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Kann uns zum Vaterland die Fremde werden?
Goethe, Iphigenie.
Die Platanen und die Edelkastanien, die über den träumerischen Parkwegen Arm in Arm verschlungen hatten und die königlichen Häupter zueinander neigten, standen in allen Gluten des Herbstes, und die Ranken des wilden Weines züngelten an den Mauern von Monbijou empor wie lebendige Flammen, die auch der Regen nicht zu löschen vermochte, der unablässig niederschlug in das schöne Leuchten und Brennen.
Vom Dörfchen St. Hilaire klang in scheuen, zitternden Schlägen der Ruf der Kirchenuhr, und dann setzte das Morgenläuten ein, eilfertig, schüchtern und hastig, als liefe es vor einem Feinde davon und wollte sich angstvoll verstecken. Nun verstummte es, atemlos, und das Plätschern des Regens behielt das Wort, bis in sein eintöniges Geplauder hinein ein fernes, sehr fernes, dumpfes Murren klang, verstummte und wieder begann.
Renate, die schlaflos, mit überwachten Augen im verdunkelten Zimmer lag, richtete sich verstört in den Kissen auf und horchte.
Heilige Mutter Gottes, fing es denn schon wieder an?!
Bis in die sinkende Nacht hinein hatten sich die feindlichen Geschütze auf den Höhen von Lapêchette angegrollt, und der Widerschein eines großen Feuers loderte in den gehetzten Wolken. Sie hatten Vironne in Brand geschossen, Vironne, das wie ein Gürtelschloß vor den Wällen der kleinen, hartnäckigen Festung Garetoi lag. Nun war das hütende Schloß in der Glut geschmolzen, und der Gürtel sprang auf, und die Kruppschen Kanonen bullerten zum Morgengruß an die Festungsmauern. Nicht mehr so höllenmäßig laut und unerbittlich wie am Tage zuvor. In schweren Pausen fielen die Schüsse, und ihr dröhnendes Brummen war halb verdrießlich, halb gutmütig: »Na, wie ist es? Habt ihr genug und wollen wir uns gütlich verständigen – oder soll ich noch deutlicher werden?«
Die Geschütze von Garetoi blieben die Antwort schuldig; mit klaffenden Mäulern standen sie, übertäubt und geschlagen. Sie hatten sich in mehr als zweihundert kämpfenden Stunden die Kehlen heiser geschrien. Nun waren sie ganz verstummt.
Da gaben sich auch die Sieger zufrieden.
Renate war aufgestanden und ans Fenster getreten. Die schweren, dunklen Vorhänge mit beiden Händen raffend, sah sie in den trüben Tag hinaus. Es regnete in Strömen, und ein schlechtgelaunter Nordwest blies in das fröhliche Prunken der Bäume hinein und fetzte die goldroten Blätter von den Ästen. Das war, wie wenn in einem leuchtenden Festsaal Kerze um Kerze erlischt.
Renate fror.
Mit heißem Kopf und müden Gliedern stand sie und spähte nach dem düsteren Glimmen, das über den Bäumen des Parks in schwachem Wechsel bald stärker, bald schwächer über den Himmel zuckte.
Bis dort hinüber hatten sie sich durchgebissen, hatten sie sich jeden Schrittbreit Erde ertrotzt und behauptet, von dort drüben würden sie weiter dringen, tiefer hinein in das Herz des Landes, mit dem schütternden Schritt des Millionenheeres, ruhig, zäh und unaufhaltsam, erbittert und zum Siege entschlossen, als sei er das Selbstverständliche für sie, die Deutschen, die Feinde.
Erzfeinde dieses Landes. Und ihre Brüder.
Ihre Brüder …
Renate Vicomtesse de Montenay, geborene Freiin von Haslach, in deren Kinderträumen die heilige Elisabeth von der Wartburg niedergestiegen war, um ihr aus dem gerafften Mantel rote und weiße Rosen aufs Bettchen zu legen; die kleine, schwärmerische, leidenschaftliche Renate, die als ein halbwüchsiges Ding mit den Gefährtinnen ihrer märzhellen Jugend durch den Park von Weimar tollte und sich heimlich, ganz heimlich schon damals ins unbestimmte Weite sehnte; die schöne Renate Haslach, die so gern spottete und die feine Nase so sehr hoch trug und über alles lachte, was andern Menschen heilig war – diese Renate, die immer etwas suchte, was fern war, die vom Leben so viel, so viel ersehnte und erwartete und den Blick immer in den Wolken hatte, und der es dabei geschah, daß ein großes, gläubiges, ihr anvertrautes Glück aus ihren achtlosen Händen glitt und am Boden in Scherben schlug.
Da war sie wohl erschrocken; und als sie die armen Scherben dieses Glückes zusammenlas und darauf niedersah, merkte sie erst, wie wunderschön es als ein Ganzes gewesen. Aber was half das jetzt? Der, dem sie's hatte hüten sollen, der wandte ihr den Rücken und ließ sie stehen, ging mit straffem Nacken von ihr fort an seinen Dienst, über dessen Kleinkram sie so oft die feinen Lippen gekräuselt hatte. Wenn sie sich später begegneten, schien er sie nicht zu sehen; ein einziges Mal noch sprach er zu ihr: als sie sich bei einem Feste in der amerikanischen Botschaft mit Vicomte de Montenay verlobte.
»Ich wünsche Ihnen Glück, Baroneß,« hatte er gesagt und ihr dabei gerade in die Augen gesehen.
»Danke, Herr von Haußen.«
Die Sporen klirrten; er war gegangen. Aber sie wußte: nie in ihrem Leben würde sie vergessen, wie sich in dem jungen, hartgewordenen Gesicht die Mundwinkel bogen vor Verachtung.
Warum verachtete er sie? Weil sie anders war als er mit seinem fanatischen Deutschtum, seiner glühenden Liebe zur Heimat, seiner ganzen schwarz-weiß-roten Schwärmerei? Weil sie als Deutsche einen Feind ihres Landes heiraten wollte? Du lieber Gott, was ging sie, die Frau, die Erzfeindschaft zweier Völker an – eine Feindschaft, die bei näherer Betrachtung sich nur noch in den Leitartikeln einer Presse äußerte, deren Brandraketen von Börsenspekulanten bezahlt wurden? Sie liebte Horace de Montenay durchaus nicht. Wie sollte sie auch? Sie kannte ihn ja kaum. Aber seine verbindliche und ritterliche Art, ihr zu huldigen, und eine wohltuende Großzügigkeit, die er sich auf weiten Reisen in zwei Kontinenten erworben, schienen ihr eine genügende Gewähr für ein Glück, wie sie es sich wünschte. Er forderte auch keine »Liebe« von ihr. Er sprach das Wort mit einem Zucken seines Mundes aus, das etwas Verwirrendes für Renate hatte. Nationale Unterschiede bestanden für ihn nicht, wenn er auch kein Hehl daraus machte, daß für ihn alles, was Kultur, Erziehung und Adel der Gesinnung hieß, in dem Worte »France« umschlossen war. Aber da sie sich nicht berufen fühlte, ihm zu widersprechen, und ihr eigenes Volksbewußtsein keine Seele hatte und kein pochendes Blut, das aufbegehrte gegen fremden Hochmut und ihr vor Freude an deutscher Größe heiß in die Wangen schoß, so fielen diese Fragen nicht ins Gewicht.
Warum also – warum verachtete sie der andere?
Sein Regimentskommandeur nahm ihre Verlobung von der praktischen Seite.
