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65. Der kluge Arme

. Es war einmal ein armer Mann, der half sich so durch mit viel Arbeit und Plage. Einmal dachte er bei sich: »Die Welt ist groß und nährt viel Volks, sie wird auch mich ernähren; wie viele arme Kerle, gerade solche wie ich, sind als Bettler in die Fremde gezogen und als schwer reiche Leute wiedergekommen. So will ich auch gehen, und komme ich nicht reicher zurück, ärmer kann ich nicht werden.«

So dachte der Arme, kam zum Entschluß und was er beschlossen hatte, führte er aus. Mitzunehmen hatte er nichts, auch nichts zurückzulassen, und das Herz brauchte ihm nicht zu brechen, wenn der Rest verbrannte. Damit ging er und überlegte, wie er am bequemsten Reichtümer erraffen könne; und so in Gedanken stieß er an ein Tuchbündel, bückte sich und hob es auf – aber das war schwer und fest zugebunden. »Wahrhaftig,« dachte der Arme, »das sind entweder Steine oder Gold«, knüpfte die Fetzen auf und fand darin sechs alte Fünfpiasterstücke. »Ach, da lacht mir das Reiseglück«, meinte er, stopfte das Geld in die Tasche und ging weiter. So führte ihn seine Straße in ein größeres Dorf, dort trat er in das Kaffeehaus, trank Kaffee und wälzte in Gedanken, was er nun weiter anfangen sollte. Er war freilich ein armer Kerl, aber bei seiner Bettelhaftigkeit ein Schlaukopf, und als er sich ausgedacht hatte, was er machen wollte, und mit dem Kaffee fertig war, fragte er den Kaffeewirt: »Hör mal, Wirt, wer ist hier der erste?« – »»Nun wer sonst als der Badebesitzer und der Wesir.««

»Aha, so so«, lachte der Arme, steckte die Hand in die Tasche, nahm ein Fünfpiasterstück heraus und gab es dem Wirt: »Da, Wirt, für den Kaffee.« Der Wirt nahm es, besah und zählte sein Kleingeld und sagte dann: »Das trifft sich schlecht ich kann dir nicht herausgeben.« Der Arme lachte wieder ein bißchen und sagte: »Habe ich denn etwas von dir heraushaben wollen?« Als das der Wirt hörte, traute er sich nicht weiter was zu sagen, sondern legte die Hand an die Stirn und grüßte ehrerbietig. Der Arme blieb noch eine Weile im Kaffeehaus sitzen, und die Gäste dort fingen an zu flüstern: »Es kann nicht anders sein, das ist kein armer Mann, das ist ein irgend anderer, der sich nicht kund, geben will.« Die Gäste bewogen nun den Wirt, zu dem Fremden zu gehen, und der redete ihn an: »Entschuldige, geehrter Herr, wenn ich dich etwas frage, du bist wahrhaftig nicht der, der du scheinst, verzeihe, aber man sieht dir die zarische Herkunft am Gesicht an.« Als das der Arme hörte, wurde er von Herzen froh und sprach: »Wenn du es schon erraten hast, nützt es nichts zu leugnen, würde sich auch nicht ziemen zu leugnen; ich bin des Zaren Sohn und bin in Verkleidung abgereist.« Als das der Wirt vernahm, verneigte er sich bis zur Erde, die Gäste aber wurden ganz still und schlichen sich aus dem Kaffeehaus.

