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Bei Bauern und Indianern

 

3. Mai

Ich bin auf der Reise nach der südlichen Westecke des großen Brasiliens, und was ich da suche, sind zwei Dinge: den Grenzstrom des Uruguay und die Erfüllung einer Sage. Wenn ich klar sagen soll, was mich gerade zu dem Uruguaystrom treibt, so wäre ich in Verlegenheit. Ich habe nie von ihm gehört, ob er schön, groß, oder wie er sei. Ja, dieses Wort als Flußname ist mir erst seit den paar Monaten bekannt, da ich diese Reise unternahm. Vielleicht gebe ich der Sehnsucht nach unbekannten Fernen nur den Namen: Uruguaystrom.

Die Bahn karrt sich über ihre rote Straße ins Land hinein, schmalspurig wie überall in Brasilien. Neben mir sitzen Mauleseltreiber, denen man heute am Wahltage die Fahrkarten bezahlt, und sie sind von Zuckerrohrschnaps angezecht. Sie beachten mich nicht und drängen mich von meinem engen Platz fort. Sie machen das aber nicht grob und unhöflich, sondern mit der selbstverständlichen und naturhaften Rücksichtslosigkeit von Kindern. Sie stopfen sich zu neun in die Bänke, die nur für vier bestimmt sind, Ich muß mir mit Lenden und Ellbogen den Rest meines Rechtes immer von neuem sichern. Sie anerkennen auch dieses Recht. Aber immer nur drei Minuten lang.

Von einer feurigen Ungeduld ergriffen, gehe ich dann hinaus und setze mich aufs Trittbrett. Reste von Urwäldern schlingen sich um seit langem kolonisiertes Land herum und von dem Singen der rollenden Bahn umtönt, die Augen in dem Wald badend, den die Bahn durchschneidet, gehen meine Vorstellungen der Sage des alten Jesuitenstaates nach, deren Spuren sich im Wald verlieren sollen, dahinten, wo ich hin will. Vor achtzehn Jahren, als ich das erstemal in Brasilien war, habe ich Merkwürdiges von diesem sagenhaften Staat gehört. Die Bauern in St. Catharina erzählten sich, daß in den Urwäldern des Westens die alten Goldschätze der Jesuiten begraben liegen, und daß niemand noch sie gefunden habe, so viele auch danach suchen gingen.

Die Bahn fährt den ganzen Nachmittag. Es ist die jüngste Bahn Brasiliens, und einige Stationen haben noch keinen Namen, sondern sind mit Kilometern bezeichnet. Eine Station heißt Ijuhy. Es ist ein Städtchen von 5000 Einwohnern, ganz neu, gradlinig über eine Hügelwelle gebaut, mit den üblichen breiten Straßen. Doch sieht es wohlhabender aus, als die anderen Städte des Innern dieser Art und an den Hausbauten erkennt man, daß die Hälfte der Einwohner deutsch ist. Es erscheint auch eine deutsche Zeitung in Ijuhy. Sie heißt »Serra-Post«. Dann saust die Bahn. Auf einmal hat sie es eilig, wir nähern uns der letzten Station. Sie hat es eilig, wie Pferde, die abends heimlaufen und den Stall riechen. Sie braust einen Abhang hinab. Die Wagen hüpfen und schleudern, alle Menschen schauen bei den Kurven aus den Fenstern und johlen ergötzt zu der Gefahr. Aber jenseits muß sie wieder hinauf und sie fährt langsam und wie betroffen vom Anblick in den Ozean von Flammen, Blut, Gold des Abendhimmels hinein. Rasch verlöscht jedoch der Himmel. Es ist tiefste Nacht, wenn wir am Ende der Strecke ankommen. Das Städtchen, das die Bahn beschließt, heißt Santo Angelo.

Der Bahnhof ist in Finsternis gehüllt. In dieser Finsternis aber wogt eine schwarze von Schreien und Bewegung heiße Menschenmenge. Noch hält der Zug nicht, doch schon sind alle Trittbretter voll von Menschen. Sie dringen in die Wagen. Was suchen sie? Ich schaue zum Fenster hinaus und bekomme einen Schrecken vor der Finsternis, in der der Ort liegt. Denn ich weiß nicht, wohin ich zum Schlafen gehen soll. Menschen schieben und stoßen. Die einen dringen herein, die Fahrgäste wollen hinaus. In den Türen klemmt sich alles zusammen. Ich habe meinen Apparat umgehängt und meine Handtasche geschultert, gebe einen Stoß in der Tür und stehe nun draußen. Was soll ich weiter machen? Ich saß vier Tage und Nächte in der Bahn. Der rote Staub bedeckt mir die Haut und die Kleider. Ich bin müde. Menschen stoßen mich. Schreie ertönen im Wagen und unten. Der Zug hält endlich. Ich versuche von der Plattform zwischen den heraufströmenden Menschen hinab auf die Trittbretter zu kommen.

Da ruft wer einen Namen.

Es klingt mir ganz absonderlich. Mein Blutschlag stockt in einem kleinen, milden Erschrecken. Deutlich ruft die Stimme nochmals, es ist unverkennbar, es ruft wer meinen Namen. Ich bin eingepfercht zwischen fremde Menschen, auf der letzten Station der Welt, in einem finsteren, brasilianischen Städtchen, in dem ich nicht weiß, wo ich die Nacht zubringen soll … und jemand ruft meinen Namen.

Wir beide haben uns bald gefunden. Mein Koffer verschwindet auf eine andere Schulter und der unbekannte Bekannte steuert mich über einen riesenhaften, in Finsternis schwimmenden Platz auf den Gasthof zu, wo ein Zimmer und ein Duschenbad für mich bereit waren. Herrlich, herrlich! Mein tiefster Freund in der Natur ist das Wasser, der Freund, dem ich in hunderten von einsamen Stunden beim Segeln auf dem See, beim Fischen in den Bergbächen, beim Wandern, wenn er im Regen die Welt und den Himmel zu Einen macht … alle Lebenskraft und alle Schwermut, alle Gewähr der Phantasie und alle Sehnsucht des Herzens hemmungslos hingebe. Reise ich vielleicht an den Uruguaystrom, nur weil er ein Strom, weil er Wasser ist?

Der unbekannte Bekannte aus Santo Angelo am Rand der südlichsten Provinz von Rio Grande do Sul heißt Kad und ist ein Österreicher, ist ein Mensch. Die Anziehungskraft des Bezüglichen … Wir sitzen bis spät in die Nacht hinein zusammen in der Gaststube. Ich erzähle von Europa, dem er vor zwölf Jahren entflohen war und sage ihm, ich suche den Gottesstaat der Jesuiten hier. Da greift er in die Tasche und legt mir ein Heft auf den Tisch, das seine Nachforschungen über das, was mein Ziel ist, aufnotiert.

Draußen im Städtchen ging die Angst um den Wahlabend um. Lärm drang ab und zu zu uns beiden Einsamen. Ich brachte ihn dann nach Haus über den großen lichtlosen Platz und ging langsam durch die Finsternis zurück und mir war, ich schmeckte die süße Fremdheit des Städtchens am Rande der Welt auf der Zunge.

In der Finsternis bin ich dann auf dem Platz mit einer Kuh zusammengestoßen. Die ging um diese Zeit dort spazieren. Wir erschraken aber beide nicht. Ich fuhr ihr mit der Hand über die Stirn, und als ich weiter schritt dem Gasthof zu, ging sie neben mir mit. Wir gingen beide in einem Schritt. Ich habe vergessen Kad zu fragen, woher er wußte, daß ich mit dem Zuge käme.

 

4. Mai

In Santo Angelo traf ich die Spuren meiner Expeditionskameraden wieder, von denen mich fremde Umstände abgeführt hatten. Ich hörte, sie seien am Stadtplatz der nahen Kolonie von Santa Roza und warteten auf mich. Aber auf mich warteten auch die verlorenen Schätze der Jesuiten. Ich will sie nicht heben, ich will sie nur empfinden. Früher mußte man eine solche Reise mit dem Pferde machen. Sie dauerte dann mehrere Tage. Aber Kad sagte mir, in Santo Angelo könne man ein amerikanisches Auto mieten, einen von den berüchtigten Fordwagen. Ich war skeptisch. Er besorgte es, und ich lud ihn ein, die Reise mitzumachen.

Ich warte vor dem Gasthof an dem weiten Platz, der aus einem rätselvollen Grund mit Draht eingezäumt ist, obschon nichts drauf wächst, auf den Wagen. Mir wird mit einmal klar, weshalb ich zu diesen alten Stätten will, auf denen man vielleicht gar nichts mehr sieht. Einst wohnten in den Wäldern, die man in der Ferne, über dem Horizont wogen sieht, Indianer. Sie hatten Blutfehde mit den Spaniern und den Europäern, die mit ihnen kamen. Nie traf sich ein Indianer und ein Europäer auf freundliche Art. Zwischen ihnen standen nur: Raub, Totschlag, Mord und Rache. Aber die Jesuiten brachten das moralische Wunder fertig, sich diese wilden Kinder der unermeßlichen Wälder unterbötig und zu Freunden zu machen. Europäer haben hier vermocht, die Finsternis der Grenzen zwischen weißer und farbiger Rasse lichtvoll zu überbrücken. Es waren auch Jesuiten, die in dem fremden China Führer und Freunde wurden. In Peking vermittelte ihr Christentum zwischen den Abkömmlingen eines verfeinerten und alten, an Vornehmheit, Reichtum und Umfassen der europäischen sehr überlegenen Kultur und Gesittung. Im Urwald Brasiliens und Paraguays, zu derselben Zeit (im 17. und 18. Jahrhundert) haben Jesuiten aus einem ungezähmten Waldvolk ein gesittetes Bauernvolk gemacht. Das ist die Sage, zu deren Stätten es mich treibt; denn an diesen Stätten liegen, in den Ruinen verwahrt, die Erinnerungen an die Kraft der menschlichen Seele, wenn sie das echte und große Symbol des Christentums inne hat. Es war die Zeit, wo das Christentum die Gottheit in einem irdischen Gewand wieder aufleben und die Barockkirchen in himmlischer Weltenfreudigkeit um die Herzen singen ließ. Da umspannte es die Weltvölker. Man stelle sich vor: ein Gewölbe vereinigt China und südamerikanische Indianer und der Schlußstein ist Europa … Versunken und vergessen!

Das Auto kommt. Der Chauffeur ist ein Brasilianer, der sehr gut deutsch spricht. Er ist in Santo Angelo aufgewachsen. Wir holpern aus der Stadt hinaus. Dann geht es über eine sehr schmale und lange Holzbrücke, die den Ijuhyfluß übersetzt. Kad sagt mir, es lebten mehrere hundert Arten von Fischen in den Gewässern dieser Gegend. Unbekannte Vögel fliegen in den Gebüschen. Im Wald wohnen Indianerstämme. Der Camp ist voll Blumen. Das Gestein des Weges birgt Ametyste und Topase, und nie war ein Gelehrter so weit westwärts gekommen, um diese Flora, Fauna und Ethnographie zu erkennen und einzuordnen.

Wir fahren im Auto durch unerforschtes Land. Der Gegensatz ist so sonderbar. Allerdings ist es nicht gerade eine Automobilstraße, die wir benutzen. Es ist der alte Karawanenweg von Santo Angelo nach São Luiz und zur argentinischen Grenze. Er geht rücksichtslos geradeaus. Nie wurde hier eine Straße gemacht. Die Hufe der Ochsen und der Maulesel und die Räder der Karren zeichnen den Weg weithin über das Land. Der Regen reißt tiefe Gräben hinein. Wenn der Weg zum Befahren unmöglich wird, gehen die Tiere auf dem Terrain daneben und manchmal sieht man so sechs Straßen nebeneinander durch das Gras des Camplandes ziehen.

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Mit dem Auto auf dem Camp

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Butia-Palmen auf dem Camp

Von Weile zu Weile treffen wir auf einen Transport. Er ist jedesmal von einer hinreißenden Malerischkeit. Die Karren sehen aus wie kleine Archen. Zwei hohe Räder drehen mit der Achse und werfen wüstes Gekreisch über das einsame Land. Der Karren ist mit Flechtwerk geschlossen und hinten und vorn hängen als Türen Kuhhäute. Das spitze Dach darüber ist aus Binsen. Es sind drei bis zehn Ochsenpaare vorgespannt, schwere Tiere mit weit ausgreifendem Gehörn. Die Deichseln und Anschirren sind schwer und altertümlich, wie zu den Zeiten der Völkerwanderung. Zwei Reiter auf Pferden halten sich rechts und links. Sie treiben und lenken die Ochsen mit langen Bambusstangen. Oft haben sie Nägel an der Spitze, und wenn sie einmal vom Pferd müssen, weil die Ochsen widerspenstig sind, benützen sie die Stangen, um sich wieder in den Sattel zu schwingen. Diese Männer sind bombastisch gekleidet, in faltigen Stiefeln, mit flatternden, farbigen Halstüchern, großkrempigen Hüten, die sie mit einem Lederband unter dem Kinn befestigen. Sie tragen einen langen, spitzen Dolch im Ärmelloch der Weste längs der Rippen, ein breites Messer umgegürtet und einen großkalibrigen, wilden Trommelrevolver, oft noch quer vor sich auf dem Sattel ein Gewehr.

So zieht das Bild langsam und von fortwährenden Schwierigkeiten umlagert über die Campwege … wie ein Bild aus der Bibel. Es sind die Karawanen, die die Waren von Santo Angelo nach São Luiz befördern. Es ist ein Weg von 100 Kilometern und in der Regenzeit brauchen sie Wochen dazu, ihn zu bewältigen.

Oft begegnen wir einsam reisenden Männern. Sie sind alle zu Pferde und alle schwer bewaffnet. Sie nennen sich Gauchos, und einer ist wie der andere gekleidet. Ihre Stiefel sind aus weichem Leder und fallen in vielen Falten über die Waden. Wenn es aber regnet, ziehen sie sie hoch über die Schenkel, schnallen sie fest ans Bein, schlüpfen in den Poncho und reiten tagelang weiter. Kommt einmal ein Mann ohne Pferd, so hat er gewiß einen Sattel auf dem Rücken. Alle sind Don Quichotes oder Sancho Panzas. Doch von niemandem weiß man, ob er harmlos oder gefährlich ist, und man hält selber der Sicherheit halber seine Bewaffnung zur Schau.

