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Es war allen längst Gewißheit, daß die Deutschen auf ihrem Kriegszug durch Belgien auch in das Dorf einrücken würden, wo Jeanettes Eltern wohnten. Hätte nicht der näher und näher erdröhnende Donner der Geschütze es bewiesen, der wie ein herannahendes Gewitter hinter den Hügeln im Osten stand, so mußten die zurückweichenden belgischen und französischen Truppen Zeugnis davon ablegen. In regellosen Scharen durcheilten sie den Ort Tag und Nacht. Wo waren ihr froher Mut, ihre Siegesgewißheit geblieben, ihr Scherzen und der Klang und Glanz ihrer prunkvollen Durchzüge? Nun klangen schon tage- und nächtelang die Straßen, erst von den Geschützen, von den Rufen der Kanoniere und dem Schnauben der überanstrengten Tiere, dann kamen Reiter und Infanterie, du lieber Gott, wie sahen ihre Uniformen aus! Sie trugen den Staub des heimatlichen Erdbodens in Ehren, aber diese Bedrücktheit, diese Traurigkeit, die über ihnen allen lagerte! Es war eine furchtbare, bösartige Stille in allen Gesichtern. Das Königreich war wie versunken, unwahrscheinlich rasch, wie in einem schrecklichen Traum.
Als die letzten Kompanien in Eilmärschen durchzogen, schlossen die Dorfbewohner sich ihnen zum größten Teil an. Keine Drohung und kein Verbot brachten sie davon ab, und die Offiziere verfluchten heimlich ihre Torheit, in der sie niemals den kindischen und schmachvollen Gerüchten gewehrt hatten, die im Lande über die preußischen Soldaten im Umlauf waren. Jetzt half keine Mahnung zur Besonnenheit mehr, die traurigen Züge hungernder Männer und Frauen, jammernde Kinder und erbarmungswürdig unnötige Geräte begleiteten ihre gelichteten Heeresmassen, nahmen den zurückgeworfenen Mannschaften ihren letzten Mut, und füllten die Herzen mit Verzweiflung. Was half es, den Deutschen und immer wieder den Deutschen alle Schuld zuzuschieben, niemand fragte mehr nach Schuld, das Geschrei ging um Nahrung, wie draußen das Brüllen der verwilderten Haustiere, die auf den Feldern umherirrten.
Jeanettes Eltern warfen im Grau der Morgendämmerung das Wertvollste ihrer Habseligkeiten auf einen Karren, verstört, vor Angst fast von Sinnen und bis zu Tränen erbittert. Das kleine Mädchen stand im Rahmen der Tür, unten im Zimmer brannte noch eine Lampe auf dem leeren Tisch und ihre Flamme flackerte im Zug der offenen Fenster. Es regnete ohne Aufhören. Jeanette wußte, daß sie bleiben würde, denn die kranke Großmutter konnte nicht allein zurückgelassen werden. Sie hatte sich mit den Schrecken dieser Erwartung abgefunden wie mit ihrem Tode und jene kindliche Entschlossenheit gezeigt, wie nur junge Seelen sie in solch schrankenloser Hingabe aufweisen.
Welch einen Streit es in der qualvollen Hast des Aufbruches gegeben hatte! »Sie werden ein Kind nicht töten!« schrie ihr Vater, »eine sterbende Greisin!« Er zerrte sein Weib mit sich hinaus: »Willst du, daß wir alle verderben, denk an die kleinen Kinder!«
Es war herzzerreißend. Die Mutter riß Jeanette in ihre Arme, nur von ihrer eigenen Angst beherrscht und ohne zu bedenken, daß ihr sinnloser Schmerzensausbruch die Qualen und die Befürchtungen ihres Kindes verdoppelte. Jeanette fühlte wie ihre Mutter zitterte, sie vermochte keinen der törichten Ratschläge zu beachten, die ihr mit fliegendem Atem erteilt wurden, nur eins blieb ihr mit seltsamer Deutlichkeit im Bewußtsein, als der Wagen mit den Ihren längst hinter der Dorfstraße verschwunden war: daß der Sonntagshut ihrer Mutter schief gesessen hatte, und daß ihre Haare, dünn und grau, an den Schläfen niedergefallen und vom Regen naß waren.
