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Es war nur billig, daß mich nach solchen nächtlichen Ehrenrettungen die Geister der beiden Geretteten noch weit in den Tag hinein begleiteten.
Zu seltsam war es doch, daß die Gegenwart, die so erschrecklich auf ihre ›Neuheit‹ pochte, diese selbstsichere, vollendete Gegenwart so viel Wert darauf legte, wo sie ging und stand von vergangenen Größen gestützt zu sein! Und das nicht etwa nur, indem man sich unter Gipsköpfen zu wissenschaftlichen Gottesdiensten zusammentat und den erlauchten alten Herren zumutete, sich wesenhaft mit einem verbunden zu fühlen – nein! noch viel mehr: Man konnte nicht zwei Sätze von sich geben, ohne sie durch ein Zitat aus ihren Werken – und wäre es das fernliegendste und ausdrucksloseste – zur unbestreitbaren Gültigkeit zu erheben!
Besonders Goethe!
Ja, Goethe war ja geradezu ein Opfer dieser schönen Wut eines selbständigen Zeitalters, sich durch autoritäre Aussprüche sicher zu stellen. »Wenn das Papsttum nicht schon existierte: die Deutschen hätten es sicher erfunden! Ohne Frage! Sie kommen in geistigen Dingen ohne die Unfehlbarkeit gar nicht aus. Sie müssen ihre Großen zu Götzen machen, um ihre Speichellecker sein zu können!« So tuschelte mir kürzlich ein boshafter Ausländer ins Ohr. Und ich durfte ihm nicht einmal eine Maulschelle geben. Denn er hatte unverschämt recht!
Nicht genug, daß die Gelehrten und die Schulmeister, die Künstler und die Politiker den Mund nicht auftun konnten, ohne in Goethes Namen zu predigen: er mußte sich zu Bestrebungen und Bewegungen von Leuten hergeben, die er im Leben nicht bis in sein Vorzimmer gelassen, geschweige sie auch nur des verächtlichsten Blickes gewürdigt hätte! Kurz: dieser Aristokrat vom Scheitel bis zur Sohle, hatte das Vergnügen, als einziges Fettauge auf allen Hungersuppen moderner Geistreichigkeit schwimmen zu dürfen! Ein Vergnügen, um deswillen er, glaube ich, auf seine Unsterblichkeit verzichtet hätte! Sollte der Ärmste heute wiederkommen, er hätte nichts Eiligeres zu tun, als um die Erlaubnis zu bitten, daß er einen andern Namen führen dürfte.
Bedauernswerter, bedauernswertester unter den Olympiern!
Und Kant!
Aufzuwachen, und sich etwa als Ehrenmitglied eines monistischen Klubs zu finden! Ich denke mir, der ehrwürdige Weise, der stets ein bißchen vergeßlich war, würde sich erkundigen, ob er überhaupt schon einmal dagewesen sei! Ob sie ihn nicht mit einem anderen Kant aus Klein-Glienicke verwechselten! Sehr entschuldbar! Wenn man nach hundert Jahren wiederkehrt und freundschaftlichst von dem Drachen angewedelt wird, den man glaubt, erschlagen zu haben! Den man erschlagen hat! Da kann man irre werden! Leg dich schlafen, Vater Kant! Um einzusehen, daß du umsonst gelebt und gedacht hast, brauchst du wirklich nicht aufzuwachen! Du würdest dich doch gleich wieder in den Tod ärgern.
Bedauernswerter, bedauernswertester unter den Drachentötern! – –
Das waren so, rund und knapp und ehrlich, meine einfältigen Gedanken.
Da ich den Tag, dank den anstrengenden Abenden, immer recht spät begann, wurde es im Handumdrehen Mittag und Nachmittag. Meine Spannung war heute, am letzten Tag der Woche, die dem Baron gehörte, besonders lebendig. Zumal er mir ja auch für heute den Gipfelgenuß und den Schlußstein seines Kulturgebäudes in Aussicht gestellt hatte! Jenes Kulturgebäudes, in dem ich dann wohl oder übel, wie er meinte, die Vollendung des menschlichen Könnens und die Weltenwende zu verehren hatte.
Da er mich länger warten ließ, als meiner Geduld zuträglich war, griff ich widerstrebend zu einem der Bücher, die er bisweilen stillschweigend bei mir liegen ließ – offenkundig in der Absicht, mich durch geeignete Lektüre noch tiefer in den Bannkreis der neuen Ideale hineinzuziehen.
Das gelang ihm auch schleunigst.
Ich war an einen Band Gedichte geraten. Ich hätte sie für das Gestammel eines Geistesverwirrten oder für die bloßen Schreibversuche eines jüngsten Knaben gehalten, wenn nicht – das Vorwort mich vom Gegenteil überzeugt hätte. Die ›Seelenkristalle‹ des Neulyrikers waren gar nicht irrsinnig und gar nicht stümperhaft! Ich aber war ein ewig verlorener Philister, daß ich die neue Form in diesen scheinbaren Formlosigkeiten nicht sofort herausfühlte! In der Tat! Das hätte mir, nachdem die ganze Woche der Erkenntnis gewidmet war, nicht passieren dürfen! Ich hatte nachgerade von vornherein wissen müssen, was mir jetzt der Dichter in seiner Vorbemerkung spöttisch und herablassend zutönte: ›Formlos – so nennt man die nächsthöhere Form, so lange die Sinne noch nicht reif für sie sind! Formlos schilt der Kristall die Pflanze, die Pflanze das Tier, das Tier den Menschen, der Mensch – den Menschen der Zukunft, den neuen Menschen!‹
Da waren wir also wieder glücklich beim Neuen Menschen!
Mit dem fatalsten Grinsen setzte mir der bekannte Unbekannte auseinander: ›Komisch ist es nur, wenn Leute, deren Gefühle sich nicht mehr primitiv, schematisch einzugruppieren vermögen – weil ihre Gefühle eben differenzierter geworden sind – komisch ist es, wenn diese Feinformigen von den Plumpformigen – formlos genannt werden!‹
Wütend sprang ich auf und warf das Buch in die Ecke.