»Höre Wirt,« sagte darauf der Arme, »stopf mir eine gute Pfeife Tabak, koch einen ordentlichen Kaffee und bringe mir ihn zum Mittagessen ins Bad zum Badebesitzer.« »Schön«, antwortete der Kaffeewirt untertänig; der Arme aber ging über den Markt zum Barbier. Dort ließ er sich nieder, ließ sich rasieren und händigte dem Barbier wieder ein Fünfpiasterstück ein; dabei sagte er stolz: »Du brauchst mir nichts herauszugeben, Barbier!« – »»Das ist sicher der Sohn des Zaren, den die Kaffeehausgäste erkannt haben, Zarenblut verrät sich ganz von selbst.«« – »He, höre Barbier,« rief dann der Arme beim Weggehen, »komm um die Mittagszeit ins Bad, falls ich dich brauchen sollte, daß ich dich da habe.« – »Sehr wohl, mein Herr«, antwortete der Barbier und machte ihm eine ehrerbietige Verbeugung; der Arme ging dann in ein Speisehaus und sagte hochmütig zu dem Wirt: »Höre Wirt, um Mittag bring mir das Mittagessen, aber ordentlich muß es sein, ins Bad.« Darauf ging er zum Badebesitzer. Im Bade angekommen, setzte er sich an den Herd und kauerte sich zusammen wie ein richtiger armer Kerl. Da fuhr ihn der Badediener an: »Was hast du hier zu tun, du abgerissener Bettelmann?« – »Ich will den Badeherrn sprechen«, antwortete der Arme, »und warte auf ihn.« – »Was für einen Badeherrn; was willst du mit dem Badeherrn? Raus, hinaus, du Saufbold!« Gerade als der Diener den Armen hinaustrieb, traten ins Bad der Speisewirt mit dem Eßtisch, der Kaffeewirt mit dem Kaffee und der Pfeife, der Barbier mit dem Rasiermesser, und fragten den Diener, wo der Sohn des Zaren sei, und als sie ihn bemerkt hatten, deckten sie ihm den Tisch und fingen an ihn zu bedienen.

Als der Badediener sah, was er angerichtet hatte, lief er eilig zu seinem Herrn und erzählte ihm alles und jedes. Es hilft nichts, dachte der, man muß den Zarensohn versöhnen. So rüstete er ein Roß und goldgestickte Gewänder, deren Taschen stopfte er voll Dukaten, um damit die Bekanntschaft anzuknüpfen. So geschah es. Der Badeherr kam zu dem Armen, begrüßte ihn ehrerbietig und knüpfte durch die Geschenke die Bekanntschaft mit ihm an. Der Arme benahm sich sehr gnädig, verzieh dem Diener und blieb bei dem Badeherrn.

Während das vor sich ging, erfuhr der Wesir, daß in seinem Dorf des Zaren Sohn sei, und es war ihm über alles leid, daß er zu dem Badebesitzer und nicht zu ihm gekommen war, darum schickte er sich an, selbst zu ihm zu gehen. Der vermeintliche Zarensohn saß auf dem Polster und blies den Rauch von sich. Der Wesir küßte ihm den Saum und sprach: »Erhabener Zarensohn, eben habe ich erfahren, zu meinem bittern Schmerz, daß du dich hier aufhältst und beim Badebesitzer eingekehrt bist und nicht zu mir wolltest. Ich bin beim Zaren in Ungnade gefallen, und auch bei dir, aber nicht durch meine Schuld, sondern ganz unschuldig.« Darauf antwortete der Arme: »Mein lieber Wesir, ich wollte wirklich nicht, daß jemand wissen sollte, wer ich bin, aber weil ich bei Lebzeiten meines Vaters so in Verkleidung herumzog und man mich im Kaffeehaus doch erkannte, durfte ich Namen und Abkunft nicht verleugnen. Aber es ist wirklich besser und mehr nach dem Sinne meines Vaters, daß ich bei dir meinen Aufenthalt nehme.«

Kaum hatte der Wesir das gehört, so gingen sie zu dessen Hause. Dort nahm der Arme die größten und schönsten Zimmer ein und begann zu leben wie ein Zar. Die Tische stehen immer gedeckt, die Diener bringen die allerbesten Speisen. Er kostet von jedem Gericht nur einen Bissen – wie ein rechter Zarensohn – und läßt das übrige stehen. Eines Tages, als der Wesir in sein Zimmer trat, hatte er den Kopf aufgestützt, als wäre er über etwas verdrießlich, hatte sich umgedreht und sah zum Fenster hinaus in den Garten. Der Wesir machte seine Verbeugung, blieb – wie es Sitte ist – an der Tür stehen und wagte nicht vorzutreten, bis der Zarensohn ihn rief. Nach einer Weile sagte er: »Sind das da unten im Garten deine Töchter?« Da erhellte sich die Stirn des Wesirs: »Ja, Herr.« Das war dem Armen sehr lieb und er rief den Wesir zum Fenster: »Die Jüngste da kannst du mir geben.« Wem war das lieber als dem Wesir, und wirklich noch denselben Tag wurden sie verheiratet und feierten das Hochzeitsfest acht Tage lang.

