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Eisenbahnreise im Innern

 

30. April

Als ich die Kaffeepflanzung bei Botocatú verließ, wollte ich auf die Bahn nach Rio Grande do Sul. Im Süden waren die Kameraden unserer Expedition, die an der argentinischen Grenze jagten und Filmaufnahmen vorbereiteten. Der Zug aus dem Innern stieß auf die Bahn in der kleinen Station, die Boituva hieß. Hier warteten sechs Stunden auf mich, bis zum Abgang des Nachtzuges. Sie grinsten mich an, diese sechs Stunden zwischen einem Campdorf und einem Bahnhof, auf dem täglich nur vier Züge durchfuhren.

Erregt und zag stieg ich aus, machte langsame Schritte, um von vorne herein durch ein Verschleppen des Tempos den Stunden Minuten zu stehlen. Der Bahnhof hatte ein kleines Restaurant. Es lag in der Hauptsache in einem Verschlag auf dem Bahnsteig. Was also besseres zunächst, als zu essen? Es war nachmittags halb drei. Die Zeit des Almoço (Mittagessen) war schon vorbei. Deshalb war damit zu zählen, daß zur Zubereitung eines einzelnen neuen Essens bei dem Charakter der hiesigen Menschen eine angemessene Weile vergehen werde.

Die wollte ich mir durch Betrachten des Bahnsteigs, seiner Einrichtungen und seiner Beamten würzen. Ich schleuderte also herum und entdeckte, daß der Bahnhof noch einen andern Gast hatte außer mir. Und das war ein junger hellhäutiger und blonder Bursche. Er saß auf einem europäischen Kleiderkorb und trug schwere Kniestiefel, wie man sie hierzulands nicht kannte. Ich sah gleich: da war etwas zu machen! und schätzte an Zeitvertreib eine halbe Stunde von den zwölf halben Stunden heraus, die mir der Fahrplan hier abzwang.

Der Bursche schaute zu mir herüber. Er hatte auch noch wasserhelle Augen. Aber ich mußte ihn noch hinausschieben, sonst wäre er mit dem Essen zugleich in mein Programm gekommen. Die erste Enttäuschung trat ein. Der Bediener kam nach drei Minuten, das Essen sei fertig. Er lud mich ein, es im Herrschaftszimmer einzunehmen. Ich mußte den freien, vom Wind so schön bestrichenen Bahnsteig aufgeben und saß nun in einem Kämmerchen, vor einem Tisch, auf den der Bediener nach Landessitte einen Haufen Gerichte zugleich stellte, indem er sich entschuldigte, er habe kein eigentliches Almoço machen können, da ich nicht angemeldet gewesen sei. Eine Negerin schaut durch die Tür herein. Sie verzieht keine Miene, weder zu einer beifälligen noch zu einer abfälligen Bestätigung, daß sie von meiner Gegenwart mit ihren Kugelaugen Kenntnis genommen habe.

Zehn Kinder, die unverkennbar alle dem Bahnhofswirt gehören, lümmeln sich flötend und lärmend vorbei, teils werden sie vorbeigetragen. Es ist eine Schaustellung von Mastkindern. Aber sie wollen nichts von mir wissen und ich beginne zu essen.

Ist es gut? fragt der Bediener und nennt wieder den Grund, weshalb es nicht mehr sei. Ich tröste ihn mit freudigem Kauen und einer sprechenden Geste gegen die übervoll bedeckte Tischplatte. Die Wände sind mit Plakaten behängt. Auf einem steht zwischen portugiesischem Text das deutsche Wort Malzbier. Das andere zeigt das Bild eines der modernen Sierra-Dampfer des Norddeutschen Lloyd. Ein Zigarettenplakat erinnert mich an meine Luxemburger Heimat, da es eine Yolanda Zigarette anpreist und dies der Name einer Ritterstochter aus dem Stammschloß der Oranier im Ardennerland war. Sie wurde heilig gesprochen. Fünf Minuten vergingen mit Anstrengungen meines Gedächtnisses, mich wieder darauf zu besinnen, weshalb die Yolanda von Vianden heilig gesprochen worden war.

Die Anstrengungen mißlangen, ich aber buchte fünf Minuten, und seit meiner Ankunft hatte ich bis jetzt von den zwölf Halbestunden genau eine hinter mir. Das Fleisch war mir dabei sehr entgegen gekommen. Der Ochse war gewiß noch nicht länger, als zwei Stunden geschlachtet.

Unter dem Plakat der Yolanda war eine Schiebetür. Die wurde plötzlich von der anderen Seite her aufgestoßen und ich sah dahinter eine hagere Negerin, vom Dunst und Rauch der Küche umgeben. Hat sie die Schiebetür geöffnet, um die Küche zu lüften, oder um sich Bewegung zu machen, oder um den fremden Affen zu sehen, der sich um drei Uhr ein Almoço machen ließ? Ach bekam es nicht heraus. Denn weder schob sie etwas auf das Brett in der Schiebetür, noch warf sie einen einzigen Blick auf mich.

Ich sehe, daß sie in einem ehemaligen Petroleumbehälter Wasser kocht. Sie geht hin und her und hat die Schiebetür vergessen, oder ist vielleicht auch nicht so kühn, sich so weit in meine Nähe zu wagen, daß sie sie wieder schließen kann. Beim Anblick dieser Köchin und ihres Reiches durchdringt mich eine heftige Freude, daß ich schon gegessen habe. Der Bediener fragt mich allerdings nochmals, ob das Essen gut gewesen sei, was ich bejahe, um mir für später seine Freundschaft zu erhalten. Er bringt dabei das Wort »good« an, mitten in einer portugiesischen Rede. Vielleicht war es aber auch das deutsche »gut«. Jedenfalls war dieses Wort als eine Huldigung für den Ausländer zu betrachten, und ich bot ihm eine in Maispapier gewickelte Zigarette an. Freudig erregt putzte er sich die Nase in das Tuch, das mir als Serviette hingelegt worden war und dem man ansah, daß unter seiner Mitwirkung es an diesem Tisch auch vielen andern schon gut geschmeckt hatte.

