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Wenn man in einer deutschen Stadt in einem Kaffeehaus sitzt, und die Schale wird vor einem hingestellt, so beschnuppert die Nase die Düfte, die dem dunkeln Trank entsteigen und prüft sie mißtrauisch auf die umfassenden Zutaten, ohne die man in Deutschland keinen Kaffee machen zu können glaubt. Das sind die ganzen Sorgen, die vor diesem Getränk ein besserer Gaumen ins Gehirn entläßt.
Sie sind einsinnig und klein. Denn im schwarzen Spiegel, der aus der weißen Schale undurchsichtig wie Jet heraufschaut, jagen Schicksale von Menschen und Landschaften böse und große Bilder auf, deutbar demjenigen, der den Kaffee in dessen Heimat wachsen sah und erlebt hat, wie er aus der roten Erde des Staates São Paulo reiste und auf langsamer Bahn in den Hafen von Santos gelangt. Schon in der Blüte ist er umschauert von den Fiebern der Geldgier, und er wird in die Welt entlassen hinter Kohorten telegraphisch sich jagender Zeichen, von deren Auflösung die Geschicke von Vermögen und Familien abhängen.
Der Kaffee ist wohl das gewährendste aber auch das mörderischeste der Welthandelsprodukte. Für das Land Brasilien, das von dem gesamten Wachstum der Welt Vierfünftel stellt, war er immer wieder die Rettung sich verwüstender Finanzen. Aber für viele seiner Bewohner ist er ein schwarzer Würgengel geworden. Die Spiellust um Geld umwittert ihn ruhelos tagein, tagaus. Fast jeder Kaffeehändler hat Vermögen gewonnen, verloren, gewonnen … es kommt nur darauf an, wann er die Selbstüberwindung findet, abzuschließen und den Spielsaal zu verlassen.
Der Reisende, der von Europa kommt, erlebt in Santos als ein Bild nur eine der Etappen, auf denen der Kaffee zu den Menschen gelangt, das Verladen. Malerisch ist es allerdings das Eindrucksvollste. Aus den vollbepackten Stadtlagern schleppen ihn die lärmenden hohen Mauleselskarren im steten Galopp zum Hafen. Eine unermüdliche Hetze umtobt ihn. Mehrfache Ketten von Menschen an jedem Schiff, laufen ununterbrochen, nie ermüdend, ein jeder ein Athlet, mit den Säcken auf den Schultern von den Stapeln zu den Ladeluken. Daneben heben seit einigen Jahren Krähne jedesmal ganze Ladungen vom Kai und versenken sie in die Stauräume. Das wird jahraus, jahrein, Tag und Nacht nie unterbrochen.
Ich schildere rückwärts, wie sich das Leben, das der Kaffee in Brasilien entfacht, vollzieht und reise mit den Säcken in der Drahtseilbahn das steile Gebirg hinauf, das Zug um Zug von São Paulo aus nach der flachen Strandlandschaft entläßt, in der sich der Hafen von Santos gebildet hat. Eine Tagereise mit dem Zug weiter über São Paulo hinaus, westwärts, gelange ich zu der Kaffeepflanzung, die einem alten brasilianischen Bekannten gehört und auf die ich eingeladen war. Sie liegt an der Sorocabana-Bahn.
In der Kaffeepflanzung »Monte Selvagen«
Auf dem Ritt durch die Kaffeepflanzung
Die ganze Landschaft teilt sich in Camp und Kaffeeland. Die Façendas streuen sich weit über die Landschaft aus. Ab und zu fängt ein Städtchen Leben aus dem reichen Umland in seinen neuen breiten Straßen, an denen lauter einstöckige Häuser stehn, und die nicht die geringsten Reize haben. Botocatú hieß das Städtchen, in dessen Nähe die Façenda lag. Der Besitzer reiste mit mir zusammen von São Paulo aus hin. Durch tief in die rote Erde eingeschnittene, von Karren zermahlene, von Regenwasser verrutschte und verfurchte Wege, kamen wir vom Bahnhof von Botocatú im Auto nach der Pflanzung.
Das Haus war geräumig und mit einer großen Veranda in eine Mulde der letzten Wälle eines Höhenzugs gebaut, der sich hier vor einer ganz herrlichen, tief in den Osten hineinlaufenden Ebene staute. Vor und um das Haus lagen die großen Trockenplätze für den Kaffee, schön, mit breiten Steinen gepflastert, von einem Mauerchen eingerahmt. Sie sahen aus, wie die Fischteiche alter Klöster, aus denen man das Wasser abgelassen hatte.
