Anzeige. Gutenberg Edition 16. 2. vermehrte und verbesserte Auflage. Alle Werke aus dem Projekt Gutenberg-DE. Mit zusätzlichen E-Books. Eine einmalige Bibliothek. +++ Information und Bestellung in unserem Shop +++
Über Stanleys Expedition zum Entsatze Emin Paschas ist im Rahmen dieses Buches zunächst nur zu sagen, daß sich in ihr Licht und Schatten seltsam mengen. Als Lichtseite wird immer und unbedingt der ungeheure Energieaufwand zu gelten haben, der die kleine Schar durch viele tausend Kilometer unerforschten, wegelosen, von Hindernissen und Gefahren starrenden Urwaldes führte. Als Schattenseite aber vor allem der Umstand, daß dieser Energieaufwand vielfach mehr der Ehrsucht des Führers als anderen Zielen diente, und daß häufig Mittel dazu gewählt wurden, die keiner Kritik standhalten.
Ohne auf das psychologische Problem des Typus Stanley einzugehen, wollen wir nur zweierlei festhalten. Einmal, daß es Stanley als Engländer, als Angehörigem des auserwählten Volkes also, nahe lag, eine Mission zu sehen, wo doch nur ein Zweck zu erreichen war. Zum anderen: daß Stanleys Charakter das seltsamste Widerspiel zu Emins Charakter aufweist. Auch Stanley fehlte trotz aller scheinbaren Nüchternheit der innere Maßstab für die Umwelt.
Der strategische Grundplan der Expedition ist früher schon erörtert worden. Er krankte an der Vielfältigkeit der Ziele. An dem Wunsch, wenn man so sagen darf, allzuviele Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Es sollte ein Elfenbeinschatz von 75 Tonnen, annähernd 3000 Negerlasten, geborgen, eine, wie es hieß, glänzend organisierte Provinz, wohl für England, übernommen, es sollte aber ferner der belgische Kongostaat ins Spiel gebracht, unerforschtes Hinterland erschlossen und schließlich auch Emin geholfen werden.
Die Vielheit dieser Gesichtspunkte schloß den Weg von der Ostküste aus. Stanley wählte den Weg von Westen, von der Kongomündung stromaufwärts, dann den Aruwimi hinauf. Da die Beschaffung der vielen Träger Schwierigkeiten machte, trennte Stanley die Expedition in Jambuja, wo er unter dem Befehl des Majors Barttelot, dem die Herren Jameson, Ward, Troup und Bonny beigegeben waren, eine Nachhut von 271 Bewaffneten ließ, während er selbst mit einer Vorhut von 389 Mann am 28. Juni 1887 nach Osten aufbrach. Bei Stanley befanden sich Kapitän Nelson, die Leutnants Stairs und Jephson, sowie der überaus tüchtige Arzt Dr. Parke. Diese Teilung, vor allem der Umstand, daß Stanley in wildem Entdeckerehrgeiz vorauszog, anstatt selbst bei der Nachhut zu bleiben, sind die wundesten Punkte des Unternehmens. Das Schicksal der Nachhut war fürchterlich: Major Barttelot wurde von einem Araber erschossen, Jameson starb an Dysenterie, Troup mußte krank nach England zurück, Ward nach Bangala.
Als Stanley nach dem ersten Zusammentreffen mit Emin auf der Suche nach dem Nachtrab zurückkehrte, fand er in Banalia – bis dahin war noch Barttelot von Jambuja vorgerückt – als einzig überlebenden Weißen Herrn Bonny, von den 271 Mann noch etwas mehr als ein Drittel. Diesen Rest führte Stanley nun, unter neuen Verlusten, der Vorhut an den Albertsee nach.
Von den 389 Mann der Vorhut waren unterwegs ebenfalls mehr als die Hälfte zugrunde gegangen, so daß sich die Gesamtstärke von Stanleys Entsatzkorps auf noch nicht 300 Mann belief.
Die Umstände, unter denen sich Emins »Rettung« durch Stanley vollzogen hat, sind Gegenstand so vielseitiger Erörterungen gewesen, daß wir uns wohl damit begnügen können, sie nur von einem bestimmten Gesichtspunkt aus zu beleuchten, im übrigen aber in gedrängter Kürze darüber hinwegzugehen. Dieser besondere Gesichtspunkt erscheint gegeben, wenn wir, worauf es hier vor allem ankommt, Emin als tragische Figur werten und zusehen, wie die Ereignisse, seinem Zugriff entrückt, sich zum Endschicksal verdichten.
Das Zusammentreffen der beiden Antipoden hatte einen dramatischen Gehalt, der in wenigen Sätzen nur angedeutet, nicht annähernd ausgeschöpft werden kann.
Emin erwartete den Helfer, der seine gesunkene Herrschaft wieder aufrichten, seine Macht stärken sollte.
Der weiße Retter kam mit einem elenden Häuflein zerfetzter, zerlumpter, verhungerter Sansibariten, die von den Mühsalen des Wegs Schauderdinge zu erzählen wußten.
Er brachte 34 Kisten Munition und 2 Ballen, den einen mit Strümpfen, Unterzeug und Leinwanduniformen, den zweiten mit Zeitungen, Briefen an Emin und Casati und je einem Schreiben des Rhedive und Nubar Paschas. Beide Ballen waren so durchnäßt, daß die Kleider fast unbrauchbar und auch die Briefe schwer leserlich geworden waren.
Emin hatte vor allem Kleider und Lebensmittel an seine Retter auszuteilen.
Stanley kämpfte sich in einem übermenschlichen Gewaltmarsch durch Urwildnis, in der bestimmten Erwartung, am Ende des Leidensweges ein Musterland, einen Elfenbeinschatz, ein schlagfertiges Heer von 2000 Mann und einen Weißen zu finden, der Herrn Stanley als Sachwalter in dieses Paradies einsetzen würde.
Er fand statt des Dorados einen König-ohne-Land, von seinen Truppen größtenteils verlassen. Das Elfenbein lag in den Stationen der Meuterer.
Ein Fehlschlag also; aber Stanley war nicht der Mann, sich so leicht besiegt zu geben. Der Name Emin Pascha hatte in der europäischen Öffentlichkeit ein Gewicht bekommen, mit dem sich noch allerhand anfangen ließ.
Stanley unterbreitete also zwei Vorschläge: Emin sollte entweder seine bisherige Provinz für den Kongostaat weiter verwalten, oder für die Britisch-Ostafrikanische Gesellschaft, an der Nordostecke des Viktoriasees, mit seinen bisherigen Truppen und Beamten ein neues Siedlungsgebiet erschließen.
