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Auch stille sein ist ein
gewaltig Werk.
Lienhard.
Die Leute von Janstede hatten es schwer, gute Nachbarschaft untereinander zu halten, denn von Kate zu Kate war's immer eine gute halbe Stunde Weg, auf dem einem bei frischer Brise der Nordwest den Atem ausblies wie ein Licht und den Wellengischt ins Gesicht warf. Wer sich bei Hanne Kröger zum Abend 'nen Köhm oder zwei zuviel genehmigt hatte und so spritzenduhn war, daß er 'ne Dampfpinasse für 'ne Viermastbark ansah, den machte der Heimweg höllschenfix wieder hechtnüchtern. Schon in der Erinnerung an Fiete Evers, die olle versapene Laterne, den vor einer geraumen Weile die Flut ohne alles Federlesen vom Lande gewaschen hatte, auf Nimmerwiedersehen.
Das war nun freilich, außer für den Fiete Evers selber, kein großes Unglück, denn Kinder besaß er nicht und seine Frau hatte sich schon lange Jahre vorher über den unsterblichen Durst ihres Gatten zu Tode gebost. Aber sein letztes Schicksal wirkte doch als abschreckendes Beispiel recht segenbringend auf die Jansteder Mannsleute, und so taugte Fiete Evers wenigstens nach seinem Tode noch zu was Gutem – wie Thede Lüttjohann zu sagen pflegte.
Der war dem Fiete Evers nie recht grün gewesen, seit der ihm die schmucke, blankäugige Marie weggeschnappt hatte, während Thede Lüttjohann mit der »Blanken Hans« vor Westindien kreuzte. Daß aus dem lustigen, zierlichen Ding in der Ehe alsbald ein ganz essigsaures Frauenzimmer wurde, das tröstete den verlassenen Bräutigam zwar einigermaßen, aber die Untreue der Marie hatte ihm die Lust zum Heiraten in Scherben geschlagen; er blieb ledig, ein für allemal. Und das einzige Wesen, das einen Frauennamen trug und trotzdem von Thede Lüttjohann mit ingrimmiger Zärtlichkeit geliebt wurde, das war S. M. S. »Sophie«.
Aber ob sich's nun um ein blutfrisches, junges Weib handelte oder um ein braves, schmuckes Schiff – Thede Lüttjohann hatte kein Glück bei den Frauensleuten. Als im Januar neunundachtzig die »Sophie« dem arabischen Mordgesindel aufs braune Fell rückte, da kriegte Thede Lüttjohann beim Sturm auf Daressalam einen Schuß ins Kniegelenk, und aus war's mit dem kaiserlichen Dienst.
Das war für den Thede ein schlimmer Tag, und er hat ihn nie ganz verwunden. Verbittert und menschenscheu und mit seinem Herrgott im Krieg hockte er in Janstede, in dem vereinsamten Haus, wo Vater, Mutter und Schwester längst ausgezogen waren – die Eltern ins Grab und die Dorte auf den Zimmerhof zu Heinrich Larsen, dem sie ein liebes und glückliches Weib geworden war; und einen gesunden Jungen hatten sie auch.
Daß ihr das Herz in Ängsten schlug, wenn ihn der Dienst auf Monate und Monate von ihr fortrief, und daß all ihre einsamen Tage ein inbrünstig betendes Warten waren, das sagte sie dem Heinrich Larsen nie. Denn hinter ihren klaren, stillen Augen wohnte die keusche Tapferkeit einer starken und gefaßten Seele, die ihre Weibesnot mit sich allein auskämpfte und zweckloses Jammern nicht verstand. Das hatte sie von der Mutter gelernt in den Sturmnächten, wenn der Vater mit den Fischerbooten draußen war oder wenn sie die Rettungsboote klarmachten: daß Frauen nicht hineinzureden haben in Männerpflichten; darum war sie still, machte den frohen Tagen die Tür weit auf und ließ die bösen ohne Murren in die Stube und lachte, wenn ihr Junge, der Wilm, sie mit seines Vaters seegrauen Augen ansah und mit seines Vaters bärentappsiger Bewegung die Mütze über den runden, blonden Dickkopf schob. Und den hatte er auch von ihm.
Sechs Jahre alt war der Wilm und sein Vater auf hoher See, da unten irgendwo zwischen Aden und Colombo, da gab Dorte Larsen wieder einem Knaben das Leben. Und acht Wochen später nahm sie das kleine Bündel in ein dichtes, warmes Tuch gewickelt auf den Arm und den Wilm bei der Hand und wanderte mit ihm gegen den leichten Wind nach ihrem Elternhause, zu Thede Lüttjohann, ihrem Bruder. Der sollte bei ihrem Jüngsten Pate stehen.
Das tat er – freilich mit viel Gebrumm, aber doch. Und von da an kam er auch öfter aus seinem Dachsbau gekrochen und guckte sich um, ob die Welt noch vorhanden sei. Und sie war immer wieder vorhanden und trug auf ihrem alten Rücken viel morsches Gerümpel und viel kernfestes Edelholz und viel, viel jungfrische Reiser, die fröhlich und unbekümmert aufschossen und zu nichts anderem geschaffen schienen, als die Menschen durch ihr unschuldiges Glück zu trösten und mit der ganzen Welt zu versöhnen.
Als Thede Lüttjohann zu dieser Erkenntnis gekommen war, verging keine Woche, ohne daß er einmal zu der Schwester hinausgesteuert wäre, um da nach dem Rechten zu sehen (was, wie er meinte, höchst notwendig sei, damit die Weiberwirtschaft nicht allzusehr einreiße) und auf die Jungens zu passen, daß der Heinrich Larsen bei seiner Heimkehr keine Muttersöhnchen fand.
Aber der Heinrich Larsen sollte nie mehr heimkehren.
Der war am dreiundzwanzigsten Juli achtzehnhundertsechsundneunzig im Sturm an der chinesischen Küste mit der »Iltis« untergegangen.
Hanne Kröger, dessen Schankwirtschaft und Kramladen den äußersten Vorposten von Janstede bildete und der seine Beziehungen zu der übrigen Welt großspurig auch dadurch bekundete, daß er eine Zeitung hielt, Hanne Kröger erfuhr das grausige Unglück zuerst, und der schickte seinen Jungen zu Thede Lüttjohann hinüber, er möchte mal schleunigst 'rüberkommen, er hätte was Wichtiges mit ihm zu bereden.
