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Emin in Äquatoria

Auf welchen Umwegen Dr. Schnitzer von Neisse aus schließlich in Alexandrien landete, ist nicht bekannt. Anfang Dezember 1875 kam er nach Chartum. Wie und in welcher Verfassung, das geht deutlich genug aus einem Briefe des damaligen Telegrapheninspektors in Chartum, späteren Vizegeneralgouverneurs Giegler Pascha hervor, der erzählt, daß Schnitzer mit einigen syrischen Händlern über Korosko ankam und mit diesen Händlern auch in den ersten Tagen in einem öffentlichen Warenlager (Okella) wohnte, ferner, daß Emin sich in der deutschen Kolonie als Türke vorstellte, der seine Erziehung und Ausbildung in Deutschland genossen habe und hierbei sogar beharrte, nachdem er seinen Paß, der ihn als Deutschen auswies, beim deutschen Konsul Rosset abgegeben hatte.

Giegler betont, daß er selbst und Rosset die Sorge dafür übernahmen, den gänzlich mittellosen Ankömmling vor Mangel zu bewahren. Sie luden ihn abwechselnd zu sich ein, Rosset zu Mittag, Giegler zu Abend, nahmen ihn gelegentlich auch zum österreichischen Konsul Hansal mit, »der ein Piano hatte«.

Das Gesamtbild, das Giegler entwirft, ist nicht unsympathisch, zeigt Schnitzer aber doch als Sonderling. Seine geselligen Talente werden rühmend hervorgehoben, doch fließt auch eine kurze Feststellung mit ein, daß Schnitzer, als ihm die Landsleute einen kleinen Hausstand und die Anfänge einer Praxis geschaffen hatten, jeden Tag mit einem Korb am Arme nach dem Markte ging, um selbst einzukaufen.

Wer die Pflichten kennt, die dem Europäer bei dem Aufenthalt unter Farbigen erwachsen, der wird diese und die andere Tatsache, daß er mit syrischen Händlern in einem öffentlichen Warenlager abstieg, richtig zu werten wissen. Daß Schnitzer unbedingt als Türke gelten wollte, schien nach seinem Vorleben eher noch begreiflich.

Auf eine Empfehlung der deutschen Kolonie kam Schnitzer zu Gordon nach Äquatoria. Dort nimmt er den Namen Emin an, nennt sich von da ab beharrlich so und wird also auch für uns weiterhin so zu heißen haben.

Am 17. April 1876 verließ Emin mit dem Regierungsdampfer Chartum. Es wäre vielleicht begreiflich gewesen, wenn ihn die neue Welt, die sich ihm auf dieser Dampferfahrt auftat, überwältigt oder doch erschüttert hätte. Dazu war er nicht der Mann. Seine peinlich genaue, fast pedantische Beobachtungsgabe arbeitete ganz ungeschwächt, wie die ersten Seiten aus seinem Reisetagebuch hinlänglich beweisen; da erfahren wir, daß der Dampfer um 1 Uhr 15 abfuhr, um 1 Uhr 32 am Arsenal zwei Barken und vier Kähne ins Schlepptau nahm, um 4 Uhr 46 kurzen Aufenthalt hatte und um 6 Uhr 30 zur Nacht anhielt – Fahrtdauer 2 Stunden 01 Minuten. Am nächsten Morgen um 3 Uhr 24 Barometerstand 725,5, Abfahrt 5 Uhr 37 u. a.m. Diese Angaben sind so wichtig, daß für die Gegend kaum einige Seitenblicke übrig bleiben – sandige Flächen, spärlicher Anbau, seltene Bäume. Doch betrug die Fahrtdauer an diesem Tage 23 Stunden 08 Minuten.

Am 7. Mai 1876 kam Emin in Ladò an. Dort trat er unter Gordon Pascha einen Dienst an, der ihm für ärztliche Betätigung zunächst kaum Zeit ließ. Über das innere Verhältnis Gordons zu Emin ist zu sagen, daß der neue Untergebene dem Pascha zunächst wohl gut verwendbar erschienen sein muß, da er ihn sehr bald schon mit wichtigen politischen Missionen bei den Königen von Uganda und Unjoro betraute. Allerdings war an weißen Sendboten für Gordon wenig Auswahl, doch ist auch unbedingt anzuerkennen, daß Emin, als politischer Agent in türkischen Diensten geschult und überdies selbst Mohammedaner, besondere Eignung aufwies. Die letztgenannte Eigenschaft, das Bekenntnis zum Islam, wäre Emin übrigens am Hofe des Königs Mtesa von Uganda fast teuer zu stehen gekommen, denn der König begrüßte ihn als Christ: » To my Dear Friend! I thank be to God for bringing you home safety. Therefore I send Chambalanga my chife to see you how do you do and thank be to our Lord Jesus Christ to be thy shield.« Deutsch etwa: »Meinem lieben Freund! Ich Dank sei Gott für sichere Heimkehr; darum sende ich Chambalanga meinen Häuptling, um zu sehen, wie es Dir geht, und Dank unserem Herrn Jesus Christ, er sei Dein Schild.«

Emin antwortete darauf, wie er in seinem Tagebuche angibt, er sei gekommen, »nicht um über Religion zu disputieren, sondern der Geschenke halber; im übrigen stehe ich zur Verfügung des Sultans, selbst wenn meine sofortige Abreise gewünscht werde, da ich Mohammedaner sei.«

In einem zweiten Briefe, in kaum verständlichem Englisch geschrieben, betonte Mtesa von sich: »  … But I myself am Christian.« Dieses Bekenntnis zu einem Glauben, dem der Abgesandte nicht angehörte, erweckte bei der Unberechenbarkeit des Königs (Emin selbst nennt ihn ein Kind mit Tigerinstinkten) weitgehende Befürchtungen. Im Laufe der nächsten 24 Stunden erhielt Emin zwar durch einen befreundeten Araber den Bescheid, der König »habe geglaubt, Emin sei Christ, und habe ihm Komplimente machen wollen«, doch waren gleichzeitig alle Araber bereit abzureisen, wenn der König sich nicht erkläre.

Eine kurz darauf folgende Audienz stellte aber das gute Einvernehmen wieder her. Der König machte sich Emins gute Sprachkenntnisse zunutze und erörterte mit ihm eingehend Fragen der christlichen Religion. Dabei hatte Emin wieder das Unglück, als Türke nicht ernst genommen zu werden. Schweitzer schreibt darüber: »Die Unterredungen Mtesas mit Emin über religiöse Gegenstände müssen bei ersterem doch Zweifel haben entstehen lassen, ob er es wirklich, wie ihm Emin gleich nach seiner Ankunft angedeutet hatte, mit einem Moslim zu tun habe.« Mtesa richtete daher an Emin das folgende Schreiben: »4. August 1876. Mein teurer Freund; Ich ersuche Sie, mir die Wahrheit sagen zu wollen, ob Sie wirklich von den Türken und nicht der weiße Mann sind, welchen ich vom Pascha verlangte. Er schreibt mir, er habe mir ihn nun gesandt, und ich glaubte zuerst, daß Sie der gewünschte weiße Mann seien. Sie aber leugnen es beharrlich (Christ zu sein) und ich möchte deshalb, daß Sie mir die Wahrheit sagen, ob Sie jener weiße Mann sind und es mir beschwören.«

Darauf antwortete Emin: »Sie haben von Seiner Exzellenz dem Pascha einen höhergestellten weißen Beamten verlangt. Se. Exzellenz hat mich gesandt, wie die Briefe und Geschenke beweisen, die ich gebracht und Ihnen übergeben habe. Habe ich meine Mission verfehlt oder etwas geäußert oder getan, was Ihnen mißfällt, so haben Sie sich nur bei Sr. Exzellenz dem Pascha zu beschweren: verlangen Sie einen christlichen Beamten, so schreiben Sie darüber, vielleicht kommt einer.«

Emin war am 5. Juni 1876 von Ladò aufgebrochen und am 27. Juli in Kibuga, Mtesas Residenz, angekommen. Am 31. August trat er den Rückmarsch an und traf am 7. September mit Gordon in Mruli (am Somerset-Nil) zusammen. Gordon muß mit seinem Verhalten nicht unbedingt einverstanden gewesen sein, soweit man aus Emins Tagebuch ersehen kann: »7. September, Donnerstag. – Durch hohes Gras geht der Marsch vorwärts über sehr trockenes Land, bis um 8,36 Uhr vormittags die Meschra (Einschiffungsplatz) erreicht, ein wenig gerastet wird und endlich um 9,28 Uhr vormittags aufgebrochen, um 10,21 Uhr vormittags Seriba Mruli erreicht wird. Die Straße ist eine völlig von der Hinreise verschiedene. Da Se. Exzellenz der Pascha gegenwärtig, machte ich ihm nach ca. 1 Uhr meine Aufwartung und erhielt meine Entlassung aus dem Dienste, weil ein anderer Arzt aus Kairo unterwegs sei. Ich zog mich bald zurück, empfing Kognak und Tabak vom Pascha zugesandt und außerdem eine Menge lieber Briefe von alten Bekannten in Chartum. Sogar Slatin war vertreten. Gegen Abend wurde ich wieder zum Pascha gerufen, der mir sagte, er ginge nach Kairo, Major Prout sei sein Vertreter, was ich nun zu beginnen gedächte. Ich sagte ihm offen, ich wüßte es noch nicht, und er schlug mir darauf vor, jetzt nach Ladò zu gehen, er würde mit Prout sprechen. Ich zog mich darauf zurück, wurde aber bald wieder gerufen und plauderte bis nach 11 Uhr nachts.«

»8. September Freitag Nachts Regen; früh 24 Kranke. Dann wurde ich zum Pascha gerufen, der mir sagte, er habe mich zum Chef sämtlicher Magazine der Provinz ernannt, damit Prout die Sache als fait accompli vorfände. Eine lange Unterhaltung folgte darauf, bis ich, nach Hause gekommen, nochmals geholt und aufgefordert wurde, meine Erlebnisse bei Mtesa zu veröffentlichen und zwar französisch und deutsch, von Mruli datiert. Ich denke an die ›Augsburger Allgem. Zeitung‹ und den ›Explorateur‹ zu schreiben.«

An den österreichisch-ungarischen Konsul Hansal in Chartum schrieb Emin über diese erste Reise: »Er (Mtesa. Anm. d. V.) ist, wie alle diese Negerfürsten, ein Kind mit Tigerinstinkten. Eigentümlich ist seine Vorliebe für das Christentum; sollte das eine Folge des abessynischen Blutes sein und meine Hypothese bestätigen? …« Wir müssen einigen Nachdruck auf diese Glaubensfragen legen, weil der Kampf gegen die Sklaverei, dem Emin sich später zeitweise widmete, nur von christlichen Gesichtspunkten aus einwandfrei zu führen war. Denn der Koran läßt, wie früher schon erwähnt, die Sklaverei gelten, und der Türke, also Mohammedaner Emin, setzte sich den arabischen, gleichfalls mohammedanischen Sklavenhändlern gegenüber bös ins Unrecht, wenn er ihre Sklaven mit Gewalt befreite.

