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Es war reichlich spät am andern Morgen, als ich erwachte und mich zu meinem Erstaunen mit zerschlagenen Gliedern, in der denkbar unbequemsten Lage in meinem roten Polstersessel wiederfand – mitleidig beschienen vom frostigen Licht eines grauen Wintertags.
Mühselig holte ich meine Erinnerungen zusammen: das Bild, das ich mir vom vergangenen Abend sammelte, schien mir so wüst, so toll und verwirrt, daß ich mit aller mir zu Gebote stehenden Vernunft daran ging, es unter die verwegenen Ausgeburten des Traumorgans zu verweisen. Ich schüttelte mich energisch, als gälte es nur, den Staub der Nacht loszuwerden, steckte den Kopf in die eisige Waschschüssel und fiel über das Frühstück her, das schon lang genug auf dem Tisch bereit stand.
Nach diesen Beweisen von Tatkraft war es aber auch bereits zu Ende. In meinem Kopfe begann ein allerliebstes Widerspiel von Phantasie und Wirklichkeit, das mich mit winzigen Pausen durch all die kriechenden Stunden des Tages verfolgte. Einmal ging ich in der heroischen Verachtung meiner scheinbaren Abenderlebnisse so weit, den Baron, der doch tatsächlich mein treuer Besucher und Freund war, überhaupt für eine mythische Figur zu halten; ein ander Mal war ich so völlig von der Gewißheit durchdrungen, er müßte jeden Augenblick eintreten und mich abholen, daß ich dreimal an der Tür pochen hörte und viermal »Herein!« rief.
So verging der Vormittag und der größte Teil des Nachmittags. Ich verharrte in gedankenreicher Untätigkeit. Eigentlich hätten mich die vorrückenden Stunden davon überzeugen können, daß die Wirklichkeit denn doch wahrscheinlicher sei, als meine verwünschten Träumereien. Statt dessen war ich, als die frühe Dämmerung ihre verführerischen Gaukeleien denen meines armen Hirns noch zugesellte, auf dem besten Weg … und da pochte es denn auch, und er stand im Zimmer, im dunklen, auf Taille geschnittenen Überzieher, den grauen Zylinder unmerklich seitwärts gerückt, die Kamelie breit und weiß auf der linken Brustseite.
»Sind Sie bereit, Doktor?« fragte er mich mit dem siegesgewissesten Lächeln. Ich suchte mit demselben Lächeln zu erwidern, aber es gelang mir nur matt. Willenlos warf ich den Mantel um, drückte den Schlapphut ins Gesicht und folgte meinem Schicksal.
Auf der Straße schob der Baron zutraulich seinen Arm unter den meinen. Er war aufgeräumter als je. Das entnahm ich fürs erste nicht seinen Worten, denn er sprach so gut wie nichts; wohl aber seinen Bewegungen, denn er wurde den langen Weg nicht müde, mit seinem Spaziergertchen kleine Kreise und Gott weiß was für lustige Figuren in die Luft zu zeichnen – zu meinem stillen, blöden Verwundern ohne einen der zahlreichen Begegnenden zu belästigen oder ihm auch nur aufzufallen.
Jetzt tauchten wir, nach Kreuz und Quergängen durch viele lebendige und beleuchtete Straßen, in das gefährliche Gewühl eines weiten Platzes. Mit bewundernswerter Sicherheit schleppte er mich durch das Getümmel von Omnibussen, Straßenbahnen, Automobil- und Pferdedroschken und rennenden Menschen, die alle im gespensterhaften Licht von Bogenlampen, umsprüht von einem feinen Regennebel, durcheinander strebten.
Just dieses Gewirr und Getöse schien ihm das eindrucksvolle Relief zu einer kleinen Standrede, mitten auf dem Platz.
»Eins zuvor, Doktor!« hub er an und zeigte mir dabei seine glänzenden Zähne. »Daß die Menschheit in äußeren Fortschritten sich kaum mehr überbieten kann, werden auch Sie als selbstverständlich einräumen?«
»Wenn Sie gewisse technische Errungenschaften, etwa den verfluchten Automobilomnibus, der uns jetzt gleich überfährt,« – ich drängte ihn mit Mühe seitwärts – »der mir mit seinem Geschnaub und Getute das Trommelfell sprengt! wenn sie die ›Fortschritte‹ nennen, dagegen habe ich nichts!«
»Pardon, mein Teurer! So plump argumentiere ich nicht! Ich wollte Sie angesichts dieses elementaren Getriebes« – er hatte begonnen, mich ohne Aufenthalt durch das schärfste Gedränge hindurchzuschieben – »dieses Kulturbildes im kleinen nur an das erinnern, was kein Mensch von gesunden Sinnen leugnet: Wir leben im Zeitalter der außerordentlichsten wirtschaftlichen Entwicklung!«
»Wirtschaftlich? ja – ganz richtig! Wirtschaftlich!« brummte ich verdrießlich in mich hinein und setzte lauter hinzu: »Das bißchen Menschenwitz hat sich diesmal mit besonderem Schwung auf der Verbesserung der gewöhnlichen, allgemeinen Lebensbedingungen geworfen, um dafür die individuelle Kultur des Willens, eigenstarkes Empfinden und eigenstarkes Denken möglichst zu vernachlässigen!«
»Oho! Da sind Sie ja eben, wo ich Sie haben wollte! Den wirtschaftlichen Fortschritt geben Sie zu – famos! –«
»Allerdings,« unterbrach ich ihn gereizt, »allerdings! Ich gestehe Ihnen mit Vergnügen zu, daß die ganze Herde, die man so hübsch ›Menschheit‹ nennt, in einer ganz bestimmten Richtung vorwärtsdrängt! Nur fragt es sich –«
»Vortrefflich! Vortrefflich!« mein Baron leuchtete ordentlich vor Befriedigung und ließ sein Stöckchen im Tanze rasen. »Das wollte ich noch einmal von Ihnen hören, Doktor! Von hier aus trete ich meinen Gegenbeweis an!«
Er blieb an einer Straßenkreuzung stehen. Unweit von uns war eine große, hellerleuchtete Hauseinfahrt, in die von verschiedenen Seiten eilige, nächtlich vermummte Gestalten einbogen und verschwanden.
