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Gibt es wohl ein Fleckchen Erde in der Welt, das mehr Blut getrunken hat als der Boden Galiziens? Wer will es ermessen, und was würden Zahlen, der purpurnen Allmacht jener Ströme gegenüber, bedeuten, die dort geflossen und versiegt sind, die die Erde in ihrem barmherzigen Schoß birgt, die die allmächtige Sonne in ihr Lichtbereich zurückgezogen hat? Die Kreuzeswälder aus Höhen und Wiesen dieses weiten, vorher so wenig bekannten Landes decken nicht allein die Leiber der gefallenen Männer und ihre Schmerzen, sondern sie verkünden eine Welt von Gram, den die Lebendigen ertragen, die Lebendigen deutscher Erde in Nord und Süd, West und Ost, die Lebendigen auf Rußlands weiten Landstrichen, aus Österreichs Marken bis tief in die Tiroler Berge hinein und in die bosnischen Hochebenen.
Was bedeutet diesem Meer zerbrochener Hoffnungen und ungenannter Kümmernisse gegenüber ein einzelner Fall des Erleidens, und doch will jener graue Morgen mir nicht aus dem Sinn, an dem ein altes Männchen mich um meine Hilfe bat, um meine Hilfe, die Stätte zu finden, an der die Liebe und der Glanz seines versinkenden Daseins eingebettet lagen.
Jener eine Fall, in dem das Leid der Heimat wie durch einen Boten zu mir trat, ist mir lange im Gemüt und in vielerlei Betrachtungen nachgegangen. Die Heimat erlebt den Krieg anders als die Kämpfenden, und sie erleidet ihn anders. Ein volles Verstehen ist schwer herzustellen, die Faust des Krieges schließt eherne Riegel vor, und der tiefere Grund einer gewissen seltsamen Fremdheit mag darin liegen, daß Stolz und Scham beiden Seiten die Lippen schließen. Ich habe wenig der kämpfenden und leidenden Männer an der Front getroffen, die auch nur von ihren Taten oder Leiden erzählten, am wenigsten dann, wenn ein hohes Ehrenzeichen ihre Brust schmückte.
Um die Bedrängnisse und das Geleistete anzuhören, sind die Kameraden da, die Gefährten dieser rauhen Taten, die alles ersetzen müssen, Vater, Mutter, Gattin und Kinder. Aber der Heimat gegenüber gibt niemand gern zu, wie hart sein Los war, mit den Grenzen der vertrauten Gefilde, die viele nicht wiedergesehen haben, setzt in der Brust des Mannes der Trotz des Verantwortlichen und der Stolz des Handelnden ein, und die Klagen verstummen, oder ihr Angesicht bekommt die grausame Heiterkeit der siegreichen Kraft.
Und so empfindet die Heimat, und vielleicht ist es ihr heiliges Recht, von dem großen Kriegselend in fremden Ländern hauptsächlich und zuerst nur die Kraft, den Ruhm, Erfolge und den Geschmack eines fernen, ehrenvollen Todes. Aber das Gefühl für jene seltsame Verschiebung aller Werte, die das Kriegsleben mit sich bringt, drängt sich ihr nur selten auf, vielleicht einmal dann, wenn die bescheidene Freude eines Heimgekehrten über eine sonst nie beachtete Nichtigkeit sie rührt, oder wenn aus einem Angesicht das merkwürdige und kindliche Entzücken strahlt, nur darüber, daß die Brust noch im Licht atmet, daß die Hände sich noch regen, die Füße noch schreiten, und der Mund noch spricht.
Und so verstehen auch die Kämpfenden draußen die Menschen der Heimat in ihrem Getriebe, ihren Ansprüchen, ihren Vergnügungen und ihren Worten nicht mehr ganz, am wenigsten in ihrem Gleichmut gegen die Güter eines ruhigen, arglosen Daseins. Nur die Liebe schlägt ihre hellen Brücken im ausgleichenden Glanz ihrer göttlichen Allmacht.
Ich dachte an diese Einzelheiten, als ich an jenem grauen, regnerischen Sommermorgen mit dem alten Mann durch die verödeten Straßen eines kleinen galizischen Ortes schritt. Der Fremde hatte die weite, mühevolle Reise vom Norden Deutschlands bis dicht an die russische Grenze Galiziens in Tagen und Nächten gemacht, um eine kurze, traurige Weile am Grabe seines Sohnes stehen zu können, und wir gingen nun miteinander hinaus, um es zu suchen.
Die grausam nützliche Sachlichkeit und der eherne Gleichmut des Kriegshandwerks, wie es sich nahe hinter der Front oft so ernüchternd darbieten kann, erschütterten den alten Mann zu Anfang fast heftiger als der Gedanke an das Grab seines Sohnes. Ihm mochte zumute sein, wie einem der erwartet hatte, in das feierliche und großzügige Ruhmesdämmern einer im Orgelklang erbrausenden alten Kirche zu kommen, und der sich plötzlich in die grausame Nüchternheit eines modernen Fabrikbetriebes versetzt sieht. Das liegt daran, daß der Krieg alt ist, uralt, als Kriegshandwerk aber ist er neu, ganz neu, sein kaltes dröhnendes Getriebe übertrifft alles, was wir von Fabriken, Warenhäusern, Bahnen oder Maschinen je in der Heimat auch nur geahnt haben.
Und in diesem Lärm der Sachlichkeiten haust der alte Tod? Der Tod der Blumen und der schwermütigen Lieder, der Tod stiller Gebete und andächtig geschmückter Gräber? Das alte Männchen an meiner Seite tat mir innig leid, aber ich verstand es wohl, denn auch mein Mund ist verstummt, als ich die ersten Eindrücke dieser verwirrenden und erschütternden Lebens- und Todesformen empfing. Es gehört viel Gleichmut, viel Oberflächlichkeit dazu, hier draußen drauflos zu schwatzen.
