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Ich habe den Glauben, daß wir nicht geboren sind, glücklich zu sein, sondern um unsre Pflicht zu tun, und wir wollen uns segnen, wenn wir wissen, wo unsre Pflicht ist.
Nietzsche.
China.
Herrn Leutnant z. S. Hans Lenhusen
An Bord S. M. S. »Lützow«
z. Z. Tsingtau
über Sibirien.
Wilhelmshaven, im September.
Mein geliebter Hans!
Vor mir steht der kleine Globus, den Du mir geschenkt hast, weil Du Verleumder boshafterweise behauptetest, meine geographischen Kenntnisse fingen bei München an und endeten in Berlin, und ich sei bis zu meiner Verheiratung mit Dir nie ganz sicher gewesen, ob Wilhelmshaven an der Nord- oder an der Ostsee liege: was hab' ich armes, kleines Schaf also für ein unverdientes Glück gehabt, daß ich Deine Frau werden durfte! Denn jetzt weiß ich über diesen hochwichtigen Garnisonshafen so gut Bescheid, daß ich es im Schlafe herbeten könnte: Wilhelmshaven liegt nicht an der Ostsee, sondern an der Mündung der Jade und ist augenblicklich das trübseligste Nest auf Gottes Erdboden, in dem es jemals vierzehn Tage hintereinander geregnet hat.
O lieber Hans, ich glaube beinahe, die Sonne ist hierzulande eine astronomische Merkwürdigkeit! Und während es an die Fenster pladdert, nehme ich meinen treuen kleinen Globus vor und flüchte mich in sonnigere Gefilde. Und suche Dich.
Denn was sollte ich wohl ohne Dich bei allen Wundern Zeylons und des indischen Kaiserreichs? Wenn Du hier wärst, leibhaftig bei mir in meinem stillen, vertrauten Stübchen (im Geiste bist Du's, das weiß ich!), dann würde ich dieses grauenhafte Wetter, das jeden Gedanken an die Möglichkeit eines Besuches im Keime erstickt, für einen glorreichen Einfall des Himmels halten. Aber Du bist nicht da, und die Sonne scheint, wo Du bist. Und ich habe Sehnsucht nach Euch beiden.
Jetzt schon? wirst Du sagen, und ich sehe Deine lachenden Augen dabei. O nein, mein Lieber, in den Briefen, die ich Dir in die nächsten Häfen schicke, darin steht nicht ein Wort von Sehnsucht, Gott bewahre, Du wirst mir sonst zu eingebildet. Darin steht nur: Es geht mir aus der Maßen gut, und ich wünsche Dir vergnügte Reise! Aber diesen Brief sende ich Dir weit, weit voraus nach Sonnenaufgang; da sollst Du ihn finden – und dann ist es einer so jungen Frau Leutnant z. S., wie ich bin, wohl gestattet, Sehnsucht zu haben nach dem Menschen, der ihr der liebste auf der Welt ist. Meinst Du nicht auch?
Wie ich eben bemerke, sehen meine Schriftzüge aus, als ob ich in einem überholenden Segelboote schriebe. Keine Angst, mein Schatz! Ich sitze auf dem solidesten aller Schreibtischsessel, und diese kühnen Schwenkungen, die ich nach meinen neuesten wissenschaftlichen Eroberungen für ballistische Kurven erkläre, heißen ohne Ausnahme »Wackel«. –
Wackel ist seit Deiner Abreise furchtbar frech. Er läßt mich keinen Augenblick in Ruhe und scheint zu glauben, daß ich für ihn allein auf der Welt sei. Vielleicht denkt er, daß er Dich vertreten müßte! Augenblicklich sitzt er neben mir und pufft mich fortgesetzt mit seiner hochedlen Nase und den preisgekrönten krummen Pfoten. Das heißt auf deutsch: spazierengehen.
O Wackel, was für eine Dackelidee!
Aber wenn dieser gesinnungstüchtige Gentleman sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hat, dann setzt er es auch durch. Jetzt hockt er mitten in der Stube und heult, als wollte er das Universum gegen mich um Hilfe anflehen. Also gut, soll er seinen Willen haben. Ich will ein Stück an den Hafen hinuntergehen. Ist's auch nicht das Meer, dessen Wogen Dein Schiff umspülen, so hat doch vor einem Monat noch die »Lützow« da draußen vor Anker gelegen und wird an einem schönen Tage dort wieder vor Anker gehen. Der Tag ist dann ganz sicher wunderschön, und wenn es junge Elefanten regnet …
Zwei Stunden später.
Nein, es war doch eine Dackelidee!
Ihr geistiger Vater hat es selber eingesehen und liegt mir jetzt reuevoll und aufgelöst zu Füßen. Er schnarcht.
Vorhin, als wir uns, zum Äußersten entschlossen, mit zusammengebissenen Zähnen und vermummt wie die Nordpolfahrer (was mich betrifft) gegen den Wind zum Hafen durchkämpften, hatte Seine Lordschaft noch die große Klappe und tat, als machte ihm die Geschichte Spaß. Aber es dauerte nicht lange. Es muß auch eine mißvergnügte Sache sein, wenn einem die herbstliche Brise die eigenen patschnassen Ohren um den Kopf schlägt. Und dann haben wir beide dort gestanden, wo vor drei Monaten ein Jemand eine Jemandin mit seinen Riesenquanten (bitte, das Wort stammt von Dir!) fast um ihre gesunden Gliedmaßen gebracht hat. Und ich dachte, daß ich mir mit Begeisterung noch einmal sämtliche Finger von dem ungestümen Jemand zerquetschen ließe, wenn er nur überhaupt da wäre.
