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Mittwoch
Wir warteten in Itacurussá schon in der sechsten Stunde. Um 10 Uhr waren wir mit der Küstenbahn von Rio de Janeiro aus in diesem Ort angekommen. Das Boot der Kriegsmarine hätte uns um diese Zeit holen sollen, um uns nach der Insel Marambaia zu bringen. Der brasilianische Kapitänleutnant, der sich für den Zoologen unserer Expedition interessierte, hatte uns Pünktlichkeit fest zugesagt und Itacurussá war nichts weiter, als ein brasilianischer Küstenflecken mit zwei Reihen Häusern und einem verfallenen Musikpavillon auf einem häuserlosen Platz. Darüber konnte keines der zerbeulten Emailschilder hinwegtäuschen, die an jeder Hausecke großspurige Namen, wie Avenida do Beira Mar, Avenida Boa Vista usw. auf den Fremden niederzuposaunen versuchten, Wirkung jedoch nur gegen den Einheimischen hatten.
Es ist nicht zu leugnen, daß die Töchter des syrischen Krämers, bei dem wir uns verproviantierten und eine alte Azetylenlampe kauften, von der es nicht ausgemacht war, daß sie auch brannte, Schönheit besaßen, die glühte. Aber für wen glühte sie? Sechs Stunden ist eine lange Wartezeit und die Ungewißheit, die vor uns stand, ob diese Wartezeit überhaupt ein Ende nehme, konnte ebensowenig durch die Aussicht, in einer der verwanzten Kammern des Wirts schlafen zu müssen, wie durch jene auf das Meer wettgemacht werden, trotzdem sich auf ihm in weiten Scharen aufziehende Gebilde verwegener Inseln erhoben und zwischen Sonne und Fernendunst mit den Wolken spielten.
Wir entließen ab und zu in der Richtung von Rio de Janeiro Worte, die mit der Liebenswürdigkeit, mit der die Behörde des Kapitänleutnants uns das Schiff angeboten hatte, durchaus nicht Hand in Hand gingen. Die Geschichte war die, daß die Insel, zu der wir wollten, nur von einigen Fischerfamilien bewohnt war und nicht die geringste Verbindung nach auswärts hatte. Wir waren auf das Boot der Kriegsmarine angewiesen, um hinzukommen. Wir wollten hin, um zoologische Untersuchungen und Filmaufnahmen von Tieren und Menschen zu machen.
Nun, es ging gut aus. Am Ende kam das Schiff doch. Es war ein alter Minenleger. Wir verfrachteten Käfige, Fallen, Waffen, Apparate usw. auf die Minen-Gleitschienen, die wohl schon bei Jahren, aber gewiß noch jungfräulich waren, und kamen mit der untergehenden Sonne an einem Palmenstrande an, der robinsonhaft einsam und schön war.
Eine Strecke des Wegs durch das Küstengebüsch brachte uns zu einem unerwarteten, riesenhaften Gebäude. Es war im alten sogenannten »Kolonialstil« gebaut, nur ein Erdgeschoß, vor dessen ganzer langer Front und den beiden Seiten eine tiefe geräumige Veranda lag. Vor ihm strebten Palmen in einer langen Reihe mit jähen Säulen in die Höhe und hinter ihm erkletterte der Wald das Gebirge. Der Tag dauerte gerade noch lange genug, um uns feststellen zu lassen, daß hinter der schönen, weiten Veranda genügende Räume zum Unterkommen lagen, aber in keinem der Räume auch nur ein Stuhl, geschweige denn ein Bett war. Als solche mußten Matten dienen, die wir auf den Boden legten.
Immerhin standen zwei Bänke in der Veranda, und da sich die Türen aushängen ließen, hatten wir bald auch einen Tisch. Und siehe, der Azetylenkessel des Syrers brannte! Das war ein Glück, denn der Verwalter des Hauses, das der Kriegsmarine gehörte, besaß keine Lampe. Wir zogen das leichteste Schlafgewand an, denn die Nacht brühte herein. Da huschten zwei weiße Frauenkleider am andern Ende der finstern Veranda durch. Was war das? Mit diesem Geheimnis legten wir uns nieder auf die Matten und den harten Boden. Die Beutelratten begannen unterm Dach polternd um die Wette zu laufen. Die Nachtinsekten hatten in meinem Zimmer heute scheinbar ihr Nationalfest. Die Moskiten sangen zu ihrem Ball, wie schwirrende Stahlsaiten und stachen uns, als seien wir Schweine. Wir schlossen die Türen, schlossen uns aber nur mit ihnen ein. Wenn man mit der Hand über den Rand der Matte geriet, faßte man in fingerhohen Staub und Schmutz und hundert Tiere überrieselten die Hand.
Donnerstag
In der Nacht war es so kühl geworden, daß man sich zudecken mußte. Ich war vor der Sonne auf. Sie kam herrlich in die gekühlte Natur. Doch gleich mit ihr, stieg auch wieder die Hitze auf die Insel nieder.
Zwei Caboclo mit ausgesprochener Vorherrschaft afrikanischer Abstammung standen vor der Veranda. Der eine hatte einen Hund an der Leine, der andere in der Hand eine Vorderladerflinte. Flinte und Hund waren einander wert. Es kämen noch mehr Hunde, sagten sie, Pacca-Jagdhunde. Der Verwalter des Hauses – er heißt Elisio – hatte uns die beiden als Führer besorgt. Wir gingen gleich in die pralle Sonne hinein.
Unsere Führer auf Marambaia
Zoologische Arbeiten an der Küste
Von einem erhöhten Punkt aus sahen wir südwärts den Pic von Marambaia in die Wolken tauchen, von unten bis oben mit krausem Wald überjagt. Aber nach Norden lief die Insel als ein flaches Horn aus und stieß noch meilenweit, wo der Küstenwald aufhörte, mit einem Strand, der auslaufend, dünn und weißglänzend, wie eine Dolchklinge war, über das Meer dahin.
