führt.
Während die eine Hälfte der Clubbesucher tanzt, spielt im Hintergrund des Saales die andere Hälfte Baccarat oder Roulette. Aber sie spielen es nur als Zeitvertreib scheinbar und ohne sich jemals in Spielwut zu verlieren. Nur die Freudenmädchen sitzen mit beflorten und gebannten Augen um die Tische, sehen unglücklich ihre Spielmarken schwinden und wenn sie nichts mehr haben, bitten sie auf gut Glück den Nachbarn um einige Milreis zum Weiterspielen.
Langsam in der vorschreitenden Nacht krümelt sich das Leben in diesen Anstalten auseinander und um drei Uhr ist es gewöhnlich schon finster. Es ist mir aufgefallen, daß nie ein Neger oder eine Negerin in diesen Häusern, deren Publikum sonst nicht sehr ausgewählt ist, erscheint. Im ganzen übrigen Leben, in allen Ämtern, beim Offizierkorps, in den Restaurants, in weitaus der Mehrzahl aller Familien ist der Neger durchaus auf einer Stufe mit jedem andern Manschen. So wirkt es fast komisch, daß er von diesen dummen, eindeutigen und unraffinierten Tanz- und Spielclubs ausgeschlossen wird, oder sich selber ausschließt.
An andern Stellen der Stadt treten in derselben Zeit andere Spiele auf. Auf dem Gelände der vorjährigen Ausstellung wird z. B. ein Pferdchenspiel betrieben, das im Freien steht und so groß ist wie ein richtiges Karussel. Man setzt im Totalisator darauf. In einem anderen Garten wird in einem kleinen Amphitheater öffentlich ein sonderbares Kegelspiel gespielt. Eine Gruppe Berufsspieler betreiben es. Sie spielen mit Konterbande und die Zuschauer setzen in einer Kombination, die ohne Augenschein schwer klarzumachen ist, ebenfalls in einem Totalisator auf Paare, deren Zusammengehörigkeit für den Gewinner aber immer erst die Zufälle eines jeden Spiels ergeben. Dergleichen Unternehmungen gibt es noch mehrere. Man setzt einen oder zwei Milreis und hat die Chance, etwa zehn bis hundert zu gewinnen.
Aber in Rio de Janeiro wird nicht nur nachts gespielt. Es liegt in der Anlage dieser Menschen, die in ihren Bedürfnissen auf die gleiche Weise bescheiden sind, wie ihr Land in den Anforderungen, die es an ihre Arbeitskräfte stellt, daß sie es lieben, dem Zufall die Beschaffung eines Teils des Lebenserwerbs zu überlassen.
Auch den Tag hindurch durchfiebert Spielsucht die ganze Stadt und überspinnt sie mit einem Netz, dessen Verknotungen vom Hafen angefangen bis zu den Negerhütten auf den entferntesten Hügeln reichen. Jedes dritte Haus besitzt irgendwo einen Schluff, in dem ein Händler mit Lotterielosen sitzt. Ein jeder Staat läßt eine Lotterie spielen und seine Lose in der Stadt verkaufen. Bis zum Ersterben alles Lebens in der Nacht sind die Straßen durchkreuzt von Menschen, die einem Lose anbieten. Sogar auf den Schwellen der eingerichteten Lotteriebüros sitzen sie. Kinder, Krüppel, Greise, Blinde, Gnome, Kranke, gut und schlecht Gekleidete, Männer und Frauen, Schuhputzer, Zigarettenhändler … alles verkauft Lose. Sie kommen in die Cafés, in die Clubs, Theater, an die Autos, in die Elektrischen und die Züge, auf die Fährboote, ja selbst an die großen Europa- und Amerikadampfer. Lose sind auch das Attribut der Bettler, die im übrigen wenig zahlreich und sehr maßvoll und unaufdringlich sind.
Dieses Lotteriespiel ist erlaubtes Spiel.
Neben ihm, ja zugleich mit ihm wird ein anderes Spiel heimlich betrieben. Mit fieberhaften Entzündungen beschäftigt es die Gemüter der ganzen Stadt. Es ist das sogenannte Bichuspiel, das Spiel auf Tiere. Der Brasilianer nennt mit einer Art von Kosenamen das Tier: Bichu. Das System ist sehr kompliziert und erst nach langer persönlicher Erfahrung in all seinen Gewinnmöglichkeiten zu erkennen. Man setzt auf Gruppen von vier Zahlen, die man mit Tieren identifiziert, von denen jedes eine Nummer hat.
Traum, Aberglauben, Zufall, Begegnung nennen den Spielern das Tier, auf dessen Zahl sie setzen sollen. Träumt ein Brasilianer von einer Schlange, oder begegnet ihm am Margen, wenn er ausgeht, als erstes eine Katze, so setzt er auf eines dieser Tiere. Die Bestimmung der gewinnenden Tiere geht aus Kombinationen mit den täglich erfolgenden Ziehungen der Staatslotterie hervor. Es gibt dabei mehrere Verbindungsmöglichkeiten. Man kann auch intervertieren usw.