Es war trübselig, lieber Hans.
Ein meerbeherrschendes Ungeheuer lag da – ich glaube, es war die »Teutoburg« – und faßte Kohlen. Wenn ein Schiff eine Seele hat, und seit ich Dich kenne, bin ich fest davon überzeugt, so kann es nichts geben, was auch nur halb so niederdrückend und entwürdigend für sie wäre wie Kohlen fassen. Es ist einfach gemein. Ein deutsches Kriegsschiff, das Sinnbild aller Reinlichkeit, von oben bis unten eingehüllt in einen Superlativ von Schwarz, den es eigentlich gar nicht gibt – ich habe mich in die Seele des stolzen Schiffes hinein empört und wäre gar nicht überrascht gewesen, wenn es sich plötzlich mit einer energischen Schwenkung geweigert hätte, noch länger mitzutun. Aber der Riese muckte nicht einmal. Er qualmte nur verdrießlich.
Die gelben Fluten der Jade klatschten eintönig ans Ufer. Nebel hing über der Ferne. Und der Regen fiel, beharrlich und mit Überzeugung …
Ich entdeckte an Wackel einen Anfall vorübergehenden Tiefsinns; er hatte sich neben mich hingesetzt und stierte ins Wasser, als ob er eine Ode an die Vergänglichkeit alles Irdischen verfassen wollte. Dann schüttelte er den Kopf und machte entschlossen kehrt. Ich folgte ihm rücksichtsvoll. Wir lehnten beide das Dasein in dieser Fassung einmütig und nachdrücklich ab.
Ja, und nun sitzen wir hier – hier, wo, wie Du sagst, Dein Hafen ist, und das blaue Meer auf dem Globus lacht mich an. Oder aus, wie man's nehmen will. Es meint wahrscheinlich, die Sache sei gar nicht so schlimm, und vielleicht hat es Recht. Aber das Meer hat gut lachen, das ist bei Dir …
Wie klein ist die Erde! Nicht einmal beide Spannen meiner Hände brauche ich, um von der Mündung der Jade bis nach China zu reichen. Und doch –!
Mein lieber Hans, ich will nur lieber für heute die Feder ruhen lassen und irgendeine durchaus vernünftige Sache in Angriff nehmen – Strümpfe stopfen oder was Ähnliches. Sonst denkst Du, Dein Frauchen hat den negativen Tropenkoller, was man unter Regengehirnklaps versteht, weil es fortgesetzt klöhnt. Und alles nur, weil ich seit zwei Tagen vergeblich auf eine Nachricht von Dir warte.
Schilt mich nicht, mein Liebster! Morgen wird's schon besser sein.
Leb wohl! Ich bin immer bei Dir.
Zwei Tage darauf.
Hurra! Hurra! Hurra! Hoch! Vivat! Halleluja! und so weiter.
Wackel, das Leben ist der Gipfel des Daseins – unirdisch schön und herrlich; und diese Erde das Kronjuwel der Schöpfung, von strahlender Sonne erfüllt.
Das heißt, es gießt noch immer in Strömen, und der Himmel sieht aus, als sei er entschlossen, vor Weihnachten nicht wieder aufzuhören. Aber das ist mir vollständig wurst und egal, es kann von mir aus Schwefel regnen … Denn ich habe einen Brief bekommen – einen acht Seiten langen, lieben, lieben Brief von dem besten Manne, der je auf den Planken eines Schiffes gestanden hat!
Und da soll ich nicht Hurra schreien und durchs Zimmer tollen und lachen und weinen?!
Nun gerade – potz Element noch mal!
Mein geliebter Hans! Ich danke Dir! Ich bin unaussprechlich glücklich! Ich möchte einen bitterbösen Todfeind haben, um mich mit ihm zu versöhnen und ihm irgendwas ganz Schweres, ganz Großes zuliebe zu tun. Ich möchte jedem Kinde auf der Straße etwas schenken. Ich möchte – ach Gott, ich weiß nicht, was ich alles möchte, ich weiß nur, daß ich glücklich bin, sehr, sehr glücklich!
Und weißt Du, was mich in Deinen Zeilen am frohesten macht? Daß Du mir schreibst: Ich warte auf Deine Briefe wie ein Kind auf Weihnachten …
Nun darf ich Dir doch sagen, wie ich auf die Deinen warte – wie mein ganzes Leben eigentlich nur ein einziges Warten ist. Nun fühle ich, daß Du mich verstehst. Wir warten beide.
Und trotzdem, Hans – wieviel leichter habt Ihr's doch, Ihr Männer, die Ihr hinausgeht, gegen uns, die Frauen, die zurückbleiben müssen!