Dann ließ er seinen Leutnant Jephson bei Emin, als Zeugen für die Ankunft der Retter, und ging zurück an den Kongo, um die Nachhut heranzuholen.
Es ist für die Lage der Dinge auf beiden Seiten unendlich bezeichnend, daß gerade die Ankunft der Retter den letzten Rest von Emins Ansehen untergrub. Emin trat mit Jephson eine Reise durch die Stationen an, um den Soldaten überall die Briefe des Khedive und Nubar Paschas vorzulesen und ihre Meinung für oder gegen den Abzug erforschen zu lassen. Nun enthielt das Schreiben des Khedive unter anderem die Sätze: »Sie haben vollständige Freiheit, entweder nach Kairo abzumarschieren oder mit den Offizieren und Mannschaften dort zu bleiben. Diejenigen von den Offizieren und Mannschaften, welche zu bleiben wünschen, können dies auf ihre eigene Verantwortung hin tun, dürfen aber in Zukunft keine Hilfe von der Regierung erwarten.« Diese Sätze boten den Hetzern willkommene Handhaben. In Jephsons, des Engländers, Begleitung wollte sich Emin sogar in den Machtbereich des gefürchteten ersten Bataillons hinaufwagen. Doch schon in Kiri, der ersten Station, stieß er auf unverhohlene Nichtachtung seiner Befehle, ließ daher den Plan, nach Redjaf weiterzugehen, fallen und zog sich nach Laboré zurück. Doch auch hier kam es schon zu offener Auflehnung, indem nach Verlesung des khedivialen Schreibens ein Soldat vor die Front trat und trotzig erklärte, »dieser Brief sei eine Lüge, denn der Vizekönig habe befohlen und nicht gebeten, er habe sie alle zur Rettung berufen, nicht der Willkür anheimgestellt«. Emin ergriff den Mann, wollte ihn verhaften lassen, doch seine Kameraden deckten ihn mit Gewalt, indem sie die geladenen Gewehre auf Emin und seine Gefährten richteten. Das Dazwischentreten einiger Offiziere verhütete für diesmal Schlimmeres, aber die Lunte war ans Pulverfaß gelegt. An diesem Abend verweigerten die Soldaten den gewohnten Nachtdienst vor der Wohnung des Gouverneurs.
Während Emin und seine Gefährten noch auf der Hinreise in Dufilé einen glänzenden militärischen Empfang und im Hause des Majors Hauasch fürstliche Gastlichkeit gefunden hatten, war unmittelbar nachher auch in dieser Hochburg von Emins letzten Getreuen der offene Aufruhr losgebrochen. In Chor-Aju erhielt Emin die Nachricht, Hauasch sei abgesetzt und werde in seinem Hause gefangen gehalten.
Emin fühlte sich trotzdem stark genug, vor die Truppen zu treten und zog am 19. August 1888 mit Jephson und Vita in Dufilé ein. Von Empfang keine Rede, niemand scheint sie zu beachten. Raum aber hatten sie das Haus des Gouverneurs betreten, als ein Doppelposten mit aufgepflanztem Bajonett vor der Türe aufzog und niemand mehr hinaus oder herein ließ. Der Gouverneur war gefangen.
Es ergab sich, daß der Aufstand von einem Offizier Fadl-el-Mulla, dem Befehlshaber von Fabó, angezettelt worden war, der mit 60 Mann und 2 Subalternoffizieren unversehens in Dufilé eingerückt war und durch eine Ansprache die Truppen ohne weiteres auf seine Seite gebracht und zur Gefangensetzung des Majors Hauasch bewogen hatte.
Vita Hassan führt diese Ansprache an. Ist sie vielleicht auch nicht buchstäblich wahr, so ist sie doch so gut erfunden, daß sie hier Platz finden mag, wenn nicht anders, so als Beispiel arabischer Rhetorik: »Man will Euch auf einem unbekannten Wege abmarschieren lassen und Eure Kinder zu Waisen machen. Ihr habt die Erzählung der Soldaten des Christen gehört. Es geht daraus klar hervor, daß sie auf ihrem Marsche sogar Wurzeln und Gräser haben essen müssen, obwohl sie weder Weiber noch Kinder mit sich zu schleppen brauchten und alle bewaffnet waren; trotzdem haben sie unterwegs mehr als drei Viertel der Ihrigen eingebüßt, was wird da aus Euch werden, wenn Ihr mit Euren Familien, Euren Weibern und Kindern aufbrechen sollt? Unfehlbar werdet Ihr unterwegs zugrunde gehen, wenn nicht aus Hunger, dann unter den Pfeilen der Wilden, durch welche wir hindurch müssen. Außerdem, wer beweist uns, daß dieser Christ von Ägypten kommt? wäre bei Effendina (der Khedive. Anm. d. V.) kein Bey gewesen, den er uns hätte schicken können, wenn er uns wirklich nach Ägypten hätte zurückholen wollen? Und wenn Effendina uns wirklich zurückberuft, ist es da möglich, daß, wenn unser Pascha zu uns sagt: Tut dies, tut das – Effendina, der doch viel größer ist als er, uns sagen sollte: ›wenn Ihr wollt‹? wenn ich z. B. meinem Diener befehle, etwas zu tun, sage ich ihm: da! tue es, wenn du willst) Kommt Euch deshalb nicht der Verdacht, daß dieser Christ nicht von Kairo kommt, und ist es in diesem Falle nicht unsere Pflicht, uns dem verhängnisvollen Abmarsch zu widersetzen, zu dem man uns verleiten will? Wenn Ihr meinen Worten glaubt, dann gehorcht mir, ich stehe Euch gut, daß Euch nichts Schlimmes widerfahren soll. Gehorcht Hauasch nicht, und wenn der Pascha ankommt, der sicher nicht lange ausbleiben wird, dann werde ich sehen, was wir mit ihm zu tun haben.«
Es erübrigt sich, die Einzelheiten dieser Gefangenschaft eingehend zu berichten. Sie erstreckte sich übrigens lediglich auf den Gouverneur, Vita Hassan und Hauasch. Jephson und Casati wurden davon nicht betroffen.
Emin wie der Apotheker waren in ernster Gefahr. Viel Haß hatte sich gegen sie angesammelt, und mehr als eine Stimme verlangte ihren Tod. Doch Emins Stern, wenn auch im Niedergang, sollte noch nicht verlöschen. Ihm war seine Stunde vorgeschrieben.