Wir kamen zu den Niederlassungen der Fischer. Alle waren Mischlinge von Negern, Söhne ehemaliger Sklaven, ja einige waren selber noch Sklaven auf dieser Insel gewesen: denn das Gebäude, in dem wir wohnen, ist das Wohnhaus einer alten Façenda, die durch die Aufhebung der Sklaverei zugrunde ging. Es mochten sechzig, siebzig Menschen als Überreste der früheren Sklavenarbeiter hier wohnen. Sie lebten alle vom Fischfang und von der Hand in den Mund. Sie sprachen die den Sklaven eigentümlich gewesene altertümliche kindliche Sprache, die das Fürwort der zweiten Person nicht kannte, sondern alle Menschen und sich selber »er« nannte. Ihre Kanus lagen in den Schatten gezogen. Ihre Kinder und Weiber flohen vor uns. Kolibris spielten schwirrend an den gelben Blumen der hohen Kakteen an ihren Hütten. Alle Menschen waren arm wie Mistkäfer, die in eine Kirche geraten. Die Natur mochte sie mit einer Saftigkeit umgeben, die in keine Gefäße zu fassen war … arm … armselig … ohne Ausblick … so unerschöpflich, unbegehbar reich, hoch und wild die Berge der Insel über ihnen emporstiegen und alle Fruchtbarkeiten unausmeßbar vergeudeten.
Die Sonne tat ihren ausgedorrten braunen Körpern nichts. Uns drohte sie auszusaugen, auszusengen. Man durfte in ihr nicht schlendern. Sie schoß vom weißen Strand herauf auch von unten uns in die Kinnbacken, wie ein gespenstiges, gliederloses Molochtier, das nur brennendes Maul war. Man mußte mit einer gemessenen Regelmäßigkeit, die Augen hinter der farbigen Brille krampfhaft gradaus gerichtet, vor sich hinschreiten.
Elisio ging immer mit uns und trug unser Schmetterlingsnetz. Er benahm sich, als ob er, der vom Marineamt bestellte Verwalter, aufpassen mußte, daß keiner von uns den Pic in die Tasche verschwinden ließ. So oft wir filmten, verschwand er bescheiden im Buschwerk und fort war seine ganze Wichtigkeit.
Wir tapsten Stunden umher und bückten uns in den Uferfelsen zu kribbelnden Wassertierchen, fingen sie in Schalen auf und der Kosmos sauste wie in einem dummen Zauber zusammen zu dem flohgroßen Punkt dieser Lebewesen aus Klasse 500 des Seienden. Wer zum Henker hatte uns in diesen versengenden Vormittag des schattenlosen Strandes gehetzt?!
Nun schön, meinetwegen, die Wissenschaft!
Ich kehrte vor den andern um und wanderte, wenn ich die Augen schließen konnte, blind über die brühende Bahn des Strandes heim, in einem mechanisch erzwungenen Hinschreiten. Als ich nach Stunden an die Veranda kam, sah ich zwei brasilianische Mädchen in weißen, städtischen Kleidern am anderen Ende. Ich grüßte. Sie gingen ins Haus hinein. Was taten sie auf dieser alten Sklaveninsel?
Ich bereitete in der Veranda, wo Schatten sich mit Hitze paarte, das Mittagessen für uns. Es war schon drei Uhr und wir hatten nichts zu essen und zu trinken gehabt seit der frühen Stunde des Aufbruchs.
Nachmittags muß man schlafen.
Abends gingen wir mit unsern Führern Fallen für Paccas und Füchse legen, und warfen in dem Bach, der am Haus träg und wie verfärbtes Blut vorbeifloß, für Alligatoren Angeln aus, an die wir die großen Raubvögel befestigten, die wir vormittags geschossen hatten und die schon stanken. Die Hitze wollte nicht nachgeben. Ich lag eine Weile allein am Strand, zog mich dann aus und ging ohne besondere Überzeugung ins Wasser. Es war bis weit vom Ufer fort seicht. Mit einer schleimigen Lauheit umbadete es mich. Später trocknete es nicht ab. Doch vor den Tausenden von jäh angreifenden, nachtwachen Tierchen mußte ich die Kleider wieder anziehen. Ich legte mich unter die Palmen in den Sand. Der Mond überflog ihre Kronen. In der Luft, hoch, erschienen große, hell aufleuchtende Käfer, wie neue Sterne, die in geheimnisvoll raschem Erscheinen aufleben und ebenso verschwinden. Ein Glockenfrosch läutete im sumpfigen Gebüsch. Er weckte die Stimme einer Grille. Sie antwortete ihm mit den Lauten einer hellen Schnarre. Ein Zug, aus der Kulturwelt mit jähem Zauber hergebracht schrillt auf – es ist die Lokomotiv-Zikade. Ein Ton webt sich zu einem Schrei aus, der Schrei zu einem Gebrüll. Die ganze Dunkelheit durchzieht sich mit Lauten, überschwemmt sich mit Lärm. Mir graut vor dem Alleinsein. Wo sitzen alle Tiere? Wer sind sie? Wovon leben sie? Wozu? Wie werden sie gezeugt? Wie sterben sie? Wie viele sind es? Groß … Klein? … Giftig? … Schön? …
Ich gehe rasch der Façenda zu. Zwanzig Schritte vor dem Haus führt ein handbreiter Balken über den blutfarbigen faulen Bach. Der Wasserspiegel liegt manntief unter mir. Ein irisierendes Schillern leuchtet auf ihm mit einer gehetzten Unruhe, wie der Abglanz einer im Fluch verirrten Seele. Da schreien einmal oben im Wald die Affen auf, als geschehe ein Mord zwischen ihnen. Doch ich bin schon über den Balken und sehe am Ende der langen Veranda den Azetylenkessel brennen. Als ich nahe an das Haus kam, wichen zwei hell dämmernde Flecken auf und verschwanden in eine der finsteren Türen am unteren Teil der Veranda. Ich erkannte die Gestalten der beiden brasilianischen Mädchen.
Freitag
Wir haben heute sieben Stunden in der Sonne am Strand gefischt und gefilmt. Aber heute war es nicht nur Wissenschaft, es war auch Leben dabei!
Der Wind stand günstig zum Fischfang, und die Kanus kamen um die felsigen Ecken gerudert und strebten nordwärts, wo die Ufer flach die weite Bucht umbordeten. Wir zogen den Strand hinab. Die Sonne warf sich gegen uns an. Die Fischer zogen Netz um Netz in weitem Bogen durchs Wasser und ans Land. Der Inhalt paddelte im Sand und panierte sich gleich mit ihm.
