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Es sind selten die großen Ereignisse, die unser Gemüt in Aufruhr oder Stille führen, sondern etwas ganz anderes, etwas, das ich die Ahnung vom Wesen des Lebendigen nennen möchte, den kaum spürbaren Abglanz jener Beschaffenheit des Menschenwesens, aus dem alle Schicksale geboren werden. Vielleicht auf eine ähnliche Art geboren werden, wie schon im ersten Blick zweier liebender Menschen der erste Herzschlag eines neuen Lebens schlummert. An jener Ahnung entzündet sich unsere eigenste Hoffnung, von ungewisser Erwartung bis zum brennenden Heimweh geführt, von der Unschuld zur Tat, und zuletzt vom langsamen Erwachen, über die rasche Jugend dahin, bis zur großen Einkehr, welche nur denen erspart bleibt, die ihre Augen mitten im Glanz ihrer Jugend im Tode schließen.
Zu diesen Letzten gehört der eine jener Zwei, von denen ich erzähle, vom späteren Ergehen des andern weiß ich so wenig wie vom Geschick des Lesers, der vielleicht flüchtig seine Augen durch diese Zeilen gleiten läßt, um ihren Inhalt in der Unruhe des Lebens wieder zu vergessen. Beides waren Kinder, nicht einmal ihren Namen kenne ich, es waren zwei Knaben von etwa zwei und vier Jahren, und ich beobachtete ihre Tagesstunden in der Sommersonne von einem grünen Versteck des Nachbargartens aus, in einer glücklichen Geborgenheit des Beschauens. Das Glück eines solchen Postens ist ein wenig indiskret, und man würde sich nicht allein rechtlos, sondern auch wie ein ungebetener Gast am Tisch des Lebens vorkommen, wenn nicht die Andacht solch tatlose Einmischung zu einer neidlosen Erkenntnis des Schönen umgestalten könnte.
Jeden Morgen brachte ein älteres Dienstmädchen, zugleich mürrisch und gutmütig, die beiden Knaben in den Garten und setzte sie auf eine große rote Decke auf den Rasenplatz unter vier Ahornbäumen. Sie schüttete aus einem Korb die Trümmer einiger bis zur Unkenntlichkeit heimgesuchter Spielsachen neben den Kleinsten von ihnen, der in der Regel vorzog, sich zunächst niederzusetzen, und entfernte sich, meist bis zum Mittag.
Nun begann für meine beiden Nachbarn das große Leben. Ich weiß erst seit ihrem Glück um nichts, wie viel Unnötiges wir Großen nötig haben. Der Kleine bevorzugte deutlich den gebrochenen Kopf eines hölzernen Hahnes, den Schwengel einer Spieldose, deren Seele längst bis zur Lautlosigkeit durchforscht war, und einen braunen Gardinenring von der Größe eines Armbands. Um diese drei Wunder menschlicher Erfindungsgabe gruppierte sich sein Glück. Er genoß ihre Herrlichkeit mit allen Sinnen, er betastete sie, ergötzte sich am Klang, den sie gaben, wenn man sie aneinanderschlug, und versäumte nie, sie zuletzt auch zu kosten. Jedenfalls war er in allem, was den Morgen hindurch geschah, derjenige, auf den es ankam. Sein älterer Bruder, der zweifellos, auch abgesehen von seinem Alter, der Stärkere und Gesündere war, schien seine ganze junge Existenz in den Dienst des Bruders gestellt zu haben. Er diente ihm mit einer Hingabe und Geduld, deren Ernst mich tief entzückte, es schien fast, als trachtete er, ihm die Eltern zu ersetzen, die ich erst später gesehen habe, wahrscheinlich befanden sie sich auf einer Sommerreise.
Wer Kinder beobachtet hat, weiß, daß es in der Regel zwischen ihnen umgekehrt zu sein pflegt, um so mehr fesselte mich die liebreiche Vorsicht des älteren Knaben, in der er über seinen Bruder wachte. Er schien von der Natur ein wenig benachteiligt gegen den jüngeren, der in seinem hellgoldenen Blondkopf mit der überzarten Gesichtsfarbe, wie ein unirdischer Erdengast, einem kleinen Engel vergleichbar, eine unerkannte Demut im Herzen des Bruders auszulösen schien. Das mochte diesen für seine vier Jahre ungewöhnlich besonnen gemacht haben; ein wenig derb und nicht eben schön, wie er war, strich er oft sein rauhes Haar aus der Kinderstirn und schien zu überlegen, was wohl der Bruder meinte, der es mit der Sprache durchaus nicht genau nahm. Dann mußte man achthaben und das Unverständliche erraten, aber trotzdem ließ es sich nicht vermeiden, daß das Bruderwesen bisweilen alle Lebenslust in einem weltvergessenen Geschrei aufgab. Schließlich verliert selbst ein Hahnenkopf vorübergehend seinen Reiz.