Am 16. November wurde Emin freigelassen und in Wadelai, wo man kurz vorher sein Haus halb durchsucht, halb geplündert hatte, stürmisch willkommen geheißen. Dieser Umschwung war auf einen Umstand zurückzuführen, der widersinnig scheinen könnte: Im Norden waren die Mahdisten wieder aufgetaucht, hatten Redjaf überrannt, die Besatzung niedergemetzelt und sollten nun im Anmarsch gegen Dufilé sein. Das hatte mit einem Schlage die Soldaten davon überzeugt, daß der Weg nach Chartum tatsächlich abgeschnitten war. Damit verloren die Ausstreuungen der meuterischen Offiziere allen Glauben und der andere brach sich Bahn, der Mudir könnte etwa doch kein Lügner und Verräter und die Rettung wirklich bei dem neugekommenen Christen im Süden zu suchen sein. Dieser weiße Christ aber war des Mudirs »Sohn und Bruder« – seine Hilfe konnten sie nicht erhoffen, wenn sie ohne ihren Mudir zu ihm kamen; darum galt es, den Mudir nicht nur zu versöhnen, sondern schleunigst aus der Gefahrzone hinauszubringen. So kam Emin frei und geehrt nach Wadelai.
Kurz nach ihm aber trafen auch, stetig sich häufend, Gerüchte vom siegreichen Vordringen der Mahdisten ein. Dufilé samt beiden Dampfern sollte erstürmt, der siegreiche Feind nach Wadelai unterwegs sein. Emin brach auf dem Landwege nach Tonguru auf, um, wie Hassan sich ausdrückt, »eine größere Entfernung zwischen sich und die Mahdisten zu bringen«. Das Stahlboot »Advance« wurde versenkt, das Gepäck im Stich gelassen. Unterwegs wurde die Karawane: Emin, Casati, Jephson, Vita Hassan, Hauasch, Marco Gaspari (von Amadi her bekannt), einige ägyptische Schreiber mit Negern und Negerinnen von einem Unteroffizier mit der Nachricht eingeholt, die Soldaten hätten Wadelai wieder besetzt und der Mudir solle dahin zurückkehren. Emin weigerte sich.
Kurz darauf sah man über das hohe Uferschilf weg auf dem Nil die Rauchfahne eines Dampfers heranziehen. Es war der »Khedive«, der aber nicht die Mahdisten stromaufwärts führte, sondern einen Offizier des ersten Bataillons mit einer Siegesbotschaft. Die Mahdisten hatten allerdings Dufilé von zwei Seiten angegriffen, waren sogar durch das Wassertor bis ins Innere der Station vorgedrungen, dann aber von den in die Enge getriebenen Soldaten in verzweifeltem Kampfe zurückgeworfen und auf der Flucht zersprengt worden. Nun sollte der Mudir nach Wadelai zurückkehren, um mit den Offizieren die Neuordnung der Regierung zu beraten. Emin weigerte sich aber mit solchem Nachdruck, daß der Offizier schließlich einwilligte, ihn auf dem Dampfer nach Tonguru zu begleiten.
Noch ein Sieg also, den die Truppen ganz für sich allein erkämpft hatten und der von Emin nicht anerkannt wurde. Diesmal allerdings trifft den Mudir kaum noch ein Vorwurf. Die Zeit seiner Herrschaft war vorbei.
Die fliehenden Derwische hatten Chor-Aju, Labore und Mugi niedergebrannt; Dufilé, das nun, bei dem Drang nach Süden, nicht mehr als sicher gelten konnte, wurde schleunigst geräumt. Die Beamten, die Truppen und der ungeheure Troß sammelten sich in Wadelai.
Emin saß in Tonguru. Dorthin wurde übrigens auch der zweite Sieger von Rimo, Soliman Aga Sudani gebracht, dem bei Dufilé eine Kugel das linke Bein zerschmettert hatte. Er hatte selbst nach Emins Pflege verlangt, starb aber Ende Dezember am Wundfieber.
Vita Hassan schreibt: »Bei seinem Tode wurden ihm die militärischen Ehren erwiesen, als ob er stets treu geblieben wäre.« Lassen wir die Frage offen, ob er nicht wirklich treu war.
Casati wiederum widmet dem Toten einen üblen Nachruf und erwähnt sogar das Gerücht, die Kugel die ihn traf, sei aus keinem feindlichen Rohre gekommen. Von den Waffentaten des tapferen Offiziers weiß er nichts. Hält man damit Casatis wiederholte vernichtende Urteile über Hauasch zusammen, so könnte man versucht sein, an militärische Eifersucht zu denken.
Die Meuterei war übrigens keineswegs beendet. Emins Weigerung, nach dem Sieg bei Dufilé nach Wadelai zurückzukehren, hatte sie vielmehr neu entfacht. Fadl-el-Mulla führte wieder das große Wort und verhängte nicht nur über den Gouverneur, sondern auch über Selim Matera die Todesstrafe, eine Maßregel, die allerdings auf dem Papier stehen blieb. Dieser Selim Matera war ein besonnener, anständiger Offizier, der Emin während der Gefangenschaft durch kluge Vermittlung viel genützt, nach Emins Ankunft das Kommando in Tonguru übernommen hatte und unablässig bemüht war, die regierungstreuen Leute um sich zu sammeln.
Es sei hier vorweggenommen, daß seine Treue ihm schlechten Lohn brachte. Er wurde bei Stanleys überstürztem Aufbruch zurückgelassen. Emin fand kein Mittel, es durchzusetzen, daß Stanley Selims Ankunft im Sammellager abwartete. Wir werden von ihm noch hören.
Das Drama drängte seinem Ende zu. Die regierungstreue Partei unter Selim Matera gewann soweit die Oberhand, daß Emin sogar, trotz dem wütenden Einspruche von Wadelai, wieder als Gouverneur eingesetzt wurde. Allerdings muß festgehalten werden, daß hierbei die Nachricht von Stanleys Wiedererscheinen eine entscheidende Rolle spielte. Die sich jetzt noch dem Zug nach Süden widersetzten, waren in der Hauptsache Leute, die mehr zum Mahdi als zu Ägypten neigten. Die anderen wußten, daß nur bei Stanley noch Rettung war.
Stanley erfuhr von dem endgültigen Zusammenbruch der Regierungsgewalt durch Briefe Jephsons, die ihn am 6. Januar 1889 in der Nähe von Kawalli erreichten, wo er eben mit den Resten der Nachhut angekommen war.
Der junge Jephson war kein überlegener Geist, und seine Berichterstattung leicht verworren. Die Runde von der Meuterei und ihren Begleitumständen traf Stanley wie ein Blitz, denn, dies muß hier nachgetragen werden, Emin hatte es trotz Casatis und Hassans dringlichem Zureden unterlassen, Stanley im Frühjahr 1888 ein Bild der tatsächlichen Machtverhältnisse zu geben.