Es waren in der Hauptsache Crevetten, doch eine größere Art, als die der Nordsee, eher wie die Scampi der Adria. Ab und zu schlug ein Stachelroggen von dem Ausmaß einer ordentlichen Tischplatte sich wie ein Lappen zwischen dem Gezeug herum, das das Netz ans Land zog. Vereinzelt sah man in dem fernen Blinken des Strandes Gestalten kommen. Es waren Kinder, Mädchen, Frauen der Insel, die kamen, um Fische auflesen zu helfen, wofür ihnen als Lohn eine kleine Backicht von Abfallfischen gegeben wurde. Arm … arm … arm … vielleicht glücklich, ich weiß es nicht. Aber es war schön, wie diese Gestalten, von ferne kommend, im Spiel der grellen Sonne wie schwarze gelöste Flammen über dem weißen Sand zu schweben schienen, und meinte man sie noch weit fort, so waren sie doch schon bald neben Einem.
Das meiste der Fische wurde im Sand liegen gelassen, denn Seezungen, Knurrhähne, Flundern z. B. seien giftig, glauben die Fischer. Aasgeier und riesenhafte Fregattvögel standen über dem Fangplatz und einhundert Meter vor dem letzten Fischernetz warteten fünftausend Möwen auf die Mahlzeit; die saßen am Strand und verhielten sich so ruhig, als hätten sie Angst, den Fregattvögeln und den Aasgeiern zu verraten, daß auch sie als Konkurrenten da waren.
Aber auch wir waren da und hatten die schönste Arbeit, die einzelnen Fisch-, Tier- und Muschelgattungen, die mit den Netzen ans Land kamen, auseinander zu lesen. Wir pfefferten also einige Bleibohnen in die Konkurrenz. Die Stadt der Möwen raste vor der Sonne hoch, brachte augenblickelang Schatten und trug ihren Hunger einen Kilometer weiter. Die Aasgeier entstiegen der Reichweite des Gewehres, aber die Fregattvögel wurden jähzornig. Manchmal stürzten sie in jähem Schuß über uns hernieder und es sah aus, als wollten sie uns angreifen in der Wut, daß wir uns ihre Rechte angeeignet hatten. Einen schossen wir, der 2,30 Meter Flügelspannweite maß.
Müllegger konnte seine Gläser und Fässer mit besonderen Fischarten füllen und ein Fischchen war darunter, das eines der schönsten Lebewesen der Schöpfung war. Es sah aus wie ein lebendiges, irisierendes Perlenplättchen. Sah man diese Fischlein nach dem Fang im Sande liegen, so schien es, als seien sie glühend gewordene Silberplättchen, und nahm man sie behutsam in die Hand, schauten einen aus dem dünnen, flachen Körper Augen an, wie solche von Kindern, die, zu einer zauberhaften Ewigkeit befreit, in Vineta unter dem Wasser träumen. Sie werden »Korallenfische« genannt.
Das erzähle ich nun so, als umschwärme uns bei dieser Arbeit die sanfteste Frühlingsluft. Unsere Haut wurde durch die Kleider hindurch geröstet. Der weiße Strand ist erbarmungslos, ist Galeere. Die Lungen ziehen eine Hitze ein, der jeder Sauerstoff zu fehlen scheint. Wir müssen uns und die Apparate ab und zu hinter einem Segel in einen durchglühten Schatten stellen. Wir verdürsten. Die Fischer nehmen nichts zu trinken mit. Die Sonne hat sie geboren. Sie sind barhäuptig und haben nie Durst.
Wir finden den Abfluß eines Wassers aus Mangrovensümpfen. Es ist rotbraun gefärbt, durch sein Sandbett aber filtriert, und wir legen uns ans flache Ufer auf den Bauch und hängen die Münder hinein, wie Hunde.
Und dann der Nachhauseweg … Die Stunden durch die steile Sonne, jetzt ohne Spannung, nur noch dem Zwang mechanischen Hinschreitens hingegeben. Sind aber die Strapazen zu Ende und liegt man im abgedunkelten Zimmer auf der Matte, der Schweiß sprengt die Haut, so ergreift Einen eine unbändige, über alle Ufer des Daseins brennende Freude, daß der Körper diese Stunden ertrug und bemeisterte. Der Rauch der Zigarre, deren schwarzer Tabak, in dieser Sonne gereift, sich mit ihrer Würze gefüllt hat, schwebt vom Gaumen auf und versenkt beruhigenden Genuß in die erregten Nerven.
Die Eingeborenen von Marambaia bringen Vögel zum Kaufen
Ein Fregattvogel, der 2,30 Meter Flügelspannweite mißt
Was nur die beiden weiß gekleideten Mädchen hier machen? Man sieht sie nie außerhalb des Hauses und immer nur den Augenblick lang, in dem sie von der Veranda sich rasch in eines der Zimmer begeben, deren Fensterlöcher undurchsichtig mit Drahtnetzen bedeckt sind.
Samstag
Man kann nie die Nacht ausschlafen. Hundertmal weckt man sich auf an Stichen, an der Hitze, an der Härte des Lagers, dem Schmutz des Bodens. Die Frühdämmerung ist immer eine Erlösung aus infernalischen Qualen, die sich durch die Träume des Halbschlafs in sausende Erregtheiten steigern.
Jeden Morgen bin ich der erste auf der Veranda und richte zum Frühstück her. Im Busch wirkt ein Vogelpaar. Das Männchen singt wie ein Fagott, tief und glückhaft, alle Süßigkeiten versprechend, die die Einsamkeit Zweier zur Paarung zu gewähren vermag. Das Weibchen singt mit kleinen, hohen, kindhaft zwitschernden Tönen nach. Lange geht dieser entzückende Liebesgesang ums Haus und verklingt allmählich den Berg hinan, langsam sich auflösend in die Gluten von Farben, mit denen die Sonne den Tag beginnt.
Dann kommen die Führer mit ihren Hunden. Die Hunde sind Jammerwesen … Mager, mit Geschwüren bedeckt, klein, schwächlich. Wie können sie einen Fuchs oder ein Pacca, das kleine Wildschwein der Gegend, jagen? Sie sind von ihrem Kämpfen um das Fressen, das sie sich selber suchen müssen, mit Wunden überdeckt. Wir gehen in einem dramatischen Aufzug, am Filmapparat vorbei, los auf die Jagd. Die Führer haben Freunde und deren Hunde mitgebracht. Sie tragen Kinoapparate und allen Zubehör auf dem Kopf. Wir selber haben Waffen aller Gattungen vom Flobert für kleine Vögel über die Winchester zur Nilpferdbüchse mit Dum-dum-kugeln.