»Was sind die Gradmesser dieser ›inneren‹, dieser geistigen, dieser persönlichen Kultur – oder wie Sie sie zu heißen belieben?«
Das rief er so laut, mit so plötzlicher, spitziger Bestimmtheit, daß ich erschrak und mich fast ängstlich umblickte.
»Die Künste sind es! Die Wissenschaften sind es! Die sozialen, die humanitären, die religiösen Bestrebungen sind es! Von ihnen nehme ich meine Beweise! Folgen Sie mir und Sie werden staunen!«
Mit diesen Worten zog er mich von neuem vorwärts, und in kürzester Zeit waren auch wir in der hohen, hellerleuchteten Einfahrt verschwunden.
Ehe ich mich von der wuchtigen Apostrophe meines Freundes auch nur annähernd erholt hatte, ehe ich ahnen konnte, was mir beschieden war, traten wir in einen großen, lichtüberstrahlten Saal, der von grellfarbenen Damentoiletten und schwarzen Herrenröcken unheimlich erfüllt war. Wir fanden uns in einem Labyrinth von Stühlen zurecht und waren in überraschend kurzer Zeit auf zwei Sitzen in bester mittlerer Lage geborgen.
Mit zaghaften Blicken suchte ich die Situation zu erfassen. Offenbar wartete unser ein Konzert. Da vorne ragte ein gewaltiges Podium, belastet von einer ungeheuerlichen, nach dem Hintergrund anschwellenden Schar befrackter Musikbeflissener. Sie hatten jenes anmutige Durcheinanderspielen ihrer Instrumente begonnen, das man ›Stimmen‹ heißt, weil es die Stimmung so wohltuend vorbereitet.
Vor ihnen stand das noch leere Dirigentenpult.
Konzertentsprechend war auch rings um mich her das Publikum. Über ihm lag jene flüsternde Stille, jene gemachte Andacht, die reizbare Gemüter gern dazu zwingt, sich in einem möglichst lauten Geräusch, sei es des Hustens, des Niesens oder auch nur des Räusperns Luft zu machen. Zu ihnen mußte mein Hintermann gehören, ein alter Herr mit vielfältiger Miene, einem martialischen weißen Schnurrbart, im Gegensatz zu seiner Umgebung auffallend altmodisch – beinahe im Stil von Altwien – gekleidet. Er gab zwei-, dreimal einen scharfen, kurzen Hustenlärm von sich, so daß mein Nachbar zur Rechten, der Baron, verächtlich die Achseln zuckte, und der zur Linken, einer jener unvermeidlichen, genialischen Kunstjünglinge mit blauschwarzen Locken, Mandelaugen und blassen Wangen, die mit Verzückung über rotgebundene Partituren gebeugt sind, jach in die Höhe fuhr und unendlich schmerzlich hinter sich sah.
Inzwischen hatte der Baron aus irgend einer Tasche eine stattliche Broschüre entwickelt – etwa hundert Seiten stark – und mir zugesteckt. Es war das Programmbuch, in das ich mich schleunigst vertiefte.
› Jenseits von Gut und Böse‹, eine symphonische Dichtung.
So der Titel. Der Rest war Einführung – – nein! ›Versuch einer Deutung des Kunstwerks‹.
Mein erstes Gefühl war ein leises, vielleicht ehrfürchtiges Grauen vor diesem, mit Notenbeispielen durchsetzten Konvolut. Ich beruhigte mich indes, als ich es bei erneutem Umblick in aller Hände sah.
Mit gehobenem Mut beugte ich mich über die verheißungsvollen Blätter.
Ein sehr vornehmes, verhaltenes Räuspern in meiner nächsten Nähe sollte mich noch einmal ablenken.