Man hat Stanley öfter einen Vorwurf daraus gemacht, daß er, sonst doch kein Feind festen Zupackens, jeden Versuch, Emin tatkräftig zu unterstützen, unterlassen, mehr noch, es geflissentlich vermieden habe, Emins eigentlichen Verwaltungsbezirk auch nur zu betreten.
Der Gerechtigkeit zuliebe muß Stanley gegen diesen Vorwurf wie gegen den weiteren in Schutz genommen werden, sein Verhalten sei durch persönliche Feigheit bestimmt gewesen. Von seinen früheren Taten ganz zu schweigen –: der Mann, der den Aruwimi-Wald dreimal durchquerte, war bestimmt kein Feigling. Doch Stanley war Engländer. Und wenn seine Expedition auch die ägyptische Flagge führte, so kam doch der Union-Jack unweigerlich ins Spiel, wenn ihm oder seinen Offizieren, durchwegs Engländern, Unheil zustieß. England hatte aber in den letzten Jahren im Sudan Schlappen genug erlitten; jede weitere mußte unbedingt vermieden werden.
Wie aber sah es nun in Emins Provinz aus? Die Mahdisten waren schon einmal in Dufilé gewesen, konnten mit Verstärkungen aus Chartum jeden Tag erscheinen. Ebenso wurde ein Einfall Kabaregas von Osten her stark befürchtet. Die Negerstämme waren, wie wir gesehen haben, unzuverlässig und zu Aufständen geneigt. Dazu noch die Meuterei der Regierungstruppen, die, in ihren Beweggründen unklar, dem Uneingeweihten keinen Schluß erlaubte, ob und wieweit auf die Truppen überhaupt noch zu rechnen war.
Eine Einmischung in solche Verhältnisse verbot sich von selbst. Stanleys Truppe wies übrigens kaum noch zwanzig gedrillte Soldaten auf, der Rest waren Sansibar- und Manyuematräger. Wir wollen auch wiederholen, daß Stanleys Expedition ja überhaupt nicht darauf berechnet war, zwei Weiße – Emin und Casati – aus zehntausend Feinden herauszuhauen, sondern darauf, eine geordnete Provinz zu übernehmen. Von einem Entschluß Emins, für oder gegen den Abzug, schrieb Jephson nichts.
Daraufhin befahl Stanley seinen Untergebenen zu sich. Jephson erschien am 6. Februar auf dem Plateau von Kawalli, elf Tage später, am 17., auch Emin, nachdem er ein ziemlich kurz gehaltenes Ultimatum Stanleys am 3. Februar mit der brieflichen Versicherung beantwortet hatte, er und die Überzahl seiner Leute seien zum Abzug entschlossen und für die Hilfeleistung herzlich dankbar.
Emin hatte mit Vita Hassan und besonders mit Casati sein Verhalten Stanley gegenüber ausführlich beraten. Hassan schreibt darüber: »Er wollte jedoch Stanley nicht ohne eine Truppenabteilung begleiten, welche der Expeditionsmacht überlegen oder wenigstens gleich war; er fürchtete, während einer langen und beschwerlichen Reise sonst Stanley auf Gnade oder Ungnade überliefert zu sein. Es widerstrebte ihm, diesem den Ruhm, unsere Karawane ganz allein und als unumschränkter Herr zu leiten, überlassen zu sollen, damit er sich unseren Retter nennen konnte.« Casati gegenüber wiederum hatte Emin seinen festen Vorsatz betont, Selim Matera, dem er ja wirklich verpflichtet war, keinesfalls im Stiche lassen zu wollen.
Es kam anders. Am 22. Februar kehrte Emin zurück. »Er hatte keinen der Punkte erörtert, die vor ihm (Stanley, d. V.) aufrecht zu halten er sich vorgenommen hatte,« sagt Casati.
Am 26. Februar traf er mit seiner Tochter Ferida und 144 Mann abermals bei Stanley ein und verließ das englische Lager nun nicht mehr.
Stanley bestand darauf, die Leute, die mit ihm nach Ägypten ziehen wollten, innerhalb einer »vernünftigen Zeit« versammelt zu sehen. Im Vertrauen darauf, daß ja Emin bei Stanley weilte und ihn gegebenenfalls über den etwas weiten Begriff »vernünftige Zeit« aufklären konnte, hatte Selim Bey am 22. Februar Stanleys Lager verlassen und sich über Mswa nach Wadelai begeben, um den Abtransport der Reisewilligen in die Wege zu leiten. Am 26. Februar nannte Emin, von Stanley gedrängt, als »vernünftigen Zeitraum«, innerhalb dessen die Sammlung zu bewerkstelligen wäre, zwanzig Tage.
Bedenkt man, daß Emin selbst die Kopfzahl seiner Leute wiederholt auf etwa zehntausend beziffert hatte (worunter allerdings achttausendsechshundert, also 86 Prozent Frauen und Kinder), daß diese Leute zum Teil noch in Wadelai zusammengezogen werden mußten und daß zu ihrem und zum Transport des ungeheuren Gepäcks von Wadelai bis zum Lager am See, unterhalb Kawalli, nur die zwei kleinen Regierungsdampfer, von da über die Steilhänge hinauf Träger in ungenügender Menge zur Verfügung standen, so bleibt es unfaßbar, wie der mit den Verhältnissen doch vertraute Gouverneur zwanzig Tage als angemessene Frist zur Erledigung dieser Riesenaufgabe bezeichnen konnte. Stanley zeigte sich großmütig, tat ein übriges und setzte den Abmarsch auf den 10. April fest.