Ihr folgt einem Berufe, den Ihr liebt. Euch nimmt der Dienst in Anspruch, die Pflicht, der Zwang, immer auf Posten zu sein, der ganze große Betrieb Eurer Mannesarbeit, in dem jede Stunde einen Inhalt hat und ein gerüttelt Maß von Tätigkeit. Ihr steht mitten in einem harten und ernsten Leben, das Eure Kräfte gleichzeitig erschöpft und steigert, und frische Luft weht Euch um die Ohren. Ihr habt zum Warten und Euch-Sehnen nicht viel Zeit.
Und wir? Was ist unser Leben? Ein hindämmerndes Gleichmaß von gestern, heute und morgen, die Danaidenpflichten der Hausfrau, die mit jedem neuen Tage von neuem erfüllt sein wollen und immer im Kreise gehen, die kleinen Sorgen, die kleinen Freuden des Alltäglichen – und lange, endlos lange, gefährliche Stunden, in denen wir am Fenster sitzen und nähen, während die Gedanken auf Reisen gehen und das Herz mit dem Kopf zu streiten anfängt, bis wir die Hände in den Schoß sinken lassen und aus dem Fenster sehen in einem unbewußten, sinnlosen und ergebenen Warten.
Aber ich will's lernen, geduldig und fröhlich zu warten, und Dir das Herz nicht schwer machen mit klagenden Briefen. Nein, mein Liebling. Ich weiß ja, Du hast mich lieb. Und Du kommst wieder.
Ich schreibe Dir jeden Tag ein paar Zeilen und schicke sie mit den sibirischen Posten. Es ist mir, als ob ich mit diesen Briefen eine feine, feste Brücke baute – über die Kluft der Trennung hinweg bis zum Wiedersehen. Und eine helle, sonnige Brücke soll das werden.
Was ich sonst noch treibe, will mein Gebieter wissen?
Lieber Hans, falls Du Dir, wie gewöhnlich, so auch zum Lesen dieser Epistel eine Sitzgelegenheit herausgesucht hast, von der man die günstigsten Aussichten hat, über Bord zu gehen, dann begib Dich, bitte, etwas mehr an Deck, ehe Du weiterliest. Deine Schwimmkunst in Ehren, aber ich glaube, wo die »Lützow« augenblicklich auf Kurs liegt, gibt es Haifische.
Also: ich beschäftige mich mit praktischer Mathematik, mit Geometrie, Trigonometrie, Arithmetik – mit Erdkunde und Sternkunde, mit Morsezeichen und Flaggensignalen – uff! und das ist noch lange nicht alles.
Es gibt kein noch so dickleibiges und mit sieben Siegeln bewehrtes Buch über Nautik, dem ich nicht auf den Pelz zu rücken entschlossen wäre.
Warum?
Weil ich heimisch werden will in Deinen Reichen, mein Hans. Weil ich nicht nur Dein Weib sein will, sondern auch Dein Kamerad, Dein Weggenosse, der Schulter an Schulter mit Dir gehen, Dir überallhin folgen kann, im gleichen Schritt und Tritt.
Es ist ein schlimmes Ding für eine Frau, wenn sie fühlt, daß sie auf dem Wege des geliebten Mannes zurückbleiben muß, seine Hand loslassen, um ihn nicht zu hemmen im Vorwärtsschreiten – wenn sie verständnislos und arm dem gegenübersteht, was für den Mann das Allerwichtigste ist: sein Beruf.
Ich bin ehrgeizig – für Dich. Ich will mit Dir Schritt halten können und Dich nie enttäuschen.
Und dann ist es mir auch, als sei ich Dir besonders nahe in diesen Studien, die im Grunde ja nichts weiter sind als Liebe zu Dir.
Im Oktober.
Ob Du wohl gespürt hast, mein Liebling, mit welcher vertausendfachten Innigkeit ich in diesen Tagen an Dich gedacht habe? So hingegeben war ich in mein Empfinden, daß ich die Worte nicht fand, Dir zu schreiben.
Wie das kam?
Ich habe für meinen fernen Schatz Weihnachtseinkäufe gemacht, damit fing's an.
Und nun weiß ich, daß ich Dir das Beste, das Wundervollste nicht zu Weihnachten schenken werde, sondern zu Frühlings Anfang.
Mein lieber, geliebter Mann, ich kann Dir nicht sagen, wie glücklich ich bin, wie dankbar. Du weißt nicht, wie ich es mir gewünscht habe, Gott möchte mir ein Kind schenken. Dein Kind – unser Kind.
Ich bin so tief bewegt, daß mir beim Schreiben immer die Tränen übers Gesicht laufen, und dabei muß ich doch lächeln und weiß nicht warum.
Das Leben ist sehr reich und sehr schön.
Freust Du Dich, mein Liebster?
Ich wollte, ich könnte heimlich bei Dir sein, wenn Du dies liest, und sehen, wie Du tief, tief Atem holst und alle Muskeln spannst, wie Du immer tust, wenn Dich etwas bewegt und beglückt. Und dann würde ich Deine gute, braune, mächtige Tatze auf meinem Haar fühlen.
Es muß doch schön sein, dieses zarteste und heiligste Glück dem Manne, den man liebt, sagen zu können. Oder ganz stumm zu sein, kein Wort reden müssen, nur ihn anschauen. Ich weiß, Du hättest alles gewußt, wenn Du mich in der Stunde dieser Erkenntnis angesehen hättest.