Ich sah auf. Es kam von meinem Baron. Sein und der übrigen Hälse hatten sich gereckt. Der meine folgte unwillkürlich. Gleichzeitig wurde vom Hintergrund her frenetisch geklatscht und Bravo gerufen – –:
Der Meister stand vor seinem Pult. Ein aufdringlich bescheidenes Taktmeerrohr reckte sich drohend in die Lüfte.
Warum nur die Musikbeflissenen noch immer mit ihren Apparaten nicht zurechtkommen konnten und noch einmal die Töne durcheinanderkreischen ließen? Ich wartete und wartete in atemloser Spannung …
Aber worauf denn? Die symphonische Dichtung hatte längst begonnen und ich Banause hatte die Introduktion für ein letztes Stimmen gehalten.
Ich schloß schnell die Augen, um, durch nichts abgelenkt, mein Ohr ganz nur die Flut der Töne schlürfen zu lassen. Doch der Baron stieß mich sacht an den Arm und blickte wie zurechtweisend auf mich und dann auf das Textbuch. Ich verstand ihn nicht gleich. O über diese böse Einfalt! Erst als ich gewahr wurde, daß alle Rücken um mich her gekrümmt waren, aller Augen auf das Programmbuch geheftet, ging mir's leise auf: Das war das Neue! das Ungewohnte, Originelle, fraglos Geniale! Ja – natürlich – jetzt wurde es auch aus dem Tongewirr offenkundig, in dem ich bisher vergeblich nach einer faßlichen Einheit gehorcht hatte! Diese neueste, allerneueste Musik ging vom Kopf, vom Verstand ins Gehör! Sie mußte, wie alles Ganzgroße, mit Gehirnschmalz erlitten und erstritten sein!
Beschämt bog auch ich mich schleunigst über mein Programmbuch.
Wir waren schon beträchtlich im Allegro. Ich ruderte mit allen geistigen Kräften, um meine Verspätung einzuholen, durch die ersten Blätter der ›Deutung‹.
Es war › der Satz des reinen Toren‹.
Natürlich. Es konnte gar nichts anderes sein. Mir fiel es wie Schuppen von den Augen. Was mir bisher zusammenhangslos erschienen, gewann Sinn, Tiefsinn, Übersinn! Ich fand den Faden – das Thema! Was mir ein hilfloses, angstvolles Wimmern gewesen, ein willkürliches Geschlinge von Disharmonieen, in den Violinen zitternd, dann in die Violen und Cellis gleitend, dann plötzlich im höchsten Flageolett und ebenso plötzlich im tiefsten Kontrafagott: es war die ›süchtige Blödigkeit, das unstete Irren, die zarte Kindlichkeit, die gebieterische Mannheit, die traumhafte Ziellosigkeit und Unendlichkeit des reinen Jünglings!‹ – Ich hatte den Anschluß erreicht. Eben kam die erste Versuchung. Es girrte süß und locker in den Harfen. Dazwischen klangen leise, zaghafte, helle Stöße des Pikkolo-Kornetts. Einen Augenblick vibrierte es wie ein einziges Stakkato durch alle Instrumente. Der Jüngling erschrickt. Die Tiefen seines Wesens werden zum ersten Mal auf- und umgerührt von dem Anblick der ›Sünde‹. In fliegender Hast – ich kann mit dem Kopfe kaum folgen, noch weniger mit dem Ohre, aber was schadets? ich weiß es ja! – in fliegender Hast wirbeln sie wie gescheuchte Tauben durcheinander: Die süchtige Blödigkeit, das unstete Irren, die zarte Kindlichkeit, die gebieterische Mannheit, die traumhafte Ziellosigkeit und Unendlichkeit! Mein Gott! Er wankt, er erliegt, er fällt – – nein! Drei furchtbare Posaunenstöße des jüngsten Gerichts fallen zwischen die Sünde und ihr Opfer! Die Baßtuben, die Pauken, die Bombardons unterstützen sie! Er erhebt sich, er siegt, mit einem Fußtritt schleudert er die Sünde zu Boden – den Fußtritt schlugen die Pauken. Ein letzter Schrei der Sünde im Flageolett; ein wildes, fanfarenfrohes Aufstürmen der Posaunen – dann eine Pause: eine Sekunde, fünfzig Sekunden, sechzig Sekunden, zwei Minuten – drei – nein – drei ganz feine, helle Triangelschläge! Der Taktstock sinkt. Der Satz ist zu Ende …
Lautlose Stille folgte. War es Andacht? War es Bestürzung? Bewunderung? Oder war es nur die Ungewißheit, es möchte eine zweite, noch längere Pause herrschen, als die vergangene, und man könnte durch vorzeitige menschliche Laute seine Ungebildetheit an den Tag bringen?
Dann ging es wie ein Seufzen der Erlösung durch den Saal: einer rückte leise den Stuhl; ein anderer rückte nur krampfhaft darauf hin und her; ein dritter unterdrückte einen Niesdrang; ein vierter hustete so verschämt wie möglich – und die ersten Damen begannen mit den Programmbüchern zu fächern.