»Famos von Ihnen, Baroneß, daß sie uns da westlich der Vogesen Quartier machen wollen,« meinte er, als Horace außer Hörweite stand. »Die Montenays sollen eine entzückende Besitzung nicht weit von Lapêchette haben, und da in der Gegend liegt auch so eine niedliche Festung – Garetoi heißt das Dings. An der haben sich, glaub' ich, schon die Merowinger ein paar Backenzähne ausgebissen. Na –! Wenn wir der spröden Jungfer mal Bescheid gegeigt haben – dürfen wir dann auf gute Bewirtung bei unserer liebenswürdigen Landsmännin rechnen?«
»Zuverlässig, Herr von Nathusius,« hatte sie geantwortet. »Ich bitte nur als künftige Hausfrau um rechtzeitige Anmeldung.«
»Abgemacht, Baroneß!«
Und sie hatten sich angemeldet, die Rheinsberger Ulanen – viel, viel eher, als irgendeiner sie erwarten konnte. Die Kriegserklärung Frankreichs an Deutschland, die selbst in eingeweihten Kreisen durch ihre schroffe Plötzlichkeit verblüffte, forderte als Antwort den ersten Hieb heraus, der so wuchtig, so weit ausgeholt, im gestreckten Galopp vom Gaul herunter dem Feinde in den Nacken pfiff, daß der wohl spürte: die da jenseits der Grenzpfähle ließen sich nicht zweimal bitten, wenn's zur Attacke ging.
»An die Pferde! Auf–gesessen!«
Und los wie der Deibel, was die Gäule laufen wollten.
Ein wahnsinniger, tollkühner Erkundungsritt machte den Anfang – quer durch Lapêchette, durch Vironne, durch das Wäldchen von St. Hilaire.
Und da steht am letzten Garten des Dorfes, wo die Felder beginnen und der Bach zum Teiche wird, der kleine, lebhafte Louis Charpentier, der Preußenfresser, und hält die Hände auf den Rücken. Und wie der knatternde Hufschlag der Ulanenpferde aus der Dorfstraße herausprasselt, reißt der Kerl in der Leinenbluse die Arme hoch und steht im Anschlag und läßt fahren …
»Himmelhund, verfluchter –!«
Er hat keinen Schaden angerichtet; kaum, daß eines der Pferde zusammenzuckt; dann liegen sie wieder im glatten Galopp. Bis auf eines. Das wird herumgerissen und rast dem irrsinnigen Schützen nach, der das Gewehr wegwirft und blind und toll querfeldein rennt, nach dem Park von Monbijou.
Aber die hochbeinige Fuchsstute ist ihm mit zehn Sprüngen auf den Fersen. Er schlägt Haken wie ein gehetzter Hase – umsonst …
»Halt, Kerl!« brüllt eine Stimme, die heiser ist vor Ingrimm und Haß.
Der Angerufene wendet den Kopf. Er sieht ein wutbleiches, schweißübergossenes Gesicht mit lodernden blauen Augen, eine Faust, die den Säbel umklammert hält, sich hebt und ausholt … er duckt sich, stolpert, fällt, rafft sich wieder auf und fühlt den blasenden Atem des Pferdes im Genick – und rennt weiter …
Aber nicht mehr lang.
Sein Feind, sein erbitterter, nimmt die blanke Klinge zwischen die Zähne und bückt sich, packt den schmächtigen Burschen beim Kragen mit einem Griff, wie ein Habicht eine Maus packt, reißt ihn hoch, drückt ihn über den Widerrist des jagenden Gaules … »Wart, Halunke!« … und die Hand des Gefangenen hascht im Entsetzen des Augenblicks nach der Mähne, die ihm um die Augen fliegt, um sich zu halten … im häschernden Galopp geht es weiter, weiter, weiter …
Von irgendwo her ein Knall, ein Rauchwölkchen – Kugelschlag in der goldenen Platane an der Mauer … und der angstvolle, halberstickte Aufschrei einer Frau.
Der Reiter wendet den Kopf zurück, nur eine Sekunde – nur eine Sekunde blickt Renate de Montenay in das zusammengerissene, kühne, verachtende Gesicht; dann ist es verschwunden, und der wilde Galopp der Fuchsstute jagt die Straße nach Vironne zurück.
Von Louis Charpentier hat keiner in St. Hilaire je wieder etwas gehört. Niemand wußte, was aus ihm geworden. Vielleicht hatte ihn der Teufel geholt. Oder die Preußen. Es kam auf eins heraus.
Und die Rheinsberger Ulanen ließen seinen Landsleuten auch nicht viel Zeit, sich über das Verschwinden des Preußenfressers den Kopf zu zerbrechen. Sie waren die ersten am Feind und hatten es eilig, vorwärts zu kommen. Und als die deutschen und die französischen Geschütze begannen, sich vor Garetoi Grobheiten an den Schädel zu werfen und zehn Tage lang des Spiels nicht müde wurden und immer von neuem anfingen, da plänkelten die flinken, grauen Teufel vom Morgenrot bis Mitternacht im Gelände umher, ließen die Vorposten von Moinselle nicht zu Atem kommen und wechselten mit der Besatzung von Lapêchette sehr ernstlich gemeinte Grüße.
Die Bewohner der lieblichen Landsitze ringsum flüchteten in die Städte; die Schlösser der Beauvernes und St. Antoines lagen mit toten Fenstern, stumm und ganz verwaist. Auch Horace de Montenay schrieb vom Marsch der Nordarmee auf Azincourt an seine Frau, daß er ihr dringend rate, seinen Vater zu veranlassen, mit ihr nach Belgien zu reisen, bis dem Vordringen der Deutschen Einhalt geboten wäre und der Kriegsschauplatz nach dem rechten Rheinufer verlegt. Was nicht mehr lange auf sich warten lassen würde.
Renate las diese Zeilen mit einem ganz leichten Lächeln der Überlegenheit.
Ich fürchte, mein lieber Horace, darin wirst du dich täuschen … Es wird der glorreichen grande nation mit den deutschen Kämpfern gehen wie weiland dem Zauberlehrling: die ich rief, die Geister werd' ich nun nicht los … Warum habt ihr sie herausgefordert!
Der alte Vicomte lehnte es entrüstet ab, von seinem Grund und Boden zu weichen, ehe die Notwendigkeit, an die er nicht glaubte, ihn dazu zwang. Er war ritterlich genug, seiner Schwiegertochter anzubieten, sie nach Brüssel zu begleiten, falls sie wünschte, den Möglichkeiten kriegerischer Überfälle aus dem Wege zu gehen.
Renate erklärte, daß sie bleiben werde.
Worauf der alte Herr mit einem fein ironischen Zug um den Mund erwiderte: sie würde wohl auch kaum in die Verlegenheit kommen, als französische Hausfrau ihre deutschen Landsleute empfangen zu müssen.
Dazu hatte Renate geschwiegen. Es war das erstemal, daß jemand in ihr die Fremdgeborene sah und betonte. Man hatte es bisher vorgezogen, darüber wie über ein leichtes, bedauerliches, aber nicht schwerwiegendes Gebrechen hinwegzusehen. In ihrer Gegenwart waren sehr oft politische Gespräche aller Art geführt worden, und sie hatte sich manchmal gewundert, mit welcher leidenschaftlichen Hartnäckigkeit all diese klugen, weitschauenden und gebildeten Männer immer wieder auf die deutsche und elsaß-lothringische Frage zurückkamen, als wäre sie der Lebensnerv der République française. Sie hatte sich durch diese eifrigen Debatten weder verletzt noch sonst in irgend einer Weise tiefer berührt gefühlt und kaum gelächelt, wenn man am Kamin ihres Salons glücklich von neuem zu dem Ergebnis gekommen war, daß Frankreich die heiligen Provinzen um jeden Preis zurückgewinnen müsse, sei es durch gütlichen Vergleich oder durch Krieg. Es ging sie innerlich nichts an.