Ich weiß, was den Vertreib meiner Zeit angeht, daß draußen noch das Dorf auf mich wartet. Aber ich will meine Erwartungen bezüglich dieser Staubbäche und Lochteiche, an denen entlang sich einstöckige Häuser reihen werden, von Menschen bewohnt, deren Beruf der Fremdling nie zu erkennen vermag, nicht sehr hoch einschätzen. Noch dampft der schwarze Kaffee und ich zünde mir eine Ouro de Cuba von Suerdick an, an der ich wenigstens zwanzig Minuten zu rauchen habe, und denke mir aus, daß ich den zweiten Teil der Zigarre mit auf die Wanderung durch die Dorfstraße nehme.

Draußen auf dem europäischen Kleiderkorb sitzt noch immer der blasse Bursche mit der weißen Haut, mit den hellen Augen und den Röhrenstiefeln. Was mag er für Schicksale zu erzählen haben? Nachher! nachher! Denn es ist außer Zweifel, daß er wie ich in derselben Mausefalle dieses Bahnhöfleins sitzt und mir ebensowenig entkommt, wie ich den noch bleibenden elf halben Stunden.

Also zuerst will ich mir das Dorf anschauen. Ich nehme meinen Görz mit. Vielleicht erweist sich eine Gelegenheit, ein Bild von Land und Leuten zu machen. Wir sind hier fern der Küste, und die Eigenart des Volkes mag sich ungemischt zeigen. Langsam verlaß ich den Bahnhof. Die Sonne setzt heftig auf den roten Boden auf, über den ich schreite und sprüht von ihm zurück.

Die Bahngleise durchschneiden quer die einzige Straße, aus der das Dorf besteht. Bahnschranken gibt es nirgends. Ich sehe, daß die Straße unübersehbar lang ist und ich gehe zuerst das kürzere Stück nach Süden. Die Straße ist so breit, daß ein Kind seinen Ball nicht von der einen bis auf die andere Seite werfen kann. Unter den Füßen rudert der rote Staub von Loch zu Loch. Alle Häuser sind einstöckig, haben eine Tür und daneben zwei Fenster. Das heißt es sind nur Fensterlöcher, denn es sind keine Rahmen mit Glas eingesetzt. Die meisten sind mit Holzläden vor Sonne und Hitze geschlossen. Wo ein Laden offen ist, da arbeitet ein Schuster oder ein Schneider dahinter, vielleicht auch eine Büglerin. Die Schuster bleiben bei ihren Leisten. Aber die Schneider haben pompöse Namen über ihre Türen geschrieben wie: Schneiderei zur unübertrefflichen Eleganz usw. Der Barbier ist zugleich Besitzer eines Billards, auf dem Gauchos mit lauten Reden spielen, indem sie dazu trinken. Ihre Pferde schlafen stehend im Schatten vor der Tür.

Ein mit Ziegelsteinen beladener Karren wird von sechs Ochsen durch den Staub gezogen. Die Achsen sitzen nach Landesbrauch fest in den Rädern und drehen mit. So entsteht ein betäubendes Schreien, Ächzen, Feilen und Brüllen, das nicht verstummen will. Reiter kommen in pelzbehängten Sätteln. Packtiere schleichen durch Staub und Hitze.

Bald bin ich am Ende des südlichen Straßenteiles angelangt. Der Camp fließt auf, unübersehbar wie ein Meer. Aber ich spare mir auf ihn zu beschreiten und will nun nach der andern Seite die ganze Straße durchgehen. Im Schatten der westlichen Seite schleiche ich über den schmalen Steig aus Steinplatten, von denen die meisten zerbrochen sind und ab und zu eine fehlt. Da geht vor mir die Tür eines der armseligen Häuschen auf. Ich bleibe betroffen stehn und reiße die Augen auf. Es kommen fünf junge Mädchen heraus in Begleitung einer älteren Dame und eines jungen Mannes. Eines dieser Mädchen ist schöner als das andre. Alle sind in verschiedene einfarbige Seiden gekleidet, kostbar und mit einem bunten und sehr sichern Geschmack. Die Unebenheiten der Steine drohen die zarten edeln Fesseln zu brechen, die hauchartige crêmefarbige Seidenstrümpfe umspannen. Ich blicke in das dürftige Loch hinein, das sie verlassen haben. Die Tür ist offen geblieben. Ich sehe in ein Zimmer, in dem nichts andres steht, als im Kreis um einen leeren Raum in der Mitte herum zehn oder zwölf Stühle. Geruch von Parfüm steht in der Hitze und die Grazien von Boituva gehn dem Bahnhof zu, davon. Ich widerstehe der Lust zu folgen und setze meinen Weg fort.

In den zwei Venden, die ich nun antreffe, arbeiten Menschen mit einem vollkommen landesfremden Typ und auch die Kinder, die davor spielen, sind nicht aus dem Land. Es sind Syrer oder Armenier. Doch das weiß ich schon aus andern brasilianischen Ortschaften. Man weiß nicht, wie diese Orientalen herkommen, aber sie überschwemmen das Land und mit ihrer Bedürfnislosigkeit, der Zähigkeit ihres Willens Geld zu erwerben und ihren Handelstalenten, kommen sie alle hoch und landen in São Paulo.

So geh ich zwanzig Minuten und bin jetzt jenseits wieder im Camp. Man gibt sich ihm hin, hemmungslos beglückt von der Überschwemmung des Gemütes mit der weiten und unausschöpfbaren Schwermut seines Hinwogens. Man möchte so gern sich nicht zu den bleibenden Stunden zurückfinden, die man in Boituva bis zur Abfahrt des Nachtzuges zu verwarten hat.

Es ist jetzt allerdings 4 Uhr und bald kommt ein Zug, der Leben und Neues verspricht. Ich durcheile die lange breite Straße zum Bahnhof zurück. Fast komme ich zu spät. Der Zug fährt ein, wie ich die Gleise überschreite. Ich sehe die fünf seidenen Schmetterlinge grade noch zwischen Menschen in einen Wagen steigen. Ein Haufen Reisender quillt aus dem Bahnhof und strebt davon, und allein übrig bleibt der junge blonde Bursche mit seinen Kniestiefeln, der auf seinem Wäschekorb sitzt und zweifellos aus Deutschland stammt.