Es geht aus seinen Tagebüchern nirgends hervor, ob und wie weit Emin dieser innere Widerspruch zum Bewußtsein gekommen ist. Es kommt zwar vor, daß er sich gelegentlich im selben Briefe, sozusagen in einem Atem also, einen Türken und einen Deutschen nennt, das Bekenntnis zum Deutschtum aber fand er doch erst, als er im deutschen Schutzgebiet angekommen war.

Und doch geht es nicht an, daraus etwa den Vorwurf abzuleiten, er habe einfach sein Mäntelchen nach dem Wind gehängt. Das hätte er früher, lange vor Bagamoyo, und wirksamer tun können.

Sondern der Forscher Emin, Wissenschaftler von Natur, lebte von der Wirklichkeit abgeschlossen, wie unter einer Milchglasglocke: er sah immer nur den Schein der Dinge, nie ihr Wesen, auch wenn sie ihn nach menschlichem Ermessen noch so nah angingen. Fremder Glaube und eigner Glaube, fremder Wert und eigener Wert, fremder Tod sogar und eigener Tod – alles verlor seine Form und sein Gewicht vor diesen halbblinden Augen, die doch an einem Käfer das Flügelpünktchen, an einem Vogel das bunte Federchen zu finden wußten, das jeweils die neue Spezies ausmachte.

Die Glaubensfrage aber haben wir hier betont und werden sie weiter im Auge behalten müssen, weil an ihr schließlich Emin zerbrochen ist. –

Am 13. November 1876 fuhr Emin mit dem Dampfer, der kurz vorher Dr. Junker nach Ladò gebracht hatte, nach Chartum, fand aber Gordon, dem er nachgereist war, nicht mehr vor und kehrte am 11. Dezember wieder nach dem Süden zurück. Von den früheren Bekannten, »den Alten«, wie er sie nennt, fand er nur den deutschen Konsul, Herrn Rosset, vor und erwähnt in seinem Tagebuch schließlich noch Abder Resag Bey, den stellvertretenden Gouverneur, »einen freundlichen, zuvorkommenden Landmann (Torske – eigentlich Tscherkesse)«.

Schweitzer erwähnt, daß Emin schon am 30. April 1877 von Gordon Pascha wieder nach Chartum gerufen wurde, der ihm die Stelle eines Majordomus und Dragomans anbot. Emin bat, in seiner bisherigen Stellung als Chefarzt der Äquatorialprovinzen belassen zu werden. Gordon gewährte die Bitte, betraute ihn gleichzeitig mit einer zweiten Mission zum König Mtesa von Uganda und erlaubte ihm auch, den König Kabarega von Unjoro zu besuchen und über beide Reiche hinaus Ausflüge zu machen.

Diese Reise trat Emin am 5. Juli 1877 von Ladò aus an, traf aber, da ihm die Erlaubnis zum Überschreiten der Grenze lange nicht erteilt wurde, erst am 21. September in Mparo Njamago, der Residenz Kabaregas, ein. Seine Sprachkenntnisse, seine Gewandtheit, nicht zuletzt aber auch die reichen Geschenke, die er in Gordons Auftrag überbrachte, gewannen ihm Kabaregas Freundschaft in einem Maße, daß der Negerfürst wie der weiße Gouverneur sich noch ein Jahrzehnt später zu keiner offenen Absage aufraffen konnten, sondern einander nur insgeheim, sozusagen inoffiziell, erheblichen Tort antaten.

Hier scheint es angebracht, den in Mitteleuropa immerhin denkbaren Aberglauben zu zerstören, als seien etwa jene Negerkönige arme Wilde, nackte Heiden, und neben Glasperlen hauptsächlich mit Wollwäsche zu erfreuen gewesen. Nicht nur von Gottes Gnaden, auch nicht Gottgesandte, sondern göttlich schlechthin, hatten sie grauenhaft unumschränkte Gewalt über Leben und Tod ihrer Mitmenschen – die sie naturgemäß nicht mehr als solche empfanden. Das Gefühl der Majestät war in ihnen so vorherrschend und sie wußten es so eindringlich um sich zu verbreiten, daß sogar einem so selbstbewußten Europäer wie Stanley seine weiße Haut nicht als ganz ausreichender Schutz erschien. Die weißen Menschen waren ihnen, außer als Bringer fremdartiger Geschenke, nicht sehr wichtig, denn sie waren zu töten wie die anderen, wenn man sie erst ihrer überlegenen Waffen beraubt hatte. Diese Waffen erweckten freilich Furcht, die Majestät aber untergruben sie immer erst dann, wenn sie in einem Geiste gehandhabt wurden, der neben dem ›Töten-können‹ auch das ›Sterben-können‹ umfaßte, die beiden Pole, die wahres Herrentum begrenzen.

Baker und Gordon hatten für den Khedive tapfer gefochten; und doch: Weiße für den Khedive, Christen für den Türken – die schwarzen Majestäten hatten das Mißverhältnis gefühlt. Die weiße Idee aber, die ehrfurchtgebietende, Majestät gegen Majestät, wurde in dieses Afrika erstmalig durch deutsche Menschen getragen, durch die Kämpfer der deutschen Schutztruppe, Wißmann, Gravenreuth, Schmidt, durch Dr. Peters auch, der mit Leutnant von Tiedemann und einer Handvoll Somalis die Länder der bis dahin unüberwindlichen Massais durchzog. Helden, Krieger ohnegleichen – ihnen durften sich Krieger unterwerfen, ihnen auch wahrten sie Treue. Hier die Erklärung für den zähen, langlebigen Widerstand der Kolonie unter Lettow-Vorbeck. Den Askaris steckte von Väterzeiten her das Erlebnis des deutschen Kriegers im Blut, das ihnen noch so tapfere englische Söldner nie vermitteln konnten.

Drei Schilderungen mögen hier Platz finden, die besser als lange Erörterungen den Sinn des Gesagten erhellen; die erste von Casati: »Als Sunna, der König von Uganda, Mtesas Vater, von einer schweren Krankheit befallen worden war, wurde er sein eigener Arzt, indem er befahl, daß täglich hundert Menschenopfer zur Sühne gebracht würden, um seine Heilung zu veranlassen. Vierzehn Tage – denn so lange dauerte seine Unpäßlichkeit – sah jeder Sonnenaufgang diese schreckliche Schlächterei. Ein glückliches Geschick wollte, daß, als ihn der Tod in seine Arme zog, er kein derartiges Übermaß frommen Tuns zuließ. Als nämlich der Fürst, auf seinem Minister reitend – denn das war seine Sitte –, von einem Ritt zurückkehrend, seine Residenz betrat, fiel er, von einem Schlaganfall betroffen, zu Boden.«

Vita Hassan dagegen, der als Emins Abgesandter im Anfang des Jahres 1886 zu Kabarega, dem König von Unjoro, kam, weiß zwei Geschichten zu erzählen, die selbst für europäischen Maßstab bedeutende Herrschergaben des Negerfürsten zeigen:

»Da erinnerte ich mich, daß ich einige Zeit vorher von Hauasch verschiedene merkwürdige Holzsachen aus Mambettu, darunter die kleine rechteckige Kiste aus einem Stück Holz, erhalten hatte. Ich brachte sie Kabarega, der darüber sehr erfreut war. Als er bemerkte, daß sie aus einem Stück Holz gemacht sei, fragte er mich, ob seine Leute fähig wären, solche Arbeit nachzumachen. Ich erwiderte ihm, daß die Wanjoro keine Übung in solcher Arbeit besäßen und es ihnen schwer fallen würde, es hierin den Mambetta gleichzutun, welche die verschiedenartigsten und schwierigsten Gegenstände aus einem Stück Holz herzustellen verstünden. In wirklich künstlerischer Weise wissen sie Schüsseln, Teller, Näpfe, Untersätze und selbst die türkische Kanne mit ihrem langen und gekrümmten Halse nachzuahmen. Die Wanjoro dagegen verstehen alle Felle zuzubereiten. Dies ist ihre Spezialität, wie die Holzbearbeitung bei den Mambetta. Meine Bemerkungen erregten Kabaregas Eifersucht, der an seinen Fingern bis fünf zählte und dann sagte: ›An diesem Tage (am 5.) komme wieder her und ich werde dir zeigen, ob meine Untertanen eine ganz gleiche Kiste anfertigen können oder nicht.‹ Am fünften Tage hatten die Wanjoro unter den schrecklichsten Drohungen ihres Königs tatsächlich eine ähnliche Kiste von vielleicht noch besserer Ausführung zustande gebracht. Voll Stolz zeigte sie mir Kabarega mit den Worten: ›Wozu nützt es, König zu sein, wenn ich meine Untertanen nicht alle Dinge machen lassen kann, die ich will?‹ – ›Aber wenn du etwas verlangst, was über ihre Kräfte oder ihr Können geht?‹ – ›Da hat es keine Not, denn ich habe den Kopf nicht verloren; ich werde sie nie heißen, mir den Mond zu holen, aber wenn es sich um eine Sache handelt, die unser Vermögen nicht übersteigt, kann ich nicht zugeben, daß man vor den ersten Schwierigkeiten Halt macht.‹ Für einen Negerkönig war das verständig genug, und ich beugte mich.«

»Der Handelsverkehr in Unjoro ist dank der Tätigkeit der Sansibarer ziemlich lebhaft, welche unermüdlich, wie der ewige Jude, von der Küste nach Zentralafrika und umgekehrt wandern. Dabei herrscht in Unjoro eine gewisse Rechtlichkeit im geschäftlichen Verkehr, da der Wert jedes Gegenstandes vom Sultan selbst festgesetzt wird und fast nie variiert. Zum Beweise hierfür will ich eine Anekdote anführen, aus welcher außerdem hervorgeht, wie genau Kabarega über alle Vorgänge in seinem Gebiete unterrichtet war. Etwa einen guten Monat nach meiner Ankunft hatte ich ein Huhn gekauft und dafür 30 Muscheln bezahlt, während es nur 25 kostete. Bald darauf erschien ein Dragoman des Königs und brachte mir fünf Muscheln mit den Worten zurück: »Ein Huhn kostet nur 25 Ssimdi, während du 30 gegeben hast. Der Verkäufer hat unrecht gehandelt, und der König wird ihn bestrafen; aber er läßt dir empfehlen, bei deinen Einkäufen darauf zu achten, einen Gegenstand nie über den Wert zu bezahlen, zunächst in deinem eigenen Interesse, und sodann, um den Markt nicht zu stören.‹«

 

Nach fünfwöchigem Aufenthalte reiste Emin von Kabarega weiter zum König Mtesa von Uganda, mit dem er, nach längerem Aufenthalt in Mruli, Ende November in Ruwaga zusammentraf. An Mtesas Hofe weilte damals ein englischer Missionar, Wilson, der aber den Launen des Königs mit unverkennbarer Ängstlichkeit zu Willen war, während Emin ihnen, allerdings von Gordons Riesenschatten behütet, eine gewisse Kühle entgegensetzen konnte. Infolge einer Erkrankung schloß sich Mtesa von der Außenwelt ab, so daß Emin drei Monate auf die Erlaubnis zur Heimkehr warten mußte. Erst am 22. März brach er wieder in seine Provinz auf, reiste auf dem Wasserwege von Mruli bis Fauwera, dann über Land nach Magungo am Albertsee und kam am 21. Mai über Dufilé in Ladò an.

