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Auf der Rückreise! Von Santo Angelo mit einem deutschen Chausseur in einem Fordwagen nach Ijuhi! Eine Nacht in Ijuhi mit Deutschen: zwei Ärzten, dem Schriftleiter der deutschen Zeitung Serra Post und einem ihrer Besitzer. Der Schriftleiter dieser Zeitung ist der Schriftsteller Dr. Rudolf Päschke, dessen Namen in Deutschland im Zusammenhang mit Kolonialwesen bekannt ist und der vor kurzem den »theoretischen« Ort Berlin seiner bisherigen Tätigkeit gegen den »praktischen« Ijuhi, das von Kolonien umgeben ist, tauschte. Ein Mann wie Päschke wird einmal, wenn die Liebe zu seiner Spezialität, dem Kolonisieren, sich mit unmittelbaren Erfahrungen an einer so wichtigen Stelle, wie es das Innere von Rio Grande ist, vertieft hat, seinem Lande Dienste erweisen können. Denn vielleicht wird man zur Erkenntnis kommen, daß der Bürotisch recht ist, einem Mann sein Brot zu geben, nicht aber einem Volk neue Werte. Auch die beiden Ärzte hatten sich hier keineswegs zur Ruhe gesetzt, sondern Zusammenhang mit ihrer Wissenschaft erhalten, und von dem Zeitungsbesitzer genügt es zu sagen, daß er das Wagnis unternahm, den Dr. Päschke von Berlin nach Ijuhi kommen zu lassen.
Ich bin auf der Reise nach der Küste. Rascher wäre wohl die Verbindung über Land nach Rio zurück, denn man reist auf diesem Weg in fünf Tagen, während man zur Küste noch zwei Tage in der Bahn sitzt und eine Woche Küstenschiff dazu geben muß.
Aufenthalt in andern Niederlassungen! Cruz Alta, ein Städtchen an und für sich reizlos. Es hat nur Interesse in der Einordnung in das Land, also im Typ. Alles ist neu, nichts von Geschichte an ihm, denn sein Alter reicht kaum ins vergangene Jahrhundert. Fürs Auge nichts! Was zu sehen ist, ist überall nur Notdurft, Geldverdienen, um das Leben zu führen. Wie in allen diesen Siedlungen! Jedem Europäer käme es als eine ungeheure Grausamkeit an, in einer von ihnen etwas anderem wie dem Geldverdienen leben zu müssen … als eine bös ersonnene Folter … und auch nur einen Tag in ihnen einsam zu verbringen, verlangt höchste Anstrengung der Energie und Resignation.
Der Bahnhof ist angefüllt mit Soldaten. Es war der Einzugstag der neuen Rekruten und sehr überraschend zu sehn, daß in den Kakiuniformen nicht nur kleine dunkle und zarte Menschen steckten, sondern zur Hälfte solid gebaute, blondhaarige blauäugige Burschen. Das waren die Söhne deutscher Bauern, die Brasilianer geworden waren.
In Rio Grande do Sul werden Zwiebeln verladen
In einem andern Ort traf ich mit einem deutschen Arzt zusammen, der erst jüngst aus Deutschland sich niedergelassen hatte. Er erzählte mir folgendes Erlebnis aus seiner Praxis:
Er wurde zu einem brasilianischen Herrn gerufen, der ihm ein Augenleiden vorwies, von dem der Arzt sofort erkannte, daß es die Folge einer Lues war. Da aber die Frau des Patienten der Untersuchung beiwohnte, mochte er den Mann nicht über die ominöse Herkunft seiner Erkrankung aufklären. Er zog die Untersuchung in die Länge und paßte einen Augenblick ab, wo die Dame das Zimmer verließ. Schonend brachte er dem Mann die Wahrheit bei. Statt des erwarteten Zusammenbruchs kamen aber als Gegenwirkung nur die Worte: Hab ich mir gleich gedacht! Kurz darauf erschien die Gattin wieder. Der Ehemann eilte lebhaft auf sie zu und sagte: Siehst Du, Kind, ich habe Recht gehabt. Das Augenübel ist eine Folge der Lues, die ich mir bei meiner vorjährigen Reise nach São Paulo geholt habe.