Und dann saßen die beiden Männer über das schicksalschwere Blatt gebückt und buchstabierten das herrliche, das erschütternde Hohelied von Mannesmut und heldenhafter Treue mit heißen Köpfen aus den gedruckten Zeilen heraus. Und das Herzeleid der Witwen und Waisen schluchzte dazwischen auf – und die große Not von Dorte Larsen.
»Du mußt es ihr sagen, Thede,« sprach Hanne Kröger, »da bist du der nächste zu. Und du mußt es ihr allmählich beibringen. Wenn das so plötzlich über sie herfällt, kann sie den Tod von haben. Also geh man, Thede.«
Thede Lüttjohann kratzte sich hinter den Ohren und knurrte. Mit Frauensleuten wußte er nicht Bescheid. Und Reden halten, noch dazu von hinten herum, das war nicht seine Sache. Aber das half nun nichts; 'ran mußte er. Also schob er schwerfällig los, das Zeitungsblatt in der Tasche. Aber als er dem Haus von Dorte Larsen näher und näher kam, da dachte er, daß der Sturm auf Daressalam eigentlich eine glatte und einfache Sache gewesen sei gegen diesen Weg.
Er hatte sich eine schöne, eindringliche Rede zurechtgelegt, mit der er die Schwester vorbereiten wollte. »Dorte,« wollte er sagen, »sei ein Mann!« Und dann etwas von dem Trost, den ihr die Kinder bringen würden, und daß sie an ihm eine zuverlässige Stütze haben sollte … da würde sie doch schon merken, daß was geschehen sei. Ordentlich gerührt war er geworden bei seiner schönen Rede.
Und schließlich hatte er seinen mürben Kopf doch umsonst angestrengt.
Als er bei der Schwester in die Stube trat, saß Dorte Larsen am Fenster und hielt ihr Jüngstes in beiden Armen, und vor ihr auf dem Nähtisch lag der Brief, in dem das Reichsmarineamt der Witwe Heinrich Larsens die Nachricht von dem Tode ihres Mannes brachte.
Sie war nicht daran gestorben. Sie war nicht sinnlos hingeschlagen und hatte nicht aufgeschrien. Sie weinte auch nicht. Sie war wie gelähmt. Der einzige Gedanke, mit dem ihr armes Hirn sich schon seit Stunden quälte, war: »Nun kann ich ihm den Jens nicht zeigen.« Den Jens, ihren Jüngsten. Den würde sein Vater niemals sehen.
Thede Lüttjohann blieb an der Türe stehen, zog den Kopf in die Schultern und schnüffelte. Und als die Frau am Fenster sich nicht rührte und das weiße und erloschene Gesicht nicht zu ihm wandte, schob er sich steifbeinig durch die reinliche, helle Stube zu dem Stuhl in der Ofenecke und setzte sich. Und ab und zu warf er einen schiefen Blick nach der stillen, regungslosen Gestalt am Fenster und auf den Brief, der vor ihr lag.
Das Kind an ihrem Herzen schlief. Aber der Wilm, der Sechsjährige, der hockte seiner Mutter gegenüber auf einem Schemel, hatte das Kinn in die Hände gestützt und sah aus weit offenen, grübelnden und verstörten Augen zu ihr auf. Er begriff nicht, was geschehen war, und das Schweigen der Mutter lag wie ein Alb auf seinem Kindergemüt, das bis zu diesem Tag voll Sonne gewesen. Und endlich schlich er zu dem Manne, stemmte die Arme auf sein Knie und fragte: »Ohm Thede, was hat die Mutter?«
Thede Lüttjohann fuhr ihm mit der harten Tatze unsicher über den blonden Schopf und räusperte sich.
»Tja, min Jung', deine Mutter – die hat da einen bösen Brief gekriegt … in dem steht, daß dein Vater nicht wiederkommen wird …«
»Warum nicht, Ohm Thede?«
»Tja, min Jung', warum? Das sind so Sachen … Weil sein Schiff, die ›Iltis‹, in einen ekligen, verdammten Sturm geraten ist, und der hat das Schiff auf 'n Riff geworfen, und da ist es mittendurch gebrochen. Und dann ist es gesunken, und all unsere braven Mariners, die drauf gewesen sind, die sind … die sind mit der ›Iltis‹ untergegangen. Tja … und da war auch dein Vater bei …«
Wilm sagte dazu kein Wort und fragte auch nicht weiter. Er war sich noch nicht ganz klar über das, was Ohm Thede erzählte; aber die Ahnung von etwas sehr Ernstem, etwas sehr Großem erwachte in seiner Knabenseele, und er ließ die fragenden Augen nicht von dem Munde des Mannes.
Thede Lüttjohann aber sah verstohlen zu der Frau hinüber, und nachdem er eine Weile mit sich zu Rate gegangen, zog er das raschelnde Zeitungsblatt aus der Tasche. Er brauchte es nicht. Er wußte, was darin stand. Aber er wollte sein Gesicht verstecken können vor dem armen Weibe, zu dem er nicht sprach und dem doch alle seine Worte galten.
Der Knabe war's, der Sohn von Heinrich Larsen, dem er erzählte, wie sein Vater gestorben war und mit ihm siebzig wackere Kameraden.
Seine rauhe, knarrige Stimme dämpfte er, so gut er konnte. Behutsam mußte er umgehen mit einem so wunden, zerschlagenen Ding, wie die Frau dort war. Und seine leisen Worte gingen an Dorte Larsen vorüber, und sie vernahm sie nicht. Und doch, allmählich fand eins und das andere den Weg in ihr Ohr, sprach zu ihrem Herzen, das mit so harten Stößen sich gegen das Weiterschlagen wehrte. Und allmählich tauchten vor ihren Augen, die nach innen blickten, in die trostlose Öde ihres Lebens hinein, die Bilder der Sturmnacht auf, von denen Thede Lüttjohann redete.
Sie sah das Schiff, die schöne, die brave »Iltis«, wie sie blitzblank und schmuck aus dem Hafen lief, unbekümmert um Wellengang und diesige Luft, und südwärts steuerte. Und sie sah den Sturm, der wilder und herrischer aufsprang, und hörte, wie die Wellen am Bug des Schiffes hinaufschlugen und zurückklatschten und sich bäumten, rachgierige, rebellische Sklaven des Königinschiffes, das majestätisch über sie hinglitt und ihres knirschenden Grimmes nicht achtete. Und sah das Dunkel heraufkriechen, breit sich wälzend über das Meer, und sah im Dunkel die Riffe, die teuflischen Riffe, an denen der Tod sich die Zähne und die Krallen wetzte, in die hineingeduckt er lauerte, lauerte auf die Stunde, die alle Lichter, alle Sterne ertränken würde, damit er aus dem Dunkel aufspringend sein Opfer packen konnte, es unwiderstehlich, rettungslos hinunterzureißen in die Vernichtung.