Nun fällt die Straße zwischen Buschwerk zu einem Fluß. Kein europäisches Auto würde sich getrauen, diesen Absturz von Rinnen, von Gräben, von Löchern, aus denen sackgroße Steine aufragen, hinabzufahren. Wir werden mit dem Kopf bis ans Verdeck geworfen. Es ist eine anstrengende turnerische Übung. Bald liegen wir so tief links, daß wir sekundenlang bedroht sind, umzustürzen. Man wirft sich rasch auf die andere Seite. Dann aalt sich der Wagen mit einer Schraubenwindung in eine andere Bahn. Das Chassis ist so hoch gebaut, daß die Erhöhungen und die Steine zwischen den Rädern nicht anstoßen, und wir gelangen schließlich unten an einer Fähre an.

Auf beiden Ufern halten sich ausgeschirrte Ochsenkarren. Ein flaches Fährboot wird an einem Draht über den Fluß gezogen. Die Ochsen müssen durchschwimmen. Sie wollen nicht ins Wasser. Es ist eine ganze Herde. Die Herdentreiber reiten mit ihren Pferden in sie hinein, stoßen mit ihren Stangen ihnen in die Flanken, schreien und ermuntern, fluchen und drohen, springen ab, werfen mit Steinen, dringen vereint auf eines der Tiere ein und schieben es zum Wasser hin.

Die anderen Ochsen trampeln in einer leichten Erregung, sichtbar kämpfend mit einem Entschluß, am Ufer durcheinander. Der Ochse, der zum Wasser gedrängt wurde, schaut wehmütig auf. Dann wagt er es und übergibt sich plötzlich der Flut. Er beginnt gleich zu schwimmen und nun hasten die andern hinterdrein in den Fluß. Die Treiber schimpfen und brüllen noch immer, werfen mit Steinen. Aber die Schar Ochsen schwimmt nun ruhig und rasch durch das Wasser. Nur die Nasen und die stark behornten Stirnen ragen heraus in einem Bild, wie aus einer fremden Zoologie. Jenseits klettern sie glänzend vor Nässe ans Ufer und warten grasend ruhig, bis die Führer, die den Wagen auf die Fähre geladen haben und im Sattel dann selber auf die Bretter reiten, ankommen.

Auch unser Automobil reist auf der Fähre ans andere Ufer. Es wird gerade ein Gespann vor einen Wagen gebunden, zehn Ochsen beginnen die kleine Arche bergan zu ziehen, das Bild ist hunderte von Jahren alt, ist so alt, wie die Bibel … und unmittelbar daneben schnarrt unser Motor an und rasch bis in die höchsten Töne singend, beginnt er zugleich mit dem Ochsenkarren durch die Gräben, Rinnen, über die Steine den Weg bergan zu klettern.

Die Ochsen schielen erschrocken herüber. Die einen springen links ab, die anderen stoßen zurück. Die Führer jagen auf ihren Pferden gegen sie und lassen sie die Spitzen der Bambusstangen spüren.

Stundenlang über das Campland. Die sonderbarsten Vögel bleiben am Rand sitzen. Wir zählten zwanzig verschiedene Arten. Mein Begleiter kennt sie alle. Sie haben alte Indianernamen, die von Wohllaut tirilieren. Einer heißt: Quiririquiri, ein Rüttelfalke. Eine Geierart: Caracará! Täubchen: Juruty! Alle Wörter sind aus der letzten Silbe zu betonen. Spechte wandern in Herden über das Camp. Ein paar Schlangenstörche verbergen sich hinter einem Strauch und schauen uns nach. Reiher und Wildenten, schwarzgelbe Stare, die häufigsten sind Kibitze. Rebhuhnwachteln schlüpfen kurz vor uns mit unbesonnener Hast über den Weg und ins Gras. Aus dem Erdboden erheben sich plötzlich kleine Eulen und bleiben sitzen, als träumten sie mit wachen Augen und seien von einem andern Gestirn gekommen. Und außer diesen einsamen Erdeulen leben alle Vögel paar- und truppweise hier oben.

Ein einsames Haus steht am Wege. Es ist eine Venda. Wir trinken einen Schnaps bei dem Caboclo. In dem Raum hat er in seinen Gestellen Stoffe, Rollentabak, Lassos, Parfümflaschen und Sporen; ich sitze auf dem Ladentisch und sehe durch die Tür in den Schweinehag. Ein Dutzend Tiere treibt sich drin herum. Sie sitzen in rotem Schlamm und gehen dann an die Einfassung und reiben sich an den Steinen ab. Ich schaue mir nun erst die Steine an. Ich springe von dem Ladentisch herab und laufe hinaus. Nie sah ich einen Schweinehag, dessen Einfassung aus Säulenresten, Kapitälen, mit großer Kunst behauenen Steinen in einem üppigen südländischen Barock zusammengesetzt war. Unter einem Dach lag ein Barocktaufstein, ein riesenhafter Steinblock mit den schönsten Darstellungen belebt. Über den Grasplatz, bis zum nahen Gebüsch streuten sich bearbeitete Steinplatten, Klötze, Kapitäle, Säulen, Bruchstücke von riesenhaften Schnecken mit sonderbar symbolischen Darstellungen.

Ich schaue Kad an.

Dies ist die erste der Indianer-Reduktionen, sagte er, São João Baptista.

Wir gehen in den Busch. Man kommt nicht durch das Gestrüpp und wir schreiten am Rand hin, durch das hohe Gras. In dem Wald und im Grase liegt die alte Jesuitenstadt begraben. Eine Mauer zieht sich, noch mannshoch erhalten, zwischen den Bäumen durch. Baumstämme durchbrechen ihre Quadern. Sonst ist alles nur ein Gräberfeld herrlicher Steinreste, Kunst zu Trümmern zersprengt und in die Winde gestreut, wie von der Hand eines Zyklopenteufels. Und so weit das Auge sieht, außer der einsamen Venda, in der wir einen Schnaps tranken, nichts, als die hohe leere Einsamkeit des Camps.

Zwei Stunden später gleiten wir vom Weg ab und mit dem Auto teils durch Wiesen und Strauchwerk brechend, teils einem verwachsenen Weg folgend, gelangen wir wieder in einen Wald, der sich eine mäßige Höhe hinanzieht. Plötzlich erscheint, von niedrigem Gestrüpp, von Stauden, von hohen Bäumen fast verschlungen, das Märchenhafteste, das Herzergreifendste, das Phantastischeste von Ruine, das ich jemals sah: die Reste der alten Kirche der Reduktion von São Miguel Arrancho. Die Reste der Kirche zeigen eine Architektur von edelster Feinheit und Durcharbeitung, schön wie eine Barockkirche in Rom, reich, strahlend. Das Dach ist verschwunden. Bäume brechen mit weiten Kronen über die Gesimse, zwängen sich durch die Fenster. Aus dem Mauerwerk flammen rotglühende Blumen in dicken Büschen. Eine hünenhafte Kaktee dringt über dem Portal aus dem Stein und ist wie mit Sternen von leuchtenden gelben Rosen behängt. Ein Turm erhebt sich an der Seite. Ein wilder Sprung macht ihn auseinanderbersten und die beiden Teile neigen sich, von einer rätselhaften Kraft noch gehalten, dem Erdboden entgegen, der mit Skulpturen schon besät ist.

Das Innere, in drei Hallen aufgeteilt, ist ein wilder Garten. Mannsdicke Wurzeln pressen sich in das Mauerwerk. Pfeffervögel fliegen in den Bäumen. Ihre Schnäbel leuchten wie blutrote Rubine, ihre Hälse wie grelle Topase. Sie schreien. Der Boden ist überall in den Hallen, in den erhaltenen und zerfallenen Nebenräumen tief von Schatzgräbern aufgewühlt. In den Mauern sind nur kleine Fenster, die mit verdunkelnder, straffgespannter Rindsblase verschlossen gewesen waren, damit die Edelsteine, die die Erbauer in das Mauerwerk gesät hatten, mit der unheimlich geheimnisvollen Glut ihrer Seele aus Wasser und Gestein das Wunder der Schöpfung in die Seelen der Indianer versenken und deren Phantasien an dem Feuer des ewigen Lebens in Flammen setzen sollen.

Eine solche Kirche war der Thron Gottes in der Stadt der Indianer. Die Steine waren aus unbekannter Ferne geholt worden, wahrscheinlich mit Hilfe des Uruguaystroms. Alles Schönste, was Geist, Phantasie und Hände in den Stein bannen konnten, mußte wirksam werden, als äußere Einwirkungskraft auf den Glauben daran, daß es nichts Erhabeneres und nichts Vollkommeneres, nichts Anbetungswürdigeres und keine andere Erfüllung gebe, als die Gegenwart Gottes auf Erden. Höchste Seelenkunst mit höchster Händekunst vermählt. Hier sind die Jesuiten als Menschen vollkommene Geschöpfe Gottes gewesen.

An die Kirche schloß sich die Stadt in regelmäßiger Anlage um einen weiten Platz. Jede Indianerfamilie hatte ihr Häuschen. Keinem Fremden ward das Betreten der Niederlassung gewährt. Für sie bestand außerhalb eine Herberge. Denn das war das erste Prinzip der Jesuiten: sie hielten alle Fremden mit strengster Energie von ihren Guarany-Indianern fern, damit sie, wie der deutsche Jesuit Pater Sepp, der Leiter in São João schrieb: »durch die bösen Christen nicht geärgert werden.«

Ich bin versucht, Seiten und Seiten zu erzählen, von den merkwürdig genialen Dingen dieses kommunistischen Gottesstaates der Jesuiten, von ihrer Staatsklugheit und der Größe ihrer Menschenkenntnis. Es macht einen fast betroffen, daß über diesen Staat kein Buch besteht, das unsere Jesuiten geschrieben haben, außer einem oder zwei verschollenen portugiesischen, die vor Jahrzehnten in Brasilien erschienen. Mein neuer Freund aus Santo Angelo gab mir seine Aufzeichnungen, das einzige in deutscher Sprache geschriebene, das zugänglich ist. Sein Titel heißt: Die Indianerreduktionen der Jesuiten von Theodor Kadletz, aber ich weiß nicht, ob die Broschüre im öffentlichen Buchhandel zu haben ist.

Einige Angaben muß ich mitteilen: Die erste Gründung erfolgte 1605, die Jesuiten wurden durch den Marquis de Pombal 1759 vertrieben. Es entstanden langjährige Kriege. Denn die Jesuiten hatten die Indianer kriegsmäßig erzogen und sie gelehrt, Geschütze zu gießen. Die Kriege, in denen die Guarany den Spaniern und Portugiesen widerstanden, rieben den Stamm fast ganz auf, und während im Jahre 1732 einunddreißig Reduktionen mit einer Einwohnerzahl von 141 000 Seelen bestanden, wurden 1835 noch 350 Indianer gezählt.

Der Reichtum des Staates war unermeßlich. Das Gebiet war so groß wie Deutschland. São Miguel allein soll über 500 000 Ochsen besessen haben. Der Pferdebestand einer Niederlassung betrug 4 bis 5000 Stück und der jährliche Reingewinn aus dem wirtschaftlichen Leben wurde für den Staat in der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts mit über 200 000 Pesos berechnet. Die Reduktionen hatten eigene Fabriken und betrieben großen Export. Musik und Tanz wurden gepflegt, große Musikkapellen mit vielerlei Instrumenten spielten beim Gottesdienst. Und von dem ganzen Volk der Guarany und jenes Staates der Jesuiten besteht heute nachweisbar nicht ein einziges Absprengsel mehr. Es ist begraben in die wunderbare Sage, daß es einmal Europäer gab, die so starke Menschen waren, daß sie den Urwald in Städte umwandeln konnten.

 

5. Mai

Auch Santo Angelo war eine Indianerstadt gewesen. Es war schon Wald über die Stadt gewachsen, der 1860 weggeschlagen wurde. In diesen letzten Jahrzehnten ist der Platz erneut zu einem Städtchen von 5000 Einwohnern aufgewachsen, von denen die Hälfte deutschen Ursprungs ist, den Zusammenhang mit ihrem Mutterland aber aufgegeben hat.

Es ist eine Siedlung, die Zukunft hat, denn sie ist der Auffang für ein Hinterland, das sich seit fünf, sechs Jahren stark besiedelt und unter tüchtiger Verwaltung steht: Die Kolonien Santa Roza und Guarany; südlich geht ein alter Verkehrsweg über vergessene Städtchen nach der argentinischen Grenze.

Die Straßen des Städtchens, breit, voll Staub oder Schlamm, je nachdem die Sonne scheint oder der Regen fällt, sind tagein tagaus von Reitern belebt, kunterbunt durcheinander, deutsche Bauern, die einkaufen kommen, oder Gauchos, deren Zwecke man nicht feststellen kann. Deutsche Gasthöfe und Läden halten sich neben brasilianischen. Große Kasernen stehen außerhalb im freien Land. Argentinien, der Feind, ist nah. Mein neuer Freund hat eine deutsche Buchhandlung gegründet.

Die Straßen fließen breit auseinander, mit niedern Häusern, wie überall im Innern des Landes und drängen dann mit Gärten, sich zu einem malerischen Bild zusammenschließend, auf die Anhöhe hinauf, auf der die zwei Türme der Kirche ihre Kuppeln bäuerlich derb in den Himmel erheben.

Oben vor der Kirche liegt ein breiter Platz. Man erkennt auf Schritt und Tritt, daß hier die Indianerstadt lag. Der Platz ist in seinen alten Umrissen erhalten. Man sieht die Häuser an dem Mauerwerk der alten Jesuiten-Reduktion aufgebaut. Mächtige Säulen liegen im Sand. Neben der Kirche ist das Gefängnis. Seine vergitterten Fenster gehen auf den Platz und stehen offen. Man sieht die Bewohner. Sie verweilen an den Gitterstäben, rufen Anmerkungen über die Vorübergehenden. Ein alter Neger mit einem Schwert in der Hand steht Wache. Welche Zeit! Welches Volk! Es ist die Rute zum Abschrecken für die Kinder, sichtbar hinter den Spiegel gesteckt.