Neben ihnen floß ein Bächlein zu einem Teich auf, bildete dann einen Kanal, der zu den Trockenplätzen und dem an ihnen liegenden Maschinengebäude führte. Jenseits zog sich die Reihe der Hütten hin, in denen die sogenannten Colons, die Arbeiter der Pflanzung wohnten. Und nach drei Seiten über das Haus des Herrn und das daneben liegende Verwalterhaus und über die Colonshütten hinauf, liefen die Kaffeefelder. Sie waren Zwergobstpflanzungen vergleichbar, oder Rebbergen in Europa. Sie hatten dieselbe Regelmäßigkeit und Gradlinigkeit in der Anlage und dieselbe Gepflegtheit. Unübersehbare schnurgrade Reihen von Kaffeesträuchern scharten sich in schönster Ordnung die Hügel hinan, und so weit man die Gegend überblicken konnte, durch Täler, Berge hinauf setzte sich eine dunkle Reihe neben die andre, und sie besiegten mit dieser Ordnung die fruchtbare Landschaft der roten Erde.
Früh am nächsten Morgen standen die Pferde gesattelt unter der Veranda, und der Façendeiro und ich machten uns auf den Ritt durch das weite Reich von 400 000 Kaffeebäumen. Einen tief in die Felder geschnittenen Weg ging es hinein. Mein Pferd hieß Dorado, das des Façenderos hieß Façeros, das wollte sagen: das mit dem schönen Gesicht. Steil und steinigt wurde der Weg, aber die Tiere sind sehr fußsicher. Mit großer Vorsicht kletterten sie die zerrissene Bahn in die Tiefe hinab oder gingen auf dem festen schmalen Bodenstück, das zwischen tiefen Furchen, die die Räder in die Erde gebohrt hatten, den Mittelteil des Wegs bildete. Dorado war sehr zart im Maul, und wenn ich mit europäischen Griff die Zügel nahm, begann es zu steigen.
Dann bogen wir vom Weg ab und ritten quer zwischen Kaffeebaumreihen durch, weiter in die Höhe oder um die Wendungen des Berges herum, den die Pflanzungen bedeckten.
Der Kaffeepflanzer hat zur Verrichtung aller notwendigen Arbeiten durch das Jahr hindurch eine eigene kleine Kolonie, von der jede Familie etwa 10 000 Sträucher unter ihrer Obhut hat. Diese Colons arbeiten mit Frau und Kind, jäten und reinigen in der Pflanzung, düngen mit Kaffeeschalen die Sträucher, ernten sie ab. Sie werden nach dem Tausend bezahlt, haben zu ihrem Lohn aber jeder den Mais, den er zwischen den Kaffee pflanzt und den Ertrag eines Gartens und von so viel Vieh, wie er zu halten vermag. Fleißige Leute können zu einem bescheidenen Wohlstand gelangen, und einige Colons hatten ihre Ersparnisse in Botocatú in Hausbesitz angelegt. Es waren Italiener, Brasilianer und Portugiesen. Deutsche nahm man nicht mehr. Denn die, die nach Beendigung des Krieges kamen, wirkten zersetzend auf die vorhandenen und bis dahin zufrieden gewesenen Arbeiter. Das ist eine Erscheinung von der man mir überall in Brasilien Mitteilung machte. Nirgends wollte man mehr deutsche Arbeiter, die früher wegen ihrer Ehrlichkeit und ihres Fleißes so beliebt waren. Jetzt machten sie Ansprüche, die mit den Mitteln der gegebenen Verhältnisse nicht im Einklang standen, und brachten es fertig, selbst bevor sie die Landessprache gelernt hatten, die alten einheimischen Angestellten gegen Unternehmer und Pflicht rebellisch zu machen.
Die Colons haben Erlaubnis, an bestimmten Stellen zwischen die Sträucher Mais zu pflanzen. Sie waren dabei ihn abzunehmen, denn der Pflanzer wollte in drei Tagen mit der Ernte beginnen. Dazu muß der Boden hergerichtet werden. Rund um jeden Strauch wird ein Kreis ausgejätet, gehackt, gereinigt und geglättet, und mit erhöhten Rändern umgeben, so daß er wie eine Pfanne aussieht. Die beim Abpflücken den Händen entgleitenden Körner fallen hinein und können leicht aufgelesen werden. In dem dunkelgrünen Laubwerk schimmerten schon schwarzrot oder gelb überall ausgereifte Früchte.
Wir sahen, stundenlang in weitem Kreis die Pflanzung durchreitend, überall die Colons an der Arbeit. An den meisten Stellen war der Boden schon zur Ernte vorbereitet. Die Ernte selber fiel dieses Jahr nicht gut aus. Ab und zu gab es wohl Reihen von Sträuchern, die dicht mit den kleinen Früchten behangen waren. Doch das waren nur Inseln. Dieser mangelhaft ausfallenden Ernte standen allerdings bis dahin unerreichte Kaffeepreise gegenüber. Sie ergaben für mittlere Sorten an Ort und Stelle drei Milreis für das Kilogramm. Das bedeutete etwa das sechsfache von vor 1914, während die Valuta nur um das Dreifache gefallen war. Dazu versuchte die brasilianische Regierung diese Preise zu festigen, indem sie die Bahntransporte einschränkte und jedem Pflanzer die Bahn bloß für einen Teil seiner Ernte freigab. So wollte sie verhindern, daß der Markt mit Überangebot belastet würde.
