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Lange Nächte

Ehe noch der Dnjepr aus der kälteren Zone seines Ursprungs die ersten Eisschollen dahertrug und rascher als man dachte von Ufer zu Ufer eine feste Brücke baute, hatten wir Kiew verlassen und uns in Berditschew eingerichtet, wo wir von einer frontwärts ziehenden Einheit ein besonders wohnliches, schön gelegenes Haus übernahmen. Die hohen, stattlichen Öfen versprachen, uns brav durch den Winter zu bringen, der bald nach Allerseelen einsetzte. Der Zahlmeister ließ ganze Fuhren von Bäumen heranschaffen, und nun begann ein Sägen und Hacken im Hof drunten, ein Holzschleppen und Aufstapeln, daß einem schon beim Anblick dieser freundlichen Tätigkeit warmes Behagen durch die Glieder rann. Da unser Haus am Südrande der Stadt lag und der Blick über den Hof, durch das Astwerk einiger Eschen, über zwei, drei Bauernhäuser hinweg ins Freie ging, kamen Erinnerungen zu Besuch, die ich von Herzen liebe: Erinnerungen an mein halb städtisches, halb dörfliches Zuhause der Kinderzeit, an die schönen Winteranfänge in jenen Jahren. Alles Unbehagen, das mir Kiew verleidet hatte, war wie weggeblasen, wenn ich mich ans Fenster stellte und den Leuten zusah. Die Übergänge von einer Jahreszeit zur andern sind in ländlicher Gegend beinahe schöner als die Zeiten selbst; alles Vorbereiten, Herrichten und Erwarten regt in einem die Geister wach, und zur Freude am Wechsel kommt jene des Wiedererkennens.

Die Stadt selbst war von den abziehenden Russen zum Teil niedergebrannt worden, von ihren rund sechzigtausend Einwohnern war nicht mehr die Hälfte da, Werkstätten und Kaufläden fehlten ganz. Doch gab es ein großes Soldatenkino, das wöchentlich zweimal das Programm wechselte, und bald wurde auch mit der Errichtung eines Soldatenheimes begonnen. Vor den Südfenstern unseres Hauses ging der Fluß vorbei, der gerade an dieser Stelle seine Richtung änderte, um die Landstufe entlang zu fließen, auf der die Stadt lag. Ein altes, festungsartiges Kloster, schön und frei über das rechte Ufer emporgehoben, erinnerte zum erstenmal an Bauwerke unseres Mittelalters, und wer ein Stück weit flußaufwärts wanderte und dann auf die Stadt zurückschaute, sah sie schimmernd auf dem erhöhten Ufer liegen.

Anfangs Dezember fror der Fluß zu, und man konnte bald auf ihm spazieren gehn. Weiter oben liefen die Buben Schlittschuh. Ein paar Tage später gingen die ersten Pferdefuhren über sein Eis, und bald war er mit dem Land zu einer einzigen weißen Fläche verwachsen. Im Mittelgrund des Bildes, das mein Südfenster aus der Landschaft schnitt, lag ein niedriges Bauerngehöft mit ein paar Bäumen neben sich, dahinter setzte sich die Ebene fort, weit hinaus, bis sie der Wald und nach rechts hin ein bescheidener Höhenzug abschloß, auf dem eine lange Reihe einzelner Bäume stand. Es war Tag für Tag schön, über dieses Stück Erde zu blicken und zu sehen, wie die dunklen Gestalten der Bauern, Figuren einer Brueghelschen Winterlandschaft, entweder die strahlende Fläche belebten oder als kleine graue Schatten im Schneetreiben verschwanden. Ganz draußen wurden die Schlitten zu winzigem Spielzeug, und das gab, besonders bei sonnigem Wetter, ein heiteres Bild. Nachmittags, wenn der dunstige Glanz sich klärte, kamen die zartesten Farben auf und verwandelten alles in ein Spiel atmender Übergänge; das Licht, von unermeßlicher Fülle, zerbrach in die hellsten und reinsten Töne, Blau, Rosa und ein ganz lichtes Gold herrschten vor. Der Zauber konnte so groß sein, daß jeder Schatten von Schwermut weggetilgt schien und die riesige Fläche nichts als Heiterkeit ausstrahlte. Eine fast geistige Klarheit ging dann von der Erde aus, die im Herbst sich dumpf verschlossen hatte; die Luft starrte von Frost, aber sie war voll eines bezaubernden Lächelns. Die Abende bereiteten den Sonnenuntergang vor wie ein Fest. In stummer Feierlichkeit vollzog er sich, langsam sank die glühende Scheibe hinter die tiefviolette Fläche hinab; dann erkalteten die Farben rasch, ein plötzlicher Ernst schattete über das Land hin, und nur die höchsten, die schwebendsten Wolken standen, durchtränkt von rötlich goldigem Licht, über der Gesunkenen. Im Osten aber hob sich um die Zeit des Vollmondes ihr zartes Spiegelbild empor, unkörperlich, wie aufgelöst in hellere und dunklere Flecken von der Farbe verblichenen Kupfers.