Vor der Stadt liegt ein Friedhof. Alle Gräber sind pompös, sind wahrhaftige Mausoleen, aber alle liegen in Ruinen, auch die, an denen frischer Kranzschmuck zeigt, daß in den letzten Tagen ein Toter bestattet wurde. So sind aber alle Friedhöfe hier unten. In einem Elan großmütigen Angedenkens erbaut man diese kleinen Paläste und läßt sie sofort verfallen. Zwischen den Gräbern erhebt sich ein riesenhaftes merkwürdiges zweiarmiges Kreuz, das aus einem einzigen fremden, gewaltigen Stein geschlagen ist und aus einer der Jesuitenstädte stammt.

 

6. Mai

Das amerikanische Auto ist nicht zu haben. Ich will in die Kolonie Santa Roza fahren und meine Expeditionskameraden suchen. Das Auto wird von Weile zu Weile zur Beförderung der Post benutzt. Es fährt dann nach São Luiz und bleibt mehrere Tage weg. Aber es ist noch ein anderer, älterer Wagen in der Stadt, ebenfalls ein Fordwagen, denn andere Automobile vertragen dieses Gelände nicht. Der Besitzer hat seinen Wagen schon vergeben. Aber ich bin ungeduldig. Der Uruguaystrom wartet drüben im Unbekannten. Ich rede zu, man hilft mir.

Ja, sagt er dann, schließlich gehe es, wenn ich erlaube, daß zwei Personen mitfahren. Sie fahren nur fünfzehn Kilometer weit, weshalb nicht. Natürlich erlaube ich das. Er kommt also gegen zehn Uhr mich abholen. Wir fahren durch einige Straßen und halten vor einem Haus. Sofort öffnen sich alle zehn Fenster und aus jedem schaut ein Mädchen heraus. Keines überließ einem einen Zweifel über den lebenslustigen Beruf, dem sie ergeben waren. Übrigens heißen diese Häuser im Süden Brasiliens, wo sie in den kleinsten Städten überall bestehen – Kabarett! Da warten wir nun eine Weile, das heißt, der Chauffeur ging hinein, und ich wartete im Wagen.

Endlich kam er zurück.

Hinter ihm bewegten sich zwei Gestalten. Nie sah ich zwei solche Männer nebeneinander. Sie waren beide einer Phantasie entlaufen, die von südländischem mittelalterlichen Räubertum getränkt war. Beide waren groß und mager, beide hatten ungeheuerliche Nasen und kleine stechende Augen, wie Marmeln aus glänzendem Jet. Beide trugen unterm Arm einen Sattel, an den Faltenstiefeln handgroße Sporen, die beim Gehen klingelten, wie Kirchenschellen bei der Wandlung. Die Gauchohüte waren mit einem Lederband unter dem Kinn befestigt. Um den Hals war mit losem Knoten ein farbiges Tuch geschlungen, das mit einem Zipfel über die Jacke rückwärts hing. Am Gürtel hingen Dolche und Revolver. Aus dem Ärmel der Weste stachen die Griffe der schlanken kurzen Degen hervor, die mit Silberdraht umwickelt und schön und alt ornamentiert waren. Einer der Männer war alt, der andere jung. Der Alte hatte einen Kinnbart aus zwölf krausen schwarzen Haaren, die starr und wie verbogene Drähte sich durcheinanderschlangen. Der Junge war bartlos.

Sie befestigten die Sättel auf den Trittbrettern. Dann unterhielten sie sich nachgenießerlich noch eine Weile mit den Mädchen in den Fenstern. Der Junge lachte nur. Der Alte machte einige heftige, von malerischer Groteske und Saftigkeit schäumende Machicheschritte. Ich aber mußte heute meine Kameraden erreichen, von denen ich nicht genau wußte, wo sie waren. Ungeduldig schlug ich auf das Polster und rief: Vamos! Vamos! (Gehen wir!)

Der Alte zuckte zu mir herum, schoß mit den schwarzen Marmeln seiner Augen nach mir. Der Junge aber wandte sich langsam herüber und ließ seine schwarzen, von einer randlosen tierhaften Dummheit überquellenden Augen eindringlich ruhig auf mir liegen. Ich erschrak. Aber der Chauffeur warf den Motor an. Der Alte stieg zu ihm. Der Junge überkletterte die Sättel und schlüpfte unter das Dach zu mir. Und wir fuhren ab.

Der Weg läuft grade aus der Stadt ins freie Land und fast ohne Übergang sind wir im Kamp. Bald sieht man nichts mehr als freie weite Einsamkeit, in der Strauße spazieren gehen, Kühe und Pferde weiden, Vögel fliegen oder uns nachschauen.

Ich werfe von der Seite einen heimlichen Blick auf meinen Nachbarn. Er liegt lang ausgestreckt da und nimmt wenig Rücksicht darauf, daß ich es bin, der die Fahrt bezahlt. Wie meine Augen sein Gesicht erreichen, sehe ich, daß auch er mich anschaut, sprachlos dumm, wie ein gieriges Tier. Ich erschrecke wieder. Aber ich schaue nicht weg und auch er wendet die Augen nicht ab. Ich ziehe bös mit der Hand einen Strich über den Sitz, um ihm zu bedeuten, mein Platz reiche bis dahin. Da zog er die Beine mit den Conquistadorenstiefeln zurück und richtete sich auf.

Es kam ein Reiter uns entgegen. Kaum sah er uns, so hielt er sein Pferd mit einer auffallenden Bewegung an. Er war genau so gekleidet und bewaffnet, wie meine beiden Mitreisenden. Der lange Alte vor uns ist mit einem Satz über Tür und Sättel aus dem Wagen. Der Reiter springt ab und die beiden küssen sich. Auch mich grüßt der Reiter aufs höflichste, als gehöre ich zu seinen Freunden, reicht mir die Hand und umarmt mich nach der Sitte des Landes, indem er mich auf den Rücken klopft.

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Inbacoré. Der Typ eines Indianers

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Links: Der Kazike der Inbacoré-Indianer

Rechts: Kinder der Inbacoré-Indianer

Wir fahren weiter. Die Straße ist wie gestern. Manchmal sind die Rinnen mannstief und das Auto fährt durch das Gras über den Camp, bis der Weg wieder fahrbar wird. Ununterbrochen begegnen uns Reiter. Alle haben die faltigen Stiefeln und die vielen Waffen. Was machen sie? Wohin gehen sie? Woher kommen sie? Nichts von menschlicher Behausung ist zu sehen, soweit der Blick reicht. Reiter oder Ritter, oder Schnapphähne … wer sind sie?

Öfter schlüpfen die gefleckten braunen Rebhuhnwachteln aus dem Gras der einen Seite, huschen rasch vor uns über den Weg und verbergen sich auf der anderen Seite sofort im Gras. Der Führer stößt plötzlich den Bärtigen an und zeigt vor sich auf den Weg. Etwa fünfzehn Schritte vor dem Auto springt ein Rebhuhn aus dem Gras in den Weg. Der Gaucho reißt seinen großen Revolver aus der Ledertasche, neigt sich aus dem Auto vor, das mit zwanzig Kilometern Geschwindigkeit fährt, und mitten im Fahren schießt er auf den Vogel. Die Kugel zerreißt ihn. Es sieht aus, wie ein Ball von Federn, der explodiert. Die drei lachen, als hätten sie dem lieben Gott mit der Zerstörung dieser süßen harmlosen Kreatur einen blutigen Witz versetzt.

Ich mag nicht leugnen, daß auch mir dieser Treffschuß aus dem fahrenden Auto gefallen hat und ich bekomme liebenswürdigere Empfindungen für die beiden Schnapphähne, obgleich ich gern mein Auto für mich allein gehabt hätte und allein mit meinen Glücksgefühlen über die Fahrt ins Fremde und Unbekannte hinein gewesen wäre. Denn wir wußten nicht, wo wir die Kameraden suchen sollten. Nur so im allgemeinen steuerten wir auf den Hauptplatz der Kolonie zu. Die fünfzehn Kilometer, die die Gaucho mitfahren sollten, waren auch längst vorbei.

Schließlich hielt das Auto seitwärts von einer hölzernen Hütte. Die beiden stiegen aus, nahmen ihre Sättel und warfen sie an den Straßenrand. Sie gingen zu der Hütte. Der Chauffeur folgte ihnen. Dann kam auch ich nach. Wir setzten uns in den Schuppen. Es war eine kleine Venda. Man sah in den Gestellen wieder einige Flaschen, Sporen, Lederzeug, drei oder vier Tuchstücke und Halstücher, Lassos, Zigaretten, schwarzen Rollentabak und Parfümfläschchen. Der Zuckerrohrschnaps, den ich zum besten gab, war jung und rauh. Er ätzte die Kehle und hatte den üblichen fuseligsüßen Gestank.

Bald ging es weiter. Nun war ich allein und sah dem Wald entgegen, der sich fern im Kamp wie eine dunkle riesenhafte Mauer erhob.

Da beginnt die Kolonie, sagte der Fahrer.

Aber wir fuhren noch zwei bis drei Stunden. Dann kamen wir an den Wald und ins kolonisierte Gebiet und hatten auf einmal eine prachtvolle neue Straße unter den Rädern. Abgeholzte und abgebrannte Strecken schmiegten sich in den Wald. Kleine Kolonistenhäuser aus Holz bargen sich in einem Winkel oder waren mit Tabak-, Mais- und Maniokkagärten umgeben. Schweine liefen herum. Männer, Frauen und Kinder arbeiteten. Wir konnten auf deutsch nach dem Stadtplatz fragen. Deutsche Bauern mit blonden Vollbärten arbeiteten an der Straße. Der Wald wich zurück. Die Straße fiel schräg bergab und in einem Kessel erschienen die Häuser des Hauptplatzes der Kolonie.

Den Namen eines Arztes las ich auf einem Schild. Man sah ein Kirchlein, einen Gasthof, zwei Kaufhäuser, das Holzgebäude der Kolonieverwaltung, kleine Privathäuser, eine Schule. Wir hielten vor dem Gasthofe. Der Platz hatte kürzlich seinen Namen Santa Roza in »14 de Julho« (nach dem Nationalfeiertag Brasiliens) geändert. (Man hatte mir gesagt, meine Reisegenossen wohnten in dem Gasthof, der einem Deutschen gehörte. Ich ging hinein und fragte. Man gab mir widerwillig Antwort. Man wußte nichts von ihnen.

Dann ging ich zum ersten Kaufmann. Der Laden war voll. Ich fragte. Da trat einer der Männer auf mich zu und sagte freudig in einem Deutsch, dem man einen halb vergessenen pommerschen Dialekt anhörte:

So, Sie sind es. Jo, die warten schon lang auf Euch. Sie sind bei mir in Bello Centro.

Ich rief den Chauffeur herein, damit ihm der Weg erklärt werde.

Der Bauer sagte:

Jo, beim Kickenmeier in Bello Centro. Du weißt … der neue Gasthof gegenüber der Venda.

Der Chauffeur antwortete dann auf portugiesisch. Und sie sprachen nun weiter portugiesisch. Ich machte dem Leiter der Kolonie einen Besuch. Er hieß Dr. Dahne, aber man sprach es Dr. Deen aus. Ich fragte, weshalb man diesen Namen nicht deutsch ausspreche, wie er gemeint sei. Man antwortete mir, weil er ein Engländer sei. Der Direktor sprach in der Tat kein Deutsch mehr. Aber er war ein famoser jüngerer Mann, von schönem straffen Aussehen, angelsächsisch, kameradschaftlich liebenswürdig.

Als wir später eine Weile gefahren waren, lief die Straße in einen Fluß. Eine halbfertige Brücke erhob sich in halber Haushöhe im Wasser. Wir kamen nicht durch und mußten in einem Umweg nach Bello Centro. Nach einer Stunde, die wir über eine Straße fuhren, beiderseits von ununterbrochenem Urwald übertürmt, aber in bestem Zustand, gelangten wir an unser Ziel. In einem weiten, aus dem Urwald geschlagenen Loch lagen vier Holzgebäude von gewissem Ausmaß. Das eine war der Gasthof von Kickenmeier, und meine Expeditionskameraden, die das Auto gehört hatten, waren schon draußen auf dem Platz vor dem Hause.

 

7. Mai

Bello Centro besteht aus vier Häusern: einer Schmiede, zwei Kaufleuten und einem Gasthof. Der Gasthof hat einen Raum, in dem Kickenmeier, seine Frau und seine neun Kinder schlafen, eine Küche und einen großen Tanzsaal, dem in der Art eines Alkovens ein Ausschank angebaut ist. Meine Kameraden schlafen in Hängematten in diesem Tanzsaal. Das ganze Gebäude ist aus Holz und nach der hinteren Seite sind die Bretter ohne Überleisten nebeneinander genagelt. Wir essen an einem zehn Meter langen Tisch an dieser Seite und abends blakt die Petroleumlampe im Luftzug, der zwischen den Brettern hereinfällt. Wir essen Haufen von frischgeschlachtetem räßem Fleisch, trinken laues Bier dazu.

Ich schlafe beim Kaufmann Hettwer. Er hat neben dem Laden sein Büro und seinen Aufenthaltsraum für die Familie. Den hat er mir in freundschaftlichster Weise zur Verfügung gestellt und ein Scherenbett hineingegeben.

Als ich gestern Nacht nach Haus kam, wartete er auf mich. Ich sagte ihm: Wissen Sie, daß in dem Schuppen nebenan Licht ist?

Wohl, wohl! antwortete er. Wollen Sie noch mitkommen, zuschauen, wie sie arbeiten?

Es war elf Uhr vorbei. Wir gingen hinüber. Er riß die Tür auf, und ein mit betäubenden Gerüchen gefüllter Staub schlug uns entgegen – Tabak. Irgendwo hing eine kleine Lampe. Zwei Haufen Tabak, dicht aufeinander gestapelt, doppelt mannshoch, standen braun, dunkel in dem düstern Licht. Frauen und Mädchen lagen auf dem höheren, und andere reichten Tabakblätter hinaus, die sie droben aufschichteten. Der Haufen war schon nahe an der Decke und die Mädchen mußten zu ihrer Arbeit auf dem Bauch liegen. In dem Raum arbeiteten die Frau des Kaufmanns und seine vierzehn Kinder. Man schichtete so den Tabak öfter um, damit er umfermentieren kann. Dann wird er in Ballen gepreßt und nach Europa geschickt.