Das mußte man sich nun gefallen lassen! Und hatte doch die ehrlichsten Absichten! Suchte die neue Frau und den neuen Mann und das neue Kind und die neue Liebe! Hörte immer von ihnen sprechen wie von einer gegebenen Größe, und wollte man sie dann mit Händen greifen und leibhaftig sehen, dann … ja, dann!
Das mußte ein Ende haben!
Mochte der Baron einen Schlußstein des Kulturgebäudes in der Tasche haben, welchen er immer wollte: ich wollte den Neuen Menschen sehen! Sehen wollte ich ihn! Einen anderen Schlußstein gab es für mich nicht! Keinen!
Ich stampfte ordentlich hart auf den Boden und drehte mich auf dem Absatz herum: Da stand denn auch der Baron, wunschgewärtig wie ein Märchengeist, mitten in meinem Zimmer.
Ich schien meine letzten Worte laut ausgesprochen zu haben.
Wenigstens gab der Baron in seiner zudringlich-höflichen Weise gleich die Antwort und sagte:
»Sie sind im Recht, mon cher! Völlig im Recht! Sie haben in der Tat so viel vom Werden des Neuen Menschen gehört, daß Sie darauf brennen müssen, ihn mit Augen zu schauen! Sehr verständlich!«
Ohne Umstände zog er mich jetzt neben sich auf die Chaiselongue.
»Mein lieber Freund,« fuhr er fort und gab seiner Anrede eine Herzlichkeit, die verzweifelt echt klang, während er gleichzeitig mit einer ihm sonst durchaus fremden Verlegenheit auf seine schmalen, blaublütigen Hände starrte und dann die langen Knochenfinger ineinanderschob, daß sie laut knackten, »mein lieber Freund,« wiederholte er, »einem andern, als Ihnen, würde ich den kühnen Wunsch nicht erfüllen können, den Sie da äußerten. Einfach deshalb nicht, weil er eine Intimität mit mir und meinen Verhältnissen voraussetzt, wie ich sie nur höchst selten, nur höchst ausnahmsweise gewähre.«
Er machte eine Pause, und streifte mich mit einem flüchtigen, forschenden Blick.
Ich nickte nur. Innerlich erschrak ich. Waren wir wirklich so intim? Meinerseits war ich mir dessen gar nicht so bewußt. Er aber sprach das so selbstverständlich, so leichthin aus, als bestände darüber nicht der leiseste Zweifel. Bei ihm nicht und bei mir nicht. Er mußte seines Sieges schon jetzt so gut wie sicher sein und die Bande, die uns verknüpften, bereits für unauflöslich innig halten.
Hatte ich wirklich meine Wette schon verloren?
»Die Sache ist die, mein teurer Doktor,« – seine Wärme steigerte sich noch, und er suchte meine Hand zu erhaschen, eine Zärtlichkeit, der ich stets instinktiv auswich – »ich selber habe einen Versuch in dieser Richtung gemacht!«
»Sie selber?« fragte ich verständnislos und blickte ihn ziemlich dumm an.
»Einen, ich darf wohl sagen, sehr gelungenen Versuch! – – Ich habe einen Sohn, Doktor …«
Ich zuckte zusammen. Er hatte wieder nach meiner Hand gefaßt und berührte mich jetzt eiskalt!
»Ich habe einen Sohn,« sagte er noch einmal und legte in dies allerdings intime Geständnis einen väterlichen Schmelz, eine naturhafte Rührung, die mich bestimmt bestochen hätte, wenn sie nicht einem fehlgegriffenen Akkord so sehr geähnelt hätte.
»Ich dachte,« stotterte ich – »ich wußte nicht …«
»Niemand weiß davon, außer mir, – bis auf diesen feierlichen Augenblick!«
Ich nickte geschmeichelt zu dieser galanten Übertreibung.
»Man hat ja schließlich« – ein süffisantes Lächeln huschte über sein bleifarbenes Gesicht und enthüllte unter dem kurzen Schnurrbart blitzartig die Eberzähne – »allerhand Liaisons und Kapricen mit allerhand Folgen gehabt, aber diese Verbindung – Sie sehen, ich werde wirklich intim – erfolgte unter ungewöhnlich glücklichen Bedingungen! Ich kann sagen, es war eine natürliche Auslese allerersten Ranges!«
»Ich verstehe,« sagte ich gedämpft und nur, um etwas zu erwidern, was mich solcher Indiskretionen würdig erscheinen ließ, »Sie waren in der beneidenswerten Lage, ganz selektionstheoretisch vorzugehen!«
»Sehr richtig,« rief er erfreut und tippte sich auf den dünnen, duftenden Scheitel. »Sehr richtig! Die Mutter war eine Dame von hoher Geburt, von väterlicher Seite nicht ganz vollblütig« – ich riet auf einen Leibkutscher – »von mütterlicher Seite Vollblutaristokratin! Also eine besonders feine Mischung von Sensibilitäten! Ein Geschöpf« – er schnalzte unwillkürlich mit der Zunge – »traumhaft empfindungsfähig, sehnsüchtig nach neuen Welten, Rasse durch und durch. Rasse, sage ich Ihnen – Rasse!«
Er schien für Augenblicke selber ›traumhaft empfindungsfähig‹ zu werden und schaute mit verdrehten Augen durchs Fenster.
Ich wagte nicht, ihn zu stören.
»Sie hatte viel geliebt, sehr viel!« flüsterte er nach einer Weile. »Immer mit ihrem ganzen Wesen, verstehen Sie! Aber immer anders! Immer neu! Immer differenzierter – verstehen Sie?«
Ich verstand vollkommen. Ich dachte an den väterlichen Leibkutscher.
»Und nun denken Sie sich als letzten Liebhaber – – mich! Mich, einen durch und durch modernen, durch und durch intellektuellen Menschen! Auch nicht ganz ohne Rasse, wie ich glaube!«
Ich nickte lebhaft.
