Anzeige. Gutenberg Edition 16. 2. vermehrte und verbesserte Auflage. Alle Werke aus dem Projekt Gutenberg-DE. Mit zusätzlichen E-Books. Eine einmalige Bibliothek. +++ Information und Bestellung in unserem Shop +++
»Wer ist meine Mutter?
Und wer sind meine Brüder?«
Matth. 12, 48.
Himmelkreuzbombenelement noch mal –! Ist denn in dem ganzen Drecknest keine vernünftige Seele aufzutreiben? Schweinerei verfluchte …"
Und der krachende Tritt eines nagelbewehrten Kommißstiefels gegen eine ächzende Tür.
Elisabeth Nuntius fuhr schlaftrunken in die Höhe und lauschte mit schreckweiten Augen. Was … was war denn? Und wo befand sie sich eigentlich?
Sie streckte die Hand aus und stieß an rauhverschalte Planken; nach Erde roch es, nach Harz und Moder. Wahrscheinlich ein Schuppen, der sie beherbergte … Ach Gott, was hatte sie gestern darnach gefragt, wo sie schließlich halbtot vor Überanstrengung, seelisch und körperlich am Ende aller Kräfte hingefallen war! Nur liegenbleiben, nur die Augen zumachen und nichts mehr hören und sehen von dem ganzen Jammer … Aber was dann über sie kam, war kein Schlaf, nur Betäubung, stumpfe, dumpfe Gefühllosigkeit, aus der sie jetzt die fluchende Stimme und der Schmiß gegen die Haustür aufjagten. Galt das ihr?
»Hanisch!«
»Herr Oberstabsarzt …« von irgendwoher.
»Wo bleiben Sie denn, zum Geier! In 'ner Stunde ist hier alles mit Verwundeten überschwemmt und noch nischt vorbereitet! Unerhörte Bummelei! Wo steckt denn die ganze Gesellschaft?!«
»Hier auf der Ferme liegt nur noch die freiwillige Sanitätskolonne, Herr Oberstabsarzt. Das dritte Detachement ist auf Allièvre zurückgezogen worden.«
»Wer hat das befohlen?«
»Herr Stabsarzt Kühn …«
»Den Herrn Stabsarzt soll der Deibel frikassieren! Nun sitz' ich hier mit 'ner Handvoll Leute! Und von Allièvre kann keine Katze mehr durch, ohne was auf den Pelz zu kriegen … Na nu los! 'ranholen die Leute, 's ist höchste Zeit!«
»Befehl, Herr Oberstabsarzt!«
Was hieß das – in einer Stunde … Das war ja Unsinn! Auf dem Schlachtfeld von gestern, da gab es keinen Verwundeten mehr; die noch da draußen lagen auf der zerwühlten, zertrampelten, kotigen Erde, die brauchten keine ärztliche Hilfe. Die waren ganz still geworden. Und die anderen hatte man nach Allièvre gebracht und nach St.-Coeur. Pontenève aber, das heißumstrittene, das konnte erst morgen – ja nun heute genommen werden, wenn das zweite Korps zur Unterstützung herangerückt war … Wo sollten denn die Verwundeten herkommen …
Stolpernde Schritte auf dem Gang vor ihrem Gelaß, ein hastiges Trommeln an der dünnen Türe.
»Schwester! – Schwester Elisabeth!«
»Ja, ja, was ist denn!«
»Sie möchten gleich kommen, läßt der Herr Oberstabsarzt bitten …«
»Sofort.«
Was der Chefarzt vom dritten Sanitätsdetachement unter Bittenlassen verstand, war ein knapper, klarer Befehl. Da half kein Müdesein und keine Schwäche. Elisabeth hastete in die Höhe … brrr, wie feuchtkalt die Kleider an ihr hingen. Und das Haar unter der verrutschten Haube.
Die Zähne schlugen ihr aufeinander vor Frost. Wie sie nach der Tür tastete, wäre sie fast gegen die Wand getaumelt, so lähmte ihr die Müdigkeit alle Glieder.
Als ihr die scharfe Nachtluft ins Gesicht blies, spürte sie in plötzlichem Erwachen aller Sinne, daß sie wütenden Hunger hatte. Kein Wunder. Seit zwei Tagen nichts gegessen – aus Zeitmangel, aus Gleichgültigkeit gegen sich selbst; zuletzt war sie einfach nicht mehr fähig gewesen, die Zähne auseinanderzubringen. Vielleicht daß ihr einer der Lazarettgehilfen ein Stück Brot verschaffen konnte …
Der Oberstabsarzt kam um die Hausecke, ohne Rock, die Hemdärmel aufgekrempelt, triefend vor Nässe. Er hatte sich das eisige Brunnenwasser über Kopf und Arme gepumpt.
»Na, Schwester, endlich! Wo haben Sie denn gesteckt?«
»Geschlafen, Herr Oberstabsarzt.« Es war wie ein Sündenbekenntnis.