Doch das alles war vermischt, gleichzeitig; war das Werk von Augenblicken. Hinten im Saal klatschten einige Hände. Mechanisch folgten hundert andere, zwei-, dreihundert – aber es blieb ein dünner, vornehmer, reservierter Beifall, denn man bemerkte, daß eine Anzahl von besonders eindrucksvollen Leuten, denen die Kennerschaft im hochfahrenden Antlitz stand und die ersichtlich zu den berufensten Jüngern des Meisters gehörten, sich unbehaglich reckten, degoutierte Gesichter schnitten und sogar ein leises: St! St! hören ließen. Der junge Mann zu meiner Linken zitterte vor Erregung am ganzen Leib und schleuderte entsetzte Blicke von sich, während er empört vor sich hinzischte: »Mitten im Erlebnis zu klatschen!« Wie zur Antwort warf der altfränkische Herr hinter uns sein Programmbuch so laut wie möglich auf den Boden, daß es die letzten, zagen Klatscher überklatschte. Der Kunstjüngling zuckte zusammen. Mein Baron, dessen triumphierende Stechaugen seit den Triangelschlägen an meinen betroffenen Mienen sich weideten, zog wieder verächtlich die Achseln hoch. Gleich darauf erhob der Meister, der in regungsloser Plastik sich nicht darum kümmerte, was im Saale vorging, und niemandem sein Gesicht vergönnte, von neuem, das aufdringlich bescheidene Taktmeerrohr, und sämtliche Hörer, mich inbegriffen, klappten über ihren Büchern nieder.
Es begann › der Satz des reifen Weibes‹.
Aus nie vernommenen Tönen – es rauschte, wie wenn Finger über gestraffte Seide gleiten und schrillte bang dazwischen, als führen herbe Griffel über eine Schiefertafel – wob es sich unheimlich zusammen: es war ›die Seele des reifen Weibes, die sich krümmte und wand, weil sie, wie Prometheus an kaltes Felsgestein, an einen Ungeliebten geschmiedet war‹. Der Ungeliebte hatte natürlich sein besonderes, schreckhaftes Motiv, das mitunter gleich fernem Donnergrollen, in einer falsch gesetzten Fuge – natürlich absichtlich falsch! – durch die Bässe jagte. Sein plumpes Erscheinen wirkte wie mit Schlägen auf die feine, reizsame Seele des Weibes, und diese Schläge waren mit hinreißendem Realismus beziehungsweise Symbolismus vertont: sie hörten sich an wie die Hiebe biegsamer Haselgerten auf Platten von Messing. Dann schien die Seele des reifen Weibes in einem Seufzer von unsagbarer, aber nicht unvertonbarer Wehmut zu ersterben, der sich durch alle Saiteninstrumente riß.
Nach einer Pause von fünfundzwanzig Takten – siehe Programmbuch Seite zweiunddreißig! – hob ein fremdes, schmachtendes Thema an und wuchs und schluchzte auf aus den Flöten. Es war ›der Leib des reifen Weibes, der sich mit der Kraft der Verzweiflung sträubte, als die Seele schon fast erloschen war‹. Ach, dieser Leib! Dieser hörbare, dieser vertonte Leib! Nach Vorbild des Hohenliedes Salomonis malte die Musik alle seine Reize – nicht malte, nein, modellierte sie von den knisternden Spitzen der Haare bis zu den rehschlanken Fesseln und Fersen – mit einer so schwülen Echtheit, so berückenden Wollust, daß mein Jüngling zur Linken sich dreimal wie entgeistert vom Sitz erhob und schauderte … Aber wehe, wehe! Der Ungeliebte, der verfluchte Ungeliebte stampfte wieder fern daher durch die Bässe! Wehe – gleich wird er den Leib zertreten, auch den Leib, wie er die Seele des reifen Weibes – – – – – Wird er's? Was soll die plötzliche, geheimnisschwangere Pause von fünfzig Takten? Ha! er ist da! Sie erblickt ihn. Wir hören ihn. Nicht den Ungeliebten – nein – den ›reinen Toren‹! Wie ein Schauer rast im Orchester das Thema der Seele wieder auf und vermählt sich mit dem Thema des Leibes zu einer Blüte – mir versagten die Sinne! Er erblickt sie. Wie ein Schauer rast im Orchester noch einmal ›die süchtige Blödigkeit, das unstete Irren, die zarte Kindlichkeit, die gebieterische Mannheit, die traumhafte Ziellosigkeit und Unendlichkeit des reinen Jünglings‹! Eine Pause – noch steht der Taktstock – was wird noch folgen? – – Nichts mehr. Er sinkt. Das Adagio ist zu Ende.
Diesmal wagte niemand zu klatschen. Nicht der schüchternste Versuch einer beifälligen Kundgebung unterbrach das Schweigen nach dem Erlebnis. Mein genialischer Jüngling richtete sich auf, lehnte das lockenschwere Haupt wie in Verzückung weit zurück und warf dann einen mitleidig-sieghaften Blick über das mannigfache Spiel der Mienen ringsum.