»Denken Sie sich mein hochdifferenziertes, sozialisiertes, ethisiertes, humanisiertes Bewußtsein – befruchtet ihr vorteilhaftest vordifferenziertes Empfinden! Und nun ermessen Sie gefälligst: Was für ungeahnte Möglichkeiten mußte ein Mensch verkörpern, der der Vereinigung derartig füreinander geschaffenen Proto- und Psychoplasmen sein Dasein verdankte!?«
»Erstaunlich!« stammelte ich, niedergeschlagen, überwältigt von einer solch differenzierten Leistung.
»Und nun denken Sie sich diesen Menschen modern, ganz nach meinen und Ellen Keys Intentionen erzogen! Landluft, Bücher, schrankenlose Freiheit, raffiniertestes Eingehen auf die kleinste, zarteste, individuellste Regung! Künstlerische Durchbildung von Geschmack, Geruch, Gehör, Gesicht! Und all das überwölbt von den unsterblichen, neuen Gattungsidealen! Und Sie haben ein schwaches Bild meines Sohns! Sie haben – darf ich doch wohl annehmen – ein einzigartiges Exemplar des ›Neuen Menschen‹!«
Er war aufgesprungen.
Ich mit ihm.
»Und zu ihm wollen Sie mich führen, Baron? Mich mit ihm bekannt machen? Mit diesem Wundermenschen!« rief ich so hingerissen, als es mir der Anstand erlaubte.
»Kommen Sie! Mein Sohn speist um sechs zu Mittag! Wir sind ihm angemeldet. Lernen Sie ihn kennen und Sie kennen den Menschen der Zukunft!«
Wir stürzten erregt nach der Türe, stürzten die Treppen hinab und liefen, so schnell wir konnten, um den Neuen Menschen zu schauen!
Als wir einige Straßen weit gehastet waren und, nach Äußerungen des Barons zu schließen, nahe am Ziel sein mußten, wurde ich doch etwas bedenklich über die Rolle, die ich bei diesem merkwürdigen Besuch zu spielen hätte, und ich befragte ihn vorsichtig.
»Nun, Doktor,« sagte er aufgeräumt, »Sie werden eben ein bißchen den Interviewer spielen müssen, um die enorme Vielseitigkeit meines Sohns wenigstens annähernd kennen zu lernen!«
»Den Interviewer? Ich versichere Sie, daß ich dazu nicht die mindeste Anlage habe!«
»Beruhigen Sie sich!« meinte er tröstend. »Ich werde Ihrer Bescheidenheit mit Vergnügen zu Hilfe kommen!«
Wir schritten durch den Korridor eines großen, nicht eben feinen Mietshauses. Dann über einen verwahrlosten Hof zum Gartenhaus.
War mir schon die Gegend, in die mich der Baron geführt hatte, nicht durch Vornehmheit aufgefallen, so erstaunte ich noch mehr, als wir durch ein sehr verwohntes Treppenhaus, vorbei an Stockwerken voller Kinderlärm und sonstiger Geräusche, vier Stiegen hoch emporklimmen mußten, um endlich atemlos vor der Flurtüre dieses ›Höhenmenschen‹ anzukommen.
Absicht natürlich! gab ich meiner Verwunderung zur Antwort. Sozialisiertes Milieu! Natürlich! Und als erriete er wieder einmal meine Gedanken, ergänzte der Baron bedeutungsvoll: »Es ist kein Zufall, daß mein Sohn hier wohnt! Sozialisiertes Milieu – verstehen Sie?«
Ohne Umstände tappten wir durch einen stockdunklen Flur.
Der Baron öffnete eine Tür.
Wir traten in ein matterleuchtetes Zimmer.
Vor einem gedeckten Tisch, uns zugewendet, saß der Neue Mensch und sog eben den Saft aus einer Apfelsine schlürfend ein. Eine weibliche Gestalt, die ihm Gesellschaft geleistet hatte, zog es vor, durch eine seitliche Tür zu verschwinden. Ich hatte nur noch erkennen können, daß sie leidlich hübsch, nicht mehr sehr jung und auffallend unbekleidet war.
Der Baron stellte mich vor.
Der Neue nahm davon, wie überhaupt von unserer Anwesenheit, zunächst keinerlei Notiz. Er quetschte seine Apfelsine vollends aus und griff dann unter den Früchten, die seine einzige Mahlzeit zu bilden schienen, einen Apfel heraus, schälte ihn, zerhackte ihn in kleine Stückchen und schob diese, eines ums andere, teilnahmlos hinter seine wulstigen Lippen.
Auf einen Wink meines Freundes nahmen wir Platz. Dank der absoluten Gleichgültigkeit des Neuen hatte ich volle Muße, mir den Wunderknaben anzusehen.
Wer nicht wußte, was er für eine epochemachende Person vor sich hatte, hätte ihn übersehen können. Er sah nämlich – natürlich nur auf den ersten Blick – unglaublich nichtssagend aus. Seine mittelgroße Figur war nachlässig umhüllt von einem samtenen Schlafrock, der einst prächtig gewesen sein mochte, aber jetzt erbarmungslos verschlissen war. Eine verschwommene Fülle der Glieder war unverkennbar. Sie wiederholte sich im Gesicht: Kinn und Wangen sahen sich schwammig an; letztere trugen auf gelbem Grund je einen hektisch blühenden, roten Tupf, nahe an den Augen, die mir noch unsichtbar blieben, weil sie nur auf die Apfelstückchen gerichtet waren. Die Stirn war auffallend hoch und steil; sie schien es noch mehr, weil sie, mit Ausnahme einer dünnen, schwersinnigen Querfalte, glatt und leer dalag. Über ihr klebten sparsame Strähnen eines undefinierbaren, vielleicht aschblonden Haars. Sie trugen mit dazu bei, das Alter des Neuen zu einer unbestimmbaren Größe zu machen. Daran änderten auch die paar borstigen Härchen nichts, die in gleicher farbloser Neutralität über der Oberlippe träumten. Die Nase hätte man vergessen können, weil sie so klein und flachgedrückt war, daß sie gar nicht in Betracht kam.