»So. Da haben Sie sich ja den günstigsten Moment 'rausgesucht. Zum Schlafen ist jetzt wahrhaftig keine Zeit. Wo sind die andern?«
»Schwester Klara ist mit dem Detachement zurückgebracht worden. Wir fürchten, daß sie sich eine Blutvergiftung zugezogen hat. Schwester Ulrike liegt schon seit vorgestern. Sie ist hier, aber wie ich glaube, kaum dienstfähig.«
»Ah – verdeibelt, muß das gerade jetzt sein? Das ist die vierte seit acht Tagen, die mir schlapp wird …«
»Wir sind seit sechs Wochen nicht zur Besinnung gekommen, Herr Oberstabsarzt,« sagte Elisabeth mit einem ergebenen Lächeln.
»Ich ooch nicht, mein Kind. Dafür sind wir im Krieg. Wer das nicht aushalten kann, soll zu Hause bleiben, da gibt's auch 'ne Menge ganz hübscher Beschäftigungen. Na, das hilft nu nischt. Müssen wir sehen, wie wir's allein schaffen … Kann ich mich denn wenigstens auf Sie verlassen?«
»Jawohl, Herr Oberstabsarzt.«
»Gut. Also los, an die Gewehre, auspacken, zurechtlegen – es gibt Arbeit für zehn Gäule …«
Elisabeth nahm sich keine Zeit zum Weiterfragen. Das Fragen gewöhnte einem der Dienst beizeiten ab. Sie wandte sich nach der weiten, karg erhellten Bauernstube, die schon gestern als Operationszimmer gedient hatte, und stieß Türen und Fenster auf.
Allmächtiger, was herrschte für eine Luft in dem Raum! Das war ja die höllische Pest, hier drin atmen zu müssen … Sie tat einen scheuen Blick in die Ecke, in der gestern die blutigen Leibesfetzen, die Klumpen menschlicher Glieder, zu einem grauenvollen Haufen geworfen, lagen. Gott sei Dank, nein, die waren verschwunden! Aber ganze Ballen blutbrauner Lappen, Watteklumpen und zerrissene Binden erinnerten an die schauerliche Arbeit der Ärzte, und die Diele hatte rostige Flecken, und dunkle, klebrige Lachen standen noch da …
Elisabeth legte die gereinigten Instrumente auf den kleinen Seitentisch und packte die Verbandstoffe aus. Dann nahm sie den Eimer und ging auf den Hof, um Wasser zu holen. Die Flecken würden nicht so rasch weichen. Aber die entsetzlichen Lachen mußten verschwinden.
Als sie aus dem Hause trat, fiel ihr die merkwürdige Beleuchtung des Himmels auf. Dieses unbeschreibliche, streifige Lohen vom Horizonte aufwärts hatte sie einmal mit ihrem Bruder auf einer Reise durch Schweden beobachtet. Aber so ein schwefliges Rot war's doch nicht gewesen. Und dann – Nordlichter gab's ja wohl über diesen romanischen Gefilden nicht …
»Was ist das, Merker?« wandte sie sich an einen der Krankenträger, der aus dem Haus geschossen kam.
»Pontenève brennt!« sagte der Mann. Und lief weiter. Und dann kamen die anderen auch, und alle rannten in einer Richtung in die Nacht hinein, in diese gespenstisch erhellte, ahnungsschwere Nacht.
Was war denn geschehen, himmlischer Vater?
Pontenève brannte … War Pontenève genommen? Aber wie denn – von wem? War das erwartete zweite Korps eher eingetroffen und hatte gemeinsam mit den Resten des fünften die Stadt gestürmt?
Dann stand jetzt da drüben, wo die unheimliche Lohe in den Himmel hinaufleckte, ihr Bruder, ihr kindjunger Bruder – das Liebste, das Einzige, das sie auf der Welt noch hatte – stand inmitten des Furchtbarsten, das der furchtbare Krieg kennt: im nächtlichen Straßenkampf – und warf sein knabenfrisches, jauchzendes Leben in den Schrecken aller Schrecken hinein …
Lieber – lieber Gott im Himmel, nimm ihn mir nicht! dachte sie und sah mit verstörten Augen in das verblassende Dunkel der Nacht hinauf. Nimm ihn mir nicht, Herr mein Gott …
»Nicht träumen, Schwester …«
Erschrocken bückte sie sich, schob den Eimer unter das Brunnenrohr und ließ den Schwengel kreischen. Ah, erst einmal Gesicht und Hals und Hände erfrischt – tief hinein in die reine, starke Kühle … das tat gut – gut …
Und dann ins Haus. Es will gelernt sein, das Wassertragen. Aber man lernt's, und wenn man zuvor gewohnt war, um jedes Glas nach dem Diener zu klingeln.
Ein Wärter nahm ihr den Eimer aus der Hand und goß seinen Inhalt kurzerhand über die ganze Stube. Dann schrubbte er los. Aber die Flecken gingen nicht fort, trotz seiner ingrimmigen Anstrengungen.
»Lassen Sie nur, Albrecht,« sagte Elisabeth, als er zum drittenmal die schmutzige Brühe hinausschleppte. In einer Stunde sind doch wieder neue Flecken da, mußte sie denken.