Dort erwartete ihn Dr. Junker, der berühmte deutsch-russische Reisende und Forscher, der während der nächsten Jahre in Emins Leben eine wichtige Rolle spielen sollte.

Dr. Junker erzählt von dem »endlosen Zeremoniell des arabischen Empfangs« und schildert dann Emin selbst: »Dr. Emin ist ein schlanker, fast magerer Mann, von etwas mehr als Mittelgröße, mit schmalem, von einem dunklen Vollbart umrahmten Gesicht und tiefliegenden Augen, welche durch die starken Kristallgläser der Brille beobachtend hervorschauen. Seine starke Kurzsichtigkeit zwingt ihn zur Anstrengung und Konzentrierung seines Sehvermögens auf die vor ihm befindliche Person, was seinem Blick einen harten, mitunter lauernden Ausdruck verleiht. Der auch malerisch interessante Kopf, in welchem sich unverkennbar eine bedeutende Intelligenz ausspricht, läßt in nichts den Deutschen vermuten; das unleugbar orientalische Gepräge desselben erleichterte Dr. Emin wesentlich die Rolle eines Türken, welche er gegenüber der Beamtenwelt und dem Volke angenommen hatte, und die er vorzugsweise in den ersten Jahren seines Aufenthalts im Sudan und den Negerländern unentwegt durchführte. An jedem Freitag sah man ihn nach der Moschee gehen, wo er die vorgeschriebenen Gebete sprach. In seiner Haltung wie in seinen Bewegungen drückt sich eine beabsichtigte, stets kontrollierte Gemessenheit aus, welche berechnet ist, würdevoll und selbstbewußt zu erscheinen.«

Inzwischen war Gordon Generalgouverneur des Sudan und zu seinem Nachfolger in Äquatoria Ibrahim Bey Fausi ernannt worden, der sich aber schwere Verfehlungen zuschulden kommen ließ, unter anderem auch dringend verdächtig war, selbst Sklavenhandel getrieben zu haben und darum sein Amt verlor und bestraft werden sollte. Als es sich darum handelte, einen passenden Nachfolger zu finden, schlug Junker Emin vor, der, wie er sagt, von Gordon nach »Einwendungen« auch ernannt wurde. Welcher Art diese Einwendungen waren, deutet Vita Hassan an, der erzählt, Gordon sei in Verlegenheit um die Wahl eines Nachfolgers gewesen und habe, als Dr. Junker ihm Emin vorschlug, zunächst brüsk abgelehnt mit der Bemerkung, Emin möge erst »seinen wahren Namen nennen und zu seiner ursprünglichen Religion zurückkehren, dann werde er ihn zum Pascha machen«. Schließlich aber habe er sich aus Empörung über Fausis Betragen, und da er sonst niemand für den Posten zur Hand hatte, herbeigelassen, Emin zum Gouverneur zu ernennen.

Schon vorher hatte sich übrigens ein kleines Mißverständnis zwischen Gordon und Emin ergeben, ebenfalls nach Vita Hassan: »In der Absicht, seine Tagebücher zu publizieren, sandte er das Manuskript an Gordon mit der Bitte, es nach England zu schicken; dieser aber schickte es ihm mit der Bemerkung zurück, daß er ihn als Arzt und nicht als Forschungsreisenden oder Gelehrten engagiert habe.«

Immerhin: 1878 wurde Emin mit dem Titel eines Bey zum Gouverneur von Äquatoria ernannt, oder, wie sein arabischer Titel lautete, zum » Mudîr umûm bilâd Chatt-el-Estiwa«.

Es ist sicher nicht Gehässigkeit (die ja auch dem gutmütigen Apotheker gar nicht lag), was Vita Hassan zu der Feststellung veranlaßt, Emin sei zum Gouverneur ernannt worden, weil Gordon »sonst niemand für den Posten zur Hand hatte«. Nach allem, was wir über die Sachlage wissen, war vielmehr tatsächlich dieser Beweggrund entscheidend. Trotzdem ist es so gut wie gewiß, daß Emin seine Ernennung nicht als Glückszufall, sondern als verdienten Erfolg aufgefaßt, daß er vor allem nie begriffen hat, wie sehr er von Gordons Größe zehrte.

Die Tätigkeit, die er als Gouverneur von Äquatoria entfaltet hat, wird von seinen Bewunderern stets als stärkstes Beweismittel für Emins überragende Bedeutung angeführt. Wieviel fromme Übertreibung dabei mit unterlaufen ist, mag unter vielen nur ein Beispiel zeigen. Professor Schweinfurth stellt seiner Sammlung von Emins Briefen ein Zeugnis des schottischen Missionars Felkin voran, das in den Sätzen gipfelt: »Große Bezirke hatte er an seine Provinz angeschlossen, was er nicht mit Waffengewalt, sondern durch persönliche Überredung erreichte. Dazu muß noch der Anbau von Baumwolle, Indigo, Kaffee, Reis, die Einrichtung einer regelmäßigen, wöchentlichen Post in seinem Gebiete, der Neubau fast sämtlicher Stationen, der Bau besserer, dauerhafterer Straßen und die Besorgung des Gütertransports durch Ochsen gerechnet werden.« Bei der Besprechung der Verhältnisse in Äquatoria, um Neujahr 1885, die mit den Worten beginnt: »Während jener ganzen Zeit, früher wie später, verließ Emin Bey Ladò niemals …«, stellt aber Junker nachdrücklich fest: »Wie Gordon und Gessi Pascha, verfolgte auch er die edelsten Ziele, und sein sehnlichster Wunsch war die Hebung, das glückliche Gedeihen des Landes; leider mußten auch bei ihm die Erfolge hinter seinen Erwartungen zurückbleiben; manches blieb bei bester Absicht nur Projekt, andrerseits aber wurden kurze Erfolge allzu optimistisch für dauernde gehalten. Dadurch allein wird es auch erklärlich, daß von anderer Seite ungenaue Berichte über die Verhältnisse der Provinz in die Welt gingen, wobei die ersten Versuche, bessere Kulturverhältnisse anzubahnen, als bereits erzielte Erfolge dargestellt wurden, Versuche, die nichts weniger als wirkliche Erfolge waren. So sind z. B. der Anbau von Indigo, Kaffee etc., die Anlegung besserer, dauerhafter Straßen, der Verkehr durch Kamele und gar der Gütertransport durch Ochsen – von alledem wurde ja berichtet – aus dem Stadium der Projekte oder bescheidenen Anfänge doch wohl nicht herausgekommen.«

Schon ein kurzer Blick zeigt, daß Junker bei den »ungenauen Berichten von anderer Seite« eben die Zeilen Felkins im Auge gehabt haben muß, auf die sich Schweinfurth beruft.

Ganz abgesehen davon bleibt festzuhalten, daß Emin, kaum ernannt, sich in ausgesprochenen Gegensatz zu Gordon gestellt, und daß der Enderfolg ihm Unrecht und also doch Gordon Recht gegeben hat. Diese Eigentümlichkeit, dem unmittelbaren Zugriff des Vorgesetzten entrückt, den eigenen Kopf aufzusetzen, steckte, wie wir in der Vorgeschichte gesehen haben und im folgenden noch mehrfach sehen werden, tief in Emins Wesen, mochte im allgemeinen Schlendrian türkischer Verwaltung hingegangen sein, führte aber hier, wo er sehr bald, allerdings ohne es zu ahnen, wirklich auf sich gestellt war, zu vernichtenden Folgen.

Gordon nämlich, der die Eroberung der Provinz für Ägypten vollendet hatte, und als Heerführer die vorhandenen Machtmittel zu werten wußte, hatte, um der Kräftezersplitterung vorzubeugen, nicht nur die Gründung neuer Stationen untersagt, sondern sogar die Räumung schon bestehender befohlen. Jede Station nämlich war bei den vielen kaum unterworfenen Stämmen ein Pfand, das die Regierung jeden Augenblick einzulösen haben konnte. Schwach besetzt, mußten die Stationen unwirksam bleiben, konnten sogar überrannt werden und dann kostspielige Strafexpeditionen nötig machen; auch mußte notwendig selbst schwache Besetzung immer neuer Stationen die Truppenreserven der Provinz aufbrauchen. Eine starke Besetzung aber verbot sich von selbst, angesichts der zur Verfügung stehenden Truppenzahl. Wenn also Schweitzer einerseits zugibt, daß Emins »rein militärische Talente wahrlich nicht hoch anzuschlagen sind«, andrerseits aber betont, daß Emin damals in der Äquatorialprovinz fünfzig Stationen sein nannte, deren drei von Sir Samuel Baker, zwölf von Gordon stammten und die übrigen von Emin, so beweist er damit wahrhaftig nichts für Emin. Emin hatte nicht nur selbst keine militärischen Talente, es fehlte ihm vor allem der Sinn für die unerhörte Wichtigkeit eben dieser Talente in einer neu eroberten Provinz. Das geht aus seinem Verhalten gegen seine besten Offiziere zur Genüge hervor, am eindeutigsten aus der Geschichte von Belagerung und Fall der Feste Amadi, auf die wir noch zu reden kommen werden. In reinem Beamtenehrgeiz »dehnte er seine Provinz weiter aus«, ohne sich sonderlich mit der Frage zu beschweren, wie das Neuland zu halten sein würde.

Darüber wäre es fast zum Bruch mit Gordon gekommen, der Gessi Pascha beauftragte, von Bahr-el-Ghasal nach Äquatoria zu gehen und die Räumung durchzuführen, während er Emin gleichzeitig zum Gouverneur von Suakim ernannte. Sein altes Glück rettete Emin: noch bevor die beiden Befehle durchgeführt werden konnten, trat Gordon, 1879, zurück, und sein Nachfolger Reûf Pascha ließ alles beim Alten, sei es, weil er den Glaubensgenossen Emin schonen wollte, sei es, weil er die Lage anders beurteilte, sei es, weil er sie überhaupt nicht beurteilen konnte.

Vorweggenommen sei hier, daß es ebenfalls unberechtigte Stationsgründung war, was Emins Dienstverhältnis zur Kolonie Deutsch-Ost ein Ende machte.

Bevor wir diese Betrachtung der Maßnahmen Emins vom militärischen Standpunkte aus schließen, mag noch der Beiname erwähnt sein, dessen er sich, nach Junker, bei den Negern zu erfreuen hatte. Sie nannten ihn »Abû nadara – Vater oder Urbild der Brille«, eigentlich »des Spiegels«, wohl auch: »Abû arbâ – Vater der Vier« (nämlich der vier Augen).