Inzwischen begann der Transport des Gepäcks über die Steilhänge vom See auf das Plateau herauf, wir haben früher schon von Junker gehört, wie völlig den Leuten der Provinz der Sinn dafür abhanden gekommen war, wieviel Gepäck auf Fußmärschen der einzelne billigerweise mitführen dürfe. In Ermangelung anderer Träger ließ Stanley seine Sansibariten beim Heraufschaffen mithelfen. Die murrten aber bald, als man ihnen unmögliche Lasten: Schleifsteine, Mühlsteine, riesige Kupfer- und sogar Tongefäße über die 1000 Meter Steigung zu schleppen gab. Stanley selbst war, und wohl mit Recht, wütend über den Unverstand, der ihm zumutete, mit solchem Gepäck etwa 2000 Kilometer bis an die Ostküste zu marschieren. Als es sich aber die Sansibariten einfallen ließen, den unsinnigen Dienst zu verweigern, griff er doch sofort ein. Die Rädelsführer wurden entwaffnet, gepeitscht und festgesetzt. Dann hatten sie noch einige Tage Trägerdienst zu leisten, wobei sich keiner mehr widersetzte. Casati schreibt: »Die Strafe wurde mutig, offen und sicher verhängt, und einem, der mit erschreckter und heiserer Stimme dem Aufrufe antwortete, tönte es mit ruhiger Stimme, indem es Peitschenhiebe regnete, entgegen: Ich heiße Stanley Bulamatari, der Felsenzersplitterer, und nicht bloß einfach Ibrahim wie du!«
Der gute Hassan erwähnt in seiner Schlichtheit: »Für den Transport meiner Sachen gebrauchte ich 42 Träger.« Da der Apotheker dem Range nach immerhin nur Unterbeamter war und vom dienstlichen Standpunkt keine Ausnahmebehandlung verlangen konnte, so läßt sich leicht errechnen, daß bei solchen Ansprüchen eines einzelnen die Gesamtzahl der erforderlichen Träger zehntausend weit überschreiten mußte. Eine solche Zahl Träger war aber überhaupt nicht aufzutreiben, wäre auch auf dem langen Fußmarsch durch zum Teil feindliches Gebiet schwer zu verpflegen und mit Stanleys geringen Machtmitteln – kaum dreihundert Mann! – nicht in Zucht zu halten gewesen.
Zu der infolge des Unverstandes der Ägypter scheinbar unlösbaren Gepäck- und Trägerfrage kam aber als weitere Schwierigkeit noch hinzu, daß über Selim Materas Tätigkeit widersprechende Nachrichten einliefen. Bald hieß es, die Meuterer hätten ihn gefangen genommen, bald wieder, sie hätten sich ihm unterworfen. Schließlich mehrten sich die Gerüchte, diese Unterwerfung sei nur eine scheinbare, darauf berechnet, Zutritt in Stanleys Lager zu gewinnen, um dort durch Übermacht die Sansibariten erdrücken und die Munitionsvorräte samt dem andren Expeditionsgut wegnehmen zu können. An Erwerbung eines Elfenbeinschatzes oder gar einer gut erhaltenen Provinz war nicht mehr zu denken. Die Verlotterung der Truppen, Offiziere und Beamten machte sogar den anderen Plan hinfällig, Emin und sein Kontingent in ein anderes Siedlungsgebiet überzuführen.
Einer der vielen Zwecke, die Erforschung des Kongohinterlandes und des Aruwimiwaldes, war zwar erreicht, das aber durfte keineswegs genügen, nicht nur wegen der Ehrsucht des Führers, sondern vor allem im Hinblick auf die aufgewandten Kosten und Mühen und auf die politische Bedeutung, die der »Fall Emin« vor aller Welt angenommen hatte. Im letzten Jahrzehnt waren Engländer genug in diesem Afrika verdorben. Hier nun hatte sich England sogar aufgemacht, um einen Nichtengländer zu retten – der aber mußte sich retten lassen, ob er wollte oder nicht, schon deswegen, weil, wie Stanley genau wußte, auch deutsche Retter unterwegs waren, und Emin, von Stanley zurückgelassen, den Nebenbuhlern ein Anhaltspunkt sein konnte. So oder annähernd so müssen sich die Dinge für Stanley dargestellt haben.
Bedenken an zweiter Stelle traten hinzu:
Die Zeit, die Selim Matera noch brauchen konnte, war nicht abzusehen. Zielloses Zuwarten verursachte Kosten, die nun, wo alle Gegenwerte weggefallen waren, sich fühlbar machen mußten. Die Leute, die Selim Matera schließlich heranbringen konnte, mochten vielleicht wirklich heimtückische Feinde sein; jedenfalls mußte ihr Kommen die Schwierigkeiten der Trägerfrage ins Ungemessene steigern.
Stanley war nicht der Mann, große Zweckmäßigkeiten über kleinen Rücksichten zu vergessen.
Emin hatte sich mit dem Eintritt in Stanleys Lager so ziemlich jeglicher Befehlsgewalt begeben; immerhin stand es ihm bis zum letzten Augenblick frei, selbst zurückzubleiben, oder, falls ihm dies nicht gestattet wurde, laut Verwahrung einzulegen und Stanleys Vorgehen so zu offener Gewalttat zu stempeln. Das konnte Selim Matera noch im letzten Augenblicke retten. Doch Emin war nicht der Mann dazu. Die Männer, die ihn persönlich kannten, haben übereinstimmend bestätigt, daß er es in kritischen Augenblicken liebte, sich hinter höhere Gewalten zu verschanzen und so die Verantwortung von sich abzuwälzen. Erwähnt sei, was der junge Jephson über ihn an Stanley berichtete: »Ferner sagte ich nach einer dieser ziemlich unbefriedigenden Unterhaltungen in ziemlich ungeduldigem Tone: Wenn je die Expedition einen Ort in Ihrer Nähe erreicht, werde ich Herrn Stanley raten, Sie zu verhaften und mitzunehmen, ob Sie wollen oder nicht, worauf er erwiderte: Nun, ich werde Sie nicht hindern, das zu tun. Es scheint mir daher, daß, wenn wir ihn retten sollen, wir ihn vor sich selbst retten müssen.« Hiezu mögen noch einige Zeilen Casatis ohne weiteres für sich selbst sprechen: »In der erniedrigenden Lage, in welche Emin durch die Rebellion seiner Untergebenen gebracht worden war, behielt er, ob er auch einerseits das Verlangen hegte, für die erduldeten Unbilden Rache zu nehmen, die zu kühlen er freilich ohnmächtig war, da seine geringe Energie und eine gewisse Mattigkeit seines Herzens es nicht zuließ, anderseits doch immer noch einige Teilnahme, die mehr aus Gewohnheit, denn aus Herzensneigung ihn an jene band.«
Stanley also wollte fort, rasch und ohne Rücksicht, brauchte aber doch einen Vorwand, zu späterer Rechtfertigung. Den fand er, indem er die zunächst nur schwatzhaften Nachrichten über verräterische Absichten der ehemaligen Meuterer furchtbar ernst nahm und zu unmittelbarer Vernichtungsgefahr aufbauschte.
Stanleys »Staatsstreich« vom 5. April 1889 war ein blendendes englisches Manöver.
Der Tag begann damit, daß Stanley bei Emin erschien und in ungestümem Tone von ihm verlangte, er solle den geplanten Verrat seiner Leute durch scharfe Maßnahmen vereiteln. Emin war aufgeregt, aber ratlos. Scharfe Maßnahmen waren nicht seine Sache, wie Stanley übrigens genau wußte. Stanley verließ ihn mit dem wuterstickten Ausruf: »Goddam! ich lasse Sie mit Gott, und das Blut, das fließen wird, mag auf Ihr Haupt fallen!«
Draußen pfiff er Alarm, ließ dann alle im Lager schon eingetroffenen Ägypter, Mannschaften, Offiziere, alles durcheinander, von einer Kompanie seiner Sansibariten mit Stockhieben aus den Zelten treiben und auf dem Lagerplatz in Doppelreihen ausrichten.