Von heftigen, wirklich bedrohlichen Schneestürmen blieben wir verschont; doch gab es tagelanges Schneetreiben und einen Wind, der die Kälte bis zur Unerträglichkeit schärfte. Dann fühlte man sich ins Haus gesperrt und glaubte den Russen zu begreifen, der sich in die Behaglichkeit flüchtet, die der Wodka für ein paar Stunden vortäuscht. Wir dachten dabei täglich an die vorderste Front, die in diesen Wochen bei strengster Kälte in pausenlosen Abwehrkämpfen stand. Ich erinnerte mich an die Wintermonate unseres damaligen Hochgebirgskrieges und war froh darüber, die unerbittliche Härte solchen Ausgesetztseins am eigenen Leib erfahren zu haben – der Gedanke an die Mühen unserer Kameraden war dadurch leichter zu ertragen.

Die großen Öfen bewährten sich besser als der ukrainische Heizer, der sie versorgte. Unbekümmert um die Wirkung seiner Tätigkeit heizte er drauflos, mechanisch oder verträumt, das war nicht zu unterscheiden, und da der Wind bald auf der Süd-, bald auf der Nordseite des Hauses stand, ergab es sich, daß die eine Hälfte der Dienststelle fror, während die andere langsam zu verkohlen drohte; das launenhafte Umspringen des Windes brachte ein wenig Vernunft in die boshafte Verteilung. Auch das elektrische Licht machte allerlei Sorgen, die Post kam unregelmäßig, und auf Dienstfahrten lief man Gefahr, stundenlang auf verwehten Straßen steckenzubleiben. So ist es begreiflich, daß auch wir uns auf das Frühjahr freuten, obwohl der Winter glimpflich mit uns umging.

*

Eines Tages erhielten wir Besuch. Dies wäre nichts Besonderes gewesen, wenn irgendein Offizier auf der Durchreise bei uns vorgesprochen hätte – auch das große Rußland ist klein genug, um hin und wieder die überraschendsten Begegnungen alter Bekannter zustande zu bringen –, diesmal jedoch war es etwas völlig Unvermutetes, Unverhofftes, aber alles eher als Unerwünschtes, es war eine Dame. Nun muß man uns recht verstehn: so ganz ohne weiblichen Umgang waren wir nicht, ukrainische Bedienerinnen hielten unsere Wohnung sauber, kümmerten sich um unsere Wäsche und stellten im Soldatenheim das Bier auf den Tisch. Aber was war das gegen das seit Monaten nicht mehr erlebte Vergnügen, einer Dame aus dem Mantel zu helfen, sie in das »Speisezimmer« zu führen, sie zu Tisch zu bitten? Der rauhe Ton der Krieger verstummte so vollkommen, als hätte es ihn nie gegeben, und auf den faltigsten Altherrengesichtern sproßte wie unter einem plötzlichen Frühling ein Lächeln empor, das freilich noch ein wenig schwankte zwischen der Erinnerung an verschollene Siege und einer augenblicklichen Verlegenheit. Die Dame gehörte zur Wehrmacht und war dienstlich unterwegs, sie trug sogar eine Art Uniform mit allerlei militärischen Abzeichen, aber es war gar nicht möglich, etwas anderes in ihr zu sehen als die junge Frau. Kein General hätte mit Salzfaß und Bierglas, Verbeugung und Konversation gehorsamster bedient werden können als sie. Es war rührend, das Bemühen zu sehen, mit dem man sich in den charmantesten Satzgefügen erging und das schütter gewordene Haar durch jugendliches Augenfeuer auszugleichen versuchte. Aber dies alles war bloß die ersten zehn Minuten so; dann fanden die Jünglinge wieder in ihr gewohntes Alter zurück, die Natürlichkeit der jungen Frau, die mit beiden Beinen in der gleichen Wirklichkeit stand wie wir, enthob uns der Aufgabe, jünger zu scheinen als zu sein; sie war, wenn man so sagen darf, in einer prachtvollen Form Soldat und damit einer von unseren Kameraden. Man fühlte, daß sie gewohnt war, sich unter Männern des Krieges zu bewegen, und dennoch war sie ganz Frau.