Schon damals hatte sie jedoch zuweilen an das harmlos vergnügte und gemütsruhige Gesicht des Kommandeurs der Rheinsberger Ulanen denken müssen, mit dem er sich bei der künftigen Herrin von Monbijou Quartier bestellte. Und an seine gelassene Zuversicht, die so gar keine Begabung für große Worte hatte. Und dann lag es ihr auf den Lippen, die romanische Aufgeregtheit zu warnen: Ihr kennt uns nicht. Niemand kennt uns. Bis zu dem Augenblick, wo wir losschlagen. Dann merkt man sich die Handschrift eine ausgiebige Weile.
Aber sie fühlte zu klar: es hätte keinen Zweck gehabt, hätte sie den Menschen, zu denen sie nach eigener Wahl fortan gehörte, nur entfremdet. Auch interessierten sie politische Streitfragen im Grunde genommen blutwenig. Wozu der Lärm? Eine Frau hat sich nicht in nationale Dinge einzumischen. Sie hat die Verpflichtung, sich sehr geschmackvoll anzuziehen, eine vortreffliche Hausfrau, eine liebenswürdige Wirtin zu sein und im übrigen nur über Dinge zu plaudern, die anmutig, fein abgetönt und heiter sind und ihr gut zu Gesicht stehen. Voilà tout.
Und doch – und doch … seit ein paar Wochen, seitdem damals ein paar hundert Schritte von ihr entfernt blindwütender Haß die Waffe erhoben gegen zwei flammenhelle blaue Germanenaugen, seitdem da drüben vor Garetoi die preußischen Geschütze zu knurren angefangen, seitdem von fernher, aus dem Süden, aus Südwesten halbunterdrückte, widerwillige Gerüchte aufgeflattert waren, über denen die schwarz-weiß-roten Fahnen siegreich im Winde flogen – seitdem war ein Zwiespalt in ihr erwacht, mit dem sie nicht fertig werden konnte.
La Vicomtesse de Montenay und Renate Haslach stritten miteinander, und sie wußte nicht, welche von beiden die stärkere war.
Auch jetzt, wo sie am Fenster ihres Schlafzimmers stand und mit ruhlosen Pulsen den dumpfen Schlägen der Geschosse lauschte und dann der tiefen, abwartenden Lautlosigkeit, auch jetzt hätte sie nicht sagen können, was für ein Gefühl es war, das ihren Gleichmut unterjochte. Es war fast ein Empfinden von Hilflosigkeit, von Vereinsamung und Verlassenheit mitten im Schicksalswirbel zweier gewaltiger Völker. Zu beiden gehörte sie und gehörte zu keinem. Einst war es ihr gleichgültig gewesen. Jetzt fühlte sie's als eine Armut in ihrer Seele.
Wenn Garetoi wirklich gefallen war und die deutschen Heermassen in gewaltigem Vorstoß sich tiefer hineinwühlten in das aufstöhnende fränkische Land, sollte sie darum trauern und zürnen als Gattin eines französischen Offiziers – oder sollte ihr das Herz im Leibe lachen, weil sie eines Blutes mit den Siegern war?
Zu keinem von beiden fühlte sie die Kraft in sich, nur eine große, ratlose Verwirrung, die dem Sturm der Ereignisse nicht gewachsen war, und den Wunsch, diesem Zwiespalt zu entfliehen. Wenn sie jetzt noch abreiste … mit dem Auto konnte sie in zwei Stunden auf belgischem Boden sein und dort in aller Ruhe abwarten, zu wessen Gunsten der Krieg sein grimmiges Würfelspiel entscheiden ließ.
Aber sie sollte nicht dazu kommen, den Gedanken zum Entschluß zu steigern.
Ein hastiges Klopfen an der Tür – und Jeanette, ihre Jungfer, die feine, zierliche Jeanette stand auf der Schwelle und hatte ein ganz verstörtes Gesicht und meldete zitternd vor Erregung: drunten im Hofe seien Soldaten, fremde Soldaten, lauter fremde Soldaten, und viele, ah – sehr viele Verwundete seien darunter; aber die gesunden seien sehr laut und kein Mensch wisse, was sie wollten, und alle schrien durcheinander, und auf der Straße von Vironne und über die Felder kämen immer mehr – immer mehr … Was man um Gottes willen und im Namen der heiligen Jungfrau mit ihnen anfangen solle?!
»Man muß sie verpflegen, Jeanette,« bestimmte la Vicomtesse de Montenay. Sie wußte nicht, daß sie es sagte. Während sie sich hastig ankleidete und im Spiegel mit fremden Augen ihr weißes Gesicht betrachtete, hatte sie unablässig nur einen Gedanken: Nun sind sie da, die Deutschen, die Feinde – die Brüder … Nun sind sie da.
Laufen, Rufen, Türenschlagen, rücksichtslose Tritte derber Nagelschuhe, Lachen und Fluchen, Kommandoworte und halbzerfetzte Lieder aus halbverdorrten Kehlen schollen von unten herauf durch das vornehme, uralte Schlößchen, in dem sonst jeder Schritt mit einer gewissen Feierlichkeit und Würde geschah. Sie waren guter Laune, die Bezwinger von Garetoi, und hatten das Recht dazu, als die Herren aufzutreten im besiegten Lande.
Mit einem Empfinden, aus Bitterkeit und Stolz gemischt, bereitete sich Renate vor, die Sieger zu empfangen.
Als sie durch die Halle nach der Treppe ging, kam ihr klirrenden Schrittes ein Offizier entgegen; sie konnte sein Gesicht nicht erkennen, sah nur undeutlich eine lehmüberkrustete Gestalt, kotige Stiefel, die Felduniform der Rheinsberger Ulanen – und blieb stehen. Und der ihr gegenüber auch.
»Pardon, Madame …« Die Sporen sangen, der Säbel wurde hochgenommen; regungslos die rechte Hand am Czapka. »Ich habe leider niemand auftreiben können, der mich meldete, und bin beauftragt, Quartiere zu ermitteln …«
»Herr von Haußen …«
Keine Antwort.
Eine ausgestreckte, schmale weiße Hand zog sich langsam wieder zurück.
»Ich werde mein Möglichstes tun, für gute Verpflegung zu sorgen, und lasse die Herren bitten, fürlieb zu nehmen.«
»Gehorsamsten Dank.«
Und wieder klirrende Schritte, die sich entfernten.
Renate stand minutenlang noch auf demselben Fleck und hielt die Hand an die Stirn gedrückt. Wie seltsam das gewesen war, wieder einmal deutsche Worte zu hören und den knappen, entschlossenen Ton des preußischen Offiziers; und diese junge, harte Stimme, die an so viel Gestorbenes mahnte und an so viel einst Lebendiges.
Vorüber das alles – vorbei und begraben. La Vicomtesse de Montenay wußte mit alten Geschichten nichts mehr anzufangen.
Sie ging die Treppe hinunter nach den Wirtschaftsräumen, um ihre Anordnungen zu treffen und namentlich für die Verwundeten Sorge zu tragen. Ihr war zumute, als ob sie träume, wie sie nun mitten unter den kriegerischen Gestalten hin und her schritt und die Laute ihrer Muttersprache rauh und frisch und selbstverständlich von den bärtigen Lippen hörte.
Alle Truppenteile durcheinander geworfen. Das gleichmäßige Feldgrau der Uniformen verwischte die Unterschiede, und Staub, Dreck und Pulverrauch noch gründlicher. Man mußte sich gut auskennen unter ihnen, um Bescheid zu wissen. Preußische und sächsische Artillerie, Maschinengewehrkompanien, Pioniere, Schützen und Jäger und endlose Massen Infanterie, das gesamte 24. Armeekorps und einige Regimenter des 16., die mit vor Garetoi gefochten hatten, zogen in Marschkolonne auf der Straße von Vironne heran, und aus den Staubwolken, die sie begleiteten, flackten die lustigen Fähnchen der Ulanen. Die kannten die Gegend. Und hatten sich für den Rasttag heute schon vor geraumer Weile die fettesten Futterplätze herausgesucht.