Ich erzähle das, um zu zeigen, eine wie große Rolle bei den Völkern im Zusammenleben das Übereinkommen spielt. Denn man vermag doch nicht wohl sich vorzustellen, daß ein europäisches Ehepaar auf so selbstverständliche Weise ein Unglück behandelt, das nicht nur die eheliche Treue kompromittiert, sondern auch dermaßen tief ins Zusammenleben eingreift.
… Die Bahn sauste die Serra hinunter. Merkwürdigerweise ohne jeden Unglücksfall. Es war schon finster. Sie fing sich in dem großen Bahnhof von Santa Maria auf, den sie bis zum nächsten Morgen nicht mehr verließ, so daß ich hier übernachten mußte. Es ist ein gefürchtetes Fiebernest. Am Zug laufen Negerjungen mit farbigen Mützen und preisen Hotels an: Hotel Hamburg, Hotel Müller … versuchen mit Gewalt sich des Handgepäcks zu bemächtigen.
Eine Militärkapelle holte am Bahnhof Rekruten ab und führte sie unter den wehmütigen und federnden Klängen unaufhörlicher Machiches durch die Stadt. Dieser Ort von 20 000 Einwohnern, in dem übrigens ein deutsch-evangelisches Lehrerseminar ist, war in seinem Bestand schon abgesetzter, und es war reizvoll, in der Dunkelheit seine langen Straßen zu durchwandeln.
Dann den ganzen nächsten Tag wieder auf der Bahn. Es fährt täglich nur ein Zug von der Serra herab, am Morgen darauf von Santa Maria nach Porto Alegre. Die Mitfahrenden sind wieder in der Mehrzahl Deutsche. Fast der ganze Waggon, in dem ich sitze, fährt zum deutschen Katholikentag nach Santa Cruz. Die protestantische Kirche hat zu gleicher Zeit eine konkurrierende Veranstaltung in São Leopoldo, das nicht weit davon entfernt liegt.
Die Bahn nähert sich am Nachmittag dem klassischen Gebiet der deutschen alten Kolonisation: dem Land um São Leopoldo. Vor hundert Jahren, im Juli 1824, landeten in Porto Alegre die ersten deutschen Bauern, die sich in Brasilien ansiedeln wollten. Es waren 38, denen auf einem nächsten Schiff fünf weitere folgten. Sie gründeten die Höfe von Feitoria und Estancia Velha, östlich von São Leopoldo. Im Laufe der Jahre entstanden dann vor allem die Ansiedlungen weiter nördlich, wie Novo Hamburgo, Hamburger Berg usw. Hier wohnen heute reiche Bauern.
Es war auch hier, wo beim Berge Ferabraz, nordöstlich von São Leopoldo in den 1870er Jahren eine der merkwürdigsten, rätselhaftesten und blutigsten Begebenheiten geschah, die die Geschichte der Pathologie kennt – der sogenannte Muckeraufstand. Eine deutsche Bäuerin verfiel in religiösen Wahnsinn, scharte den größten Teil der Nachbarn, alles Deutsche, um sich, riß sie in bachanalische Feste der Phantasie und des Körpers und schickte sie dann gegen alle die, die nicht zu ihr kamen und die sie als ihre Feinde und Verfolger betrachtete. Es entstanden durch Wochen dauernde, an Grausamkeit unglaubhafte Blutbäder, verrichtet von Männern, die bis vor zwei Jahren harmlose, arbeitsharte Bauern gewesen waren. Die Häuser der Gegner wurden angezündet, diese, ihre Frauen und Kinder hingeschlachtet, oder in die Häuser eingeschlossen und verbrannt.