Daß die Beinamen des Negers für den Weißen fast immer genau überlegt und treffend gewählt sind, mag unter vielen anderen der Beiname »Bulamatari«, das ist »Felszertrümmerer«, »Steinbeißer«, beweisen, der Stanley verliehen wurde.

»Vater der Brille« dagegen ehrt den Arzt, ehrt den Forscher – den Krieger ehrt es nicht.

 

Am 1. Januar 1880 vertraute Emin seinem Tagebuch die Besorgnis an, daß er wegen seiner wissenschaftlichen Arbeiten abberufen werden könnte, »die verschiedenen Persönlichkeiten höchst unangenehm waren«. Auch diese Befürchtung zerstreute wohl Gordons Rücktritt, und kurz darauf konnte Emin im »Esploratore«, der Zeitschrift des Kapitäns Manfredo Camperio, eine zusammenfassende Schilderung der wirtschaftlichen Verhältnisse in Äquatoria veröffentlichen. Diese Arbeit zeugt von genauer Kenntnis von Land und Leuten, die sich Emin bei seinen vielen Reisen kreuz und quer durch die Provinz mit größter Gründlichkeit erworben hatte. Sie zählt alle Erzeugnisse des Landes auf, nennt Möglichkeiten zu ihrer Verwertung, weist neue Wege zur Nutzbarmachung der Ländereien.

Um angesichts so manchen harten Urteils, das im Vorhergehenden schon gefällt wurde, jedes mögliche Mißverständnis auszuschließen, sei hier nochmals betont, daß Emin als Verwaltungschef eines gründlich unterworfenen Gebiets, mit allen Geld- und Machtmitteln eines geordneten Staatswesens hinter sich, zweifellos Hervorragendes geleistet hätte. Seine organisatorischen Erfolge unter Verhältnissen, die wesentlich ungünstiger gelagert waren, verdienen natürlich doppelt Anerkennung, nur waren sie eben – und hier beginnt die Tragik – vielfach verfrüht oder überhaupt fehl am Ort. Und wenn vielleicht manchen hier zu viel von Emins tragischen Versäumnissen, zu wenig von Emins Leistungen die Rede ist, so sei zunächst daran erinnert, daß Emins Leistungen neuen Lobes nicht zu bedürfen scheinen und daß ferner nur diese Leistungen zur Tragik werden lassen, was sonst blanke Lächerlichkeit sein müßte. Hierher gehört die Tatsache, daß zur Zeit, als Casati in Kibiro in Todesgefahr auf den Regierungsdampfer wartete, dieser Dampfer nicht kam, weil er weit nilabwärts eben auf Glanz frisch lackiert wurde. Hierher auch die andere, daß 1887, als nebst vielem anderen vor allem schon Pulver knapp zu werden begann, Emin in seinem Tagebuch erwähnt: »Ein neuer Fund! Ein hiesiger Soldat schnitzte sehr hübsche Löffel, gerade so, wie sie überall im Dienste gebräuchlich sind, und da bei uns Metallöffel jetzt selten werden, so kann uns dieser Künstler Dienste leisten. Ich habe sofort drei Dutzend Eßlöffel und ein Dutzend solche für die Küche bestellt. Jetzt will ich versuchen, einen Drechselapparat zu konstruieren, und dann Kaffeetassen aus Hippopotamus-Zähnen drechseln lassen.«

Cortez in Mexiko hatte sich dreieinhalb Jahrhunderte früher seinen Pulvervorrat selbst ergänzt, indem er den Schwefel dazu vom Krater des Popocatepetl herunterholen ließ. Sogar die Mahdisten in Omdurman versuchten sich bei Kitcheners Nahen in der Herstellung von Schießpulver.

 

Im Sommer 1880 unternahm Emin von Ladò aus eine Reise nach Makraka, die hauptsächlich der naturwissenschaftlichen Forschung galt, doch frühzeitig abgebrochen werden mußte, da Emins Vertreter in Ladò sich den beginnenden Verwicklungen gegenüber nicht zu helfen wußte.

Am 17. bis 22. August bemerkt Emin in seinem Tagebuch: »Reiche Post. Von Bahr-el-Ghasal unabhängig ernannt und zur Errichtung von Stationen Erlaubnis erhalten. Nun soll es endlich vorwärts gehen.«

Und es ging vorwärts. Schon am 25. September brach Emin abermals von Ladò auf, ging auf dem Landwege nach Redjaf, von dort bis gegen Bedden. Nach Ladò zurückgekehrt, drang er von da aus in die Landschaften Latuka und Schuli, östlich vom Weißen Nil, vor. Am 28. November 1880 schreibt er an Konsul Hansal nach Chartum: »Vom Sultan Mbio, der nun seit achtzehn Jahren als unzugänglich galt, ist mir eine freundliche Einladung zugekommen und ich beabsichtige, selbe auch zu benutzen, da der Elfenbeinreichtum dieses Niam-Niam-Herrschers beinahe proverbial geworden ist und die Anbahnung freundlichen Verkehrs mit den Chefs mir stets am Herzen lag.«

Dann wird der Bau von neuen Stationen in Loggo, zweier anderer in Latuka und der Plan einer dritten in Berri erwähnt, desgleichen der beabsichtigte Bau von Fatango. Aus Fadibek berichtet Emin: »Das Gouvernement besaß hier früher eine blühende und gut gelegene, gesunde Station (die Höhe von Fadibek beträgt über dreitausend englische Fuß); als aber Gordon Pascha, um Ersparnisse zu machen, die Auflassung aller südlichen Stationen anordnete, mußte auch sie verlassen werden, obgleich ihre Erträge an Elfenbein die jährlichen Kosten weit überstiegen.«

Wir haben schon gesehen, daß Gordon die Gründung und Erhaltung von Stationen eben nicht vom geschäftlichen, sondern vom militärischen Standpunkt aus beurteilte. Emin war anderer Ansicht. Fadibek wurde neu gegründet, desgleichen die Station Fauwera.

Am 14. Januar 1881 traf, von Kairo aus zum Apotheker im Sudan ernannt, Vita Hassan, ein Tunesier, in Ladò ein. Er blieb nicht lange Apotheker; Emin verwendete ihn sehr bald schon im Verwaltungsdienst, ließ ihm gelegentlich erstaunlich freie Hand und hörte schließlich sogar in rein militärischen Angelegenheiten auf seinen Rat.

Die Beziehungen Emins zu Hassan erreichten rasch einen Grad von Wärme, der über das übliche Verhältnis gerade dieses Vorgesetzten zu seinen Untergebenen weit hinaus ging. Vita Hassan nannte sich selbst einen Europäer, fühlte sich stets als Weißer und wurde von Emin auch demgemäß behandelt. Auf den Reisen des Jahres 1881 ließ sich Emin fast durchwegs von Hassan begleiten.

Im Sommer des Jahres 1881 kamen beunruhigende Nachrichten von Dr. Junker nach Ladò, der, nachdem er den vielumstrittenen Flußlauf des Uëlle erforscht hatte, nun unter den Eingeborenen festsaß und fast sein ganzes Gepäck eingebüßt hatte. Dr. Emin teilte ihm mit Briefen vom 12. August und 10. September mit, daß er den Kapitän Hauasch Effendi beauftragt habe, alle zum Schutze des Forschers nötigen Maßregeln zu ergreifen.

Der genannte Kapitän betrachtete diesen Befehl als Vollmacht zu Kriegszügen, die über den ursprünglichen Zweck – Dr. Junkers Schutz – allerdings weit hinausgingen. Doch bekam der Forscher sein Gepäck zurück und richtete, hocherfreut darüber, einen Brief an Emin, in dem er die Verdienste des Kapitäns nachdrücklich hervorhob und ihn zur Beförderung empfahl. Leider traf zur gleichen Zeit bei Emin ein Schreiben des italienischen Forschungsreisenden Casati ein, der Hauasch einer Reihe von Schandtaten bezichtigte und über ihn, als Mann wie als Soldaten, ein vernichtendes Urteil fällte.

Emin half sich, indem er die beiden einander widersprechenden Briefe nach Chartum sandte; dort fand wohl Dr. Junkers Brief mehr Glauben, denn Hauasch Effendi wurde befördert. Das hinderte Emin nicht, am 25. Dezember an Junker zu schreiben: »Hauasch Effendi ist auf meine Bitte zum Saghkol Aghassi befördert worden (Adjutant Major), da er bisher nur Kapitän gewesen. Bitte, ihn zu verständigen.«

Die Urteile über Hauasch gehen so weit auseinander, daß es tatsächlich schwer ist, ein einheitliches Bild von ihm zu gewinnen. Für Casati ist und bleibt er ein grausamer Schurke, fast ein Mörder; Junker erhält seine ursprünglich günstige Meinung zumindest nicht aufrecht, Vita Hassan aber nennt sich mit Stolz seinen Freund und weiß fast nur Gutes von ihm zu erzählen. Emin selbst hat ihn sehr ungleich behandelt, abgesetzt und verbannt, in Gnaden wieder aufgenommen, ihm in der Mahdizeit große Selbständigkeit eingeräumt und ihn schließlich gegen die meuternden Truppen doch nicht halten können.

Wenn auch fraglos nicht eben ein Mann mit weißer Weste, so besaß Hauasch doch gewiß große Tatkraft, mit Strenge und Ordnungsliebe gepaart. Stanleys Offizier Mounteney Jephson zum Beispiel konnte sich über die musterhafte Ordnung in des Majors Station Dufilé nicht genug verwundern. Unter straffer militärischer Führung hätte Hauasch, wenigstens als Soldat, sicherlich wertvolle Dienste leisten können. Doch für Soldaten fehlte Emin die Hand.

 

Der Herbst 1881 führte Emin nach Rohl. Dort verweilte er längere Zeit in der Station Bufi, einem Knotenpunkt des Sklavenhandels, und nahm den Händlern die Sklaven hundertweise ab. Seine Berichte atmen Haß und Verachtung gegen die »Danakil« (Dongolaner = Sudan-Araber). Er schreibt davon, daß es keiner großen Mühe bedürfte, »um dies Pack samt und sonders totzuschlagen«. Im selben Zusammenhang erwähnt er aber auch, daß, solange Bachit Bey in Makraka hause, dort keine Ordnung möglich sei. Auf diese Bemerkung werden wir sofort zurückzugreifen haben.

Von Bufi ging Emin nach Station Ajak, erhielt aber unterwegs die Nachricht, daß die dortigen Danakil, um ihre Stammesbrüder von Bufi und Makraka zu rächen und sich selbst vor ähnlichem Unheil zu bewahren, ihn bei der Parade erschießen wollten. Emin ging nach Ajak, hielt die Parade ab, blieb zwei Wochen in der Station und wurde nicht behelligt. Persönlich feige war er nicht – persönlich mutig ebensowenig. Die Begriffe Tod und Gefahr hatten keinen Platz in seinem Kopf. Auch war sein Maß noch nicht voll – die Messer gekränkter Glaubensgenossen sollten ihn erst später treffen.