Das war denn auch ein Schauspiel seltsamster Nuancen: bei dem einen beobachtete man ein nervöses Zucken der Gesichtsmuskeln; bei einem andern etwas wie ein leises Grauen oder verhaltene Qual oder ratlose Erschöpfung vor soviel Größe; bei dem dritten endlich das selbstgefällige Lächeln des absoluten Verständnisses. Zahllose Stirnen leuchteten von Schweißperlen, und ihre Inhaber strichen mit den geballten Taschentüchern mehr oder minder wild darüber hin. Aus einer der vordersten Reihen löste sich eine Damengestalt und eilte durch den Mittelgang aufgeregt vorüber: es war sichtlich eine alte Jungfer mit hochrotem Kopf; ob die Seele oder der Leib des reifen Weibes ihr Gleichgewicht zerstört hatte, wer vermöchte es zu raten? – Der altfränkische Herr hinter meinem Rücken hatte offenbar auch etwas abbekommen: auch er glühte im ganzen Angesicht wie ein Puter; zwischen den weißbuschigen Augenbrauen lag eine grimmige Falte, und er murmelte unverständliche Worte. Nur mein Freund, der Baron, war unverändert und ergötzte sich mit seinem unbeschreiblich angenehmen Lächeln an mir und meiner Verblüffung.
Da stand auch schon wieder des Meisters Taktmeerrohr gebieterisch in der Luft. Der Göttliche holte zum letzten Schlag aus und man raschelte eifrig in den Programmbüchern.
Der Schlußsatz brach herein: › Jenseits von Gut und Böse‹.
Ach, eine Feder hat die Kraft nicht, zu schildern, was alles mein, so gewaltiger Anstrengungen ungewohnter Verstand dem Ohre zu hören aufgab! Wie das reife Weib den reinen Toren ›hinwegreißt über den Lügenabgrund von Gut und Böse‹ – wer wollte es beschreiben? Es war ein Orkan von ungeahnten Tonverrenkungen und Akkordverschlingungen! Ein Bacchanal, in dessen Untiefen die Schlaginstrumente, als da sind Pauken und Trommeln, Becken und Tamtams wühlten und tobten, während an seiner Oberfläche die Violinen mit den Holzgebläsen kankanierten – – bis ein engelhaftes Glockenspiel sich über das vertosende Getümmel emporschnellte: ›Der Bann ist gebrochen, und für die Liebenden, für die Doppelreifen beginnt jenseits des vermeinten Gesetzes ein neues Leben! Gleichsam unter dem süßen Geranke der Glockentöne vereinigen sie sich zum seligsten Besitz!‹ Aber was waren diese verschleierten Worte der ›Deutung‹ gegen die Gewißheiten, die die Musik von ihrer Seligkeit gab! O, wenn es anständig wäre zu erröten, oder wenn Töne erröten könnten, oder – ach, was red' ich da! Gehet hin und höret selbst! Oder vielmehr lernet hören mit dem durch den Verstand erweiterten und vertieften Gehör! Gehet hin und werdet neu! Und ihr werdet Dinge hören, die man nicht schreiben, nicht sagen darf – und die doch jeder wahrhaft sittliche Mensch erlebt hat!
So flogen Scherzo und Trio und das angegliederte Finale vorüber, bis das Glockenspiel in unendlichen Fernen, hinter unendlichen Pausen verzitterte und des Meisters Taktmeerrohr schwankte, wankte und sank.
Auch ich schwankte, wankte und wäre wohl auch – in einer augenblicklichen, nur zu begreiflichen Ermattung meiner noch so ungeübten Genußkräfte – gesunken. Aber da geschah etwas noch Unerwarteteres, als alles Gehörte! Das Publikum, bisher so schüchtern, so vornehm, so kunstgebildet; dasselbe Publikum, das bisher aus übergroßem Verständnis jede allzulaute Regung der Zustimmung zurückgehalten hatte, gebärdete sich plötzlich wie elektrisiert, hypnotisiert, fanatisiert! Die Stühle wurden polternd zurückgestoßen. Alles sprang auf. Alles klatschte. Alles johlte: Bravo und Bravo und noch einmal Bravo! Und o Wunder! Dieselben Leute, die in den Zwischenpausen über jeden Beifall die Nase gerümpft hatten und denen die Kennerschaft im hochfahrenden Antlitz stand, erblickte ich – auf den Stühlen! Brüllend und ihre Taschentücher schwenkend, wie die Verrückten!
