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Als ich in jungen Jahren auf der Wanderschaft war, was weiß ich noch in welchem Jahr und Land, gelangte ich eines Nachmittags auf einen ländlichen Schulhof, und Hunger und Müdigkeit trieben mich in einfachen Hoffnungen zur Einkehr.
Es machte sich, daß ich mit dem Lehrer in ein Gespräch kam, und daß er mich nicht allein zu Tisch lud, sondern mir auch eine Kammer für die Nacht anbot, obgleich mein Aufzug und Zustand keineswegs geeignet waren, das Vertrauen eines so wohlgeordneten Hauses zu finden. Mir ist nach dieser Begegnung, die ich wohl hätte nach der Unterhaltung mit dem gebildeten und wohlmeinenden Hausherrn und nach der Gastfreundschaft in seiner Familie einschätzen sollen, seltsamerweise nur ein Erlebnis der Nacht lebendig im Gedächtnis geblieben, obgleich es eigentlich nur mit Vorbehalt zu berichten wäre, und keineswegs zu jenen Ereignissen gehört, die nach dem ersten Eindruck von besonderer Wichtigkeit zu sein scheinen. Aber unsere Erinnerung treibt ein seltsames Spiel mit unseren Meinungen und bekümmert sich selten um die Bedeutung, die wir selbst einem Geschehnis beimessen. Wie vieles aus unserem Leben ist nicht in Nacht versunken und vergessen, das uns einmal unendlich wichtig vorkam, und wie häufig tauchen kleine Dinge nach Jahren vor unseren geistigen Augen auf, denen wir damals keine Beachtung geschenkt haben. Es mag daran liegen, daß wir unter der unmittelbaren Wirkung eines Erlebnisses nicht in der Lage sind, seine wahren Beziehungen zu unserem Wesen gerecht zu ermessen.
Ich hatte Agathe, die Köchin des Hauses, eigentlich kaum beachtet, obgleich mir hierzu nicht allein durch ihre große Erscheinung, sondern auch durch eine Verfügung der Frau, die mich vor dem Essen zum Waschen in die Küche schickte, Gelegenheit geboten war. Dort hatte Agathe mir eine Blechschale mit Wasser auf einen Küchenstuhl gestellt und beobachtete mich mißtrauisch und mit deutlicher Abneigung wie einen unwillkommenen Eindringling. Sie schien ihre Herrschaft nicht mehr zu verstehen, die einen Landstreicher in ihre Gemeinschaft aufnahm. Trotzdem drang durch diesen deutlich zur Schau getragenen Unwillen etwas wie eine mütterliche Fürsorge, die sich durch ihre Urteile über gesellschaftliche Rangordnung durchaus nicht völlig unterdrücken ließ. Aber erst als ich spät in der Nacht meine Dachkammer bezogen hatte, fand ich Gelegenheit, diese flüchtigen Eindrücke auf ihre Bedeutung hin zu prüfen.
Als alles im Hause schlief, und ich selbst im ersten Halbschlummer lag, vernahm ich ein leises Klopfen an meiner Tür, und eine Frauenstimme fragte:
»Darf man hinein?«
Ich sah eine hell beschienene, mächtige Gestalt, die den Rahmen der Tür mit ihrem Glanz und ihrem Lächeln ausfüllte, und erkannte Agathe. Sie nickte mir wohlwollend und ermutigend zu, stellte zuerst die Kerze ab und huschte wogend wieder an die Tür zurück, die sie sorgfältig und leise verriegelte. Ein kleiner, schnappender Laut ließ sich nicht vermeiden, dazu sagte mein Besuch: »Gottchen!«
Sichtlich erleichtert und frohen Sinns strahlten ein paar blaue Augen mich nun triumphierend an, deutlich Anerkennung heischend für die Opfer an Angst und Mühe, die zurückliegen mochten, und für das Gelingen dieser freien Tat. Ich hatte mich erholt und sah mich zu meinem Erstaunen völlig außer Stande, durch Widerspruch auch nur die kleinste Disharmonie in diesen leeren Himmel voll herablassender Gunst zu bringen, der sich in wolkenloser Festfreude mit diesem großen Mädchen über mir ausbreitete. An Flucht war in dem vorliegenden Fall nicht zu denken, denn meine Besucherin hatte vorgebeugt, wenn auch gewiß nicht im Hinblick auf einen Fluchtversuch von mir, und die Lage spiegelte sich in ihren Augen anders, als in den meinen. Sie hatte mich eine Weile mit fast mütterlichem Ausdruck betrachtet, dann sagte sie herzlich: »Nicht wahr?« und lächelte aufmunternd.