Die Schuhputzer sind gewöhnlich die Vermittler für die Losverkäufer, und dabei tritt wieder eine der Eigentümlichkeiten des Volkscharakters zu Tage. Der Wettende bekommt, wenn er bezahlt, als Los nichts weiteres, als ein Zettelchen, auf dem mit Bleistift die Notierung eingetragen ist. Ohne jeden Namen des Unternehmers, der die Wette angenommen hat. Denn das Spiel ist ja verboten. Der verlierende Unternehmer könnte sich weigern auszuzahlen. Der Gewinner hätte keine gesetzliche Handhabe gegen ihn. Die Zettel ließen sich auch leicht nachträglich fälschen. Aber das Ganze bleibt eine so starke, scheinbar im Aberglauben wurzelnde Vertrauenssache zwischen Unternehmer und Wettendem, daß Betrüge nie vorkommen sollen. Selbst Europäer leben oft von diesem Bichuspiel. Es gibt aber in Rio kein Haus, dessen Phantasie nicht ohne Unterbrechung Tag und Nacht in ihm aufginge und alle Umstände, die im Haus oder auswärts auftreten, zu den Möglichkeiten des Bichuspiels ausnutzte.
Eine Völkerkuriosität ist der Willen Brasiliens, aus seiner Hauptstadt, die die schönste Stadt der Welt ist, auch die großartigste zu machen. In der unablässigen Energie, die in die Verfolgung dieses Willenszieles gelegt wird, steckt eigentlich ein Bruch des Volkscharakters; denn dieser trägt als Grundzug den der Lässigkeit. Aber die südländische Freude am Glanz der Dinge vermählt sich hier mit dem romanischen Ehrgeiz etwas zu sein und bringt das Wunder zustande, dem Land für den in Rio Ankommenden mit dieser Hauptstadt eine Fassade zu geben, so glanzvoll, wie sie irgend ein seit Alters reiches, einheitlich zusammengesetztes Volk besitzt. In Südamerika trifft man öfter in Stadtstraßen sehr prunkvolle Hausfassaden. Will man aber in die Fenster hineinschaun, so sieht man, daß der Besitzer es unterließ, das Haus dahinter auszubauen.
Rio hat in dem letzten Jahrzehnt große Hafenanlagen gebaut und baut unter Leitung eines Deutschen, des Baurates Behrend, der vom Kieler Kriegshafen her bekannt ist, weiter.
Man trägt seit Jahren den malerischen Hügel do Castello, auf dem die erste Niederlassung der Stadt war, ab, weil er sich inmitten Rios in der Nähe des Meeres erhebt und man an dieser Stelle eine breite ebene Fläche für glanzvolle Straßenanlagen haben will. Der größte Teil des Hügels, der aus Urgestein besteht, mit allen Gassen, ist schon verschwunden. Von der Kirche, der ältesten der Stadt, stehen nur noch Reste. Auf Schienen werden die Steine zum Wasser geführt, und diesem ist an dieser Stelle bereits ein weiteres Stück Land abgewonnen, auf dem die letzte Ausstellung stand und die Avenida der Nationen gebaut werden soll, an die die Paläste der Gesandten kommen.
Rio hat zu den Füßen seines bewegten Stadtbildes an der Bucht und am Meer die Terrassen langer Avenuen gelegt, die mehr als zehnmal die Länge der Linden in Berlin messen, bei etwa derselben Breite. Diese Aveniden, die aus dem Herzen der Stadt auslaufen, haben z. T. drei Fahrdämme, einen Reitweg, drei Trottoirs mit Rasenrampe, sind mit Bäumen, Palmen und Blumen bepflanzt. Nachts sind sie, wie die ganze Stadt mit Lichterfluten überschwemmt, wie ähnliches nirgends in der Welt zu sehen ist. Und immer zu jeder Stunde des Tages und der Nacht sausen Autos sie auf und ab. Es gibt in Rio 9000 Automobile, von denen die meisten Taxameter sind und nur auf den Aveniden hin- und hereilen.
Man vergleicht Rio mit Hongkong und mit Sydney. Aber Sydney fehlen die Hügel und Berge und Hongkong fehlt die unablässige Bewegtheit der Anlage, um mit Rio konkurrieren zu können.
Rio hat einen botanischen Garten, der zu den Weltwundern gehört, großstädtisch und wissenschaftlich anfängt und im Urwald ins Unerkenntliche und Undurchdringliche mündet. Es hat ein reiches Museum im alten königlichen Schloß, eine große moderne Bibliothek, in der alles aus Eisen ist, um die Druckwerke vor dem hier verhängnisvoll wirkenden Holzwurm zu schützen. In öffentlichen Anlagen stehen mehrere Aquarien. Diese Anstalten, wie alle öffentlichen Institute und Anlagen sind aufs beste gepflegt. Märchenhaft wirkt der große Park, der die Praça da Republica ausfüllt und in dem unter den Bäumen der Tropen wundersame Vögel schreiten.
Vor Jahren sagte mir jemand, in der Bibliothek von Rio befinde sich ein Werk mit Dürerholzschnitten. Es sei mit den Sammlungen des Königs Johann IV. aus Europa herübergekommen und heiße Theatrum mundi. Ich begab mich eines Tags auf die Suche nach Dürer in Rio. Es war ein schweres Stück Arbeit, denn der Ordnungssinn der Cariocaleute bleibt hinter ihrem Willen um einiges zurück. Schließlich fand ich jemanden, dem der Name Dürer bekannt war. Er öffnete vor mir riesenhafte Schubladen aus Eisen, die von deutschen Stichen und Schnitten überquollen. Originale und Neudrucke lagen ungeordnet durcheinander. Viele waren aus dem Druckspiegel geschnitten, andere von Würmern zerfressen. Dazwischen Originale in bester Erhaltung und von hohem Wert. Ich sah Stiche von vielen mittelalterlichen deutschen Meistern. Aber es war nicht daran zu denken, in der Fülle und Unordnung etwa einen Überblick über den Wert des Inhaltes zu erlangen.