 

Die Erwähnung Bachit Beys im Tagebuch bietet die Veranlassung, uns mit dem Schicksal dieses Offiziers näher zu befassen. In dem schon früher erwähnten Briefe vom 25. Dezember, in dem auch von Hauasch die Rede war, schrieb Emin über ihn an Junker: »Bitte recht herzlich, ein Auge auf Bachit Bey zu richten, mit dem ich durchaus unzufrieden bin und den ich nur faute de mieux gesandt habe.«

Mit diesem Urteil über Bachit Bey steht Emin allein. Denn Junker erwähnt ihn wiederholt mit Achtung, Casati nennt ihn: »einen Mann von steifem Nacken, aber von erprobter militärischer Tüchtigkeit«, und auch Schweitzer weiß nur Gutes über ihn zu berichten.

Im Frühjahr 1882 weilte Emin mehr als drei Monate in Chartum, um sich Abd-el-Kader Pascha, dem neuen Generalgouverneur, vorzustellen. Als »Ergebnis« dieser Reise nennt Schweitzer die Abberufung Nur Bey Mohammeds, des bisherigen Oberbefehlshabers der Truppen in Äquatoria, und Bachit Bey Batrakis, des Chefs von Makraka. wenn er aber hieran einige bittere Betrachtungen knüpft, wie z. B.: »Während also der neue Generalgouverneur, der die Dinge im Sudan zu überblicken kaum in der Lage war, dem Gouverneur der Äquatorialprovinz zwei tüchtige Offiziere nahm, überwies er Emin zugleich ein Dutzend andere ägyptische Offiziere, deren Zuverlässigkeit und Treue sich erst kurz vorher so schlecht wie möglich bewährt hatte«, oder: »Soweit sich übersehen läßt, erfolgte diese Abberufung sehr gegen den Willen Emins, der damit zwei erfahrene Offiziere verlor, was in dem Augenblick, wo neue Unruhen drohten, doppelt empfindlich sein mußte«, so ist das um so schwerer verständlich, als gerade Schweitzer die oben angeführten Stellen in Emins Tagebuch und in seinem Brief an Junker abdruckt. Bei dieser Gelegenheit macht Schweitzer auch einen Ausfall gegen Vita Hassans Glaubwürdigkeit, den er aber sonst nicht ungern zitiert.

Bei Emin selbst findet sich kein Wort des Bedauerns über den Verlust des tüchtigen Obersten, die Stelle in seinem Brief an Junker vom März 1883: »Ich selbst sitze hier und erwarte nun seit 8 Tagen die Träger von Makraka, wo jetzt als Chef Ibrahim Aga (von Kabajendi) installiert ist. Bachit Bey ist ohne Sang und Klang nach Chartum gesandt worden«, spricht gewiß weit eher von Freude als von Schmerz. Die Frage gewinnt an Bedeutung dadurch, daß während Emins Besuch in Chartum der Mahdiaufstand schon über seine Anfänge hinaus war – Reûf Pascha war ja wegen der Niederlage Bachit Beys gegen den Mahdi abgerufen und durch Abd-el-Kader ersetzt worden. Emin schrieb darüber an Professor Dr. Schweinfurth: »Sie kennen die Geschichte vom ›Mahdi‹ Mohammed Achmed, und wie es ihm gelungen ist, Anhänger zu finden und zuletzt sogar den Mudir von Faschoda, der, ein guter Mann, aber ein schlechter Soldat, mit Vernachlässigung auch der gewöhnlichsten Vorsichtsmaßregeln gegen ihn auszog, mit beinahe all seinen Leuten einfach niederzumetzeln. Solcher Erfolg nun ermutigte den Urheber der ganzen Tragikomödie, nach allen Richtungen Boten zu senden und den Araberstämmen aufzugeben, sich ihm anzuschließen, da die Zeit gekommen sei, die ›Türken‹ aus dem Sudan zu verjagen. Der Funke zündete, und an verschiedenen Orten zugleich brachen Unruhen und Aufstände aus. – Wären zu dieser Zeit überhaupt Truppen zur Verfügung gestanden, so wäre es leicht gewesen, die Situation zu meistern – leider hatte man sich in Chartum nicht genügend vorbereitet, und so geschah es.« Wenn Emin also für den Mangel an Vorbereitung in Chartum ein Auge hatte, so hätte er, da er ja auch sonst mit Kritik an den Maßregeln seiner Vorgesetzten nicht sparsam war, gewiß Worte lebhafterer Ablehnung gefunden, falls die Abberufung des Obersten wirklich gegen seinen Willen erfolgt wäre und, vor allem, falls er sie in ihrer Tragweite überhaupt begriffen hätte.

Ganz entgegen Schweitzers Meinung scheint uns Vita Hassan mit seiner Darstellung des Falles doch Glauben zu verdienen, dies um so mehr, als er durch Casati maßgebend unterstützt wird. Der Apotheker nämlich führt Bachit Beys Sturz auf die Einflüsterungen eines gewissen Ibrahim Gurguru zurück, eines Danagla (Nubo-Arabers), der damals bei Emin hoch in Gunst stand und dem tüchtigen Obersten seine schöne Stellung neidete. Zwischen den fast durchwegs aus Nubo-Arabern, also Mohammedanern, gebildeten Chutarije (Miliztruppen) und den regulären, meist heidnischen Negersoldaten bestand übrigens seit jeher eine scharfe Spannung. Das allein hätte Emin gegen die Verdächtigungen mißtrauisch machen sollen, die ein Araber gegen einen Negeroffizier vorbrachte. Doch Emin lieh Zwischenträgern allzu gerne und allzu leicht sein Ohr, in diesem Falle wohl doppelt leicht, da der Zwischenträger »Rechtgläubiger« war.

Bachit Bey war einer der alten Offiziere, die noch unter Baker und Gordon bei der Eroberung der Äquatorialprovinzen mitgekämpft hatten. Der Abschied von dem Lande, das seine Mannestaten gesehen und dem durch Jahrzehnte sein Wirken gegolten hatte, mag dem Obersten schwer gefallen sein. Die Abberufung aus der freien Selbständigkeit seiner Außenstellung, aus stetem Kleinkrieg, Beutezügen, Scharmützeln, nach Chartum mit seinem Gamaschendienst, kam ja auch einer Strafversetzung ziemlich gleich. Doch der Oberst, alter Kriegssoldat, wußte zu gehorchen. Er brach, verbittert oder nicht, von Makraka auf und zog nach Ladò, um dort den Dampfer nach Chartum zu nehmen. Daß er mit Frauen, Kindern, Dienerschaft und allem Hausrat und Gepäck nicht ohne bewaffnete Begleitung durch die Gebiete aufrührerischer Negerstämme ziehen konnte, lag auf der Hand. Sein Widersacher Ibrahim aber, nicht zufrieden, den Obersten aus der Befehlsstelle verdrängt zu haben, wollte ihm an der Ehre schaden und redete Emin vor, Bachit Bey habe sich empört und ziehe nun mit bewaffneter Macht gegen Ladò, um sich die Stadt, wohl auch die Provinz zu unterwerfen. Ein Gerede, das nach Lüge stank – denn abgesehen von dem geradsinnigen Wesen des Veteranen, das Empörung ausschloß, war ein Handstreich auf Ladò zu handgreiflich unsinnig, als daß man ihn einem gesunden Hirn hätte zutrauen dürfen. Emin aber glaubte der Verleumdung und betraute den Verleumder sogar mit der Aufgabe, den angeblichen Aufruhr zu unterdrücken und den Aufrührer gefangen zu nehmen. Dabei schnitt nun Ibrahim Gurguru, und in seiner Person auch die Regierungsgewalt, die sich vorschnell hinter ihn gestellt hatte, jämmerlich schlecht ab. Im Kreise seiner Truppe – lauter Kriegssoldaten, die ihrem tapferen Führer blind ergeben waren – empfing der Oberst den Sendboten der Regierung, der mit hundert Irregulären ankam, und sagte ihm den Zweck seines Kommens verachtungsvoll auf den Kopf zu: »Sie kommen, um mich nach dem Befehl des Mudirs tot oder lebendig gefangen zu nehmen? Als Empörer? – Wenn ich das wäre – glauben Sie dann, daß Ihre hundert Chutarije mich einschüchtern würden? – Daß ich nicht Sie und Ihre Handvoll Leute in einem Augenblick vernichten könnte? – Nein, ich bin ein alter Soldat und kenne meine Pflicht – gehen Sie und melden Sie das dem Mudir!« Und Ibrahim Gurguru ging, ohne die Ausführung seines Auftrags auch nur versucht zu haben. Und meldete es Emin. Und wurde an Bachit Beys Stelle zum Verweser des Bezirkes Makraka ernannt. Und war der erste von Emins Unterführern, der offen zum Mahdi überging!!

Das Gerücht von der angeblichen Empörung Bachit Beys hat wohl auch Casati erreicht, der aber, obwohl er sonst in Fragen der Disziplin scharf urteilt, sich diesmal sogar auf die Seite des vermeintlich Schuldigen stellt. Er rühmt die »achtenswerten kriegerischen Tugenden«, die den Obersten bei seinen Soldaten so beliebt gemacht hatten, gibt zu, daß der Offizier die Rolle nicht dulden konnte, die man ihn, »einem erfahrenen und berüchtigten Sklavenhändler gegenüber, wie Ibrahim es war, spielen ließ« und stellt schließlich fest, daß Bachit »geschlagen und besiegt nach Chartum geschickt wurde«.

Vita Hassan behauptet, daß er in der Erkenntnis, wie wichtig kriegserfahrene Offiziere dem unkriegerischen Gouverneur sein mußten, alles getan habe, um die beiden der Provinz zu erhalten, damit aber bei Emin nicht durchgedrungen sei. Den Grund sieht er im Charakter des Mudirs, von dem er bei dieser Gelegenheit folgendes Bild entwirft: »Emin ist ein Mann, der stets in den Schatten gestellt zu werden befürchtet. In hohem Grad eifersüchtig auf seine Macht, die er ungeteilt besitzen will, ist er argwöhnisch gegen jedermann. Er will stets kleine Untergebene haben, und wenn einer von ihnen sich um einen Millimeter erhebt, wird er sofort der Gegenstand seines Mißtrauens: er sucht ihn dann zu entfernen, oder, wenn das nicht möglich ist, ihm Schwierigkeiten zu bereiten und Intrigen anzuzetteln und ihn so mit den andern Beamten zu entzweien, damit er nicht mehr zu fürchten ist.« Dies Urteil über einen hohen Verwaltungsbeamten könnte vernichtend scheinen – aber Emin war ja eben kein »Staatsdiener«, etwa im friderizianischen Sinne. Seinem Wirken und Denken fehlte der Hintergrund und Nährboden der » res publica«, des Gemeinwesens, er fühlte sich als losgesprengter Weltkörper in einem fremden Kosmos. Dies auch die Erklärung dafür, wie verschieden er oft – verschiedenen Leuten gegenüber allerdings – über die gleiche Frage urteilen konnte.