Von der Station Santo Amaro aus konnte ich die Reise etwas kürzen. Man tauscht den Zug gegen ein Schiff, das den Fluß Guahibá hinab in grader Linie Porto Alegre zufährt, während der Zug, um São Leopoldo zu berühren, einen großen Bogen macht.
Man fährt drei bis vier Stunden auf dem breiten Wasser, zwischen Ufern, die flach und mit Buschwerk bestanden sind, aus dem vielerlei unbekannte Vögel durch den Dampfer aufgescheucht werden. Unter den dreißig bis vierzig Fahrgästen sind die meisten Deutsche: Kaufleute, die nach Porto Alegre zurückkehren, oder Leute aus dem Innern, die nach Rio Grande fahren und dort einen deutschen Dampfer bekommen, der sie zum erstenmal seit dem Krieg der alten Heimat zuführen wird. Es ist ein Großväterchen von 87 Jahren drunter, der quick und ruhelos immer gespannt herumgeht und Gespräche aus allen Reisenden hervorlockt, damit er ihnen das Wunder erzählen kann, daß er mit seinen 87 Jahren noch einmal die Reise über den großen Pott unternimmt.
Es sind auch junge Leute drunter, die in das Märchenland Brasilien das Wunder suchen kamen und es nicht fanden. Im Zug waren sie zwischen den anderen Reisenden und den hochlehnigen Klappsesseln verschwunden. Auf dem kleinen schmalen Schiff fallen sie auf, weil sie karg und gedrückt an einer Wand stehn, die vor dem kühlen Luftzug des beginnenden Abends schützt. Wer sie anblickt, fühlt, daß, wie es ihre Haut fröstelt, es sie auch am Herzen friert. Aber ich weiß, wenn ich ihnen unbeobachtet zuschaue, daß sie es gut haben, da sie rechtzeitig zurückfanden. Andre von ihnen bekamen die Kehr nicht und sie werden droben im Urwald oder in den ekligen nüchternen und grausamen neuen Städtchen verderben und namenlos begraben werden.
Es ist Nacht, wenn der Dampfer in einem Bogen über den Guahibá auf Porto Alegre zudreht. Wohlscheinend streut sich die Stadt in der Dunkelheit über die Hügel, und die Lichter aus den Straßen leuchten hohe Gebäude an, die sich vereinzelt herausheben.
Vom Hafen ist man gleich im Mittelpunkt der Stadt. Ich habe seit einem Monat keine wirkliche Stadt, keine durchhellten Straßen, schlendernde oder in freundlichen Lokalen sich vereinigende Menschen mehr gesehn und kann meinen Durst nach diesem Bild kaum stillen. Ich ging in ein Restaurant zu Nacht essen, in ein Café, um Musik zu hören, in ein Kino, in dem ein deutscher Film gespielt wird, und die beiden Hauptdarsteller: Mady Christians und Liedtke sind auf die Plakate gemalt. Ziellos durch die Straßen.
Es ist ein bescheidenes, angenehmes Nachtleben, das sich einige Stunden lang in der Stadtmitte tut. In der Bibliothek sind die Lesezimmer noch geöffnet und sie gehen ungewohnten Anblicks unmittelbar auf die Straße. Die Türe steht weit auf, gleichsam zu einer Einladung. Die Räume sind stimmungsvoll ausgestattet, mit bequemen Lesetischen. Sozusagen von der Straße aus kann man sich selber in der Kartothek seine Lektüre auswählen und gegenüber dem Blick durch die Tür hängen Bilder von Wagner und Brahms.
Um die Ecke gerate ich, als das Leben zu ersterben beginnt, alle Lokale zum Schlafengehen rüsten, in ein weites altes Gebäude. Es ist ein Restaurant, ein Variété, es wird Musik drin gemacht, Roulette und Baccarat werden drin gespielt. Es trägt den malerischen und einprägsamen Namen: O centro dos Caçadores – d. h. Der Treffpunkt der Jäger, ein Name, der auch an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig läßt.