Da ein geschlossenes Holzschnittwerk, wie man es mir geschildert hatte, auch nicht in diesen flachen Laden sein konnte, suchte ich weiter. Nach vieler Arbeit glückten meine Bemühungen. Allerdings konnte ich keinen Dürer in dem Werk finden. Aber es ist doch so einzigartig und interessant, daß es beschrieben werden muß. Es heißt: » Le grand théâtre de l'univers« und besteht aus 125 mächtigen Foliobänden. Es wurde im 17. Jahrhundert angelegt und zeigt in zeitgenössischen Stichen, die nach Ländern geordnet sind, wie die Welt in jener Zeit aussah. Es vereinigt Ansichten von Städten, Landschaften, Pläne von Festungen und geographische Karten mit den Portraits der wesentlichen Männer der vergangenen Jahrhunderte. Dies Werk besteht wohl nur einmal und stellt mit seinem Inhalt von etwa 20 bis 25 000 Stichen, zu dem ein gedrucktes Register besteht, eine ganz besondere bibliophile Seltenheit dar. Ich fand einen Zettel drin mit folgender Notiz: vide: Graeße, trésor des livres rares usw. sub nomen Milembroclaiana altera 1741, die ich dem, der sich für näheres interessiert hiermit weitergebe. Ich konnte mir Graesse nicht beschaffen.
Im übrigen gibt es in Rio de Janeiro ein Element. das seinem Willen nach Großartigkeit und Modernität aufs zäheste widersteht. Das sind die sogenannten Intrusos. Das Wort bedeutet Eingedrungene. Meist sind es Neger, Nachkommen der früheren Sklaven. Wo ein freies Stück Land ist, eignen sie es sich an, ohne zu fragen, oder sich auch nur um den Besitzer zu kümmern. Sie bauen aus Bambusruten und Lehm mit Kistendeckeln und ausgeschnittenen Petroleumlatten und ähnlichen Material Hütten, oft von verwegenstem Aussehn. Das Land rundum bepflanzen sie mit Bananen, Mais und Gemüse. Die Stadtverwaltung jagt hinter ihnen her. Wie Vögel lassen sie sich von einem Hang verscheuchen und haben drei Tage später ihre Hütten auf einem andern.
Mit diesen Elementen berührt die Weltstadt noch den Urwald.
Sie sind so zäh, daß sie dem heftigen Kampf, der von der Stadt gegen sie betrieben wird, manchmal widerstehn. Es ist kürzlich vorgekommen, daß man einen der Hügel, auf dem sie sich wie Ungeziefer eingenistet hatten, brauchte. Die Intrusos ließen sich aber nicht von dem angeeigneten Land verdrängen. Da hat man, um sie fortzubekommen, den ganzen Hügel einfach angezündet.
Es ist nicht ungefährlich als Weißer in ihre Gegenden zu gehn. Ich wollte einmal, um Aufnahmen zu machen, auf den Morro do Pinto, einen der Hügel, der von Negern bevölkert ist. Auf ihm kleben ganze Nester Kolonien auf scheinbar unweglichen Felswänden. Die Schwarzen stellten sich aber von Gasse zu Gasse immer feindseliger gegen mich, verfolgten mich mit höhnischen Zurufen und Drohungen und ich hielt es für geraten, die Gegend wieder rasch zu verlassen.
* * *
I
In Rio lebt ein Mann von knabenhaftem Aussehn, der, von Beruf Rechtsanwalt, einer der bekanntesten brasilianischen Publizisten ist. Die Deutschen, die den Krieg über in Brasilien lebten, haben auf ihn mit besonderen Augen geschaut. Denn er gehörte zu den wenigen dieses Landes, die ihre Mitbürger immer wieder über Deutschland aufzuklären und den deutschen Geist gegen den Verleumdungskrieg der Ententeländer öffentlich zu schützen versuchten. Er trägt den französischen Namen Chateaubriand, obschon seine Familie nie etwas mit Frankreich zu tun gehabt hatte. Er stammt aus Pernambuco, also aus dem Norden. Sein Kopf zeigt indianische Gesichtszüge und seine Haut ist sehr dunkel. Wäre nicht alles miniaturhaft an ihm, so würde man bei der edlen Schärfe des Gesichtsschnitts und bei der Ruhe der klugen Augen, die wie in einem vegetativen Träumen nach innen gerichtet sind, an die Indianerhelden denken, für die Karl May unsere Jugend begeisterte.
Assis Chateaubriand hat nach dem Krieg Deutschland besucht, ist zu seinen bekannten Männern gegangen und hat die Aufsätze, die er über diese Reise schrieb, gesammelt in einem Buch herausgegeben. Seine Wege kreuzten alles, was in der Wissenschaft, Kriegskunst und Politik Namen hatte. Er erzählt mit kluger Abwägung, mit kritischer Liebe, freundschaftlicher Gesinnung und einer oft überraschenden Durchdringung, die sonst nicht zu den starken Tugenden brasilianischer Publizistik gehört.
Weshalb ist Ihr Buch über Deutschland nicht in einer deutschen Ausgabe erschienen? fragte ich ihn. Es hätte gerade bei uns großen Erfolg gefunden, weil man es liebt sich im Spiegel des ausländischen Geistes zu sehn.
Er habe solche Angebote abgewiesen, antwortete Chateaubriand.
Aus welchem Grund?
Weil er mit einigen deutschen Bekannten sehr kritisch verfahren sei. Und er möchte nicht, daß diese manchmal scharfen Texte jenen vor Augen kämen, weil sie ihnen wehe täten.
