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Einleitung

Der Titel »Balkanmärchen« entspricht nicht ganz dem geographischen Gebiet, aus dem die Märchen dieses Bandes stammen. Es fehlen darin von den Völkern der Balkanhalbinsel die Griechen, Aromunen (Zinzaren, Mazedowlachen) und Türken, und mit der Aufnahme von Märchen aus Kroatien wird die Balkanhalbinsel überschritten. Enthalten sind in diesem Bande also nur serbokroatische, bulgarische und albanische Märchen.

Eine Auswahl aus den Märchen der Serbokroaten, Bulgaren und Albaner so zu treffen, daß für jedes Volk etwas dem Stoffe oder der Form nach Eigentümliches herauskommt, ist kaum möglich. Die Völker der Balkanhalbinsel grenzen eng aneinander, die Sprachgrenzen durchkreuzen sich z. T. so, daß Wanderungen der Märchen von einem Volk zum andern notwendig stattfinden müssen. In Mazedonien z. B. wohnen Bulgaren, Serben, Albaner, Aromunen, Griechen und Türken neben- und durcheinander. Zwei- und mehrsprachige Menschen gibt es daher eine große Menge; solche vernehmen Erzählungen in einer ihnen geläufigen Sprache und erzählen sie weiter in einer ihnen ebenso bekannten, in deren Gebiet die Märchen dann weiter von Mund zu Mund verbreitet werden. Dazu kommt, daß die Bekenner des Islam unter den Serben, Bulgaren und Albanern in enger Verbindung mit ihren orientalischen Religionsgenossen stehen, und daß ein islamitisches Volk, die Türken, ein halbes Jahrtausend auf der Balkanhalbinsel geherrscht hat. Dadurch ist der orientalische Märchenschatz dorthin gelangt. Das zeigt sich häufig noch in der Beibehaltung türkischer Wörter und in der orientalischen Färbung, was Sitten und Lebensanschauungen betrifft.

Neben diesem mächtigen Einfluß kommen aber noch andre Beziehungen in Betracht. Aus dem südlichen, griechischen Teil der Balkanhalbinsel sind Märchen nach dem Norden gekommen, und die Serbokroaten von der Adriaküste Dalmatiens und Kroatiens standen jahrhundertelang in Berührung mit Italien; Zweisprachigkeit, italienisch und serbokroatisch ist daher in Dalmatien, namentlich auf den Inseln, ganz gewöhnlich. Ferner macht sich bei den kroatischen Märchen deutscher Einfluß bemerkbar, z.T. vermittelt durch die Slowenen der Steiermark, Kärntens und Krains, die in unmittelbarer Berührung mit Deutschen wohnen. Endlich machen sich auch noch madjarische und rumänische Einflüsse geltend. So ist ein außerordentlich buntes Gemisch von Märchenstoffen entstanden, aus dem man kaum einen besonderen Besitz der einzelnen Völker auszuscheiden vermag. Auch kann man nicht sagen, daß die Erzählungsweise des einen Volkes von der des andern auffallend verschieden sei. Wer die Sprachen kennt, empfindet freilich die Unterschiede, die in deren Phraseologie und Satzbildung liegen und sozusagen eine verschiedene Tonart darstellen, allein in der Übertragung ins Deutsche kann das nicht wohl herauskommen.

Bei der Übersetzung habe ich mich bemüht, möglichst getreu die Originale wiederzugeben; freilich wird dabei manches Überflüssige mit übersetzt. Die Erzählungsweise ist öfter außerordentlich weitschweifig. Kürzt man, so geht die ursprüngliche Art und Weise leicht ganz verloren; ich habe daher nur hier und da gar zu lange buchstäbliche Wiederholungen durch kürzere Wendungen ersetzt. Die Beibehaltung einzelner Wörter aus den Sprachen der Vorlagen beruht auch auf dem Bestreben, nichts Fremdartiges in die Übersetzung hineinzubringen. Darum ist z. B. Zar beibehalten; die südslawischen Volkssprachen haben ursprünglich eigentlich kein Wort für König, sondern Zar deckt unser Kaiser und König. Aber Kaiser würde im Märchen nicht ganz passend sein, da Zar auch den Sultan bedeutet und der Märchenzar oft Sultanszüge trägt; König geht noch weniger, denn der Zar entspricht nicht dem deutschen Märchenkönig. So habe ich in der Regel das Wort König nur angewendet, wo ausdrücklich der slawische Ausdruck dafür steht ( kralj).

Der wissenschaftliche Kommentar beschränkt sich auch hier wie im früher erschienenen Bande russischer Volksmärchen auf die notwendigsten Hinweise, die es dem Leser ermöglichen, die Zugehörigkeit des betreffenden Stückes zu einem bestimmten Überlieferungskreise festzustellen. Diese vergleichenden Anmerkungen rühren von Dr. August v. Löwis of Menar her, die erklärenden vom Übersetzer.

Leipzig, im Mai 1915

August Leskien


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