Bei Tag hält die Stadt, was sie des Abends versprach. Ihre Lage ist sehr schön ausgewählt. Um einen Hügelrücken verbreitert sich der Guahibastrom zu einem weiten See, und über diesen breiten, nicht allzu hohen Rücken ist die Stadt Porto Alegre gebaut. Beginnen wir bei der Beschreibung des Bildes, wie es sich im allgemeinen gehört, mit dem Anfang, ohne bei dieser allgemeinen Gültigkeit grade für Porto Alegre eine besondere Bedeutung herausrechnen zu wollen. Die Stadt mit dem schönen Namen, der sich mit: »heiterer Hafen« verdeutschen läßt, beginnt nämlich mit einem Gefängnis. Es nimmt die ganze Breite der Hügelspitze ein, wo sich dieser ins Wasser hinabflacht. Der Hof ist von einer hohen Mauer umschlossen, auf der sich ein mit Türmchen flankierter Wehrgang befindet. Ein Dutzend Soldaten gehn oben Wache. Aber das Gefängnisgebäude im Hof hebt sich hoch über die Mauer hinaus. Es hat große, mit dicken Eisenstäben vergitterte Fenster, die geöffnet sind. An die Eisenstäbe klammern sich die Hände der Gefangenen, ihre Gesichter pressen sich hinein und schauen den unten Vorübergehenden nach. Das ist erschreckend eindrucksvoll und wohl auch erzieherisch gemeint, wenn so die verlorene Freiheit tagein tagaus durch das Auge in Berührung mit dem Gewissen gebracht wird.
Von diesem Gefängnis aus ersteigt eine gerade Straße den Rücken des Hügels und rechts und links von ihr fallen die andern Straßen steil zu den Ufern ab.
Porto Alegre ist eine der brasilianischen Städte, deren Reihe von São Paulo angeführt wird und die außerordentlich rasch wachsen. Es lebt heute dort fast eine Viertelmillion Menschen und es hat seit Beginn des Jahrhunderts die Zahl seiner Einwohner mehr als verdreifacht. Ähnlich wie in São Paulo steht man auch hier ganze Straßenseiten zerstört und in Bauplätze umgewandelt. Aber während das Herz von São Paulo schon fast vollständig europäisiert und mit mehrstöckigen Bauwerken bestellt ist, stehen in Porto Alegre die modernen Bauten noch stark gemischt mit alten einstöckigen und malerischen Häusern und Häuschen. Ja, unmittelbar im Herzen der Geschäftsstadt laufen noch alle Gassen aus der ersten Zeit, in denen mulattenfarbiges und entsetzenerregendes Liebesgesindel des Abends wie Fledermäuse aus unbeleuchteten Winkeln aufschwärmt. Über diese undurchspürbaren, mit den Vorstellungen von Verbrechen durchtränkten verfallenden Hütten, erheben sich moderne Bauten, die dem Handel dienen.
Morgendämmerung im Hafen von Santos
Überall drängen Straßenzüge hügelan und fangen sich in einem schönen Platz auf. Eine Barockkirche oder öffentliche Gebäude von einer einfachen, angenehmen und starken Bauart geben diesen Plätzen ihr Gepräge. Unschön wie überall in Brasilien sind aber die öffentlichen Gebäude aus den letzten beiden Jahrzehnten. Sie sind von einer süßlichen und parfümierten Ausrüstung, voll kleinlicher Ornamentik und zeigen in den Verhältnissen nirgends Ruhe und Schönheit.