Gesang scholl von der Straße her … »Zwischen Frankreich und dem Böhmerwald …« Und das Lied vom deutschen Rhein.
Und jedes Wort und jeder Ton schlugen an das Herz der Frau und fragten: Kennst du uns denn nicht mehr?
La Vicomtesse de Montenay begab sich in die Gemächer ihres Schwiegervaters und sagte gelassen: »Sie sind da.«
Der alte Herr stand, die Hände auf dem Rücken, am Fenster und blickte, hinter den Vorhängen verborgen, auf den Vorbeimarsch der feindlichen Sieger hinab. Aus seinen vornehmen, liebenswürdigen Zügen sprachen Schmerz und Ingrimm und ein unbewußtes Staunen. Auf die Anrede der jungen Frau erwiderte er nichts. Er erkundigte sich nach ihrem Befinden und bat sie, Platz zu nehmen.
»Ich habe noch zu tun,« antwortete sie und blieb stehen. »Wir werden für einen Tag Einquartierung bekommen, und ich glaube im Sinne der Montenays zu handeln, wenn ich die deutschen Offiziere als Gäste empfange und bewirte.«
»Vollkommen, meine liebe Renate. Ich werde die Ehre haben, die Herren auch bei mir zu begrüßen.«
»Sie sind außerordentlich liebenswürdig, Vicomte.«
»Ich tue nur meine Pflicht.«
Und in der Tat, als der weißhaarige Vicomte de Montenay nachmittags um fünf Uhr den deutschen Offizieren in der schönen, bildgeschmückten Halle von Monbijou entgegentrat und jedem Einzelnen mit einem verbindlichen Worte die Hand reichte, da war er nichts als der aufmerksame Hausherr, der sich bemüht, seinen Gästen den Aufenthalt so angenehm als möglich zu gestalten. Er erkundigte sich nach ihren persönlichen Wünschen, fragte, ob ihnen sein schönes Vaterland schon von früher bekannt sei, und vertiefte sich mit dem einzigen, der dies bejahte und dessen graziöses Boulevard-Französisch ihn begeisterte, in ein lebhaftes Gespräch über die landschaftlichen Reize der Normandie.
Jobst Haußen stand zu seiner vollen straffen Höhe aufgereckt vor dem zierlichen Franzosen und ließ dem patriotischen Entzücken seines Wirtes alle Gerechtigkeit widerfahren. Und dann verstummte er mitten im Satz, und sein Gesicht, in dem sich die stahlblauen Augen verdunkelten, wurde hart und hochmütig. Vicomte de Montenay wandte sich um. Die Türe hinter ihm hatte sich geöffnet. Renate war hereingetreten.
Sie war sehr blaß in ihrem dunklen Kleide, und als sie den Gruß der Herren mit einem Neigen des blonden Kopfes erwiderte, trat eine plötzliche Stille ein; denn in der müden Gebärde ihrer schlaff herabhängenden Hände lag so viel Hilflosigkeit und Trauer wie in dem Blick eines verwaisten Kindes, das nicht mehr weiß, wem es angehört.
Sie sah niemanden an.
»Seien Sie mir willkommen,« sagte sie leise.
Oberst von Nathusius räusperte sich. Er bat die Hausfrau um Verzeihung wegen der feldzugsmäßigen Ruppigkeit ihrer Gäste. Der Deibel mochte wissen, wo das Gepäck hingeraten war. Vielleicht zurückgeblieben, vielleicht vorausgeschickt, aber jedenfalls innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden nicht aufzutreiben.
»Wir sind im Kriege,« antwortete Renate mit einem zerstreuten Blick. »Die Herren werden auch mit der Verpflegung vorlieb nehmen müssen; wir sind seit einigen Tagen von jeder Bahnverbindung abgeschnitten, und die französischen Truppen, die hier durchgekommen sind, haben unsere Vorräte stark geschmälert … Darf ich bitten?«
Der Diener öffnete die Flügeltüren zum Speisesaal. Man setzte sich zu Tische.
Es wurde französisch gesprochen, da die deutschen Offiziere ohne Ausnahme der Sprache mächtig waren. Nur Oberst von Nathusius erklärte von vornherein, er könne nur eben so viel davon, um sich den Pisangs deutlich zu machen, und der Vicomte werde sein Deutsch immer noch besser verstehen als sein Französisch.
»Ich verstehe Ihre Sprache sehr gut, wenn ich sie auch nicht beherrsche,« erklärte der Hausherr mit einem feinen Lächeln.
»Ist das ein Verdienst unserer gütigen Wirtin?« fragte Nathusius und hob sein Glas gegen Renate.
»O nein!« sagte sie. Und es war so viel Bitterkeit in ihrem Ton, obgleich sie lächelte, daß wieder eine plötzliche Stille eintrat, die der Vicomte unterbrach.
Er nahm die Führung des Gesprächs in seine Hand, und die ritterliche Höflichkeit des Franzosen und der angeborene Takt des Edelmannes fanden gemeinsam den Weg, eine Unterhaltung in Fluß zu bringen, die allen gefährlichen Klippen auswich. Aber es war nicht zu vermeiden, daß der Brennpunkt aller Interessen, der Krieg, seine lebhaften Glanzlichter auf die Worte setzte, und als die Diener das Obst auftrugen, kreuzten sich die Meinungen bereits mit der Sicherheit und Anmut geübter Florettfechter, ohne zu verletzen.