Aufnahme! Los!
Als wir in den Wald kommen, gab der große Neger Zwitscherlaute und Pfeiftöne mit dem Handballen und zwischen drei Fingern von sich, wie Affen. Er wollte sie anlocken. Aber sie glaubten es nicht. In der ersten Falle hängt ein Fuchs mit dem Bein. Er hat die Verankerung losgerissen, ist aber ein Stück weiter mit ihr hängen geblieben. Er bellt gegen uns und zeigt die Zähne. Der große Neger schiebt seinen Vorderlader unter das Astwerk. Der Schuß versagt. Nicht schießen! schreit man. Wir nehmen ihn lebend mit. Wir treiben mit Mühe die Hunde von ihm binden ihm die Schnauze zu und die Beine aneinander und er wird in das Haus getragen, mit einem Draht unten an der Veranda angefesselt. Es ist ein kleines, sehniges und starkes Tier mit einem grauen Fell, ein »Pampasfuchs«.
Darauf werfen wir uns jede zehn Schritte mit der Nase auf den Boden, wo die Caboclo uns Paccaspuren zeigen. Die Hunde gehen ins Gehölz. Immer wieder auf den Boden, wo Paccaspuren … Auf einmal regnet es. Die Expedition mußte abgebrochen werden. Die Apparate werden im Sturmlauf heimgerettet. Der Regen steigert sich. Wir liegen auf der Matte. Der Regen rauscht draußen wie Wasserfälle auf die Erde. Es wird gejammert wegen der gescheiterten Jagd. Denn morgen ist Sonntag, wo der Kapitänleutnant uns holen kommen wollte, und übermorgen sollen wir die Insel verlassen.
Der ganze Tag Regen!
Auf einmal schreien draußen die Schwarzen: der Fuchs! (Sie nennen ihn übrigens cachorro de matto, Waldhund.) Wir hin. Er hat den Draht durchbissen und gedenkt grade dort in der Tiefe des Brachlandes zu verschwinden. Wenn die Hunde nicht wären. Bald wird er wieder hereingebracht und nun mit einer Kette angebunden.
Der Regen rast wie Wolkenbrüche an die Bergwände und saust in die Wälder. Eine süße, wollüstige Abkühlung durchschwebt die Welt.
Nachts höre ich ununterbrochen den Fuchs auf die Kette beißen und hin und herjagen, der nahe Wald ruft. Ein leidenschaftlicher, wilder Gestank geht von dem unglücklichen Tier aus, die einzige Waffe, die er gegen uns hat. Er beizt sich in die Nacht, in die Kleider, in die Wände. Der Fuchs stinkt uns aus dem Schlaf.
Sonntag
Der Tag begann damit, daß einem armen Mann ein Sonntagstraum zerstört wurde. Er kam durch die halbe Nacht von seinem fernen Ufer und brachte uns Eier. In Rio kostete das Dutzend 5 Milreis. Aber er träumte von den fremden Herren zwanzig dafür zu bekommen. Es wurden ihm die Preise von Rio genannt. Da war er sehr enttäuscht und ermäßigte seinen Traum auf 15. Schließlich gab er sie für zwei Milreis. Es ist lange Zeit her, daß ich keinen so niedergeschlagenen Mann mehr sah, wie diesen Eierträumer, als er die zwei Milreis zusammenfaltete.
Der Regen ist vorbei. Die Erde ist mit Wasser getränkt. In den Wäldern vor dem Strand fließt es, wie ein wandernder See. Die Tiere sind näher beisammen. Heute gibt es gewiß ein Pacca. Mit den Nasen am Boden. Pacca spüren. Einer der Treiber hat heute eine Waffe, die aussieht wie ein mittelalterlicher Sauspieß. Es soll »eine Passage« gefilmt werden. Das scheint die hauptsächlichste Beschäftigung bei »Naturfilmaufnahmen« zu sein.
Als der Apparat postiert war und der Operateur die Hand an die Kurbel legte, kam aus dem Gestrüpp ein Fuchs, schaute uns an und schien zu sagen: »Das trifft sich wie ein Wunder! … Drehen … Drehen!« – Drehen! brüllten wir alle, denn der Fuchs liebäugelte gerade mit der Linse des Filmapparats. Aber die Hunde wollten auch mittun und der Fuchs wußte in der Eile keinen besseren Rat, als dem Operateur und seinem Dreifuß zwischen die Beine zu laufen. Die Hunde nach. Der Fuchs unter die Wurzeln eines unterwaschenen Baumes. Da zerrten wir ihn, da er vergessen hatte, seinen buschigen Schwanz an sich zu ziehn, damit heraus, und dann wurde gefilmt, wie vier oder fünf Hunde ihren alten Feind Fuchs zu erledigen unternahmen.
Wir hatten einen Aufpasser am Strand. Er sollte melden, wenn das Schiff sichtbar wird. Doch es verging Stunde um Stunde und es kam nicht. Die beiden brasilianischen Mädchen trugen heute, am Sonntag, breite rote Seidenschleifen um die Taille. Ich sah sie grade in die bewußte Tür flattern, als ich vom Strand herauf mich dem Haus näherte. Unter uns war, ich weiß nicht wie, da wir schließlich alle Europäer und im ganzen nur zu fünfen waren, der Mythos entstanden, sie seien die Töchter eines brasilianischen Admirals. Womit noch nicht der Grund erklärt war, weshalb sie in der alten verfallenen Façenda auf einer verlassenen Insel im Ozean wohnten. Elisio, den Verwalter, hatten wir schon angetippt. Er schaute unter dem Strohhut hervor und sagte mit einer kleinen Handgebärde: Es sind Fräuleins …
Der Kapitänleutnant kam nicht. Einerlei, es war ja sehr schön auf der Insel Marambaia, und da sie 100 Kilometer Umfang und 20 Durchmesser hatte, die Paccas sich eifrig vor uns verbargen, hatten wir ja noch Arbeit genug.