Wir haben im vorigen Abschnitt gezeigt, daß der Brennpunkt, zugleich aber auch die wunde Stelle der ägyptischen Eroberung des Sudans die Aufhebung der Sklaverei war. Die Haltung der ägyptischen Regierung war keine klare. Daran Kritik zu üben, konnte einem hohen Beamten dieser Regierung gestattet sein – nur dann allerdings, wenn er für sich die Frage mit Ja oder Nein entschieden und so dem Schwanken der Regierung die eigene klare Einstellung entgegenzusetzen hatte.

Das aber war Emins Sache nicht. Als europäisch geschulter Gelehrter hielt er, von Menschheitsidealen erfüllt und von Erwägungen über ihre Durchführbarkeit nicht sonderlich belastet, an dem papiernen Leitsätze fest, die Befreiung der schwarzen Menschenbrüder sei Ehrenpflicht der weißen Rasse.

Als Moslem – wenn auch, wie wir gesehen haben, sein Mohammedanertum eher ein politisches als ein religiöses Glaubensbekenntnis war – als Moslem also mußte er die Sklaverei, in bestimmten Formen wenigstens, nicht nur gelten lassen, sondern er ließ sie sogar in seinem eigenen Hauswesen gelten. Die Mutter seiner Tochter und Erbin Ferida war eine abessynische Sklavin.

Als »altem Afrikaner« aber, der Jahre lang Nilwasser getrunken hatte, war ihm die praktische Undurchführbarkeit der schönen Theorie von der Aufhebung der Sklaverei geläufig; er nahm gegen allzu krasse Auswüchse des Menschenhandels gelegentlich sehr energisch Stellung, war aber sonst gerne bereit, eines oder beide Augen zuzudrücken.

Diese Dreiheit seines Wesens zeigt sich u. a. besonders klar in drei Briefen aus dem Frühjahr 1882.

Am 21. April schreibt er an Professor Schweinfurth, aller Hoffnungen und hohen Lobes voll, über die »wichtigste, weil humanitäre Tätigkeit in der Sklavenfrage« und wünscht dem neuen Minister des Sudans »den Erfolg, den er anstrebt, und die Sympathien der Welt«.

Am 18. Mai beklagt er dem Kapitän Camperio in Mailand gegenüber das »unerträgliche Durcheinander« und fährt fort: »Sie wissen, daß es die Regierung für gut befunden hat, die Sklaverei im Prinzip abzuschaffen, und daß jeder Sklave, der in Zukunft seine Freiheit verlangt, sie auch ohne Verzögerung erhält. Überlegen Sie einmal die Tragweite eines solchen Vorgehens im Lande, wo jedes Haus voll mit Sklaven beiderlei Geschlechtes ist.«

Um die gleiche Zeit etwa teilt er endlich auch Dr. Junker, wie früher schon Professor Schweinfurth, die Ernennung Giegler Paschas zum Chef der neugeschaffenen Abteilung zur Unterdrückung des Sklavenhandels mit, fügt aber diesmal kein überschwengliches Lob, sondern die zweifelsschweren Sätze an: »Wie sich die Verhältnisse im Sudan nun gestalten werden, ist mir unklar, auch eine Beurteilung der Chartumer Maßregeln mir unmöglich. Peccatur extra muros et intra.«

Aus dem letztgenannten Briefe ist auch noch die Schilderung des beginnenden Mahdiaufstandes wegen ihres geradezu leichtfertigen Tones bemerkenswert. Emin brauchte durchaus nicht vom Hörensagen zu urteilen, da er, als er an Junker schrieb, eben erst von Chartum nach Ladò zurückgekehrt war. Er nennt aber Mohammed Achmed, den Mahdi, fortgesetzt den »Fakir« und spricht in durchaus wegwerfendem Tone von törichten Regierungsmaßnahmen zu seiner Unterdrückung. Diese Kritik an der Chartumer Regierung ist es, die Emin, für jeden billig Denkenden, der Entschuldigung beraubt, er habe die spätere Ausdehnung des Mahdiaufstandes nicht ahnen können. Tatsächlich hat er sich zwei Jahre später viel unvorbereiteter überraschen lassen, als es bei einigem Scharfblick erlaubt gewesen wäre.

 

Am 16. März 1883 traf der Dampfer Talahani in Ladò ein und brachte neben anderen auch Nachrichten über die zunehmende Ausdehnung des Mahdiaufstandes; tatsächlich war dieser Dampfer der letzte, der den Weg von Chartum nilaufwärts fand. Emin aber scheint blind und taub für das nahende Schicksal. Ein Brief, den er am 14. April, also kurz nach Eintreffen des Dampfers, an Junker über die Lage schreibt, zeigt den gleichen unbekümmert spöttischen Ton wie andere vorher: »Aus den Zeitungen werden Sie ersehen, was in der Welt vorgegangen ist; wie die Ägypter unter Arabi Pascha Krieg gespielt haben und die Engländer ihnen auf die Finger geklopft haben; wie sie den Suezkanal forciert und die ägyptische Armee aufgelöst, wie sie Alexandrien bombardiert (Schweinfurth war daselbst) und zu guter Letzt sich in Ägypten häuslich niedergelassen haben, auch keine Miene machen, wieder wegzugehen. War doch der Khedive selbst während des Bombardements an Bord eines englischen Schiffes.«

Abgesehen davon, daß die letzte Behauptung handgreiflich falsch war, klingt die völlige Teilnahmslosigkeit der Anfangssätze im Munde eines Mohammedaners und ägyptischen Beamten nicht sonderlich erfreulich. Die nachfolgende Schilderung über den Stand der Mahdibewegung steht ungefähr auf gleicher Höhe. Auch die Nachricht, daß der Aufstand zum Teil schon auf den Bahr-el-Ghasal, seine Nachbarprovinz, übergegriffen habe, gibt Emin völlig unbeteiligt weiter. Trotzdem er daran einige recht absprechende Bemerkungen über Lupton Bey, den Gouverneur von Bahr-el-Ghasal knüpft, der Jahre vorher Emins Untergouverneur gewesen war, läßt er eine zwei Tage später dem gleichen Schreiben angefügte Nachschrift mit den Sätzen beginnen: »Sie irren sich, wenn Sie voraussetzen, daß ich über die Vorgänge am Ghasal besser unterrichtet bin als Sie: seit Monaten fehlen mir alle Nachrichten, und ich kann mich nur über Lupton wundern, der doch hier Verwaltung gelernt haben sollte. Er ist übrigens am Ghasal das fünfte Rad am Wagen.«

In völliger Verkennung der Sachlage aber und unfähig die Gefahr zu begreifen, die von Bahr-el-Ghasal her seiner eigenen Provinz drohte, ging Emin, nachdem der Dampfer am 14. April 1883 Ladò verlassen hatte, mit Casati, der aus Mombuttu zu Besuch gekommen war, dahin zurück, besetzte auf dem Wege die Station Tandia neu und gründete im Dungulande zwei neue, Mundu und Dungu. Welche Kräftezersplitterung darin lag, blieb ihm immer noch verschlossen.

Knapp vor der Abreise richtete er an Junker einen Brief, in dem er die Zustände im Bahr-el-Ghasalgebiete als »nicht gerade erquickliche« bezeichnet, die Hoffnung ausspricht, daß Ssatti Effendi, »dieser zweizüngige Bursche«, wie er ihn nennt, »irgendwo umgebrungen worden ist« und schließlich auch erwähnt: »Slatin ist zweimal verwundet worden, lebt aber.« Wußte er von Slatins Verwundungen, so mußte er auch von den schweren Kämpfen wissen, in denen er sie erhalten hatte. Wenige Zeilen später klingt es auch wie Selbstbesinnung auf: »Es ist mir manchmal schon in den Sinn gekommen, wie es denn werden würde, wenn der Mahdi, weil es im Norden schief ginge, sich in das Ghasalgebiet würfe. Danagla gibt es ja dort von der besten Qualität, und Waffen und Munitionen und Sklaven … doch man soll den Teufel nicht an die Wand malen.«

Doch es ist keine Selbstbesinnung, nur ein Spiel mit Worten. Denn unmittelbar darauf geht er auf ganz andere Themen über, erwähnt, daß er Gambari »die Nägel etwas beschnitten habe«, demselben Gambari, von dem er fünfviertel Jahre zuvor, ebenfalls an Junker, geschrieben hatte: »Gambari, der Chef von Kubbi, ist jetzt hier und kehrt in seine Heimat zurück; er ist gut und gefällig.«

Dann aber folgen einige Sätze, die sich nicht ohne Schauer lesen lassen, denn sie zeugen von einem Maß von Verblendung, das kein Tragödiendichter seinem Helden ohne weiteres zuteilen dürfte: »Uando ist eingeladen, sich äußerst ruhig zu verhalten, ich sende jetzt hundert Mann Truppen dorthin zur Errichtung neuer Stationen gegen die Kongoecke zu. Es wäre mir unlieb, Herrn Stanley in kürzester Zeit auf dem Hals zu haben. So wollen wir das Praevenire versuchen.«

Von eben jener Kongoecke aus drang nämlich tatsächlich wenige Jahre später Stanley zum Entsatze Emins nach Äquatoria vor.

Während so Emin seine Provinz immer »weiter ausdehnte«, erhoben sich im Distrikte Rohl die Dinka und metzelten die Besatzungen in Kumbek, Ajak und Gogh-el-Muchdar nieder. Emin, den die Nachricht davon nahe dem Dungu erreichte, schreibt darüber an Schweinfurth: »Es ist mir völlig unbegreiflich, wie das zugegangen ist und wie die Leute ohne jede Veranlassung zu Gewalttaten schreiten konnten – doch das ist es eben. Was mag die Veranlassung gewesen sein?«

Wir werden die Veranlassung kennen lernen. – Zu der Strafexpedition, die von Emins Vertreter Osman Latif, dem Vita Hassan zur Seite stand, von Ladò ausgesandt wurde, steuerte übrigens auch Lupton Bey vierhundert Mann und siebzehntausend Patronen bei und erhielt dafür eine beträchtliche Anzahl von Rindern aus der großen Beute.