»Gewiß,« sagte ich eilig, »sicher …«
»Wie schüchtern er tut, ei, ei«, meinte sie.
»Wollen Sie nicht Platz nehmen?« fragte ich und schob den Stuhl in ihre Nähe. Sie zog ihn unter sich, und er verschwand.
»Vielleicht wundert sich der Herr Landstreicher, daß ich noch so spät auf Besuch komme, aber ich habe mir gedacht, auch unsereins will sein Anrecht haben, und wir plaudern noch ein Stündchen. Aber, nicht wahr, brav bleiben …«
Ich gab das Versprechen, das mir abverlangt wurde, aber nun schien es mir, als sei das nicht erwartet worden. Ich sah, daß ich enttäuschte und wurde unsicher.
»Nicht wahr, Sie heißen Agathe, Fräulein Agathe?«
»Aber natürlich, was ist denn nur? In der Küche waren Sie doch anders, so munter … nun, ich werde schon sorgen. Aber, aber …« Und sie hob den Finger, schwenkte ihn warnend vor ihrem verdüsterten Auge und lächelte zugleich, in geheimnisvoller Abwehr. Sie tat so, als sei ich in ihre Kammer eingedrungen, aber ich überlegte scharf und sah ein, daß das so ihre Art Sitte war, und daß sie einen berechtigten Anspruch auf diese Umstellung der Betrachtung hatte. War nicht sie der gebende und zugleich der ausgesetzte Teil, und schon dadurch im Besitz aller Vorrechte? Ich hatte schon bei ihrem Eintritt bemerkt, daß sie ein Paket mit sich führte, das aber nur flüchtig gepackt war, eine Flasche und ein Bündel Briefschaften, unter denen sich auch ein größeres Buch mit Goldschnitt befand. Mich ergriff ein Gefühl, das ich den Stolz des Gastgebers nennen möchte, es erfreute mich, denn es war mir neu, aber auch später in meinem Leben habe ich es selten wieder so erfrischend empfunden, denn es gibt wenig fremde Gäste, die auf so selbstverständliche Art voraussetzen, daß sie willkommen sind, wie Agathe es tat. Sie breitete nun die Gegenstände, die sie zu mir heraufgetragen hatte, auf dem Tisch aus. Das Paket enthielt durchwachsenen Speck, und die Flasche war mit Lagerbier angefüllt. Agathe schob mir beides ohne Worte einfach hin, mit einem lieben Lächeln, ihr selbst kam es nur auf die Papiere an, die vor ihr lagen.
Ich nahm den durchwachsenen Speck an mich, aber Agathe legte ihn, etwas abseits, wieder auf den Tisch zurück.
»Was wollen Sie denn jetzt damit? Schauen Sie her, dies müssen Sie sehen, es sind meine Eltern.«
In unbefangener Bedachtheit entfaltete Agathe nun ihre Papiere, Bilder und Karten vor mir. Das Buch mit Goldschnitt, das in roten Samt gebunden war, und ein Nickelschild führte, wurde vorläufig noch zur Seite gelegt. Ich begriff den Ernst dieser Stunde, in der ein Menschenwesen nach der eintönigen und nüchternen Mühsal der Tagesarbeit Erhebung im Walten des Gemüts suchte, begriff die Nahrung der einfachen Seele und ihren ihr selbst unbewußten Hunger nach innerlichen Gütern des Lebens. Es war, als habe dieses große und ungefüge Wesen, das so ganz aus leiblichem Wohlstand erbaut zu sein schien, sich lange nach der Stunde gesehnt, in der ein Mensch an ihrem wertvollsten Lebenseigentum teilnehmen sollte. Und merkwürdig, wie viel dieses von keiner Daseinsgunst verwöhnte Menschenkind an Teilnahme voraussetzte. An mir, meinem Leben und meinen Interessen ging Agathe völlig vorüber, sie stellte weder eine Frage, noch bekümmerte sie mein Zustand oder meine Geschichte, es kam ihr ganz allein darauf an, daß ich sie anhörte, und sie konnte sich nicht denken, daß ein Mensch noch höher zu ehren sei, als nun ich durch ihr Vertrauen geehrt wurde.