Montag
Die beiden verliebten Vögel jubelten balzend mit jedem Morgenrot durch den Wald vorbei. Heute sah ich sie endlich. Es ist eine Schnepfenart und sie haben schillernde blaue Hälse. Eine lange, graue Schlange kriecht an einem toten Palmenstamm hinauf und wird oben, in einem Bild, vor dem man erschauert, von einem der Löcher lautlos gleichsam eingeschluckt. Wir klopfen, wir schießen in den Stamm, doch sieht niemand sie wieder. Die Leute bringen von weither den Fremden lebende Vögel, Schlangen, Frösche, Schildkröten, Muscheln. Auf unserer Veranda tirilieren, singen, schreien, zwitschern und radauen hundert Vögel in ihren winzigen Bambuskäfigen. Ein Alligator geht spazieren. Ein Affe windet sich um die Balken. Schlangen züngeln gegen die Glaswände der Behälter, in einem Blechkasten lärmen Krabben, so groß wie Kinderköpfe; im Mull kriechen riesenhafte Käfer … der Fuchs stinkt und zerbeißt sein Unglück auf der Kette.
Einmal am Tag, man kann Gift drauf nehmen, zeigen sich die brasilianischen Mädchen, doch immer flüchtend. Bald ist es vormittags, bald nachmittags, bald in der Dunkelheit.
Wir gingen heute wieder das hohe südliche Ufer hinab. Wenn das Schiff käme, würden wir es dann sehen. Der Pfad steigt als ein Bogen in Wellenlinien durch Stein- und Hohlwege durch einen Berg, der mit einem hohen Gras bis oben hinauf übergossen ist. Das Gras ist klingend trocken und die Vorstellung reizt mich ununterbrochen: wenn man hier einen Pampasbrand veranstaltet! Welches Bild! Was für Getier wird flüchten? Die Erde wird mit der Sonne im Heizen wetteifern! Und dann filmen … Das wäre endlich einmal nicht eine Passage … eine Flamme, die vom Meer aufwärts den ganzen Berg verschlingt!
Von dem Schiff war nichts zu sehn. Die Sonne überstieg uns. Wir legten uns, zum Meer hinabgekommen, in der Nähe der Hütten in den Schatten. Da hörten wir wüste, gehetzte Schreie einer Frau. Und gleich folgten ihr in derselben Angst und Heftigkeit solche eines Mannes. Es war dann eine Weile still. Plötzlich wiederholte es sich: die Frauenschreie und einen Augenblick später, sekundierend, die Männerschreie. Was ist das? Wir gehen auf Kundschaft aus. Erfuhren etwas sehr Sonderbares! Es war eine Frau, die Kindswehen hatte, und sooft die Wehen kamen, schrie der Mann, der auf dem Boden saß, mit. Weshalb? Wozu? War das ein Einzelfall, der mit den Nerven zusammenhing oder geschah es in einer Transformation im Gemüt, daß der Urheber geistigen Anteil an den Folgen der Ursache nahm? Tiefe, im Geheimnis der näher gebliebenen Natur verwurzelte Lebensphilosophie!
Der Berg auf Marambaia brennt
Bananen-Träger
Bei den Eingeborenen anderer Weltteile hatte ich Gegenteiliges erlebt. Dort wurden die Weiber, wenn ihre Stunde nahte, in den Wald getrieben und besorgten es in der Ausstoßung und Einsamkeit.
Es war auf die Dauer schaurig anzuhören, und wir kehrten um. Der Gewohnheit nach hielt ich mich beim Nachhausegehn unterwegs nicht mehr auf, sondern schritt mechanisch in regelmäßiger Gangart aus und war bald den Kameraden weit voraus. Der Pfad stieg vom Ufer den Grasberg hinan. Das Gras reichte bis an die Brust und wo es den Weg überhing, war es, als schwämme man hindurch. Wo der gespaltene Felsen vortritt und der Pfad ihn überklettert, wende ich mich um und sehe die andern noch tief unten am Meer.
Aber kurz vor mir brannte das Gras. Eine breite wälzende Flamme warf sich hinein, bergan, die dicken Stengel knackten und beugten sich in langer Schar von oben hinein, ein dunkler Schwaden Rauch rollte die Fläche hinauf. Das Feuer umspülte die Felsen. Das Gestein krachte. Eine jähe Glut sprang auf mich. Ich schieße, um die andern heraufzubekommen, denn es bestand die Gefahr, daß das Feuer über den Weg sprang und dann wäre man nicht mehr durchgekommen. Die Kameraden schauten herauf, sahen was los war und stürmten nun. Das Feuer wuchs. Grüne Bäume, die ab und zu drin sich erhoben, sengten zusammen und in einer Viertelstunde war der Berg nur mehr eine Flamme, die mit hunderttausend Mäulern schlang. Getier floh. So rasch entstürzte es der Hölle, daß man nicht erkannte, was es war und fiel zum Strand hinab ins dichte Wirrnis der Gräser und Gesträuche. Eine Schlange berührte den großen Stein, auf dem sie kein Feuer mehr sah und lag auf einmal still und tot, verbrüht von dem glühenden Felsen. Der Rauch fuhr mit einer wilden Schwärze, wie eine Katastrophe, zum Himmel.
Elisio sprach von Polizei. Wichtigtuer! Ja, er als Verwalter müsse die Polizei benachrichtigen. Immerhin bestehe ein Verdacht … Wo gab es denn Polizei auf Marambaia? Ich klopfte ihm auf die Schulter und sagte: Ja, mein Junge, das würde ich auch tun! Selbstverständlich! Er machte ein ernstes Gesicht, denn er fühlte sich.
Als wir zur Facenda kamen, die landeinwärts um die Berge herumlag, sahen wir, daß das Feuer schon jenseits des Waldes über den ersten Berg gerast war und weiterging. Von einem andern Höhenzug wälzten nun die dunkeln Wolken auf. Wenn die Wälder dem furchtbaren Andrang des Feuers nicht standhielten! Eine ganze Insel mit 2000 Fuß hohen Bergen in Flammen!