Als kurz darauf Lupton selbst in Bedrängnis geriet, fand er bei Emin allerdings nicht das gleiche Entgegenkommen. In einem Briefe vom 20. September 1883 schreibt Emin an Junker u. a.:

»Lupton aber scheint es böse zu gehen, seine Briefe sind gar ernst, ich wünsche ihm das Beste, denn er ist ein braver guter Mensch; aber beistehen kann ich ihm nicht, dafür hat die Hokumdarie (Generalgouvernement) gesorgt.«

Ein durchsichtiger Vorwand, denn wenn schon keine Truppen verfügbar waren, so mußten doch wohl von den siebzehntausend Patronen noch erhebliche Restbestände vorhanden sein. Daß er dem weißen Nachbarbeamten unter allen Umständen Hilfe leisten mußte, wenn aus keinem andern, so aus dem einfachen Grundsatz: Treue um Treue! – diese Erwägung scheint Emin nicht gekommen zu sein. Im gleichen Briefe kommt Emin nochmals auf diesen Punkt zurück und wiederholt: »Es tut mir leid, daß ich nicht imstande bin, ihm die gewünschte Munition oder Zündkapseln zu senden; meine Magazine sind aber leer, und bevor nicht ein Dampfer kommt, der möglicherweise etwas bringt, habe ich absolut nichts zu vergeben.«

Abgesehen davon, daß die Magazine nicht leer waren, wie wir später noch sehen werden, denn am 15. Juni 1884, als die Mahdisten in Äquatoria erschienen waren, schreibt Emin an Junker, daß Kabarega, der Negerkönig, »um Munitionen usw. schicken könne, wenn er sie haben wolle«, ganz abgesehen also davon hätten ja auch die letzten Neugründungen unterlassen und die dadurch ersparten Munitionsmengen an Lupton gesandt werden können.

Während seine Truppen im Verein mit denen Luptons im Norden kämpften, gab Emin, wie Schweitzer es schonend ausdrückt: »seinen schnell gefaßten Entschluß, selbst nach dem bedrohten Distrikte Rohl zu gehen, wieder auf, allein er hielt es doch für geboten, so schnell wie möglich nach Ladò zurückzukehren.« Dieser schleunige Rückmarsch führte ihn über Mombuttu, und die wenigen Tage seines dortigen Aufenthaltes benützte er zu einer Maßnahme, die Casati, und nach ihm auch Schweitzer, in größter Kürze damit abtun, er habe über die Häuptlinge Mambanga und Ruginell »die Todesstrafe verhängt«. Vita Hassan erwähnt davon überhaupt nichts. Um so ausführlicher aber läßt sich Dr. Junker über die näheren Umstände aus. Und diese werfen ein sehr eigenartiges Licht auf den Menschen Emin. Das Zeugnis Junkers in dieser Sache ist so wichtig, daß es im Wortlaut angeführt zu werden verdient:

»Emin Bey war dann mit Ibrahim zusammen auch in Mombuttu und schrieb mir damals: ›Tangsi, 3. Juli 1883. Mambanga ist gestern gekommen und hat in höchst theatralischer Weise mir seine Unterwerfung gemacht und ist entzückt und mit Geschenken beladen von mir fortgegangen. Er scheint das Danaerwort nicht zu kennen. Gambari ist, wie ich mich überzeugt habe, ein großer Lump, und obendrein Konspirator; so wird wohl auch er an die Reihe kommen.‹ Außer den Nachrichten, die ich Emin Bey verdankte, sind hier noch einige Worte aus jenem letzten Brief, den mir Burus Sohn kurz vor meiner Abreise von Semio überbrachte, bemerkenswert. Es heißt in dem Brief, der nach der Rückkehr des Gouverneurs aus Mangbattu geschrieben ist (von Emin): ›Ladò, 20. September 1883. Leider habe ich auch einige von den Herrn (nämlich in Mangbattu) nicht gerade sanft behandeln müssen. Sie werden gehört haben, daß Mambanga gestorben: er war eine dauernde Gefahr für das ganze Land und hat zuletzt mir noch seine Pläne von einer Reorganisation Mombuttus mit ihm und Gambari an der Spitze offen entwickelt. Er hatte übrigens Ihnen den Tod geschworen und ebenso Casati. Gambari und sein ganzes Gezücht wird in nächster Zeit wohl zu weichen haben. Das größte Unglück aber für uns alle ist die Unsicherheit der Grenzen zwischen Bahr Ghasal und hier. Ich hatte, als ich in Chartum war, S. Exz. G… Pascha und später Abd-el-K… Pascha vorgeschlagen, Sie als Schiedsrichter zu nehmen. Lupton, den ich verständigt, war völlig einverstanden. Der Europäer antwortete mir, daß in inneren Verwaltungsfragen man keinen Europäer als Richter aufstellen könne, und der Araber betete ihm nach. Mambanga war also nach dem Wortlaut in Emins Brief ›gestorben‹ und diese Nachricht war mir neu. Burus Sohn behauptete dagegen, sicher zu wissen, daß Mambanga auf Emin Beys Befehl heimlich erschossen worden war. Allerdings konnte ich das damals, und insbesondere nach Angabe des Gouverneurs in einem früheren Briefe, daß Mambanga entzückt und mit Geschenken beladen von ihm gegangen sei, nicht glauben, bis ich die Bestätigung davon in Makaraka und später aus dem Munde Dr. Emins selbst empfing. Ich gestehe, daß mich dies peinlich berührte, um so mehr, als ich mich dabei lebhaft erinnerte, wie ich auf meiner Reise in Mombuttu die Herrscher und Häuptlinge immer und überall auf die Ankunft des milden und nachsichtigen europäischen Gouverneurs vertröstet hatte. Ich hatte das Gefühl, als hörte ich mich von meinen schwarzen Freunden nun noch nachträglich der Lüge zeihen, und das tat mir weh. Nicht minder bedauerte ich, daß Emin Bey, wie ich später erkannte, auch sein Ohr offenbar bösen Einflüsterungen (damals war Ibrahim Gurguru bei ihm!) geliehen und manches zu leichten Glaubens hingenommen hatte. Die Herrschsucht, das Ränkespiel und mancherlei andere Untugenden teilte Mambanga schließlich mit den meisten seiner Rasse. Nicht als Rebell war er seinerzeit in den Kampf gezogen, denn er hatte ja die ›Segnungen‹ einer ägyptisch-sudanischen Verwaltung noch nicht gekostet, sondern er verteidigte nur seine Selbständigkeit, wurde dann später von einem ägyptischen Beamten an Açangas Stelle eingesetzt und kam bei Emin Beys Ankunft, wie mir dieser damals selbst geschrieben, ihm sofort unterwürfig entgegen. Eine offenherzige Darlegung der selbstsüchtigen Pläne, die er mit Gambari braute, mein Gott, war die wirklich so ernst zu nehmen? Und stand es so schlecht um die Verwaltung in der Äquatorialprovinz, daß man einen Gewaltakt Mambangas fürchten mußte? War Mambanga aber in der Tat strafbar und bei seinem schwer beugsamen Charakter unbequem, nun so wäre es doch wohl, wie Emin Bey anfangs beabsichtigte, genug gewesen, ihn aus Mangbattu zu entfernen und für einige Zeit in Ladò oder Chartum zu internieren. Ich spreche hier vom Prinzip, denn die Möglichkeit einer Entsendung nach Chartum war ja leider durch die unterbrochene Verbindung bald ausgeschlossen. Immerhin blieben zu solchem Zweck die Stationen am Nil verfügbar, wo widerspenstige Köpfe aus fernen Gebieten bald zu einer richtigen Anschauung gelangen mußten. In einer ähnlichen Lage wie Mambanga hatte sich der A-Sandi-Fürst Mbio befunden, er war der Bahr-el-Ghasalverwaltung sogar weit unbequemer geworden und seine Bekämpfung hatte weit mehr Opfer erfordert. Aber nachdem seine Macht gebrochen war, wurde er nach dem Soliman gebracht, lebte dort während meines Aufenthaltes bei Semio auf freiem Fuß und ich, dem er einst in kindischer Unwissenheit nach dem Leben getrachtet, sandte ihm später Boten und kleine Geschenke.«

Dem ist wenig oder nichts hinzuzufügen. Höchstens die Feststellung, daß also auch Dr. Junker Emins scherzhafte Schilderung »peinlich berührte«. Da das Verhalten der Negerstämme tatsächlich ganz von dem jeweiligen Häuptling bestimmt wurde, so mag ja das Mittel, den drohenden Aufstand eines Stammes durch Beseitigung des ungebärdigen Häuptlings hintanzuhalten, gerade noch als erlaubt gegolten haben. Ob diese Beseitigung eine heimliche, an Meuchelmord grenzende sein mußte wie bei Mambanga, bleibe als Geschmacksfrage dahingestellt. Ekelerregend sind das ränkevolle Beiwerk und die in munterem Plauderton gehaltene Schilderung.

Diese »Hinrichtung« bleibt nicht die einzige. Dem unglücklichen Mambanga folgte dreiviertel Jahre später, am 27. Juni 1884 der Barihäuptling Loron in den Tod, dessen sehr gute Beziehungen zur Regierung Emin unmittelbar nach seiner Ankunft in Ladò rühmend erwähnt hatte. Junker schreibt darüber: »Loron … hatte seit längerer Zeit Mißfallen erregt. Jetzt hieß es gar, daß er im geheimen konspiriere und den Plan gefaßt habe, Ladò gleichzeitig von allen drei Seiten angreifen zu lassen. Emin Bey gab also dem Verwalter in Regaf, Ali Effendi, die nötigen Weisungen, welche nur aus den Worten bestanden: ›Du kennst Deine Arbeit!‹ Diese Formel genügte, und eines Tages wurde Loron einfach ermordet. Ali Effendi meldete dies später schmunzelnd mit den Worten, Loron sei ›ins Wasser geflüchtet‹ und sein Sohn an seiner Stelle eingesetzt. Die Verwaltung erbeutete dabei eine beträchtliche Menge Vieh.«

Vita Hassan beziffert die Menge des Viehs auf 900 Rinder und weiß neben anderen blumigen Einzelheiten auch zu erzählen, daß der mit der Hinrichtung betraute Beamte, der bei ihm übrigens Ali Ssid Ahmed heißt, den Kopf Lorons von Gondokoro zu Emin nach Ladò gebracht habe.