Sie erzählte von Prien und Mölders, mit denen sie an der Kanalküste zusammen gewesen war, und die Helden, schon entrückt in die Unsterblichkeit, wurden uns menschlich vertraut und in einem fast familiären Sinne liebenswert. Nur der Frau glückt es, solche Gestalten in die Sphäre des Herzens zurückzurufen, ins kleine, warme, lebendige Leben, ohne ihren hohen Rang zu verletzen. Denn ihre Welt ist unzerteilt; das Vergängliche wie das Unsterbliche – vor dem Auftrag, zu lieben und Mutter zu sein, ist beides eins.

Obwohl unser Besuch aus dem besetzten Frankreich kam, hatten wir doch das Gefühl, nach langen Monaten des Ausgesperrtseins einen Blick in die Heimat zu tun, die Stimme der Heimat zu hören. Frauen und Friede – dem Soldaten bedeuten sie das gleiche. Warum wird die Stunde plötzlich fülliger, durchlebter und zugleich um so vieles leichter, wenn eine Frau unter uns sitzt und wir ihren Händen zusehen, ihrem Lächeln danken und in ihren Augen dem immer wieder Unauflösbaren begegnen, das uns das Weibliche ewig bleibt? Ja, warum wird das Leben auf einmal anders, nur durch das bloße Dasein der helleren Stimme, der leichteren Bewegung, der zarteren Gestalt? Keine noch so schöne Landschaft übertrifft an Zaubermacht das Wesen des echten Weibes. In ihm hat die Erde alle ihre Elemente am besten gemischt, am innigsten beseelt; in ihm stellt sie sich in ihrer geglücktesten Form dar.

*

Auch der Film hatte hier keinen andern Sinn als den, uns mit Frauen zusammenzubringen. Täglich füllten die Soldaten, ob sie nun in Berditschew lagen oder hier nur ihre Fahrten zur Front und zurück unterbrachen, den eiskalten Raum. Es machte nichts aus, daß die Apparatur das gesprochene Wort in unverständlichen Lärm verzerrte, aus der Leinwand trat die Frau auf uns zu und lächelte. Es war schließlich nicht so wichtig, was gespielt wurde (wenn uns auch die harmlos-lustigen Filme lieber waren als die problematischen), es mußte nur einem weiblichen Geschöpf Gelegenheit geboten sein, sich in hübschen Kleidern zu zeigen, das Spiel der Liebe vorzuführen oder auch ihren Ernst. Wenn dann zur angenehmen Erscheinung, zum Liebreiz eines Gesichts noch ein Funke künstlerischer Begabung kam, dann mochte es in Gottes Namen im Kinoraum kalt wie in einem Eiskeller sein, auch das vorgetäuschte Leben durchwärmt einen, wenn es von der Flamme lebt, die wir den Göttern geraubt haben.

*

Wenn wir auch in einer Stadt wohnten, die eigentlich keine war, der Winter drängte die Menschen doch näher zusammen, und so kam es zu geselligen Abenden mancher Art – die »Saison« von Berditschew war eröffnet.

Sie begann für uns mit einer Einladung ins Soldatenheim, dessen Fertigstellung zu feiern war. Ein Reservehauptmann, in seinem Beruf Architekt, hatte in mehrwöchiger Arbeit ein wirkliches Heim geschaffen, das Rote Kreuz hatte es in seine Obhut genommen, und nun übergab es der Ortskommandant seiner Bestimmung. Der ungarische Kommandeur hatte den Festwein gespendet, einen goldgelben Landwein seiner Heimat, der uns rasch in die richtige Stimmung brachte. Ein Männerchor, geführt von seinem Kompaniechef, machte seine Sache vortrefflich; ein anderer Hauptmann hatte zwei Lieder gedichtet und selber vertont, und sogar Friedrich der Große kam mit einer Flötensonate zu Wort; selbstverständlich war auch ein kleines Orchester da.

Wenn hundert Deutsche beisammen sind, läßt sich noch immer fast jede Art von Musik improvisieren; Grammophon und Rundfunk haben die Lust zum Musizieren noch nicht ganz erstickt. Unter den hundert findet sich auch jedesmal mindestens ein Dichter, ein Maler, ein Sänger und ein Schauspieler.