»Sie sagten, mein Oberst,« begann der Vicomte, »wir hätten Deutschland zum Kriege gezwungen. Verzeihen Sie, wenn ich Ihnen widerspreche. Frankreich wünschte den Krieg durchaus nicht. Ihm liegt am Frieden der Welt wie jeder gebildeten Nation. Aber Deutschland hat leider aus den sehr berechtigten Forderungen der Republik den Anlaß zum Kriege gezogen, und unsere Ehre erforderte es, daß wir nicht nachgaben, wo Frankreichs Ansehen auf dem Spiele stand.«
»Wir wollen uns nicht über das Anrecht Frankreichs auf Elsaß-Lothringen streiten,« entgegnete Nathusius etwas knapp. »Wir behaupten: Das Land ist unser, unser soll es bleiben. Sie sind der gegenteiligen Ansicht – schön. Wir werden uns hier ebensowenig einigen können, wie sich die diplomatischen Vertreter unserer Regierungen einigen konnten. Nun werden die Waffen entscheiden. Ich bin Soldat und freue mich am Kriege, und ich glaube, meine jüngeren Kameraden denken ebenso wie ich. Aber jeder Einzelne von uns würde mit allem Nachdruck den Vorwurf zurückweisen, daß Deutschland den Krieg gewollt hätte. Wozu denn? Unser Volk entwickelt sich wunderschön stetig und gesund. Wir hatten gar keinen Grund, unsere Bauern vom Pfluge wegzuholen, ehe man uns dazu zwang. Nun hat es doch geschehen müssen, und Sie werden die Erbitterung des Volkes, dem man seinen Frieden gestört hat, ausgiebig zu spüren bekommen. Aber die Verantwortung tragen die Führer der Republik ganz allein. Und ich will ihnen wünschen, falls sie mit ungebrochenem Genick aus der Geschichte davonkommen, daß sie dann wenigstens in alle Ewigkeit Amen! genug davon haben und uns gefälligst ungeschoren lassen. Verzeihen Sie das kräftige Wort, Vicomte, aber der Wahrheit die Ehre. Wenn man uns schon zum Kriege zwingt, soll man wenigstens den moralischen Mut haben, die Verantwortung auf sich zu nehmen und sich nicht im deutschen Michel einen Prügeljungen suchen. Und jetzt wollen wir mit Ihrer gütigen Erlaubnis in Rücksicht auf die gnädige Frau die politische Streitaxt begraben.«
»Aber nein,« sagte Renate, die, in ihren Sessel zurückgelehnt, die schönen, schlanken Hände im Schoß verschlungen, halb im Schatten saß. »Es interessiert mich sehr, auch einmal die Ansichten der Gegenpartei zu hören, denn ich muß zugeben, daß ich in den zwei Jahren meiner Ehe mit Horace de Montenay mehr von Elsaß-Lothringen und der deutschen Gefahr unterhalten worden bin als von irgend etwas anderem.«
»Das kann ich mir denken,« meinte Jobst Haußen mit unverhohlenem Spott. »Ich habe bei meinen öfteren Reisen durch Frankreich die Erfahrung gemacht, daß es schwierig ist, mit einem Franzosen zu sprechen, ohne daß er auf Elsaß-Lothringen kommt. Es ist eine Art von Nationalkrankheit – Sie verzeihen, Vicomte! Seit dem Tage von Sedan liegt das ehemalige Reich der Napoleoniden in fortwährendem Fieber, und leider wird es beherrscht von einer Presse, die sich nicht genug tun kann in Revanchegedanken und der sehr große und laute Worte zur Verfügung stehen, die ihre Wirkung auf das leicht entzündete Gemüt des Romanen selten verfehlen. Unsere eigene und namentlich die sozialdemokratische und heeresfeindliche Presse versuchen mitunter, nachzuweisen, daß der Gedanke, Frankreich wolle Elsaß-Lothringen wiederhaben, lediglich eine Schreckgeburt der deutschen Phantasie sei wie in England die deutsche Invasion. Aber ich vermute, diese Herren haben nie einen Leitartikel des ›Matin‹ oder ›Gaulois‹ gelesen. Es ist schon sehr bezeichnend für die Sachlage, da? Ihre Zeitungen den Provinzen die Ehre einer geographischen Sonderstellung erweisen; es gibt für sie England, Rußland, Deutschland und Elsaß-Lothringen. Was in Straßburg oder Metz geschieht, geschieht nicht in Deutschland. Selbst Sie, Vicomte, geben offen zu, daß Frankreich auf der Wiedergewinnung der Provinzen bestehen wird, und ich entsinne mich auf den Ausspruch eines sehr klugen und weitsichtigen Mannes Ihrer Regierung, der zu mir sagte: Bismarck war ein großer Politiker, der größte, den Sie je gehabt haben; aber daß er von Frankreich die Abtretung Elsaß-Lothringens erzwang, war ein Fehler, der sich noch schwer rächen wird: denn Frankreich wird sich nicht eher zufrieden geben, bis über den Häusern von Straßburg und Metz wieder die Trikolore flattert Wie alle politischen Bemerkungen wörtlich zitiert nach Aussprüchen eines hohen französischen Offiziers..«
Oberst von Nathusius stieß verächtlich die Luft durch die Nase.
»Denn man tau!« brummte er und trank sein Glas aus.
»Ich bin viel zu sehr Franzose, um dem Ausspruch meines Landsmannes zu widersprechen,« sagte der Vicomte. »Und vielleicht wäre es ein großes Glück für Ihr Vaterland, wenn die deutsche Regierung diesen Gedanken recht erwägen würde. Seien Sie versichert, daß Frankreich einem Entgegenkommen von Ihrer Seite mit begeisterter Dankbarkeit antworten würde. Ja, wenn Ihr Kaiser uns Elsaß-Lothringen zurückgeben würde – wenn Sie wollen: als ein Geschenk, als ein Unterpfand des ewigen Friedens zwischen Ihnen und uns – ah, mein Oberst, glauben Sie mir, dann würden ihm die Pariser einen Einzug bereiten, wie er noch keinem Herrscher der Welt zuteil geworden ist.«
Oberst von Nathusius erhob sich halb von seinem Stuhle, stemmte die braunen Reiterfäuste auf den Tisch und starrte den Franzosen an. Es war einen Augenblick vollkommene Stille in dem großen Raum.
»Na«, sagte der Kommandeur der Rheinsberger Ulanen endlich mit einem mächtigen Atemzug, »vielleicht macht einer Ihrer Diplomaten Seiner Majestät mal den Vorschlag. Schade, daß ich nicht dabei sein kann. Aber ich denke mir nur, Seine Majestät würden mehr Wert darauf legen, zu erfahren, was ihm dann die Berliner für einen Einzug bereiten würden. Und der dürfte, glaub' ich, auch ganz interessant sein.«
»Sie scherzen, mein Oberst – ich meine es ernst. Ich denke an die Zukunft unseres Volkes. Frankreich hat wundervolle Kolonien, mit denen sich die deutschen – Sie verzeihen! – nicht messen können …«
»Nu bieten Sie uns bloß nich den Kongo an,« knurrte Nathusius ingrimmig.
»... wir würden Ihnen Madagaskar überlassen – o, es ließe sich über viel verhandeln in diesem außerordentlichen Falle. Deutschland ist zu dicht bevölkert. Es wird nicht mehr lange dauern, dann braucht es gebieterisch ein überseeisches Siedlungsland als eigenes Schutzgebiet, wenn es nicht will, daß die deutsche Rasse in fremden Rassen untergeht, wie Sie es in Amerika erleben. Frankreich würde Ihnen die Wege dazu bahnen …«
»Um den Preis unserer beiden schönsten ureigensten Provinzen – det gloob' ich!« brach Nathusius los. »Lassen Sie sich mal was gesagt sein, Vicomte – von einem ganz einfachen deutschen Soldaten, der nie mehr behauptet, als er gut und gerne verantworten kann: Was der Deutsche braucht, das kriegt er auch – so gewiß, wie zweimal zwei vier ist. Manchmal dauert's ein bißchen lange, bis er begriffen hat, was ihm fehlt, zugegeben! Aber wenn er's einmal begriffen hat, dann legt er sich auch mächtig in die Riemen. Und ans Ziel kommt er ganz gewiß!«
»Auch wir, mein Oberst,« sagte Montenay.