Wenn der Kaffee eingebracht wird, wird er zuerst in einem schmalen Kanal gewaschen und durch ihn zu den Trockenplätzen gespült. Hier liegt er je nach der Witterung mehrere Wochen, kommt dann in die Maschinen, die ihn abschälen, reinigen, in Sorten einteilen und schönen. Darauf ist er reif fürs Lager und für den Transport nach Santos.
Bis vor kurzer Zeit hat man dem Boden sinnlos geraubt, was er hergab. War eine Gegend ausgesogen, überließ man sie der Natur und zog weiter. Heute aber, wo man den goldenen Wert dieser »Terra rosa« erkennt, beginnt man zu düngen. Bis dahin benutzte man dazu nur die Hülsen der Kaffeefrüchte, die um die Sträucher aufgehäuft und eingegraben wurden. In den allerletzten Jahren versucht man es mit Kunstdünger und zwar mit einer Kalimischung, und der Façendeiro zeigte mir an den so gedüngten Stämmen den überraschenden Erfolg.
Wir saßen täglich auf dem Pferd. Manchmal ritt die ganze Familie mit und die jungen Mädchen machten unterwegs, wo wir ein Stück ebenen Wegs fanden, Wettrennen. Dann erhob sich der aufgewirbelte Staub der Erde und umschwebte uns als eine rote Wolke, schminkte uns die Gesichter wie Rothäuten und färbte die hellen Reitkleider. Dorado, mein Pferd, gab beim Traben dem Körper eine sehr merkwürdige, aber weiche und angenehme Drehbewegung. Ich bin nie auf einem Pferd gesessen, das so zart trabte und dabei sehr rasch war. Man nennt in Brasilien Pferde, die diese beliebte Gangart haben (die brasilianischen Pferde sind nicht auf europäische Gangart zugeritten), Marchador.
Zwischen die Kaffeefelder legen sich ab und zu unfruchtbare Campgebiete, auf denen Kühe und Pferde im Gras und zwischen Sträuchern weiden. Kleine Schluchten füllen sich mit krausem Wald. Aus den Feldern streben vereinsamte hohe und breite Jaboticaba-Bäume auf, deren dunkelblaue Früchte beliebte Marmelade geben. Die Ritte gingen durch Kaffeefelder und durch Camp, in die Täler und auf die Bergrücken. Die östliche Landschaft, wenn man sie überblicken konnte, war von einer Ebenmäßigkeit und Ruhe, als liege sie in Europa. Nur war sie umfassender. Fern brannte ein Campstück in ihr. Dann war sie durchstrichen von den Anlagen einer Kaffeefaçenda. Später verwischten sich unter einem fernen Dunst alle Einzelheiten. Sie war nur noch Landschaft.
Abends ist man zu Hause. Die Ruhe, die Weite der Kaffeefelder, die Dämmerung, die sacht und mit Verstummen der Welt sich über die unabsehbaren Grenzen des Besitzes senkt … auf der Veranda des bequemen Hauses liegend, das Zulauschen in den gestillten Erdentag, … drüben die Colons in ihren Häusern, aus denen der Rauch der Abendmahlzeit steigt … die Pferde scharren im offenen Stall. Die Maulesel trinken in der Dunkelheit am Teich … Gefühl des Besitzes, unstörbar … weltgeschützt, König für sich … der Façendeiro streckt rastend und genießend seine langen Beine aus dem Stuhl. In der Finsternis um neun Uhr läutet die Glocke bei den Häusern der Colons. Man nennt dies »das Läuten des Schweigens.« Fern schlägt der Feuerschein eines brennenden Camps in die Nacht.
Dieselbe Glocke wird morgen um halb fünf das Schweigen aus- und den neuen Arbeitstag einläuten. Wenn ich dann nach dem Aufstieg der Sonne die Läden meines Zimmers öffne, schaue ich östlich ins Land hinunter. Die unbegrenzte Ebene breitet sich reichgestaltet aus. In ihren Tälern schwimmen Nebel und es ist wie ein Meer, auf dem die Kuppen der niederen Hügel gleich tausend Inseln sich scharen und auf die Fruchtbarmachung ihres gesegneten Schoßes durch die Berührung der neuen Sonne und ihres Arbeitstags warten.
Alte und neue Zeit auf einer brasilianischen Straße
Fähre an dem alten Weg von Santo-Angelo nach São Luiz