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Die Nacht war traumlos.
Sie war aber auch schlaflos. In endloser Reihe wälzten sich die Gestalten, die Gespräche, die musikalischen und plastischen Kunstwerke, die Vorträge, die Lichtbilder, die Ahnengalerie Reuschel, die neue Frau, der versteinerte Affenmensch von Java, das neue Kind, die Reine Vernunft und der Neue Mensch als wahlloses Durcheinander an mir vorbei.
Der Tag brach an.
Es war der siebente Tag. Und wie der Herr der Schöpfung sein Wochenwerk überblickte, so tat auch ich es mit dem Wochenwerk, das der Baron mir in sechs Schöpfungstagen vorgeführt hatte. Ich brachte Ordnung in das Getriebe, das die Nacht in mir angerichtet hatte und damit auch in meine glücklich überlebte Schöpfungswoche. Ich konnte aber nicht, wie der Herr, ruhen und die Werke, die ich in der Erinnerung hatte, segnen. Denn sie waren nicht gut. Es waren auch nicht die Werke des Herrn.
Darüber wurde es Abend, ehe ich mich's versah.
Ich wurde ruhig und ruhiger. Die heranrückende Entscheidung konnte mich nicht schrecken. Es würde kommen, wie es mußte. Ich hatte nur die Pflicht der Überzeugung.
Der Abend neigte sich.
Einer lieben Gewohnheit folgend, die ich seit acht Tagen nicht mehr hatte üben dürfen, setzte ich mich wieder in mein Elysium: ich grub mich tief in die Polster des bekannten, unergründlichen Sorgensessels; ich blies wieder die vielgestaltigen, traumgrauen Wolken von mir und unterhielt mich mit ihren Kapriolen. Um mich her lag mein Zimmer in seiner friedlichen Allröte, als hätte sich nie etwas um mich und in mir verändert.
Es wurde spät und später.
Ich wankte aber keinen Augenblick in meiner Gewißheit, daß er kommen würde. Genau wie damals klopfte es kurz an meine Türe. Nur daß ich nicht erschrak, obwohl er die ganze Woche über nicht geklopft hatte, sondern gelassen: »Herein!« rief.
Er trat ein, nickte lächelnd, ergriff einen Stuhl, und setzte sich neben mein Elysium. Er schlug die Beine übereinander. Die Spitzen seiner Lackstiefel, die Seidenaufschläge seines Smokings, die goldenen Ränder seiner Brille glänzten im Lichtschein. Er roch auch wieder an der geschmacklosen, weißen Kamelie im linken Knopfloch und ließ dann seine Repetieruhr elf feine Schläge tun.
Alles wie damals.
Nur daß ich ihn nicht scheu beobachtete, sondern mit unverhehltem Interesse jede Bewegung und jeden Zug seines Gesichts erforschte.
Das hatte zwar nicht zur Folge, daß er darum weniger spöttisch und selbstgefällig ausgesehen hätte. Wohl, aber daß ihm das Schweigen unerträglich wurde, nicht mir. Er sah mich jetzt mit den stählernen, spitz blickenden Augen unsäglich gönnerhaft und herausfordernd an und sagte nur:
»Ich verzeihe Ihnen.«
»Ich Ihnen auch,« erwiderte ich kühl.
»Sie mir? Ich dächte. Sie wären derjenige, der gestern etwas bedenklich aus der gesellschaftlichen Rolle fiel. Noch bedenklicher, wenn nicht Ihr Nervenzufall –« bei dem Wort fixierte er mich scharf – »für mich bereits das erwartete Geständnis Ihrer Niederlage annonciert hätte! Sie sehen aus meiner schonenden Auffassung der Dinge, daß ich Ihnen die heutige Situation erleichtern möchte. Ich gehöre nicht zu den Leuten, die ihren Sieg vervollständigen, indem sie das Selbstgefühl des Besiegten überflüssig demütigen!«
Wie gnädig das klang!
Es war nun an mir, den Sprecher noch schärfer, als er bei mir beliebt hatte, zu fixieren. Kein Zweifel: er hatte den Sieg in der Tasche! Er war nur großmütig!