Und seine Stunde kam.
Auf heulte der Sturm, auf heulte das Meer, und der Sturm und das Meer umklammerten das Schiff und warfen es dem Tod, der aus den Riffen sich reckte, in die gefräßigen Zähne.
Hohohei –! wie der lachte! Wie der lachte und sich schüttelte und grinste vor Hohn … So, du stolzes, hochmütiges, eingebildetes Menschenpack, das du Meer und Sturm zu beherrschen glaubst, jetzt sollst du spüren, was das heißt: dem Tode in die Augen sehen … Da –! Jetzt steh' ich vor dir … jetzt kannst du mir nicht ausweichen … jetzt sieh mir ins Gesicht, in das blutlos entsetzliche, grauenvolle Gesicht … jetzt – jetzt hab' ich dich in den Fäusten … bei den Schultern pack' ich dich … bei der Gurgel … Auf die Knie –! Knieen sollst du vor mir, winseln, heulen, schreien in Furcht und Verzweiflung – und keine Rettung finden … verrecken wie ein Hund …!
Und da – über das Brüllen der See, das Heulen des Sturms, das Knirschen des Todes hinweg ein heller, unbeugsamer Ruf: »Seine Majestät der Kaiser – hurra!«
Und »Hurra! – Hurra!« der brausende Antwortschrei aus siebzig Seemannskehlen und eine Stimme, die zu singen anhebt, zu singen in der Todesstunde:
»Hoch weht die Flagge schwarz-weiß-rot
Von unsres Schiffes Mast …«
Und siebzig Stimmen, die einfallen, die dem Tod ins Gesicht lachen mit unerschütterlichem Mannesmut …
Was willst du, du trauriges Gespenst? Du willst uns bange machen? Auf die Knie werfen? Uns?! Ha, warte, du Hund … Jetzt kriegen wir dich beim Genick … Sterben müssen wir; das ist Menschenlos … Aber wie wir sterben, daran sollst du mit allen deinen Schrecken zuschanden werden …
»Junge, Junge, die Kerls, die da mit bei gewesen sind und mitgesungen haben … die haben mehr fürs Vaterland getan, als wenn sie 'ne Schlacht gewonnen hätten. Tja, min Jung, was meinst du? Das lesen sie nun überall, in England und in Frankreich und bei den Kosaken, und überall denken sie: Gottverduri noch mal, mit 'nem Volke, dessen Mariners so in den Tod gehen, mit 'nem Hurra für ihren Kaiser und mit Gesang, als wenn das Sterben bloß 'n Spaß wäre, mit dem ist Krieg führen 'ne eklige Sache; da laß man lieber die Pfoten von ab … Und dann ziehen sie die Vorderflossen ein und halten Frieden … Jawohl, min Jung … Ich wollte, ich wär' auch dabei gewesen. Aber Vater – dein Vater war's; und vielleicht ist der's gewesen, der mit dem Singen angefangen hat. Weil er doch so 'ne schöne Stimme hatte. Daran mußt du nun immer denken, Wilm, was dein Vater für 'n braver deutscher Seemann war. Und das Lied von unsrer Fahne, min Jung, das lehr' ich dich, paß auf, und dann mußt du dich freuen …«
Da stand Dorte Larsen auf; ganz leise, um das schlafende Kind nicht zu wecken, und ging an dem Alten und dem Jungen vorüber in die Kammer nebenan; und während sie ihr vaterloses Jüngstes in die Wiege bettete, hörte sie Thede Lüttjohann mit seiner rauhen Stimme das Lied der deutschen Flotte summen:
»Hoch weht die Flagge schwarz-weiß-rot
Von unsres Schiffes Mast …«
Das Lied, mit dem Heinrich Larsen sterbend den Tod bezwungen hatte, das lernte nun sein Sohn, sein ältester, und dann würde es der jüngste lernen, und es würde als ein heiliges Vermächtnis durch ihr Leben klingen, immer und immer, und sein Triumph war größer als ihr Leid und sein Wille stärker als ihre Mutterangst.
Und Dorte Larsen fiel vor ihrem Bette in die Knie und warf die Arme vornüber und biß in die Decke, um das Weinen zu ersticken, das wild und jäh hervorbrach aus ihres Herzens blutender Verlassenheit.
Schweigen, Dorte Larsen, schweigen und stille sein … Denn du bist nichts als ein armes Weib und eine Mutter … eine reiche Mutter, Dorte Larsen …
Es war eine selbstverständliche Sache, von der nicht weiter gesprochen wurde, daß Thede Lüttjohann zu seiner Schwester übersiedelte, und in den ruhigen Jahren, in denen alle Tage sich wie Zwillingsbrüder glichen, half er ihr das Haus instand halten und ging ihr jeden Weg zu Hanne Krögers Kramladen, aus dem er dann mit Salz und Speck und sonstigen guten Dingen auch allerhand Neuigkeiten mitbrachte, die freilich immer schon ein bißchen altbacken in Janstede eintrafen.
Aber die Hauptsache war, daß er ihr half, die Jungens großzuziehen, indem er ihnen bei den Schulaufgaben half (wobei sich herausstellte, daß sie ihm in allen Fächern, die nichts mit der Schiffahrt und Seekriegen zu tun hatten, bedenklich über waren), sie im Rudern und Schwimmen unterwies und ihnen gelegentlich die Jacken vollhaute.
In den Dämmerstunden aber und an den langen, langen Winterabenden, dann fing Thede Lüttjohann zu erzählen an: blitzblaue Geschichten von den Sturmfahrten der »Blanken Hans« durch den Golf von Biskaya … »Junge, Junge, ich kann euch sagen, das is 'n ganz verdammtiges Gefühl, wenn der alte Kasten so überholt, daß er halbseits im Wasser liegt, und ihr hängt oben in den Wanten und denkt: Na, kommst du nun wieder hoch oder nich …? –« und von Kriegs- und Friedenszeiten auf der »Sophie« und von den Kämpfen der Mariner bei Bagamoyo und Daressalam … von fliegenden Fischen und Sankt-Elmsfeuer und von den Glocken versunkener Städte im Meer.