Jetzt warte ich auf das kommende Jahr in zwiefacher Sehnsucht. Aber auch das ist schön.
Mein ganzes Herz ist voll Demut und Dankbarkeit, voll Kraft der Geduld und voll redlichsten Willens zu allem Guten.
Ich glaube, wenn alle Menschen glücklich wären, dann wären sie auch gut.
Am Heiligen Abend.
Auf diese Stunde hab' ich mich gefreut.
Ich bin ganz allein im Hause – das Mädchen hab' ich für die Feiertage beurlaubt; nun ist es so still um mich her, daß die Stille selbst zu flüstern scheint.
Auf dem Tische vor mir brennt mein kleiner Lichterbaum; wie eine innige Verheißung, nein, wie die Verkündigung eines Wunders sieht er aus mit seinem schlichten, dunklen Grün, aus dem die weißen Kerzen blühen. Unter seinen Zweigen liegen die lieben, reichen Gaben Deiner guten Mutter, auch Deine Schwestern haben an mich gedacht und mich mit sorglichen und zärtlichen Dingen überschüttet. Das Kistchen, das Du mir im Briefe angekündigt hast, ist noch nicht eingetroffen. Aber ärgere Dich nicht, mein Schatz! Es ist ja bei der riesigen Entfernung unmöglich genau zu berechnen, namentlich jetzt, wo der Bahn- und Postbetrieb auf dem Kopfe steht. Nun hab' ich die Freude noch vor mir, und Du weißt, daß ich mich über die herrlichsten Geschenke nicht inniger freuen könnte als über Deine lieben, lieben Worte.
Ja, mein Hans, Gott gebe, daß wir im nächsten Jahr zusammen die Lichter anzünden können und daß sich dann ihre sanften Flammen in den Augen unseres Kindes spiegeln. Ach, manchmal wünschte ich, ich könnte einschlafen, so wie die Erde einschläft im Herbst, und brauchte nicht eher wieder die Augen aufzuschlagen, als bis Du gekommen wärest und mich wecktest.
Du fehlst mir so sehr, mein Liebling. Und gerade heute …
Aber ich klage nicht, Hans, nein! Nur, nicht wahr, wenn mich nicht zuweilen die Sehnsucht nach Dir so mit aller Gewalt packte, dann hätte ich Dich doch nicht lieb. Und ich bin schon wieder ganz tapfer!
Dein gutes Mütterchen hat mich in allen ihren letzten Briefen sehr herzlich eingeladen, das Fest bei ihr zu verleben. Aber Dr. Brandt hat mir von der langen Reise abgeraten, und dann – ich wollte auch am liebsten ganz allein mit Dir Weihnachten feiern. So wie ich es jetzt tue.
Als ich vorhin in der Kirche war, dachte ich so lebhaft an Eure Weihnachtsstunde an Bord. Ich sah, wie die stolze, gebietende Kriegsflagge sich senkte und die feierliche Fahne mit dem Kreuz emporstieg zum Gottesdienst – und hörte das leise, durchschauernde Wirbeln der Trommel: »Mützen ab zum Gebet!«
All die hundert frischen, braunen, ernsten Gesichter sah ich sich neigen; auch das Deine, Geliebter. Und ich spürte den Sturm der Sehnsucht und Liebe, der an diesem heiligen Tage die Weltmeere überfliegt – von uns zu Euch, von Euch zu uns. Und ich begriff zum ersten Male ganz, was beten heißt: »Friede auf Erden!«
Wenn jetzt ein Krieg käme – es ist töricht, das zu sagen, nicht wahr? Kein Mensch denkt an Krieg – aber wenn er dennoch käme und Du müßtest mit, Hans … lieber Gott, was sollte dann aus mir werden?
Ich habe bisher nicht gewußt, daß alles, was die Menschheit bitten kann, in den drei Worten liegt: »Friede auf Erden!«
Kürzlich las ich in der Zeitung eine Nachricht aus englischer Quelle, daß unter den Eingeborenen der Südseeinseln eine steigende Unruhe zu bemerken sei. Habt Ihr etwas davon gehört?
Und da spreche ich von Krieg und Aufstandsgefahr, während die Weihnachtskerzen brennen! Wenn Du hier wärst, mein Liebling, würdest Du mich wahrscheinlich herzhaft auslachen. Wie lieb ich Dein Lachen habe! Sei fröhlich, Du! Dann bin ich es auch.
Nur wenige Tage noch, und die Christglocken werden Silvesterglocken und läuten das Jahr zur Ruhe, das mir alles Glück meines Lebens gebracht hat, läuten dem neuen Jahre Willkommen, von dem ich so viel zu erbitten habe. Daß ich Dir, wenn Du wiederkommst, gesund und fröhlich entgegengehen und unser Kind in Deine Arme legen darf, das ist's, um was ich bete.
O, Gott erhalte Dich mir! Gott erhalte Dich mir!
Im Februar.