Ich versetzte denn auch sehr höflich:
»Ihre Großmut macht Ihnen alle Ehre, Baron. Ich bin glücklich, sie postwendend heimzahlen zu können. Wie gesagt: ich verzeihe auch Ihnen! Obwohl Sie mich unstatthaft zum besten gehabt haben!«
»Ich – Sie – zum besten gehabt?«
»Aber natürlich! In sehr amüsanter Weise, gebe ich zu! In einer Weise, die so geistreich war, daß ich heute den ganzen Tag dazu brauchte, um mich von der vollen Tiefe und Geschicklichkeit Ihres Witzes zu überzeugen!«
»Treiben Sie den Spaß nicht weiter, Baron! Der Neue Mensch war zu stark aufgetragen! In der liebenswürdigen Absicht natürlich, mir durch eine Groteske, die leichter zu durchschauen war, als Ihre übrigen Darbietungen, eben auch ›die Situation zu erleichtern‹! Dafür danke ich Ihnen!«
»Was heißt das?« rief der Baron, dessen Betroffenheit mit jedem meiner Worte wuchs. »Sie wollen doch nicht etwa sagen …?«
»Ich wollte sagen, Baron, daß Sie mit mir eine Woche lang Komödie gespielt haben. Die Puppe, die Sie mir gestern als Neuen Menschen vorführten und als Ihren Herrn Sohn legitimierten, war vielleicht mehr noch Ihr geistiges, als Ihr leibliches Machwerk! Aber sie persiflierte in köstlicher Weise, was Sie offenbar persiflieren wollten …«
»Nichts wollte ich persiflieren! Durchaus nichts!« fiel der Baron ein, in einer Erregung begriffen, die ich kaum an ihm kannte. »Da ist von einer Komödie, einer Puppe, einem Witz, einer Persiflage gar nicht die Rede!«
»Wirklich nicht?« sagte ich ungläubig.
»Nein, wirklich nicht! Und kennte ich Sie, Doktor, nicht als einen Ehrenmann, so müßte ich annehmen, daß Sie sich durch diese fatale Auslegung einer sehr ernsten Sache einfach – verzeihen Sie! – einfach um die Lösung unserer gegenseitigen Verbindlichkeiten drücken wollen!«
»Da würden Sie allerdings gefährlich irren!« erwiderte ich, meinerseits etwas gereizt. »Wenn Sie darauf bestehen, mit Ihrem Neuen Menschen und Ihrer Kulturwoche ernst genommen zu werden – –«
»So ernst, wie es eine große, die größte Zeit mit ihren ernstesten Erscheinungen verdient!« –
»Gut! So muß ich Ihnen ernsthaft erklären, daß ich – verstehen Sie wohl – ich Ihre Vorstellung, Woche und Wochenschluß keinesfalls ernst nehme, noch je …«
»Lassen wir doch Wortspielereien beiseite!« meinte er nun pikiert und erhob sich, sichtlich, um seinerseits den vollsten Ernst zu dokumentieren. »Sie wollen nach all dem, was ich Ihnen vorgeführt habe an höchsten geistigen, seelischen, künstlerischen, philosophischen, humanitären Errungenschaften, nach all dem wollen Sie leugnen, daß die Menschheit vor ihrer Vollendung steht, unmittelbar vor ihrer Vollendung? Oder, um mit Maeterlinck zu reden, daß die Menschheit eine Periode der Inspiration erlebt, der man keine andre historische zur Seite stellen kann! Ein Nichts, eine letzte Anstrengung, ein Lichtblitz, der die verstreuten Intuitionen und Entdeckungen verknüpft, trennt sie vielleicht noch allein von den großen Mysterien – und da zweifeln Sie? Da leugnen Sie?«
»Ich lache sogar, mein Teuerster! Ich lache, und ich bedaure zugleich die Menschen, die so fromme Illusionen haben!«
»Deutlicher, wenn ich bitten darf,« zischte der Baron und tippte sich, wie er gern tat, mit dem Seidentüchelchen vor die Stirn.
»So deutlich, als Sie nur wünschen können!« sagte ich, immer nüchterner werdend, je mehr er sich ereiferte. »Was Sie mir suggerieren möchten, ist der Glaube an die Macht der Menschheit, sich selber zu realisieren! Treffe ich Ihren Stil? Nun: ich zitiere! – Aber was ist die ›Menschheit‹? Für mich ist die ›Menschheit‹ nichts als ein Gedankending, eine sehr hohle, durchaus erfundene Abstraktion!«
»Gewiß, Baron, ich weiß so gut wie Sie, daß unser Planetchen etwa eintausendfünfhundert Millionen Bewohner hat. Davon sind zwei Drittel, eintausend Millionen, noch in den ›Kinderschuhen‹ der Kultur. Das übrige Drittel bleibt für Ihre Berechnung. Wie sollen sich zunächst einmal die vierhundert Millionen Europäer ›realisieren‹?«
»Das fragen Sie noch? Durch die Menschwerdung der Masse! Durch die Erlösung zu lauter Persönlichkeiten! Durch – –«
»Prächtige Worte, Baron!« versetzte ich lächelnd. »›Individualisierter Sozialismus‹ – nicht wahr?«
»Allerdings!« schrie er erbost.