Natürlich hatte auch ich mich erhoben und juchete mit, denn ich begriff sofort, daß das eine Sache der Bildung sei und der einzige Ausweis für einen modernen Geschmack. Der Baron applaudierte mit den Fingerspitzen. Mein Nachbar zur Linken, der Kunstjüngling, schien – nach seinen zuckenden Lippen zu schließen – mit dem Schluchzen zu kämpfen, was ihn aber nicht hinderte, aus Leibeskräften seine langen, bleichen Hände gegeneinander zu schlagen; und dann – ich wußte nicht, wie mir geschah – ergriff er im Taumel der Begeisterung mit einem Male den nächsten besten, und zwar mich, und schüttelte mir wild die Hand, rollte die Mandelaugen und stammelte: »Göttlich, nicht wahr? Göttlich! Unsterblich!« Und ich antwortete entsetzt, und um mein Handgelenk zu retten: »Gewiß, mein Herr! Göttlich! Unsterblich!« Im selben Moment klang es hinter mir, deutlich und zornig: »Pfui Teufel!« Es war der Altfränkische, der allein sitzen geblieben war und mitten in dem Lärm vor sich hinschnob: »Barbarei! Nichts als Barbarei! Tongestümper! Keine Spur von Musik!« Aber es half ihm nichts: die übrige Hörerschaft übertobte ihn und der Meister machte vorne auf dem Podium Verbeugung um Verbeugung – eine so widerwillig und ungelenk wie die andre.
Wie lange der Jubel noch dauerte, weiß ich nicht. Mein Freund hatte ein Einsehen mit meiner Schwäche und führte mich wohlwollend in einen Nebensaal, der als Garderobe diente. Dort lehnte er sich an einen Wandpfeiler und ich, willenlos, wie ich war, tat neben ihm dasselbe. Wir ließen das unter Stockungen sich herausdrängende Publikum an uns vorüberziehen. Aus Gruppen, die sich bildeten, oder auch nur von Vorbeigehenden erhaschte ich dies und jenes Wort. Was mir vor anderem gefiel, war eine durchgängige Vorsicht des Urteils. »Interessant! Sehr interessant! Ausnehmend interessant!« schwirrte es aus einem Häufchen junger Ehepaare, die sich gleichzeitig für ein Weinrestaurant verabredeten. »Wonnig, nicht? Und wie bescheiden er ist, nicht? Ideal, nicht?« flüsterten ein paar heißwangige Backfische, und stießen sich dann an, weil eben mein Kunstjüngling mit traumhafterhobenem Haupt an ihnen vorbeischritt. »Genial! einfach genial, nicht wahr, Doktor?« rief ein kleiner, dicker Bankier mit goldenem Kneifer, der mich zu kennen schien, denn er nickte mir zu, und wälzte seine noch dickere Frau mit vorüber, die nur noch pusten konnte vor Hingerissenheit. Den Nagel auf den Kopf traf indes die überwiegende Mehrzahl, die unendlich ernst und unendlich deutsch sich versicherte: »Zu groß! Der Laie kann darüber nicht urteilen! Jedes Urteil ist Anmaßung, Übereilung! Dazu gehört technisches Verständnis, technisches, technisches, technisches!« Und dabei blickten sie sich furchtsam an und beobachteten einer den anderen, ob auch ja keiner sich unterfange, ›ungebildet‹ zu sein und nach seinem unmaßgeblichen Gefallen zu urteilen.
Recht so, sagte ich mir. Die Kunst ist nichts Unmittelbares! Die unmittelbaren Wirkungen sind trügerisch! Nur künstlerische Techniker können über Musik urteilen, und wer gebildet ist, wer auch nur von ferne musikalisch sein will, höre sie zuerst und spreche ihnen nach! Recht so!
Und als wollte mich das Geschick für diese kluge Erwägung sofort belohnen, trat jetzt ein Mann mit eingetriebenem Filzhut, einem nervös zitternden, bartlosen, scharfen Gesicht, einen Mantel frei und kühn über die spitzen Schultern geworfen, an meinen Baron heran, wechselte mit ihm Grüße und wurde mir als Musikkritiker vorgestellt.
Nachdem auch wir uns an der Garderobe – unter der üblichen Lebensgefahr – in den Besitz unsrer Habseligkeiten gesetzt hatten, gingen wir im Geleite des eingetriebenen Filzhuts eine Treppe tiefer, und saßen kurze Zeit darauf an einem Tisch des Restaurants.
Wir verbrachten eine gute Weile schweigend in dem spärlich besetzten Raum. Der Baron schlürfte aus Strohhalmen seine Eisschokolade. Vor mir stand eine kleine Flasche Medoc, der ich – aus Furcht vor meinem Gegenüber, dem Musikkritiker – nur zögernd zusprach.
Und er konnte einem eine gelinde Furcht, oder besser eine furchtsame Bewunderung einjagen! Wie er so dasaß – beide Ellbogen auf den Tisch, den Kopf, der noch immer im Schatten des eingebeulten Hutes dämmerte, in die Hände gestützt! Sein Gesicht hatte den imposanten Ausdruck wühlender Finsternis, vor dem sogar der Kellner, nach dreimaligem vergeblichen Anrufen davongeschlichen war.
Nie hätte ich mich unterfangen, die sibyllinische Stummheit dieses Gewaltigen zu stören Nicht so der Baron. Er ließ endlich ein gedämpftes »Nun, Professor?« hören. Der Unheimliche schien, freilich widerwillig, zu erwachen. Sein Antlitz spielte in wirren Verzerrungen. Dann würgte er das erste, das erlösende Wort dumpf heraus:
»Ein Koloß – ein Koloß.«
Er mochte mir ansehen, daß ich vergeblich bemüht war, zu verstehen, was er von sich gab.