Wenn dann Dorte Larsen die Lampe anbrannte und ihr weißes, stilles Gesicht unter den blonden Flechten sich über eine Flickarbeit beugte, dann rückte auch Thede Lüttjohann aus der Ofenecke an den Tisch, und die Jungens drängten sich rechts und links an seine Knie und guckten zu, wie er schnitzte: Kutter und Segelschiffe und Kanonenboote – das war immer die »Iltis«. Und wenn sie erst einmal heraushatten, daß Ohm Thede wieder eine »Iltis« auf Dock gelegt hatte, dann ging das Betteln los: »Wie war das damals, wo Vater mit dabei war und gesungen hat?« Und die knarrige Männerstimme erzählte, und unter den hellen Flechten hervor sahen der Mutter Augen nach den glühenden Gesichtern ihrer Kinder, nach Heinrich Larsens Söhnen, die ihm so ähnlich waren, alle zwei. –
So schritten die Jahre gelassen über den Dünensand von Janstede, und der Wilm wurde eingesegnet, und Jens war zehn Jahre alt. Freilich meinte Thede Lüttjohann, es sei ganz allein sein Verdienst, wenn aus den beiden brauchbare Kerle würden, die sich vor Tod und Teufel nicht fürchteten und breitspurig und helläugig im Leben standen, bereit, jeder drohenden Gefahr, ohne sie erst lange zu begucken, an die Gurgel zu springen. Aber wenn er sah, wie Dorte Larsens Augen in Stolz und Freude an dieser gesunden Jugend hingen, dann klatschte er ihr die braune Vorderflosse auf die Schulter und sagte: »Das is 'n Staat, Dorte – was? Soll mal einer kommen und sagen, daß er auch so ' ne fixen Kerls herzeigen kann wie wir!«
Dann lächelte die Frau, aber sie sagte nichts. Für sie war jedes neue Jahr ein gleitendes Verlieren. Und sie hörte das selige und ernste Schicksal aller Mütter zu sich reden: Solange du dein Kind unter dem Herzen trägst, du Mutter, so lange ist es dein. Und ist noch dein, solange du es in den Armen wiegst. Dann gibst du dein Kind der Erde, und das Leben nimmt es bei der Hand und führt es von dir fort … zuerst nur drei Schritte, da kannst du es noch halten; dann dreißig Schritte, da holst du es bald ein; dann dreihundert Schritte, da kannst du's noch errufen, und dann dreitausend, da siehst du's schon nicht mehr. Dann mußt du warten, ob es zu dir zurückkommt, dein Kind, oder ob das Leben es so weit von dir entfernt, daß es sich nimmer wieder heimfinden kann.
Warum weinst du, Dorte Larsen? Das ist Mutterlos: Warten und stille sein …
Im Sommer des nächsten Jahres kam Hanne Krögers Sohn auf Urlaub nach Janstede; der diente als Freiwilliger auf S. M. S. »Straßburg«, kam eben von einer Ausreise nach Ostasien zurück und hatte die Tasche und den Mund voller Wunder. Wenn sich am Abend die Männer bei Hanne Kröger zusammenfanden – zu 'nem »Lütten« und einem Glas Bier – dann führte der Pieter das große Wort und tat, als sei er allein verantwortlich für das Wohl und Wehe der Hochseeflotte und für ihre schlagbereite Tüchtigkeit. Dabei geriet er regelmäßig mit Karl Jebsen aneinander, der das älteste Kaliber von einem Jansteder Fischer war und verächtlich über alles dachte, was mit Maschinen zusammenhing.
»Laß mich zufrieden mit dem neumodischen Kram,« sagte er und spuckte wie ein Lama. »Früher, tjawoll, da war das 'ne feine Kunst, ums Kap Horn anständig herumzukommen oder sich aus dem Passat herauszupeilen. Aber heutzutage – pöh! Was 'ne rechtschaffene alte Teerjacke ist, muß sich reinweg schämen, bei der Kinderei dabei zu sein. Nö – Maschinen – da hab' ich gar nichts mit in Sinn. Die haben die ganze ehrliche Schiffahrt auf den Hund gebracht!«
Himmel, jetzt wurde der Pieter aber falsch!
»Red' nicht so 'n Snack!« schrie er und wollte dem querköpfigen Jebsen über den Tisch weg aufs Kamisol steigen; aber Thede Lüttjohann und Hanne Kröger drückten ihn wieder auf die Bank und meinten, er solle den Alten in Ruhe lassen und lieber was erzählen, von den neuen Schiffen und Maschinen und von den Übungen der Flotte bei Helgoland und von den Torpedobootsmanövern. Und ob er jetzt in Kiel den Kaiser gesehen hätte, wollten sie wissen.
Also erzählte der Pieter, und weil er sich verpflichtet fühlte, die deutsche Marine auch bei den Jansteder Tranpötten in Geltung zu bringen und dem Fortschritt des neuen Jahrhunderts auch in diesem Winkel Achtung zu verschaffen, so nahm er die stärksten Farben dazu und schlug auf den Tisch, daß es dröhnte.
»Nicht lebendig vom Fleck will ich kommen, wenn das gelogen ist!«
»Na, na!« warnte Karl Jebsen.
Wofür ihm sein Nachbar einen Puff in die Breitseite versetzte.
Und da war einer unter Pieters Zuhörern, der schlang seine Worte in sich hinein, als hinge sein Leben dran, keines zu verlieren.
Das war Heinrich Larsens ältester Sohn, der Wilm, den Thede Lüttjohann heute das erstemal mit zum Kröger genommen hatte.
Er tat keine Frage, wie die andern – rührte sich nicht in seinem Winkel; starrte nur den jungen Burschen an, der höchstens drei Jahre älter war als er und schon wußte, wie's auf der anderen Seite des Erdballs aussah – und von Schiffen und Maschinen und Geschützen redete, als hätte er sie gebaut.
»Jetzt hab' ich genug, Gottsdonner!« sagte Thede Lüttjohann, als es zehn Uhr schlug, und schob sich schwerfällig wie ein alter Elefantenbulle hinter dem Tisch hervor. »Mir ist der Schädel so ramdösig, als hätt' ich selber 'ne Kruppsche Kanone im Kopf …«
Und als er mit Wilm aus der Haustüre trat und die Nase in die klare Nachtluft steckte, schnaufte er mächtig.
»Junge, Junge, was hat der Pieter für 'ne Schnauze. Der quasselt einem ja ein Leck in den Verstand … Na, min Söhn, du bist wohl duhn, daß du so 'nen dwatschen Kurs segelst? Oder was ist los mit dir?«
Wilm Larsen gab keine Antwort. Er stolperte mehr, als daß er ging, und dabei hatte er die Fäuste geballt und die Zähne zusammengebissen, und in seinen Ohren dröhnte das Blut.