»Ist Ihnen noch nicht aufgefallen, daß ein Mensch – je mehr er Persönlichkeit ist – sich um so mehr von der Masse unterscheidet?«
»Eben deshalb, Doktor! Deshalb müssen alle Persönlichkeiten werden!«
»Um sich alle voneinander zu unterscheiden, wirklich?« fragte ich neugierig. »Sie ›erleichtern mir wieder die Sachlage‹, nicht wahr? Darauf wollte ich gerade hinaus! Der Prozeß der Individualisierung widerstrebt nämlich dem der Sozialisierung! Je mehr ein Mensch sein eigener, je mehr er Persönlichkeit ist, um so geringeren Wert legt er darauf, so zu sein, wie alle. Sie behaupten und lehren, daß das Gemeinsame, die Gattung, die Menschheit – Hauptsache, die Entwicklung – Selbstzweck sein müsse: als Mittel dazu empfehlen Sie eine Arzenei mit der Wirkung zum Gegenteil! Wie reimt sich das zusammen?«
»Sie sind Scholastiker! Dialektiker! Sie konstruieren Gegensätze, die nicht vorhanden sind!«
»O bitte: ich besitze nur nicht die Kunst des Neuen Menschen, Widersprüche für Einheiten zu halten!«
»Wo sehen Sie einen Widerspruch? Gibt es ein höheres Ideal, als das größtmögliche Glück einer größtmöglichen Masse?«
»Bei der Stange geblieben, Baron!« rief ich barsch. Denn ich war aller ausweichenden Höflichkeiten müde, weil ich zu deutlich fühlte, wie wir uns unaufhaltsam der Entscheidung näherten, nähern mußten. »Sie werfen einen neuen Begriff leichthin ins Gespräch, wie eine gegebene Größe! Das ist nicht geistige Fechterart! Glück! Was ist Glück? Worin besteht Glück?«
»In Empfindungen natürlich!« warf er schnippisch hin.
»In Empfindungen, sehr wahr! Und zwar in Empfindungen, die um so reicher und tiefer sind, je persönlicher sie sind. Glück besteht in Individualität! in Persönlichkeit!«
»Selbstverständlich! Sie verflachen! ›Höchstes Glück der Erdenkinder‹, und so weiter!« murmelte er voll Unwillen.
»Ach? ich verflache!? Nur weil ich logisch bin, nicht? Weil ich nicht mehr so modern abschweife, nicht wahr? Nur weil ich Sie jetzt frage, ob das Glück der Persönlichkeit mit dem der Gattung je zusammenfallen wird? Restlos mit ihm sich decken?«
»Ich wüßte kein Glück der Persönlichkeit, das nicht mit dem Glück der Gattung zusammenfallen könnte!«
»Und wohl auch kein Leid?« fragte ich mit wachsendem Spott. »Keinen Schmerz?«
»Ich wüßte nicht,« wiederholte er mit trotzigem Nachdruck.
»Also befinden Sie sich in einem verhängnisvollen Irrtum!«
»Ausnehmend begierig!«
»Sie gaben zu, daß das Glück im Empfinden, im ›persönlichen‹ Empfinden beruht. Ein gefährliches Zugeständnis. Sie geben der Empfindung Freiheit. Sie empfindet sich zuerst persönlich, als Ich. Im Ich empfindet und findet sie eine Welt von Innengewalten, von Strebungen, von Möglichkeiten der Lust und des Leids – die nicht aufgehen im Glück der Gattung! Und aus dieser Welt von individuellen Trieben, die nur zu einem Bruchteil, einem verschwindenden, sich mit generellen decken – wollen Sie einen einheitlichen Gattungswillen konstruieren? Sie wollen behaupten daß der Einzelwille sich begnüge, zu werden und zu vergehen, zu wollen und nicht zu wollen – wie die Gattung? Und gar der Einzelwille, der stark genug war, seine Triebe und Empfindungen zur selbständigen Einheit, zum Charakter, zur Persönlichkeit zusammenzuschweißen, der sollte seine Unendlichkeit erschöpft wissen wollen in den paar fadenscheinigen Gesetzen der Entwicklung, die wir glücklich zusammengekleistert haben – – das wollen Sie behaupten?«
Der Baron sah mich erst verwundert, sogar ein wenig erschrocken an. Er rückte nervös an seiner Brille. Dann sagte er mitleidig:
»Mein bester Doktor, was wollen Sie eigentlich mit Ihren schönen philosophischen Tiraden? Dem Gesetz des Geborenwerdens und Sterbens sind doch auch schließlich Ihre größenwahnsinnigsten Einzelwillen unterworfen! Wozu der Lärm?«
Ich erwiderte seinen Blick noch mitleidiger. In der Tat! ich hatte mich von meiner Schwäche, den Dingen auf den Grund zu sehen, fortreißen lassen und war für meinen Baron entschieden zu philosophisch, zu unverständlich geworden.