Nein, ich will ihn noch nicht anreden. Er soll die letzte Reserve der Wartestunden sein. Es gibt keine Ansichtskarten hier, denn was hätte man photographieren sollen? Vielleicht die zehn Mastkinder des Bahnhofswirts, oder die immer an einem vorbeischauenden Negerinnen, die auch zur Wirtschaft gehören? Oder den roten Staub, der von Loch zu Loch in der Straße schwimmt? Aber ich bekomme gewöhnliche Korrespondenzkarten zu kaufen und klebe Aufnahmen drauf, die ich gemacht habe und beginne Karten zu schreiben. Ich denke, ich kann stundenlang Karten schreiben. Ich habe solche mit Prosa und Poesie bedeckt und es wurde dunkel drüber, so daß ich ans Nachtessen denken konnte. In einer Ecke stand auch ein eisernes Gestell mit einer Waschschüssel. Ich wusch mir umständlich die Hände. Ein Tisch mit unglasierten Tonkrügen, die mit Wasser gefüllt waren, ist für die Reisenden aufgestellt. Das Wasser sollte sich kühl halten in diesen unglasierten Gefäßen, was ihm aber nicht einfiel. Ich trank aus einem, um das festzustellen. Man muß alles nutzen. Und so wurde das Nachtessen fertig.

O jantar, S'jor! rief der Bediener.

Jetzt war ich zuversichtlich, denn es blieben von den zwölf halben Stunden, mit denen ich das Warten begonnen hatte, nur noch zwei bis drei. Und ich hatte noch das Nachtessen und den blonden schicksalbeladenen Burschen aus Deutschland vor mir. Ich begann Boituva interessant und schön zu finden und zu Nacht zu essen. Ich mußte wieder ins Ehrenzimmer und die Sachen mit den beiden Negerinnen wiederholten sich wie nachmittags.

Später kam ein Zug. Es war schon dunkel und es war nur ein lichtloser Güterzug, an dem der Lärm, den er machte, allein Leben war. Aber er hatte vorn auf der Lokomotive einen mächtigen Scheinwerfer, der grell vor sich herleuchtete, dorthin, wo die Straße ohne Schranke die Geleise überschritt. Und nun war es, als ob die ganze Ortschaft wie ein Schwarm von Nachtmotten in diesen Scheinwerfer gezogen wurde. Immer wieder tänzelten über den finstern Rand neue Menschen in die lichtschreienden Trichter, tummelten sich drin und verschwanden. Reiter trabten hindurch und einmal ritten zwei Knaben auf großen Pferden langsam hinein und schauten sich fröhlich in dem Lichtbad um.

Was ist so schön, wie Knaben auf Pferden! Sie sitzen in den hohen Sätteln, als seien sie herausgewachsen … In Europa ein Hund auf einem Automobil und in Brasilien Knaben auf einem Pferd …

Die Zeit drehte, und bald war es soweit, daß ich schon nachschaun gehn konnte, ob der Fahrkartenschalter geöffnet sei. Und in dieser letzten Viertelstunde bis zur Abfahrt des Nachtzuges, kamen auf einmal die Erlebnisse zu Hauf. Der Steig hatte sich allmählich mit Menschen angefüllt. Ich hatte den Burschen auf dem Wäschekorb angeredet. Er war kein Deutscher, sondern ein Polack, sprach aber gut deutsch. Denn er hatte nur in Deutschland gelebt. Er klagte lebhaft und wehmütig, daß er Europa verlassen hatte und auf meine Frage, was ihn denn nach Brasilien geführt habe, antwortete er: Was fragen der Herr? meine Dummheit! Er pries mir dann seine Ergebenheit an den frühern deutschen Gutsherrn, dessen Reisebegleiter er vier Jahre lang gewesen war.

Da redete mich ein brasilianischer Bursche an, der verwegen als ein Gaucho gekleidet war, und einen Kameraden bei sich stehn hatte. Er fragte: Wann geht der Zug? Ich antwortete. Und wann ist er in Curitiba? Morgen Abend um sechs. Und wieviel kostet es? 32 Milreis. Ihnen habe man gesagt: 32 Milreis 800. Das kann auch sein, sagte ich.

Dann müsse ich ein Bier mit ihnen trinken. Ich widerstand. Das dürfe man einem Brasilianer nicht abschlagen. Denn es sei ein Zeichen von Freundschaft, bemerkte er, indem er mit einer graziösen Bewegung mich aufforderte, an den Schanktisch heranzutreten.

Das war etwas andres, und ich ging mit den beiden Burschen Bier trinken. Auch den Polacken nahmen wir mit. Die zweite Flasche zahlte ich. Die dritte der zweite von den beiden.

Woher ich komme?

Ich sagte aus Deutschland.

Ja, in Santos sei er bei der Cavalerie gewesen. Da gebe es auch Deutsche. Das seien alles feine Leute und er liebe sie sehr. Die Deutschen wie die Engländer und die Franzosen. Alle seien seine Freunde. Sie haben Geld, und die Deutschen trinken Bier, die Engländer Whisky und die Franzosen Wasser. Alles muito ben! Und jetzt wohin?

Ich gab Bescheid. Ich sah zugleich, daß der Postbote andern Gästen der Wirtschaft meine Karten vorführte und entweder mich erklärte, der auf den Photographien dargestellt war, oder geographischen Unterricht erteilte. Mit einer Karte kannte er sich nicht aus. Er schickte den Bediener zu mir. Die Karte war nach Wien adressiert. Ich möge sagen, wo das liege. Es stehe nicht auf der Adresse. Ich ging hin und gab ihm meinerseits den Unterricht. Sie waren alle zufrieden.

Die beiden Burschen hatten sich inzwischen des Polacken bemächtigt, der überhaupt kein Wort portugiesisch sprach. Das meinige langte wenigstens zum Verstehn und zum Austausch von Höflichkeiten. Wir setzten uns wieder zusammen und ich fragte, was sie nach Curitiba machen gehn. Sie versuchten es mir klarzumachen. Aber ich verstand es nicht. Die beiden waren gewiß Schnapphähne, jedoch das war im Bahnhof von Boituva eine richtige Begegnung.

Nun tranken wir Zuckerrohrschnaps. Gott sei Dank hatte der Zug Verspätung. Wenn Branntwein getrunken wird, habe ich einen Vorsprung. Deshalb achtete ich nicht besonders, daß ein fremder Mann mich anstieß und heimlich einen Finger ins Auge legte. Das war in Brasilien das Zeichen für: Öffne die Augen. Gib acht! Darauf drehte er mit geheimnisvollen Bewegungen die eine Hand um den Daumen der andern. Zunächst verstand ich das nicht. Er hatte alles hastig gemacht, wohl zwischen Interesse für mich und Angst vor meinen beiden Freunden.