Der Kapitänleutnant kam nicht. Wir sahen besorgt unsere Vorräte an. An Trinkbarem gab es seit gestern nur mehr das Wasser aus der Grotte. Auch das Karbid nahm heute ein Ende. Die Hitze hatte jetzt die Wirkung des Regens ganz weggesaugt und abends kamen die Schlafgenossen wieder. Wir versuchten zwei Paar Strümpfe übereinander, dann schlief man in den Gamaschen. Aber Gesicht, Hände, Hals waren frei. Wir waren alle mit Stichen übersät. Die Glieder, die Lippen, Augdeckel waren geschwollen. Nachmittags hatte ich mich auf die Matte gelegt und war eingeschlafen. Als ich aufwachte, war meine rechte Hand, die von der Matte abgeglitten war, mit dunkeln Pünktchen bedeckt. Ein jedes war ein Tierchen und riß man es weg, stand ein Blutstropfen an der Stelle. Abends sah man schon das Ei in der Wunde.
Ich habe unter diesen Freunden, die sich nicht von uns trennen wollten, fünf verschiedene Sorten festgestellt: eine kleine und eine große Art von Moskiten, eine ganz kleine, kurze dicke Fliege, die wie taumelig rasch war, eine große Stechfliege und eine mittelgroße, grün gestreifte Fliege, die je wütender man sie verjagte, umso jähzorniger einen angriff, so daß es stets zu einem hartnäckigen Kampf mit diesen Zornschippeln kam.
Vor dem Schlafengehn schauten wir noch nach dem Brand. Er ging weiter und der Himmel war rot bis zwischen die Sterne.
Dienstag
Der erste Blick des Tags auf den brennenden Berg. Es steht eine ungeheure, kaum bewegte, finstre Säule von Rauch über ihm, die wie ein Turm bis in den Himmel aussieht. Es ist ein Glück, daß alle Hütten am Strand und in Sicherheit vor dem Brand liegen.
Das Façendahaus hat noch Bewohner. Heute war plötzlich eine außergewöhnlich schöne, edel und stolz aussehende Negerin von nubischem Typ in der Veranda. Auch sie wich zurück, sobald sie mich erblickte. Gehört all diese Weiblichkeit nun zu Elisio? Er kam übrigens wieder mit der Polizei wegen des Brandes. Ich ließ ihm sagen, wir seien die Gäste seiner Behörde und es sei nicht statthaft, uns in dieser Weise zu belästigen und zu beleidigen. Im übrigen solle er sich ruhig in ein Kanu setzen und zu dem 20 Seemeilen entfernten Flecken rudern, in dem die nächste Polizei sitzt, aber mit dem Reden aufhören. Seitdem sagte er nichts mehr.
Mit Müllegger ging ich zu nahen Bächen und Tümpeln, Fische und Wassertiere fangen. Er ist immer enttäuscht, denn nie ist in dem Fang der Frosch, den er sucht, die Rana M. Brasiliensis. Das ist nicht zu ändern. In Bächen, in denen bei uns pfündige Forellen nach Fliegen schnappen würden, lebt nur ein winziges Getändel von Fischlein, drauf bedacht, vor unsern Netzen sich in den Bodengrund einzubuddeln. Aber der Zoologe ist entzückt. Es ist wahr, es ist einer dabei, den ich auch mag. Er hat eine körnige Haut und Barthaare und sieht aus, wie ein auf einen Zentimeter Länge reduzierter Weller, die in unsern Seen bekanntlich über einen Zentner schwer werden. Wenn man ihn in die Finger nimmt, ist er trotz seines Liliputanertums von einer wilden Ungeberdigkeit und einem temperamentvollen Jähzorn, der einen entzückt.
In einem umwachsenen Tümpel fanden wir noch etwas Merkwürdigeres, einen Fisch, der sein Nest behütet und unermüdlich mit ergrimmten Schlägen auf die Hand losgeht, die sich ihm nähert. Er ist ebenfalls ein Wels, doch von etwas größerem Format, etwa 30 Zentimeter lang.
Der Kapitänleutnant und das Schiff sind immer noch nicht gekommen. Es gibt weder Post noch Telephon oder Telegraph auf der Insel. Man bekommt nur Bananen und Manioccamehl zu kaufen. Wir leben von Krabben und schwarzen Bohnen, abends sitzen wir ohne Licht. Kein Carbid, keine Kerze, alle elektrischen Taschenlampen ausgebrannt. Man liegt nach der Dämmerung am seichten Strand im schwülen Seewasser. Über der Brandstätte, die im Gebirg weit um das Haus herumgezogen war, steht ein zarter rosa Lichtkegel, leise zitternd, wie erregt nach einer Katastrophe ausatmend.
Ein Stern, so groß wie eine Bogenlampe und so leuchtend, wie ein seliges Auge, das in einer Leidenschaft zwischen Firmament und Erde brennt, hält sich dicht daneben. Es sei der Jupiter, sagt einer.
Langsam sinkt der Stern hinter den Berg. Langsam veratmet der rosa schimmernde Schein. Wolken fliehen finster durch die Nacht aus einem Bergpaß hervor. O cruzero do Sul … das Kreuz des Südens! flüstert eine Stimme, die im Wohlklang des Namens die geheiligte Atmosphäre heraufbeschwören will, in die dieses Sternbild sich bettet. Die Insekten dringen auf mich ein. Nun fängt es an zu regnen und der Brand erlöscht endlich.
Auch der Fuchs war erlöscht. Die Sehnsucht nach dem Wald, der Tag und Nacht auf ihn niederroch, hatte ihn getötet. Tiere können aus Sehnsucht sterben.
Mittwoch
Was für ein merkwürdiges Haus! Als ich nach der schlaflosen Nacht, nachdem ich in der Frühdämmerung im abgekühlten Meer gebadet hatte, heim kam und dort, wo Elisio sein Zimmer hatte, die Veranda betrat, saß in einer Tür eine ganz alte weißhäutige und weißhaarige Greisin. Sie konnte nicht vor mir fliehn, denn sie lag hilflos in einem breiten Stuhl. Aber sie schloß die Augen, als ich grüßend vorbeiging.
Wir sind nun mit allem behaftet, was die feindlichen Insekten uns haben tun können. Einige haben Nesterkolonien von Sandflöhen unter den Sohlen. Die andern haben an den Händen Eiterbeulen von den Dasselfliegen. Ich bin an den Händen und Füßen übersät mit den eiergepunkten Stichen der Maribonds, die aufgekratzten Wunden der verschiedenen Moskiten zählen schon gar nicht mehr. Wann wird uns das Schiff abholen kommen?