»Sie haben recht!« sagte ich bitter. »Wozu der Lärm? Ich glaube, daß der Sinn des Lebens im Einzelmenschen liegt, und deshalb über die Welt des Werdens und Vergehens hinausreicht. Sie glauben, daß der Sinn des Lebens in der Gattung liegt und in dem bißchen Entwicklungsmechanismus sich erschöpft!«
»Ihre ewige Einseitigkeit!« rief er ärgerlich.
»Meine verwünschte Konsequenz, meinen Sie!«
»Durchaus nicht! Auch ich will der Persönlichkeit ihr Recht geben. Sie aber predigen den krassen Egoismus!«
»Oho! Ich bin mir nur klar, daß das Mysterium des Lebens, wenn es ein solches gibt, im Individuum liegt, nicht in der Gattung! Deshalb will ich, daß sich das soziale Gefühl dem individualistischen unterordne, einordne, wie jedes andere! Nicht aber umgekehrt!«
»Ich dächte doch,« versetzte der Baron mit dem spitzigsten Gesicht von der Welt – »davon wenigstens hätte Sie die vergangene Woche überzeugen können …«
»Sie hat mich nur davon überzeugt, daß ein böser Geist all den modernen Menschenköpfen suggeriert: Die Masse muß es bringen! Es lebe die Zahl! Die Gattung – die erfüllt all eure Wünsche, eure Sehnsucht! In der Fläche liegt die Erlösung! Nicht über euch, nicht in euch! In eueren Kindern und Abermals-Kindeskindern! Die Entwicklung ist euer Gott, eure Freiheit, eure Unsterblichkeit!«
Der Baron, mein lieber Freund, wurde jetzt bleich. Er begann von einem Fuß auf den andern zu treten.
»Und das sagen Sie, Doktor? Das wagen Sie zu sagen, wo die Zeit mehr denn je erfüllt ist von der Losung: Individualität!«
»Und das sagen Sie noch, Baron, der Sie so gut wissen wie ich, daß man die ›Individualität‹ nur als Köder benutzt, um desto sicherer auch die letzten Individualitäten in diesen Gattungsschwindel hineinzureißen? Man faselt ihnen vor: je mehr Menschen, um so mehr Persönlichkeiten! Wozu die Lüge? Nur um sie ihr ›Ich‹ verlieren zu lassen zugunsten des Geschlechts, der Gattung! Nur damit sie eine Sonnenkrone drangeben für den Blechring, den man schließlich dem entselbsteten Herdentier durch die Nase zieht! Man wird diese Komödie aufgeben, sowie man die Zeit für gekommen hält: man proklamiert die ›Persönlichkeit aller‹, sowie eben alle gleich allen sind, und die Persönlichkeit beim Teufel ist!«
Wie ich nicht zum ersten Male bemerkte, berührte ihn das Wort ›Teufel‹, das mir im Eifer entschlüpft war, peinlich.
Aber er faßte sich schnell und versuchte es, um kein Register unversucht zu lassen, melancholisch:
»Also so haben Sie die neuen Ideale unter meiner Führung verstehen gelernt?!«
Ich war nicht geneigt, auf sentimentale Töne einzugehen. Unwirsch antwortete ich:
»Ideale? Nun ja! Wenn man Ideale nennen will, was in Wirklichkeit nur verlogene, banale Unklarheiten sind, um über die Gegensätze hinwegzutäuschen, in denen die Welt und unser Leben verankert sind – dann sind es Ideale!«
»Man, man!« krisch der Baron wütend und probierte es mit Empfindlichkeit. »Was soll das heißen – ›man‹?«
Ich reagierte nicht darauf.