Es regnete ohne Aufhör, die grünlich schimmernde Ebene war weithin verhängt, unsere Füße sanken tief in den durchweichten Lehmboden, ein paar armselige Bauerngefährte begegneten uns, die Leute grüßten tief, uns mit großen, angstvollen Augen musternd.
»So haben sie sich auch vor den Russen verbeugt«, sagte ich, um die qualvolle Öde des bedrückenden Schweigens zu brechen.
Der alte Mann sah auf und suchte meinen Blick.
»Sie wissen nicht, vor wem sie sich beugen,« sagte er langsam, »sie neigen sich vor der Majestät des Krieges und vor dem Leid der Menschheit.«
Seine Worte sanken mir tief ins Herz. Dir hat der Schmerz die kleine Parteilichkeit im Urteil genommen, dachte ich, du fühlst, daß die ehernen Schranken, die die Völker im Kriege trennen, einen wehen Ausgleich in einer ganz neuen Gemeinschaft hervorrufen, in der Gleichheit ihres gemeinsamen Leides. Ich betrachtete meinen Begleiter heimlich und aufmerksam. Er war mir so fremd, wie nur ein Mensch dem anderen sein kann, ich kannte nicht einmal seinen Namen. Aber nach seinen letzten Worten war er mir seltsam nahegerückt, und zum erstenmal empfand ich, daß wir hier zu zweien, in einem fremden Land, an einem traurigen Morgen, zwei lebendige Menschen, einen Verstorbenen suchten.
Der Kirchhof war weit draußen. Wir betraten ihn endlich, naß und ermüdet. Er bot, wie die galizischen Friedhöfe fast alle, unserm deutschen Anspruch wenig Erhebendes, der Blech- und Steinschmuck der Gräber, die fast alle kahl und zum größten Teil vernachlässigt waren, berührte nüchtern und lieblos, ich dachte an die durchsungenen Totengärten meiner norddeutschen Heimat, und ein Frösteln der Fremde befiel mich.
Ein Feld hinter dem Kirchhof war der neue Begräbnisplatz. Dort lagen Deutsche, Österreicher, Tschechen und Russen, jede in ihrem Teil bestattet, und beim Anblick dieser gleichmäßigen Reihen, die wie neue Beete eines frisch angelegten Gartens wirkten, erschien mir das Bild des Todes in der Gestalt eines Gärtners, der sein Land in liebevoller Ordnung und bedachter Bereitschaft zu einer großen Ernte bestellt hat. Wie sorgfältige Anpflanzungen zogen die Kreuzreihen sich dahin, ihr hellgelbes Holz über dem Lehmboden gegen den grauen Himmel ist mir unvergeßlich geblieben. Ein jedes dieser schlichten Denkmale trug einen Namen, den Todestag, eine Nummer und das Regiment seines Schläfers. Das war ein trauriges Suchen.
Ich sah, daß mein Nachbar zitterte. Er ging mühsam und gebeugt, und sein Mantel war durchnäßt. Im Hintergrund des Feldes bewegte sich ein Bauerngefährt mit einem Holzsarg. Der Priester und ein paar österreichische Soldaten schritten hinterher. Es wurde haltgemacht, es bildete sich eine Gruppe im Nebel …
»Hier ist er begraben …,« sagte eine rauhe Stimme leise neben mir, »hier liegt er.« Es klang seltsam sachlich. Nach einer Weile atmete der alte Mann tief auf und sagte ohne Schmerz und ohne eine Klage im Ton:
»Ich hatte ihm, als er ein kleiner Junge war, eine Schaukel bauen lassen, hinter meinem Arbeitszimmer im Garten, und von meinem Schreibtisch aus sah ich seinem Spiel zu. Das war eine Freude für mich, von der er nichts wußte. Da sah ich, wie er es trieb, was sich in ihm regte, und was ihn beglückte. Hierzu hatte er Geschick, dies wieder ließ ihn gleichgültig. Und eigentlich ist es immer so geblieben: ich sah ihm zu, und er wußte nicht gar zuviel von dem, was mich bewegte. Heut scheint es mir, als habe ich nicht unrecht daran getan. So blieb ich mir auch treu, als er in den Krieg wollte. Ich habe nichts getan, was seine heiße Freude schmälerte, und nun steh' ich hier wieder, schau' auf ihn nieder, und er weiß nichts davon … Aber was denn nun?« fuhr er fort und sah mich an, »soll ich wieder mit Ihnen umkehren, ich Alter? Ja, ich werde es tun,« antwortete er sich selbst, »ich bin zu alt geworden, um dem Leben nicht gehorsam zu sein. Schauen Sie über die weiten Gräberreihen hin, alle weiht ihr großer, heiliger Gehorsam, und je tiefer er aus dem eigensten Wesen und innersten Willen dringt, um so edler ist er. Oft meine ich, der Gehorsam gegen alle und ihr Wohl und die wahre Freiheit, die haben viel miteinander gemein, aber ich kann Ihnen nicht sagen, inwiefern, denn meine Gedanken vermögen meinem Herzen nicht immer zu folgen, wohl aber ich selbst, und es scheint mir das beste.«
Wir gingen schweigend heim, und der Alte trat noch in der gleichen Nacht die beschwerliche Heimfahrt an. Ich gedachte seiner in einer wehmütigen Erhabenheit, bis in meiner Erinnerung langsam ein seltsames, heimliches Glühen aus seinen einfachen Worten erwachte, dessen Glanz und Wärme mich begleiteten wie ein Licht aus der Heimat.