Wie ich nun wieder bei ihnen und dem Schnapsglas stand, wurde mir klar, daß die Bewegung eine Warnung vor Taschendieben bedeuten mochte. Die beiden sprachen auf mich ein. Aber es wurde mir nicht möglich, zu verstehen was sie wollten. Wir gingen zusammen an den Fahrkartenschalter, der inzwischen geöffnet worden war, und ich wurde vorgelassen, um eine Fahrkarte zu bestellen. Nach mir kam der Polack, und als der Beamte ihm sagte seine Karte koste 28 Milreis, haben die Burschen aus einem Bündel Banknoten, das sie lose in der Hosentasche trugen, sehr sorgfältig das Geld abgezählt und dem Polacken die Fahrkarte bezahlt. Sie waren ein wenig angetrunken, es ist wahr. Sie waren vielleicht Wegelagerer, ich weiß es nicht. Gewiß ist, daß sie so aussahen. Vielleicht planten sie etwas mit mir oder dem Polacken, was irgendwie verhindert wurde.

Ich habe auch nur die Hälfte ihrer Reden verstanden. Aber ich habe von dieser letzten halben Stunde im Nachtbahnhof von Boituva und der raschen Begegnung mit den beiden verwegen aussehenden Burschen mehr Anfühlung an das fremde Land mitgenommen, als von tagelangen andern Reisen. Einem Erlebnis ward beschieden, das Schönste zu erreichen und eine Stimmung zu werden, und es war mir so, als ob das Land in diesen beiden Menschen mit freundschaftlicher Gesinnung meine Teilnahme erwidere und den Versuch mache, mich an seinem Blut teilnehmen zu lassen. Denn das Geheimnis bleibt immer und ewig das alte: was wissen wir Menschen voneinander?

Der Zug kam. Der kleine Schlafwagen war der letzte Wagen. Sie haben mich bis an seine Trittbretter begleitet und wir haben uns zum Abschied auf brasilianische Weise umarmt. Ich habe keinen von den beiden Gauchos mehr wiedergesehn, obgleich sie mit demselben Zug mitfuhren.

* * *

Vor mir liegen nun drei Nächte und drei Tage, die ich in ein und demselben Wagen verbringen soll. Es sind im ganzen 2000 Kilometer, die besiegt werden müssen, und die Bahn ist schmalspurig und ihre Geleise sind lose auf den roten Sand aufgesetzt. Ich sah in den erhellten Wagen, daß alle Leute weiße Staubmäntel trugen.

Große Städte liegen nicht an der Strecke. Auch die im Fahrplan fettgedruckten Orte, wie Itarraré, Ponta-Grossa, União de Victoria, Marcelino Ramos, Passo Fundo usw. sagt man mir, seien nur welt- und gottverlassene Dörfer, ähnlich wie Boituva. Aber es geschieht ja manchmal, daß Dinge, die andern Menschen Graus und Entsetzen einjagen, in irgend eine geheimnisvolle Übereinstimmung mit unserm Bewußtsein kommen und unerwartete Freuden bringen.

Als ich in das Schlafwäglein einstieg, waren vor den Schlaflagern schon alle Vorhänge zu. Und nur eines wartete: das meinige. Es war ein kleiner Schluff, längs zweier Fenster, von einem andern Bett niedrig überbaut. Platz zum Ausziehn war nur im schmalen Gang zwischen den Lagern, und da man nicht wußte, ob nicht etwa Damen im Wagen seien, legte man sich mit Hose und Hemd aufs Bett, schloß den Vorhang und turnte in dem schmalen Raum aus den Kleidern.

Der Zug schien sich nicht von Boituva trennen zu können. Ich fühlte mich jetzt keineswegs unglücklich, sondern war erfüllt von der Begegnung mit den beiden brasilianischen Schnapphähnen und gierig von den Erwartungen auf die kommende Durchquerung Brasiliens im Zug. Aber ich verschlief schon die Abfahrt von Boituva.

Nur als ich in der Nacht erwachte, war mir die Luft im Wagen zu schwer und ich öffnete das eine Fenster an meinem Kopf. Eine harte Kühle strömte herein. Ich schaute eine Weile liegend in die Nacht hinaus. Draußen war nur dunkler Camp zu sehn und es war mir, als sei die kleine Casematte in der ich lag und mich wegen des oberen Bettes kaum aufrichten konnte, das einzige, was es auf der Welt gab. Ich reise ohne Ziel ins Schöne hinein, das in der Ferne eines jeden fremden Landes liegt.

 

1. Mai

Ich schlief schon lange nicht mehr und konnte kaum die Frühdämmerung erwarten, um aufzustehn. Endlich kam sie, und wie ich in der Nacht in den Schlafanzug geturnt war, aalte ich mich jetzt wieder in liegender Lage in meine Kleider zurück und schlug den Vorhang auf. Da sah ich, wo ich gedacht hatte, der erste zu sein, daß schon fast alle Mitreisenden auf waren.

Der Bediener kam. Mit ein paar raschen Griffen wurden die Decken, Leinentücher und Kissen in die oberen Betten verstaut, alles zusammengeschnallt und das Bett nach oben gedrückt, wo es angeschraubt wurde, so daß sein Boden, der die ganze Nacht so nah über meiner Nase gehängt hatte, jetzt einen Teil der Decke des Wagens bildete. Das untere Bett stellte sich als zwei aneinander geschobene Sitze dar, die auseinandergerückt, zwei Sessel einander gegenüber an zwei Fenstern bildeten. Jeder Reisende hatte für den Tag auf diese Weise seinen bequemen Sitz.

Ich sah, daß alle Plätze des Wagens belegt waren und zwar nur von Herren, was für das künftige An- und Ausziehen abends und morgens nicht ohne Vorteil war. Es schienen lauter brasilianische Mitreisende zu sein. Doch war mir zunächst wichtiger, was draußen im Lande vorging, das wir durchfuhren. Wir waren jetzt im Staate Paraná. Es war acht Uhr früh. Eine Station, an der wir Kaffee bekamen, trug den ausschweifenden Namen: Jaguariahyva. Alles stürzte auf den Tisch zu, auf dem Brot und Kaffee war. Sämtliche Einwohner des Ortes waren an der Bahn. Der Zug fuhr nur jeden dritten Tag.