Alles in allem: der äußere Mensch des Neuen war bescheiden genug, nichts davon zu verraten, daß er das Ergebnis so besonders feindifferenzierter seelischer und geistiger Bedingungen war.
Wie viel mehr mußte die Natur an sein Inneres verschwendet haben!
Jetzt schlug er die Augen auf.
Ein Ereignis für mich! Und eine kleine Enttäuschung. Denn auch sie blieben in den Grenzen schlichter Ausdruckslosigkeit und wollten meine verhaltene Bewunderung noch nicht voll ausbrechen lassen. Sie waren klein, hervorquellend, wasserblau. Das mußte wohl so sein.
Und nun hub er zu sprechen an. Mit einer sehr mühsamen, sehr dünnen, sehr hohen Stimme, und ohne die leiseste Modulierung.
»Herr Vater, ich las von Kriegsaussichten. Sollte es wahr sein?«
In der Tat befürchtete man, wie ich zufällig wußte, in den letzten Tagen kriegerische Verwicklungen, da eine internationale Friedenskonferenz tagte.
»Die Nachrichten scheinen nicht ganz grundlos zu sein,« gab denn auch der Baron zur Antwort.
» Der Krieg,« fuhr der Neue jetzt fort, »ist ein beklagenswertes Rudiment der Vorzeit. Der Krieg ist eine Barbarei, die der Menschheit auf ihrer jetzigen hohen Kulturstufe durchaus unwürdig ist. Ich glaube nicht an einen Krieg. Es ist schrecklich, an einen Krieg zu glauben. Der Neue Mensch will keinen Krieg, weil dadurch alle die herrlichen Errungenschaften seines Wesens in Frage gestellt werden. Der Neue Mensch ist ein Geschöpf des Friedens und hat mit Eifer darauf hinzuwirken, daß die letzten streitsüchtigen Instinkte, die Überbleibsel der Raubtierstufe, unterdrückt und überwunden werden.«
Seine Sätze kamen ohne Interpunktionen einer um den andern hervor. Man war versucht, sie mit einer auswendig gelernten Lektion zu verwechseln. So automatisch klapperten sie vorbei. Die geniale Langweile ihrer Betonung wurde nur durch einen Unterton von Angst belebt. Sonst sprach er durchaus gefühlsfrei.
Der Baron versicherte beruhigend: »Es ist fraglos, daß die Neigung zum Kriegführen unter den Weltmächten abgenommen hat! Vor allem aus wirtschaftlichen Gründen!«
»Vor allem hat die Neigung zum Kriegführen abgenommen,« verbesserte der Neue, »weil die Kulturmenschheit sich von Tag zu Tag überzeugter zu dem Evangelium des Friedens bekennt!«
»Wir haben ja auch,« bemerkte ich, um in die Unterhaltung einzugreifen, und meine Sachkenntnis hervorleuchten zu lassen, »in den zehn Jahren von 1894 bis 1904 nur sechs Kriege gehabt! Ein schlagenderer Beweis für die wachsende Friedensliebe der Völker ist gar nicht zu denken!«
»Sehr richtig!« erwiderte allen Ernstes der Baron, so daß ich ermutigt fortfuhr:
»Die Angst vor kriegerischen Entscheidungen klingt ja auch unverhohlen aus den meisten öffentlichen Kundgebungen unserer Tage. Sie triefen derart von Friedensversicherungen, daß Böswillige, die den Krieg für eine notwendige, reinigende Naturerscheinung halten, von zunehmender Feigheit reden und – –«
»Feigheit,« griff der Neue mein Wort auf, ohne mich allerdings eines Blicks zu würdigen, »Feigheit erscheint dem Neuen Menschen nicht mehr als ein Mangel, sondern als ein Vorzug, als eine Tugend, die vor anderen berufen ist, uns dem großen Ideal der Humanität immer näher zu bringen.«
Die letzten Worte des Sprechers wurden durch ein mörderisches Kindergeschrei aus dem Nebenzimmer übertönt.
Eine weibliche Stimme, die der schönen Verschwundenen gehören mußte, krisch in den Kinderlärm.
»Irenäus, du haust ihn ja tot! So laß doch! Du haust ihn tot!«
Ich war etwas verblüfft, daß ein solches Hineinragen veralteter, streitsüchtiger Instinkte in die Familie des Neuen möglich war, und erwartete, daß er auch seinerseits einen ernstlichen Verweis erschallen ließe.
Statt dessen rief er strafend nach rechts hinüber:
»Nicht doch! Laß doch den Kindern ihre freie Entwicklung, Brangäne!«
Und fuhr dann belehrend zu uns fort:
»Die Erziehung der Kinder muß die schrankenloseste Freiheit zur Voraussetzung haben. Nur wenn ihnen Gelegenheit geboten wird, die Eigenart jeder Anlage naturgemäß auszuleben, werden sie zu wirklichen Menschen heranwachsen.«
Ich sah den automatischen Spender dieser Weisheit groß an.
Sollte es möglich sein, daß zwei durchaus entgegenstrebende Gedankengänge, wie der des Friedensideals und der freien Naturentwicklung in ein und demselben Gehirn beieinander wohnten, ohne sich im mindesten durch ihren Widerspruch zu befremden, zu stoßen? Sollte vielleicht …
Der Baron ließ mich nicht ausdenken.
Er fühlte sich veranlaßt, mir zu erklären, daß sein Sohn der Erziehung und ihren Problemen sein sorgfältigstes Studium zugewendet habe.
Es bedurfte nur dieser Bemerkung, um den Neuen, der jetzt mit seinen Apfelstückchen zu Ende war und unvermittelt von einer zweiten Fruchtschale einen Rettich holte und hobelte, zu folgender Ansprache aufzuziehen:
»In der Hingabe an die geborenen und ungeborenen Werdenden haben wir Neuen Menschen den höchsten, ja einzigen Zweck des Daseins zu sehen. Die jetzt lebende Generation muß täglich und stündlich bereit sein, für das Glück kommender Generationen und für künftige, höhere Kulturformen zu arbeiten!«
Noch höhere! dachte ich seufzend. Aber es ging schon weiter.