»Niemals, Vicomte – in diesem Falle niemals! Daß man in führenden Kreisen Frankreichs überhaupt die Möglichkeit in Betracht gezogen hat, das Deutsche Reich werde sich auf Verhandlungen in dieser Frage einlassen, ja, daß man bereits die Bedingungen eines gütlichen Vergleichs erwogen hat, das ist eine Unerhörtheit, die sich nur damit entschuldigen läßt, daß Sie hier keine Ahnung von Deutschland und seinem Volke haben. Wie sollten Sie auch! Der Franzose sammelt seine Ansichten über Deutschland aus den Leitartikeln seiner Presse, und das können Sie mir glauben: gerade in den führenden Ihrer Blätter ist die Hälfte von dem, was man Ihnen über Deutschland berichtet, erlogen und die andere Hälfte mißverstanden. Denn man kann sagen, was man will, und in allgemeiner Verbrüderung arbeiten, so viel man will – zwischen den Völkern zweier Rassen gibt es Klüfte, die sich nicht überbrücken lassen; das sind Naturgesetze, die man achten soll. Es gibt eine Feindschaft der Rassen, die in den Lebensnerven wurzelt, und wo diese Feindschaft stirbt, ist es ein sicheres Zeichen, daß die Rasse den Charakter verliert. Und der Franzose ist so maßlos stolz auf seine Rasse, daß er am meisten den Stolz eines anderen Volkes auf die seine verstehen und würdigen sollte.«
»Sie dürfen nicht vergessen, mein Oberst,« warf der Vicomte ein, »daß man von einem deutschen Volke seit kaum so viel Jahrzehnten spricht, als Jahrhunderte von einem französischen. Auch ist es die Schuld Ihrer Landsleute allein, wenn das Ausland zu wenig von der Größe und dem Stolz des germanischen Kaiserreiches an ihnen spürt. Es würde einem Franzosen nie in den Sinn kommen, zu wünschen, daß man ihn für etwas anderes als einen Franzosen hielte. Ich kenne aber selbst einige Deutsche, die sich förmlich Mühe gaben, den Charakter ihrer Abstammung zu verleugnen, und sich freuten, wenn es ihnen gelang. Sie dürfen sich nicht wundern, wenn dieser Mangel an Nationalbewußtsein das Ausland zu einem Mangel an Achtung vor deutschem Wesen erzieht.«
»Sie haben Recht, Vicomte – Gott sei's geklagt, daß Sie Recht haben!« sagte Oberst von Nathusius mit einer plötzlichen Härte im Ton. »Es geschieht uns ganz recht, wenn uns fremder Hochmut über die Achsel ansieht, weil uns diese hundsföttische Schweifwedelei vor dem Ausland noch immer nicht vergangen ist. Pfui Deibel noch mal! Die Galle läuft einem über, wenn man dran denkt …«
»Ich bitte sehr um Verzeihung, mein Oberst – ich wollte Sie in keiner Weise verletzen …«
»Weiß ich, Vicomte – nee, nee! Sie erzählen mir ja auch nichts Neues. Aber Sie dürfen ein Volk nicht nach den Außenseitern beurteilen. Die geben wir selber liebend gern an irgendwelche Interessenten ab. Und billig! Dreizehn Stück aufs Dutzend für'n Jroschen mit Rabattmarken, würde Rittmeister von Hatzleben sagen, wenn er noch reden könnte. Gott hab' ihn selig; er hatte die größte Schandschnauze vom Regiment und konnte blödsinnig grob werden, wenn ihm französischer Chauvinismus in die deutsche Parade hineinfuhr. Aber selbst ihm war der blutigste und einseitigste nationale Hochmut immer noch lieber als die – verzeihen Sie, meine gnädigste Frau! – gottverdammte Gleichgültigkeit, mit der so ein paar rückgratlose Außenseiter beim großen Völkerrennen Land verschenken.«
»Was für ein wunderliches Wort – Außenseiter,« meinte Renate und hob die Schultern ein wenig, als ob sie fröre.
»Ich hab' kein anderes für diese traurige Sorte Menschen, Vicomtesse, und eigentlich ist mir's für sie noch viel zu schade. Denn ich sehe ja die beschämende Wirkung ihres Verhaltens heute wieder einmal recht deutlich mit eigenen Augen. Und dabei sollten Sie unser Volk kennen, Vicomte, so wie es wirklich ist, mit all seinen großen Fehlern und Schwächen doch eines der adeligsten Völker dieser Erde. Es gibt kein zweites Volk auf der Welt, das so bedingungslos zu jedem Opfer bereit ist wie das deutsche, wo das Vaterland auf dem Spiele steht.«
»O mein Oberst – haben Sie einmal Gelegenheit gehabt, einer französischen Parade beizuwohnen, und aus der leidenschaftlichen, der jubelnden Anteilnahme des Publikums, das nach Tausenden und Tausenden zu diesem militärischen Schauspiele strömt, Ihre Schlüsse gezogen?«
»Nein, Vicomte.«
»Dann wissen Sie auch nicht, in wieviel größerem Maße das französische Heer ein Volksheer ist, in wieviel höherem Maße das französische Volk an kriegerischen Plänen und Entschlüssen beteiligt ist als bei Ihnen.«
»Das mag sein,« antwortete Oberst von Nathusius. »Bei uns gehören militärische Übungen im allgemeinen auch nicht zu den Volksfesten, sie sind eine ganz nüchterne und trockene Sache, mit einem Worte: Dienst. Wir haben weniger Temperament und gehen nicht so verschwenderisch damit um. Aber haben Sie einmal bei den Herbstübungen unser Fußvolk nach einem Marsche von fünfundvierzig Kilometern in die Quartiere einrücken sehen? Jawoll, Vicomte, da haben Sie was versäumt. Das geht absolut nicht mit Tschingderadda bumm! und Girlanden und so Zeug. Die Kerle sehen aus wie die Schweine von oben bis unten und haben wunde Füße und sind zehn Tage lang keine Nacht zu ordentlichem Schlafen gekommen. Marschieren und Biwak und Alarm und wieder Marschieren und Notquartiere und wieder Alarm und Marschieren bis in die aschgraue Pechhütte hinein. Sehen Sie sich die Truppen an, die solche Leistungen fertig bringen! Die Paraden tun's nicht, Vicomte, und der Elan tut's auch nicht. Das Pflichtbewußtsein tut's und die Pflichttreue. Das ist alles. Aber wir in Deutschland pflegen für gewöhnlich nicht viel Worte davon zu machen, weil das Wort Pflicht für uns was Selbstverständliches ist. Und so lange das so bleibt, können wir noch immer singen: Lieb Vaterland, magst ruhig sein!«
»Mein Oberst,« sagte Vicomte de Montenay und füllte seinem Gaste das Glas. »Wir sind durch Schicksalsfügung Feinde, und es geschieht nicht mit frohem Herzen, daß ich Sie unter diesen Umständen in meinem Hause willkommen heiße. Dennoch ist es mir, als ob wir uns verstehen müßten. Verstehen in der großen Liebe, mit der jeder von uns an seinem Volke, an seinem Vaterland hängt. Wenn wir diese Worte sprechen, meinen wir beide etwas Verschiedenes und Feindliches und meinen doch beide dasselbe, denn in diesen Begriffen liegt für uns das Heiligste und Teuerste umschlossen, was wir haben. Erheben wir uns und trinken wir dieses Glas auf das Wohl des Vaterlandes, das Wohl unseres Volkes!«
Mit einem klirrenden Ruck erhoben sich die Männer alle. Und zwei Hände kamen sich über den Tisch hinweg entgegen; eine feine, welke, weiße Aristokratenhand und eine feste, braune, hartsehnige Soldatenfaust umschlossen sich in kurzem Druck.
»Ich danke Ihnen im Namen aller meiner Kameraden für dieses Wort, Vicomte!«
Niemand hatte es bemerkt, daß auch Renate aufgestanden war und, selbst wie ein Schatten, tiefer zurückwich in das Dunkel des mächtigen Raumes. Nur als sie sich lautlos, mit tastenden Schritten wie eine Nachtwandelnde, der Türe näherte, mußte sie an einem vorbei, der zu ihr aufsah. Sie fühlte seinen Blick, obwohl sie ihn vermied. Sie wußte, diese stahlblauen, kühnen und unversöhnlichen Augen folgten ihr, und zwei schmale Lippen bogen sich in bitterer Verachtung.
Du tust recht, daß du gehst, Renate Vicomtesse de Montenay – aus einem Kreise von Menschen gehst, die in Begeisterung, in Hingebung und Treue ihres Vaterlandes gedenken; denn du hast kein Vaterland, nicht hier und nicht dort, nicht durch Geburt noch durch Liebe – gehörst auch zu jenen gleichgültigen Außenseitern, die nirgends wurzelständig sind, die sich vom Winde treiben lassen, nach rechts und nach links, ohne Stolz und ohne Würde, ohne Treue und ohne Kraft; zur Freude an fremder Freude zu matt und zu klein – zum Leiden mit fremdem Leiden zu feige … nicht kalt und nicht heiß, wie die Lauen der Heiligen Schrift, von denen sie sagt, daß sie sollen ausgespien werden, weil sie untauglich und verächtlich sind …
Sie ging aus dem Zimmer wie betäubt, drückte die Türe ins Schloß und lehnte sich dagegen, die Hand an der Stirn. Was nun? Hinaufgehen und sich niederlegen und mit wachen, heißen Augen ins Dunkle starren und allen quälenden Gedanken wehrlos preisgegeben sein. Und immer die harten blauen Augen vor sich sehen und den harten jungen Mund: Weißt du nun, warum ich dich verachte?