»Maria schütze dich, Jeanette, Kind …«
Nun war es merkwürdig still. Die Dorfuhr schlug im nebligen Morgen, es war hell geworden. Jetzt würden die Preußen kommen … Das kleine Mädchen stieg langsam die Stiege des leeren Hauses empor, bis in die Kammer, in der in der großen Bettlade die kranke alte Frau schlief. Mit dem Ernst seiner vierzehn Jahre und einem tiefen Seufzer ließ das Mädchen sich neben der Bettstatt nieder und betrachtete lange sinnend das welke Gesicht der Schlafenden. Die schrecklichen Eindrücke und Ängste der letzten Tage waren gar zu rasch und unerwartet gekommen, als daß es ihr möglich gewesen wäre, sich mit ihnen abzufinden, und etwas wie eine heilsame Anteillosigkeit der Erschöpfung beruhigte ihr Gemüt. Sie überlegte, ob es nicht ratsam sei, zum Pfarrer zu gehen, von dem sie wußte, daß er, wie auch der Lehrer, sich nicht an der allgemeinen Flucht beteiligt hatte, aber darüber kam ihr in den Sinn, fraß sie damit ihr Geschick nur um einige Minuten hinauszögerte, ihm aber nicht entging. Wenn nur die schrecklichen Gedanken ausbleiben würden, bis alles erlitten und vorüber war, diese Erinnerungen an die grausamen Geschichten aller Schandtaten der Preußen. Sie schloß die Augen und erschauerte. Vielleicht würde sie nicht gefunden. Aber da überfiel sie eine furchtbare Vorstellung: Wie nun, wenn das Haus in Feuer aufging und niemand half ihr, die Großmutter hinauszutragen? Sie dachte gar nicht mehr an sich und an die Sicherheit ihrer eigenen kleinen Person. Vielleicht sterbe ich vorher, kam ihr in den Sinn, und sehe nichts mehr von allem Unheil. Ob man darum bitten könnte? Ja, wenn es nicht die Preußen wären. Die Bayern sollten viel menschlicher sein, sie schlugen alles gleich mit dem Gewehrkolben tot, aber die Preußen nahmen auf die Lanzen Kinder, die noch schrien …
Jeanette erhob sich nach einer Weile und begann im Hause Ordnung zu schaffen, so gut es gehen wollte, sie tat es gedankenlos und in einem leeren Traumzustand. Es sah umher aus, als seien die Feinde schon dagewesen. Wie mutlos dies Chaos machte, das die Ihren in ihrer Angst zurückgelassen hatten. Als sie das Haus verließ, um zum Brunnen zu gehen, brach die Sonne durch das Morgengewölk, es war hell und frisch. In weiter Ferne rollte es dumpf und drohend hinter den Hügeln, näher und deutlicher als gestern, aber die Landschaft lag still und verlassen und aus den Schornsteinen der Nachbarhöfe stieg kein Hauch mehr.
Als das Mädchen nach einer Weile den Blick vom Brunnen erhob und sich anschickte, mit den Eimern über die Straße zurückzugehen, erstarrte sie vor Entsetzen bei dem Anblick, der sich ihren Augen auf der kleinen Anhöhe bot, über die der Weg ins Dorf führte. Sie erblickte, schräg von der Morgensonne beschienen, vier oder fünf Reiter, die in gemächlichem Trab auf ihr Vaterhaus zukamen, sie hoben sich groß und drohend vom hellen Himmel ab, und über ihren Schultern, neben den Helmen mit den seltsamen, scharfkantigen Tellern darauf, tanzten die schrecklichen Lanzen auf ihren Rücken.
Die Preußen! Hätten die schweren Wassereimer die Arme des Kindes nicht niedergezogen, so wäre es sicher in seiner Erstarrung unbeweglich stehengeblieben, nun ließ sie ihre Last zurück und eilte auf das Haus zu, aber an der Steinschwelle verließen die Kräfte sie. Sie fühlte es vor ihren Augen dunkel werden und glitt am Türrahmen auf die Knie nieder. Um was hatte sie doch bitten wollen? »Maria hilf, erbarm' dich …« stammelte sie.
Der Weg dröhnte und laute, fremde Stimmen erschollen. Jeanette merkte daran, daß die Schatten der Leiter auf die Schwelle fielen, daß sie vor ihr angelangt waren, sie wagte es nicht, ihre Blicke dem Tod entgegen zu heben, den sie erwartete. Ein Pferd schnaubte, und sie zuckte zusammen. Dann wurde gerufen, das mußte ihr gelten. So war es wahr, daß diese grausamen ihre Opfer vor dem Tode quälten … Sie wollte beten, aber ihre blassen Lippen bewegten sich nicht.
Da fühlte sie einen seltsamen Druck auf ihrem Scheitel, es glitt über ihre Haare hin und an den Schläfen nieder, und dann noch einmal. Ehe sie begriff, was ihr geschah, fühlte sie eine harte Hand vorsichtig und liebevoll unter ihr Kinn fassen, und ob sie wollte oder nicht, sie mußte dem sanften Druck nachgeben, der ihr den Kopf hob. Da schlug sie rasch die Augen auf, ganz betört von dem Unerwarteten, das sie überwältigte, und ihre Blicke sahen unter dem harten Helm zwei helle blaue Augen in einem lächelnden Männergesicht. Der Reiter war vom Pferd gesprungen, er nickte ihr zu und richtete sie auf. Sein Gesicht drückte ein so aufrichtiges Erbarmen aus, daß niemand darüber hätte im Zweifel bleiben können, was ihn bewegte, am wenigsten ein Kind.
Der Reiter schien etwas sagen zu wollen, er wandte sich an seine Leute, es war dann aber, als käme ihm nichts in den Sinn, er schüttelte nur langsam den Kopf und nahm sein Pferd beim Zügel, um es aus Jeanettes Wassereimern trinken zu lassen, wie schon die anderen es vor ihm getan hatten. Dabei gebärdete er sich rauh und beinahe böse, als müßte er etwas in der Brust bekämpfen, das sein Soldatenherz nicht duldete. Dann sah er wieder nach dem kleinen Mädchen hinüber und nun schwieg er erst recht, denn es ruhte im Blick dieses Kindes ein Gedanke, der groß wie die Welt erschien, zugleich einsam und übervoll an Dank. Solche Blicke können in den Augen der Menschen erstehen, wenn unerwartet eine heilige Freude die Finsternis des Bösen überwindet, oder wenn alles in einer Seele sich plötzlich für ein ganzes Leben entscheidet.
So kam es, daß zwischen der kleinen Jeanette und dem preußischen Reiter kein Wort gewechselt wurde und daß sie einander doch auf gute Art verstanden. Nur vom Sattel aus rief der Reiter dem Kind zum Abschied zu: »Merci! Merci!« und strich sich über die Augen.