Eine qualvolle Unruhe hatte sie gepackt. Und das Gefühl einer grenzenlosen, ohnmächtigen Verlassenheit. Sie lehnte den Arm gegen den Türpfosten und den Kopf darauf und schluchzte vor Schwäche und Hilflosigkeit.
»Na, na, na! Was ist denn?« sagte die knarrige Stimme des Chefarztes neben ihr. Ungeduld lag in den Worten und der Befehl: Zusammennehmen, Donnerwetter!
Beschämt und hastig fuhr sie mit der Hand über ihre Stirn.
»Es ist nichts, Herr Oberstabsarzt – ein Augenblick der Haltlosigkeit – das geht vorüber …«
Seine grimmigen Augen, in deren tiefstem Grunde eine Welt von Güte lag, nagelten sie förmlich fest, daß sie ihnen nicht auszuweichen vermochte. Es ist ja auch egal, dachte sie schwerfällig. Ich bin doch auch nur ein Mensch. Eine Frau.
»Wahrscheinlich haben Sie nischt im Magen,« sagte der Arzt. »Das legt sich aufs Gemüt … Hanisch!«
»Herr Oberstabsarzt!«
»Haben Sie was Eßbares da?«
»Nur noch 'n Stück Brot, Herr Oberstabsarzt.«
»Besser wie nischt. Her damit! – Für die Schwester!«
»'s ist leider nicht viel,« meinte der gute Junge treuherzig.
»Ich danke Ihnen, lieber Hanisch.«
Sie aß heißhungrig. Aber das Zittern ihrer Hände konnte sie nicht verbergen.
»Tun Sie mir den einzigen Gefallen und halten Sie die Ohren steif!« sagte Doktor Lenk. »Wenn Sie mir ooch noch umfallen, ist das Jungfernspital fertig. Und ich brauche heute gerade hundert Hände mehr, als mir zur Verfügung stehen. Sind Sie krank?«
»Nein, Herr Oberstabsarzt. Nur – ich sorge mich um meinen Bruder … Ist – an dem Kampf da vorn schon das zweite Armeekorps beteiligt?«
»Hä – nee! Da drüben balgen sich unsere alten Bekannten vom fünften vorläufig solo mit den Franzosen herum. Die wollten sich aus dem Dachsbau schön heimlich davonschleichen – ihren Entsatzleuten entgegen, die irgendwo über Lachaîne heranzotteln. Sie fingen's bloß für unsere Flieger nicht schlau genug an. Die kriegten Wind von der Sache … Famose Kerle, was? – Staatskerle, hol's der Henker … Nun haben sie sich bei den Haaren … Nee, nee, mein Kindchen, wenn das zweite da ist, das hören wir! Da geht's wieder mächtig fuit–bumm! Passen Sie auf, was das heute für 'n Tag wird! Ein Riesentag wird das!«
Er reckte die kurzen Arme in die Luft und prustete. Und dann sah er ihr weißes Gesicht: »Donnerwetter – Mädel, flaggen Sie nicht halbmast, eh der Junge dod ist. Er muß ja schließlich nicht unbedingt fallen oder sonst was erwischen – wie? Es hat doch schließlich noch nach jedem Feldzug Männer gegeben, die hundertprozentig aus dem Krieg nach Hause gekommen sind. Na also! Sehen Sie mich an! Zwei Jungens hab' ich dabei! Alle beide bei der Fliegertruppe … Jedesmal, wenn ich 'n Propeller brummen höre und dann so 'ne plötzliche Stille, dann denke ich: Jetzt hat's wieder einen gehascht. Vielleicht war's einer von deinen Jungens … Vielleicht hat's ihn im Sturz so tief in die Erde hineingehauen, daß wir ihn bloß noch zuzudecken brauchen …«
»Herr Oberstabsarzt …«
»Hä – was denn! Dafür ist Krieg, Himmelelement! – Und Ihr Bruder … Nützt's ihm was, wenn Sie hier Trübsal blasen? Gar nischt nützt's ihm! Und im übrigen warten Sie es ab. Auf Vorrat heulen ist 'ne riskante Sache. Wenn's dann umsonst war, ist man blamoren …«
»Lieber Herr Oberstabsarzt,« sagte Elisabeth Nuntius und lächelte mit feuchten Augen: »Ich danke Ihnen …«
»Blech. Sie haben mir überhaupt nicht zu danken! Sie haben – verflucht und zugenäht – jetzt geht's los mit dem Spektakel!«
Auf der Straße von Allièvre her prasselte der dröhnende Galopp rasender Pferde – sechs, acht, zwölf, zwanzig – das sechste Feldartillerieregiment – an der Ferme vorüber und die Straße hinauf und quer über den Hügel, an dessen Fuß sie lag. Minuten später, mit dem ersten fahlen Tagesschimmer, der in die Stube kroch, klirrten die Fenster der Ferme unter dem Gebrüll des ersten Schusses.