»Das größtmögliche Glück einer größtmöglichen Menge muß das Ideal sein. Das Wohl der Gesamtheit, der Fortschritt des ganzen Menschengeschlechts, die Gattung und nur die Gattung hat unser Hauptanliegen zu sein! Das neue Geschlecht sei unsre erste und unsre letzte Liebe!«
»O weh!« entschlüpfte es mir unwillkürlich, ganz leise, denn – um ehrlich zu sein – ich erschrak! Weil der Neue, der da so unübertrefflich seine Sprüchlein aufsagte, nun plötzlich auch wieder anfing, von einem noch neueren Geschlecht und noch neueren Menschen zu prophezeien! Das wurde mir unheimlich!
Er selbst überhörte mich.
Dagegen fragte der Baron ziemlich pikiert:
»Wie meinten Sie, Doktor?«
»Ich meinte,« sprach ich schnell gefaßt, »es wäre doch zu bescheiden, daß Ihr Herr Sohn, der sichtlich ein ganz ›neuer‹, ja allerneuester Mensch ist, seine und unsere Hoffnungen an noch neuere, noch vollkommenere Geschlechter knüpfen wollte!«
»Auch der neueste Mensch ist immer nur ein Übergang zu noch neueren Menschen,« perorierte sofort der vermeintliche Neueste, der jetzt seinen Rettich ungesalzen, aber mit Zimt und Zucker durchwürzt, zerkaute. »Täglich und stündlich haben auch wir uns zu besinnen: Wie opfern wir unser Ich, und sei es noch so entwickelt, auf die nützlichste Weise der Allheit?!«
Ich war geknickt.
Nun saß man da und schaute und horchte und genoß in vollen Zügen den Neuen Menschen, und dieser Neue hatte nichts Eiligeres zu tun, als einem feierlich zu versichern, daß auch er wieder nichts sei, als nur eine Durchgangsstation zu einem noch Neueren! Und der ganze Trost, den man bei seinem dereinstigen Absterben mitnehmen konnte, war der, daß die ›neuen‹ Kinder, die man in die Welt gesetzt hatte, auch wieder das Vergnügen hatten, noch ›neuere‹ Kinder oder Menschen zu erzeugen, die dann ihrerseits wieder auf die ›allerneuesten‹ hoffen durften – und so fort, in infinitum! Und dafür, daß man, geschlechterweise, immer wieder guter Hoffnung mit dem ›Neuen Menschen‹ war, oder weniger idealistisch, daß man unentwegt der guten Mutter Natur ihr endloses Brutgeschäft unterstützte, durfte man noch so naiv sein, diesen simplen Werdegang ›göttlich‹ und ›erhaben‹ zu finden! Und dafür – – –
Ich kam mit meinen Bosheiten nicht zu Ende.
Der Baron, der mich unausgesetzt beobachtete, schien an meinem Mienenspiel abzulesen, daß mir irgend ein Versucher nahe sei. Er blickte mich so durchdringend an, daß ich schnell die nächste, beste Frage hervorstieß:
»Wie viele Kinder haben Sie, wenn ich fragen darf?« wandte ich mich an seinen bedeutenden Sohn.
Der fuhr sich nachdenklich über die steile Stirne.
»Es werden wohl sechs oder acht sein,« war die Antwort.
»Sechs oder acht?« wiederholte ich, betroffen über seine Ungewißheit.
»Meine Kinder,« fuhr er dozierend fort, »bleiben nur so lange bei mir, als ihre Mütter bei mir bleiben. Wenn ihre Mütter von mir gehen, wenn die Liebe den süßen Duft des Frühlings für mich oder sie, oder für uns beide verloren hat, trennen wir uns schweigend. Wir haben dann eine von den unendlichen Formen unserer Individualität, die sich wie die Ringe der Baumrinden aneinanderschließen, ausgelebt, und suchen und finden die neue. Die Freiheit der Entwicklung, die Individualität ist alles!«
Wie war das?
Eben noch war die Gattung alles gewesen, und nun sollte die Individualität alles sein?
Wie reimte sich das zusammen?
Wie schon einmal sah ich die hohe, leere Stirn mit der einen dünnen Querfalte fragend an und überlegte mir, ob das dahinter liegende Hirn von derartigen Gegensätzen gar nicht bewegt würde? Oder sollte vielleicht …
»Sie überlegen sich,« fuhr jetzt der Baron, dieser gewandte Gedankenleser, scharf in meine Erwägungen, »ob die Erziehung meiner Enkel nicht dadurch beinträchtigt werden könnte, daß sie verhältnismäßig früh dem direkten väterlichen Einfluß entzogen werden? Im Gegenteil, Doktor! So lange unsre gegenwärtigen, antiquierten Staats- und Gesellschaftseinrichtungen noch gelten, werden die Kinder natürlich materiell von meinem Sohn und mir sichergestellt. Aber sie kehren mit ihren Müttern in dasjenige soziale Milieu zurück, dem diese jeweils entstammen. So erhalten sie vom Vater die Individualität, die wir selbstverständlich überwachen und fördern, – von der Mutter die Soziabilität!«
Mir wirbelte der Kopf.
Wollte man mich hier zum besten haben? Was der Baron da behauptete, und zwar noch überdies mit drohender, einschüchternder Heftigkeit behauptete, war denn das nicht – – der bare Unsinn? Oder war ich für die weitere Ersteigung der Kulturpyramide zu mangelhaft organisiert? Konnte den letzten Absatz nicht mitüberwinden und die Spitze nicht erreichen?
Den Baron wagte ich nicht anzublicken. Er war gleich so aggressiv heute. Der Teufel wußte, warum?