Diesmal war der Sänger durch einen Unfall verhindert, und der Ersatzmann hatte, wie unser Kommandant in solchen Fällen zu bedauern pflegt, seine Stimme bei der letzten Wahl abgegeben. Dafür war der Schauspieler famos. Wahrscheinlich konnte er nur die eine Rolle, aber in der war er meisterhaft. Er ließ seine Männer in Linie antreten und stellte mit ihnen einen Hühnerstall dar, in welchem der Gockel Spieß ist. Er spielte ihn selbst und hielt Anzugappell. Sämtliche Kommandos wurden in der Sprache der Hühner gegeben, und auch die Antworten durften nur gegackert oder gekräht werden. Aber nicht in der Nachahmung der Tierstimmen – übrigens eine so vollkommene Illusion, daß man sich bei geschlossenen Augen in die gemütlichste Sommerfrische versetzt fand – war das Meisterhafte, sondern das Gehaben des hin- und hertrippelnden, eitel stelzenden, zornig hinfegenden Hahnes, sein Gerucke und Gespreize und Augenverdrehn. Da war ein Tiercharakter in allen seinen Schwächen und Sonderheiten durchschaut, ein Oberfeldwebel der deutschen Wehrmacht hatte sich ganz und gar in einen Gockel verwandelt, und als er wieder in den Menschen zurückgeschlüpft war, wirkte er beinahe unwahrscheinlicher als vorher.

Eine Zeitlang saß der ungarische Oberst an unserem Tisch. Er trug die gleichen rotweiß gestreiften Bändchen wie ich, und als wir anstießen – es war schon spät und der Wein ließ sich leichter trinken als vertragen –, da sprach für die Dauer eines Herzschlags ein längst totgeglaubtes Gefühl in mir an: die alte Armee! Ich hörte das Deutsch mit dem ungarischen Tonfall, sah die goldenen Sterne am Kragen, die knapp sitzende Bluse, die schwarze Hose mit dem roten Vorstoß – einen Augenblick lang war die k. u. k Monarchie wieder da und ein wirbelndes Durcheinander von Erinnerungen. Sie formten sich nicht zu Bildern, dazu hatten sie nicht Zeit, sie glänzten auf und erloschen, klangen an und verstummten. Selten habe ich so stark gefühlt – am eigenen Leibe gleichsam –, was Geschichte ist, wie tief und schwer es in einem ruht, das Gelebte, das Vergangne, und wie man leicht erschauert, wenn es sich rührt. Nicht eine Spur sentimentaler Wehmut war dabei, nicht das geringste Bedauern, daß das Tote tot ist, nur eine seltsam unpersönliche Freude, daß es einmal war und gelebt hat. Da wachte es nach einem Vierteljahrhundert durch ein leises Gläserklirren mitten in Rußland wieder auf, zwischen zwei völlig Unbekannten, aber es war noch immer so stark, daß sich die beiden plötzlich in ihm erkannten. Man könnte sich im nachhinein einreden, der historische Schauder rühre von der Einsicht her, daß in den Ansätzen zum neuen Europa das Gefüge der alten Monarchie zu spüren sei, aber zu solchen Urteilen reichte es in jener Stunde nicht mehr. Man war in derselben Armee jung gewesen und leerte wohl, ohne es richtig zu wissen, auf diese Jugend das Glas.

Wir hatten am gleichen Abend den Gebietskommissar kennengelernt und waren einige Tage später seine Gäste (die Berditschewer »Saison« war in vollem Gange). Zum erstenmal saßen wir mit Männern der zivilen Verwaltung beisammen, denen nicht minder wichtige Aufgaben anvertraut waren als uns.