Die Kolonie Santa Roza besteht erst seit sechs Jahren. Mehr als zu zwei Dritteln ist sie noch Urwald. Trotzdem hat dieser Kaufmann allein im vorigen Jahr von den Bauern fünftausend Arobas Tabak gekauft. Das sind 75 000 Kilogramm und das Kilogramm bezahlt er jetzt mit anderthalb Milreis. Er allein führt also jährlich der Kolonie für ein Nebenprodukt gegen 120 000 Milreis zu.

Hinter dem Gasthof von Kickenmeier liegt ein frisch geschlagenes Stück Wald, das gerade abgebrannt worden ist, eine sogenannte Roça. An der einen Seite dämmt sich noch unangerührter Urwald auf und in den Bäumen schreien Scharen von Papageien.

In weitem Umkreis verbergen sich Kolonien in den Wald. Sie gehören fast alle Deutschen, doch sind Italiener zwischen sie gemischt. Überall auch steigt der Rauch von abgebranntem Wald zwischen den Bäumen hoch, kündend, daß der Fleiß der Menschen der Natur hier neues Rodeland abringt.

* * *

Es ist endlich Zeit, an das Problem heranzugehen, auf das sich ein deutsches oder europäisches Bewußtsein sofort einstellt, wenn der Name Brasilien genannt wird: Das Problem des Kolonisierens. Ich werde nicht hinter dem Berg halten mit dem, was dagegen zu sagen ist, doch werde ich ebensowenig in der Blechmusik derer mitgehen, die von vornherein und ohne die Umstände zu betrachten, Unheil zu blasen beginnen, wenn über deutsche Auswanderung das Wort fällt.

Auswandern hat für die, welche in der Heimat, die verlassen wird, zurückbleiben, etwas von Fatum an sich. Ich erinnere mich genau aus meiner Kindheit her der dunkeln, mit Katastrophe und Untergang umdrohten Eindrücke, die jeder Zug Auswanderer zurückließ, der an der Tür meines Vaterhauses vorbei auf Belgien zuzog. Arme Wagen, auf denen sich die Menschen mit ihrem Reisegut mischten, beförderten sie davon, die der Heimat überdrüssig geworden waren, oder die die Heimat nicht mehr ernähren konnte. Die Frauen und Kinder weinten. Die Männer gingen finster, oder in der Trunkenheit, mit einer die Verzweiflung zudeckenden, lärmenden Ausgelassenheit nebenher. In Antwerpen wurden sie dann auf den Dampfer der Red Star Line verfrachtet, Zwischendeckware der Schiffsgesellschaften. Einmal kamen ganze Dörfer zusammen zurück, ausgesogener noch, als sie ausgezogen waren. Man verschaffte ihnen armes Land in den Ardennen, wo sie sich niederlassen konnten und das Dorf, das sie gründeten, nannten die Luxemburger Neu-Brasilien.

Auch auf meiner Reise jetzt durch Brasilien traf man in den Hafenstädten, in besonderer Weise jedoch in den Bahnhöfen der kleinen Städte im Innern des Südens, oft Gruppen von Deutschen, die auf dem Weg waren, sich die zweite Heimat zu sichern. Es waren bunt durcheinander junge Burschen, einsam gesetzte Männer, junge und ältere Ehepaare. Auch wenn sie nicht in dieselbe Gegend wollten, schlossen sie sich stets zusammen, trugen, auf den Bahnhöfen umherirrend, ihre Fremdheit zur Schau. Man erkannte immer deutlich an ihrem Benehmen, ob sie erst hinausgingen oder schon zurückkehrten. Redete man die ersteren an, so begann das Fragen. Sie waren alle stets unterrichtet über das, worauf es ankommt bei einer Kolonie, jedoch niemals, ob das, worauf es ankommt, auch bei den Ländereien der Kolonialgesellschaft, der sie sich verschrieben hatten, zu finden war. Sie gingen an der Hand der Prospekte, die sie herzeigten, alle ein wenig ins Blaue hinein, wie das Sprichwort sagt, wo die alte deutsche Blume im Verborgenen leuchtete.

Die, die schon zurückkamen, ließen sich ebenfalls gerne ansprechen und hielten dann Reden wie auf einer kommunistischen Versammlung. Ich erinnere mich nicht, unter diesen einen Menschen getroffen zu haben, der das Schwabenalter erreicht hatte. Damit will ich nicht etwa als Regel aufstellen, daß ein Alter von mehr als dreißig Jahren die Gewähr sei, daß das Wurzelfassen im brasilianischen Urwald gelinge.

Diese Gescheiterten zogen zurück in die Städte: Porto Alegre, Sâo Paulo, Santos oder Rio de Janeiro. Selten reichte ihr Geld weiter als bis zu einer dieser Mündungen. Dann begannen sie den heimatlichen Konsulaten und ihren Landsleuten zur Last zu fallen.

Dieses Zur-Last-Fallen wächst oft aus zu unverschämtem, mit Drohungen gewürztem Bettel. Denn nach dem Krieg verließen zunächst alle die das Heimatland, die im Feldleben verwildert waren, weil sie sich in geordnete, in Arbeit aufgeteilte Verhältnisse, in denen jeder wieder Verantwortung zu tragen hatte, nicht mehr zurechtfinden wollten. Und das sind nicht die guten Elemente der Soldatenschaft und des Volkes. Wenn man in den genannten Städten als Deutscher ankommt, dessen Name und Adresse in die Öffentlichkeit geraten, hat man jeden Tag die Besuche und Zudringlichkeiten solcher Elemente abzuwehren; oder Almosen zu geben, über deren Vergeblichkeit man mehr als sicher sein kann.

Die natürliche Folge davon ist, daß die in brasilianischen Städten ansässigen Deutschen alle heißblütige Feinde des Auswanderns aus Deutschland und des Kolonisierens sind. Denn von den Einwanderern, denen es glückt, sehen sie nichts mehr. Die verschwinden bei den maßlosen Räumen eines solchen Landes in ihren Niederlassungen. Sie sehen nur immer die Gescheiterten, von denen sie ununterbrochen belästigt werden, und kaum jemals kommt einer von den in den Städten Ansässigen in landwirtschaftliche Gegenden, in denen er durch Augenschein ein richtiges Urteil sich bilden könnte. Denn wenn ihre Feindseligkeit gegen das Kolonisieren in diesem Falle auch begreiflich ist, so ist es damit noch nicht so ohne weiteres berechtigt.

Diese Verunglückten, nach denen jene sich ihr Urteil über das Kolonisieren bilden, sind nicht durch die Verhältnisse verunglückt, sondern durch sich selber. Im großen ganzen kommen zwei Kategorien von Einwanderern in Länder wie Brasilien: die Einen, um dort Arbeit und Lebensunterhalt zu suchen, die Anderen, um das Paradies zu finden. Diese erkennt man auf den Bahnhöfen, ja schon in den Schiffen totsicher immer an ihrem Gepäck. Es besteht in der Hauptsache aus einem oder mehreren Gewehren (für die Tiger- und Affenjagd) und einem Schaukelstuhl, von dem aus sie von hoher Veranda herab aus dem Schatten ihre Güter zu beherrschen gedenken.

Ich weiß also, daß ich mit meinen meisten Ansichten über das Kolonisieren in Brasilien im Gegensatz zu den in brasilianischen Städten ansässigen Deutschen bin. Außer dem, was ich über die Ursachen dieser Feindseligkeiten sagte, führe ich gegen ihren Wert noch an, daß z. B. im Staate Rio Grande do Sul, der im ganzen 1 400 000 Einwohner hat, 400 000 Deutsche, das sind etwa 30 Prozent, in ordentlichen, ja zum Teil sehr blühenden Verhältnissen leben; daß von den 400 000 Einwohnern des Staates Sta. Katharina allein in der Kolonie Blumenau etwa 60 000 Deutsche geschlossen beisammen wohnen. Solche Zahlen werden nicht durch den Umstand erreicht, daß Auswandern und Kolonisieren von vornherein dasselbe wie Bankerottieren des Lebens ist.

Eine eingehende Schilderung der Härte der Arbeit beim Urwaldroden, der Entbehrungen, der Kleinheit des Lebensformates und der Kargheit in der ersten Hütte kann ich unterlassen. Ich glaube, das ist alles sehr bekannt. Doch möchte ich bei den Dingen verweilen, die bei diesem Unternehmen das Gemüt oder den Geist angehen.

Was bewegt Menschen, die in Europa geboren und ausgewachsen sind, nach überseeischen Ländern auszuwandern und sich dort aus dem Ungewissen, Blutsfremden und Schwierigen heraus ein neues Leben aufzubauen?

Not! Nichts anderes. Entweder geistige oder wirtschaftliche Not.

Die geistige Not als Beweggrund ist der seltenere, aber auch der gefährlichere. Im Grunde handelt es sich bei den erwähnten Menschen, die sich aus der Ungebundenheit des Lebens im Kriege nicht zurückfanden und eine Fortsetzung jenes Lebens in fernen Ländern erhofften, um nichts anderes, als um eine Art geistiger Not, mag sie auch in fast allen Fällen mit wirtschaftlicher gepaart gewesen sein.

Seitdem der Krieg für Deutschland verloren ist, beobachtet man in Deutschland ein Liebäugeln gebildeter Stände mit Auswandern und Kolonisieren, und das besonders in den Berufen, die literarischen oder überhaupt künstlerischen Beschäftigungen ergeben sind. Diesen Menschen ist zunächst zu sagen, daß die Natur eines Urwalds und die Geographie einer Kolonie nicht bereiter und nicht großmütiger gegen die sind, die die Literatur, Kunst und Bildung des deutschen Volkes schaffen, als es die Einstellung der maßgebenden Schichten dieses Volkes im Heimatland ist.

Wenn mich ein Mensch dieser Kreise um die Möglichkeiten drüben frägt, schließe ich die Augen und sage: nein! ohne ihn angeschaut zu haben. Die Kraft der Selbstverleugnung und Selbstbeherrschung, die eine Verpflanzung des Lebens der gebildeten Atmosphäre in die Kolonien Brasiliens verlangt, erscheint mir gleichbedeutend mit Unmöglichkeit zu sein. Es würde die restlose Aufgabe aller Ingredienzen bedeuten, aus denen sich das in Europa geführte Leben zusammensetzte. Nichts würde mehr zählen von dem, was in der Heimat die besonderen, der Persönlichkeiten des Einzelnen entkeimten Werte ausgemacht hat. Man käme unter den Zwang, zu einer Naivität zurückzufliehen, die dem, der einmal die andere Speise gekostet, keine Erfüllung geben könnte. Ich glaube wohl, daß, wenn man wirklich die Kraft zu einem solchen Vereinsamungsgefühl besitzt, die Kraft zu dieser ›Umwertung‹ aller alten ›Werte‹, man in den Wäldern Brasiliens so etwas wie ein Paradies fände. Doch suche ich vergeblich zurück in meinen Erinnerungen der zwanzig Jahre, in denen ich fremde Weltteile bereise, ich finde kein Beispiel.

Durchaus anders jedoch ist der Fall zu behandeln, in denen Menschen von der wirtschaftlichen Not nach Übersee getrieben werden. Hier handelt es sich von vornherein um Menschen ganz anderer Vorbedingungen. Nämlich um Menschen, die hier weder geistigen noch wirtschaftlichen Besitz hatten, jedoch in der Gewohnheit zu Haus sind, geistig primitiv leben, dafür aber mit ihren Händen schuften zu können.

Ich habe 1906 in der alten Kolonie Blumenau gelebt und die damals in ihren ersten Anfängen tätige Hansakolonie besucht und meine Erfahrungen, die danach über andere Weltteile gingen, jetzt in dieser brasilianischen Staatskolonie Santa Rosa ausgedehnt.

Kolonisieren ist im Grunde kein Problem. Es ist das alte Axiom: Tüchtigkeit zu Tüchtigkeit oder Werte schaffen Werte!

Daraus lösen sich für die Erscheinung des Kolonisierens von selber drei Bedingungen:

1. Auslese der Kolonisten.

2. Auslese der Kolonie.

3. Auslese der Lage dieser Kolonie.

Das erste ist eine ebenso selbstverständliche wie meist nicht befolgte Bedingung. Da Selbsterkenntnis nicht eine der Eigenschaften der meisten Menschen ist, ist die Nichtbefolgung dieser Bedingung natürlich. Da es für ein europäisches Land aber auch sehr wichtig ist, welche seiner Angehörigen es verlassen, um nach überseeischen Ländern die abgespaltene Zelle Heimat zu verpflanzen (wo sie neu an- und auswachsen und den Begriff Deutschland in die Weltpolitik und Weltwirtschaft einbetten soll, deren vitale Bedeutung für ein Volk zu leugnen, zu den kindischen Spielen vieler »Denker« gehört) muß die Öffentlichkeit dieses Landes Sorge dafür tragen, wie das Auswandern vonstatten geht.

Das Beraten ist es, das in einer doppelten Richtung für die Auswanderer schon in Berlin einsetzen müßte, um gegenüber einer Auslese drüben fortgesetzt zu werden. Es gab einmal ein Reichsauswanderungsamt. Ich weiß nicht, ob es noch besteht, aber jedenfalls erzählt man sich noch heute von ihm Geschichten einer rührenden Kindlichkeit. Ich sah einmal in einer geschlossenen Gesellschaft einen Film, den dieselbe Stelle mit übernatürlichen Ausgaben vom Kolonisieren in Argentinien herstellen ließ. Dieser Film ließ an schwerfälliger Langweile, Unklarheit, Unbeholfenheit, Ratlosigkeit durchaus nichts zu wünschen übrig. In der Schilderung der Einwandererinsel im Hafen von Rio de Janeiro stellte ich dar, daß die Einwanderer auch von der deutschen Gesandtschaft in Rio in Stich gelassen werden, da es auf den guten Willen allein nicht ankommt.