Aber auf den Neuen heftete ich mit qualvoller Neugier mein Auge. Und als fühlte er mein Bedürfnis nach Aufklärung – –
Doch nein! Ehe er das fühlte, zog er eine abseits stehende, versteckte, kleine Schüssel an sich, hob den Deckel ab, schöpfte mit einem Löffel große Portionen einer buntfarbigen Mischung auf einen Teller – nach meinen gastronomischen Kenntnissen war es ein Gemengsel von Kaviar und Ingwer – und fing an, dies verlockende Gericht den Früchten des Feldes gemächlich nachzuschicken.
Meine Verwunderung über die vernommenen Reden hielt sich mit der über seinen sehr merkwürdigen Geschmack die Wage. Was den Zuschauer noch besonders ansprach, war, daß er jeden Löffel erst an die Nase und dann an den Mund führte.
Ich stierte fassungslos auf ihn und seine Mahlzeit und mußte rechtschaffen blöd aussehen. –
Der Baron, heute wirklich entsetzlich sensibel, rief halb ironisch, halb ärgerlich:
»Sie wundern sich, Doktor, über den Geschmack meines Sohnes! Er ißt freilich nicht alltäglich! Er ißt – –«
»Ihr Herr Sohn ist wohl Vegetarianer?« stieß ich rasch und verzweifelt aus, nur so zur Entschuldigung meiner Blödigkeit.
»Ich esse täglich ganz nach meinen Gelüsten. Ich esse durchaus als Ästhet. Mein Geschmack ist so differenziert, daß ich das jeweilige Menü nur nach den jeweiligen Reizungen meiner Geschmacks- und Geruchsnerven zwischen elf und zwölf Uhr vormittags komponiere, um es dann zwischen sechs und sieben Uhr zu mir zu nehmen. Das übrige besorgt Brangäne.«
Dann, nachdem einige Schübe des lieblichen Ingwer-Kaviars verschwunden waren, knüpfte er beharrlich wie ein Kompaß dort an, wo der Baron mich hatte verwirrt stehen lassen.
»Der Neue Mensch ist durchdrungen von der Gewißheit der Vervollkommnungsfähigkeit der menschlichen Natur. Im Neuen Menschen hat sich die angesammelte Gedankenenergie von Jahrtausenden verdichtet. Als Nachkomme der altorientalischen, hellenischen, römischen und germanischen Kultur verfügt er – auf Grund seines ererbten und durch Auslese ständig gesteigerten Assoziationsvermögens – über ein geistiges Stammkapital von solchen Dimensionen, daß neben diesem Kultur-Krösus sich alle anderen, vergangenen Kultursysteme ausnehmen wie schäbige Betteleien!«
Ich horchte und horchte und geriet in immer größere Beklemmung und Verwirrung. Ich mußte mir wiederholt an den Kopf greifen, denn ich hatte das Gefühl, als geriete dort langsam, aber stetig die gesamte Hirnmaschinerie in Aufruhr.
Und der Neue, der diese Proben haarsträubenden Größenwahns – oder irrte ich mich? waren es nur Proben eines vollkommeneren Kulturintellekts? – von sich gab, saß seelenruhig da, als behaupte er die unumstößlichsten, selbstverständlichsten Dinge von der Welt, aß seinen veringwerten Kaviar, trank neuerdings Himbeersaft dazu, und leierte standhaft weiter:
»Angesichts dieser Tatsachen sieht der Neue Mensch seine vornehmste Aufgabe in der Bildung einer sozialen Weltanschauung. Es ist ihm deshalb in erster Linie angelegen, durch Sozialisierung, durch soziale Motivgebung den Willen der kommenden Geschlechter zu bilden, ihnen Gattungserfahrungen als durchdachte Probleme der Vorzeit anzuzüchten, und so den höheren Typus des Menschen, den Sozialmenschen zu schaffen, und mit ihm das sozialisierte Recht, die sozialisierte Kunst, die Sozial-Philosophie, die Sozial-Ethik, den Sozialstaat, die Sozialgesellschaft – kurzum die durch und durch soziale Menschheit!«
Großer Gott!
Und das behauptete der Neue Mensch, während er ganz individualistisch speiste! Während er noch eben mit der gleichen Gemütsruhe dekretiert hatte: ›die Individualität ist alles‹, sprach er nun wahrhaftig im selben Atemzug groß und gelassen aus: ›Die Gattung ist alles!‹
Wie in einer Wippschaukel war es.
Ja, genau wie in einer Wippschaukel! – jetzt war der Einzelne alles – jetzt die Gattung – jetzt wieder der Einzelne – da, schon wieder die Gattung! – und da – hilf Himmel! – es ging wieder in die Höhe –:
»Diese Sozialisierung oder Vergattung ist nur möglich durch die Überwindung alles dessen, was Masse in der Menschheit ist! Durch die Erlösung der Masse zu lauter Persönlichkeiten also durch ausbündigste Individualisierung!«
Also doch Individualisierung!
Eine Pause. Er verschnaufte – einen Moment nur – die Wippe senkte sich schon wieder!
»Die Zahl ist alles! Die Masse muß es bringen! Ohne Massenwachstum kein Einzelwachstum! Darum lautet das Ideal kurz und bündig:
Sozialisierter Individualismus oder Individualisierter Sozialismus.« –
Die Wippe stand still.
Der Neue schwieg. Er hörte auch auf zu essen und blickte stumpf- oder tiefsinnig – es war nicht zu unterscheiden – vor sich hin.
Der Baron glänzte von herausforderndem Vaterstolz und wiederholte andächtig:
»Jawohl: sozialisierter Individualismus – individualisierter Sozialismus.«
Auch ich schwieg.