Vielmehr begann ich jetzt zum letzten Streich auszuholen.
»Wir sind wieder weit abgeschweift, Baron,« sagte ich bedeutend liebenswürdiger, als es mir in der Hitze des Gefechts möglich gewesen war. »Wie stellten Sie doch vorigen Sonntag unsere Wette? Ich sollte innerhalb einer Woche von Ihnen überzeugt werden, daß es keinen Teufel mehr gibt?«
Der Baron nickte.
Er wurde jetzt schon mehr grün von Angesicht, und ich sah auf seinem Scheitel einige Haare sich sträuben. Auch zuckte er bei dem ominösen Wort wieder zusammen, und seine grauen Augen stachen wie Fliegen vor dem Gewitter.
»So wissen Sie denn, Baron,« fuhr ich mit jener Gutmütigkeit fort, die ich ihm am liebsten immer gezeigt hätte. »Ich glaube, der Teufel hat nur eine Ortsveränderung vorgenommen. Früher nistete er sich in den Herzen der Menschen ein und versuchte sie dort unterzukriegen, indem er unmittelbar ihre Empfindungen verdarb, sie ›bös‹ machte, wie es genannt wurde. Das gelang nicht immer. Auch ging es dem braven Herrn zu langsam. Drum setzte er sich neuerdings den Menschen in die Köpfe. Dort galt es, einen Hexensabbat anzurichten! Dort eine Höllenbrut von Gedanken zu entfesseln! Auch veränderte und vertiefte er sein Angriffsobjekt: er ging direkt auf das Beste los, was die armen Menschlein hatten, auf die Persönlichkeit. Nicht mehr nur wollte er die Empfindungen ›bös‹ machen – es gibt ja Persönlichkeit und Genie auch im Bösen! – sondern diese Empfindungen mußten verwirrt, verkehrt, ungesund, schwindsüchtig – vor allem aber, sie mußten durchschnittlich und gattungsmäßig werden! Wenn der Einzelne mit Leib und Seele versank in der Gattung, eine Welle wie alle – – dann war des Teufels Tagwerk verrichtet! Wenn er die Unendlichkeit nicht mehr in sich, sondern nur noch außer sich empfand – dann konnte der Teufel ruhen von seiner Arbeit! Dann gab es keine Menschen mehr, sondern nur noch Menschheit. Und mit dem letzten Menschen war auch der letzte Gott vernichtet! – So entstanden – die Ideale des Teufels!«
Der Baron zuckte nicht mehr.
Er zitterte.
Aber er war zäh. Er stellte sich gleichgültig. Großartig lehnte er sich, so sehr er auch schlotterte, mir gegenüber an den Ofen und sprach mit Verachtung:
»Wenn Sie das glauben wollen, was geht es schließlich mich an? Was habe ich für ein Interesse daran?«
Er zog die Repetieruhr. Sie gab zwölf feine Schläge von sich.
Ich sammelte mich mit aller Kraft. Ich sah vor mich nieder. Dann schleuderte ich entschlossen die Worte heraus:
»Nun, das Interesse – eben des Teufels an seinen Idealen!«
Es war ausgesprochen.
Eine Weile des Schweigens. Der Erleichterung.
Ich sah auf. – Was war das? Mein Baron, mein Freund – war spurlos verschwunden. Er hatte seine Wette verloren gegeben. Unsre Freundschaft war zu Ende.
Der differenziertere Geruch eines neueren Menschen, als ich war, hätte vielleicht in der Luft meines Zimmers zarte Duftschwingungen von Pech und Schwefel entdeckt.
Ich sank erschöpft und ermattet in mein Lehnstuhl-Elysium.
Wenn ich verloren hätte, was dann?
Nicht nur, daß mir seine kostbare Freundschaft wäre erhalten geblieben! Wie hatte er doch gesagt: ›Dann müssen Sie mitten hinein in diese Welt! Sie werden dann dort, wo ich es Ihnen anweise, Mitarbeiten – an ihrer Vollendung!‹
Daran dachte ich jetzt. Und an das andere, daß man von seinen Feinden lernen soll!
Ich wollte hinein! Ich wollte Mitarbeiten in dieser Welt!
Freilich nicht ganz so, wie's der Baron sich gedacht hatte! Nicht mit ihm, sondern gegen ihn! Gegen die Ideale des Teufels!
Und warum?
Nicht aus Liebe zur Menschheit: aus Liebe zum Menschen!