Nicht, weil du mich nicht lieben konntest, weil du mein Wesen nicht verstandest – aber weil du dich dem andern ohne Liebe gabst. Nicht, weil du die alte Heimat verließest, an der dein Herz nicht hing – aber weil du auch in der neuen nicht heimisch geworden bist. Nicht, weil meine Götter dir nicht heilig waren, aber weil du keine Gottheit kanntest als dich selbst, deine Schönheit, deine Bequemlichkeit, den Kultus deiner eigenen Person. Weil du klein bist, Renate – unsäglich klein und wertlos mit deiner armseligen Selbstsucht und deiner grenzenlosen Gleichgültigkeit gegen alles, was nicht dich betrifft.
Außenseiter, Renate … Außenseiter, mit denen man nicht rechnet, die nicht teilhaben an Siegen oder Unterliegen – an denen das Leben vorübergeht, wie sie am Leben vorübergehen … ohne Pflichten, ohne Sehnsucht, ohne Erfüllung.
Vaterlandslos – heimatlos. Und einsam bis in die tiefste Seele.
O wenn sie jetzt einen – einen Menschen gewußt hätte, an den sie sich hätte anklammern dürfen, den Kopf an seinen Herzschlag drängen: Hilf mir, du –! Hilf mir! Versteh mich ohne viele Worte! Sei gut zu mir! Zeig mir einen Weg, den es sich lohnt bis zu Ende zu gehen – an dessen Ziel ich eine Heimat finde! Einen Inhalt für mein Leben gib mir, du! –
Horace? … Horace würde sehr erstaunt aussehen und – vielleicht – etwas spöttisch und geärgert zugleich. Sentimental, meine liebe Renate –?
Und würde ihr sein Scheckbuch zur Verfügung stellen, mit einem ganz leichten, überlegenen Lächeln.
Zum ersten Male schoß ihr der Gedanke durch den Kopf: Wieviel Verachtung liegt für eine Frau in der Anbetung des Mannes, wenn sie nur ihrer Schönheit gilt … Im Grunde genommen verachtet mich der Mann, dessen Frau ich bin, genau so sehr wie der andere, dessen Liebe ich zerbrochen habe. Nur daß der eine lächelnd darüber hinweggeht. Und dem anderen hat es das Glück aus dem Leben gestohlen …
Sie hörte drinnen im Speisesaal das Rücken der Stühle und hastete von der Türe fort. Man sollte sie nicht finden, wenn man nach ihr suchte. Sie lief die Treppe hinab in die große Halle und traf unten mit einem Mädchen zusammen, das die weiße Haube der barmherzigen Schwestern trug und die Binde mit dem Genfer Kreuz am linken Arm.
Eine leise, müde Stimme sprach zu ihr: »Gnädige Frau …«
»Bitte, Schwester?«
»Könnte ich vielleicht einige Handtücher bekommen – oder etwas Leinwand zum Verbinden. Unsere Vorräte sind sehr knapp geworden vor Garetoi, und ich brauche etwas für ein paar Verwundete, die man eben gebracht hat. In St. Hilaire ist es zu einem Scharmützel zwischen Deutschen und Franktireurs gekommen, und da in dem Dorfe selbst kein Fleckchen mehr frei ist, bitten wir um Ihre Gastfreundschaft. Wir sind ja Landsleute, gnädige Frau, wie man mir gesagt hat.«
»Ja.« Renates Blicke hingen an dem bleichen, erschöpften Gesicht des Mädchens, und sie streckte ihm die Hand entgegen. »Ich will Ihnen helfen,« sagte sie.
Eine halbe Stunde später saß sie drüben im Verwalterhause neben dem Bette, aus dessen zerwühlten, blutbefleckten Kissen zwei fieberhelle Augen zu ihr aufschauten.
»Schwester …«
»Ja, mein Freund?«
»Steht es sehr schlimm mit mir?«
»Durchaus nicht, Gott sei Dank! Aber Sie müssen sich hübsch ruhig verhalten, gar nicht reden und zu schlafen versuchen. Dann sind Sie in ein paar Tagen schon so weit, daß Sie nach Hause gebracht werden können, und dort wird Sie das Mütterchen schon wieder gesund pflegen – gelt?«
»Ja.« Seine Augen glitten über ihr Haar und ihr Kleid. »Sind Sie die Schwester?« fragte er.
»Nein, mein Freund. Ich bin die Hausfrau.«
»Aber Sie sprechen doch deutsch?«
»Ich bin eine Deutsche.«
»Wie schön,« murmelte er und schloß die Lider.
Eine Weile war es ganz still. Renate hatte die Hände im Schoß gefaltet und saß mit gesenktem Kopfe. Ein Gefühl des Friedens war über sie gekommen und eine große, ruhige Kraft. Sie hatte für ihr Leben einen Weg gefunden, der voller Segen war. Den würde sie gehen.
»Schwester – darf ich Sie Schwester nennen?« fing der Kranke wieder an.
»Ja, mein Freund. Aber vor allen Dingen sollen Sie schlafen,« mahnte sie gütig.
»Ich kann nicht schlafen – mir ist so heiß. Und ich muß immer dran denken, ob ich wohl wieder nach Hause komme …«
»Gewiß, das werden Sie!« sagte sie und legte ihre kühle Hand auf seine ruhlosen Finger. Da hielt er sie fest. Und über seine fiebernden Lippen hasteten die Worte – die brennenden Worte eines Bekenntnisses, das voller Heimweh war.
Ein leichtsinniger Strick war er gewesen und hatte nirgends was getaugt. Und schließlich hatte ihn der Bruder nach Amerika geschickt, damit er sich die Hörner ablaufen sollte. Und drüben war der Trotz in ihm erwacht, und er hatte sich's in den Kopf gesetzt, er wollte nicht eher wieder nach Hause, als bis er ein gemachter Mann war. Das ging nicht so geschwind und einfach, wie es manchmal scheint. Er hatte bitter kämpfen müssen und war mitunter nicht weit davon gewesen, ins Getriebe der großen Räder zu kommen, die das Leben treibt. Aber schließlich glückte es ihm doch. Er wurde in einer Fabrik angestellt und biß sich durch von Stufe zu Stufe, bis aus dem schmierigsten aller Schlosserjungen ein blitzfindiger Zeichner geworden war und die sausenden Maschinen ihm ihre Geheimnisse offenbarten. Da hatte er zum ersten Male nach Hause geschrieben. Und die Mutter und der Bruder und die kleine Schwester antworteten im Chore, er sollte wiederkommen, sie warteten auf ihn. Aber er setzte den Dickkopf auf und sagte: Nein. Noch nicht.
Und in der Nacht darauf hatte er in seiner Kammer gelegen und in die Decke seines Bettes gebissen und geheult wie ein junger Hund vor Heimweh …
»Nicht wahr, Schwester – Sie wissen auch, was Heimweh ist?«
Hunger kann man ertragen lernen und Durst und Kälte. Man kann es lernen, in Lumpen zu gehen und in der Gosse zu schlafen. Aber wen das Heimweh packt, so richtig mit beiden Fäusten, daß es einen wirft, der kann die Zähne zusammenbeißen und sich wehren, soviel er will – eines Tages liegt er doch am Boden und hat keinen anderen Gedanken mehr als nur den einen: Heim … heim –!