Diese Kritik umgreift zusammen die Punkte 2 und 3: Auslese der Kolonie und der Lage. Es gibt Gegenden, die guten und solche die keinen guten Boden haben. Den Bodenwert kann man nicht von der Ilha das Flores, der Auswandererinsel bei Rio, geschweige denn von Deutschland aus feststellen. Ebensowenig wie man von sich aus wissen kann, welche Abfuhrmöglichkeiten für die Produkte in dieser oder jener Gegend bestehen, ein Faktor, der an Wichtigkeit dem des guten Bodens vollkommen gleich steht.

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Indianerweib beim Korbflechten

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Tanz der Indianerburschen

Es muß eine Stelle geschaffen werden, die in der Lage ist, unparteiisch und mit bester Sachkenntnis die Prospekte der Kolonisationsgesellschaften zu prüfen und Deutschen, die auswandern wollen, eine unfehlbare Beratung zuteil werden zu lassen. Dies ist nicht so schwer zu erreichen und ein Jahr Vorarbeit durch einen oder zwei Menschen von guten Vorbedingungen würden zum Ziele führen. Kolonisierende Gesellschaften sind Unternehmen, die einen großen Komplex Land ankaufen, und dann versuchen, ihn in einzelnen Losen aufgeteilt, mit Gewinn zu verkaufen. Sie sind also nichts anderes, als Geldunternehmen, und man darf ihnen etwa nicht von vornherein ein nicht kontrollierendes Vertrauen entgegen bringen. Sie benutzen oft Mittel zweifelhafter Art und gehen so weit, europäische Reiseschriftsteller zu bezahlen. Doch Leute, die sich auskennen, könnten die Machenschaften solcher Anstalten sehr leicht unschädlich machen.

Ein Problem für die Einwanderungsländer war nach dem Krieg die Art der deutschen Einwanderer. Ich erwähnte schon die jungen Leute, die sich nicht in ebene Verhältnisse zurückfinden konnten. Mit den paradiessucherischen Landstreichergelüsten verbanden sie fast alle eine politische Einstellung, die in Südamerika so ungeduldet ist, wie sie in dem kriegswunden Deutschland schädlich war; sie gaben sich überall als Träger der Gärbazillen zu erkennen, die die Sowjets mit so viel Energie über die Welt streuen wollen. In Brasilien konnte jeder Fabrikbesitzer, Kaffeepflanzer usw. erleben, daß deutsche Angestellte, selbst bevor sie die Landessprache erlernt, schon die einheimischen Arbeiter gegen die Unternehmer rebellisch gemacht hatten.

Die Folgen blieben nicht aus. Man nimmt im allgemeinen keine Deutschen mehr als Angestellte an und der Staat São Paulo hat die tiefgreifende Maßregel getroffen, deutschen Einwanderern bei Landankäufen keinen Kredit mehr zu gewähren.

Die junge, in ihrer Struktur noch durchaus dem Chaos nahe Wirtschaftlichkeit dieser Länder erträgt keine Gärungen, die aus dem Element der Unzufriedenheit von Klassen keimen, auf die es hier nie ankam und deren Eltern noch im Verhältnis des Sklaventums lebten … für die im übrigen das Hineintragen von Ideen, die auf fremdem und ausgereiftem Boden sich entwickelt haben, auch keinen Gewinn bedeuten würde, sondern nur eine Beunruhigung ihrer der Natur verketteter gebliebenen primitiven Lebensanschauung. Ich erzählte schon, daß von diesen Menschenwirtschaftliche Aufbesserung nicht etwa als soziale Erhöhung gewertet wird, sondern für sie nur die Gelegenheit ist, ihre Arbeitsleistung genau um das zu vermindern, worum ihr Lohn gesteigert wird.

So scheint die Einwanderung jetzt schärfer überwacht zu werden, und man kann es öfter auf Schiffen erleben, daß europäischen Reisenden das Betreten des Landes plötzlich von der Polizei verboten wird. Und sie werden gezwungen, mit dem Schiff, das sie hergebracht hat, die auf Rubeln mitgereisten Bazillen unbenutzt wieder in die europäische Heimat mitzunehmen. Wobei man keinen Unterschied zwischen Kommunisten der Tat oder Maul- und Schreibkommunisten macht. Für diese letzte Gattung hat Deutschland ja einen besonders guten Mistboden. Selbst ein so wohlgenährter Idealkommunist, wie Herr Wilhelm Herzog, mußte das am eigenen Leibe erleiden, als er auf Kosten des vom Kapitalismus geschundenen Proletariats in der ersten Kajüte eines Luxusdampfers nach Argentinien reiste.

Sind die drei Bedingungen erfüllt: der Glauben, zu dem Unternehmen fähig zu sein, die sichere Tatsache, zu wissen, daß man drüben guten Boden findet, zusammen mit der Möglichkeit, seine Produkte zu einer Bahn oder einem Schiff zu bringen, so kann man an den nun vielleicht nicht mehr so wichtigen Teil des Finanzierens gehen.

Die Kolonien sind in Lose von je 25 Hektar eingeteilt. Ein solches Los kostet nicht überall dasselbe. Doch gibt es keine großen Unterschiede im Preis. In der Kolonie Santa Rosa zahlte man z. B. durchschnittlich 1700 Milreis dafür. Das sind rund 800 Mark. Dieses Geld braucht man aber nicht gleich hinzulegen, sondern es wird innerhalb acht Jahren allmählich abgelöst, wobei die ersten Jahre ganz von Verpflichtungen frei bleiben.

Nun darf man nicht Angst vor der Tatsache haben, daß sein Landstück unangerührter Urwald ist, aus dem man mit eigener Hand sich Ackerlichtungen herausschlagen und sich sein Haus bauen muß. Das kann man dann nur allmählich machen, und die Kolonien, auf denen überhaupt kein Wald mehr steht, sind schon in der dritten Generation in Kultur.

Die ersten Jahre geht es nicht ab, ohne Draufgabe von eigenem Geld, wenn es sich dabei auch nur um bescheidene Summen handelt, wie man sie zur Ergänzung der Kleider, der Nahrungsmittel, zur Anschaffung des Hausrats und der Arbeitsgeräte braucht. Das Holz zum Bauen von Haus, Schuppen und Stall findet man ja vor. Überhaupt bestehen die ersten Einkünfte in Holzverkäufen. Diese Möglichkeit ist nicht zu unterschätzen für Gegenden, in denen etwa die Erreichbarkeit eines Flusses den Abtransport leicht macht. Im Innern wirken englische Gesellschaften, die überall als Holzkäufer en gros auftreten. Daneben sind Hunderte von Sägewerken tätig, die fast alle in deutschen Händen sind.

Es hat sich die Gepflogenheit herausgebildet, daß deutsche Kolonisten, die meist schon im Land geboren, oder die harte Schule des Beginnens ganz durchgemacht haben, ihre Kolonien verkaufen, nachdem sie sie mehrere Jahre bearbeitet haben und sich neues Rodeland beschaffen. Mit diesem nehmen sie später dieselbe Transaktion vor, und der Weg ist der, daß sie im Laufe der Jahre so Gewinn zu Gewinn legen, bis sie sich etwa eine Säge gründen oder kaufen können.

Solche Gelegenheiten zu benutzen ist gegenüber dem Erwerb neuen Koloniallandes von nicht genug zu schätzendem Vorteile. Man findet ein Viertel bis ein Drittel des Bodens urbar gemacht, die Gebäude fertig, und erkauft sich diese außerordentlichen Vorteile mit einem Preis, der in keinem Verhältnis zu dem Mehr an Arbeit und Entbehrungen steht. Man zahlt für eine solche Kolonie, die drei bis fünf Jahre in Betrieb ist, in deutscher Währung 1500 bis 2000 Mark. Solche Preise gelten allerdings nur für Landesansässige, die die Verhältnisse und die Menschen kennen und die Gelegenheit abwarten können. Ein »Deutschländer« muß mit einem Preis von etwa 3000 Mark an rechnen. Dafür besitzt er dann einen Landkomplex, für den er z. B. hier bei uns in der Bodenseegegend mindestens 75 000 Mark zahlen müßte.

Aber es wäre gefährlich, den Vergleich auch auf die Rentabilität auszudehnen, die in einem auskultivierten Land mit vielen Verbraucherzentren und Verbindungen in einem ganz anderen Verhältnis zu der Ausdehnung des Bodens steht, wie dort, wo kurz dahinter die Welt mit Brettern zugenagelt ist.

Der Intelligenz des einzelnen Kolonisten nun bleibt der Vorteil, neben den zum Leben nötigen Produkten das Pflanzen von Dingen auszudenken, die einen besonders guten Markt finden; vielleicht nachdem er genügend Erfahrungen gesammelt hat und sein Leben sicher steht, an Kulturen neuer Waren zu gehen. So hat sich in der letzten Zeit der Anbau von Tabak als besonders vorteilhaft erwiesen. In Paraná will man es z. B. jetzt mit Hopfen versuchen, den man dort zweimal im Jahr zur Reife bringt, und der bisher von auswärts bezogen werden mußte.

Als Schlußfolgerung: wer ohne Geld hinübergeht, um zu kolonisieren, muß auf Jahre gefaßt sein, die an Härte, Entbehrungen, Kraftverbrauch die letzten Anforderungen an Seele und Körper stellen. Wer Geld mitzunehmen hat, kann es sich leichter machen, und wenn er das Glück hat, eine Kolonie zu finden, die die verlangten Eigenschaften vereinigt, wird er in einigen Jahren sein eigener Herr sein können, allerdings ohne aufzuhören, auch sein Knecht zu sein.

 

8. Mai

Wann geht es zum Uruguay? frage ich die Kameraden. Aber sie haben ausgekundschaftet, daß in der Nähe ein Indianerstamm wohnt und die Reise zu ihm vorbereitet. Es sind die Indianer von Inhacoré. Zwei Fordwagen kommen vorgefahren. Sie sind im Besitz von Deutschen, die sie auch führen. Der eine ist Kolonist gewesen, der andere hat ein Schuhgeschäft in Ijuhi. Der ehemalige Kolonist sieht elegisch aus, wie einer jener französischen Filmhelden, die eine edle, romantische, gefahrvolle Mission zu erfüllen haben, geht immer, einen Poncho über den Schultern, der bis zu den Füßen reicht, einsam und wenig redend umher. Der Schuster aber ist ein heißer Hund, mit einem Gesicht, das ohne Voreingenommenheit in die Welt gezückt ist.

Wir fahren am Vormittag ab. Ein Schulmeister aus der Kolonie hat sich uns angeschlossen. Es ist ein junger Bursche mit zu kurzen Hosenröhren, trägt große Brillen auf seiner abenteuerlichen Nase und ist blaß, wie ein Städter. Er stammt von der Küste, doch von deutschen Eltern und spricht ein fließendes Deutsch mit fremdländischem Klang. Niemand hatte ihn gebeten. Er war auf einmal da und mit uns. Er war wie uns zugelaufen.

In einem Platz der Kolonie, in Buricá, besuchten wir den Schwager des Kolonialdirektors. Deutscher, ein Riese, strahlend von Gesundheit, obschon er sein halbes Leben im Urwald verbracht hatte. Wir gerieten seiner und seiner Frau Gastfreundschaft anheim. Bei ihm sollte ein Brasilianer auf uns warten, der sich bei den Indianern auskannte und uns als Führer diente. Der Brasilianer aber ließ auf sich warten.

Schließlich kam er in der letzten Minute, seine Schlafdecke in eine Lederrolle verstaut. Sie habe ihn so lange zurückgehalten, sagte er. Er habe sie nicht gefunden.

Aber der elegische Chauffeur, der ihn kannte, meinte, es sei eher Furcht vor den Revolutionären gewesen, da er der Gegenpartei angehörte, und weil in der Gegend, durch die wir jetzt fahren sollten, einige ihrer Führer sich aufhielten. Es entstanden noch längere Auseinandersetzungen über den Weg, wobei es sich besonders um eine Brücke handelte, die zerstört sei, von der unser Gastgeber aber zu wissen meinte, sie sei wieder hergerichtet.

Karten der Gegend gab es nicht. Ein Brasilianer sagte, die Wege seien unbefahrbar. Auch über die Entfernungen wurden uns Angaben gemacht, die zwischen vier und acht Stunden schwankten. So wurden unsere Wagenführer bald unsicher und wo sie morgens mit allem Eifer beim Unternehmen waren, drohten sie nun abzufallen.

Schließlich aber ging es fort.

Wir kamen bald aus dem Waldbezirk und der Kolonie hinaus und gerieten wieder aufs Camp und in eine grenzenlose Einsamkeit. Hier standen weit zerstreut die kleinen Butiapalmen, die nur auf dem Camp Vorkommen. Es waren niedrige, rassige Bäume mit derben Kronen auf zähem Stamm. Den merkwürdigen Eindruck gaben sie, als ob sie die Reste einer einstigen vergangenen Fruchtbarkeit seien, und sie machten, wie sie so sich weithin in dem grauen Gras vereinsamten und in Scharen sich im Wind bogen, die Schwermut der Landschaft dunkel und lastend.

Nach stundenlanger Fahrt verließen wir den Hauptweg und fuhren zumeist über das Camp selber in eine waldbestandene Tiefe, durch die ein Fluß ging. In diesen Büschen steht ab und zu ein geheimnisvoller Baum, eine Art Akazie. Er heißt Aroëra bei den Brasilianern. Unser Zoologe nennt ihn » Schinus molle L.« Es ist verbürgt, daß er, wie ein böser Geist, den, der unter ihm durchgeht, mit schmerzhaften Ausschlägen im Gesicht und auf den Händen behaftet. Das Volk fürchtet ihn, benutzt aber seine Rinde zu Gerbzwecken. Wenn jemand sich ihm nähert, sagt er: (vormittags) Bom dia Senhor Aroëra, (abends) Boas tardes, Senhor Aroëra (Guten Tag und Guten Abend, Herr Aroëra!) … Die Brücke über der Fluß war gut. Darauf nahmen wir wieder eine Höhe und gingen wieder in die Tiefe und zu einer zweiten Brücke. Aber das dauerte wieder Stunden. Diese Brücke sah drohend aus, und wir ließen das Auto unbesetzt hinüber fahren.