Aber in meinem Kopf arbeitete es noch furchtbarer als zuvor. Es war ein Kampf auf Leben und Tod. Mit schrecklicher Deutlichkeit stellte sich mir mehr und mehr der springende Punkt dar, das Entweder – Oder! Entweder war der Neue Mensch, der da vor mir saß und friedvoll, im Vollgefühl seines sozialisierten Individualismus (bezw. umgekehrt) sich mit zwei Zahnstochern die Zähne bearbeitete, entweder war er verrückt oder – es half nichts – oder ich! Entweder war dieses verquickte Evangelium der Einzel- und Massenseligkeit – Widersinn, oder es war – Übersinn, neue Weisheit für neue Gehirne, die ich nicht begriff. Im ersteren Fall war der Neue Mensch ein Narr, im letzteren ich! Das war klipp und klar. Das einzige, was mir überhaupt noch klar war.
So stand es mit mir und meinem Kopf, als eine Wanduhr surrte, zum Schlag ausholte und sieben reine, helle Glockenschläge hören ließ.
Mit dem siebenten erhob sich der Neue Mensch und begann eine neue Tätigkeit.
Wir waren bisher nur im Scheine einer einzigen Gasflamme gesessen.
Jetzt aber entzündete der Neue mit Hilfe eines Anzünders, der gleichfalls mit dem siebenten Schlag an der bekannten Nebentür zum Vorschein kam, drei neue Flammen seines Kronleuchters und nacheinander, in gemessenem Rundgang, in jeder Zimmerecke einen weiteren Gasarm.
Dann löschte er ebenso gemessen die Mittelflamme, die uns seither allein beleuchtet hatte. Die sieben Flammen, die uns nun umstrahlten, mußten eine mystische Bedeutung haben.
Wir schwammen in einer Flut von Licht.
Der würdevolle Ernst, mit dem der Neue die Prozedur der Lichtschaffung vollzog, ließ ihn die Querfalte auf seiner Stirnsteilwand um eine Gefährtin vermehren. Ich verfolgte jede kleinste Veränderung an ihm mit jener nervösen Aufmerksamkeit, mit der man bei starker geistiger Anspannung gern jede Ablenkung aufgreift. Zugleich aber auch mit steigender Angst, denn es war unabsehbar, wie sehr ein neues Stadium der Ereignisse das Problem des Neuen Menschen noch schwieriger, noch unlöslicher machen konnte!
Der Neue dachte natürlich nicht daran, über sein Vorhaben das gleiche Licht zu verbreiten wie über seine Stube.
Vielleicht von meiner Unruhe bewogen, übernahm der Baron die Auskunft und sagte mir so leis, als es der Stimmung entsprechend war:
»Mein Sohn pflegt, um seine Sinne gleichmäßig zu befriedigen, sich nach den leiblichen Genüssen der Tafel den seelischen zuzukehren. Hat er Ihnen bisher Proben seines sehr differenzierten Verstandes gegeben, so haben Sie jetzt Gelegenheit, die feinsten, individuellsten Schwingungen seines eben so hochdifferenzierten Empfindens zu belauschen!«
Das war ja köstlich!
Hatte mir bislang der Kultur-Krösus meine sämtlichen Denkkräfte mittelst seiner Gedankenwippschaukel durcheinanderrütteln und gründlich verwirrwarren dürfen, so wollte er jetzt das gleiche Glück meinen Empfindungen gönnen, meiner Seele, oder, wie ich seit gestern glaubte, dem komplizierten Reflex-Mechanismus meines Großhirns, der von Hinterweltlern ›Seele‹ genannt wird.
Der Neue Mensch hatte inzwischen, abseits von uns und so recht, als wäre außer ihm niemand auf der Welt, in einer entlegenen Ecke auf einem Triumphstuhl Platz genommen und seinen Originalkopf mit zwei recht kindlich entwickelten, fetten Händchen verdeckt.
Er sammelte sich.
Vorher hatte ich, des Dunkels halber, nur wenig von der Ausstattung seines Zimmers sehen können. Jetzt sah ich an den Wänden und auf Konsolen eine reiche Fülle von Bildern, Statuetten, Maschinenmodellen, die allerdings sehr individuell und für das Urteil älterer Generationen sehr geschmacklos durcheinanderhingen und -standen.
Nach einer respektvollen Pause entspann sich folgendes Zwiegespräch zwischen Vater und Sohn:
Der Baron: Wir würden dankbar sein, wolltest du uns an deinen Empfindungen teilnehmen lassen.
Der Neue ( mürrisch und ohne aufzublicken): Der Kultus der Schönheit ist ein Kultus des Schweigens.
Der Baron: Allerdings. Er ist ein Erlebnis des tiefsten Ichs.
Der Neue ( einsilbig): Ein Erlebnis der Einsamkeit.
Der Baron: Muß nicht auch die Masse erzogen werden zur Einsamkeit?
Der Neue ( nach einer Weile): Auch die Masse muß erzogen werden zur Einsamkeit. Du kennst, Vater, das Geheimnis des Neuen Menschen: er wird nicht individualisieren, ohne zu sozialisieren. – Ich werde sagen, was ich empfinde.
Der Baron: Wir hören!
Ich stutzte. Während ich das Zwiegespräch verfolgte.
Ich weiß nicht, wie es kam – aber plötzlich, ganz von ungefähr, hatte ich den bestimmten Argwohn: Man spielt hier Komödie! Man gibt da eine von A bis Z abgekartete Sache zum besten! Die zwei, der Baron und sein Sprößling – – –
Schon fing der Neue wieder zu orakulieren an.
»Der Neue Mensch kann nur schöne, würdige Worte aussprechen, wenn er von harmonischen Farben und feinen Formen umgeben ist. Er wird von Lebensüberdruß ergriffen, wenn braungeblümte Tapeten die Wände seines Zimmers bedecken. Er neigt zur Bosheit, wenn ihm von einem Kissen ein Engel entgegenlächelt. Er lästert vor einer Madonna im Öldruck. Zum Lügner wird er hinter einem galvanoplastischen Tafelschmuck! Aber er denkt edler in einem Zimmer, wo ein großes Kunstwerk atmet; er arbeitet und ruht vollkommener inmitten schöner Linien. Aus einem Ausdruck der Schönheit schöpft er seine sittliche Kraft!«
»Hören Sie!« lispelte der Baron. »Welche Feinheit! Welche Differenzierung! Welche Neuheit!«
Er starrte dorthin, wo die Decke des Zimmers mit der Tapete durch einen der üblichen ornamentalen Stuckfriese verbunden war.