Das nahm ich hin, wie es gesagt wurde. Die wirklichen Gründe mögen andere sein und sich in dem üblichen Kreis bewegen, den die im Ausland mit dem deutschen Reich zusammenhängenden Dinge seit jeher gehn, wenn sie das auswärtige Amt passieren müssen. Jedenfalls liest man seit längerem nichts mehr aus der Feder Chateaubriands über Deutschland.
Ich holte ihn in seinem Büro in der Rua Sachet ab, einer engen Nebengasse, der die Avenida Rio Branco durchkreuzenden Rua Ovidor. Er teilte die Büros mit einem Kollegen. Ein brasilianisches Anwaltsbüro kennt weder die schalldämpfenden Doppeltüren, noch Warte- oder Empfangszimmer mit Clubsesseln. Das Büro ist das ganze oberste offene Stockwerk. Es ist ein großer Raum, in den unmittelbar der Aufzug mündet, dessen Kasten ihn in zwei Teile trennt. Große Arbeitstische mit juristischen Büchern, zwei Stühle, eine Bank und eine Aussicht um alte Dächer in alte Höfe und um die Kathedrale auf die Bucht und das Orgelgebirge.
Chateaubriand will mich mit dem bekannten Romanschriftsteller Afranio Peixoto zusammenbringen. Peixoto erwartet uns bei seinem Verleger, dessen Geschäft in der Nähe ist. Auch Peixoto ist aus dem Norden und seine Romane spielen zum größten Teil in den niederen Caboclokreisen seiner Heimat. Berühmt wurde er durch den Gesellschaftsroman »Die Sphinxe«. Während des Krieges hatte er sich tätig als Franzosenfreund gezeigt. Von Beruf war er Arzt und Professor an der medizinischen Hochschule in Rio.
Obschon Chateaubriand gerade mit Peixoto telefoniert hatte, war die Buchhandlung, als wir hinkamen, aus einem nicht ersichtlichen Grund geschlossen. Wir suchten nach einem andern Eingang. Währenddessen bemerkte ich, daß aus der entgegengesetzten Straßenseite ein Mann uns zuschaute. Es war ein hellhäutiger Mann, der nicht aussah wie ein Brasilianer. Die Art, wie er uns zuschaute, fiel mir auf. Aber sein Aussehn ließ es als unwahrscheinlich erscheinen, daß es Peixoto war. Auch die zweite Tür fanden wir verschlossen. Unschlüssig standen wir in der engen Gasse. Die Schwierigkeit war die, daß Peixoto nicht in Rio, sondern in Petropolis wohnte und in Rio nur durch Zufall zu erreichen war. Wir gehen auf die andre Straßenseite. Der weißhäutige Mann dort schaut uns noch immer zu. Plötzlich sagte, auf ihn zeigend, Chateaubriand: O, das ist er ja.
Wir begrüßten uns. Der andre hatte auffallend runde Augen. Sein Aussehn hatte nichts mit Brasilien zu tun. Eher hatte er im Typ etwas Unklares von einem Europäer aus einer Vorstadt. Er sprach gleich, doch keineswegs etwa überschwänglich, sondern mit einer fast schroffen Ironie. Er sprach über die »Kultur« seines Landes, über das »Zwischen Europa und Urwald«. Wenn ich nicht gewußt hätte, dieser Mann ist Afranio Peixoto, Mitglied der Akademie Brasiliens, der berühmteste Schriftsteller heimatlicher Romane, denen die innigste Kenntnis mit dem Wesen des Volkes und eine saftige Kraft es zu schildern nachgerühmt wurde, so hätte ich ihn für einen jener Spaßmacher gehalten, wie sie im französischen Volk oft anzutreffen sind. Sie gefallen sich darin, in spaßig witzigen Abfälligkeiten Geist glänzen zu lassen, der mehr gesellschaftliches Spiel als wirkliche Materie des Hirns ist. Ich war sehr befangen vor dieser Art zu sprechen, die mir fremd und gegensätzlich war.
Chateaubriand sprach kaum jemals dazwischen. Er schaute sich in dem Raum um, in dem wir saßen, und musterte die Leute. Peixoto führte die Unterhaltung allein weiter wie ein blinkendes Spiel mit Florettklingen, in dem er selber in der Rechten und der Linken die beiden Degen führte. Ausfälle, unvorhergesehene Wendungen, überraschendes Zurück, undurchdringliches Vermischen von Ausbrüchen einer witzigen Klarheit mit solchen, die im Nebensinn verdunkelten.
Brasilien besitzt eine Akademie nach französischem Muster. Das Haus, in dem sie tagt, wurde ihr von Frankreich geschenkt. Es ist der Trianon nachgebildete Palast der letztjährigen Weltausstellung in Rio. Zum Dank für das Geschenk wurde der französische Botschafter zum Mitglied gewählt, obgleich, wie man in Rio sagte, er sich literarisch nie anders als brieflich an seine Maitressen geäußert habe. Ich sprach von dieser Akademie, deren vorjähriger Präsident Peixoto gewesen ist.
O, Sie interessieren sich für unsere Akademie! rief er aus. Ich lade Sie zu unserer nächsten Sitzung am Donnerstag ein. Holen Sie mich in der Staatsbibliothek ab, kommen Sie! Da treffen Sie das Rechte. Sie werden in den Kreis der größten Tiere des Landes treten.
Ein großes Tier und ein großes Tier sind, wie man weiß, im Sprachgebrauch zweierlei. Aber Peixoto sprach alles mit einer eintönig ernsten Miene. Dann, in unvermitteltem Sprung, sagte er:
Sehen Sie sich unsern Freund Chateaubriand an. Der ist, was wir Brasilianer sein möchten. Was an Gutem und Üblem sich in unserer Seele durcheinander bewegt, ist in ihm zu edler Reinheit geläutert.