Ich hab' mir ein Kalenderchen angelegt, an dem ich die Tage zähle, die uns noch voneinander trennen. Tage der Trennung sind wie eine Schnur von dunklen Perlen, in die sich zuweilen eine schimmernd weiße fügt: wenn ich einen Brief von Dir bekommen habe. Was mir Deine Briefe für ein Glück bedeuten, das kannst Du gar nicht ermessen, mein Hans. Gerade in dieser Zeit. Wenn Du mich brav und tapfer nennst, so bin ich's doch nur, weil Du mir hilfst. Und nun ist ja die längste Zeit überstanden; dann hab' ich Dich wieder. Niemand weiß, was Sehnsucht und Erfüllung heißt, als wir, Eure Frauen, die wir das Glück unseres Lebens nie wirklich zu eigen haben, nur gleichsam geliehen bekommen. Vielleicht aber hat unser Glück gerade dadurch etwas so Verklärtes, weil es so tief verzichten lernen muß.
Ich hab' mir neuerdings das Träumen angewöhnt. In Deinen köstlichen indischen Schal geschmiegt, Du lieber Verschwender, sitze ich ganz still in der Dämmerung – und warte auf Dich. Ich höre den leisen Schritt der Minuten, und jede schwindende bedeutet mir einen Tag. Nun ist der letzte gekommen – der erste eines neuen Glückes. Ich bin nicht an den Hafen hinuntergegangen, nein, ich will nicht hundert fremde Menschen um mich haben, wenn ich Deine Augen wiedersehe, Deine Hände wieder in den meinen fühle. Hier in meinem stillen Zimmer erwarte ich Dich. Ich sehe die »Lützow« am Horizont auftauchen – o viel, viel eher als irgend ein anderer Späher – sehe den stolzen Schwung und Flug des Heimatwimpels … Ich schließe die Augen und warte. Mein Herz schlägt, daß ich es höre in der atemlosen Stille. Und dann ist es nicht mehr mein Herzschlag, den ich höre, es ist Dein Schritt. Ganz von ferne kann ich ihn schon vernehmen; Du kommst die Straße entlang; jetzt kannst Du schon unser Haus sehen, blickst suchend nach den Fenstern empor. Nein, mein Liebling, ich stehe nicht hinter den hellen Scheiben, ganz im Dunklen stehe ich und bin doch wie geblendet von einer unsagbaren Fülle des Lichts, das mich nun mit einem Male überströmt. Ich höre die Türe unten ins Schloß schmettern, höre Deinen Schritt auf der Treppe, Deinen jubelnden Ruf – dann ist mein Zimmer ganz weit aufgetan, und Du bist da.
Weiter weiß ich nichts mehr.
Liebling, Liebling, ich warte auf Dich!
Acht Tage später.
Also, – Majestät haben befohlen, und die kleine Frau Leutnant z. S. Annie Lenhusen steht stramm und sagt: »Zu Befehl, Majestät!«
Daß es ihr leicht fällt, kann sie nun allerdings nicht behaupten; aber erstens wird sie nicht gefragt, und zweitens, zum Kuckuck noch einmal! ist der kaiserliche Dienst nicht zum Vergnügen erschaffen worden. Verstehst Du mich, mein Hans? Den Eid, den Du, die Hand auf die deutsche Kriegsflagge gelegt, Deinem Allerhöchsten Herrn geschworen hast, den sprach ich Dir im stillen nach, als wir zusammen am Altare standen: Treue und Gehorsam zu Wasser und zu Land. Nun heißt es: beweisen!
Was ist denn der Gesellschaft da unten plötzlich in die Krone gefahren, daß sie rebellisch wird? Glaubt man ernstlich, daß der Aufstand auch nach unseren Schutzgebieten übergreifen könnte? Die Meldungen der Blätter widersprechen sich teilweise sehr, und ein klares Bild ist aus keiner zu gewinnen. Hoffentlich genügt schon das Erscheinen der »Lützow« in den Inselgewässern, um die aufgeregte braune Bande etwas abzukühlen. Ist nicht auch die »Fridericus Rex« nach Ponape beordert worden?
Der Tag Deiner Heimkehr ist nun freilich arg ins Ungewisse verschoben, wie Du selber sagst, und das Schlimmste ist, daß alle Briefe eine so große Verzögerung erfahren. Wer weiß, wann diese Zeilen in Deine Hände kommen.
Aber sorge Dich nicht um mich, mein Hans! Ich hab' schon viel gelernt in diesen Monaten und halte mich tapfer. Ich weiß ja, auch Dich trifft es hart, daß Du mich so lange allein lassen mußt – und weiß, Du sehnst Dich nach mir, Liebster! Aber Pflicht ist Pflicht, und ich will sie Dir gewiß nicht noch unnötig schwerer machen, solange ich selber Kraft und Freudigkeit, sie zu erfüllen, habe.
Im März.
Sei mir nicht böse, daß ich Dir mit Bleistift schreibe, mein Hans; ich habe mich ein bißchen hingelegt, um der Unruhe Herr zu werden, die mich seit ein paar Tagen so quält. Aber ich fühle schon, am ruhigsten werde ich doch, wenn ich mit Dir plaudre, auch wenn ich keine unmittelbare Antwort darauf erhalten kann. Dein letzter Brief kam vor ziemlich drei Wochen, seitdem bin ich recht allein. Sicherlich ist das kein Grund, sich zu ängstigen, aber, mein Liebling, ich fühle es jetzt wieder so deutlich, daß ich eben doch weiter nichts bin als eine Frau, die für ihr Liebstes zittert. Denn es muß schlimm aussehen da unten in dem Inselgewirr; und wer weiß, wie lange es dauert, dann geht der Ruf um Hilfe auch an Euch. Vielleicht ist es jetzt schon so weit, jetzt, wo ich an Dich schreibe, vielleicht –
Mein lieber Hans, komm, hilf mir!