Ich war in dem ersten Wagen. Jenseits warteten wir lange auf den zweiten Wagen. Er kam nicht. Es ging schon gegen Abend. Der Weg, der die dürre Höhe erstieg, war zerrissen und zerklüftet. Es war nicht daran zu denken, im Wagen sitzen zu bleiben. Im Gegenteil, wir mußten öfters den Wagen aus den Löchern herausschieben. Dann aber wurde auf der Höhe der Weg besser und das Auto entkam uns. Wir gingen zu dritt, die Gewehre über der Schulter, zu Fuß. In den Steinsplittern, die vom Boden abgebröckelt waren, lagen Achate und Amethyste und allerlei andere Kristalle. Die Dunkelheit kam. Noch hatten wir nichts gefunden, das wie ein Haus aussah und wo man übernachten konnte. Seit einem halben Tag sind wir keinem Menschen mehr begegnet. Hin und wieder kamen, vom Lärm der Autos angelockt, Kühe aus dem Buschwerk. Jedoch sobald sie uns sahen, flüchteten sie in das verborgene Gestrüpp zurück.

Der Weg schlang sich den trockenen Berg hinan. Auch wir drei waren schließlich auseinander gekommen. Die Dämmerung sickerte wie ein niederregnendes, schattenhaftes Licht auf das weite Land, auf die Randlosigkeit seiner Melancholie und machte alles näher und zugleich noch grenzenloser. Zähe Müdigkeit klebte an den Beinen. Der Kopf war heiß von dem gewaltsamen Eintönigen der Reise und dem Unerkennbaren des Ziels. Ich wußte nicht: kommt das Haus, dem wir zugingen, um die Ecke oder sind es noch Stunden bis hin?

Da stieß ich aber wieder auf das Auto. Es stand auf der Höhe an einem kleinen Waldstück, das sich hier einsam hielt. Ich ging rasch hinzu, und als ich es erreichte, zeigte der Chauffeur auf eine Reihe von armdicken Knüppeln hin, die am Rand des Weges nebeneinander geordnet lagen. Wir gingen hin. Er stieß mit dem Fuß einige weg, und da erschien unter ihnen mit einem falben Leuchten, beinern trocken und zusammengesunken, ein menschliches Skelett.

Aus der Revolution im vorigen Jahr … sagte der Chauffeur. Wie die Ameisen es reinlich abgeknabbert haben!

Ich spürte nun die Dämmerung mit einem kalten Glosen über meine Glieder laufen. Wir zeigten das Grab den beiden Kameraden, die auch bald kamen.

Ein Stück könnten wir hier fahren, sagte der Chauffeur.

Das taten wir, und dann sahen wir ein dunkles Gewese sich von der Landschaft abheben. Es lag zweihundert Schritte vom Weg und das Auto fuhr übers Feld zu ihm. Ein magerer Brasilianer kam heraus, ein Bursche folgte ihm, zwei Pferde kamen aus dem Camp heran neugieren, dann eine kleine Frau, die einen Säugling an der Brust hatte, und eine Schar kleiner Kinder hinter ihr.

Der Chauffeur sprach mit dem Mann. Wir kamen dann in den Wohnraum des Hauses.

Der Boden war festgetretene Erde. Oben sah man ins Dach, das auf dünnen, gekrümmten Sparren auflag. An der linken Wand schwelte ein Öllicht. Es standen ein Tisch und eine Bank in dem Raum. Aber die Bewohner schleppten gleich ein großes Gestell aus Holz herein, legten Stroh hinein und Schaffelle und drei Kissen darauf. Zwei nebeneinander und das dritte in die Mitte am entgegengesetzten Ende. Wir sollten alle drei darinnen schlafen.

Unser zweites Auto kam nicht, und unser Chauffeur bot sich an, ihm entgegen zu fahren. Wir fürchteten, es möchte jenem etwas an der Brücke geschehen sein.

Wir gingen dann im Abend um das Haus herum. Die Pferde folgten uns neugierig. Drei, vier Kühe weideten in der Dunkelheit. Schweine stoben grunzend vor uns auf. Nur dies eine Anwesen war zu sehen, aus verwitterten Brettern zusammengezimmert.

Dann werden wir gerufen. Die Frau hat die Würste gekocht, die wir mitgebracht haben, und dazu Eier und Maniokaknollen gesotten. Unser Auto kommt auch nicht wieder. Wir essen. Die Familie schaut mit beglückten Gesichtern zu. Wir bieten dem Mann von unserem Zuckerrohrschnaps an, aber er dankt. In der Küche hängt ein Korb im Gebälk. Darin ruht ein Kind. Das Jüngste hat die Frau stehend an der nackten Brust. Die Frau ist klein, wutzelig, alt und hat einen Kropf.

Wir schauen noch einmal vor die Tür, ob das Auto nicht kommt. Dann gehen wir schlafen. Zwei legen sich in das Gestell. Ich wickle mich in meinen Poncho und strecke mich auf dem langen Tisch aus, den ich an eine innere Wand geschoben habe. Ich schlafe gleich ein. Aber dann erwache ich später an einem Kältegefühl. Ich kugle mich zusammen, trinke Schnaps. Es nützt nichts. Ich habe aber nur den Poncho und liege auf dem nackten Tisch. Jenseits der Holzwand, die in Knabenhöhe über mir endet, höre ich die Familie im Schlafe atmen. Der Säugling wimmert eine Zeitlang. Ein Kind hustet. Insekten kriechen auf mir herum.

Ich stehe auf und gehe ein wenig ins Freie, sammle neue Müdigkeit und lege mich wieder auf den Tisch. Aber die von Stunde zu Stunde wachsende Kühle der Nacht ist unerträglich. Ich stehle den andern zwei Schaffelle vom Lager und lege sie über meine Beine. Dann geht es ein wenig.

Draußen war einmal ein Reiter in der Nacht. Ich hörte im weichen Boden das Pferd nicht. Ich hörte nur das Knirschen des Lederzeuges, als er eine Weile vor dem Hause stille stand.

 

9. Mai

Die Nacht ist zwischen verzweifelnder Schlaflosigkeit und Kampf gegen die Kälte hingegangen. Kaum sehe ich die Helligkeit des Himmels durch die Ritzen in der hölzernen Hauswand und im Dach hereinsickern, so stehe ich auf. Den beiden Kameraden ist es nicht besser als mir gegangen. Um uns zu wärmen, machen wir ein Feuer vor der Hütte. Alles ist stark betaut und es dauert eine Weile, bis das Holz brennt. Dann strömt eine wunderbare jähe Wärme aus den Flammen.

Ein Hund kommt herangeschlichen. Er ist über und über mit Schwären bedeckt, dürr, mager und krank. Er holt sich auch Wärme, und wir lassen ihn zwischen uns liegen. Das Mitleid besiegt den Ekel. Wir schauen die Geschwüre an. Sie scheinen alle von den Stichen und Eiablagen der Dasselfliege zu kommen und ihre Entzündungen und Eiterungen überwuchern stellenweise das ganze Fell.

Nachher gehen wir mit den Gewehren zu einem nahen Tal, das mit Wild gefüllt ist. Ein Bächlein fließt durch. Mülegger fängt kleine Fische: Schleierschwänze und eine noch nicht registrierte Art von winzigen, schuppenlosen und harthäutigen Aalraupen. Reiher und große Pfeffervögel stiegen hin und her.

Wo bleiben die Autos?

Die Frau hat uns Mathetee gekocht und wir frühstücken etwas. Da kommen beide Autos zugleich. Das eine hatte sich verfahren und in der Nacht den Weg nicht mehr gefunden. Die Wege wurden nun so schlecht, daß ein Benützen der Automobile unmöglich ward. Unser Wirt hatte nur zwei gesattelte Reitpferde. Aber er hatte einen Feldwagen und zwei andere Tiere, und wir mieteten ihm das alles ab, um weiter zu reisen. Sein ältester Sohn sollte mit. Wir waren nun sieben, und wir mußten uns auf Wagen und Pferde verteilen.

Als ich auf mein Pferd, einen Hengst, steigen wollte, rutschte der Sattel und das Pferd bockte. Ich riß es am Zügel zu mir heran und sprang hinauf, war aber sofort auf der anderen Seite wieder unten. Das Pferd setzte um mich herum, schlug hinten aus, riß mir den Zügel aus der Hand und rannte davon. Der Brasilianer fing es ein. Ein neuer Versuch hinaufzukommen, mißlang wieder. Deshalb bat ich den Sohn des Brasilianers, ein wenig auf ihm, da es ihn kannte, herumzureiten. Er tat es. Das Pferd war willig, schritt oder trabte, wie der Reiter wollte.

Doch als ich wieder hinauf wollte, duldete es das nicht und sprang. Ich gab es auf und stieg auf den Wagen. Der Schulmeister nahm das Pferd und nun ging die Kavalkade quer campein und davon.

Der Brasilianer hatte uns gesagt, bis zu den Indianern seien es zwei oder drei Leguans, die in ebensoviel Reitstunden zurückgelegt werden könnten. Als wir eine Stunde unterwegs waren, wollte ich wieder auf den Hengst. Aber es ging wie die ersten Male. Ich bat einen anderen, es zu versuchen. Hatte das Tier eine Abneigung gerade gegen mich? Der Schulmeister führte es an eine kleine Erhöhung, und von ihr aus kam der andere in den Sattel.

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Anlage eines Weges durch den Urwald zum Uruguaystrom

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Brasilianische Automobilwege

Kaum saß er oben, so legte sich das Pferd gleich auf den Bauch. Es war nicht zum Aufstehen zu bewegen, bis es ohne Reiter war. Es duldete keinen Fremden auf seinem Rücken. Also benutzte es der Schulmeister weiter, und wir wechselten alle mit dem einen Gaul, der zahm, steif und geduldig war, wie eine vertrocknete Distel, und dem Wagen ab. Weder das eine noch das andere war ein besonderes Vergnügen.

Wir zogen schon in der fünften Stunde. Es ging immer über neue Bergrücken und durch neue Täler.

Wo ist das Indianergebiet? fragte ich.

Otera ladeira! antwortete stets unser Fuhrmann (»Auf der anderen Seite«), und zeigte weitläufig geradeaus auf die vor uns liegenden Hügel, die wieder mit Wald bestanden waren … auf der anderen Seite. Doch es kamen immer wieder »andere Hügelseiten«, aber nicht das Dorf der Indianer. Schließlich, in der siebenten Stunde, überquerten wir eine waldige Höhe, und jenseits war wieder Grassteppe. Es ging in ein Tal und auf der gegenüberliegenden Seite, auf halber Höhe, sahen wir Rauch, erkannten eine lange Reihe weit auseinanderliegender dunkler Hütten. Es war später Nachmittag.

Unten floß ein tiefer, starker Bach. Als einzige Brücke lag ein mitteldicker Baumstamm darüber. Aber hier oben war ein verlassenes Gehöft. Wir richteten uns in ihm ein. Es waren halb verfallene Ställe und eine kleine Wohnhütte, alles aus Holz oder mit Erde zugestrichenem Flechtwerk. Ein Werk von hohen, starken Pfählen umschloß es. Es sah aus, wie ein befestigtes Farmerhaus aus einer Indianererzählung, nur daß es halb verfallen war. Wir ließen die Pferde stehen, und ungeduldig eilte ich zum Bach hinab. Drüben war kein Mensch zu sehen. Ich turne über den Baum. Dann komme ich bald zu der ersten Hütte.

Es sitzt wer darinnen. Ich sehe es. Die Hütte war nach einer Seite aus aufrecht nebeneinander in den Boden gestoßenen Bambusstangen gebaut. Nach den anderen Seiten aus dicken, geflochtenen Matten. Darüber lag ein Binsendach. Es gab keine Tür darinnen, nur ein Loch. Ich ging hin.

Da saß auf einem winzigen Schemel ein Mann. Er schaute mich mit unbeweglichen Augen an und rührte kein Glied. Er hatte eine lange, ganz leicht einwärts geschweifte Nase, doch waren die Nasenwände unten über den Löchern auseinandergestülpt. Er hatte schwarze, schräg stehende Augen, in denen es wie von einem Feuer brannte, das sich hinter dunkles, nur halbdurchsichtiges Gestein verbarg, bewegungslos … wie ertrunken in einem Dasein, das der Jenseitigkeit angehörte. Die Backen waren erhoben. Der Mund war groß und die Lippen standen in einem breiten, grausam pflanzenhaften Schwung unter den starr niederhängenden, dünnen und schwarzen Haaren des Schnurrbartes. Am Kinn hing ein drahtiger, schwarzer Knebelbart, glatthaarig, spärlich und wie erstarrt, wie nicht mit dem gelben Fleisch des Gesichtes zusammenhängend.

Ich war betroffen, und in der Verwirrung grüßte ich, wie man in China zu grüßen pflegt, indem man die eigene Hand drückt und sich verbeugt.

Da stand der Mann auf und kam zu mir. Er legte zum Gruß seinen rechten Unterarm auf den meinigen und sprach fremde Worte. Jetzt erst sah ich, daß auch Frauen in dem Raum waren, aber sonst nichts, keine Möbel, kein Geschirr, nichts als der festgetretene Boden, die halb offenen Wände und der winzige Sitzschemel, der oval war, und vorne einen runden Ausschnitt hatte. Die Frauen waren jung und schienen mir von einer buschigen wilden Schönheit, wie Mädchen aus dem Tibet. Aber ich wollte sie nicht lang anschauen und trat aus dem Türloch wieder ins Freie, obgleich der Mann mich mit einer Handbewegung einlud, auf dem Schemel Platz zu nehmen.

Der Mann folgte mir und führte mich mitten ins Dorf. Es bestand aus zwei geraden Reihen von Hütten, von denen jede mehr als steinwurfweit von der anderen entfernt lag. Hier stand aber eine Hütte, die größer als die anderen und aus mit Erde verstrichenem Flechtwerk gebaut war. Das war die Wohnung des Kaziken, des Häuptlings. Wir saßen dann alle auf einer Bank davor und warteten. Der Kazike war fort, doch sollte er gleich wiederkommen. Ein alter Mann sprach etwas portugiesisch. Langsam kam nun das Dorf heran. Die Männer trugen Hosen und zumeist das Hemd als Kittel lose darüber, und hohe, sich nach oben verjüngende, breitkrempige Strohhüte. Die Frauen lange Kattunröcke, lockere Kittel darüber, und wenn sie ein Kind auf dem Arm hatten, war es in ein Tuch gehüllt, das sie über eine Schulter schlangen.