Herrgott, Herrgott! dachte er, und ein Schluchzen stieg ihm in der Kehle hoch … Was ist das schön! – Was ist das schön! …
Er war nur ein halbwüchsiger Junge, und der Pieter war nichts weiter als ein heller Kopf mit offenen Augen und Ohren, und einem gutgeölten Mundwerk dazu. Aber er stand inmitten einer großen, einer beispiellosen Entwicklung, und der frische Hauch einer starken und zukunftsreichen Gegenwart umwehte ihn. Das hatte seinen Worten so viel Kraft und Ehrlichkeit gegeben, so viel Wirkliches und Greifbares in den gesunden Tatsachen, und das hatte den Sohn von Heinrich Larsen so mit rüttelnden Fäusten gepackt.
Er sprach kein Wort auf dem langen Heimweg und ging zu Hause in seine Kammer, worin der Jens mit lautem, friedlichem Atem schlief, ohne der Mutter gute Nacht zu sagen.
Und als er im Bette lag und die Dunkelheit und die warme Stille des Hauses um ihn her waren, da hörte er das ferne, tiefschwingende Orgelspiel des Meeres, das an die Küste donnerte, wie einen gewaltigen Ruf.
»Komm! Komm!« brüllte das Meer.
Herrgott … Herrgott –!
Wilm Larsen fuhr halbleibes in die Höhe und starrte mit weitgeöffneten Augen in die Nacht hinein. Und all die Bilder, die der Pieter mit seinen kecken, kräftigen Worten ihm in die Seele hineingezeichnet hatte, wuchsen lebendig aus der Dunkelheit heraus.
Die lichten, königlichen Leiber der Kreuzer und der Linienschiffe, wie sie, einem Geschwader von Schwänen gleich, aus dem Hafen hinausliefen in das heimatliche Meer, dem Flaggschiff folgend, dessen Winken sie untertan waren in unbedingter Vasallentreue.
Und neben den Majestäten und Herzögen die kleineren, die dunklen, eisenbewehrten Ritter und Mannen, die so flink waren und so schlau wie die Teufel im Sichbergen und Ausweichen – und so verachtend kühn im Angriff und Gefecht.
Und dann – die anderen, die jüngsten Fechter in dem gewaltigen Heerbann des Seekrieges … die Unterseeboote …
»Da nehmen sie nur die Verwogensten zu!« hatte Pieter gesagt.
Nur die Mutigsten …
Seltsam mußte das sein, wenn das geheimnisvolle Menschenwerk, von Menschenhand und Menschenwillen getrieben und gelenkt, sich auf ein einziges befehlendes Wort selber hineingrub in das Wellengrab …
»Ein Druck am Hebel,« hatte Pieter gesagt – »und das Boot sinkt …«
Wilm war ein guter Taucher und wußte, wie das ist, wenn man, tief unter Wasser auf den Rücken geworfen, emporblickt und die Wellen grünlich blau, von Sonnenlichtern durchzuckt über sich wegrollen sieht. Aber er kannte auch die unbeschreibliche Dunkelheit der Tiefe, die nichts von Tag und Nacht mehr weiß, wo nichts mehr ist als schwarze Bodenlosigkeit.
Dort hinab …? Freiwillig …?
Wahrlich, es ist auf der Welt nichts Kühneres als der Mensch.
Alle Geschöpfe, die leben, leben in ihrem Elemente, der Mensch allein macht sie sich alle untertan …
Nur Mut muß man haben.
Aber – war er nicht Heinrich Larsens Sohn?
Und wenn der Pieter recht hatte und nur die Kühnsten tauglich waren und ausersehen, auf diesem gefährlichsten aller Posten dem Vaterlande zu dienen – spürte er nicht, daß er dazu berufen war – durch seines Vaters Tod?
Er schlug mit der Faust auf die Decke und stieß den Atem zitternd aus den Lungen.
Vier Jahre freiwilligen Dienstes auf einem der königlichen Schiffe Seiner Majestät – und dann … hinunter zu den schwarzen Teufeln, zu den Ungetümen der Meerestiefe …
Es gab für Heinrich Larsens Sohn keinen anderen Platz in des Kaisers Dienst als da, wo die Mutigsten stehen.
Mit leisem Laut tat sich die Kammertüre auf, und die Mutter stand auf der Schwelle, ein Licht in der Hand, das flackerte.
»Warum schläfst du nicht, Wilm?« fragte sie tonlos.
Es war eine große Angst in ihrer Stimme, aber das hörte er nicht.
»Mutter,« sagte er so eilig, als wäre keine Zeit mehr zu verlieren, »jetzt weiß ich, was ich will. Zu den Mariners will ich!«
Dorte Larsen stellte das Licht auf den Tisch und setzte sich zu ihrem Ältesten. Sie nahm seine harte, braune Hand.
»Willst du von deiner Mutter fort?« sprach ihre leise Stimme.
Das wußte der Wilm noch nicht, daß es die Art der Frauen ist, Querfragen zu stellen, auf die ein Mann nur selten zu antworten weiß, weil sie der Schlußpunkt einer Gedankenreihe in ihren Herzen sind und mit der Sache gar nichts zu tun haben.
Darum sagte auch er nur in seiner eifrigen und ungeduldigen Freude, die nicht verstand, was die Mutter von ihm wollte: »Aber Mutting, der Vater war doch auch dabei.«
Dorte Larsen streichelte seine gespannten Fäuste, die ihr nicht nachgaben und sich nicht lösen wollten.
»Dachtest du an deinen Vater?« fragte sie.
»Ja,« antwortete Wilm, und an seinem jungen, stahlfesten Körper strafften sich die Muskeln.
Dorte Larsen senkte den Kopf. Dann nickte sie vor sich hin.
»Es muß wohl so sein,« sagte sie. Und sie stand auf und strich ihm das starke Blondhaar aus der Stirn. »Gute Nacht, Wilm. Schlaf nun.«
»Ja, Mutting.«
Sie nahm das Licht und ging aus der Kammer. Sie wußte, so fing es an. Die flugreifen Vögel sehnen sich aus dem Nest. Jetzt hütete sie deren zwei – wie lange, dann war's nur noch einer, und dann ging auch der von ihr fort …
Schweigen, Dorte Larsen – schweigen …
Und sie war ja doch stolz, als der Wilm von ihr, von Ohm Thede und dem Jens Abschied genommen hatte und sie ihm nachsah, wie er strack und trotzig gegen den Märzwind schritt und den Kopf im Nacken trug und sich nicht umsah nach ihr.
Und sie war doch stolz, als er nach zwei Jahren mit dem Winkel auf dem linken Arm wiederkam und braun war wie Eichenholz und mit seiner breitschulterigen Jugend die ganze Stube hell machte und zu füllen schien.