»Ich bin müde des Lebens. Ruhelos schweift mein Auge über mich selbst und über alle Formen des Seins. Ich suche den Tod. Da haftet mein Auge dort oben, an den Renaissance-Ornamenten, die ein unbekannter Künstler in den Gips geschmeichelt hat. Ich schöpfe Lebensmut! Kann nicht auch ich, auch nur einen einzigen Strahl lebendiger Schönheit hinterlassen, wenn ich lebe? Weiterlebe? – – Und ich lebe!«
»Wundervoll!« sagte der Baron halblaut vor sich hin, rückte an seiner Brille, nahm sie ab und rieb die Glaser, weil sie vor Rührung, Stolz, Erregung taufeucht beschlagen waren.
Und ich?
Ich, der noch eben nahe daran gewesen war, den Verstand zu verlieren, ich nickte dazu und wiederholte: »Wundervoll!«
Meinen Verstand hatte der Neue aus der Reihe bringen können. Aber mein Empfinden – das ging so leicht nicht! Das war zu robust! Zu einfach! Zu klar! Das war das uralte Erbe, freilich nicht von sensitiven Baronen und noch sensitiveren Damen der Hocharistokratie, aber von schlichten, ehrlichen Bauern und Handwerkern! Und das rebellierte mit eins! Das entlud sich, erlösend und klärend, in einem grimmigen Humor, der dem biederen Pastor Schwertbauer Ehre gemacht hätte! Deshalb rief auch ich und rief noch einmal: »Wundervoll!«
Was mir bisher zur Qual geworden war, wurde mir nun zum Vergnügen!
Mit dem Neuen versenkte ich mich in den prächtigen Leib einer tizianischen Venus und schöpfte daraus wieder einmal die bewährte ›natürliche Sittlichkeit‹. Ich entzückte mich bereitwillig an einem neuzeitlichen, sehr mißlungenen Bauwerk und lernte aus der einfachen Gliederung seiner stillosen Fassade, die ich maßlos überladen fand –: ›Wahrheit‹. Ich geriet in Ekstase über das Modell einer Riesenmaschine, denn der Neue phantasierte über die ›Ästhetik des Industrialismus‹, sprach vom ›eisengewordenen Menschenwillen‹, von ›Energiegewimmel‹ und destillierte mittelst dieser Verstiegenheit – ich weiß nicht mehr wie – ›Gerechtigkeit‹. Nach weiteren Auf- und Ausblicken endigte er bei dem Satze: › Schönheit ist alles‹.
Warum auch nicht?
Der Individualismus war alles gewesen. Der Sozialismus war alles gewesen. Warum sollte nicht auch die Schönheit – oder um deutsch zu reden – der Ästhetizismus alles sein?
Die so sehr differenzierten Empfindungen des Neuen Menschen, die ethischen und die ästhetischen, oder, wenn man wollte: seine hochdifferenzierte Kulturseele – war von derselben berückenden, durchsichtigen Klarheit wie sein Kulturverstand.
Eine Klarheit, die klar genug war, auch ohne daß der Baron sie noch mit dem Zusatz erläuterte: »Das Ideal heißt kurz und bündig: Ästhetisierter Ethizismus oder Ethisierter Ästhetizismus; auch ohne daß, die Reihenfolge umkehrend, diesmal der Neue, der seine Züge wieder mit den Händchen bedeckt hatte, elegisch wiederholte:
»Jawohl – ästhetisierter Ethizismus – ethisierter Ästhetizismus.«
Sie hatte mich viel weniger angestrengt als die erste. Im Gegenteil: sie hatte mich sogar über die Kongestionen, die jener ersten folgten, hinweggehoben.
Eine Erleuchtung stand das Ergebnis vor mir. Die Lösung des Neuen Menschen, der dort in der Ecke in seinem Triumphstuhl dämmerte und von seinem Vater, dem Baron, mit staunender Befriedigung betrachtet wurde:
Die Größe des Neuen Menschen bestand darin, daß er aus den größten Widersprüchen bestand und sich deshalb für eine lückenlose Einheit hielt.
Kaum hatte ich diese Erkenntnis heraus, da – ja – da fühlte ich unerwartet, mit Bestürzung, ganz plötzlich ein Zucken in allen meinen Gesichtsmuskeln, und ehe ich selber begriff, was da vorging, was da werden wollte – wehe! – da brach es heraus, elementar, erderschütternd, schallend und raumdurchhallend – ein unbändiges, tolles und volles Gelächter, das gar kein Ende nehmen wollte! Gar kein Ende!
Der Baron war aufgesprungen.
Er glotzte mich, ja glotzte mich in grenzenlosem Entsetzen an.
Sein Sohn, der Neue, zitterte am ganzen Leib und bekam, soviel ich sehen konnte, einen Weinkrampf. Seine differenzierte Kulturseele konnte unmöglich dem rohen – ja, ich bekenne es aufrichtig – dem wirklich rohen, völlig undifferenzierten Umschwung gewachsen sein, den mein unvermitteltes Gelächter herbeigeführt hatte.
Ich besaß doch noch Takt genug, um sofort zu finden, daß ich mich beim Neuen Menschen unmöglich gemacht hatte.
Kaum waren meine letzten Lachreizungen hinabgewürgt, so stand ich auf und sagte:
»Herr Baron, ich bin außer mir! Meine Nerven haben mir da einen Streich gespielt, der aller guten Sitte Hohn spricht. Nur das eine kann mich entschuldigen: sie sind unter der Fülle und Erhabenheit neuer Offenbarungen zusammengebrochen. Ich verabschiede mich, der Lage entsprechend, ohne weitere Worte!«
Eine Verbeugung gegen den Vater, eine gegen den Sohn, eine gegen die in der Türspalte aufgetauchte schöne Brangäne – und ich eilte davon.
Gerichtet oder Gerettet?