Sie hielt das Bild ihres Elternpaares vor mir ans Licht, betrachtete es jedoch mit schräg gehaltenem Kopf selbst, und erzählte mir von diesen Leuten und ihrer Heimat. Ihre Sprechweise erinnerte mich auf das lebhafteste an die Ausdrucksformen, in denen verstoßene Gräfinnen in Romanen sprechen, die in Heftfolgen erscheinen. Agathe erhob deutlich den Anspruch, den gebildeten Kreisen zugerechnet zu werden und, wie ich nach und nach erfuhr, durchaus nicht ohne Grund.
»Wir kamen dann ins Unglück,« sagte sie nach einer genauen Festlegung der elterlichen Charaktere und des ihren, »es war, als das Panorama zugrunde ging.«
»Das Panorama?«
»Mein Herr Vater hatte seine Ersparnisse und das Geld meiner Mutter in einem großen Panorama angelegt, in dem die ganze Lebens- und Leidensgeschichte des Herrn Christus von A bis Z zu besichtigen war. Alan trat durch den Vorhang ein, und sah sich in das sonnige Morgenland versetzt, besonders bei gutem Wetter. Alles war in Bildern dargestellt, die so groß wie Häuser, und weit in die Ferne, bis zum Horizont gemalt waren. Sie betrachteten darauf die Geburt zu Bethlehem, mit Stern, die Flucht nach Ägyptenland, den zwölfjährigen Jesus im Tempel, die Bergpredigt, den Ölberg, das Verhör und zuletzt natürlich die Kreuzigung, das war die Hauptsache. Von der Grablegung war abgesehen worden, wegen Raummangel. Es war ein herrlicher Anblick, drei Künstler hatten es auf Leitern gemalt, und wir verzeichneten, besonders Sonntags, gute Einkünfte. Wo immer wir das Panorama aufschlugen, es stellte sich das beste Publikum ein. So bin ich auch weit in der Welt herumgekommen, denn von meinem fünfzehnten Jahr an saß ich an der Kasse.«
»Ach, so früh schon?«
»Da ist doch nichts dabei! Der Eintritt kostete ja nur dreißig Pfennige für Erwachsene, und für Kinder und Militär in Uniform die Hälfte. Schulen und Vereine hatten Vergünstigungen. Man sollte aber kaum glauben, was ein Mädchen an so einer Kasse erlebt. Und noch dazu, wo es sich doch um die Leidensgeschichte handelte, und man annehmen möchte, die Herren wissen, was sie zu sehen bekommen, und daß das kein Vergnügen ist. Dann ereilte uns das Unglück im März. Die Mutter meinte, es sei noch zu früh, weil doch alles unter freiem Himmel aufgebaut und gezeigt wurde, aber mein Vater sagte: ›Früh hin, früh her, das Geschäft geht vor.‹ Jedoch die Mutter sollte recht behalten, denn es setzte über Tags ein furchtbarer Sturm ein, noch ehe alles recht gerammt und geseilt war, er riß das Panorama nieder und trug Teile davon bis zu einem Kilometer landeinwärts. Das Unglück wollte es, daß mein Herr Vater selig, als er zur Hilfe herbeieilte, unter den fallenden Querbalken vom Bild ›Pontius Pilatus‹ geriet. Der Balken traf seinen Kopf, und er starb unvorhergesehen an Gehirnerschütterung.«
Wir betrachteten nun noch einmal miteinander das Bild des Vaters.
»Wurde das Panorama wieder hergestellt?« fragte ich.