Die Landschaft war noch immer Camplandschaft. Aber es flossen frische Bäche hindurch, die ihr Felsenbett reinlich ausgewaschen hatten und von Steinterasse zu Steinterasse fielen. Bald schoben sich Pinienwälder in den Camp. Die Bäume hielten ihre Kronen wie schwarze Schalen in den Himmel.

An jedem Bahnhof sah man jetzt deutsche Bauern, alte und junge. Die Alten waren gekleidet, wie alte Bauern in Deutschland. Die jungen aber trugen Gamaschen, Reithosen und breitkrämpige Gauchohüte und betonten mit dieser Kleidung, daß sie sich als Farmer betrachteten. Sie wollten den Eindruck erwecken, als seien sie eigentlich nur ausnahmsweise zu Fuß und in der Regel mit dem Sattel verwachsen. Ich habe allerdings die Vermutung, daß diese Gutsbesitzer erst in der letzten Zeit ins Land gekommen waren, irgendwo um Lohn arbeiteten und daß es keine Bauernsöhne waren. Wenn man nun den Zug durchging, hörte man überall deutsch sprechen.

Ich muß noch einige Stationennamen dieser Bahn aufschreiben. Sie sind alle auf der letzten Silbe zu betonen: Itapetininga, Cachambú, Carambehi, Jaboticabál, Taquarambó … sie haben sich von den nach Wohllaut und Klangfülle lechzenden Zungen der Indianer her erhalten, die bis auf Steinbeile, die man gelegentlich findet, spurlos und ohne Kunde verschwunden sind.

In einer dieser Stationen mit den Urwaldlauten, in Carambehi, war der Bahnhof voll blonder, gesunder, dickbusiger deutscher Bauernmädchen, die dort einen Käse verkauften, der eine Spezialität der Gegend zu sein schien. Fast jeder Reisende nahm einen oder mehrere der kleinen runden Laiber mit. In Castro war das Almoço, das Mittagessen. Dann stürzte alles aus dem Zug und auf das nahe Hotel zu. In dem hölzernen Eßraum sind die Tische schon gedeckt und wie landesüblich stehen alle Gänge durcheinander. Man setzt sich hin, wie man hereinkommt und beginnt zuzulangen. Der Brasilianer ißt nur zweimal am Tag. Aber dann läßt er nicht mit sich spaßen. Mein linker Nachbar fragt mich, ob er mir von seinem Wein eingießen darf. Mein rechter Nachbar bittet um die Erlaubnis, mich aus seiner Flasche Bier bedienen zu dürfen. Das sind die einzigen Worte, die gesprochen werden. Es wird nur gegessen. Außer der Suppe stehen auf dem Tisch: gebackene Fische, Zunge, Huhn in Sauce, gebratene Rinderstücke, schwarze Bohnen mit Wurst, Speck und Trockenfleisch, gehacktes Fleisch, panierte Schnitzel, Bratwürste, gedünsteter Ochsenschwanz, dazu Schüsseln mit Nudeln, Reis, süßen Kartoffeln und Maniocamehl. Nachher wird jedem Gast noch ein Tellerchen gegeben, aus dem ein Stück Käse und eine Scheibe Goyabada liegen, das ist eine unserm Quittenkäse zu vergleichender, aus dem Saft der Goyaba eingekochter Saft. Zusammen mit dem zu ihr gehörenden mageren Käse, fehlt er bei keinem Essen in Brasilien. Darnach das Schälchen schwarzen Kaffee.

Der Zug wartet, bis der ganze Schwarm gegessen hat. Ein großer Teil der Verrichtungen des Zugs besteht überhaupt im Warten. Auf jeder Station läßt er sich so lange Zeit, daß man einen netten Spaziergang in der Umgebung machen kann. Fünf Minuten vor der Abfahrt wird jedesmal ein erstes Warnungsläuten gegeben, aber niemand kümmert sich darum. Schließlich flötet die Lokomotive noch zwei … dreimal und wenn sich der Zug in Bewegung setzt, hetzen aus allen Winkeln Menschen hervor und springen auf die schon fahrenden Trittbretter. Der letzte ist gewöhnlich der Bediener unseres Schlafwagens.

Aber nicht nur auf den Stationen hält der Zug, auch auf freier Strecke bleibt er öfter stehn und die Lokomotive nimmt aus dort errichteten Behältern Wasser oder füllt ihren Tender wieder mit Holz. Denn auf dieser Strecke wird mit Holz gefeuert. Das hat den Vorteil, daß wir im Zug ohne Ruß sind. Was sonst auf Bahnen der Ruß ist, und der ist bei der Braunkohle, die auf anderen Strecken in Brasilien verfeuert wird, eine sehr unangenehme Plage, ist auf dieser Bahn nach dem Süden der rote Staub. Der Zug wirbelt ihn von den Geleisen auf, reißt ihn mit sich und ergießt ihn schließlich in die Wagen und über die Reisenden. Abends sind die Kleider und die Haut stets mit ihm bedeckt und man muß eine halbe Stunde an sich seifen.

Es fällt auf, wie nett, freundlich und gepflegt die Häuser werden. Ein neuer Haustyp erscheint in dieser Gegend, unverkennbar aus Deutschland eingeführt. Alle Häuser sind aus Holz, haben Veranden, leuchtende Blumen in den Fenstern. Es ist zu bedauern, daß die amtlichen deutschen Stellen in Rio es nicht vermögen, eine Statistik über die deutschen Bewohner des Landes zu führen. (Die deutsche Gesandtschaft gibt z. B. die Zahl der Deutschen in Rio de Janeiro auf 3000 an. Die Angaben der seit Jahren in Rio wohnenden Deutschen aber schwanken zwischen 12 bis 15 000. Allerdings ist dabei zu berücksichtigen, daß eine große Anzahl von Deutschen das Zusammengehörigkeitsgefühl mit der alten Heimat aufgegeben hat, und sich öffentlich nicht mehr als Deutsche gelten läßt.) Die Gegenden, die die Bahn nach Rio Grande do Sul durchfährt, scheinen mit deutschen Bauern sehr stark durchsetzt zu sein. Auch dort, wo nicht geschlossene Kolonien sind. In mancher Station sah ich Büros von Kolonieverwaltungen mit deutschen Namen.