Die Ratlosigkeit des Anderen solchem Schmerz gegenüber war bewegend, er konnte nicht trösten. Er mochte längst die Nutzlosigkeit seines Eifers eingesehen haben, so blieb ihm nichts übrig, als das Leid des Bruders zu teilen, und er weinte schließlich auf seine Art mit, aber ohne sich dabei vorzudrängen.
Einmal sah ich, daß sie einen Käfer gefangen hatten, der ahnungslos in das Bereich ihrer Herrschaft geraten war. Der ältere war diesem Raubtier gegenüber außerordentlich zurückhaltend, denn gerade in diesen Jahren beginnt die Tätigkeit der Phantasie, und man nimmt etwas Lebendiges nicht so selbstverständlich wie mit zwei Jahren. Aber der Jüngere bemächtigte sich in gedankenloser Kühnheit der Beute und zerlegte sie in blauäugiger Andacht, unter dem hellen Lockenwald, in alle Bestandteile, in die sich etwa ein Käfer zerlegen läßt. Das trug ihm die Bewunderung seines Bruders in großem Maße ein. Ich beobachtete fast täglich, wenn die Sonne schien, Vorfälle nichtiger und doch so bedeutsamer Art, und die Erlebnisse meiner beiden Nachbarn wurden in der Zurückgezogenheit meines Landaufenthalts ein wichtiger Teil meines Erlebens überhaupt.
Als ich nach einer Abwesenheit von einigen Wochen aus der nahen Hauptstadt zurückkehrte, erfuhr ich, daß der jüngere meiner nachbarlichen Freunde gestorben sei. Er war plötzlich und unerwartet einer heimtückischen Krankheit erlegen.
Am nächsten Morgen, als ich meine Holunderlaube am Zaune bezogen hatte, sah ich nach einer Weile das ältliche, mürrische Dienstmädchen den älteren der beiden Knaben an der Hand auf den gewohnten Spielplatz führen, sie stellte sogar den Korb mit den gewohnten Spielsachen neben ihn auf die große Decke, es mochte beides eher in der Verstörtheit ihrer Trauer und in unbedachter Gewöhnung geschehen, als eben mit Überlegung. Aber man ist so sehr davon überzeugt, daß ein Kind noch nicht befähigt ist einen Abschiedsschmerz im Bewußtsein zu durchleben, daß man sich seiner zumeist nur in gedankenlosem Bedauern annimmt.
Der Zurückgebliebene der Zwei erweckte auch nicht den Anschein, als sei er betrübt. Merkwürdig, von allen, die ich sah, die Eltern waren nun auch zurückgekehrt, schien nur er den Bruder nicht zu vermissen, denn ich habe ihn weder weinen noch klagen sehen, noch stellte er irgendeine Frage, wenn die Magd bisweilen vom toten Brüderchen sprach. Er sah mit großen Augen die Tränen an und schwieg.
Da sah ich an einem Morgen, an dem das Mädchen sich entfernt hatte, wie das Kind die Spielsachen seines Bruders nacheinander zur Hand nahm und betrachtete, den Hahnenkopf, den braunen Ring und den Schwengel der Spieldose. Mit gesenkten Blicken, und wohl in dem, was man bei einem Kinde Nachdenklichkeit nennen könnte, versuchte es mit diesen Dingen etwas anzufangen, und darüber muß ihm wohl in den Sinn gekommen sein, daß ihn niemand mehr brauchte. Er sah langsam auf, und sein Blick verlor sich in der Weite.
Diesen Blick habe ich nie vergessen können, und er ist mir im Leben unter Menschen überall wieder begegnet, und mehr als in ihm lag, habe ich in keinem Schmerz gefunden. Damals mußte ich die Dinge meines eigenen Lebens überdenken und ihren Wert, und mir war zumut wie meinem kleinen Nachbarn, ich fühlte plötzlich, daß alle Güter und Gaben des Daseins unserem Herzen bedeutungslos werden, wenn wir niemand haben, der sie braucht.