Agathe schüttelte traurig den Kopf. »Es war aus damit. Fast alles war zerstört. Wir versuchten, die Mutter und ich, die unbeschädigten Bilder zum Verkauf zu bringen, auch aufgeteilt, aber es wollte sich kein Abnehmer dafür ausfindig machen lassen, die Leute traten bei der Besichtigung immer zu nahe heran, und die Bilder hatten dann kein rechtes Ansehen, weil sie auf die Entfernung berechnet waren. Mutter sagte: ›Gehen Sie doch weiter zurück!‹ Aber die Leute antworteten: ›Das könnte Ihnen so passen!‹ Ich bin dann Serviermamsell geworden, ging aber später doch lieber zu soliden Leuten.«
»Hier im Hause gefällt es Ihnen, Fräulein Agathe?«
Sie suchte in ihren Bildern und Briefen.
»Dies sind meine Originalzeugnisse, aber das wird Sie nicht besonders interessieren. Aber nun …« Sie sah mich zweifelnd und bedeutsam an, als wollte sie sagen: Was hilft es, daß ich alles erkläre, der Mensch ist doch allein mit seiner Traurigkeit. Aber sie entschloß sich dann doch, wenn auch mit leiser Mißbilligung meiner Person in den Blicken, Antons Bild zu zeigen. Ich erfuhr alles und mußte die Photographie halten. Sie stellte das Brustbild eines Mannes von Körperkraft und gutmütiger Entschlossenheit dar. Aus einem niedrigen Hemdkragen erhob sich ein mächtiger Hals, der die Stärke des Nackens ahnen ließ, und über dem kohlschwarzen Schnurrbart, dessen Spitzen in sonntäglicher Ordnung emporstanden, suchten zwei große Augen den Himmel, ohne daß ihr Ausdruck die Erwartung des Beschauers rechtfertigte, daß sie ihn auch fanden. Das spärliche, geölte Haar war in der Mitte, wie durch einen Axthieb gescheitelt, und legte sich in zwei regelmäßigen Bogen tief in die Stirn, die das zierlichste in diesem großen Gesicht war.
Agathe war inzwischen mit der Erzählung ihres Schicksals vorangeschritten, es war nicht gut hinausgegangen mit Anton und ihr. Eines Tages war er mit ihren Ersparnissen für immer ausgeblieben. Langsam trat eine große Träne in Agathes Auge und bestätigte alles. Die Träne hielt sich nach ihrem Austritt zuerst eine Weile auf, als sei sie erstaunt darüber, daß ihr Weg nicht ohne weiteres zu Tal ging, als sie jedoch die gerundete Höhe der Wange erquollen hatte, brach sie eifrig nieder und zersprang auf der Tischplatte. Agathe wischte sie fort und lächelte haltlos.
»Ich kann Ihnen wirklich nachempfinden, wie solch ein Kummer uns Jahr für Jahr begleiten kann,« sagte ich, »wie unsere Gedanken sich immer mit ihm beschäftigen müssen.«
»Ach Sie …«, unterbrach Agathe mich ablehnend, »Sie brauchen mich nicht zu bemitleiden! Einer, der gleich zu Anfang tut, als habe man Schlechtes vorgehabt, bloß wegen der Nachtstunde.«
»Ich? Ich habe nichts Böses vorausgesetzt, habe mich gefreut …«
»Weshalb haben Sie denn gleich so feierlich versprochen, Sie wollten brav bleiben?«
»Aber Fräulein Agathe, haben denn nicht Sie selbst darum gebeten?«
»Wer? Ich? Ach Sie! Wenn man überhaupt schon bitten muß!« Sie lächelte unendlich überlegen, schüttelte in bekümmerter Nachsicht den großen blonden Kopf und klopfte mir wohlwollend auf die Hand. »Wenn man die Menschen nicht kennte …« Ganz bedrückt von Erfahrung sah sie zur Seite, nestelte dann, plötzlich in einen munteren Eifer versetzt, an den Knöpfen ihrer Kattunbluse und tat, als schlösse sie sie, obgleich sie nicht geöffnet war.
»Sie haben es wohl auch nicht immer leicht?« fragte sie, als wäre ihr in den Sinn gekommen, daß sie irgend etwas nachholen müsse.