Am Nachmittag wurde die Landschaft wieder weit und flach. Herden von Kühen und Pferden verteilten sich über die graue Hochebene. Der Zug geht in weiten Windungen langsam die Höhe hinan, die nah vor uns liegt. Oben erscheint eine Stadt. Sie sieht stattlich aus und wir müssen in einer Viertelstunde da sein. Ich lechze nach Kaffee. Ich bin mir ungewiß wie sie heißt. Nach der Karte kann es nur Ponta Grossa sein. Aber nach dem Fahrplan haben wir noch anderthalb Stunden bis hin.

Der Zug schlängelt sich auf einmal seitwärts. Man versteht nicht weshalb. In anderen Ländern fahren die Eisenbahnen stets den gradesten Weg von einer Station zur andern. Doch nach einer neuen Wellenlinie kommt uns die Ortschaft wieder zu Gesicht und liegt noch immer in derselben Entfernung von der Bahn. Wann erreichen wir sie? Das Spiel der Windungen wiederholt sich anderthalb Stunden lang. Es ist als habe der Zug die Aalkrankheit. Aber man sagt mir, die Anlage der Bahn sei nach Kilometern bezahlt worden.

Es war doch Ponta Grossa. Denn endlich und tatsächlich nach anderthalb Stunden haben wir es erreicht und fahren in seinen Bahnhof ein. Hier zweigt eine Linie nach Curityba ab und die Mehrzahl der Fahrgäste verläßt den Schlafwagen. Wir haben endlosen Aufenthalt hier. Der Bahnhof ist mit Menschen angestopft. Viele Soldaten sind darunter. Die Steige liegen bald voll Gepäck und man kann sich kaum durchkämpfen. Man wirft einen Blick in die kleine Stadt und man erschrickt wieder, daß es Menschen gibt, deren ganzes Leben in eine solche Siedlung eingefangen liegt. Man weiß nicht, wovon ihre Seele lebt und kann nur ungenaue Vermutungen über ihr wirtschaftliches Dasein anstellen.

Im Bahnhof treffe ich wieder den auf seinem europäischen Reisekorb sitzenden blonden Polaken an. Er ist sehr niedergedrückt und mürrisch. Ich frage ihn nach unsern beiden brasilianischen Freunden. Er sagt mir mit geheimnisvoll erschreckter Miene: Wissen Sie, was sie waren? Es waren Revolutionäre! Ich fragte ihn, woher er es wisse. Er machte aber nur eine unfreundliche abwehrende Gebärde. Ich ging weiter. Wir fuhren mit Verspätung ab, weiter in die einsame Öde, die der Zug durchschlängelt, als sei es ihm schmerzhaft, ein solches Land von Einfarbigkeit, Schwermut und Grenzenlosigkeit zu verlassen.

Später aber ändert sich die Landschaft und es erscheinen Oasen, wie Vallinhos, mit saftigen Wäldern, aus denen Höfe sich Land abgerungen haben. An den Bahnhöfen arbeiten Sägewerke. Man sieht weite Maispflanzungen, ordentliche Häuschen. Aus den Wäldern ragen Pinien. Die Sonne geht hinter ihnen unter und entzündet den Himmel zu einem Meer von brennendem Schwefel. Die Pinien erheben ihre weiten flachen Köpfe in die helle Glut und stehen auf dem golden blassen Felde des Abendhimmels wie große starre Dolden von schwarzen Blumen einer untergegangenen Flora.

Auf einer Station, die Iraty heißt, stürzen wieder alle Menschen aus dem Zug und ins Dorf hinein auf das kleine hölzerne Gasthaus zu, setzten sich wie sie hereinkommen und wir nehmen das Jantar ein, das Nachtessen, das aus genau denselben Speisen besteht, wie das Frühstück in Castro. Es war acht Uhr und seit zwei Stunden tiefe Nacht.

Als wir zurückkamen, legten sich alle Fahrgäste, die geblieben waren, gleich in die Betten. Ich wollte das Schlafengehen hinausschieben. Mein Gemüt war noch voll Wachheit und voll eines Lebens, das sich an dem fremden Tag in Glut erhielt. Das Schlafwäglein war noch immer der letzte Wagen im Zug und ich setzte mich auf die hintere Plattform und ließ die Beine über die schaukelnde Kuppelung herabhängen. Der rote Staub überspülte mich fühlbar. Es war kühl und klar, die Landschaft schwarz, der Himmel silbern. Die Milchstraße zerklüftete sich, und in ihrer Mitte lag ein kleiner, schwarzer, geheimnisvoller See von Nacht und Nichts. An seinem Ufer erhob sich das Kreuz des Südens und bettete die Gedanken der Sehnsucht nach fremden Küsten, mit der es die Menschen der alten Welt seit Jahrhunderten behängten, in die küstenlose Unendlichkeit des Raums.

 

2. Mai

Als ich aufstand, ging der Zug im Nebel. Man erkannte aber, daß er in einem Waldtal an der Seite eines Flusses fuhr. Pinien in zarten verschwebenden Schattenrissen, vom Nebel halb verzehrt, dunkelten auf, gleich Träumen alter chinesischer Maler.

Im Schlafwagen waren jetzt nur mehr wenige Reisende. Der eine war ein Major, aber in Zivil, ein großer schwerer, sehr gepflegt gekleideter Mann, mit einem ausgesprochenen Negertyp. Daß er ein Major war, wußten wir gleich, denn sein Bursche brachte ihm jeden Augenblick etwas. Der Bursche war ein kleiner ganz schmaler Indianer und trug stets den Kragen des eng an den Leib gegürteten Mantels hoch bis an die Ohren geschlossen. Dann war noch ein Brasilianer im Wagen, ein kleiner dicker junger Mann. Er sprach mit einem dritten, der eine goldene Brille trug, und jedenfalls ein Deutscher war. Sie sprachen über psychologische Dinge und über Politik. Zwischen den Unterhaltungen deutete der Brasilianer dem Deutschen die Linien seiner Hände aus.

Das ließ sich der Deutsche lächelnd gefallen. Doch der Brasilianer machte ihm wortreich klar, wie wichtig und ernst das sei. Das Handlesen gehöre zu den verlorenen Wissenschaften, die, einst aufs feinste ausgebildet, durch die katholische Kirche zerstört worden seien und jetzt neu wieder aufgebaut werden müßten. Davon kam er auf den Glauben an mystische Dinge, zu dem er sich mit heißem Bemühen bekannte. Meine Sprachkenntnisse langten nicht hin, um die komplizierten, weil ausholenden Ausführungen, die dann kamen, zu verstehen.

