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Jugendjahre in Deutschland

Selbst der ausführlichste unter den vielen Biographen, Georg Schweitzer, läßt einige Lücken offen, ohne übrigens ein Hehl daraus zu machen, daß die mit Stillschweigen übergangenen Ereignisse minder erfreulicher Art waren. Die Tatsache aber, daß der Jüngling Schnitzer sich mit manchen europäischen Gesellschaftsbegriffen in Widerstreit setzte, mag ruhig betont sein, da sie dem Toten, der später sein Schicksal in den Weiten Afrikas suchte und fand, nicht zur Unehre gereicht und dabei für die Beurteilung des Gesamtbildes wertvolle Fingerzeige bietet.

Eduard Karl Oscar Theodor Schnitzer, geboren am 28. März 1840, stammte aus einer Kaufmannsfamilie, die zunächst in Oppeln, hernach in Neisse ansässig war. Beides sind kleine Städtchen, im freudeärmsten Teile des preußischen Schlesiens gelegen.

Zu Neisse machte der junge Schnitzer das katholische Gymnasium durch, was insofern Beachtung verdient, als der Knabe, sechsjährig übrigens, evangelisch getauft worden war.

Bemerkenswert aus der Schülerzeit ist das frühe Auftreten des Schreibdranges sowie die ausgesprochene Vorliebe für die Naturwissenschaften.

Im Jahre 1858, drei Jahre nach der Konfirmation, bestand Schnitzer das Abiturientenexamen und bezog die Universität Breslau, wo er zunächst bei der Burschenschaft Arminia aktiv wurde. Schon am 8. Juli 1859 meldet er jedoch seiner Mutter den vollzogenen Austritt und erwartet ihre Zustimmung für den bewiesenen Lebensernst. Ob er tatsächlich ganz aus freiem Antrieb handelte, mag dahingestellt bleiben. Dreißig Jahre später, als sein Name in aller Munde war, hat ihn die Burschenschaft übrigens wieder gerne unter ihre alten Herren gezählt.

Aus den Universitätsjahren ist festzuhalten, daß Schnitzer sich überall bei seinen Lehrern ausgesprochenen Wohlwollens zu erfreuen hatte. Die Gründe, warum er seine Studien trotzdem nicht zum regelrechten Abschluß brachte, sind im einzelnen nicht feststellbar. Zweifellos hatte der ungesunde Ehrgeiz dabei eine Rolle gespielt, allzu rasch eine Praxis zu eröffnen oder »ins Verdienen zu kommen«.

Schon nach Ablegung der ersten Staatsprüfung, des Physikums, erwähnt Schnitzer selbst »acht bis zehn Krankenbesuche täglich und drei bis vier Leute, die ihn in seiner Sprechstunde konsultieren«.

Es liegt auf der Hand, daß selbst die weitherzige Auffassung jener Zeit ein so junges Semester nicht ohne weiteres als Arzt gelten lassen konnte.

Da in Schnitzers Briefen mehrfach auch Schwierigkeiten bei Erlangung des Einjährigenrechtes erwähnt werden, so hat es tatsächlich den Anschein, als hätte der vorschnelle Beginn der Praxis ernste Unannehmlichkeiten zur Folge gehabt.

Schnitzer unterbrach denn auch die Berliner Studienzeit durch eine Reise oder sagen wir vielleicht: durch eine Abwesenheit, nach deren Beendigung er an seinen Vater einige Sätze schreibt, die durch Selbsterkenntnis denkwürdig sind: »Meine Eitelkeit, die ich sehr gerne zugestehe und die, durch einige gute Erfolge erhöht, von allen Seiten genährt wurde, brachte mich zu einem Verkennen meiner Stellung, einem Wirken, das mir völlig unangemessen war, wie ich heute allerdings recht wohl einsehe. Ein erwachender Gedanke von Scham teilweise, von Eigensinn andrerseits, trieb mich zu meiner vorjährigen Reise – ich sehe es heute anders an!«

In wenigen Sätzen nimmt hier Schnitzer selbst hellsichtig sein künftiges Schicksal vorweg. – Wie oft und wie gründlich hat er auch nachher noch immer wieder seine jeweilige Stellung verkannt! Hier bietet sich, wie nirgends sonst, ein Schlüssel zu manchen Spannungen der Mannesjahre.

Daß er dem ärztlichen Doktorexamen so lange nicht die Schlußprüfung folgen ließ, führte zu immerwährenden Auseinandersetzungen mit der Familie. Immer wieder setzte er sich Termine, die er immer wieder nicht einhalten konnte. Wiederholte Andeutungen von Schwierigkeiten bei der Zulassung legen abermals die Vermutung nahe, daß seine frühe Praxis ihm weit mehr geschadet als genützt hatte.

Hiefür spricht auch der ganz unvermittelte Abbruch seiner Studien. Denn während er noch am 12. Oktober 1864 seinem Vater aus Berlin schrieb, daß er »in nächster Woche« die nötigen Schritte zu tun gedenke, um das Staatsexamen zu beginnen und möglichst noch vor Weihnachten zu beenden, sehen wir ihn vier Wochen später, am 11. November, schon in Laibach, wo er sich für die mexikanische Armee des Kaisers Maximilian anwerben lassen will.

Schweitzer spricht sich über die Gründe nicht aus, deutet nur an, »die Verhältnisse scheinen doch derartig gewesen zu sein, daß andere Verwandte es für geraten hielten, Schnitzer stelle sich irgendwo auf eigene Füße, wozu sich ihm allerdings in Deutschland wenigstens vor der Hand noch keine Gelegenheit bot. So unterstützten sie den Scheidenden noch mit geringen Mitteln.«

Vita Hassan, Emins späterer Freund und Apotheker, schreibt in seinen Erinnerungen: »Als Dr. Schnitzer aus Gründen, die ich für ehrenwert halten zu dürfen glaube, seine Heimat verließ …« Das mag ein Bärendienst sein, weil verschnörkeltes Lob meist schlimmer wirkt als glatter Tadel. Festzuhalten ist jedenfalls, daß dem jungen Schnitzer die Enge der Heimat erst schmerzhaft fühlbar werden mußte, ehe seine Sehnsucht nach Weite zum Durchbruch kam.


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