Das Elektrizitätswerk funktionierte nicht; die vier Kerzen auf dem Tisch schufen jene Stimmung einer unvorbereiteten Gemütlichkeit, die auch Fremde einander rasch näherbringt. Und wie damals bei der Feier im Soldatenheim ein sonderbarer Zufall eine politische Vergangenheit beschwor, so riefen hier ein paar alte Studentenlieder eine gesellschaftliche wach. Die meisten der Anwesenden waren einmal Student gewesen, und der Jüngste unter uns besaß noch die lebhafteste Erinnerung daran. Er muß mit Leib und Seele Bursch gewesen sein, sein Gedächtnis schien unerschöpflich an Liedern, die halbe Nacht lang wurde gesungen. Doch mischten sich in die offiziellen und gleichsam historisch gewordenen Gesänge des Kommersbuches Volksweisen und Lieder von Löns, die wir Älteren nicht kannten, und als dann Soldatenlieder dieses Krieges erklangen, wurde der Wandel der Zeiten sinnfällig. Ich weiß nicht, ob die Kameraden ähnlich empfanden wie ich: mir wurde die »alte Burschenherrlichkeit« nicht mehr lebendig, sie war mir schon tot gewesen, als ich sie nach dem Weltkrieg kennenlernte. Die Lore am Tore und das Heidelberger Faß, das kommentmäßige Biertrinken und das Farbenband – waren sie nicht schon damals, nach dem Zusammenbrechen der bürgerlichen Welt, etwas verstaubte Requisiten einer romantischen Wein-, Rhein- und Liebesseligkeit, die der Sturm auf Langemarck weggefegt hatte für immer? Löns, Soldat und Opfer des großen Krieges, hatte schon, bevor er an die Front ging, die echteren Quellen unseres Lebens wieder angeschlagen, seine Lieder, nicht immer ganz frei von Sentimentalität und doch Lieder eines ganzen Mannes, entsprachen dem Lebensgefühl der neuen Bünde und haben im Englandlied die ganze Nation erobert.

*

Eines Abends kam vom Bahnhof der fernmündliche Anruf, ihrer acht Mädchen seien mit Sack und Pack in Berditschew eingetroffen, und sie bäten um ein Fahrzeug für ihre Koffer. Als ich die Ankömmlinge in dem kalten, schlecht beleuchteten Warteraum fand, konnte man sie auf den ersten Blick für eine Gruppe verirrter Polarfahrer halten. In Kraftfahrermäntel gehüllt, die ihnen bis zu den Knöcheln reichten, die Köpfe vermummt, die Hände tief in die Taschen vergraben, so standen sie, auf ein Häufchen zusammengedrängt, fahrtmüde, neben ihren Habseligkeiten.

Die Hälfte mußte am nächsten Tag weiter nach Shitomir, die andern vier hatten ihr Ziel erreicht und waren als Quartiermacherinnen gekommen. Das Haus, in das wir sie brachten, war nach wochenlanger Arbeit halbwegs wohnlich geworden. Nun saßen sie nach sechstägiger Fahrt zum erstenmal um ihren Küchentisch und waren also glücklich in Rußland gelandet. In einigen Wochen würde der ganze Trupp nachkommen und die Soldaten an den Schränken der Fernsprechvermittlungen ablösen. Zwei kamen aus dem besetzten Frankreich, für die andern war Berditschew der erste Einsatz; sie glichen darin einem Trupp Soldaten: alte Grabenlandser neben ahnungslosem Nachschub. Aber der Osten war allen etwas Neues, und da mir die Aufgabe zugefallen war, die Nachrichtenhelferinnen willkommen zu heißen, hielt ich es für angebracht, ihnen am ersten Abend schon zu sagen, daß die Ukraine als Landschaft viel besser ist als ihr Ruf und daß es sich auch hier leben läßt, wenn man sich nicht gegenseitig die Tage versauert. Wir saßen um eine riesige Kanne Tee herum, das Gesichtchen der Jüngsten glühte – sie war vor einer Weile noch ganz verfroren vor dem Herd gestanden, blaß von der zu langen Fahrt und wohl auch ein bißchen kleinmütig in dem nüchternen Haus, das nun für Monate ihr Heim werden sollte –, aber die Führerin, ein Kind der Wasserkante, sah alles mit dem sachlich ruhigen Blick an, der den Frauen von dort oben eignet. Teegebäck und Kuchen wurden aus den Koffern gekramt und geschwisterlich verteilt, bald klang das Lachen der Zuversicht durch den Raum, und so konnte man sich mit dem Gefühl verabschieden: sie werden es schon schaffen.

Vierzehn Tage später luden uns die vier zu einem geselligen Abend. Sie trugen ihre weißen Blusen zu den feldgrauen Röcken, hatten Deckchen auf die Tische gebreitet, belegte Brote gerichtet – wie anders sahen die aus als unsere kläglichen Versuche bei solcher Gelegenheit! –, für eine gemütliche Beleuchtung gesorgt, mit einem Wort: es waltete jener hausfrauliche Geist, der je nach dem Grade seiner Heftigkeit den Männern das Leben entweder süß oder sauer macht. Hier wahrte er gerade das rechte Maß. Das elektrische Licht spielte auch diesmal seine gesellschaftlich vermittelnde Rolle, indem es frühzeitig ausging.