Chateaubriand protestierte und bat, den Gegenstand der Unterhaltung zu wechseln.
Sie haben recht zu protestieren, fiel Peixoto ein. Denn ganz einwandfrei sind auch Sie nicht. Sie sind ein Franzosenfürchter. Weshalb?
Weshalb sind Sie ein Deutschenfürchter? entgegnete Chateaubriand.
Ich!? rief Peixoto. Ich habe in München und in Wien studiert und in Berlin gelebt. Ich habe nichts gegen Deutschland. Ich liebe dieses Land und sein Volk …
Das sagte vor mir der Mann, der während des Kriegs einer jener gewesen, die ihren Wind in die Segel der französischen Propaganda bliesen. Ich weiß, ein Brasilianer ist zuerst ein liebenswürdiger Mensch und sagt Angenehmes ohne Rücksicht auf seine Privatansicht. Bei Peixoto jedoch habe ich weder den Eindruck gehabt, er sage die Wahrheit, noch ebensowenig den, er sage aus Freundlichkeit die Unwahrheit.
Aber war es mit Chateaubriand, der öffentlich als Deutschenfreund aufgetreten war, im Grund nicht dasselbe? Er schrieb nicht mehr und weigerte sich, sein Buch über Deutschland übersetzen zu lassen, wozu er Gründe angab, die von einer so spitzfindigen Delikatesse waren, daß niemand sie als etwas anderes, denn als eine geistreiche Abweisung jeder verharrenden Einmischung in diese Sache ansehn konnte. Er sprach wie in einer verträumten Sicherheit mit einer oft sehr merkwürdigen und überraschenden Argumentierung, die die Arbeit eines starken selbständigen Kopfes und eines durchaus antibanalen Intellektes anzeigte. Aber auch er richtete im gegebenen Augenblick die Mauer auf zwischen sich und mir, zwischen Brasilianertum und Europäertum.
Ich mußte so oft in Brasilien an meine Reisen in China denken. Es ist zu, zu zwischen ihnen und uns. Ist es Mißtrauen, das sie vor uns verschlossen macht, weil wir in Europa alle notgezwungen als Heuchler zwischen unserer öffentlichen religiösen und staatlichen Moral und den Äußerungen unserer Wesenheit erscheinen? Nie auf meinen brasilianischen Reisen habe ich gesehn, daß z. B. Europäer wirklich in brasilianische Familien aufgenommen wurden … daß etwa der Brasilianer seine Frauen in seine Beziehungen zu Europäern mit hineingebracht hätte.
Und dennoch ist das Götzenbild der guten Stände dieses Landes die europäische Gesittung.
II
Die Brasilianer sind Europäer, so gut wie wir. Doch mit einem trennenden, Zeitalter überbrückenden Unterschied, der ein doppeltes Gesicht hat. Ihr Land ist in seinem historischen Bestand jung, hat keine versenkte Kultur aus sich heraus, aus der sich seine Seele nähren könnte. Das muß alles europäischer Import sein. Es ist zugleich in seiner Einordnung in die allgemeine Welt der Gegenwart auf reine Wirtschaftlichkeit, also auf Dinge des pursten Materialismus gestellt. Es bezieht die Gebrauchsgegenstände für Geist und Gemüt von Europa und liefert Europa seine Wirtschaft aus.
Trotzdem haben die Brasilianer ein Europäertum in sich bewahrt, das früher bei uns zu Haus war, bevor Goethe starb. Es ist das Europäertum von vor der industrialisierten Zeit. Das kommt sehr stark in der Weltanschauung des Brasilianers zu Tag. Dieser fehlt die materialistische Einstellung, die seit 70 Jahren die unsrige beherrscht. Man erlebt das auf Schritt und Tritt und ich habe im Verlauf meiner Mitteilungen über Brasilien bisher manche Beispiele dafür erzählt.
Eines der typischsten berichtete mir ein deutscher Bekannter aus Rio. Es greift in die Volkswirtschaft und die soziale Ordnung des Landes ein. Mein Gewährsmann war so zufrieden mit einem seiner brasilianischen Angestellten, daß er dessen Wochenlohn von 15 auf 20 Milreis erhöhte. Nachdem der Knecht diesen Lohn zum erstenmal ausgezahlt bekommen hatte, erschien er zwei Tage lang nicht. Der Herr machte ihm Vorstellungen, als der Brasilianer am dritten Tage sich wieder einstellte. Doch der Angestellte wies die verständnislos zurück und sagte:
Sie hatten mir ja 5 Milreis mehr gegeben als sonst. Das gab mir doch die Möglichkeit zwei Tage weniger zu arbeiten.
Ich wollte in einem Restaurant in Rio zum Essen eine halbe Flasche Wein haben. Es waren aber nur ganze da. Der Kellner kam und sagte, der Chef bezahle die andere Hälfte. Apotheker geben die kleinen Pulver, die man gegen Kopfweh, Verdauungsbeschwerden und dergl. braucht, stets umsonst, wie auch die brasilianischen Ärzte meist kein Honorar von den Patienten verlangen, die von der Straße herauf wegen eines kleinen akuten Leidens um Rat bitten kommen. Das Restaurant, in dem ich mit Chateaubriand aß, war das vornehme Restaurant der Einheimischen, die Rotisserie americana. Die Speisekarten trugen keine Preise. Diese wurden erst beim Bezahlen von Fall zu Fall von Kellner und Geschäftsführer nach dem Eindruck festgesetzt, den die Zahlungsfähigkeit des Gastes machte. In der Elektrischen bezahlt oft der Herr, der als der Erste in der Bank sitzt, die Fahrtaxe für die ganze Bank. Die Zeitungsverkäufer, die an den belebten Straßenecken manchmal ausgedehnte Stände haben, werfen das Geld, das sie für ihre Zeitungen bekommen, achtlos auf das Trottoir und sammeln es erst auf, wenn ein gewisser Haufen zusammenliegt. Geld hat in Brasilien einen andern Sinn wie in Europa.