Casati nennt als Beutezahl 3000 Ochsen, schreibt von der Verwüstung des Landes und der immer zunehmenden Entfremdung der Gemüter der Bari als trauriger Folge. »Die Zurückgabe von 700 Ochsen war die einzige Genugtuung, die man den Unglücklichen gewährte.«

In dem mehrfach angeführten Briefe Emins an Junker vom 20. September 1883 befinden sich noch andere Stellen, die im Zusammenhalt mit der Nachricht, daß Mambanga »gestorben« sei, und Lupton wegen der Leere in den Magazinen nicht unterstützt werden könne, von der ungetrübten Seelenruhe des Verfassers zeugen. Wir setzen Junkers Zitat fort: »Als ob der Sklavenhandel in Chartum und Faschoda je aufgehört hätte, als ob nicht Kordofan und Sennar Zentren dafür wären, als ob nicht aus den westlichen Gebieten des Bahr-el-Ghasal noch heute die Sklavenkarawanen ungestört nach Nordwest zögen! Ich habe natürlich zu schweigen – die Lehre vom beschränkten Untertanenverstande! – habe mich bemüht, nachzuweisen, daß die Negerländer, welche mit dem arabischen Sudan keinen Konnex haben, als eigenes Ganze zu vereinen und einem tüchtigen, mit allen Vollmachten ausgestatteten Verwalter zu übergeben seien …«

Es ist wohl unschwer zu erraten, an wen Emin dabei gedacht haben mag. Auch hier übrigens zeigt sich nur geringe innere Anteilnahme. Die bricht erst durch, wenn er auf seine Forscherarbeit zu sprechen kommt: »Aus Mombuttu habe ich ebenfalls trotz meines so gar kurzen Aufenthalts viel Neues und Schönes mitgebracht und rechne auf zehn bis zwölf neue Vogelarten, etwa dreißig solche, die bisher nur von weitem bekannt waren, zwei neue Sänger, mehrere neue Schlangen und Schmetterlinge. Eine äußerst interessante Erscheinung ist ein Anomalurus (d. i. eine Art fliegendes Eichhörnchen), bisher nur aus Guinea bekannt und von mir aus Mombuttu nachgewiesen, gerade wie ich früher das Vorkommen einer Tragulidenart bei uns konstatierte (Fatiko), deren Verwandte bisher nur in Indien und im engeren tropischen Westafrika bekannt geworden waren. Es gibt für den aufmerksamen Arbeiter hier überall noch mehr als genug zu tun und reiche lohnende Ausbeute.«

Zum besseren Verständnis müssen wir hier einfügen, daß die erwähnten Erhebungen der Negerstämme mit dem Mahdi durchaus nichts zu tun hatten, vielmehr fast regelmäßig durch die »Requisitionen« der Regierungstruppen veranlaßt waren. Die Stationen nämlich pflegten sich ihren Proviant meist in der Weise zu beschaffen, daß sie durch einen Stoßtrupp das nächstbeste Negerdorf plündern ließen. Diese Beutezüge hießen Razzien. Je mehr Truppen ins Land kamen, desto drückender wurden auch diese Plünderungen empfunden, und immer wieder und in steigendem Maße kam es vor, daß die zum Äußersten getriebenen Neger sich zusammenrotteten und mit ihrer Übermacht die Plünderer erdrückten. Das war unter anderm auch im Bezirk Rohl geschehen.

Mit der »Ausdehnung der Provinz« und der Gründung immer neuer Stationen in tiefster Wildnis wurde dieses Plünderungssystem naturgemäß immer weiter ausgebaut. Diese Tatsache scheint Emin gleichfalls entgangen zu sein, sie wirft aber auch wiederum ein Schlaglicht auf die schon oft betonte Ideenlosigkeit der ägyptischen Eroberung überhaupt. Denn den Negern konnte es tatsächlich gleichgültig sein, ob sie von arabischen Sklavenhändlern gebrandschatzt wurden oder von den Vertretern einer nebelhaften »Regierung«, die große Worte im Munde führten, in ihrem Tun aber sich von den geschmähten Danagla kaum unterschieden. Der rührend naive Einwand Vita Hassans, des braven Apothekers, die Beamten mit ihren Familien, zusammen gegen 4000 Personen, hätten »nicht ausschließlich von Vegetabilien leben können«, ist vom Negerstandpunkt aus kurz und bündig durch den Hinweis zu widerlegen, daß die Herren ungerufen gekommen waren. Und ein arabisches Sprichwort sagt ja. »Wer sich selbst einladet, darf nicht überrascht sein.«

 

Bevor wir diesen Abschnitt schließen, wollen wir noch einen Blick auf einige Briefe werfen, die Emin um diese Zeit an seinen Geschäftsfreund in Kairo, Herrn E. Harders, schrieb, und die Schweitzer anführt, weil sie, wie er sagt, »wegen des humoristischen Tones, den wir sonst in keinem Schreiben Emins gefunden haben, besonders auffallen«.

Ohne über den Begriff Humor rechten zu wollen, möchten wir doch glauben, daß Emins Ton durch jedes andere Beiwort treffender zu kennzeichnen wäre. Der brennende, beißende Witz lag Emin so wenig wie der gutmütige Scherz. Über ein laues Gespöttel kam er nicht hinaus, hatte aber recht häufig Unglück in der Wahl des Gegenstandes. Ein Pröbchen hievon haben wir schon bei Mambangas »Tod« genossen; in den Briefen an Harders fehlt es auch nicht daran.

Der erste Brief ist vom 9. August 1883 datiert; da damals die Dampferverbindung mit Chartum schon aufgehört hatte, blieb er, mit den folgenden andern, fast ein Jahr lang liegen. Er beginnt mit einigen spaßhaften Seitenblicken auf allgemeine Verhältnisse, darunter auch auf die Menschenfresserei mancher Negerstämme, auf kürzlich unterdrückte oder demnächst zu erwartende Aufstände in den Grenzbezirken, findet aber sofort zu ernster Sachlichkeit, als es sich um »den Stand des Elfenbein-, Perlmutter- und Straußenfedergeschäftes am Markte zu Ladò und anderwärts« zu handeln beginnt. Für den möglichen – durchaus nicht erwiesenen – Fall, daß die letzte Elfenbeinsendung von fünfhundert Kantar (1 Kantar = 44,5 Kilogramm. Anm. d. V.) in Chartum zu einem Preise verkauft worden sein sollte, der unter Harders' Gebot gelegen wäre, kündigt Emin einen »energischen Protest« an – »und wäre es nur, um die Leute zu ärgern, die mich auf ein Dampfboot acht Monate warten lassen«. Daß das Ausbleiben der Dampfer andere Gründe haben konnte, als eine gewollte Verletzung des Gouverneurs von Ladò, kommt Emin nicht in den Sinn.

Und weiter von Elfenbein, Straußenfedern, Kautschuk. Der letztere Artikel kommt in Mombuttu vor. Das führt zu einer Schilderung der Reise durch Mombuttu. Daß sie Mambanga das Leben gekostet hat, wird so wenig erwähnt, wie Luptons Hilfe in Rohl. Es heißt vielmehr, daß die Dinka zu »ihrer Heldentat« (dem Überfall auf die Stationen) »begeistert worden sein mochten« – »durch das Beispiel ihrer Stammesverwandten am Bahr-el-Ghasal, wo es ziemlich böse zugeht und sich Lupton Bey in arg bedrängter Lage befindet«.

In einem Briefe vom Sylvesterabend 1883 findet sich die Auslassung: »Unsere Generalgouverneure sind äußerst pfiffige Leute. Den Mahdi haben sie auf dem Halse und können ihn nicht los werden –; um nun auch nicht noch von hier aus unerwünschte Nachrichten in die Welt verlauten zu lassen, sperrt man einfach die Bude zu – und – guten Morgen, Herr Hansemann!« Hierbei geht es wieder um den überfälligen Dampfer. Man sollte meinen, daß die Niederschrift der beiden Worte »Mahdi« und »Dampfer« zwingend den Schluß auslösen mußte, es könnte ein Kausalnexus zwischen beiden bestehen. Doch nein; der Forscher Emin registriert nur. Der Beamte Emin fühlt sich zurückgesetzt. Der Mensch Emin bleibt zu lendenlahmen Witzchen geneigt, auch wo es schon um Tod und Leben geht. Denn er erzählt ganz unbefangen, daß »die Herren Neger am Ghasal sämtlich ungemütlich gestimmt seien und sogar das sechste Gebot nicht hielten. Das ist nun als Mangel an Erziehung nicht wunderlich, und hätten die Geistlichen und Nonnen, statt in Chartum Negermädchen mit Sonnenschirmen zu beschenken, die Dinka in guten Sitten unterrichtet, so hätten diese wiederum Herrn Schuver nicht totgeschlagen und so die griechischen Händler ihres besten Kognak-Käufers beraubt.«

Juan Maria Schuver, ein holländischer Reisender, war am 23. August 1883 in der Meschra Er-Reck, südlich vom Ghasal, ermordet worden. Sein Tod bedeutete vielleicht keine Lücke in der Weltgeschichte – immerhin: es war der Tod eines Weißen in Afrika.

Doch der Tod hatte für Emin noch kein Gesicht; ihm lagen andere Gedanken näher: »Das Knochengeschäft – verzeihen Sie, denn Elfenbein sind doch Knochen – würde geradezu enormen Profit abwerfen, und Straußfedern, Kautschuk und Tamarinde so nebenbei mitgehen.« Daß um dieser »Knochen« willen zahlloses Edelwild barbarisch hingeschlachtet wurde, fällt nicht ins Gewicht.

Noch am 11. Mai fragt er verbittert: »Was nützen mir 1200 Zentner Elfenbein im Magazin und ebensoviel in den Stationen, was frommen mir Kautschuk, Straußenfedern und Palmöl, wenn keine Möglichkeit da ist, sie los zu werden?« Und er lädt den Geschäftsfreund dringend ein, sich die Erlaubnis »zum Handel und Wandel in dieser Provinz« zu verschaffen – »und daß etwas dabei abfällt, glauben Sie mir!«

Dann eine schmerzliche Betrachtung: »Wie sehne ich mich danach, wieder einmal einen Brief, eine Zeitung, ein Buch zu erhalten; wenn der Mahdi Chartum genommen hat, dürfte es freilich nichts damit sein. Wozu nützen aber dann General Hicks und ›Nordenfeld guns‹ und sonstige Pertinenzen der höheren Zivilisation und des humanitären Fortschritts?«

Bedenkt man, daß Nachrichten in Afrika, von Mund zu Mund und durch die geheimnisvollen Trommelsignale fortgepflanzt, mit unbegreiflicher Schnelligkeit reisen, und erwägt dabei, daß Emin von Negern aller Klassen umgeben war, die zum Teil mit Verehrung an ihm hingen und keinen Grund zu haben brauchten, ihr Wissen für sich zu behalten; erwägt man ferner, daß Emin seit Jahren schon vom Mahdi-Aufstand und seiner stetigen Ausbreitung wußte, so bleibt die Ahnungslosigkeit unverständlich, mit der er ein halbes Jahr nach Hicks Paschas Vernichtung scherzhaft von ihm und seinem Heere plaudert, neue Stationsgründungen plant und Geschäftsreisende nach Äquatoria einlädt – wenn wir nicht die tragische Verblendung, die Hybris, als Erklärung gelten lassen wollen.

Dem Brief vom 11. folgte am 28. Mai, als Karam-Allahs, des Mahdistenführers, Schreiben schon eingelaufen war, ein kurzer letzter: »Der Anfang vom Ende ist gekommen. Die Mudirie Ghasal ist vom Mahdi genommen. Ich selbst bin auf dem Wege dorthin, um wegen der Bedingungen des Friedens zu unterhandeln. Dieser vermutlich mein letzter Brief an Sie geht mit Junker über Sansibar; wird er wohl ankommen? Leben Sie wohl und bewahren Sie mir ein freundliches Andenken!«

Da alle diese Briefe, wie Schweißer erwähnt, Harders später unter einem Umschlage erreichten, so bleibt es für Emins Grundeinstellung immer noch bezeichnend, daß er die ersten Briefe überhaupt noch absandte, trotzdem er gesehen haben mußte, wie jämmerlich ihr leichter Ton von den Ereignissen überholt war. – Daß er in Bahr-el-Ghasal wegen des Friedens verhandeln will, ohne daß der Krieg in Äquatoria richtig begonnen hat, sei nur nebenbei hervorgehoben.


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