Sag mir, daß ich eine ganz dumme kleine Person sei, die sich um nichts und wieder nichts aufregt, und gerade das ist ihr doch strengstens verboten worden. Dein Frauchen müßte jetzt ganz fröhlich und gefaßt und mutig sein.
Lieber Hans, ich bin es nicht.
Ich ängstige mich so sehr.
Am schlimmsten sind die Nächte. Ich schlafe ein und träume – fahre aus irgendeinem Schreckbild hoch und starre minutenlang ins Dunkle, und das rasende Herzklopfen martert mich. Nie hätte ich geglaubt, daß ein menschliches Herz das ertragen könnte. Dann stehe ich auf und schleppe mich durch die Zimmer, setze mich an den Schreibtisch, hole Deine Briefe hervor und lese die geliebten, guten Worte – und dann fällt mir ein: drei Wochen lang keine Nachricht.
Sei mir nicht böse, mein Hans, daß ich so verzagt bin. Ich empfinde jetzt wohl alles doppelt stark, und der Kampf mit der Ungewißheit reibt mich auf, ich verbrauche zu viel Kraft dabei.
Ich wäre vielleicht ganz ruhig, wenn ich sicher wüßte: vor einem Monat kann ich keinen Brief wieder von Dir haben. Es wäre schlimm, aber es wäre doch ein Ziel. Aber dieses tägliche, stündliche Warten –!
Warten ist etwas Furchtbares.
Vom frühen Morgen an das Lauschen auf jeden Klingelzug. Es könnte ein Brief, eine Depesche von Dir sein. Und immer nichts.
Gott, warum mußtest Du mich allein lassen in dieser schweren Zeit!
Ich habe zuweilen eine so fürchterliche Angst vor dem Kommenden. Wenn ich nun stürbe oder elend und siech würde … Wenn das Kind zu leiden hätte unter meiner Herzensnot …
Ich weiß ja, wenn ich Deine Hand in der meinen halten könnte, nur eine Stunde, eine halbe Stunde, dann wäre alles gut.
Lieber Hans, hilf mir, ich kann nicht mehr!
Und Du bist mir fern.
Vielleicht sehe ich Dich nie wieder.
Nein, nein, nein, daran will ich nicht denken, daran darf ich nicht denken. Da ist eine Grenze, über die darf ich nicht hinweg.
Aber ich warte – ich warte!
Anfang April.
Ob Du Deines Mütterchens Depesche erhalten hast?
Ein Scheinchen linder Frühlingssonne guckt in mein Zimmer. Mütterchen hat das Fenster aufgemacht und mir auf mein Betteln Briefbogen und Bleistift zurechtgelegt, damit ich ein paar Zeilen an Dich schreiben kann. Nur ein paar Zeilen, zu mehr taug' ich noch nicht. Aber ich sehnte mich so sehr nach diesen ersten Worten an Dich.
Ich war sehr krank, mein Liebling, aber nun ist alles wieder gut. Im Kissen neben mir atmet unser Junge; er ist rosig und stark, Gott sei Dank, trotz allem, was seine kleine Mama hat durchmachen müssen, und er hat Deine Augen und ganz lichtblonde Flimmerhärchen. Ich habe das ahnende Gefühl, daß ich mal eine grenzenlos eingebildete Mutter sein werde, ich bin jetzt schon unsagbar stolz auf dieses winzige Menschlein, das nun der Inhalt meiner Tage ist.
Wenn nun noch ein Brief von Dir kommt, der mir Gutes meldet, dann will ich still und dankbar sein und nichts weiter wünschen. Aber nach diesem Briefe sehne ich mich sehr.
Ich bin noch so schwach, immer fällt mir der Stift aus der Hand, und die Gedanken wollen nicht immer so, wie ich will. All das wird wiederkommen. Nur Geduld muß ich haben.
Draußen wird es Frühling. Wie hab' ich mich auf diesen Frühling gefreut. Bin ich jetzt nur zu müde zum Freuen?
Geduld! Geduld! Ich warte.
Zehn Tage später.
Von Dir keine Nachricht.
Die Zeitungen schweigen sich aus.
Meine Gedanken verwirren sich leicht, wenn ich grübeln will. Ich muß Geduld haben mit mir selber.
Noch keine Nachricht.
Kein Brief. Kein Brief.
Das Kind an meiner Seite schläft so friedlich. Vielleicht weißt Du nicht einmal, daß dieses Kind lebt. Vielleicht wirst Du es nie erfahren. Es gibt Stunden, in denen ich ganz still daliege und mich mit dem Gedanken vertraut machen will. Aber dann verliert sich alles in Dunkelheit.
Ich warte.