Dann hielt er, selbst schwer bewaffnet und von Bewaffneten umgeben, eine donnernde Ansprache, seine Geduld sei zu Ende, seine Güte sei mit Verrat gelohnt worden, es seien Waffendiebstähle vorgekommen, nun wolle er reinen Tisch machen: sie sollten es sich gesagt sein lassen, daß er unbedingt der Herr in seinem Lager sein und bleiben wolle und jeden Versuch der Widersetzlichkeit unweigerlich mit dem Tode bestrafen werde. Und, dies vor Augen, sollten sie sich, sofort und gleich, entscheiden, ob sie mit ihm ziehen oder hier zurückgelassen werden wollten!?
Ein allgemeines angstbeflügeltes Ja war die Antwort.
Emin, bleich vor Zorn und Arger, erklärte Casati und Vita mit zitternder Stimme, er sei zum ersten Male in seinem Leben in seinem eigenen Hause beschimpft worden, wolle aber nichts weiter darüber sagen und sich auch nicht widersetzen.
Im Morgengrauen des 12. April brach Stanley auf, nachdem das Lager Kawalli in Brand gesteckt worden war.
Schon am 12. erkrankte Stanley im Lager Niangabo schwer, und die Karawane mußte 28 Tage auf seine Wiederherstellung warten. Aus dem Umstand, daß auch in diesen neuerlichen vier Wochen Selim Matera die Hauptkolonne nicht einholte, leitet Stanley das Recht her, seine Hände in Unschuld zu waschen. Das trifft nicht zu. Die Aufgabe, die dem Obersten zugefallen war, ging nach Lage der Dinge über die Kräfte eines einzelnen weit hinaus und hätte, wenn überhaupt, nur unter entschlossenem Einsatz weißer Autorität gelöst werden können. Galt es doch, nicht nur einige tausend Personen mit vielen tausend Gepäcklasten am See zu sammeln und über die Steilhänge hinaufzuschaffen, sondern vor allem, selbst in dieser Stunde bitterster Not noch, die Reste des alten Mißtrauens zu zerstreuen: im Süden lauere Verrat. Es ist und bleibt ein Schandfleck, daß dieses jahrelange Mißtrauen schließlich doch noch seine Bestätigung finden mußte.
Wie wenig übrigens Stanley sich das Schicksal der Zurückgebliebenen angelegen sein ließ, beweist die Tatsache, daß er die mit der Nachhut herangeführten 62 Kisten Ersatzmunition am 29. April im Lager von Niangabo vergraben ließ, anstatt, wozu doch in vier Wochen gewiß Zeit gewesen wäre, Selim Matera zu sich zu bescheiden und sie ihm zu übergeben. Den Zurückgebliebenen auch noch die Munition nehmen, hieß sie zum Tode verurteilen. Tatsächlich ist Selim diesem Schicksal nur entgangen, weil ein blinder Zufall ihn schließlich doch die vergrabene Munition finden ließ.
Als Beispiel für Stanleys Befehlsführung noch ein Vorfall, der sich kurz nach dem Aufbruch von Niangabo zutrug:
Befehlshaber der von Stanley aus Kairo mitgebrachten ägyptischen Soldaten war ein Offizier Omar-Scharkaui. Dessen Frau war von einem Sansibariten frech beleidigt worden. Als der Offizier von Stanley Gerechtigkeit verlangte, erhielt er den Bescheid, er solle sich selbst Genugtuung verschaffen. Das tat er auch, mit Stockhieben; durch Parteinahme von Ägyptern und Sansibariten wurde die Prügelei allgemein, und nur mit knapper Not konnte der Gebrauch der schon fertiggemachten Hieb- und Schußwaffen verhindert und die Ruhe wieder hergestellt werden. Stanley verurteilte in übertriebener Strenge den ägyptischen Offizier, als Anstifter, dazu, drei Tage lang eine Munitionskiste auf dem Kopfe zu tragen, wie ein gemeiner Träger. Diese für einen Offizier unmögliche Bestrafung sprach sich mit üblicher Schnelligkeit herum, das Gerücht drang bis nach Wadelai, und ein Brief Selim Materas, der im übrigen demütig um längeres Verweilen bat, begann doch mit den Worten: »Was meinen Sie damit, daß Sie die ägyptischen Offiziere auf den Köpfen und Schultern Lasten tragen lassen? Was meinen Sie damit, daß Sie die Soldaten zu Lasttieren machen? Was meinen Sie damit« und so weiter.
Wenn Stanley diese Briefstelle wegen ihres »sehr frechen Tones« anführt, so zeigt das nur, wie wenig der Engländer gewillt war, den Ägyptern »Offiziersehre« nach landläufigem Begriffe zuzugestehen.
Emin stand dem allen machtlos gegenüber. Casati schreibt: »Emin schwankte; er war ungewiß. Einerseits zwar regte sich in ihm das Verlangen, zwischen sich und die Leute von Wadelai eine schöne Entfernung Weges zu bringen, anderseits aber beherrschte ihn ein gewisses Schamgefühl darüber, seinen Einfluß abgetan und sich vollständig dem Willen der Engländer unterworfen zu sehen, so daß er ihnen wie eine Siegestrophäe zu folgen hätte.« Ein andermal meint Casati, der Gouverneur habe »in allem sein Haupt vor dem Willen Stanleys gebeugt«.