So erklärt sich die Tatsache, daß Brasilien die reiche Wirtschaftlichkeit seines Landes den Europäern und Nordamerikanern ausliefert, um für sich nur das Gebiet der Politik und ihres Privatlebens eng und streng abzugrenzen. In ihrem Privatleben machen sie dann ohne Rücksichtnahme auf andre, was ihnen beliebt. Und in der Politik lassen sie flackerig alle Kräfte ihrer Energie und ihrer Phantasie verflammen.
Aber so auch kommen die Konflikte. Selbst wenn man das heißeste Blut des Südens mit in ein Land nimmt, in dem immer Schnee liegt, so kann man ohne Pelz dort nicht auskommen. Man muß sich anpassen. Seit fast einem Jahrhundert bricht nun die kalte langher berechnende Macht des kaufmännisch gerichteten Geistes eingewanderter Europäer auf jene Veranlagung ein. Die Brasilianer sind diesen Energien nicht gewachsen. Andererseits aber müssen sie leben, brauchen Geld dazu, das sie aus obengenannten Gründen mangelhafter Organisation nicht aufzubringen vermag. Deshalb ist ein System organisierter Bestechlichkeit entwickelt worden, das sehr oft als Einrichtung zu gelten hat, so wie bei den Chinesen das sogenannte »squeeze« (das sind die Prozente, die sich der chinesische Diener bei Käufen aufrechnet) kein Betrug, sondern eine Einrichtung sind.
Es gibt jedoch auch darin stets Ausnahmen, und ich selber machte eine Zollgeschichte mit, in der 25 Tage lang mit diplomatischen Schriftstücken, Audienzen bei Ministern, Geld usw. gearbeitet wurde, ohne daß man etwas erreichte. Bis der Redegewandtheit eines Bekannten am 26. Tag in einer Viertelstunde ohne ein Reis gelang, was vorher so viel Kraft und Energie verzehrt hatte.
Europäer, die besondere, jedoch nicht außergewöhnliche Zwecke erreichen wollen, sagen wir: die Genehmigung zur Einrichtung eine Fabrik, was von vorne herein der brasilianischen Regierung sehr gelegen ist, da sie das Bestreben hat, im Land eine starke Industrie zu entwickeln, finden sich oft wie vor einer Mauer, die plötzlich vor ihnen steht. Die Art und die Herkunft der Widerstände, auf die sie stoßen, sind unerkennbar. Es nützt kein Geld, keine Geduld, keine Geschicklichkeit, keine Energie. Das macht manchem Unternehmer das Leben schwer, und der Fremde scheint mit einem gewissen Recht sich gegen dieses System aufzulehnen. Ich glaube den heimlichen Untergrund erkannt zu haben, der solche Vorfälle beherrscht. Der Brasilianer hat, wie gesagt, sich etwas bewahrt, das edler ist, als die Geistesverfassung und Weltanschauung, die bei uns vorherrschen. Er fühlt sich aber immer und immer bestrahlt von den raubhaften Energien, mit denen wir unsere Auffassung und unsere Weltanschauung in seinem Land durchsetzen wollen. Und er wehrt sich dagegen mit passivem Widerstand. Das wird oft mißverstanden und gibt den Anlaß zu den schwersten Konflikten, die zwischen Brasilianern und Europäern entstehn. Es wird als Angriff von uns empfunden und ist aber nur Abwehr.
Deutsche Einwanderer auf der Ilha das Flores bei Rio de Janeiro
Leider weiß ich mich mit dieser Auffassung im Widerspruch mit den meisten im Land ansässigen Europäern. In Brasilien schaut, mit weniger Konsequenz durchgeführt, dasselbe Problem zwischen dem Einheimischen und Zugewanderten heraus, das die Chinesen zwischen sich und die Europäer gestellt und durch die Hilfe ihrer Geheimgesellschaften und Fachverbände in monumentaler Weise ausgestaltet haben: die Wehr den Fremden in sein Haus, sein Leben und seine Geschäfte hineinschauen zu lassen.
Freilich greift in Brasilien noch ein anderer Faktor hier mit hinein: die wohl von den eingemischten Negern und Indianern übererbte Lässigkeit als besonderes Merkmal der Veranlagung. Man sagt scherzhaft, wenn ein Brasilianer sich in eine Frau verliebt, denkt er erst drei Monate nach der Feststellung seiner entbrannten Gefühle zum erstenmal daran, sie anzurufen. Und in Wirklichkeit könnte man den Wahlspruch, der in allen Fahnen des Landes steht: » ordem e progresso« (Ordnung und Fortschritt) umändern in: » amanha e patiencia« (morgen und Geduld). Denn das Wort » amanha« gehört in Brasilien zum täglichen Brot. Es ist nicht nur die Maske der Abwehr, es ist auch das wahre Gesicht des Blutes in diesem: » amanha.«
Durch die Bucht von Rio de Janeiro, von der man ausgerechnet hat, daß sämtliche Kriegsflotten der Welt zusammen in ihr manövrieren könnten, liegen Inseln zerstreut, die mit Befestigungen, Forts und Geschützen versehen sind oder die friedliche Niederlassungen haben. Manche Leute, deren Beruf in der Stadt liegt, haben trotz der Unbequemlichkeit der Verbindung ihr Häuschen auf einer dieser Inseln, von denen die Ilha do Governador die bekannteste und größte ist.