Aber wir wollen das Unvermeidliche auf uns nehmen und ein letztes großes Unternehmen heute dransetzen. Vielleicht schwimmen wir morgen die zehn Seemeilen zur Küste. Wir wollen heute zur »Lagoa«. Die Lagoa war ein Wasser, das weit fort, sagenhaft zwischen Wäldern am Fuß des Gebirges lag. Die Wälder grunzten von Paccas, sagten uns die Jäger. Also Hunde, Nilpferdbüchsen, Drilling, Winchester, Kinoapparate … los!
Alle Pfade in der Ebene waren vom Regen her Bäche. Wir waten zwei Stunden. Dann geht es bergan. Der Weg durchsteigt einen tollen Wald, der zur Hälfte abgerutscht ist. Später ziehen wir in einen Hang, in der niederschießenden Sonne, durch Grassteppen, in denen keiner mehr den andern sieht. Wir umsteigen das Gebirg und kommen wieder in eine Grasebene, in einen ungeheuern See von Gras, aus dem ab und zu, dem waldbedeckten Bergrand genähert, Reihen von Palmen oder einzelne alte Mangobäume stehn, unter deren Kronen jedesmal ein Dorf Platz hätte. Die einen klettern im Wald auf der Paccajagd herum. Der Neger mit dem Vorderlader macht mit der Hand das Geschrei der Affen nach, um solche anzulocken. Der Schatten unter den Mangobäumen ist von einer traumhaften Ruhe und Schwere. Er ist schwarz durchfiltert, wie das Licht in einer Grotte.
Ein alter Neger war bei uns geblieben. Er kannte eine Quelle in der Nähe und holte uns Wasser aus ihr. Dann sagte er, er sei schon sehr alt. Er sei noch Sklave gewesen auf der Façenda. Er erzählte aus jener Zeit, von den Besitzern und von der Aufhebung der Sklaverei. Es sei in der Hauptsache eine Kaffeeplantage gewesen … Man sah bei unserm Haus auch noch Kaffeesträucher.
Und nun ist es auch nicht mehr weit bis zur Lagoa. Wir warten unten, unter dem Mangobaum liegend, auf die Jäger. Die Hunde bellen fern irgendwo im Wald herum. Ich bin dem Schatten der Baumriesen anheimgegeben. In ihm erleben die Vorstellungen mit besänftigter Wollust alle Wunder tropischer Geographie. Man liebt diese Erde, die man bisher nur widerwillig in Anstrengungen bewundert hat. Es ist, als spräche der Geist der tropischen Botanik und Zoologie besänftigend Einem mitten ins Herz. Die Sorglosigkeit löst sich als ein narkotischer Hauch aus der Phantasie. Man schwebt aus sich selber auf, umzirkelt von dem kreisenden Singen der Insekten und Vögel, die zwischen der Stadt des mächtigen Baumwerks und dem Land der Grasebene hin- und herziehn.
Die Jäger kommen zurück. Die Caboclo sind niedergeschlagen. Elisio, der heute der eifrigste war, schäumt vor Wut und ist dann bedrückt und still. Es war für ihn eine Ehrensache gewesen, uns doch noch Paccas vorzuführen. Seine Ehre ist ramponiert. Die Fangsäcke waren leer.
Also dann zur Lagoa! Krr! aus dem sagenhaft düstrigen Bett unter den Mangobäumen in die schamlose Nacktheit der Sonne hinein, quer durch den See von Gras. Wir kommen nicht weit, da ist die Steppe unter Wasser, waten hindurch. Es wird trocken, wo ein sonderbarer Niederwald beginnt. Er wächst aus einem silbernen Sand, in unzählbaren Inseln, in die sich ebenso unzählbare Arten von Bäumen, Sträuchern, Blumen, Schlingpflanzen, Moosen, Kakteen zusammenpressen. Er wächst überall heraus, nicht nur aus dem Boden, aus jedem Stamm noch einmal andre Stämme, eine ganz andre Art und noch einmal Brommeliaceen, Orchideen, Blätter, Blumen, die von der Luft leben. Alles umarmt sich, gattet sich ineinander, hockt sich mit Dornen, Stacheln, Lassos nochmals rundum fester. Die Farben folgen den Körpern. Niemals sah ich so etwas von Gemengsel und Vielfältigkeit einer Vegetation.
Wir wandern zwei Stunden lang hindurch.
Auf einmal setzt Elisio in die Luft. Paccas! schreit er und zeigt im Sand die gespreizten scharfen Spuren der Fußnägel. Ich antworte ihm mit dem landläufigen deutschen Wort. Er und die Neger hinter die Spuren, doch wir gehn dem Hochwald zu, der immer näher kommt und in dem sich die Lagoa verbirgt.
Als ob der Wald sich vor uns schützen wollte, lag er hinter einem breiten Graben voll schwarzen Wassers. Es wird durchwatet. Aber es hört auch im Wald nicht auf. Ein Rauschen steht bald zwischen den Bäumen. Es liegen so viele Bäume, die tot kreuz und quer oder auf dem Boden wie lebende gradaus stehn. Eine dumpfe Feuchtigkeit schwält durch die Luft. Das Wasser reicht uns bis an die Schenkel. Stämme müssen überklettert werden und jenseits rutscht man bis an den Bauch wieder ins Wasser. Es ist schwärzlich rot. Blinkige Luft steht nach einer Weile in den Bäumen. Wir waten drauf zu. Dann kommen wir nicht mehr weiter, denn der Boden versinkt plötzlich. Wir stehn an einer Mauer, die aus Bäumen, Wurzeln, Gesträuchen geflochten ist. Fünf Schritte weiter ist die Lagoa, der große See. Aber wir sehn ihn nicht. Wir hören seine Wasser, selber genäßt bis an die Schultern.