Der Hafen von Porto Alegre ist in der letzten Zeit auf ausgefülltes Sumpfland angelegt worden und schließt hinter dem reizvollen und praktisch angelegten Markt mit großen Lagerschuppen unmittelbar an die Stadt an. Zwischen beide zwängt sich das Viertel der ausgedehnten Warenlager deutscher Firmen, wie Bromberg und Fraeb. Diese Lager sind mit ungeahnten Massen von Waren vollgestopft, wie ich sie in gleicher Menge nirgends in der Welt sah. Hier erklärt sich auch der Sinn Porto Alegres:
Es ist die Anfangsstadt des reichen kolonisierten Hinterlandes, in dem die ältesten und sich über die Serra, Cruz Alta und Santo Angelo hinanstaffelnd, die jüngsten Kolonien befinden. Um Namen zu nennen, die Begriffe bedeuten: die Kolonien um São Leopoldo, die Kolonie Teutonia, die Kolonien um Santa Cruz mit reichem Tabakbau bis zu Ijuhy, Neu Württemberg, Santa Rosa und Guarany. Diese Kolonien sind zum Teil ausschließlich von Deutschen besiedelt.
Die deutsche Kolonisierung feierte letztes Jahr ihr 100-jähriges Jubiläum und traf gerade Anstalten, diese Feier mit Nachdruck zu betreiben. So wurde unter anderm beschlossen, zwei Denkmäler zu bauen, wobei das alte Wort nicht unangebracht ist: weniger wäre mehr. Wozu zwei kleine, wo ein großes den Zusammenhang in dem Gedanken gemeinsamer Abstammung in ausdrucksvollerer Weise zu versinnbilden geeignet wäre. Aber es ist die alte Tatsache: wo sich zwei Deutsche niederlassen, gründen sie zwei sich feindlich gesinnte Vereine.
Diese Durchdringung des Hinterlandes mit deutschem Element hat eine kräftige Rückwirkung auf die Bevölkerung Porto Alegres. Ein Viertel der Bewohner dieser Stadt soll deutscher Abstammung sein, während man für den ganzen Bezirk die Zahl von 400 000 berechnet. In der Tat sieht man von Haus zu Haus deutsche Namenschilder: Ärzte, Anwälte, Zeitungen, Buchläden, Kaufleute, Druckereien, Apotheken, Handwerker, Gasthöfe, Banken, Hotels … alle Berufe sind vertreten. Mit dieser starken deutschen Beimischung in der Bevölkerung hing es zusammen, daß, sobald Brasilien in den Krieg eintrat, die deutsch-feindliche Propaganda gerade in Porto Alegre mit äußerster Nachdrücklichkeit sich betätigte. Sie fand eine geeignete Kraft in einem Engländer, der lange Jahre als Arzt in der Stadt tätig war und mit dem Krieg den menschlichen Sinn seines Berufes wechselnd aus seinem Haus der Menschlichkeit ein solches der Unmenschlichkeit machte, und den Bodensatz der Stadtbevölkerung gegen die deutschen Mitbürger aufrührte. Er bewies dabei im Gegensatz zu seiner eigentlichen Berufstätigkeit eine so glückliche Hand, daß u. a. das deutsche Klubhaus Germania und das Haus der Firma Bromberg in Flammen aufgingen.
Damit diese Tat nicht so rasch vergessen werden soll, haben ihre Besitzer diese Häuser bis heute als die Trümmerhaufen liegen lassen, zu denen sie die in englischen Diensten arbeitenden Zuhälter Porto Alegres gemacht haben. Das ruhelose Treiben der Stadt umwogt jetzt ihre Stätten als Ruinen. Sie bilden eine demonstrative Propaganda, die allen guten Brasilianern, wenn sie vorbeigehn, die Schamröte ins Gesicht treibt. Gehen sie denselben Weg weiter, so sehn sie an dem Haus jenes erfolglosen Arztes, aber erfolgreichen Engländers ein Schild: Consulat des Königreichs Großbritannien.