In der Kolonie hatte man mir folgendes von diesen Indianern erzählt:

Ihren Ursprung, ihre Stammesherkunft, ihre Sprachangehörigkeit waren vollkommen unbekannt. Sie waren irgendwann einmal in ihrer Niederlassung, die Inhacoré hieß, angesiedelt worden. Sie waren noch nicht christianisiert und über ihre Religion konnte niemand mir Angaben machen. Nie hat ein Wissenschaftler oder auch nur ein Europäer sie besucht, wir waren die ersten. Sie lebten aus ihren kleinen Pflanzungen und aus dem Erlös der Korbflechtarbeiten, die sie herstellten und die sie in regelmäßigen Reisen nach den Santa Roza- und Guarany-Kolonien verkaufen gingen.

Vor drei Jahren gingen sie noch ganz nackt. Zuerst versuchte man von der Kolonie aus sie dazu zu bringen, sich zu bekleiden. Man gab ihnen Gewänder. Sie legten sie an. Aber kaum waren sie im Wald, warfen sie sie wieder fort. Da schickte die brasilianische Regierung einen eigenen Beamten. Er baute sich am anderen Ufer des Baches das palisadenbefestigte Haus, in dem wir die Nacht verbringen wollten, und hatte keine andere Aufgabe, als ihnen das Kleidertragen beizubringen. An die Kleidung sind in Brasilien ganz andere Begriffe gebunden, wie in unseren europäischen Ländern, in denen die Kleidung von altersher etwas Selbstverständliches ist. Die vollständige Bekleidung von der Fußsohle bis auf den Kopf ist sozusagen das Symbol erreichter Gesittung. Dieser Anschauung ging voraus, daß die Negersklaven und die eingesessenen Indianer Kleidung nicht kannten, so daß mit der Aufhebung der Sklaverei, als Symbol des erreichten freien Lebens, ein Kleidungsehrenkodex aufkam, der strenge Geltung im ganzen Lande hatte. Noch heute ist es jedem Mann, der keinen Kragen trägt, verboten, den ersten Wagen der Elektrischen oder die erste Klasse der Bahn zu benutzen. Am Eingang selbst volkstümlicher Vergnügungs- oder Sportgebäude steht eine Schrift, nach der der Zutritt nur ordentlich und vollkommen bekleideten Personen erlaubt ist. Auf der Grundlage dieser Anschauung ist die Anstellung eines »Bekleidungs-Inspektors« selbst bei einem ganz außerhalb des Verkehrs gelegenen Indianerstamme zu verstehen.

Der Beamte brachte es übrigens fertig, den Inhacoré-Indianern die Kleider aufzuzwingen. Aber der Stamm rächte sich an der Gewalt, die ihm angetan wurde. Er ließ sich den Gegenstand der Gewalt gefallen, doch der Grimm darüber verschlug sich in einen Haß gegen den Beamten, dessen Leben trotz der Mauer von Palisaden unsicher wurde, so daß er eines Tages flüchten mußte und nicht mehr ersetzt wurde. Sein Anwesen liegt nun mit offenen Türen und verfallen hinter den Pfählen, die vermorschen …

Das war alles, was ich von diesen Indianern wußte.

Wir saßen auf einer Holzbank vor der Tür des Kazikenhauses. Nun kam der Häuptling von jenseits auf einem kleinen Schimmel. Um uns war das Dorf versammelt. Der Mann, der rasch angeritten kam, sah aus wie eine kleine dicke Kugel. Er sprang lebhaft vom Pferd und begrüßte uns auf die Art seines Stammes, indem er den rechten Unterarm auf unsern rechten Unterarm legte. Dann wurde ihm ein ovaler Schemel hingerückt und er hockte sich uns gegenüber darauf nieder. Er sprach etwas portugiesisch. Er hatte das Aussehen eines gemästeten, kleinen, hunnischen Fürsten. Der Zug, der in seinem Gesicht vorherrschte, war Verschmitztheit. Das erste, was er uns fragte, war nach Cachassa, nach Zuckerrohrschnaps. Wir konnten ihn befriedigen. Wir fragten allerlei. Aber es war nicht viel herauszubringen. Den Brasilianer, der uns als Führer mitgegeben worden war, hatte schließlich scheinbar doch die Angst vor den Revolutionären übermannt und er war heimlich zurückgeblieben und verschwunden. Der Schulmeister, der zu Anfang das Maul sehr voll genommen hatte, und den wir als Ersatz betrachteten, versagte. Er seinerseits schien sich vor den Indianern zu fürchten und wagte nicht die Fragen zu stellen, die ich beantwortet haben wollte. Einer unserer Kameraden kannte einiges der Kainguasprache. Er stellte fest, daß verschiedene Tiernamen bei den Inhacoré-Indianern denen der Kainguasprache glichen. Von wo der Stamm gekommen, wußte der Häuptling nicht zu sagen. Als wir nach dem Namen des Stammes fragten, nannte er ein Wort, das wie Umbildung von Kaingua klang. Wir waren im allgemeinen enttäuscht. Die Waffen, die sie uns brachten, waren spielerisch und nur zum Spaß gemacht, und als einer der Burschen einmal einen Pfeil abschoß, weigerte er sich, es ein zweitesmal zu tun, scheinbar, weil die Bogensehne ihm schmerzhaft auf die Hand aufgeschlagen war.

Wir machten dann Filmaufnahmen. Doch wollte der Kazike vorher Schnaps haben. Wir hatten nicht genug und gaben ihm das Geld dafür. Sofort rasten zwei Burschen auf ungesattelten Pferden los, um in einer meilenweit entfernten Venda solchen zu holen. Er wolle uns nun ein Nachtfest geben, sagte der Häuptling. Dann machten Burschen ein Feuer und wollten einen Tanz aufführen, der darstellte, wie sie von einem alten Mann ausgeschimpft wurden. Sie begannen um das Feuer zu hüpfen und mit rauhen Tönen dazu zu singen, indem sie die hohle Hand vor den Mund hielten. Doch es kam nichts Rechtes zustande und ihr Spiel und Singen erstickte stets in einer mit einer blöden Urheftigkeit ausbrechenden Heiterkeit. Nachher wurden noch Kinder, die nackt gingen, die Greise und eine Korbflechterin und dann ein wilder rassiger Ritt der jungen Burschen gefilmt. Bei anderen Naturvölkern hatte ich immer nur Angst vor der Kamera und ihrem zwischen Glanz und Tod schillernden verborgenen Auge erlebt. Aber bei diesen Indianern arteten vor ihm auch die Reiterspiele in jenes grenzenlos dumme, kindhaft unzügelbare Lachen aus.

Der Stamm bestand aus sechzig Männern. Ich sah einen Albino unter ihnen. Sonst hatten alle ausgesprochen mongolischen Typ, und in besonders ausdrucksvoller, ja die Seele irgendwie beängstigender Art kam dies bei den Männern zum Ausdruck, die dem ersten glichen, den ich in seiner Hütte begrüßt hatte. Diese sahen aus, wie jene Furcht einjagenden, vegetabil übermenschlichen Gesichter von Klosterheiligen der alten chinesischen Bildniskunst. Der Bart, statt das Symbol männlicher Wildheit zu sein, gab mit dem sorgsam spärlichen, drahtig starren Nebeneinander langer schwarzer Haare dem Gesicht den Ausdruck von etwas Weltabgewandtem, von etwas in phantastischem Sinn geistig Groteskem.

Gerade diese Männer gaben sich auch scheu, unbeholfen, blieben beiseite stehen, erstarrten in einer leichten abwesenden Bewegungslosigkeit … als gehörten sie nicht her … als seien sie aus einem anderen Weltteil in einem mit dem Geheimnis der Schöpfung behängten Fluch zwischen diese Urwälder abgesetzt worden und hätten ihre Seelen im Anblick der heiligen Berge des Tibet erhalten. Seit ich die Chinesen an der Grenze des Tibet erlebte, hat keine menschliche Wesenhaftigkeit so stark meine Phantasie belastet und aufgewühlt, wie diese Männer, deren physiologisches Rätsel Beziehungen andeutete, die Meere und Zeitalter, Kultur und Wildnis überbrückten.

Es waren nur Einzelne unter den anderen so. Die übrigen sahen aus, wie derbe chinesische Kulis aus dem Binnenland der Mitte. Sie waren gesund, zweifellos ungemischten Blutes, hatten weiße schadlose Gebisse, kräftige Glieder. Die Frauen waren nicht reizlos. Die Wohnungen waren primitiver, als die der Südseeinsulaner. Nicht die geringfügigste Äußerung von Kunst, weder an den Hütten noch an den Geräten war zu sehen. Daß ihnen der Trieb fehlte, in ihrer Umgebung und in den Gebrauchsgegenständen in einer seelischen Umstellung Phantasie und Gemüt in einem Spiel schöner Formen symbolhaft sich äußern zu lassen, deutete vielleicht auf ein noch nicht lange aufgegebenes Nomadenleben.

Als es zu dunkeln begann, schickten wir uns an, wieder jenseits des Baches und zu dem palisadenumhegten Haus zu kommen. Wir verteilten unsere Nachtlager in die einzelnen Räume und Schuppen. Die andern hatten alle Hängematten. Mein Gepäck war in São Paulo liegengeblieben und mir blieb der nackte Erdboden. Ich habe mir aber dann ein Gestell aus Bambusstangen gemacht und dicke Bündel Schilf geschnitten und daraufgelegt. In der Nacht wurde es kühl. Wir machten ein Feuer im Freien und brieten uns zum Nachtessen Würste an Stecken und an der offenen Glut. Dann rissen wir einige von den Palisaden aus und machten ein haushohes Wachtfeuer, um uns zu wärmen. Es wurde neun Uhr und, wie wir annahmen, Zeit zum Fest ins Dorf hinüberzugehen. Drüben sahen wir mehrere Feuer brennen. Aber es gingen nur zwei mit mir. Die andern legten sich schlafen. Der Besuch bei den Indianern hatte sie zu sehr enttäuscht. Wir beleuchteten uns den Weg mit Bambusfackeln. Es war nicht leicht, in dem schwankenden Licht über den Baumstamm zu turnen, der den Bach überbrückte und der mit willkürlichen Bewegungen mit dem schaukelnden Licht mitschwankte.

Im Dorf war es finster. Das eine Feuer war verschwunden. Nur am Haus des Kaziken brannten Bambusspleißen und rundum saßen einige Burschen. Von den Frauen war keine einzige zu sehen. Wir hockten uns eine Weile neben den Häuptling und ich schaute die Gesichter an, über die der zuckende Schein des Feuers spielte. Es wurde nicht gesprochen. An das Fest schien niemand zu denken, und bald brachen wir auf und gingen enttäuscht über den Baumstamm zurück und das Ufer hinauf und legten uns auch nieder, nachdem wir noch mehrere Palisaden auf den Feuerhaufen geworfen hatten, damit wir beim Aufstehen im Morgengrauen gleich Feuer und Wärme hätten.

Rasch schlief ich ein. Das Lager dünkte mich zunächst nicht schlecht. Mit den Füßen lag ich an der Außenwand, die aus mit Erde verschmierten Stäben gebaut war. Die Mauer war nur handdick und es zog wohl etwas herein.

Aber ich hatte mir vom Wagen zwei Schaffelle gesichert, mit denen ich dort die Füße zudeckte. Jedoch im Verlauf einer Zeit, über deren Dauer ich keine Vorstellung habe, wurde ich von einem sonderbaren melodiösen Tönen unruhig. In den sich lockernden Schlaf hinein klang es, als ob die Bäume, die draußen sich zu einem Walde scharten, einen eintönig, aber eindringlich summenden Gesang angestimmt hätten. Er war von einem so verführerischen Rhythmus, daß nur Naturgeister mit ihren leichten Körpern ihn schadlos aufzunehmen und auszuhalten vermochten. In der beklemmenden Unruhe streckte ich die sorgsam zugedeckten Füße aus. Sie durchstießen die Hauswand. Stäbe brachen, trockene Erde zerknallte. Kälte erfaßte die Füße, die nun draußen in der freien Luft waren. Ich erwachte und hörte plötzlich einen Gesang, wie man ihn nur zu erträumen vermag. Ich gab mir Mühe, den Pulsschlag meines Blutes in dem nachtstillen einsamen Raum ganz unhörbar zu machen: denn ich mußte mich ganz diesem Gesang hingeben.

Er kam vom Dorf herüber. Durch die Löcher in der Mauer sah ich den Schein eines großen Feuers drüben. Das ganze Dorf sang, Männer und Weiber. Sie sangen ohne Instrumente. Ein Hauptsänger sang immer mit lauter hoher Stimme vor und die andern fielen dann ein, wie in einem machtvollen Kreisen. Und zugleich, plötzlich und immer wieder begannen die Frauenstimmen sich aus diesem Chor herauszuheben und sangen ein ganz anderes Motiv, das aber in der Tongebung zu dem der Männer paßte. So entstand eine von einem Zauber getränkte Vielstimmigkeit, und sooft der Chor einfiel und nach ihm die Frauenstimmen herauszusteigen begannen, erhob sich in dem Gesang ein Anschwellen von einer Urhaftigkeit der Kadenzen, daß die Phantasie diese Musik nicht zu meistern vermochte, weil der letzte Rest einer Übermittlung durch unsere europäischen Empfangsorgane ganz ausgeschaltet wurde.

Es war, als ob die Dörfer eines ganzen Waldes die Erschaffung feierten, so unauffindbar süß-schwermütig, zugleich dunkel-stürmend, Blut und Gemüt in einen Rausch fassend, war diese Musik. Sie wühlte mit einem breiten Schrecken und einer Liebe, die die Welten umspannte, die Adern auf. Lange horchte ich, bluthaft erregt. Kämpfte mit mir, hinüberzugehen. Aber es war so unwirklich, über alles von mir Gekannte, Gesehene, Gehorchte hinaus!