Aber ich war schon öfter in Brasilien auf diesen neuen Glauben gestoßen und kannte diese Sachen ja schon von Europa aus. In den Buchläden sah man überall Bücher über Spiritismus, Horoskope und Mystizismus. Die brasilianische Gesellschaft war damit durchseucht wie die europäische. Es war unzweifelhaft das geistige Ausschwären einer übermaterialisierten Weltanschauung bei unselbständigen aber empfänglichen Geistern. Die Brasilianer allerdings hatten als Volksmasse dieses Einströmen in den Materialismus nicht mitgemacht. Es konnte hier nur eine Mode sein, die sie sich durch das von ihnen angebetete Europa aufdrängen ließen.

Ich muß ein Beispiel nennen, das die alle Grenzen der Vernunft sprengende Art dieses Zustandes aufzeigt, denn man kann es ja wirklich einen geistigen Zufall nennen. Ich fand einen Gesellschaftskreis in Brasilien, in dem man mich zunächst mit geheimtuender Zurückhaltung fragte, ob ich wisse, daß Havenstein, der verstorbene Leiter der deutschen Bank, das Geheimnis des Goldmachens gekannt habe? Einem Deutschen, der die Inflation mitgemacht hat und von der Rolle wußte, die Havenstein dabei spielte, mußte eine solche Frage wie ein Witz vorkommen. Ich lachte und das reizte die Gläubigen. Sie traten nun hervor und behaupteten, Havenstein und fünf andre Leute in Deutschland kennten dies Geheimnis. Aber die Engländer verhinderten, daß die Kenntnis des Verfahrens ausgeübt werde. Alle Einwände gesunder Vernunft wurden mit heißblütiger Rhetorik zurückgewiesen … Vielleicht hat der Mystiker im Zug nach dem Süden dem Deutschen auch diese Geschichte erzählt.

Es saß noch ein Amerikaner im Wagen. Er lag jeden Morgen bis nach 11 Uhr im Bett, aß den ganzen Tag nichts wie Apfelsinen und las in ein und demselben Magazine, indem er Pfeife rauchte und seine Früchte schälte. Ich habe ihn nie zum Fenster hinaus schauen sehn.

Nachts schien der Bediener des Carro Dormitorio einigen Freunden, die wohl vorne im Zug mitfuhren, Unterschlupf auf den leeren Lagern zu geben. Denn man sah sie immer nur vor dem Schlafengehn und beim Aufstehn.

Der Nebel verflog in den Vormittagsstunden. Eine wundervolle Landschaft deckte sich auf. Wir fuhren jetzt im Staate St. Catharina. Die Bahn war mitten durch den Urwald gebrochen und ein Fluß begleitete sie. Er hatte etwa die Breite der Obermosel an der Luxemburger Grenze und ab und zu fiel er über mannhohe Felsen. Ich saß wieder viel auf der hintern Plattform. Pinien durchbrachen das Laubholz. Sonderbare Wasservögel flohen vor dem Zug. Stundenlang sah man nichts wie Wald und den Fluß. Dann kam eine Stelle, an der auf Steinen, die aus dem Wasser herausstanden, sich ungezählte Schildkröten sonnten. Ein Reh sprang ins Wasser. Am anderen Ufer unter dem Dickicht überhängender Bäume patschte ein großer Tapir. Und dann wieder lange Strecken ohne Lebewesen.

An den Bäumen quollen große gelbe und weiße Büschel von Orchideen. Hundert Schmarotzerpflanzen klebten sich an denselben Baum. Lianen schwebten hin und her. Doch im Wald sah man niemals ein Tier, außer den Vögeln, die der Zug aufschreckte.

Von Weile zu Weile erschienen, wie Buchten im Ozean des Waldes, gerodete Flächen, in denen junge Kolonien standen. Roças brannten, zwischen halbverkohlten Stämmen wuchs Mais, um die primitiven Holzhütten waren Gärtchen gelegt. Dann schwoll der Urwald wieder rundum zu, bis eine Station kam, an der in weitem Kreis gerodet war. Der Fluß ging langsam zu Tal. Flache Fähren verbanden in den Ortschaften die Ufer. Die Ortschaften waren freundlich. Ueberall las man in ihnen deutsche Namen. So ging es den ganzen Tag. Auch im Zug machte sich die deutsche Sprache immer bemerkbarer. Die Stationen trugen Namen, die dem schönen Charakter der Landschaft entsprachen, hießen: Rio Caçador, (Fluß der Jäger), Rio Bonito, (schöner Fluß), Bom Retiro, (gute Zuflucht) usw. und man sagte sich: hier muß das Kolonisieren eine Idylle sein. Aber alle Höhen waren noch vom Urwald besessen und in den Gasthäusern, in denen man speiste, hingen an den Wänden große Jaguarfelle, die aus den Wäldern um diese lieblichen Siedlungen stammten.

Wenn der brasilianische Mystiker seine worte- und gebärdereichen Darlegungen unterbrach, zog er sich auf die gegenüberliegende Bank zurück und las in einem Buch über den Politiker Ruy Barbosa. Das Buch machte einen solchen Eindruck auf ihn, daß er begeistert laut vor sich hinlas. Aber niemand lachte darüber.

Bei jedem Frühstück und bei jedem Abendessen saßen alle Fahrgäste des Zuges durcheinander: Major und Bursche, deutscher Bauer und brasilianischer Gaucho, Kaufmann und Mauleseltreiber, Nonne und Schaffner, Pfarrer und Fräulein. Jedesmal boten mir die Nachbarn von ihren Getränken an. Jedesmal standen dieselben zehn Gerichte nebeneinander auf dem Tisch. Jedesmal mußte man vor dem Appetit des Nachbarn bedacht sein, auf das seinige zu kommen.

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Wir haben eine Giftschlange (Chararaca) gefangen

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Schmetterlinge werden gefilmt

In der Dämmerung kamen wir in Marcellino Ramos an und hatten dort zwei Stunden Aufenthalt. Hier steigerte sich plötzlich das Bild des Flusses, der uns den ganzen Tag begleitet hatte, zu einer großen Wasserdemonstration. Der Zug fuhr über eine Eisenbrücke und unter ihm vereinigten sich drei Flüsse: der unsere, der Rio dos Peixes hieß (Fluß der Fische), der Pelotas und der große Uruguayfluß, der breit, im Schatten kühlmachender Wälder weiterzog. Das Dorf lag, nun in der Nacht nur mehr als Umriß zu erkennen, an dem Strom, wie ein Dorf an der Weser.