Vor der Stadt aus einer Höhe leuchten kalt die nackten steinernen Anlagen ausgedehnter Friedhöfe. Nicht weit davon erheben sich auffallende große Gebäude. Es sind die Häuser der amerikanischen Missouri-Mission, die Schulen unterhält. Eine große Anzahl deutscher junger Leute soll bei ihnen erzogen werden. Für die Brasilianer spielen solche Missionen nicht die geringste Rolle, denn die Brasilianer stehn fest in dem farbenfreudigsten, wärmsten Katholizismus. Aber ich habe überall in Brasilien den augenblicklich scheinbar noch unfruchtbaren Drang der Vereinigten Staaten gespürt, sich über dieses Land zu ergießen. Die Früchte werden für eine andre Zeit erwartet.
* * *
Meine Reise beginnt sich zu runden. Schon schwimmt irgendwo im Süden die schöne neue Sierra Ventana des Norddeutschen Lloyd, die mir für die Heimreise nach Europa bestimmt ist, aus Rio de Janeiro zu. Zwischen dem Süden und Rio unterhalten zwei brasilianische Schiffahrtsgesellschaften Passagierverbindungen. Auf der Itagibá der Costeira schiffte ich mich ein. Die Dampfer dieser Linie werden von englischen Kapitänen geführt und fahren mit sicherster Pünktlichkeit. Der Dampfer muß, bevor er das Meer gewinnt, die weite Lagune Dos Patos durchqueren, was Tag und Nacht dauert, läuft die malerische alte Stadt Pelotas an und übernachtet zwischen großen deutschen Dampfern, die auf der Reise von oder nach Buenos Aires sind, vor Rio Grande do Sul, der Stadt, die dem Staate den Namen gegeben hat. Die deutschen Häuser haben hier alle Niederlassungen, da die Überseedampfer die Lagune nicht zu befahren vermögen und Rio Grande als Umschlaghafen nach beiden Richtungen benutzt wird.
Die Itagibá lud acht Stunden lang Zwiebeln. Schwere Leichter und malerische Segelboote brachten die riechenden Knollen in Zöpfen zusammengeschnürt ununterbrochen längsseits. Sie wurden durch eine Kette von Händen heraufbefördert und an der Luke über dem Lagerraum unseres Schiffs stand als wichtigster Mann der Zähler. Es war ein großer Neger von einer unversiegbaren Zähigkeit. Immer zu vier und vier Schnüren zusammengebündelt, wurden ihm die Schnüre heraufgereicht und er sang die Zahlen mit einer psalmierenden Melodie, in einer entsetzenerregenden Eintönigkeit und Geduld, die er nur ab und zu mit einem saftig fluchenden Gebelfer unterbrach, um die Arbeiter anzuspornen. Denn das Verladen geschah im Akkord.
Drei Nächte später drang die Itagibá in den Hafen von Santos ein. Sie mußte vor den Kais ankern, weil es fürs Anlaufen zu spät war. Aber an den Kais, hinter den überseeischen Burgen der Dampfer, flammten die Bogenlampen, rissen die in Gedonner gebettete Ladearbeit aus der Nacht und warfen das Muskelspiel der Wirtschaft eines Weltteils dem Ozean zu, der draußen die Finsternis durchbrandete.
Wenn man in Hamburg, in London, in New York diese Arbeit erlebt, vollzieht sie sich als Ausstrahlung des Willens der Völker, die im Hinterland arbeiten. Aber die Muskeln des brasilianischen Hafens belebte das Blut Fremder. Das Volk, das das Land gebar, stand abseits. An dem wilden großartigen Rhythmus, in dem Santos den Reichtum seiner Erde auffing und weitergab, war es nicht beteiligt, und dem Blutlauf, mit dem er eines der größten Länder der Erde in den Weltverkehr einschloß, war es entrückt.
Diese Tragik ist die letzte Empfindung, mit der man sich von der Küste Brasiliens loslöst und wieder ostwärts in die alten Heimatländer Europas zurückkehrt.