»Niedlich!« sagte der Chefarzt. »Wenn die Franzosen versuchen, die gesegneten Großschnauzen da oben zum Schweigen zu bringen, können wir allerhand Überraschungen erleben. Sie brauchen nur mit ihrer beliebten Bombenwerferei anzufangen. Hanisch!«
»Herr Oberstabsarzt …«
»Die Genfer Flagge!«
»Befehl, Herr Oberstabsarzt; ist schon gehißt.«
Die ausgesandten Krankenträger kamen zurück, einer nach dem andern. Mit leeren Händen. Keine Möglichkeit, in das Gebiet des nächtlichen Kampfes vorzudringen. Die Feldschlacht war im vollen Gange. Am Waldrand bei Lionville hatte sich eine Maschinengewehrabteilung eingenistet und bestrich das ganze Gelände mit ihrem Geschoßhagel. Sie waren schließlich in Gefahr geraten, sich dem Freundesfeuer preiszugeben.
Also hieß es warten.
Elisabeth kletterte die Stiege zu dem Kämmerchen hinauf, in dem Schwester Ulrike lag. Das unerbittliche Dröhnen der Geschütze, in das sich bald schärfer, bald matter das Knattern des Infanteriefeuers, das Knacken der Maschinengewehre mischte, klang hier oben wie ein wahnwitziges Vorspiel zum Jüngsten Gericht.
Aber das Mädchen schlief. Auf ihren ganz schmal und spitz gewordenen Zügen lag der Ausdruck einer so tödlichen Ermattung und zugleich ein so grauengeschütteltes Entsetzen, als hätte ihr blutjunges Mädchentum die Qual der Verdammten in der Hölle schauen müssen und könnte sie nie mehr vergessen.
Elisabeth kauerte sich auf den Schemel am Bett und duckte den Kopf in die Hände.
Unten auf der Straße schwoll der Lärm durchziehender Truppen wie eine Brandung. Das Rattern von Wagen, Hufschlag, der Schritt von Hunderten und Tausenden, Regiment auf Regiment … Öldunst und Benzingeruch drang durch das zersprungene Fenster, das ungeduldige, dumpfe Zittern leerlaufender Motore … und aus der Höhe das Hornissummen sausender Propeller … und Pfiff und Schlag und Geschrei und Gelächter – – großer Gott, es gab noch Menschen, die lachen konnten an diesem fluchbeladenen Tag! – – und auf der Höhe vor dem Gehöft, aus Qualm und Dunst und Rauchschwaden, das heißhungrige Aufbrüllen der eisernen Raubtiere da oben, die Blut witterten und nach jungem, lebendigem, zuckendem Fleische schrien.
Und da unter den Hunderttausenden, die jenseits der Anhöhe, in der fruchtschweren Ebene von Pontenève einander gegenüberstanden und auf den Augenblick lauerten, da Kraft gegen Kraft und Leben gegen Leben ansprang zu tödlichem Prall und Gegenstoß, da unter den Hunderttausenden, die keuchend, schweißüberronnen, von Pulverrauch und Dreck und Blut unkenntlich, sich knirschend Schritt um Schritt eroberten, da war einer, der ihr gehörte …
Dir, Schwester?
Nein.
Er, den sie, selbst noch ein halbes Kind, der sterbenden Mutter aus den Armen genommen, dem sie Vater und Mutter, Schwester und Kamerad gewesen, dem sie ihre Jugend und ihr eigenes Liebesglück schweigend geopfert hatte, der – das wußte sie! – gehörte nicht mehr ihr.
Er gehörte dem Kaiser, dem Reiche, dem Vaterland.
Was fragte er in dieser Stunde, die ihn mit wuchtigem Schlag zum Manne machte, nach ihr – nach einem Menschen! Was fragte er, wenn er seinen Kerls voran gegen das feindliche Feuer im Sprunge vorging, wenn das blutdurchzuckende Pulsen der Trommeln, das siegessichere »Vorwärts! Vorwärts!« der Trompeten, das heisere, Mark und Bein erschütternde »Hurra–a–a! Hurra–a–a!« aus tausend rauhen Soldatenkehlen das Ganze – Ganze zum letzten, unwiderstehlichen Sturm gegen die todspeienden Schanzen des Gegners warf … was fragte er nach ihrem Jammer, nach ihrer Verlassenheit, wenn ihn eine Kugel, ein Säbelhieb, ein Schlag mit dem Kolben niederschmetterte?
Soldat war er. Ein deutscher Mann. Nichts weiter …
Lärmen im Hause weckte sie aus ihrem Grübeln. Die Stimme des Lazarettgehilfen rief nach ihr. Und dieser hastige Ruf zur Pflicht weckte die Kranke, die das Dröhnen der Geschütze nicht hatte wecken können.
»Jesus!« schrie sie auf und riß die Hand an den Mund und drückte die Zähne hinein. »O Jesus, mein Heiland … lieber, lieber Gott, erbarm dich doch …«
Elisabeth sprang das Wasser in die Augen.
»Bleiben Sie hier,« sagte sie und stieß die Tür auf. »Wenn ich Sie brauche, lass' ich Sie rufen. Jetzt … ist's noch nicht nötig.«
Und lief die Treppen hinab.