Mir fuhr ein heiterer Wind durch die Seele, ich dachte, seltsam befriedigt, an ferne große Dinge der Zukunft und fand die Stunde reizvoll und reich. Aber nun galt es zu seufzen, und so teilte ich mit, daß ich bereits recht eigentümliche, sowohl als auch gefährliche Erlebnisse auf meiner Wanderschaft zu bestehen gehabt hätte, besonders auf dem Lande, da die Bauern nicht überall freigebig seien, und sich mir selten Arbeit böte.
»Stibitzen – nein, das tun Sie nicht?« Sie lächelte gläubig und entschuldigend, schien aber doch auf eine Antwort zu warten.
»Ich fühle mich nicht ganz frei, Fräulein Agathe,« gestand ich ein, durch ihre Fürsorge aufs neue belustigt, »aber ich habe die schlimmsten Erfahrungen schon beim ersten Versuch gemacht, den ich unternommen habe.«
»Der Flurschütz?«
»Nein, es handelte sich nur um Milch.«
»Ach,« sagte sie bedauernd, »um etwas Milch …«
»Nein, ich wollte mir schon ein ansehnliches Quantum aneignen, hatte jedoch zu meinem Mißgeschick den Entschluß gefaßt, die Milch unmittelbar bei einer Kuh zu entnehmen. Es war an einem ziemlich heißen Mittag, am 15. August, als ich hungrig und durstig ein Wiesental durchschritt, auf dem mehrere Kühe weideten, braune und solche, die schwarz und weiß gefleckt waren. Schönes Vieh! Eine von ihnen fiel mir durch ihr besonders hervortretendes Euter auf, und ich zog daraus den Schluß, daß man es bei diesem Tier unmöglich in Erfahrung zu bringen vermöchte, wenn ich etwas Milch entnähme.«
»Gottchen, das merkt man doch nicht«, meinte Agathe ernst, und sah mich zurückhaltend an.
»Ich trat näher, und versuchte das Vertrauen der Kuh durch einnehmende Bewegungen und freundliche Zusprache zu gewinnen. Sie sah mich ruhig, mit etwas verdutzten Augen an, nichts verriet mir, daß sie mißtrauisch war, so daß ich, wenn auch mit heimlichem Erbeben, Vorbereitungen zur Ausführung meines Planes traf. Ich drückte die Beulen aus meinem Hut, kehrte ihn um, und erhöhte seine Aufnahmefähigkeit dadurch, daß ich den inneren Futterrand aus nachgedunkeltem Leder nach oben herausbog. So entstand mir ein Behälter, der immerhin einige Milch aufzunehmen vermochte. Ich war der Meinung, daß eine offene Wiese kaum der geeignete Ort für meinen Diebstahl sein konnte, obgleich umher alles leer und still war; so versuchte ich die Kuh dazu zu bewegen, sich an den Rand der Wiese, in den Schatten eines Knicks zu begeben. Ich lockte sie, indem ich ihr eine Handvoll Gras dicht vor die Augen hielt und dann ein paar Schritte zurücktrat, in der Hoffnung, sie würde mir folgen, um sich in den Besitz dieses Grases zu setzen. Sie schaute mich aber nur an und graste am Boden weiter, so daß ich mich genötigt sah, von einer anderen Seite her einen Versuch zu machen. Ich trat hinter das Tier, und zugleich mit einem derben Laut der Aufmunterung, wie ich ihn von Kutschern gehört habe, versetzte ich ihm einen Stoß mit der Hand, damit es sich in Bewegung setzen möchte, es wedelte aber nur und fraß weiter. So entschloß ich mich am Ort selbst meinen Vorsatz in die Tat umzusetzen und baute meinen Hut, sorgfältig genau, unter dem Euter auf. Nun jedoch machte die Kuh einen langsamen Schritt vorwärts, offenbar war der Platz, auf dem sie gestanden hatte, inzwischen abgeweidet. Ich ging ihr nach, beschleunigte den Aufbau des Hutes, und ergriff von den vier unteren Enden des Euters dasjenige, von dem ich mir am meisten Milch versprach.«
»Gottchen, nee …«, sagte Agathe.