Ich habe die Nachricht von der Ermordung der deutschen Pflanzer bei Matupi gelesen. So fängt es an.
»Die Besatzung des Kreuzers ›Lützow‹ ist zur Bestrafung der Mörder und zur Dämpfung des drohenden Aufstandes gegen Matupi vorgegangen.«
Ich weiß doch jetzt wenigstens, wo ich Dich suchen muß. Der kleine Globus vor mir zeigt mir den Weg.
Mein Liebling, wenn Du mich je geliebt hast, gib mir Nachricht!
Acht Tage später.
Ich warte noch immer. Noch immer vergebens.
Wer das nie durchgemacht hat, weiß nicht, was Warten heißt.
Ich habe an das Reichsmarineamt, an das Kolonialamt depeschiert. Niemand weiß etwas. Alle Verbindungen sind unterbrochen oder zerstört. Nach französischen Berichten ist der Aufstand, monatelang vorbereitet, durch fanatische Priester entfesselt worden und an allen besiedelten Punkten der Schutzgebiete gleichzeitig im vollen Umfang ausgebrochen. Alle Missionen sollen verbrannt sein, die Niederlassungen vernichtet, die Weißen hingemetzelt. Es muß so sein, als sei die Hölle losgelassen.
Und du bist mitten darunter.
Hans, Gott weiß es, ich wollte tapfer sein, aber es ist stärker als ich.
Ich verliere den Verstand.
Es kommen Stunden, in denen ich keinen anderen Wunsch habe, als mit dem Kopfe gegen die Wand zu schlagen, um dieses bohrende Grübeln in meinem Gehirn zum Schweigen zu bringen.
Ob es möglich ist, daß ein Menschengehirn sich heißlaufen kann wie eine Maschine und dann plötzlich versagen, rettungslos versagen … Wenn es möglich ist, dann bin ich bald so weit.
Wenn ich das Kind ansehe, schüttelt mich das Weinen. Gott, Gott, um meines Kindes willen erbarme dich …
So muß es sein, wenn man sein Todesurteil liest.
»Einer bisher noch unbestätigten Meldung von privater Seite zufolge hat es in den Aufstandsgebieten außerordentlich heftige Kämpfe gegeben, bei denen die beiderseitigen Verluste ganz bedeutende waren. Aus derselben Quelle stammt die Nachricht, daß es den Aufrührern gelungen sei, einen Teil der Landungstruppen in einen Hinterhalt zu locken, und nur ein vorzeitig abgefeuerter Schuß habe die gänzliche Umzingelung der Weißen verhütet. Immerhin sollen von den deutschen Kämpfern 3 Offiziere, 8 Matrosen gefallen und 2 Offiziere, 14 Matrosen schwer verwundet worden sein.«
Ich weiß gewiß, daß auch das schon Wahnsinn ist: ich glaube, daß ich weniger leiden würde, wenn ich wüßte, Du seist verwundet oder tot. So liege ich auf der Folter und weiß nicht mehr, worauf ich warte.
Es geht über Menschenkraft.
Wenn Du mir lebend wiederkommst, dann will ich Dich bitten, auf den Knien bitten: gib diesen fürchterlichen Beruf auf, Hans!
Ja, ja, es würde Dir schwer fallen, das fühle ich; Du liebst Deinen Beruf mit allen seinen Gefahren und Entbehrungen, vielleicht eben gerade um ihretwillen. Aber denke an mich, Hans, denke an mich! Mich liebst Du doch auch! Und ich gehe darüber zugrunde.
Wenn ich mir denken sollte, daß Du mir wiederkämst und ich hätte Dich, großer Gott, wie lange denn? und dann gingst Du von neuem und das Warten, das Warten finge wieder an …
Ich will mit Dir gehen, wohin Du willst, in jede Wildnis, in jede Verbannung. Auf alles kann ich verzichten, und Du solltest nie das Gefühl haben, daß ich Dir Opfer brächte. Aber laß mich nicht mehr warten, Hans – ich kann nicht mehr!
Du weißt, wie ich Dich liebe. Mit welcher bedingungslosen Inbrunst ich Dein geworden bin. In mir ist nicht eine Faser, die nicht Dir gehörte. Ich habe meine Heimat, meinen Gott, mein ganzes Leben Dir hingegeben und war glücklich darin. Ich habe Dein Kind unter dem Herzen getragen und zittern müssen, daß meine Angst und Not um Dich ihm schaden könnte; ich habe es unter Qualen geboren und in meinen zerreißenden Schmerzen noch Gott gedankt, daß Du mich nicht leiden sehen mußtest. Alles für Dich, Hans, alles für Dich! Aber ich flehe Dich an in grenzenloser Verzweiflung: laß mich nicht mehr warten!
Wozu denn diese ganze Marter? Was geht denn mich, das Weib, die Wahrung deutsch-überseeischer Interessen an! Was kümmert mich das, was auf der anderen Seite des Erdballs geschieht! Ich will mein schlichtes Glück und weiter nichts! Mit aller Kraft, die in mir ist, verteidige ich mein Glück. Ich gebe Dich niemals wieder her. Du bist doch mein! Du hast mich doch lieb, Hans! Oder gelte ich Dir gar nichts mehr?
