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61. Die Hexe mit Hufeisen beschlagen

. Es war einmal ein Schmied, der hatte zwei Gesellen, zwei verläßliche Burschen; wenn die beiden in der Schmiede auf einer Eisenplatte hämmerten, zitterten Amboßstock und Amboß und der Boden unter ihnen und die ganze Schmiede, wie die Wassermühle bebt, wenn Mais gemahlen wird. Die Schmiedegesellen schliefen zusammen in einem Bett, der eine am äußeren Rand, der andre an der Wandseite. Es dauerte nicht lange, daß der Gesell, der am Rande schlief, anfing zu kränkeln, hinzuschwinden und einzutrocknen. Vorher war er rot und voll im Gesicht, daß, wenn man ihn auf die eine Backe schlug, die andre hätte platzen mögen, und jetzt! als wenn ihn das Fieber schüttelte. Sein Freund fragte ihn: »Was hast du, Freund, daß du so hinschwindest und eintrocknest?« – »Ach, mein Freund,« antwortete er, »mit mir steht es schlecht, ich bin ganz übel angekommen, wie nie ein Mensch auf Erden. Ich mag dirs nicht sagen, was und wie mir ist, du wirst mir nicht glauben.« – »Aber, Freund, sags mir doch, mag es sein, was es will; ich werde dich an niemand verraten, Bruder, und wenn ich sehe, daß du die Arme blutig hast bis zum Ellenbogen, darauf gebe ich dir mein festes Wort. Ich frage dich, weil du mir leid tust; du schwindest hin und verfällst. Du bist schon gar nicht mehr du selbst; wer dich früher gekannt hat, kann dich jetzt nicht wieder erkennen, und mit jedem Tage wird es schlimmer.« Der andre schwieg und wollte nicht reden, aber sein Freund fragte wieder: »Reitet dich vielleicht der Mahr?« – »Noch schlimmer, als wenn mich der Mahr ritte. Ich will es dir sagen, Freund, aber laß es unter uns; ich möchte nicht, daß mich die Weiber auf der Straße durchhecheln.« – »Von mir hast du nichts zu befürchten«, sagte der Freund. – »Weißt du was? Unsre Frau Meisterin ist eine Hexe. Beinahe jede Nacht kommt sie mit ihrem Teufelszaum an unser Bett, und wenn wir eingeschlafen sind, schwippt sie mich mit dem Zaum, ich stehe auf, werde zum Pferd und sie zäumt, sattelt und besteigt mich, und nun fort zu dem Berge Arsanj. An mir fällt weißer und blutiger Schaum herab, so komme ich in Schweiß, während sie mich grausam jagt und über Feld und Gebirge reitet. Wenn sie auf dem Berge Arsanj angekommen ist, bindet sie mich an eine Eiche, geht dann unter die Vilen und Hexen zum Schmause und vor Tagesanbruch steigt sie wieder auf mich, ihr Pferd, eilt dann nach Hause zurück und ich bade mich wieder in blutigem Schweiß. Wenn sie so auf mir nach Hause geritten ist, streift sie mir den Zaum vom Kopfe, ich werde wieder Mensch und lege mich dann ganz erschöpft und gebrochen schlafen. Das ist die Ursache, warum ich hinschwinde und eintrockne, warum ich krank bin.« – »Kommt denn die Hexe jede Nacht?« fragte der andre Gesell. – »Jede Nacht eine Woche lang um Neumond, und sonst dann und wann.« – »Gut,« erwiderte der andre, »von jetzt an will ich am äußern Bettrand schlafen und du schläfst an der Wandseite, da will ich mich einmal mit unsrer Meisterin, der Hexe, balgen.« So geschah es; es war gerade an einem Freitag nach Neumond; die Gesellen wechselten ihre Bettlage, der Kränkliche legte sich an die Wandseite, der Gesunde an den Außenrand.

Als alles im Hause eingeschlafen war, stellte sich auch der gesunde Gesell, als ob er schliefe. Die Tür der Stube, wo die Schmiedegesellen und die Lehrjungen schliefen, ging auf und die Meisterin-Hexe trat ein, in der rechten Hand eine Peitsche, in der linken den Zaum. Sie ging gerade auf das Bett zu, wo die Gesellen schliefen und hob den Zaum hoch, um dem, der am Bettrande lag, einen Schlag zu versetzen. Der aber war wach, sprang wie die Katze auf die Maus, packte die Hexe an den Armen und riß ihr Peitsche und Zaum aus den Händen; dann gab er ihr einen Hieb mit Peitsche und Zaum über die Schultern und sie wurde sogleich zu einer Stute. Der Gesell zäumte sie, führte sie aus der Stube auf die Straße, stieg auf, und nun im Galopp die Landstraße entlang bis zum Walde. Auf einem anderen längeren Wege kehrte er zurück und spornte die Stute scharf, daß sie ganz in Schweiß geriet, naß wie ein Bündel Rösthanf. So jagte er mit ihr über Feld um das Dorf, bis die Morgenröte anbrach, dann ritt er zur Schmiede, band dort die Stute an einen Mauerring und weckte seinen Genossen. Der Meister war gerade nicht zu Hause. Die Gesellen öffneten nun die Schmiede, machten Feuer an, schmiedeten vier Hufeisen und beschlugen die Stute an allen vier Füßen; dann führten sie sie auf den Hof, streiften ihr den Zaum ab und die Stute wurde wieder zur Frau. Die Meisterin lief nun in ihre Stube und legte sich zu Bett; ein heftiges Fieber befiel sie und sie wurde todkrank. Als der Schmied nach Hause kam, hatte er einen Anblick: seine Frau an Händen und Füßen mit Hufeisen beschlagen! Er fragte sie: »Um Gotteswillen, Frau, was ist mit dir?« – »Ich weiß nicht,« antwortete sie, »gestern abend legte ich mich frisch und gesund nieder, aber vor Tag wachte ich vor Schmerz auf, und da siehst du, was mich befallen hat; der Teufel muß mich wohl beschlagen haben.« – »Bei Gott, Frau,« sagte der Schmied, »wir müssen stillschweigen und unser Unglück geheimhalten, wir dürfen keinem diesen wunderlichen Unfall erzählen; so was hat ja nie ein Mensch gehört oder gesehen.« Dann zog der Schmied mit großer Mühe seiner Frau die Hufeisen von Händen und Füßen ab. Die Schmiedsfrau war lange krank, und als sie sich etwas erholt hatte, war ihr erstes, daß sie den Vilenzaum und die Peitsche nahm und sie ohne daß es jemand merkte, im Ofen verbrannte. Niemals spielte sie wieder Hexe. Der kranke Schmiedegesell wurde wieder gesund und wie früher bekam er ein rotes und volles Gesicht, daß, wenn ihn einer auf die eine Backe schlug, die andre hätte aufspringen mögen.

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