Jetzt war er's, der erzählte und der es fast noch besser verstand als der Pieter, wenn er auch den Mund nicht so voll nahm.
Und da saß ihm der Jens gegenüber und haschte ihm das Wort von den Lippen und wurde nicht müde im Fragen und Lauschen – und die Augen funkelten ihm, als Wilm von den letzten nächtlichen Übungen erzählte, von den Durchbruchmanövern der Torpedoboote …
Am weitesten zurück die königlichen Linienschiffe, denen der feindliche Angriff der tollkühnen Meerkosaken gelten wird … und vor sie gelagert die herzoglichen Wächter, die Kreuzer der Aufklärungsgruppe, die den schwarzen Feind am vergangenen Tage umsonst in allen Windrichtungen gesucht hat … weiß der Satan, wohin sie sich verkrochen haben …
Kein Laut. Kein Licht. Nicht einmal aus den Schornsteinen dürfen Funken fliegen. Es ist, als hielten die Stahlriesen selbst den Atem zurück im angespanntesten Lauschen. Stunde um Stunde verrinnt. Nichts ist zu hören als das gleichmäßige, gedämpfte Sausen der Turbogeneratoren, die den elektrischen Lichtstrom durch das Schiff jagen. Mitternacht kommt heran – geht vorüber – noch immer … nichts …
Oder – doch …?
Plötzlich – ein Ruf vom Ausguck.
»Torpedoboote achteraus – – Torpedoboote Steuerbord –!«
Da kommen sie heran, die verwegenen Meerreiter, in rasender Fahrt, daß das Feuer aus den Schloten weht, und kümmern sich den Teufel um die Lichtflut, die jäh aus den Scheinwerfern auf sie niederschlägt, und um den Geschoßhagel, der aus den brüllenden Geschützen saust.
Vorüber – vorüber … zu den Linienschiffen, von denen die suchenden Strahlenbündel über das zerpflügte Meer huschen, das höllische Feuer der Granaten aus stählernen Rachen fährt – – ein tödlicher Blitz in die königlichen Flanken – und wieder zurück, was die Maschinen rasen wollen … mitten hinein in das vernichtende Willkommen der Kreuzer … und wie ein Teufelsspuk – verschwunden …
Ja, in der Nacht, da kämpften die verwegenen Kerle am besten – da waren sie giftgefährlich. Aber am Tage … am Tage kroch der lauernde Tod unters Wasser hinab, schlich unter den deckenden Wellen hin und jagte sein furchtbares Geschoß dem Gegner, dem unrettbar verlorenen, in die wehrlosen Glieder.
Da tauchten die Unterseeboote, und die Mutigsten, die Verwegensten taten ihren Dienst.
Wenn er so weit gekommen war, dann schwieg der Wilm, und es war kein Wort mehr aus ihm herauszubringen, aber um seinen sehr schmalen Mund vertiefte sich ein hart entschlossener Zug, und er schob die rechte Faust weit von sich auf den Tisch, und sie war wie ein Hammer.
»Mach keine Dummheiten, Wilm,« sagte Thede Lüttjohann, als er mit ihm allein war. »Denk an deine Mutter und was sie durchgemacht hat. Es ist an einem genug.«
Wilm gab keine Antwort, und Thede Lüttjohann schüttelte den Kopf. So sind sie, dachte er. Und – hol' mich der Düwel! – Ich würd's auch so machen. Aber die Dorte tut mir leid … Was die sagen wird …
Dorte Larsen sagte gar nichts. Als ihr Ältester nach abermals zwei Jahren heimkam und eines Abends sich im Stuhl zurücklehnte und sprach: »Also Mutting, ich will mich nun melden – bei der Unterseebootabteilung in Kiel …« da stand sie ein paar Herzschläge lang ganz still und sah vor sich nieder. Dann hob sie die Hand bis zum Halse und ließ sie wieder sinken, nahm die leeren Teller zusammen und ging wortlos aus der Stube in die Küche. Sie zog die Türe hinter sich ins Schloß.
Wilm wollte ihr nachgehen, aber Thede Lüttjohann hielt ihn zurück.
»Laß man,« sagte er heiser.
Und nun war es in der niedrigen Stube sehr still. Thede Lüttjohann und Wilm qualmten gemeinsam, daß die Lampe nach Atem rang. Und in der Ecke saß der Jens und hatte glänzende Augen.
Draußen in der Küche aber kauerte Dorte Larsen am Herd und hatte die Hände auf den Knieen gefaltet und rang das Schluchzen nieder, das würgend aus ihrer Brust aufsteigen wollte.
Warum gerade du? dachte sie. Warum gerade du, mein Wilm? Hab' ich nicht schon genug hergeben müssen von meinem Glück und Leben?
Schweigen, Dorte Larsen, schweigen … stille sein …
Sie erhob sich und ging in die Stube zurück, wo aller Köpfe sich nach ihr wandten und die Augen ihres Ältesten sie ansahen mit dem starken, klaren Blick seines Vaters.
»Es fällt mir nicht leicht, Wilm, ja zu sagen zu dem, was du tun willst,« fing ihre leise Stimme an. »Du weißt auch, warum. Aber vielleicht ist das wahr, was dein Vater einmal sagte: Wo einer fällt, muß der Nächste in die Bresche springen; das ist seine Pflicht … Mir scheint, du willst mehr tun als nur deine Pflicht, und das ist brav und gut. Ich will dir nicht im Wege stehen. Wann mußt du fort?«
»Am zwölften Juli, Mutter.«
»So will ich dir deine Sachen richten.«
Und als sie sich mit dem Flickzeug an den Tisch setzte, spürte sie den rechten Arm ihres Sohnes mit ruhigem Druck um ihre Schultern.
Aber von diesem Tage an hatte das Leben von Dorte Larsen etwas Rastloses in seinem Gang; sie war schweigsamer noch als sonst und schien immer auf etwas zu lauschen, das von draußen kommen sollte. Thede Lüttjohann sah sie manchmal in der jüngsten Morgenstunde vom Hause fort und nach der Düne gehen und auf das Meer hinausspähen, während der Wind an ihren Kleidern zerrte und ihr das Kopftuch von den Flechten auf die schmalen Schultern blies.
Und das Meer rollte ihr seine Wogen vor die Füße und rauschte zurück und lief wieder den Strand hinauf im ewig gleichen, ewig gleichen Spiele der Unendlichkeit; manchmal waren seine Wellen licht, und das Sonnengold lief funkelnd darüber hin; manchmal waren sie bleigrau und träge, und der Nebel drückte auf sie herab – und manchmal waren sie schwarzbraun und gischtend weiß und rasten mit dem Sturm um die Wette und heulten wie wilde Tiere, die Hunger haben …
Und Dorte Larsen stand auf der Düne und schaute über das Meer.