Es geht nicht weiter. Wir klettern auf den Stämmen herum, die über den See geneigt liegen und erhaschen schmale Ausblicke. Vögel schreien. In der nassen, verdunkelten Luft leuchten an kinderhohen Stengeln Orchideen. Die einzelnen Blumen sind so groß, wie die Blüten unseres großen Fingerhuts. Sie haben grün- und braungetigerte Unterblätter, einen weißen Kelch, der eine bordeauxrote Zunge herausstreckt. Sie wiegen ihre Trauben, die wie verstummte Märchen aussehn, schwer, fremd und extatisch in den Bewegungen mit, die der Stamm macht, wenn wir ihn anspringen. Die Vegetation hier ist wie von Sinnen. Eines schlägt das Andere tot. Eines hebt das Andere ins Leben. Unsere europäischen zur Zweckmäßigkeit erzogenen Sinne fühlen sich fatal und dunkel belastet. Es ist alles, wie eine Grotte, die wir in einem schweren Traum beschreiten und wir sehen keinen Ausgang, weder der Grotte noch des Traums …
Die Dämmerung fiel schon, als wir die Façenda wieder betraten. Zehn Stunden waren wir in der Sonne gewesen. Kapitänleutnant und Schiff waren nicht gekommen. Aber es stand ein Mann in der Dunkelheit. Der sagte, er könne uns morgen zur Küste hinübersegeln. Er habe ein großes Boot. Ich rieb ein Streichholz an. Es war ein kleiner, krummnäsiger Mensch mit stechenden Augen. Er schaute mich erschrocken an, wie eine Spitzmaus, die man aus dem Boden gräbt. Wir machten dann mit ihm ab und kratzten noch eine Weile in der Finsternis an unsern Stichen.
Donnerstag
Früh auf. Stundenlang gepackt, um festzustellen, daß die gesammelten Tiere usw. doch nicht ins Boot gingen. Denn außer uns fünfen mußten sechs Männer mitgenommen werden, um zu rudern, wenn der Wind sich legen sollte. Als wir zum Strand hinunterschritten, drehte ich mich um und sah auf einmal die beiden weiß gekleideten Mädchen tändelnd hinter uns herkommen. Die halbe Insel war am Strand, um unserer Abfahrt beizuwohnen. Wir kletterten ins Boot. Die beiden Mädchen winkten plötzlich. Aber die fünf Minuten, die das Boot brauchte, um flott zu machen, konnten das Versäumnis von neun Tagen nicht einholen.
Adieu, ihr zwei schönen furchtsamen Mädchen! Jetzt werdet ihr wenigstens unserer Phantasie erhalten bleiben! Ist das nicht schöner!
Das Boot schob vor dem Wind, segelte stundenlang zwischen den Inseln durch in praller Fahrt. In Itacurussá bekamen wir den Abendzug nach Rio. Als wir in dem Bezirk der Bannmeile fuhren, waren alle Ortschaften aufs lebhafteste beleuchtet. Auf jeder Kirche krönte ein riesenhaftes Kreuz oder eine Christusfigur aus Glühbirnen. In Campo Grande quoll aus der Stadt die Erregung bis in den Bahnhof, denn die Bahnhöfe sind nirgends durch Sperren oder durch Gitter gegen die Ortschaften abgeschlossen. Es gibt auch keine Unterführungen, noch warnende Beamte, wenn ein Zug kommt. Jeder muß auf sich selbst aufpassen. In Campo Grande hatte sich das Volk gegen den Magistrat aufgelehnt und die Erregung überzog auch den Bahnhof. Überall schrien Menschen unter tobenden Gebärden. Viele erschossen sich gleichsam platonisch mit den wilden Bewegungen ihrer Hände.
Von Station zu Station überfüllte sich der Zug stärker, nicht nur die Gänge und die Plattformen waren mit Menschen vollgestopft. Auf den Trittbrettern, den Puffern saßen sie, ja sie ritten in den Fenstern mit einem Bein nach innen, mit dem andern nach außen. Nicht unser Zug allein war so überfüllt. Wir sahen dasselbe Bild bei allen, die uns kreuzten.
Auf der Station Cascadura, außerhalb des Bahnsteigs, lag zwischen zwei Geleisen die Leiche einer dicken toten Negerin. Sie lag mit dem Gesicht nach unten und rechts und links von ihrem Kopf brannten zwei Kerzen, die zwischen die Steine gesteckt worden waren. Niemand hielt sich bei der Leiche auf. Die Frau war überfahren worden. In den Lokalberichten der Zeitungen kam nichts so oft und regelmäßig, wie die Notiz:
Von der Bahn überfahren wurde auf der Station …
In der Zeitung, die ich in Campo Grande kaufte, las ich folgendes:
»Zwischen zwei Stationen der Vorortbahn wurden Arbeiten gemacht. Ein Gerüst war sehr nahe an die Fahrbahn angebaut worden und es riß von dem ersten Zug, der morgens dran vorbeifuhr, zwei Männer ab, die getötet wurden. Der Unternehmer wurde aufgefordert, das Gerüst weiter zurückzurücken. Er weigerte sich, es zu tun. Da wurde eine Demonstration beschlossen. Sie sollte von einem der vorüberfahrenden Züge aus stattfinden. Als sich dieser der gefährlichen Stelle nahte, legten sich alle Teilnehmer zu den Fenstern hinaus, hängten sich über die Trittbretter, schrien verfluchend den Namen des Unternehmers, indem sie gegen das gefährliche Gerüst drohende Fäuste machten, mit dem Erfolg, daß dieses Dreien der Demonstranten die Köpfe zerschlug und sie tötete.«
Die Lokomotivführer dieser Vorortzüge haben alle ihre Lokomotiven mit einem vielfarbigen Schmuck von Glühbirnen ausgestattet, rundum blinkende, reich gedrehte Kupferknäufe aufgeschraubt und Fahnen angesteckt. So fahren sie jahraus, jahrein. Ihre Lokomotive ist ihnen eine Kreatur, wert der Liebe, nicht eine Maschine, wie bei uns, die man widerwillig mit Kohlen versieht, daß sie laufe. Sie haben sich kraft einer Weltanschauung, die in Brasilien von dem maschinellen Zeitalter noch nicht zerstört worden war, in ein persönliches Verhältnis zu ihr begeben. Sie hängen ihr blinkiges Geschmeide um, wie einer Geliebten, die man zum Ball führt.
Rio nimmt einen wieder auf, begräbt neun Tage, die Stille, Schweigen, Einsamkeit, Entbehrung, primitive Menschen, Natur ins Blut versenkt haben, in fünf Minuten in das Karussell seines Straßentreibens.
Gegen Mitternacht komme ich in den Club. Da sitzt der Kapitänleutnant. Er sieht mich, wird bleich, schnellt auf, schlägt sich an die Stirn und umarmt mich, indem er wie zerschmettert flüstert:
Mein Gott, vielmals Verzeihung, ich hatte Sie und Ihre Freunde ganz vergessen!
Bild von der Autostraße von São Paulo nach Santos auf die Küste