Dann fuhr der Zug in die Dunkelheit des Uruguay-Tales hinein. Ich sagte dem Strom auf Wiedersehn, denn er war mein Ziel im Süden des Landes, und wir legten uns schlafen.

 

3. Mai

Wir fuhren nun in den Staat Rio Grande do Sul hinein. Es war ein bewegter Tag, dessen Erregung auch im Zug zum Ausdruck kam. Heute waren die ersten Wahlen nach der letztjährigen Revolution, die noch nicht als niedergeschlagen galt. Politische Evolutionen sind in ihren feinen Veränderungen selbst für den seit Jahrzehnten im Lande seßhaften Europäer nicht zu erkennen. Das Wirtschaftsleben des reichen Landes hat der Brasilianer den Ausländern überlassen. Seine Domäne, die Politik, bewacht er eifersüchtig vor ihnen. Diese Politik zeigt gegenüber der unsrigen den grundlegenden Unterschied, daß sie keine Parteien kennt, sondern sich nur durch Persönlichkeiten macht.

In Rio Grande herrschte seit über zwanzig Jahren der Stadthalter Dr. Borges. Gegen ihn lehnte sich ein Teil des Landes unter geistiger Führung Secca Nettos und der Offiziellen von Assis Brazil auf. Nach diesen Namen nannte man auch die Anhänger des herrschenden Systems Borgisten, die Revolutionäre Assisten. Der Zusammenstoß, zu dem alle Mittel benutzt wurden, verlief im ganzen Lande blutig, wenn auch vorerst im Sand. Die Bahn, in der ich sitze, verbot damals übrigens die Beförderung sowohl von Revolutions- wie von Regierungstruppen. Ein sonderbarer Fall von Neutralität, in dem sich die Eigenart brasilianischer Verhältnisse spiegelt.

Heute waren nun zum erstenmal nach der Revolution Wahlen und man erwartete aus ihnen »die Stimme des Volkes« zu hören und ein Vorzeichen für den Ausfall der Stadthalterwahlen zu bekommen, die im nächsten Jahr folgen sollten.

Es fuhren besondere Wählerzüge, die die Wähler entfernter Orte zum Wahlplatz brachten. Auf den Plattformen und im Innern der Wagen dieser Züge standen Soldaten mit geladenem Gewehr, um die Wähler vor etwaigen Handstreichen zu schützen.

… Die Waldlandschaft hatte sich wieder in Camp aufgelöst. Er flog als endloses, graues Weideland rundum zum Horizont. Kuh- und Pferdeherden lagen weithin verteilt. Wilde Strauße gingen paarweise spazieren. Dann wieder Schafherden, und Stunden auseinander weiße Farmerhäuser, um die ein dunkler Tuff von Orangebäumen und Bananen lag.

Doch in der Ferne sah man große Wälder gelagert. Von ihnen kamen die Hölzer, die nun alle Stationen von Carasinho an überfüllten und wegen Mangel an Beförderungsmitteln sich Jahre hindurch auf den Stationen aufstapelten. Überall sah man arbeitende Sägewerke. In dieser Gegend sollen mehrere Hunderte solcher Sägen sein. Fast alle gehören Deutschen, die als mittellose Kolonisten herkamen und sich hochgearbeitet haben.

So nahte langsam Cruz Alta, die Station, an der ich meinen Schlafwagen verlassen mußte und von wo aus ich nur noch sechs Stunden Bahnfahrt westwärts bis Santo Angelo hatte. In Santo Angelo hörte die Bahn auf und ich wußte noch nicht, welche Beförderungsmittel ich bis zum Endziel der Reise, dem Uruguayfluß und der argentinischen Grenze, benutzen könnte.

Der große Major mit dem Negertypus und ich waren schließlich die einzigen Reisenden im Schlafwäglein. An diesem letzten Tag in der Bahn war es so geworden, als ob man in einem deutschen Grenzlande reiste. Unter die Reisenden waren nur noch ein paar Menschen von brasilianischem Aussehen gemischt und die Erscheinung des hageren, sonnverbrannten, blonden Mannes herrschte auf den Bahnhöfen und im Zug vor. Man hörte kaum noch etwas anderes reden als deutsch.

Ich wollte von dem Major hören, was er als Brasilianer über eine so auffallende Erscheinung dachte. Da ich gern eine aufrichtige Antwort gehabt hätte und die Brasilianer ihre Liebenswürdigkeit der Aufrichtigkeit voranzustellen pflegen, redete ich ihn auf französisch an. Er hielt nicht hinter dem Berg mit seiner Meinung.

»Wir schätzen die Deutschen und die wenigsten von uns haben unser Land gern in den Krieg gegen Deutschland gehen sehen. Gerade hier im Süden ist es zusammen mit dem italienischen das beste Kolonisationsmaterial, das zu uns kommt. Und ausgerechnet die von diesen beiden Nationen herstammenden Einwanderer konzentrieren sich in den drei Südstaaten unseres Landes. Wir sehen, daß die Deutschen und Italiener miteinander sympathisieren. Unsere Wesensart bleibt ihnen etwas Fremdes. Sie sind nicht immer mit der Politik und der Verwaltung des Landes einverstanden. Das ist die eine Seite. Und andererseits steht da unten an den Grenzen dieser drei Staaten der alte Feind Brasiliens: Argentinien. Wir glauben, es bestehe die Gefahr, daß mit dessen Unterstützung die Deutschen und Italiener einmal versuchen werden den Süden des Landes abzutrennen, um aus ihm einen eigenen Staat zu machen.«

Wir fuhren grade in Cruz Alta ein. Um das Städtchen dehnten sich neue riesenhafte Gebäude aus. Ich fragte den Major, was das sei?

»Ein Ausdruck unserer Besorgnisse … Kasernen«, antwortete er. »Die argentinische Grenze liegt fünfzehn Reitstunden von hier entfernt. Zwischen Cruz Alta und ihr haben wir noch einmal Kasernen, in Santo Angelo und in São Luiz.«

Ich verließ mit dem Eindruck dieser letzten Unterredung den Zug. Überall in der Welt hat man Angst. Ein Nachbar fürchtet den andern. Ja, der Starke fürchtet den Schwachen. Selbst am Rande der Welt stehen Soldaten.


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