» Ein Koloß!« schrie er mich an, als wäre ich sein Todfeind, und nun begann – zu meiner Bestürzung – sein eben noch so dicht verschlossenes und verkniffenes Sprechwerkzeug sich in orgiastischen Sätzen und Tönen zu entladen. Es war unmöglich, ihm im Zusammenhang zu folgen. Nur einzelne Blöcke von elementarer Wucht – man entschuldige die Wahrheit um der großen Sache willen – spie er mir in meine erschrockene Miene.
»›Kunstwerk der Gegenwart, nicht mehr der Zukunft!‹ ›Ereignis!‹ ›Männliche Sphinx!‹ ›Stück Musikgeschichte!‹ ›Entdecker neuer Weltteile!‹ ›Napoleonischer Eroberermut!‹ ›Polyphone Offenbarungen!‹ ›Musikalisches Genie ersten Ranges!‹«
Nach diesem ersten, heftigen Anfall, den der Baron mit triumphierenden Blicken auf mich begleitete, wurde der Professor etwas ruhiger. Er erwartete offenbar eine Antwort von mir, eine Zwischenfrage, eine Zustimmung oder Ablehnung, denn er starrte mich herausfordernd an. Ich mußte meiner angeborenen Schüchternheit Gewalt antun; ich flüsterte also: »Sie glauben, daß die Musik in ein neues, ungeahntes Stadium der Entwicklung eingetreten ist?«
»Ob ich das glaube!« – er stieß es mit unsäglicher Verachtung hervor und schleuderte den Mantel, der ihm noch immer umhing, hinter sich auf den Stuhl. »Glauben Sie das vielleicht nicht? Oder wissen Sie's vielleicht nicht seit dem heutigen Abend?«
Und nun ging's los, ohne Gnade und Barmherzigkeit! Das ganze Füllhorn technischer Kennerschaft entleerte sich über mein Laientum. Was mußte der Mann für ein Gehör haben! Was alles hatte ihm der Meister in Tönen gesagt! Am meisten verblüfften seine Vergleiche. Wie albern und zeitbeschränkt war doch der gute, selige Lessing, als er einst über ›Grenzen‹ der Künste fabelte. Eine neue Ästhetik war im Handumdrehen geschaffen, die die Lyrik und Dramatik der Farbenwerte für die Malerei, die Tongeschlechter der Worte für die Poesie entdeckt hatte und mir jetzt als Koloristik der Musik entgegenglühte. Welcher Reichtum, welche Schärfe und Bestimmtheit der schönwissenschaftlichen Erkenntnis wurde mir geschenkt! ›Ströme farbigen Glastes‹ flossen in der Schöpfung des Meisters zusammen: rot waren seine Forti; blaßblau seine Piani. Ganze Sätze erhielten ihre Farbenskala! Die Leidenschaften schillerten in allen Nuancen zwischen grün und gelb; dazwischen funkelte als höchste, einzig-artige die Liebe – anders als alle ihre Schwestern – nämlich zwischen karmoisin und tiefviolett hin und her gleitend!
Welch ein Abgrund von Tiefsinn: man konnte diese neueste Musik, das Kunstwerk der Gegenwart, nicht nur hören, sondern auch sehen! Farbig sehen! Und das um den ganz geringen Preis, daß man sie zuerst mit dem Verstand und dann erst mit dem Ohr und Auge erfaßte!
»Was sagen Sie jetzt?« tuschelte mir der Baron mitleidig zu, und wandte sich dann verbindlich an den Professor, der sichtlich mit neuen Orakeln schwanger ging, denn er stocherte eben wütend mit einem Zahnstocher im Salzfaß und warf dann den Plunder nachlässig um.
»Wenn ich Sie recht verstehe, Professor, so sind in der Musik, wie anderwärts, die Spielereien mit dem kindlichen Formalismus endgültig überwunden? Der Entwicklungsgedanke hat sich auch die Musik erobert, und wir stehen …«
»Vor einem unendlichen Neuland!« schrie der Gewaltige. »Vor einer fabelhaften Erweiterung des musikalischen Sprachschatzes! Vor unbegrenzten Möglichkeiten! Vor der endlich ganz entketteten – Musik, die sich nicht mehr sklavisch und bieder an die Wiedergabe allgemeiner Vorstellungen zu halten hat, sondern übergeht zum Ausdruck der bestimmtesten, differenziertesten Realitäten! Mit einem Wort – –«
» Vis-à-vis de rien, wollen Sie sagen, nicht wahr?« – so schallte es plötzlich mit schmetternder Kampflust dazwischen – » Vis-à-vis de rien!« und am unteren, unbesetzten Ende des Tisches stand der altfränkische Herr, den ich oben zum Hintermann gehabt hatte und der unbeachtet in unsrer Nähe gesessen haben mußte. Seine runden Augen rollten und blitzten zornig, und der Professor geriet durch den unerwarteten Angriff für einen Augenblick aus der Fassung. Nicht so mein Baron. Er fragte mit herablassender Kühle über den Tisch hin:
»Mit wem haben wir die Ehre?«
»Mit mir,« erwiderte der Altfränkische mit gleichgültiger Gebärde und ohne den Frager anzusehen. Vielmehr wandte er sich jetzt erst recht nur an unsren musikalischen Professor.