Wie hat sich das Leben doch seit den Tagen unserer Mütter verändert! Da sitzen nun vier junge Mädchen, tief im winterlichen Rußland, in einer vom Kriege zerstörten Stadt, zwischen sieben fremden Männern, und haben keine Ausgehtante, keine schutzengelhafte Freundin neben sich, sondern sind ganz auf sich selbst gestellt. Sie dienen dem Heer, warten wochenlang auf Post aus der Heimat, machen Nachtdienst und finden das alles weder unschicklich noch strapaziös, wie es die meisten unserer Mütter gefunden hätten. Sie sind im Gegenteil heiter und zufrieden, häuslich, soweit es der Dienst und die kärglichen Verhältnisse zulassen, gesellig, wenn sich Gesellschaft findet, aber auch allein, wenn es sein muß; sie leben wie die Soldaten und bleiben doch die Mädchen, als die sie gekommen sind. Aus allen Ständen, allen Gauen des Reichs treffen sie zusammen, und so hörten wir an jenem Abend Schwäbisches, Rheinländisches, Niedersächsisches ineinander klingen, Dunkles saß neben Blondem, aber allen gemeinsam war die unbefangene Freude über das eigene Jungsein, der natürliche Liebreiz äußerer und innerer Gesundheit. So wachsen Frauen heran, die das Leben nicht aus Büchern, Schulen oder Tantenbesuch lernen, sondern dort, wo es auf dem Spiel steht und täglich neu erworben werden muß. Sie brauchen es nicht in jenem äußersten Sinne zu wagen wie der Soldat an der Front, aber um wieviel gefährdeter ist das empfindlichere Wesen der Frau! Wie leicht verliert es sich und nun gar in einem Lande und in einer Zeit, da Gefügtes zerfällt, Festes sich auflöst, Geformtes sich wandelt! Aber auch um wieviel klarer und gesicherter geht es einmal aus der Prüfung dieser Jahre hervor, wenn es sie bestanden hat!

*

Nichts ist so rasch erschöpft, will einem manchmal scheinen, wie die Möglichkeiten der geselligen Unterhaltung. Die wirklich guten Erzähler sind selten und werden immer seltener, der Vorrat an Scherzen, über den die Witzvögel verfügen, reicht meist nicht für mehr als drei Abende, der Gesprächsstoff ist allzu abhängig von den Interessen der Leute, die beisammensitzen, und der jede Unterhaltung begleitende Rundfunkapparat zeichnet sich auch nicht gerade durch eine Fülle überraschender Einfälle aus. Vielleicht ist es überdies so, daß mit zunehmenden Jahren die Neugierde für Menschen abnimmt; auch das Nicht-allein-sein-Können, das einen in der Jugend von Gesellschaft zu Gesellschaft trieb, mag sich allmählich ins Gegenteil verkehren und zum Bedürfnis werden, für sich zu sein. Alle diese Fragen wurden gerade in unserer Lage akut. Dienstlich und gesellschaftlich auf einen verhältnismäßig kleinen Kreis von Menschen angewiesen, erlebte man die Wirkungen der Gemeinschaft in allen Übergängen, von der festlich beschwingten Kameradschaftlichkeit bis zur völligen Verausgabung seiner Kraft, am Mitmenschen teilzunehmen, und es gab nichts Erschlaffenderes als die allgemeine Unfähigkeit, nach einem erschöpften Gespräch aufzustehn und endlich gute Nacht zu sagen. Man müßte eine an sich selbst ermüdete Gesellschaft zuklappen können wie ein Buch, das einen langweilt. Aber es gibt nur wenig Menschen, die den Mut haben, ihre augenblickliche Unfähigkeit zur Gemeinschaft dadurch erträglich zu machen, daß sie sich verabschieden.

Musik hätte die Macht, auf andere Weise zu verbinden; nie ist das Gespräch in so hohem Maße wie sie ein zusammenschließendes und zugleich vereinzelndes Gemeinsames, dem man dient. Aber die Geige, die wir einmal aufgetrieben hatten, war nicht zu gebrauchen, es fehlten die Noten und schließlich auch die Spieler.