Es waren nur die ersten Leichtverwundeten, die sich selbst, einander helfend, aus dem Hexenkessel der Schlacht zum Verbandplatz durchgeschlagen hatten. Es riß einem noch nicht das Herz aus dem Leibe, ihre Schmerzen mit anzusehen. Sie halfen sich noch selber über das Mißgeschick mit dem Trost auf rasche Heilung und baldige Dienstfähigkeit und mit einem handfesten Fluch hinweg.
Aber was sie erzählten – von denen, die noch draußen lagen, das machte dem Mädchen die Lippen weiß und nahm ihren hilfsbereiten Händen alle Sicherheit. Reihenweis hatte sie's hingemäht, wie Korn fällt unterm Sensenhieb … Manches Regiment hatte sämtliche Offiziere verloren, von der und jener Kompanie lebte nur noch der sechste, der zehnte – der zwanzigste Mann … am Waldrand von Moulinette, den die Besatzung von Pontenève unausgesetzt unter Feuer genommen hatte, bis die preußische und württembergische Artillerie sich das nachdrücklich verbaten, da hatte es die Truppen zusammengehauen, als wäre an der Stelle ein Leichenwagen umgestürzt. Da lebte keine Maus mehr …
»Aber kriegen tun wir sie doch!«
Darüber waren sie sich einig.
Elisabeth hatte während ihrer Arbeit kaum ein Wort gesprochen außer einem sanften Zuspruch, wenn sie sah, wie der Schmerz ein heißes, erschöpftes Gesicht zusammenriß – der Bitte um irgendeine Handreichung – der Antwort auf die Fragen des Arztes.
Da brachten zwei Krankenträger den ersten Schwerverwundeten, dem ein Sprenggeschoß den linken Arm glatt vom Leibe gerissen. Als sie mit vorsichtigen Händen die blutdurchtränkte Uniform aufschnitt, sah sie auf dem Achselstück den Namenszug vom Regiment ihres Bruders.
Zähne zusammen … Zähne zusammen …!
»Verflucht!« murmelte der Arzt, als er die Wunde untersuchte. Die Rechte des Bewußtlosen krallte sich in den Arm der Schwester … Minuten, Minuten, die alles in Rot tauchten – ein Aufatmen …
Es war drei Uhr nachmittags.
Der Geschützdonner, der ununterbrochen über ihren Köpfen hingerollt war, verstummte plötzlich, wie von Riesenfaust erstickt. Nach dem Dröhnen und Belfern der vergangenen Stunden wirkte der fernere Lärm wie Stille und die Stille wie atemraubende Drohung.
Jetzt holte die ungeheure Gigantenfaust des Krieges zum letzten Schlage aus …
In rasendem Galopp jagte ein Ordonnanzoffizier heran, von unten bis oben, bis zu den Augen mit Lehm bespritzt.
»Wie steht es vorn …?«
»Gut! Gut!«
Und weiter, was der klitschnasse Gaul hergeben wollte, daß die Erde meterweit zurückflog …
Es ging zum Sturm – zum Sturm!
»Vorwärts! Vorwärts! Vorwärts!« schrien die Hörner. »Das Ganze – vorwärts!«
Und das Brüllen der wilden Tiere hob wieder an – wilder, gieriger, lauter noch, als hätten sie nur neuen Atem geholt zum letzten, gewaltigsten Schrei …
Und ein Orkan fernher brausender Stimmen … kein Laut zu unterscheiden … aber sie wußten es alle, was das war, was das bedeutete: das erderschütternde, himmelerstürmende, das alles vor sich niederwerfende deutsche »Hurra!«
Sieg –! Sieg –! Sieg –!
Und die noch schreien konnten aus dem Haufen der wunden Krieger, die schrien mit in das Tosen der großen Brandung hinein, deren wütendem Pralle sie mit zerbrochenen Gliedern entronnen …
»Aller Dinge mächtigstes: Krieg!
Aller Güter herrlichstes: Sieg!«
Das Herrlichste und das Kostbarste – das Höchsterkaufte …
Es war ruhig geworden …
Die blutdürstigen Raubtiere mit den stählernen Rachen, sie hatten ihren brüllenden Hunger gestillt.
Der Wind, der von Südosten kam, trieb den stickigen Atem der Schlacht vor sich her, fegte den Himmel klar, an dem eine blasse, kraftlose Geistersonne stand.
Die Krankenträger, die Freiwilligen zogen aus, die Ernte des Kampfes einzuheimsen von dem schwertgepflügten, blutgedüngten Acker.
Nun kamen sie, die Jammervollen, die Elenden – die, deren Anblick das Herz erwürgen wollte und das Mitleid aufschluchzen ließ vor Not und Hilflosigkeit.
O diese Ärmsten der Armen – wie sie litten, wie sie sich wanden in Qual, wie sie die verstümmelten Arme ausstreckten … ächzten, röchelten, um Hilfe flehten, um Linderung und Erlösung.