»Mit Verlaub, mein hochverehrter Herr, Sie führen eine so laute Sprache und rufen Ihre neuen Thesen so siegesgewiß aller Welt ins Ohr, daß Sie auch die Erwiderung hören müssen, ob Sie wollen oder nicht!«
Der Baron trommelte mit den Fingerspitzen auf dem Tisch; der Professor schien sich zu ermannen, denn er ergriff wieder seinen Zahnstocher und begann Gesichter zu schneiden.
»Jawohl, ob Sie wollen oder nicht!« wiederholte der Alte mit Entschiedenheit und postierte sich noch fester an seiner Tischflanke. »Über das Wesen des musikalischen Genießens streit' ich mich mit Ihnen nicht: Sie setzen's in die Beschäftigung, ich in die Aufhebung des Bewußtseins! Aber Sie reden so daher, als wären alle vor Ihnen Narren gewesen – das ist, mit Respekt zu vermelden, anmaßend und beschränkt!«
Der Professor ließ ein wegwerfendes ›Päh‹ hören, ohne damit den eifrigen Sprecher im geringsten zu stören.
»Anmaßend,« fuhr er fort, »weil der alte Herr, der van Beethoven, so gut wie Sie und Ihre Neutöner, gewußt hat, daß es jenseits des ›kindlichen Formalismus‹ noch allerhand zu hören gibt, aber so viel Geschmack hatte, uns mit derlei Geräuschen zu verschonen! Beschränkt, weil Sie sich freilich in Ihrem Köpflein die ausbündigste Entwicklung jeder Kunstform ausgrübeln können – – aber ein feinhöriges Ohr dazu zwingen, Ihr Tohuwabohu für Musik zu halten, das können Sie nicht! Guten Abend!«
Der Altfränkische wollte enteilen, wie er gekommen war, aber der Professor, bleich vor Wut, hielt ihn krampfhaft an den Schößen seines langen Rockes fest.
»Und wenn es nun,« kreischte er, »wenn es nun gerade das menschliche Ohr ist, das Ohr, das sich entwickelt – schon entwickelt hat? Wenn dies Ohr Neues, Feineres, Schwierigeres hört, als das der Früheren? Wenn …«
»Ach, lieber Herr!« sagte der Alte mit gutmütiger Miene und einer gewissen Wehmut, indem er sich zurückdrehte, »das mit dem › neuen Ohr‹ ist eine recht gewagte Sache, und ich fürchte, wenn Sie und Ihresgleichen es sich vollends zurechtentwickelt haben, wird's ungefähr so sein, wie ein altskythisches war und ein chinesisches heute noch ist!«
»Mein Herr!« – Der Professor sprang vom Tisch auf und gestikulierte wie ein Besessener. – »Mein Herrrr! Wer gibt Ihnen die Freiheit – – wer …«
»Ach so, wer ich bin? Ich dachte, Ihr Gedächtnis müßte besser sein wie meines! Vor Jahren gab ich ein paar Stunden Gesangsunterricht in einer Knabenschule, die Sie kennen sollten. Da war ein Junge, den ich gleich in der ersten Stunde heimschickte, weil er just immer einige Töne höher oder tiefer sang als meine andern Jungens, die noch das ›alte Ohr‹ hatten. Erinnern Sie sich nun? – Also! – Guten Abend, Herr Professor!«
Damit verschwand der Altfränkische. Unser Professor hatte wieder Platz genommen. Man sah ihm an, daß er innerlich schäumte. Aber er biß die Zähne fest aufeinander und knirschte nur verächtlich: »Ungebildeter Philister!«
Der Baron wollte die unangenehme Stimmung, die entstanden war, verwischen. Er klopfte dem Gewaltigen auf die Schulter: »Lieber Professor, auch die Musik hat ihre Moralisten! Aber die Sorte stirbt aus – glauben Sie mir!«
Doch in Stimmung kamen wir auch durch diese Tröstungen nicht wieder. Es wurde bald aufgebrochen und unter dem großen Portal, dessen Bogenlampe eben mit Zischen erlosch, als wir hinaustraten, trennte sich der Mann mit dem eingebeulten Hute von uns, ohne daß er noch einmal gesprächig geworden wäre.
An der nächsten Straßenbahn-Haltestelle schieden auch der Baron und ich voneinander.
»Habe ich zu viel versprochen, Doktor?« rief er mir nach, als ich mich schon auf die Plattform meines Wagens geschwungen hatte.
»Weiß Gott nicht!« rief ich herunter. »Sie haben mich fast schon heute geschlagen! Verstandwerdung der Musik – neues Ohr – einfach überzeugend!«
»Bis morgen!« hallte es mir nach. Dann entführte mich die Elektrische mit sausender Geschwindigkeit.