Mein Gott, mein Gott, und während ich dies schreibe, bist Du vielleicht schon tot. Und ich warte noch immer …
Das Kind weint. Ich kann nicht mehr weinen. (Nicht abgeschickt.)
Im Mai.
Ich entsinne mich, daß ich vor drei Jahren, als ich zum ersten Male an der See war, am Strande einer Frau begegnete, die mich mit seltsam leeren, aber ruhigen Augen ansah und meinem Gruß nicht dankte. Sie ging mit gesenktem Kopfe gegen den Wind bis an den höchsten Punkt der Dünung, und dort blieb sie stehen und sah auf das Meer hinaus. Als ich nach einer Stunde an dieselbe Stelle kam, stand sie noch immer auf dem gleichen Fleck, die Augen auf die See gerichtet, regungslos. Und so Tag für Tag, bei Wind und Wetter.
Man sagte mir dann, sie sei die Witwe eines Fischers, der vor mehr als fünf Jahren in einem Sturm mitsamt dem Boot verschollen sei. Aber sie warte noch immer auf seine Wiederkehr. Sie hatte den Verstand verloren.
An diese Frau muß ich jetzt manchmal denken, mein Hans, wenn ich auch wartend am Fenster stehe.
O Liebling, das Leben ist sehr schwer. Vergib mir, daß ich klage. Ich bin so furchtbar müde. Und muß doch warten – warten. Daß ich es noch darf, noch einen Schimmer von Hoffnung habe, auch das ist ja ein Glück.
Eine Woche später.
O Gott, wieviel kann ein Mensch ertragen!
Heute bekam ich einen Brief von Dir! Er ist drei Monate alt. Wer weiß, auf welchen Umwegen er in meine Hände gekommen ist. Nichts steht darin von ernster Gefahr, kein Wort vom Aufstand – nur Liebe, Liebe und Zärtlichkeit für mich und Freude auf das Kind, das ich damals noch unter dem Herzen trug.
Mein Kind lebt – lebst Du noch?
Ich lege den Kopf auf den Tisch, auf die weißen Blätter, die Deine geliebten Schriftzüge tragen, und weine und weine …
Um der Barmherzigkeit Gottes willen, Hans: wenn Du noch lebst, dann komm zu mir und verlaß mich nicht mehr! Ich bin mit meiner Kraft zu Ende …
Am nächsten Tage.
Nein, es ist nicht möglich, es ist nicht möglich … Ich träume nur. Ich werde gleich erwachen, und alles ist wieder wie zuvor …
Aber das, was ich da in Händen halte, das ist doch kein Traum? So leibhaftig kann man doch etwas Erträumtes nicht berühren, wie ich das gelbe, dünne Depeschenpapier?
»In siegreichem Gefecht bei Herbertshöhe leicht verwundet, aber ganz wohlauf. Bin mit Lloyddampfer auf Heimreise. Brief unterwegs. Kuß. Hans.«
O, Gott ist gut! Gott ist gut!
Ich kann nichts anderes denken. Ich bin nicht mehr an glückliche Gedanken gewöhnt. Ich fühle nur immer das eine: Gott ist gut!
Du guter Gott, ich danke dir!
Am Tage vor Deiner Heimkehr.
Mein geliebter Hans!
Morgen hab' ich Dich wieder! Es ist ein Wunder für mich, diese Worte niederzuschreiben, aber wir Menschen sind seltsame Geschöpfe, wir nehmen auch ein Wunder des Glücks als etwas Selbstverständliches hin.
Und wenn eine stille Stunde gekommen ist, in der unsere Herzen sich ganz eins wissen, dann lege ich vielleicht zwei Briefe in Deine Hände, die ich Dir schrieb, als ich noch in Fieber und Verzweiflung auf Dich wartete und doch Dich schon verloren gab. Ich habe sie nicht abgeschickt, mein Liebling, denn ich wollte Dir nicht zeigen, wie verzagt ich in Wahrheit gewesen bin, und habe sie aufbewahrt, weil ich Dich nicht belügen möchte. Du sollst mich sehen, so wie ich war in den furchtbaren Tagen. Aus Liebe zu Dir bin ich feige gewesen. Aus Liebe zu Dir sage ich Dir nun auch mein neues Bekenntnis.
Ich weih jetzt, was Ihr getan habt, Ihr Braven! Ich weiß auch: es war notwendig und gut. Und alles, was ich gelitten habe, muß schweigen vor dieser guten Notwendigkeit. In der dunkelsten Stunde meines Lebens schrieb ich Dir: Denke an mich! Ich wollte Dich festhalten bei mir, Dich losreißen aus Deinem Beruf um meines armen Glückes willen.
Jetzt weiß ich: darauf kommt es nicht an.
Und wenn Du wieder von mir gehst – ich weiß, es wird nicht lange dauern, dann muß es sein – dann, mein Geliebter, will ich von neuem auf Dich warten, vielleicht auch wieder mit tausend Schmerzen, aber nie mehr verzweifelt. Ich habe meine Pflicht erkannt und will sie treu erfüllen. Ich will warten.
Und darum sage ich Dir: Du Liebstes, das ich auf der Erde habe, geh und tu Deine Pflicht, wie Du sie bisher getan – und denke nicht an mich!