»Barmherzigkeit, mein Gott!«
Elisabeth und der Arzt waren schon längst ganz stumm geworden, arbeiteten sich schweigend, triebhaft, fast maschinenmäßig in die Hände. Die Verbundenen wurden in die Krankenwagen, die Automobile geschoben, weitergebracht nach Allièvre, nach St.-Coeur – nur fort, nur Raum geschaffen für die endlos, uferlos andrängende Flut …
Wie im Nebel sah Elisabeth die hundert Gestalten um sich her, sah plötzlich mitten unter ihnen das dunkle Kleid, das weiße Gesicht von Schwester Ulrike. Ist sie doch aufgestanden? dachte sie gleichgültig. Und dann: sie hält es nicht aus … Das hält ja kein Mensch auf die Dauer aus …
»Hanisch, Wasser!«
Der Lazarettgehilfe hörte nicht. Elisabeth nahm den Eimer und lief nach dem Brunnen. Auf dem Steinrand saß ein schlankes, drahtiges Bürschchen, den linken Arm in der Schlinge, Zigarette im Mund.
»Darf ich Ihnen helfen, Schwester?«
»Danke,« murmelte sie und ließ seine ritterliche Art gewähren.
Wie munter das junge Blut aussah trotz seiner Wunde – vielleicht gerade im Stolz auf sie. Ob Dieter jetzt wohl auch mit so lachenden Augen in die Welt hineinsah?
O diese Ungewißheit, die martervoller als alles war! Diese dumpfe Angst, in jedem neuen Kriegsopfer, das die Träger brachten, den eigenen Bruder zu erkennen …
Aber es waren nur wenige vom Regiment Prinz Joachim dabei.
War das ein gutes, war's ein schlimmes Zeichen? Hieß es: das Regiment hat nur wenige Verluste erlitten? Hieß das: es gibt kein Regiment Prinz Joachim mehr … die seinen stolzen Namenszug getragen haben, sind ausgelöscht, vernichtet, niedergeritten – sie sind tot – –?
Jesus – Jesus!
Oder hatte man die Verwundeten zu einem andern Verbandplatz gebracht, nach Lachaîne oder Lionville? War Dieter dabei? War er heil und gesund – oder lebte er nicht mehr?
Zähne zusammen –! Sie war im Dienst.
Großer Gott, wie die Stunden schlichen! Und jede einzelne ein vollgerüttelt Maß von Angst und Herzeleid …
Als sie mit zwei von den freiwilligen Trägern beschäftigt war, einen Verwundeten in den Wagen zu betten, kam aus Allièvre vom Sanitätsdetachement die Nachricht, daß es unmöglich sei, dort noch mehr Kranke aufzunehmen; jedes Haus sei bis unters Dach belegt, es mangle auch an Verpflegung, da die Einwohner geflüchtet seien und nichts als die nackten Wände zurückgelassen hätten. Die Transportfähigen müßten nach St.-Coeur oder Lachaîne, für die anderen sollte ein Unterkommen geschafft werden, wo es eben ginge …
»Dann müssen sie hier bleiben,« sagte Elisabeth. Es war den Wagen wie den Automobilen unmöglich, gegen den Strom der zurückflutenden Truppen zu stauen; schon ein Überschreiten der Straße schien lebensgefährlich.
Da wurden die Ferme, die Scheune, der Stall zum Lazarett.
Auf Strohschütten, auf Lumpen, auf der nackten Erde mußten sie hingelegt werden, einer neben den andern, Deutsche und Franzosen, ohne Unterschied, ohne Haß, nichts als Menschen, elende, schmerzbeladene Menschen, die es dem Leben und denen, die sie liebten, zu retten galt.
Und die beiden zu Tode erschöpften Mädchen mit der Roten-Kreuz-Binde am Arm gingen von einem zum andern, trösteten, sänftigten, linderten, wo sie konnten, netzten die fieberverdorrten Lippen und trockneten den bitteren Schweiß des Todes von qualverzerrten Gesichtern …
Wenn nur das Schreien nicht wäre, dachte Elisabeth und drückte die Hände an ihre Schläfen, dieses furchtbare Aufschreien unter den Messern und Sägen des Arztes … dieses Schmerzgebrüll, wenn das Fieber sie rüttelte und sich aufbäumen ließ unter den verzweifelten Mädchenhänden. Das werde ich nie mehr los, fühlte sie unklar. Bis an mein Lebensende gellt mir dieses Schreien in den Ohren.
»Barmherzigkeit, mein Gott! … So erbarmt euch doch! helft mir doch! Ah mon Dieu, mon Dieu, miséricorde! … par la grâce de Dieu, ma bonne soeur, ayez pitié de moi!«
Und immer der Gedanke: vielleicht, vielleicht liegt dein Bruder auch wie einer dieser Unseligen zerrissenen Leibes im Fieber und ruft nach dir …
Nein, das ertrug sie nicht mehr …
Sie wandte sich an einen jungen Infanteristen, der mit zerschossenem Knie dalag: »Verzeihen Sie mir bitte eine Frage … können Sie mir sagen, wo das Regiment Prinz Joachim gefochten hat …«
»Prinz Joachim …« Der Soldat schüttelte den Kopf. Sie waren ja alle wie die Räder, die Kolben und Stangen einer Riesenmaschine, die auch nichts voneinander wissen, obgleich eins dem andern hilft und notwendig ist. Aber sein Nebenmann hatte die Frage der Schwester gehört.
