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Der letzte Brief

Bei furchtbaren Nachtkämpfen in Frankreich, im Frühling eines blutigen Kriegsjahrs, riß ein Granatsplitter dem jungen Fähnrich die Seite auf, es war nur ein Streifschuß, der ihm viel Blut, aber nicht einmal die Besinnung kostete. Er sah in der Morgendämmerung einen Kameraden seiner Kompanie auf dem Verbandplatz und lächelte ihm zu. »In die Heimat«, sagte er mit blassen Lippen und hob die Hand nach Osten. »Auf Wiedersehen«, fügte er hinzu.

Aber die Heilung nahm einen langsamen Verlauf, und man konnte den Verwundeten erst nach Wochen vom Feldlazarett in die Heimat befördern. Der Zug fuhr langsam nach Norden und der Kranke sah die Berge und Bäume am Fenster wandern und wußte bald, daß es wieder deutscher Boden war, über den er dahinrollte, unter deutschem Himmel und im lauen Frühlingswind, der die Wiesen seiner Heimat berührt hatte. Es ging weit dahin, bis in einer frühen Morgenstunde die Luft einen herben Salzgeruch und die Frische der Meerweite über sein schmales Lager wehte. Er hatte das Meer niemals gesehen und sein Gruß mutete ihn zugleich fremdartig und wohltuend an, ihm war, als ob sein Herz sich in einer ganz neuen Freiheit der Hoffnung weitete.

Seine Wunde schien zu heilen, langsamer zwar, und nicht auf jene sichere Art, die er wie ein selbstverständliches Recht seiner Jugend erwartet hatte, und zuweilen wunderte ihn die bedächtige Sorgfalt und die zurückhaltende Ermutigung seiner Umgebung. Mit welch eigenartigen Empfindungen der Erinnerung werde ich später an diesen weißen Saal mit seinen großen Fenstern zurückdenken, ging ihm durch den Sinn, an das wechselnde Licht an den Scheiben, an die unpersönliche und doch so innige Freundlichkeit meiner fremden Wohltäter und an mein schmales, leichtes Bett zwischen den anderen Betten. Wenn bisweilen die Fenster geöffnet wurden, so hörte er Hähne krähen, die Sperlinge schrien in der Morgendämmerung und einmal sang schon eine Amsel, auf der noch kahlen Spitze eines Birnbaums, dessen Zweige sich vor seinen Augen im Himmelslicht bewegten.

Er fühlte sich schwach und glücklich. Einmal dachte er: Vielleicht bin ich glücklich, weil ich zu nichts anderem die Kraft habe, und es beseligte ihn, wie in einer erkenntnisreichen Ahnung, daß die letzte Kraft und das Glück einander zu suchen schienen.

Einige Tage nach seiner Einlieferung in das neue Lazarett erwachte er gegen Mittag aus einem Traum, in dem er ein Lied von unvergeßlicher Süße der Schwermut und des Heimwehs vernommen hatte. Da hörte er, als er die Augen öffnete, die Stimme seiner Mutter. Sie saß an seinem Bett und hielt seine Hand. Ihm war, als sähe er seine Mutter zum erstenmal und in einer tiefen Menschenseligkeit erbebte er durch und durch, wie keine Todesnot, keine Kampfeswut und kein Elend seines Leibes ihn jemals hatten erbeben lassen. Sie fragte ihn dieses und jenes, wie nur eine Mutter fragen kann, nicht auf eigene Antworten bedacht, nicht auf Einwände oder auf Widerspruch, noch auch nur darauf, daß ihre eigenen Empfindungen zur Geltung kommen möchten. Er sprach zu ihr, und ihm war zumut, als schritte er wieder als Knabe durch den Wald und sänge sich sein junges Herz frei, unter den Wohltaten und in der Kühe der grünen Bäume. Er gewahrte darüber, daß die furchtbaren Kriegserlebnisse seiner letzten Lebenszeit ihr Grauen verloren hatten, er wußte keine Einzelheiten mehr, fern am Horizont stand ein düsteres, grollendes Flammenbild. Als er von seinem Erleiden sprechen wollte und in die Augen seiner Mutter sah, erkannte er, daß sie alles wußte und schwieg, denn mehr als eine Mutter fühlt, kann niemand sagen.

Da man über seinen Zustand anders dachte, wie er selbst, so war sein Freund benachrichtigt worden, der in der Heimat weilte, und da er nicht herzueilen konnte, um den Verwundeten zu besuchen, schrieb er ihm einen Brief, in dem unter mancherlei anderem die Worte standen: »Wäre die Lauterkeit Deiner aufopfernden Gesinnung nicht das teuerste Pfand auch unserer Freundschaft, so würde ich in Jubel darüber ausbrechen, daß dieser schmerzreiche Unfall Deiner Verwundung Dich uns allen, mir und dem Leben zurückgibt. Erachte mich nicht als selbstsüchtig, wenn diese Hoffnung jedes andere Gefühl überwiegt, ich soll Dich lebend wieder haben, und wir werden wieder, wie es immer geschehen ist, das Leben teilen, das schöne Leben! Erinnerst Du Dich des strahlenden Sommers, der uns, bevor der Krieg ausbrach, auf dem Lande vereinte, und der Sonnentage am Fluß? Wie wir das helle Wasser durchschwammen und am anderen Ufer die beiden Mädchen überraschten, das weiße und das rote, die schreiend und lachend durch die Weiden flüchteten und ihre Strohhüte zurückließen? Wir teilten die willkommene Beute, deren breite Ränder unseren Stirnen Schutz gegen die Mittagssonne boten, und lagen lange im hohen Schilf in der weißen Mittagsglut, ließen die Stunden verstreichen, wie ein gütiger Gott sie sandte, und das Himmelslicht durchglühte unser Blut. Es war so ruhig, daß man die Flügel der Libellen in der Luft schwirren hörte, und über der glitzernden Flut am Horizont unter den Bergen hob sich der Kirchturm aus den Dorfhäusern. Das Dorf lag in den sanften Wogen der Kornfelder, eingebettet wie in die Hoffnung auf sein Brot, und die Rohrspatzen riefen im Mittag. Laß das Glück dieser Stunden als helles Bild der Hoffnung in Dein genesendes Herz sinken. Alles wird nun, schöner und freier, für Dich wiederkehren …«

Als dieser Brief den Ort seiner Bestimmung erreichte, war der verwundete Mann gestorben. Eine barmherzige Schwester überreichte ihn stumm der Mutter, als sie Abschied von ihrem Sohn nahm. Da hob sie die wächsernen Hände, die auf der Brust lagen und schob den Brief darunter, denn sie dachte sich, er gehört ihm. So hatte es den Anschein, als drückte der Tote das vergängliche Lebensblatt an sein ruhendes Herz, das Bild der strahlenden Landschaft am Fluß, die lachenden Mädchen und das Schilf im sanften Sommerwind.

 

Ende

 


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