»Es ist vielleicht wahr,« fuhr ich fort, »meine Erfahrung war gering, ich war jedoch nicht völlig ohne Kenntnisse, vielmehr wußte ich, daß ein einfacher Riß oder Ruck noch keinesfalls Milch zutage förderte. Es galt einen kräftigen, stoßartigen Griff nach oben zu machen, den Euterzipfel hierauf fest abzuzwängen und dann langsam seinen Inhalt nach unten hin auszupressen. Offenbar habe ich es an der nötigen Entschlossenheit und an ruhiger Kraft fehlen lassen, denn der Erfolg blieb aus. Meine Zaghaftigkeit entsprang einer seltsamen Scheu, fast möchte ich Achtung sagen, ja, das Euter kam mir geradezu heilig vor.«
Agathe schaute mich mit großen Augen an, sie schien angestrengt zu überlegen und sah erschrocken aus.
»Wäre die Sache nur nicht so fragwürdig ausgegangen,« fuhr ich fort ihr zu erzählen, »die Kuh drehte sich nach mir um und warf einen schrägen Blick auf meinen Hut, an Stelle der alten Gleichmütigkeit hatte Besorgnis in ihren Zügen Platz gegriffen. Sie entzog mir ihr Euter und trat auf den Hut. Darauf machte sie ein paar erregte Schritte, beruhigte sich dann jedoch und begann wieder zu weiden. Hätte ich nur aus dieser Erfahrung den richtigen Schluß gezogen! Aber leider bin ich meinen Anlagen nach genötigt, einem Widerstand gegenüber meine Anstrengungen zu verdoppeln. Ich beschloß, diesmal nicht allein mit beiden Händen ans Werk zu gehen, sondern auch jede Regung der Empfindsamkeit energisch in mir zu unterdrücken, und selbst dann, wenn die Kuh einen erneuten Fluchtversuch in die Wege leiten sollte, wollte ich das Euter auf keinen Fall fahren lassen. Auf diese Art hoffte ich durch Standhaftigkeit das Tier am Platze zu fesseln. Gemolken zu werden konnte ihm unmöglich etwas Fremdes sein! So ging ich der Kuh auf unbefangene Art nach und verbarg den Hut hinter meinem Rücken, nachdem ich ihn zuvor wieder rund und hohl gemacht hatte. Aber kaum hatte ich sie erreicht, als sie auch schon den Kopf wandte und mich ins Auge faßte, sie hatte mich durchschaut! Ich begriff, daß dieser Umstand erschwerend ins Gewicht fiel, faßte jedoch Mut, sprang schnell herzu und versuchte das Euter zu erhaschen, nachdem ich zuvor den Hut mit einer kreisenden Drehung geschickt an den geeigneten Ort geworfen hatte. Aber die Kuh machte unvermutet einen gewaltigen Satz, hob die Hinterfüße, so daß ich das große Euter für einen Augenblick wie eine Fahne hoch über mir am Himmel sah, und schlug mehrere Male mit beiden Beinen zugleich aus wie ein Pferd. Dann warf sie mir einen stürmischen Blick zu und suchte in erregtem Galopp das Weite. Ich war auf irgendeine Art zu Fall gekommen und erhob mich nun verstimmt, davon überzeugt, daß auch weitere noch so energische Bemühungen keine Früchte des Erfolges zeitigen würden.«
Agathe verbarg ihre Schadenfreude mit großem Takt, ich merkte ihr an, daß sie gern gelacht hätte, denn es zuckte um ihren gutmütigen Mund, aber sie bezwang sich und zeigte mir Teilnahme, die allerdings etwas herablassend war. Es lag ihr aber daran, mir ihre Bildung dadurch zu erweisen, daß sie die ernste Form meines Vortrags würdigte und so darauf einging, wie es sich für Leute guten Standes gehörte.
Aber als ich ruhig weitersprach und noch etwas über Kühe im allgemeinen hinzufügte, das mir zur Klarlegung des unangenehmen Vorfalls wichtig erschien, durchbrach ein erschütternd wirkendes Lachen Agathes erstaunten Ernst, und ich sah mich genötigt mit einzustimmen. Es ist, besonders unter Fremden, immer besser, man paßt sich ihrem Verkehr etwas an, zumal wenn es sich nur um Lebensart handelt …