»Bei Moulinette,« sagte er.
Aber mehr konnte sie auch von diesem Manne nicht erfahren.
Und noch mehr, noch immer mehr Verwundete und Sterbende … Die Dämmerung brach herein, und der Zug des Jammers nahm kein Ende.
Schwester Ulrike, die dem Chefarzt bei einer Beinabnahme helfen wollte, schlug ohnmächtig am Operationstisch auf die blutbesudelten Dielen.
Doktor Lenk schickte einen Lazarettgehilfen mit dem Motorrad fort – mochte er sehen, wie er's anstellte, durchzukommen – um in St.-Coeur und Lionville Hilfe zu erbitten.
Elisabeth hatte mit stockendem Herzschlag zugehört. Und plötzlich lief sie dem Manne nach.
»Fischer!«
»Hier!«
»Fischer, wenn es Ihnen möglich ist, dann erkundigen Sie sich auf dem Wege und in den Lazaretten dort nach Leutnant Meinhart vom Regiment Prinz Joachim, sechste Kompanie. Ob er verwundet oder gefallen ist – ob er noch lebt … Es ist mein Bruder …«
»Soll geschehen, Schwester!«
Und er schob das schwere, puffende Ding auf die Straße und nahm einen Anlauf …
Wann kommt er wieder, mein Gott? Und wenn er kommt, wird er mir Nachricht bringen? – – Und was für Nachricht?
Die Nacht kam herauf – die Nacht der Geopferten. Vom Schlachtfelde fanden sich allmählich die Träger zusammen. Das jäh und stark hereinbrechende Dunkel machte ihrer Tätigkeit ein Ende … Es gab wohl auch nur wenige noch, die ungeborgen blieben. Und für sie konnte jetzt nicht mehr gesorgt werden. Man mußte den Morgen erwarten.
O, nie und nirgends in der Welt wird wohl der Morgen so fieberhaft, so inbrünstig herbeigesehnt wie im Lazarett, im Krankenhause …
Der Oberstabsarzt wusch sich die Hände am Brunnen. Es war fast ein Ausdruck von Stumpfsinn, der auf seinem Gesicht lag. Er atmete mit offenem Munde. Er trank aus der hohlen Hand und hielt den Kopf unter die Röhre.
»Herr Oberstabsarzt müssen sich ausruhen,« sagte Elisabeth, die kam, um Wasser zu schöpfen.
»Hä – ausruhen! Wenn ich mich jetzt lang lege, stehe ich vor Weihnachten nicht wieder auf. Verflucht, mein Kreuz … äääh –! Nee, mein Kindchen, wir teilen uns hübsch ins Vergnügen. Kalt Wasser übern Deez, das hilft! Und der Hanisch soll Kaffee kochen …«
Noch ein Blick in den ruhigen, reinen, sternklaren Himmel hinauf – gab es da oben unter den Millionen von Welten wohl eine zweite, die so viel Jammer trug? – noch einen Atemzug, ein trinkendes Erhaschen der kühlen, klaren Luft … und nun wieder hinein in den Vorhof der Hölle.
»Schwester,« stammelte einer, dem sie den lindernden Trank an die Lippen hielt, »muß ich sterben, Schwester?«
»So Gott will, nein, mein Freund! Wir tun alles, um Ihnen zu helfen!«
»Ich will nicht sterben,« murrte die heisere Stimme weiter. »Ich will nicht – ich will nicht sterben …«
Ein gellendes Gelächter raste auf … Jesus, Heiland – war das der Tod, der so in zerfressendem Hohne die Zähne bleckte, weil einer, dem er schon auf der wunden Brust kniete, das irre Wort »Ich will nicht sterben!« sprach?
Nein, das Fieber lachte, lachte, lachte aus dem Munde des französischen Kapitäns, der seit Stunden unaufhörlich » Vive la France! Vive la France! A bas l'Allemagne! A bas les Prussiens!« geschrien und nun dem Wahnsinn dieses Unterganges mit bitterem Lachen fluchte.
Und neben ihm ein junges deutsches Blut, das den unerhörten Kampf des vergangenen Tages noch immer kämpfte, das mit knirschenden Zähnen und haschendem Flüsterton sich seines Feindes zu erwehren suchte.
»Hund, räudiger … ich schlag' dich – ich schlag' dich tot!«
Elisabeth legte ihre kalte, zitternde Hand auf die glühende Jünglingsstirn. Ach wie der Pulsschlag raste in den hochgespannten Adern! Aber nun wurde er still, das hastige Röcheln verstummte …
»Mutter?« murmelte er. »Mutterle …?«
Und seufzte leise; die krampfigen Glieder lösten sich; er lag mit ruhigem Atem …
Zum nächsten ging sie. Wie seltsam er die Hände gekrallt hatte – als wollte er einem an den Hals springen … Elisabeth neigte sich über ihn – und fuhr zurück … aus den glasigen Augen grinste der Tod sie an.