Und als der Krieg zwischen Deutschland und Frankreich ausgebrochen war, da hatte es für ihn kein Halten mehr gegeben; da war er mit dem nächsten Schiff nach Europa gefahren und den Rhein hinauf in die Heimat und hatte sich als Freiwilliger gestellt.
»Ach, Schwester, wie ich zum ersten Male wieder auf deutscher Erde stand! Wie ich das erste deutsche Wort wieder hörte und das erste deutsche Lied … Und wie ich mit meinen beiden Augen sah, was in den zehn Jahren, die ich nicht zu Hause war, aus Deutschland geworden ist. Dieses Werden! Dieses Wachsen! Und dieser gesunde Wille zum Vorwärtskommen … Schwester, wenn ich wieder arbeiten kann und an mich selber denken – und wenn ich noch einmal als Schlosserlehrling anfangen sollte – nur zu Hause sein … zu Hause!«
Renate hatte sich erhoben. Sie tauchte ein Tuch ins Wasser, rang es aus und legte es über die heißen, fiebernden Augen des Verwundeten. Ihre Hände zitterten so sehr, daß sie ihr fast den Dienst versagten, und als sie wieder bei der verschleierten Lampe sah, spürte sie den dröhnenden Schlag ihres Herzens, daß es zum Schmerze wurde. Und plötzlich legte sie den Kopf in die Hände und die Arme auf den Tisch. Sie sah den Garten ihrer Kindheit vor sich, und die herbstgoldenen Buchen zu Füßen der Wartburg wölbten sich über ihr, und die heilige Elisabeth kam den Berg hernieder und trug den Mantel voller Rosen.
Und die Kinder sangen auf der Wiese hinter dem Haus:
»Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben,
Wo ist denn mein Schatz geblieben?
Ist nicht hier, ist nicht da.
Ist wohl in Amerika?«
Heimat – Heimat – Vaterland …
Das nie Empfundene, jetzt kam es über sie mit stürmischer Gewalt: die Sehnsucht nach dem Lande ihrer Kindheit, nach der Erde, die ihren Schritt zuerst getragen. Und das Heimweh, von dem sie nichts gewußt, warf ihre schluchzende Seele auf die Knie nieder vor dem verlorenen Heiligtum.
Sie hatte sich selbst daraus verbannt, als sie die Frau des Fremden wurde und das Los des Weibes auf sich nahm: Wo du hingehst, da will ich auch hingehen, und wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk sei mein Volk, und dein Gott sei mein Gott. Nur der Tod soll dich und mich scheiden …
Dein Volk sei mein Volk.
Sie hatte es beschworen.
Und wenn sie tausendmal in dieser Stunde fühlte, daß sie niemals, niemals heimisch werden konnte in dem fremden Land – sie hatte ihr Leben in seinen Boden verpflanzt, freiwillig. Nun hieß es, ihre Pflicht tun.
Mein Gott, mein Gott, gib mir Kraft …
Die Stunden der Nacht verrannen ihr, wie Blut im Sande verrinnt. Und als der Morgen dämmerte und ihr Schützling tief im Schlafe lag, trat sie aus dem Hause in den Garten hinaus.
Der Tag war kühl; Nebel lag über allen Wegen. Die Bäume und Büsche troffen vom Tau. Auf der Straße nach St. Hilaire ratterten die Geschütze, die das trotzige Vironne in Brand geschossen und Garetoi bezwungen hatten. Auch im Schlosse war schon alles auf den Beinen; das Hoftor stand weit offen. Die Rheinsberger Ulanen verließen das Quartier; sie hatten es eilig, dem Feinde wieder auf die Fersen zu kommen.
Renate stand an der Parkmauer und sah in das glutende Morgenrot hinein.
Gesang aus tausend rauhen Kehlen zog in den neuen Tag, ein ferner, brausender, erschütternder Jubel … vielleicht begrüßten die Sieger von Garetoi ihren allerhöchsten Kriegsherrn, ihren Kaiser und König … sie sangen das Lied vom Rhein, vom Rhein, vom deutschen Rhein:
»So lang' ein Tropfen Blut noch glüht,
Noch eine Faust den Degen zieht
Und noch ein Arm die Büchse spannt,
Betritt kein Feind hier deinen Strand!«
Renate legte ihre Hände auf die kalten Steine.
»Mein Volk!« sagte sie halblaut. »Und dennoch – dennoch mein Volk! Ich liebe dich … ich gehöre zu dir … ich bin dein. Jetzt, wo ich dich ganz verloren habe, jetzt liebe ich dich mit meiner ganzen Seele …«
Und von weit, weit her das alte, trotzige, heilige Lied:
»Lieb Vaterland, magst ruhig sein!
Fest steht und treu die Wacht – die Wacht am Rhein!«
Weicher Hufschlag auf dem Parkweg hinter ihr – sie wandte sich um. Jobst Haußen kam im Trabe unter den Platanen her vom Felde, triefend wie sein Pferd. Er sprang ab, nahm den Fuchs beim Zügel, die Hacken zusammen …
»Gnädigste Frau – gestatten, daß ich mich verabschiede.«
»Leben Sie wohl, Herr von Haußen.«
Sie reichte ihm nicht zum zweiten Male die Hand. Sie stand ganz ruhig und sah ihn an. Aber sie konnte es nicht hindern, daß ihre Züge weniger schweigsam waren als ihre Lippen.
Draußen auf der Straße zog Regiment um Regiment in den [grauenden] Morgen hinein. Und über dem dröhnenden Gleichschritt flog das alte Soldatenlied:
»Ich hatt' einen Kameraden,
Einen bessern findst du nit.
Die Trommel schlug zum Streite,
Er ging an meiner Seite
Im gleichen Schritt und Tritt.«
Keine Antwort.
»Renate – wir sehen uns zum letzten Male für dieses Leben … Ich hab' dich einmal sehr lieb gehabt … ich hab' dich noch lieb … sag mir nur das eine: verstehst du mich jetzt? Verstehst du mich jetzt, Renate?«
»Ja, Jobst.«
»Ganz und gar?«
»Ja, Jobst.«
»Eine Kugel kam geflogen,
Gilt sie mir oder gilt sie dir?
Sie hat ihn weggerissen,
Er liegt zu meinen Füßen,
Als wär's ein Stück von mir.«
»Und was willst du nun tun, Renate?«
»Ich will Kranke pflegen und Verwundete, so lange Krieg ist.«
»Und dann?«
»Meine Pflicht, Jobst.«
Er schwieg.
»Will mir die Hand noch reichen,
Derweil ich eben lad'.
Kann dir die Hand nicht geben,
Bleib du im ew'gen Leben
Mein guter Kamerad!«
»Dann leb wohl, Renate.«
»Leb wohl.«
Sie reichten sich die Hände. Und sie sahen sich an, als ob ihr ganzes Leben sich in diesem Blick erschöpfen sollte.
»Wenn du aus dem Feldzug nach Hause kommst … grüß mir die Heimat, Jobst.«
Er nickte. Und hielt noch immer ihre Hand umklammert. Und riß sie plötzlich an seine Augen, seine Lippen.
»Schade!« stieß er zwischen den Zähnen hervor.
Dann ließ er sie los; er schwang sich in den Sattel, grüßte und nahm den Gaul herum und wandte den Kopf nicht mehr zurück.
Minuten später – ein scharfes Kommando: »An die Pferde – aufgesessen!«
Und die lustigen Fähnchen der Rheinsberger Ulanen flogen im kühlen Septemberwind. Die Spielleute voraus … landeinwärts auf den Feind.
Keiner sah sich mehr um …
Und als der letzte Reiter im silbergrauen Nebel verschwunden war, neigte die Frau, die ihnen nachblickte, den blonden Kopf auf ihre beiden Hände und weinte bitterlich.