Vita aber spricht es kurz und bündig aus: »– denn als seine (Stanleys) Gäste waren wir zugleich seine Gefangenen, und darüber durften wir uns keinen Illusionen hingeben.«
Emins Verhältnis zu Stanley nahm im Verlauf der Reise Formen an, die an Hörigkeit grenzten und unter anderem auch die peinliche Verwunderung des deutschen Gouverneurs von Wißmann hervorriefen: »Das Verhältnis zwischen Emin Pascha und Stanley war ein solches, daß ich es eigentlich nicht gern berühre. Als ich, über den Kingani-Fluß setzend, Stanley und Emin, beide zum erstenmal, traf und als Reichskommissar, also höchster Beamter der Kolonie, sie empfing, gab ich dem Pascha den Vortritt in mein Boot; er aber wich ganz energisch und, ich möchte fast sagen, bestürzt zurück und bat mich, Stanley zuerst eintreten zu lassen. Ebenso war es bei dem Empfangsdiner, welches ich beiden gab und bei dem ich Emin den Platz zu meiner Rechten bestimmt hatte. Auf sein inständiges Bitten änderte ich es dahin, daß Stanley diesen Platz erhielt und Emin zu meiner Linken saß. Stanley übte offenbar einen sehr großen Einfluß auf den Pascha aus, und zwar, wie ich zu meinem Bedauern bekennen muß, in einer Weise, wie ein wenig Worte liebender militärischer Vorgesetzter zu seinem Untergebenen. Der Pascha scheute sich, Stanley gegenüberzutreten; und gab jedesmal, wenn Stanley mit ihm verhandelte, nach.«
Den Marsch nach der Küste wollen wir nicht im einzelnen verfolgen, wohl aber an einigen Vorfällen zeigen, in welchem Geiste er vor sich ging. Daß wiederholt Träger gepreßt und Vieh, Geflügel, Getreide bei den Negerstämmen gegen Gewehrschüsse eingetauscht wurden, sei nur nebenbei erwähnt. Daß am 16. November 1889, schon auf deutschem Boden, Stanley dem Pascha nahelegte, seine Madileute, die ja doch all die Zeit auf Mackinnons Kosten gefüttert worden seien, nun der »englischen Ostafrikakompanie zu geben«, zeigt diesen Karawanenführer von einer neuen Seite. Bedenklicher ist es schon, daß die Marschfähigkeit der Geretteten durch Peitschenhiebe aufrecht erhalten wurde, bis die beiden Missionare P. Girault und Schynse sich in Ikongo der Expedition anschlossen. Pater Schynse weiß in dem Buch, das er über diese Reise geschrieben hat, fast nur Gutes über Stanley zu sagen. Lassen wir es auf sich beruhen, ob er die Schattenseiten des Mannes überhaupt nicht zu sehen bekam, nicht sehen konnte oder nicht sehen wollte.
Eine Stelle aus Pater Schynses Tagebuch vom 22. Oktober 1889 verdient Erwähnung: »Bei unserem vielen Verkehr mit den Offizieren der Expedition dringt so manches durch, was klar legt, welches die Zwecke der Expedition waren. Dem äußeren Anschein nach ist sie ja gelungen und wird demgemäß auch in Europa gefeiert werden; in Wirklichkeit aber sind die Helden der Expedition recht unzufrieden mit den Resultaten und gestehen dies hier heute auch ein. ›Eine Masse Leute ist gestorben, bedeutende Mittel sind aufgewendet worden. Zwei und ein halbes Jahr haben wir im Elend gelebt und was erreicht? Wir bringen eine Anzahl unnützer, verfaulter ägyptischer Schreiber, Juden, Griechen und Türken aus dem Innern, die uns nicht einmal dafür danken; Casati selbst war der Mühe nicht wert, er ist ja Mehenzi (Halbwilder. D. V.) geworden und der Pascha ist zwar ein Ehrenmann, aber doch nur Mann der Wissenschaft. Man hatte darauf gerechnet, in Dr. Emin Pascha einen Soldaten zu finden, an der Spitze von zweitausend disziplinierten Leuten, dem man bloß Munition zu bringen brauchte, um sich der äquatorialen Provinz für England zu versichern und sich mit Hilfe seiner Bajonette einen Weg nach Mombassa zu eröffnen. Nun, da dies nicht gelungen ist, ist man unzufrieden. Dr. Emin Pascha ist Menschenkenner genug, um sich über die wahren Motive der Expedition keine Illusionen zu machen.«
Zu dem Schlußsatz ist zu bemerken, daß Emin Pascha diese Menschenkenntnis wohl erst unterwegs gewonnen haben kann, denn noch am 23.August hatte er an den Vorsitzenden des englischen Entsatzkomitees einen Brief gerichtet, der von solcher Erkenntnis recht weit entfernt scheint:
»Msalala, 23. August 1889. Geehrter Herr! Nachdem wir heute in Begleitung der Eskorte des Herrn Stanley hier eingetroffen sind, kann ich mich nur beeilen, Ihnen in wenigen Worten zu sagen, wie hoch wir diese edelmütige Hilfe schätzen, welche Sie uns gesandt haben. Als ich unter dem Drucke der Not es zuerst wagte, mich an die Welt zu wenden und Sie um Hilfe für meine Leute zu bitten, wußte ich sehr wohl, daß ein solcher Ruf nicht ungehört verhallen werde, ich habe aber niemals die Möglichkeit eines solchen Entgegenkommens geahnt, wie Sie und die Zeichner des Entsatzfonds es uns gezeigt haben.
Es würde unmöglich sein, Ihnen mitzuteilen, was seit dem ersten Aufbruche des Herrn Stanley hier alles passiert ist; seine gewandte Feder wird Ihnen alles viel besser beschreiben, als ich es könnte. Auch hoffe ich, daß es mir mit Erlaubnis der ägyptischen Regierung eines Tages gestattet sein möge, mich Ihnen vorzustellen und bei einer mündlichen Unterredung mich des Gefühls der Dankbarkeit zu entledigen, zu deren Ausdruck meine Feder nicht ausreicht.
Bis dieser glückliche Augenblick eintritt, bitte ich Sie, allen, welche zu dem Fonds gezeichnet haben, den aufrichtigen Dank einer Handvoll hilfloser Leute zu übermitteln, welche durch Ihre Vermittlung vor dem Untergange bewahrt worden sind und jetzt ihre Verwandten zu umarmen hoffen.
Hier von den Verdiensten des Herrn Stanley und seiner Offiziere zu sprechen, würde unangemessen sein. Wenn ich aber so lange lebe, daß ich zurückkehre, dann werde ich denselben meine Anerkennung zuteil werden lassen.
Ich bin, geehrter Herr, mit vielem, vielem Dank
Ihr Ihnen sehr verpflichteter
Dr. Emin.
Herrn W. Mackinnon.
Vorsitzender des Komitees
für die Entsatzexpedition.«
Bei dem Marsch durch verschiedene Negerländer hatte die Expedition auch mehrmals Kämpfe zu bestehen, ging ihnen aber im allgemeinen lieber aus dem Wege, gelegentlich sogar durch Zahlung erhöhten »Hongos« (Wegzolls), wenn Stanley dadurch dem Ansehen der Weißen auch nicht eben nützte, so muß man doch den durch die vielen Nichtkämpfer geminderten Kampfwert seiner Expedition als Entschuldigung gelten lassen.
In einem Falle allerdings wird niemand Stanley von schwerster Schuld freisprechen wollen: da zahlte er den Wegzoll mit einem Menschenleben.