Jedoch ist es eine andere Insel, die in sich, aber auch besonders für Deutschland bedeutsam ist. Sie heißt Ilha das flores – Blumeninsel. Dieser schöne Name ist ohne Beziehung zu ihren Funktionen, denn auf sie werden die Einwanderer gebracht, die auf den aus Europa einlaufenden Dampfern ankommen und sich in Brasilien ansiedeln wollen. Auf dieser Insel verbringen sie die ersten Tage oder Wochen, bevor sie ihr Stück Urwald in Rio Grande, Parana oder Sta Catharina aufsuchen gehn, auf dem sie Einsamkeit, harte Arbeit und Enttäuschung oder Glück und Besitz finden.
Die Blumeninsel liegt mit südländischer Malerischkeit, leicht gekuppelt auf dem Wasser. Um zu ihr zu gelangen, muß man die Erlaubnis eines Ministeriums haben, und auch ihre Bewohner dürfen sich nicht ohne besonderen Urlaub von ihr entfernen.
Die Gebäude, die zur Aufnahme der Einwanderer dienen, liegen schön in Baumwerk gebettet und von Palmen überragt, auf der Höhe einer der Kuppen. In der Zeit, in der ich die Insel besuchte, waren in ihnen nur Deutsche. Es waren gegen 1500 Menschen, also ein ganzes kleines deutsches Städtchen. Die Hallen liegen als ein weites Gebäude unter einem Dach, von allen Seiten mit breiten Veranden umgeben. Schlafräume und Eßräume sind getrennt. Die Küche und die Badehäuser befinden sich gegenüber. Ärzte und Apotheker sind vorhanden. Es herrscht große Ordnung, Sauberkeit und wenn naturgemäß in allem Kargheit, so glaube ich, daß ein rechtlich denkender Mensch sich über die Gastfreundschaft, die die brasilianische Regierung auf der Blumeninsel gewährt (denn Aufenthalt und Verpflegung kosten nichts) nicht zu beklagen hat. Von der Ordentlichkeit des Essens habe ich mich selber überzeugt und ich bemerke dazu, daß mein Besuch nicht angemeldet war, und ich auch ohne jede Begleitung, etwa durch Beamte des Verwalters, blieb. Ich konnte tun und lassen was ich mochte.
Hier will ich die Feststellung einer Eigentümlichkeit einschalten, die jeder Reisende machen kann. Der Deutsche, der in seiner Heimat stärker als jedes andere Volk die Ausgestaltung seines Hauses oder seiner Wohnung pflegt, nimmt auf Reisen und in der Fremde ohne zu murren mit dem geringsten Unterkommen vorlieb. Aber gegenüber jedem Essen wird er es nie unterlassen mit größter Eindringlichkeit gegen den »Schlangenfraß« Protest zu erheben. Man kann doch nicht sagen, daß das gute Essen in Deutschland Tradition gewesen sei und nach der mittelalterlich grausamen Folter der Hungerblockade durch England und seine Verbündeten wurde es das erst recht nicht.
Der Versuch der Psychologie dieser Tatsachen nachzuspüren, führt einen unversehens weiter, als man es zunächst dieser scheinbar äußerlichen und kleinlichen Erscheinung zugemessen hatte; denn in ihr drückt sich die materialisierte Weltanschauung aus, in die das deutsche Volk durch die Entwicklung seiner Heimat zu einem Industriestaat und das Einhämmern rein materieller Vorstellungen in die Massen durch sozialdemokratische Agitatoren gegen seine bessere Überzeugung geriet. Damit will nicht gesagt sein, daß das materielle Wohlergehn den Gaumen verfeinert habe. Nein, es gilt mit diesen Klagen über das Essen den Mitmenschen zu zeigen, an was für einen Wohlstand man eigentlich gewöhnt sei, das heißt, daß man noch lange nicht trotz des Zwischendecks der Erstbeste sei. Das Essen ist sozusagen ein symbolischer Ausdruck inneren Wertes.
Über andere Dinge als das Essen hätten die Gäste der Blumeninsel vielleicht mit Recht sich beschweren können. Es wäre verständlich gewesen, wenn ihnen die Schlafgelegenheiten nicht gefallen hätten. In einem riesenhaften Saal waren Kästen angebracht, immer zwei und zwei übereinander und alle dicht zusammengerückt und mit einer Matte belegt. Ohne Trennung von den Nebenbetten schliefen über 1000 Menschen in diesem Raum, Männer, Frauen, Kinder, Säuglinge, Verheiratete und Unverheiratete alles durcheinander. Doch das störte wenig. Das fand man als in den Umständen liegend natürlich.
Auch ohne die Gastfreundschaft zu verletzen, die das Land ihnen bot, hätten sie über einen andern Mißstand Grund zu klagen gehabt: hier warteten mehr als 1000 deutsche Leute darauf, daß ihnen eine neue Heimat bereitet werde. Es waren alles Leute, die durch ihre Herkunft weder über die Bildung noch die Umgangsfähigkeiten verfügten, die Wahl allein und ohne Beratung vorzunehmen. Andere hatten mangelhafte Adressen von Verwandten oder Bekannten in der Tasche, zu denen sie wollten und die ihnen weiterhelfen sollten. Ortsnamen wiederholen sich in Brasilien ungezählte Male und ohne Kenntnis der Verhältnisse war es diesen Leuten unmöglich das richtige Santo Angelo oder das richtige Santo Amaro herauszufinden.