Einmal kam ein Brief von Wilm, an dem hatte er sechs Wochen geschrieben, jeden Tag ein paar Zeilen nur, denn sie hatten scharfen Dienst. Aber er war vergnügt und munter und freute sich, daß seine zuversichtliche Ruhe manch einem das Herz wieder hochpumpte, dem's in die Stiefel gefallen.
Und ein wunderliches Gefühl ist's ja, wenn die Unterseeboote aus dem Hafen laufen, um draußen zu üben, mit viel Spektakel übers Wasser ballern und harmlos ungeschickt aussehen … und dann heißt es: »Tauchen!«
Der Turmdeckel schließt sich mit einem dumpfen Schlag … wie ein Sargdeckel liegt er einem über den Köpfen … alle Schotten dicht … die Niedergänge zur Tauchzentrale, zum Maschinenraum sind zugekurbelt.
»Klar zum Tauchen!«
Ein Ruck am Hebel … die Elektromotoren fangen an zu poltern, heftig, wie aus dem Schlaf geschreckt … tief steckt das Boot die Nase ins Wasser … jetzt wird das Deck überspült … jetzt spritzt das Wasser zu den Fenstern empor, jetzt blitzt die Sonne noch einmal durch die Schauluken des Turms … und nun blaugrüne, flutende Dämmerung, in der die elektrische Lampe trübselig genug brennt …
»Verflucht nochmal, alter Bock, nu laß das Pendeln sein … ewig hockt man in Kniebeuge!« Der Mann am Ruder brummt vor sich hin … Wie ein winziges, gefangenes Tier, das einen Ausweg sucht, zittert die Nadel im Kompaß hin und her …
Alle schweigen, nur Befehlsworte fallen aus dem Munde des Offiziers, der am Periskop den Kurs verfolgt. Er muß brüllen, um verstanden zu werden; das Stampfen der Maschinen, das Schlagen der Pumpen verschlingt jeden Laut. Und es hat auch keiner Lust zu reden, da unten tief in den Wellen, wo man nicht mehr Mensch ist, nur ein tastender, versuchender – tollkühn vorsichtiger Eroberer, jedem Zufall, jeder tückischen Laune des Elementes preisgegeben, das gleichgültig – Gott, so unsagbar, unerträglich gleichgültig um das Geschöpf der Menschheit wogt.
Aber auch Todesnähe wird zur Gewohnheit.
Der trotzige Reiz der Höchstgefahr stumpft ab – und nichts bleibt als der Dienst – harter, harter Dienst zwischen Tod und Leben … das Ohr immer gespannt auf die Glockenzeichen, der Blick auf den elektrischen Zeiger der Signalplatte – und mechanische, maschinenmäßig pünktliche Griffe der Hände.
»Fertig! – Los!«
Und der Torpedo saust aus dem Rohr, und seine weißgekräuselte Spur sucht das feindliche Ziel … Und Schlag auf Schlag, dumpf, wie aus unendlichen Fernen her – und haushohe, stiebende Wassersäulen …
»Das muß ich schon sagen,« knurrte Thede Lüttjohann, »da will ich lieber mit drei Kreuzern gegen ein ganzes Geschwader anmüssen als gegen so 'n lüttes Teufelsding …«
»Ja,« sagte der Jens und warf den Kopf in den Nacken, »aber wenn sie schon da sind, dann wollen wir die Besten sein …«
»Junge, halt deinen Rand!« bedeutete ihm Ohm Thede.
»Laß ihn,« sagte Dorte Larsen. »Er hat Recht.«
Sie kam vom Dorfe her und hatte eine Karte dem Postboten abgenommen – von Wilm natürlich, der alle schön grüßen ließ, und es ginge ihm famos. Jetzt kämen noch ein paar kräftige Übungstage – in der Nordsee – und dann ging's auf Urlaub.
Da lachten die Augen der Mutter.
Aber Thede Lüttjohann lachte nicht.
Er stand auf der Düne und schnüffelte in der Luft herum und schüttelte den Kopf.
Das Wetter war klar und schön und das Meer hellglasig. Aber es ging mächtig hoch, obgleich die Brise kaum zu spüren war. Und Thede Lüttjohann wußte, daß in der Nordsee, der Mordsee, die Dünung zuweilen vor dem Sturm herläuft. Das war dann ein hartes Stück Arbeit für die Boote, hereinzukommen. Und die sich zu weit hinausgewagt hatten, die kamen kieloben wieder. Oder gar nicht.
Und am Abend des nächsten Tages schickte Hanne Kröger die Magd zu ihm, mit einem verschnürten Zeitungsbündel. Darin stand: »Bei den gestrigen Übungen der Hochseeflotte hat sich ein schweres Unglück ereignet. Das Unterseeboot ›U 114‹ wurde, wie man vermutet, von einem Schraubenflügel des Kreuzers ›Windhuk‹ getroffen und ist auf Grund geraten. ›Vulkan‹ ist augenblicklich durch Funkenspruch zur Hilfeleistung gerufen worden.«
Und weiter unten: »Die Hebung des gesunkenen Unterseebootes ›U 114‹ ist infolge des Wetterumschlags außerordentlich erschwert. Die Telephonboje ist gefunden worden, doch war es bisher unmöglich, sich mit der eingeschlossenen Mannschaft zu verständigen, da die Antworten sehr schwach und undeutlich waren. Man fürchtet, daß die aus der Kollision gerettete Besatzung, die sich im Torpedolanzierraum befindet, durch Mangel an Sauerstoff besinnungslos ist.«
Und dann zuletzt: »Die Rettungsarbeiten an dem gesunkenen Unterseeboot ›U 114‹ mußten nach elfstündiger vergeblicher Arbeit wegen des hohen Seegangs eingestellt werden. Die Besatzung muß als verloren betrachtet werden. Auf die Anrufe des Hebeschiffs ›Vulkan‹ erfolgte seit vier Uhr morgens keine Antwort mehr.«
Das war Wilm Larsens Boot.
O lieber Gott – du machst es einem manchmal höllisch schwer, dich zu begreifen.
Der Jens kam herein und sah dem alten Manne ins Gesicht.
»Was ist denn?« fragte er.
»Lies,« sagte Thede Lüttjohann. »Aber nimm dich in acht und sei still.«
So las der Jens die Nachricht vom Tode seines Bruders und stand, als hätte er einen wuchtigen Schlag vor die Stirn bekommen.