So ging es Tag für Tag weiter; es kam aber nun dem Wesir in den Sinn, daß ja der Zar-Vater noch gar nicht wisse, daß und wie sich sein Sohn verheiratet habe; darum schrieb er einen Brief, setzte alles hinein, wie es zugegangen war, und schickte ihn zuhanden des Sultans nach Zarigrad. Es dauerte nicht lang, da kam aus Zarigrad ein Brief, den der Sultan eigenhändig geschrieben hatte und worin stand, wie es ihm lieb sei, daß sein Sohn geheiratet habe; auch forderte er den Wesir auf, ihm Sohn und Schwiegertochter zu schicken, damit er sie kennen lerne und bei sich nochmals die Hochzeit feiere. Als der Wesir und der Arme diese Botschaft vernommen hatten, sahen sie, daß nichts übrigblieb, als nach Zarigrad zu reisen. Der Wesir rüstete den Reisevorrat und die sonst nötigen Sachen und schickte seine Tochter und ihren Mann nach Zarigrad.

Dem Armen war sehr schlimm zumute, denn er wußte, der Sultan würde ihn nicht mit dem Leben davon kommen lassen. Als sie auf dem Wege nach Zarigrad übernachteten, überlegte sich der Arme hin und her, was zu tun und kam immer nur darauf, er könne sein Leben nur retten, wenn er heimlich entflöhe und die Frau im Stich ließe. Unter diesen Gedanken überraschte ihn die Morgenröte und in dem Dämmerlicht sah er seine Frau in sanftem Schlafe liegen. Da ergriff ihn der Kummer, er beugte sich über sie und sagte: »Ach Frau, schön bist du, lieb bist du; ich kann es nicht übers Herz bringen und dich, meine helle Sonne, betrüben; ich will lieber sterben als dich verlassen.« Nach diesen Worten küßte er sie; sie wachte auf und er sagte vergnügt zu ihr: »Steh auf, mein Herz, heute noch sind wir in des Vaters Palast; komm, laß uns nicht zaudern.«

Sie brachen nun auf und gelangten zur Zeit des Abendgebets nach Zarigrad. Dort empfing sie der Zar wie ein Vater seinen Sohn, und wie der Zar den Zarensohn. Darauf schickte er die junge Frau in den Harem zu seiner Sultanin, und den Armen ließ er zu sich rufen. Der trat in des Sultans Zimmer ein und fiel vor solcher Pracht fast in Ohnmacht. Er küßte des Zaren Saum und Knie, der Zar gab dem Siegelbewahrer, den Wesiren und Paschas einen Wink, die traten ab, und er selbst blieb mit dem Armen allein. Da verfinsterte sich die Miene des Zaren, er zog seinen Säbel und schrie: »Wer bist du, Hundesohn, daß du den Leuten in meinem Reiche erzählst, du seist mein Sohn, da ich doch gar keinen Sohn habe und nie gehabt habe.«

»Erhabener Zar,« antwortete der Arme, »ich will dir alles der Wahrheit nach sagen; da ist dein Säbel, hier mein Kopf.« Und nun erzählte er dem Zaren alles von Anfang bis Ende und zuletzt: »Als wir vor Zarigrad übernachteten, gedachte ich den Weg unter die Füße zu nehmen, mein Leben zu retten und meine Frau zu verlassen; aber als es hell wurde und ich sie ansah, kamen mir die Tränen in die Augen und ich sagte: Ach Frau, schön bist du, lieb bist du, ich kann es nicht übers Herz bringen und dich, meine helle Sonne, betrüben, so habe ich den Tod gewählt und sie nicht verlassen.«

Als das der Sultan vernahm, ließ er den Säbel sinken und sprach: »Da du ein solches Herz und solchen Sinn hast, bist du wert, mein Sohn zu werden.« Darauf ließ er seine Gemahlin und alle Hofherren rufen und sprach zu ihnen: »Da hast du einen Sohn, Frau, und da auch seine junge Frau, hab sie lieb, als hätten sie unter deinem Herzen gelegen und an deinen Brüsten gesogen; einen bessern Sohn konnte uns Gott gar nicht schenken.«

* * *


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