Die meisten wußten nicht wohin. Sie waren einfach hierhin gekommen und setzten den Rest auf den lieben Gott. Viele hatten Prospekte von Kolonisationsgesellschaften. Aber wie die Kolonie war, ob der Boden gut, ob Abfuhrmöglichkeiten für die Produkte vorhanden waren usw., das war ihnen unmöglich nachzuprüfen. Man überließ sie vollkommen sich selber und sie waren ohne Hilfe und ohne Rat.
Weshalb hat die deutsche Gesandtschaft in Rio de Janeiro nicht einen erfahrenen Mann, der ausschließlich diesen Leuten zur Verfügung steht; der sich aus der Ilha das Flores aufhält, wenn deutsche Einwanderer dort sind, und es sind immer welche dort, der die Verhältnisse aus Erfahrung kennt und die Menschen berät. Einer der Angestellten der Gesandtschaft soll gute Kenntnisse des brasilianischen Kolonisationswesens haben. Aber die Gesandtschaft liegt in der Stadt, weit von der Insel, und die eisernen Gittertüren, die in ihre Büros führen, sind recht wenige Stunden des Tages offen. Es wäre mathematisch unmöglich in diesen Räumen einen Strom von vielen hundert Menschen in der kurzen Zeit zu beraten, die sie auf der Blumeninsel verbringen.
Es handelt sich bei den Einwanderern ja nicht nur um deutsche Menschen, denen eine neue Heimat zu schaffen ist, sondern doch zugleich um solche, die das Blut des Heimatvolkes in die Fremde verpflanzen sollen, wo es für die zu eng gewordene Heimat werbend erhalten bleiben soll. Wenn brasilianische Angaben, die man überall lesen kann, stimmen, so sind in den ersten drei Monaten dieses Jahres 11 000 Deutsche nach Brasilien eingewandert. Sie werden nicht alle da bleiben. Manche werden zurückgehen, andre werden verschwinden. Aber es bleibt immerhin im Vierteljahr die Bewohnerzahl einer kleinen deutschen Stadt in dem fremden Land, und ich muß sagen, es geschieht von den Vertretern des deutschen Volkes nichts, um in diesen Menschen das Bewußtsein ihrer Herkunft und die Notwendigkeit der Bindung an den Mutterstamm zu erhalten. Nachher wird dann gejammert, daß die Einwanderer ihre Abstammung vergessen.
Man äußert in deutschen Kreisen Brasiliens immer Bedenken, daß in der Heimat das Auswandern nach Brasilien zu rosig gemalt und zu leicht gemacht werde. Ich habe mich mit Dutzenden von Einwanderern auf dieser Blumeninsel unterhalten und kann nicht behaupten, daß diese Leute ihrer neuen Heimat als einem Lande Kanaan, in dem nur Milch und Honig fließt, entgegensahen. Sie behaupteten alle, sie seien sich der Schwierigkeiten wohl bewußt, die sie erwarteten; sie seien auf Jahre gefaßt, in denen es kein Ausruhn gebe und sie erhofften für sich nichts, als die Möglichkeit, das nackte Leben zu fristen. Diese Möglichkeit habe ihnen in Deutschland in der letzten Zeit gefehlt. Die Jüngeren pflegten wohl üppigere Erwartungen und träumten mit vollem Recht aus dem Anpflanzen neuer Produkte bisher unbekannte Erwerbsmöglichkeiten zu ziehen.
Ich empfand es als Verbrechen, Menschen, die schon einmal bis an diese Schwelle vorgedrungen waren, ihre Zuversicht und ihren guten Willen morsch zu machen, und ihnen die Beschwerlichkeiten, die sie erwarteten, schwärzer zu malen als sie sind. Es ist nicht wahr, daß das Kolonisieren aussichtslos ist. Aussichtslos ist es nur für Faulenzer und für die unerfahrenen Menschen, die man hier ohne Hilfe und Rat läßt und von denen man duldet, daß sie, wie ich hörte, in das für Deutsche unmögliche Klima der Nordstaaten Brasiliens zum Kolonisieren geschickt werden. Es gibt in den Südstaaten Kolonisationsunternehmen, denen bedeutende ernste und erfolgreiche Männer vorstehn und denen man jede Familie, die arbeiten will, getrost anvertrauen kann.
Auf Marambaia
Das Haus der alten Sklaven-Façenda auf Marambaia
Allmählich wird der Aufenthalt auf der Blumeninsel zu einem ergreifenden Erlebnis. Nirgends sieht so konzentriert wie in dieser willkürlich durch Zufälle, durch Not und Zwang, durch Unglück und Abenteurerlust aus allen Gegenden Deutschlands, aus vielen Gesellschaftsschichten zusammengewürfelten Versammlung von Menschen das Elend neben der Kraft eines Volkes. Hier schreien Säuglinge und Kinder, die das Gespenst der englischen Hungerjahre greulich gezeichnet hat, unter der blutsaugenden Last der Sonne. Hier weinen Mütter, jubeln Hoffnungen, ätzen Kleinmut und Griesgram, schlägt neue Kraft auf. Alles neben- und ineinander. Tausende von Eltern trennen sich hier von ihrem Mutterland ab und es beginnt auf der Blumeninsel sich zu entscheiden, ob ihr Blut der Heimat verloren geht oder in einem neuen stärkeren Sinn sich sie bewahrt und wachsend sie in die Zukunft trägt.