»Die Mutter …« stammelte er.
Thede Lüttjohann sagte nichts.
Und da kam Dorte Larsen aus der Küche, blieb stehen und sah von einem zum anderen.
»Was habt ihr denn?« fragte sie und war noch ganz gelassen. Und dann wurden ihre Augen weit vor Schreck, als sie das verstörte Gesicht ihres Jüngsten sah. »Was … habt ihr … denn?!«
Der Jens wollte an ihr vorbei aus der Stube, aber sie hielt ihn fest. Und griff nach den Zeitungsblättern, die auf dem Tische lagen. Und las …
Und dann – dann schrie Dorte Larsen laut auf und schlug mit dem ganzen Leibe zu Boden – und lachte und lachte … daß den anderen das Blut in den Adern gefror.
»Dorte!« rief Thede Lüttjohann und wollte sie aufheben. »Aber Dorte!«
Doch sie entwand sich ihm und schleppte sich selbst in die Höhe und drückte den Arm über ihr Gesicht.
»Laß mich …« sagte sie. »Laß mich –!«
Und schloß die Türe ihrer Kammer hinter sich.
In dieser Nacht konnte der Jens nicht schlafen, denn er dachte an den Bruder und an die Mutter und an sein eigenes Leben, und er wußte nicht, wie er das alles in Einklang bringen sollte.
Und da kam Dorte Larsen zu ihm herein, wie einst zu Wilm, und blieb vor seinem Bette stehen, und der Schein des Lichtes, das sie in der Hand trug, fiel auf ihr blutloses Gesicht mit den starren Augen.
»Ich will,« begann sie und sprach wie aus dem Schlafe, »daß du mir jetzt versprichst, in dieser Stunde, daß du niemals wirst, was dein Vater und dein Bruder waren.«
»Das kann ich dir nicht versprechen, Mutter,« antwortete der Jens.
»Ich bin deine Mutter,« fuhr Dorte Larsen fort. »Ich habe deinen Vater sehr lieb gehabt. Er hat mich verlassen um diesen Beruf und ist nicht wiedergekommen. Ich hab' deinen Bruder denselben Weg gehen lassen. Und der kommt auch nicht wieder. Jetzt hab' ich nur noch dich, Jens. Du bist der letzte. Dich geb' ich nicht her.«
Sie stellte das Licht auf das Fensterbord und nahm die Hände des Jens in die ihren.
»Versprich mir, Jens, daß du nicht zur See gehen wirst. Versprich es mir!«
Der Jens hielt ihre Hände umklammert und atmete schwer. Aber er schwieg.
»Versprich mir's, mein lieber Junge, mein Einziger!« bat die Mutter.
Aber er schwieg.
Da machte sie sich los und nahm das Licht und ging hinaus, ohne sich umzusehen. Und Jens warf sich herum und drückte den Kopf in die Kissen. Das Schluchzen schüttelte ihn …
Am nächsten Tage bekam Dorte Larsen das Schreiben des Reichsmarineamtes, das ihr den Tod ihres Ältesten meldete. Sie las es durch und legte es beiseite. Es war ja nicht das erste, das sie erhielt. Sie kannte diese Worte der Anerkennung und den Trost, der auf Gott verwies. Das sagte ihr nichts.
Aber da war noch ein Brief dabei, der kam nicht von Amts wegen; der sprach auch nicht von Trost. Ganz einfach war er und männlich hart. Aber Dorte Larsen las ihn zweimal und dreimal und hielt ihn dann sinnend in der Hand.
»Was Sie mit Ihrem Sohne hergeben müssen, das wissen Sie selbst am besten,« schrieb dieser Mann. »Aber was wir, seine Vorgesetzten und Kameraden, an ihm verloren haben, das weiß niemand besser als ich. Unsere Marine hat, Gott sei Dank, viele brave und tüchtige Kerle. Aber er war der Besten einer, von jenem kernechten Holz, aus dem das Leben seine Helden schnitzt. Der Sohn seines Vaters, dessen Schicksal auch das seine geworden ist: im Dienste zu sterben für Kaiser und Reich. Aus den Aufzeichnungen des Leutnants z. S. Döring, die nach Hebung des Bootes gefunden wurden, geht hervor, daß Ihr Sohn bis zum letzten Augenblick, da ihn die Besinnung verließ, durch seine ausgezeichnete Haltung für alle Kameraden ein Beispiel und Vorbild war. Und das tragische Schicksal des Unterseebootes ›U 114‹ wird durch die Art und Weise, wie die Besatzung dem sicheren Tode in die Augen gesehen hat, zu einem neuen Ruhmesblatt in der Geschichte der deutschen Marine werden. Und die unerschütterliche Pflichttreue unserer braven Leute, deren Bester Ihr Sohn gewesen ist, wird ebenso herzerhebend und erzieherisch auf das ganze Volk wirken wie seinerzeit der glorreiche Untergang der ›Iltis‹. Wo einer fällt, muß der Nächste in die Bresche springen; das ist seine Pflicht. Diese Worte hat Ihr Sohn seinen Kameraden noch in der Todesstunde gesagt. Er hatte Recht. Die Zeiten sind bitter ernst. Wer weiß, wie bald wir uns bewähren müssen. Und nichts tut uns so not als pflichtgetreue Menschen. Möchte es unserer Marine nie an Männern fehlen, die so, bis zum Höchsten ihrer Pflicht eingedenk, leben und sterben wie Heinrich Larsen und sein Sohn. Dann, lieb Vaterland, magst ruhig sein …«
Der Sohn seines Vaters. Seines Vaters …
War er nicht auch seiner Mutter Sohn?
Aber: Wo einer fällt, muß der Nächste in die Bresche springen; das ist seine Pflicht …
So hatte sie selber zu ihrem Ältesten gesprochen.
Und den Jens hielt sie zurück …
Er ist mein Letztes, dachte sie. Und auf den einen kommt es nicht an unter Hunderttausenden …
Doch, Dorte Larsen, es kommt auf den einen an. Auf den einen, der ein Beispiel für viele ist mit seines Vaters pflichtgetreuem Sinn.
Weißt du nicht mehr, was deine Mutterpflichten sind?
Schweigen, Dorte Larsen – schweigen … stille sein …
»Ich habe dich heute nacht um ein Versprechen gebeten,« sagte Dorte Larsen darauf zu ihrem jüngsten Sohn. »Du hast es mir nicht gegeben. Nun weiß ich: du willst zur See.«
»Ja, Mutter.«
»Es ist gut,« sagte Dorte Larsen. »Geh in Gottes Namen. Ich halte dich nicht zurück.«