Am 12. August 1889 hatte die Kolonne nahe dem Dorfe Mtara an der Ostspitze des Urighisees ein Lager aufgeschlagen. Ein Trupp Soldaten besuchte das Dorf und geriet wegen irgendwelchen Übergriffs in einen Streit, der einem der Eingeborenen das Leben kostete. Die Neger rotteten sich zusammen und verlangten Sühne. Stanley ließ nachforschen und stellte fest, daß der Täter einer der ägyptischen Soldaten war, die er von Kairo mitgebracht hatte. Diesen Mann nun, Sadl-el-Mulla mit Namen, lieferte Stanley den Negern aus, die ihn zur Wiedervergeltung unter furchtbaren Martern töteten. Casati schreibt: »Die Soldaten baten Emin, sich ins Mittel zu legen; der sudanesische Offizier Omar (Scharkaui, d. V.) berief sich auf ihn, als den unmittelbaren Vorgesetzten (soll wohl heißen: Vertreter, Anm. d. V.) der Regierung. Emin wies jede Einmischung ab.«
Und dem ägyptischen Soldaten wurden von Negern die Zähne einzeln ausgeschlagen, er wurde mit Pfeilen gespickt und an langsamem Feuer verbrannt.
Mit Emins Namen war der Ruf des märchenhaften Elfenbeinschatzes eng verknüpft. Dafür spricht unter vielem andern auch der Brief, den der deutsche Gouverneur von Wißmann einer nach Westen ziehenden Karawane für Emin mitgab und der, vom 15. Oktober datiert, den Empfänger am 31. Oktober1889 erreichte: »Hochverehrter Herr Doktor! Überbringer dieses, der Chef einer großen Wanyamwesi-Karawane, dessen Leute mit uns gegen die Araber gefochten haben, ist bereit, Ihnen Zeug für Elfenbein zu verkaufen. Ich erlaube mir, Ihnen das anzuzeigen, weil ich höre, daß Sie viel Elfenbein haben und viel Zeug brauchen. Hier kann ich leider nichts lassen, und die englischen Missionare sind völlig ausgeplündert. Das gewöhnliche, weiße baumwollene Zeug kostet in Bagamoyo vier Rupien, und das Frasila bestes Elfenbein kostete vor dem Aufstande hundertundzwanzig bis hundertunddreißig Dollar, der Dollar zu zwei Rupien und acht bis zwölf Pesa. Sie werden hier einen meiner Offiziere, Herrn Leutnant Schmidt, finden, dem ich befohlen habe, Sie auf Wunsch zur Küste zu begleiten und Ihnen jede Auskunft zu geben, über die noch nicht überall friedlichen Verhältnisse. Mit vorzüglicher Hochachtung und ergebenem Gruß Wißmann.«
Am 10. November 1889 zog die Karawane in die deutsche Grenzstation Mpwapwa ein und fand dort zwar Herrn von Wißmann nicht mehr persönlich, wohl aber ein Schreiben vom 14. Oktober vor, das der Gouverneur bei seiner Abreise für Emin, hinterlassen hatte und in dem er ihn auf deutschem Boden willkommen hieß und über die Weltereignisse der letzten Jahre kurz unterrichtete. Während des dreitägigen Aufenthalts in Mpwapwa gab Emin in einem Antwortbriefe an den Gouverneur der Hoffnung Ausdruck, er werde mit seiner Erfahrung die Unternehmungen Deutschlands in Afrika fördern können. Und: »Können Sie sich wohl den Eindruck vorstellen, den es auf mich machte, mich seit fünfzehn Jahren zum erstenmal unter deutscher Flagge zu finden?«
Zum besseren Verständnis des Empfangs, den Emin in der deutschen Kolonie fand, ist nachzutragen, daß im Laufe des Pressefeldzuges, der seit 1886 in Deutschland für Emin geführt wurde, u. a. Prof. Dr. Schweinfurth in einem Vortrag erklärt hatte: »Ich wende mich wieder zu ihm, dem einsamen Streiter auf der verlassenen Warte in Zentralafrika. In Emin ist Deutschland geehrt. Sein Werk ist unser Stolz, und wenn es Dauer gewinnt, ein unsterblicher Ruhm. Jedes deutsche Herz muß höher schlagen bei dem Gedanken: er allein, er, der Deutsche, war imstande, so Großes in Afrika zu leisten.«
Das war gewiß keine Irreführung, war gewiß ehrlich empfunden – war nur ein Knoten mehr in der tragischen Verstrickung. Auch war, seit dem 17. Juni 1889, die deutsche Emin-Pascha-Entsatzexpedition unter Dr. Peters kämpfend unterwegs.
Am 29. November kamen der Kolonne verschiedene Offiziere und andere Herren der Kolonie, aber auch die Korrespondenten des Newyork Herald und der Newyork World nach Msura entgegen, welch letztere untereinander schwer gewettet hatten, wer von ihnen die erste Nachricht von Stanley heimkabeln würde.
Emin schreibt in sein Tagebuch: »Vizetelly hat heute drei Kuriere, jeden mit einem dicken Briefe, zur Küste gesandt. Da er jedoch noch nicht nüchtern geworden ist, so hat er sie jedenfalls nicht geschrieben, und die Lösung des Problems ist – wie Dr. Parke mir sagte – einfach die, daß Stanley die Korrespondenzen schon bereit hatte und sie nur an den Meistbietenden, Vizetelly i. e. Gordon Bennett, verschachert hat – er hat übrigens recht.«
Am 4.Dezember 1889 zog die Expedition, von Major v. Wißmann glanzvoll empfangen, in Bagamoyo ein. Emin wurde von einem Begrüßungstelegramm des Deutschen Kaisers sowie von einem andern des Khedive erwartet und war besonders über das erstere hoch beglückt.
Korvettenkapitän Hirschberg, Kommandant des Kreuzers »Schwalbe«, der dem Empfang wie dem nachfolgenden Bankett anwohnte, beschreibt Emin wie folgt: »Er ist ein kleines, mageres Figürchen mit ganz orientalischem Typus, erzählte viel und lebhaft und war glücklich über jeden deutsch sprechenden Menschen« und erwähnt auch noch: »Ganz entzückt war er über unsere ziemlich mäßige ›Schwalbe‹-Musik, welche bei Tisch spielte. Er sagte: Ach, ich möchte so gern ›Heil Dir im Siegerkranz‹ hören, scheint überhaupt sehr deutsch gesinnt zu sein.«
Hier drängt sich die Frage auf, ob ein Engländer oder Franzose an einem andern Engländer oder Franzosen englische oder französische Gesinnung erwähnenswert finden könnte?
Während des Festbanketts aber trug sich ein Vorfall zu, der wichtig genug scheint, um einen eigenen Abschnitt zu rechtfertigen.