Nachher stand ich auf und ging in die Nacht, setzte mich an die Reste des Feuers, und da war es, als ob zugleich und zusammenhängend mit meinem Herauskommen das Fest drüben ein Ende nahm. Die Stimmen erloschen, die Feuer drüben erloschen. Es wurde kalt. Jenseits der Palisaden höre ich unsere Pferde im Gras wandern und dann stehen bleiben und Halme mit den Mäulern abzupfen. Erst kommt eines in das Loch im Zaun vorwitzen, wo wir die Pfähle zum Feuern ausgerissen haben. Dann das zweite, endlich auch das dritte und vierte. Sie stecken die Köpfe durch. Auf den großen süßen Gewölben ihrer Augen spielt der Widerschein des letzten Lichtes unseres Lagerfeuers in durcheinanderspringenden Flammenpünktchen, wie eine in märchenhafter Stummheit erklingende Sage. Die Sage eines Gesanges, dessen Tonkörper in einem andern Leben, als dem von dieser Welt stehen, und nur durch so reine Geschöpfe, wie werdende Pferde in der Nacht es sind, unserm Blute hörbar gemacht werden können.

 

10. Mai.

Die Rückreise nach Bello Centro war durch folgendes gekennzeichnet: In der dunkeln, schmutzigen Kamphütte, in der wir vorgestern übernachteten, machte man uns ein herrliches Essen. Es gab unter anderem in Speck gewickelte Puter. Wir aßen das von einem Tisch, den wir mit breiten Blättern bedecken mußten – für Tischtuch und Teller. Wie die Dinge wandern! Unter den Gabeln war eine Silbergabel mit der österreichischen Silberpunze von 1853. Bezahlung wollten die Leute nur für die Pferde annehmen. Wir mußten ihnen Geld aufdrängen.

Einmal auf dem Kamp ging der Weg an einem der Teiche vorbei, die von Stelle zu Stelle zum Tränken des Viehs vorhanden sind. Hier scharten sich Hunderte von Kühen zusammen. Und von der andern Seite, die erhöht lag, sprengte auf einmal eine Pferdeherde herab und ins Wasser. Und weit und breit ist kein Mensch zu sehen. Wie die Pferde wild geschmeidig und die Kühe seßhaft schwerfällig sind! Wie ihre Einsamkeit im Kamp schön ist! Das wurde gefilmt.

Und dort, wo die Brücke zerstört ist und der Wagen durch das Wasser mußte, saßen unten am Rand des Ufers an zwei Stellen nebeneinander unzählbare Scharen von Schmetterlingen. Die weißen saßen für sich und die farbigen saßen für sich. Es waren Hunderte. Man konnte dicht an sie herantreten. Sie flogen nicht fort. Ja, die farbigen kamen und setzten sich auf die Hand, angezogen vom Schweiß. Erst als wir mit einem Stecken sie aufstöberten, gingen sie hoch und es quirlte von weiß und gelb durcheinander. Sobald wir sie in Ruhe ließen, begannen sie sich wieder zu setzen. Auch davon wurden Aufnahmen gemacht. Einer der Schmetterlinge saß einen halben Kilometer lang auf meiner Hand und flatterte erst ab, als ich ihn wegblies.

Spät in der Nacht kamen wir in Bello Centro an. Wenn es nicht regnet, wollen wir morgen versuchen, an den Uruguay zu gelangen. Doch besteht auch ein Plan, morgen mit zwei erfahrenen Jägern auf die Jagd zu gehen, da man das Erreichen des Uruguays als für zu ungewiß hält.

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Der erste Blick auf dem Uruguaystrom

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Unser Nachtquartier am Uruguay (Wohnhaus eines Brasilianers)

 

11. Mai

Früh morgens ist der Himmel drohend rot. In einer esoterischen Färbung steht ein blasser Regenbogen vor wattigen Wolken. Es wird Regen geben, sagen die Erfahrenen. Dann können wir sicher nicht an den Uruguay fahren, sagen die Chauffeure. Denn bei Regen werden die Wege sofort grundlos. Ich frage herum, wie weit es sei! Jedermann gibt eine andere Antwort. Die einen sagen, im Auto vier Stunden, die andern meinen mindestens acht. Die meisten sagen, es gehe überhaupt kein Weg hin, sondern es käme dann Wald.

Der Regen kommt und macht allen Bedenken ein Ende. Es regnet sich ein. Grau und einmütig ist der Ausschnitt des Himmels zwischen den Wäldern. Eine frostige Kühle bricht in den Tanzsaal. Uruguay, breiter und glanzvoller Strom, Ziel der Sehnsucht! Die Regenzeit ist da. Wir werden dich nicht erreichen, und wenn du auch nur zwei Stunden entfernt bist!

Es werden für morgen Jagdvorbereitungen gemacht. Paccas, Tapire, Affen, Jaguare und Alligatoren sind in der Gegend. Dann setzen wir uns, in Decken und Mäntel gehüllt, an den großen Tisch und spielen: Gottes Segen bei Cohn. Der Regen schlägt durch die Fensterlöcher auf den Tisch; denn die Fenster haben kein Glas. Der Schulmeister gewinnt die abenteuerlichsten Spiele. Wir schauen ihm auf die Finger und sein Glück entweicht. Der Wirt verspielt eine Kuh. Der Gewinner schenkt sie ihm.

Das Wetter ist noch abends trostlos und wir spielen weiter.

 

12. Mai

Es ist Sonntag. Zu den beiden Venden kommen von überall deutsche und italienische Kolonisten und Brasilianer, die in der Gegend beschäftigt sind. Man will uns anschauen. Ein Geistlicher hat am letzten Sonntag von den »Männern der deutschen Wissenschaft« gepredigt. Man bringt unserem Zoologen allerlei Tiere: Vögel, Schlangen, Assen, Regenwürmer, Frösche … Das Wetter ist unbeständig, und alle außer mir sind entschlossen, morgen die Jagdexpedition mitzumachen. Ich für mich bin entschlossen, zu versuchen, den Uruguay zu erreichen; doch spreche ich nicht darüber, weil ich einen Plan habe, der zuerst gesichert sein muß.

Vormittags sitze ich in der Venda Hettwers mit deutschen Bauern zusammen. Sie unterhalten mich mit Schlangengeschichten. Die Erzählungen steigern sich allmählich ins Sagenhafte. Ein deutscher kleiner Mann erzählt, er sei einmal mit einem Bekannten nach Santo Angelo geritten. Da sahen sie kurz vor sich im Gras eine Schlange. Er sagte: die schieße ich! Da antwortete der andere: das möchte ich dir nicht raten! Aber er schoß und hatte die Schlange so gut getroffen, daß die Kugel ihr den Kopf abriß. Er sah den enthaupteten Leib sich im Gras winden. Als er fünf Stunden später in Santo Angelo in einen Laden trat, fragte ihn der Verkäufer: »Was haben Sie denn an Ihrem Hut?« Er nahm den Hut ab und sah erst jetzt, daß der abgeschossene Kopf der Schlange ihm an den Hut gesprungen und mit den Giftzähnen drin stecken geblieben war! … So ging es mehr als eine Stunde lang.

Der Letzte ließ sich nicht lumpen. Es gäbe hier herum, sagte er, eine Schlange, nicht länger als eine Hand. Einen Tag im Jahre bekomme sie Flügel. Dann stiege sie herum und wen sie anschaue, der sei vergiftet. Abends falle sie zu Boden. Über ihren weiteren Lebenslauf behauptete er nichts zu wissen.

So haben sie mir fast zwei Stunden lang erzählt. Die Schlange besitzt hier aller Phantasien und umbaut sie mit glühenden Drohungen, obschon kein Fall eines Schlangenstiches in der Kolonie bekannt ist, der tödlich verlief. Giftschlangen gibt es allerdings, so viel man will, und man begegnet ihnen sehr häufig. Findet ein Kolonist eine, so zerschlägt er sie in tobendem Grimm zu Mus. Vor allem trifft man von sehr giftigen Schlangen hier die Jararacá, Korallenschlangen und Klapperschlangen.

Vor dem Mittagessen fing Müllegger am Weg neben dem Gasthof mit der Hand eine Jararacá. Am selben Morgen erbeuteten wir noch eine große Vogelspinne und einen Skorpion, und es glückte Schulz, zwei Filmaufnahmen von Kolibris an Blumen zu machen. Aufnahmen dieser Art sind nicht bekannt.

Zum Mittagessen brieten wir eine Ochsenlende am Spieß und offenem Feuer. Dies Essen ist das Nationalgericht. Man nennt es Churasco, nimmt das Fleisch frisch vom Schlachten, röstet es und ißt es mit der Hand, indem man jedesmal am Mund mit dem Dolch das Stück abschneidet. Unser Wirt hat den Ochsen mit dem Lasso gefangen, ihm die Beine zusammengebunden und ohne ihn zu betäuben, stehend mit einem spitzen Dolch ins Herz gestoßen. Das Tier legte sich ohne Laut um. Das ist die landesübliche Art zu schlachten. Aber es gehört ein vollkommen sicherer Stoß dazu.

 

13. Mai

Die Jagdexpedition mußte verschoben werden, weil einer der Jäger aus der Kolonie nicht mitgehen kann. Gestern hat es immer wieder geregnet, aber in der Nacht kam ein Gewitter und reinigte die Atmosphäre. Es hellt auf. Die Vorbereitungen zur Jagdexpedition werden mit Eifer fortgesetzt. Aber ich werde an den Uruguay kommen. Morgen … Meine Augen und meine Sinne beben ihm entgegen. Er ist plötzlich mehr, als Geographie und Bild. Er ist Symbol, daß man jung und bei Kräften blieb und einen Willen hat, der sich das Tabu des Erfolges unterwirft. Aber ich finde noch immer niemanden, der mir sagen kann, wie weit es ist und ob der Weg bis an den Strom geht. Niemand aus der Kolonie ist jemals bis hin gekommen.

Der Direktor Dahne macht uns einen Besuch. Müllegger und ich gehen in die nahen Bäche Fische fangen. Es sind darin nur winzige Tierchen. Bloß für den Zoologen haben sie Interesse. Es sind unbekannte Arten darunter. Nachmittags nehme ich ein Pferd und reite in die Kolonie. Sie besteht erst seit sechs Jahren und ist angelegt worden, um brasilianische Bauern unterzubringen. Aber man hat bald erkannt, daß diese nicht die geeigneten Kräfte besitzen und das System wurde umgestellte. Es wurden Deutsche herangezogen, Italiener und Tschechen. Die Deutschen sind meist solche, die aus anderen Kolonien kamen und zum Teil schon in Brasilien geboren sind.

Die Kolonie ist musterhaft. Nie sah ich in einer solchen Anlage ein gleich ausgedehntes und gut gehaltenes Wegnetz. Die Bauern unterhalten selber diese Wege und legen neue an. Sie werden von der Regierung auffallend gut bezahlt, denn Santa Roza ist eine Regierungskolonie. So drängt sich mir auch die Meinung auf, der Reichtum an guten Straßen hänge mit der Nähe der argentinischen Grenze zusammen und sie seien zugleich strategisch gemeint. Überall sieht man Wohlergehen und manchmal schon beginnenden Wohlstand.

Wenn man so durch die endlosen Gänge reitet, als die die Wege in die noch nicht gerodeten Wälder geschnitten sind, überfliegen einen die Vögel mit einer ausschweifenden Pracht. Papageienscharen funkeln wie grelle metallische Würfe von Smaragden. Pfeffervögel haben zu einem grünen Schnabel einen rot umränderten breiten brennend gelben Brustlatz. Eine größere Art dieser Tucane ist schwarz, und aus diesem Schwarz leuchten breit und in einem feurigen Englischrot die Brust und hochblaue Füße. Fälkchen schießen mit taubenblauen Flügeln, einer champagnerfarbenen Brust und einem rostbraunen Rücken vom Rand des Weges auf und alle Farben sind, als könnte die Natur sich nicht genug tun, noch obendrein dunkel betupft. Die Elstern sind gelb mit leuchtendem Blau. Die Spechte haben große funkelnd hochgekämmte rote Hauben. Schlangen winden sich von einer Seite des Weges auf die andere. Sie zeigen sich immer nur Augenblicke lang. Die Korallenschlangen sind schwarzweißrot gefleckt, schlüpfen wie lebendig gewordene Keramiken. Die Jararacá ist braun in hellgelbem Gleißen und erschillert in heimlichster dunkelster Schönheit. Das grauenhafte Geheimnis des Giftes birgt sich in der lautlosen Herrlichkeit eines Tieres, das der Menschheit das erste und gewaltigste Symbol ihrer Rätsel gab, das Symbol des verlorenen Paradieses, aus dessen Schoß die Endlosigkeit der Sehnsucht als die Quelle fließt, die die Nahrung und die Bahn zugleich der Seele ist. Ein Tier gibt das Symbol dafür, daß der Mensch mehr ist, als das Tier.

 

Nachts

Die Erregung, ob ich den Uruguay erreiche, quält mich die ganze Nacht mit Sorgen und wühlt mich in Grübeleien auf, denen der Verstand keinen Halt geben kann und die in der Phantasie alle Deiche überschwemmt. Auch das Rätsel der Physis jener buddhistischen Heiligen unter den Indianern in Inhacoré, das mich, seit ich sie sah, nicht verließ, mischt sich hinein. Ich habe früher gelesen, daß die Ursprünge und Zusammenhänge dieser Eingeborenen unbekannt geblieben, ihre Sprachen vollkommen unerforscht seien.

In dieser Nacht nun kommt mir der Gedanke, der Ursprung dieser Indianer stamme von den alten Kulturvölkern in den Anden her, den Inkas. Der geistige Gehalt einiger dieser Gesichter kann nur aus einem alten Volke geflossen sein. Sie sind abgerissen worden vom Stamm, zersprengt, in den Weltteil getrieben worden, herumgezogen, in den Wald zurückgesunken. Haben die Übung der alten Künste verloren, aber nicht die Ursprünglichkeit wiedergewonnen, aus den neuen Bedingungen ihres geänderten Lebens heraus andere Künste zu entwickeln, weil die Erinnerung der Hochperiode sie im Instinkt besessen hielt. Deshalb sind sie ohne Kunst geblieben, während das rauhe Leben im Urwald ihre physischen Kräfte wieder verjüngte, so daß sie stark und gesund wurden, obschon sie » fins de race«, sind und hinter dem Ende einer Entwicklung stehen.


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