Wie viele würden sie morgen so hinaustragen müssen …
Morgen …
Zum zehnten Male trat sie auf den Hof hinaus und lauschte, ob Fischer mit dem Motorrad zurück sei. Der Weg nach St.-Coeur war ein einziges Hindernis; das wußte sie. Aber dennoch – es mußte Mitternacht sein … Warum, barmherziger Gott, kam er nicht wieder?!
Und als er endlich kam, war er so vollkommen erschöpft, daß er einfach umfiel. Hilfe brachte er nicht, nicht einmal Aussicht auf solche! Der helfenden Hände waren überall, ach, viel zu wenig. Und die Zahl der Verwundeten beider Heere ging in die Hunderttausende …
Elisabeth preßte ihre Finger ineinander.
»Und – haben Sie Nachricht von Leutnant Meinhart …?«
Der Mann dachte nach; die Gedanken wollten ihm nicht mehr gehorchen. Ach so, ja, Leutnant Meinhart … den hatte er gleich gefunden … er war aber nicht bei Besinnung gewesen …
»So ist er – verwundet?!« würgte sie hervor.
Ja, natürlich war er verwundet, sonst hätte er doch nicht in St.-Coeur gelegen.
Lungenschuß …
Die Schwester hatte gemeint, er würde vielleicht noch mal aufwachen, aber den nächsten Abend erlebte er nicht …
Der an allen Kräften ausgepumpte Mann wußte nicht mehr, wem er diese Nachricht brachte.
Elisabeth war an die Wand getaumelt. Mit hängenden Gliedern stand sie, den Kopf auf der Brust, als hätte sie einen Hieb ins Genick bekommen.
Nun war es gekommen, das Schicksal – nun war es gekommen – reckte sich vor ihr auf in seiner ganzen nackten Unerbittlichkeit und goß den Wert und Inhalt ihres Lebens mit gleichgültiger Gebärde in den Sand. Ganz leer war sie mit einem Schlage. Ganz arm …
Ich hab' es gewußt! war ihr erster Gedanke. Ich muß zu ihm! ihr zweiter.
Sie griff sich mit beiden Händen nach dem Kopfe. Wenn ich nur am Weg nicht liegen bleibe, dachte sie. Es ist weit nach St.-Coeur. Und ich muß über das Schlachtfeld. Aber ich muß zu ihm. Wenn er noch einmal die Augen aufschlägt, muß ich bei ihm sein …
Sie lief nach dem Haus, nach der Tenne, und suchte den Arzt. Sie fand ihn über einen Sterbenden gebeugt. Das flackerige Licht einer Stallaterne fiel auf sein abgehetztes Gesicht.
»Herr Oberstabsarzt …«
»Hm.«
»Ich möchte Sie – um ein paar Stunden Urlaub bitten …«
In dem Augenblick, als sie es gesagt hatte, fiel ihr ein: Das ist ja wahnsinnig …
Doktor Lenk antwortete nicht. Er machte einen schiefen Kopf und sah das Mädchen an.
»Was wollen Sie?!«
»Mein Bruder, Herr Oberstabsarzt – er liegt tödlich verwundet in St.-Coeur … er kommt vielleicht noch einmal zur Besinnung … aber den nächsten Tag überlebt er nicht mehr …«
Der Chefarzt richtete sich auf.
»Hier – und da drüben, wo Sie jetzt eigentlich hingehören, mein liebes Kind, da liegen auch eine ganze Menge, die den nächsten Tag nicht überleben werden … Ganz bestimmt nicht, wenn Sie ihnen den Dienst aufsagen.«
»Das sind nicht – meine Brüder,« murmelte sie.
»Warum lassen Sie sich dann ›Schwester!‹ rufen?« fragte der Arzt.
Sie sah dem Arzt in die Augen. Und senkte den Kopf und ging hinaus. Ging an ihren Dienst.
Und wie sie zu den Menschen trat, die ihr anvertraut waren, streckten sich hundert Hände nach ihr aus, hilfeheischend, flehend und beschwörend.
»Schwester –! Schwester –!«
Der Jüngste von allen, dessen kämpfende Not ihre sanfte Nähe, ihre kühle Rechte auf seiner Stirn schon einmal zur Ruhe gebracht, sah aus fieberglänzenden Augen zu ihr auf und bettelte: »Mutterle, bleib da … bleib da, Mutterle …!«
Und tastete nach ihren stillen Händen.
Und eine verstörte Stimme flehte in Todesangst: » Ma bonne soeur, ah ma bonne soeur, ne me quittez pas – par la bonté de Dieu, ne me quittez pas!«
Und während sie von einem zum andern ging und tröstete und linderte wie zuvor, stand vor ihrer Seele ein Wort des göttlichen Arztes …
»Wer ist meine Mutter? Und wer sind meine Brüder?«
Ihr, die ihr meine Brüder und meine Schmerzenskinder seid, die ihr mich Mutter und Schwester nennt, ich will euch nicht verlassen!
Helfe dir Gott in deiner letzten Not, mein Bruder – ich kann nicht bei dir sein. Ich weiß, du verstehst mich. Denn wir sind eines Blutes. Wir haben unsere Pflicht getan.