So blieb für viele lange Winterabende nur noch das Buch. Es ist neben der Frau die vollkommenste Gesellschaft. Seine einzige Unbescheidenheit besteht darin, daß es einen nicht zu Wort kommen läßt, dafür übertrifft es jede andere Form der Geselligkeit an Fülle des Lebens, wenn es überhaupt ein lebendiges Buch ist.

Als wir im Februar 1917 auf dem Monte di Valbella lagen – es war eine der schlechtesten Stellungen im ganzen Krieg –, hat mich ein schmales Buch so völlig verzaubert, daß ich alles ringsum vergaß und tagelang in einer anderen Welt lebte. Der Gegner hatte den flachen Gipfel in seiner Hand, wir waren etwa dreihundert Meter von ihm abgesetzt, und unser Graben war hin und wieder durch gewachsenen Fels unterbrochen, dem unser Schanzzeug nicht beikam. Am Ende eines solchen Grabenstückes hatte ich mit meinem Burschen zusammen meinen Unterschlupf: zwei Zeltbahnen waren über den Graben gespannt und auf den Brüstungen mit Steinen beschwert. Die Sappe selbst war so seicht, daß man sie gleichsam nur auf allen vieren benützen konnte, der Gegner duldete keinen Kopf über der Brüstung. So blieb man den größten Teil des Tages auf den dämmerigen Winkel angewiesen. Ich lag stundenlang auf dem bißchen Stroh, in die Decke gewickelt, da trotz des frühlingshaften Wetters draußen noch Schnee war, und las Van Zantens glückliche Zeit. Wie leuchteten da mitten im Rauch der Explosionen die Inseln der Südsee! Das kleine Holzhaus stand unter Palmen, braune Menschen mit blumenhaften Gesichtern und sich bewegend wie edelste Tiere gingen aus und ein, das Meer schlug zärtlich gegen das Riff, Himmel und Erde waren durchbebt von Liebe. Die Farbigkeit dieser Bilder wurde hektisch gesteigert durch die Armut meiner unmittelbaren Umgebung. Das Schneefeld vor unsern Verhauen war von Einschlägen gelb und schwarz und giftgrün gefleckt, der Graben troff von auftauender Erde, nur der Himmel strahlte manchmal tiefblau und verband in holder Täuschung den Kriegsberg und die Südsee.

In der sogenannten Riegelstellung des Pasubioabschnittes teilte ich die Felskaverne mit einem ungarischen Leutnant. Er hatte erst beim Militär deutsch gelernt, verstand aber so viel, daß er sich gern von mir vorlesen ließ. Er stammte übrigens von Banater Deutschen, führte einen deutschen Namen und war blond und blauäugig. Daß er sich trotzdem durch und durch als Ungar fühlte, entsprach den damaligen politischen Verhältnissen der Monarchie. An einem trostlosen Winternachmittag las ich diesem Manne den ersten Teil des Faust in einem Zuge vor. Er lag auf seiner Pritsche, die Hände unter dem Kopf verschränkt und starrte aufmerksam ins Halbdunkel über ihm. Manchmal mußte ich einen Vers näher erläutern, das heißt, ich mußte ihm alles nehmen, was ihn zum Vers machte, und ihn gewissermaßen in ein Rekrutendeutsch umexerzieren. Als die letzten Szenen kamen, wurde ich immer seltener durch Fragen unterbrochen, ich schielte über das Buch nach meinem Zuhörer hin und fürchtete, er sei eingeschlafen; aber da sah ich zu meiner eigenen Ergriffenheit, daß ihm Tränen übers Gesicht rannen.

Mein Freund, so kurz von mir entfernt,
und hast's Küssen verlernt?

Wer könnte der Gewalt dieser Herzenssprache widerstehn? Hat die Tragödie nicht in diesen zwei Zeilen ihren einfachsten und rührendsten Satz gefunden und ist sie nicht ganz und gar in ihm enthalten?

Unvergeßlich wird mir das schmale, kalte Hotelzimmer in Warschau bleiben, dessen Fenster auf eine Reihe ziegelroter Ruinen hinausging; aber unvergeßlich deshalb, weil ich bis tief in die Nacht hinein die übermächtigen Verse der Helenatragödie las. Damals nahm ich zum ersten Male wahr, daß die Euphorionszenen nichts anderes sind als eine kleine eingefügte Familienoper. Sie enthalten eine Reihe gleichgebauter Strophen, die in Duetten und Terzetten gesungen werden müßten. Goethe läßt nach der Regievorschrift von dem Vers an »Höret allerliebste Klänge, macht euch schnell von Fabeln frei!« bis zum Abschied der Helena »durchaus mit vollstimmiger Musik«, also das volle Orchester spielen. Die kleine Oper endet mit dem Chor, der in Euphorion um Lord Byron trauert und mit der echt Goetheschen Ermunterung schließt:

»Doch erfrischet neue Lieder,
steht nicht länger tief gebeugt;
denn der Boden zeugt sie wieder
wie von je er sie gezeugt.«

Dieser Einbruch rein musikalischer Elemente in Goethes schönste Dichtung hat mich damals merkwürdig ergriffen; ich fühlte das Leidwesen eines Geistes, der an sich kein Genüge findet und auf der Suche nach immer reicheren Ausdrucksmitteln in fremde Bezirke eindringt, die ihm das Seine doch nicht geben können – und auch das Ihre nicht. Daß Goethe die Vertonung solcher Szenen durch Mozart gewünscht hätte, ist in Eckermanns Gesprächen überliefert.

Ich habe mich oft gefragt, woher es denn kommt, daß Erlebnisse solcher Art in schweren und weltbewegenden Zeiten überhaupt noch ein Eigengewicht haben. Auf den ersten Blick scheint es doch wirklich gleichgültig, ob in einem zeitfernen Buch heimliche Opernverse stecken; was kümmert es den Soldaten, den Eroberer, die Frau, die den Sohn an der Front hat, den Siedler, den Brückenbauer, den Maschinenkonstrukteur, was kümmert es schließlich mich, der nicht zum Fauststudium nach Warschau kommandiert worden ist? Und doch sind die Stunden dieser Lektüre das Haltbarste von allem, was mir die paar Tage und Nächte in der fremden, zerstörten Stadt gegeben haben. Die Welt des Geistes ist zart und leise; dennoch ist sie fester, elastischer, von Spannungen gestraffter als die gröbere des Willens; Sophokles hat Athen, Vergil Rom überdauert, wenn auch bedacht werden muß, daß die neuen Reiche aus dem sterbenden Rom hervorgegangen sind und nicht aus der Aeneis.

Die seltsamste Spannung, mit der man an eine Lektüre gehen kann, ist doch die des Schriftstellers, der sich dazu überwindet, eines seiner eigenen Bücher zu lesen; sie wächst mit der zeitlichen Entfernung von seinem Werk. Mag diese Begegnung mit sich selbst verlaufen wie sie will, immer wird er über den hohen Grad an Lebensdichte (wenn der Ausdruck erlaubt ist) freudig erstaunt sein und, falls er sich in unfruchtbaren Tagen zu lesen bekommt, über die Armseligkeit trauern, aus der er sich nun in seinen einstigen Reichtum flüchtet. Es ist keine reine Freude, sich zu lesen, aber es gewährt einen Blick in den Zusammenhang des eigenen Lebens, und dies tut besonders in Zeiten not, in denen man sich zu verlieren fürchtet. Für Aufgaben verpflichtet, die außerhalb des Bereichs der angebornen Kräfte liegen, greift man nach einem solchen Buch wie nach einem Wegweiser zu sich selbst. Es besteht keine Gefahr, daß man sich dabei allzu lieb gewinnt, man muß sich vielmehr vor zu hartem Urteil hüten; denn wie könnte es einer verantworten, vor die Öffentlichkeit zu treten, wenn er nicht zu seinem ganzen Leben, also seinem ganzen Werk ja sagte?

 

So führten mich die Nächte dieses russischen Winters zu mir selbst zurück. Ähnlich mag es Hunderttausenden ergangen sein, wenn sie sich im stillen Flockenfall, im heulenden Wind oder im Glanz der weißen Flächen an Tage und Nächte der Kindheit erinnert fühlten. Es gibt nichts Fruchtbareres im Menschen als die Spannung zwischen seinem Einzeldasein und der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft; beides zusammen erst ist das Leben. Und es liegt im Wesen dieser Spannung, daß manches, was nach einem mühsamen Umweg aussieht, in Wahrheit die unmittelbarste Verbindung ist: der Soldat, Glied der strengsten und gewaltigsten Gemeinschaft, findet sich plötzlich selbst in einer Klarheit, die ihm bisher versagt war, oder er muß durch das halbe Rußland, das halbe Frankreich marschieren, um unbeirrbar zu wissen, wo er zu Hause ist. Das gleiche kann einem ganzen Volk widerfahren; auch darin liegt ein geheimer Sinn der Kriege.

Als ich etwa die Hälfte des eigenen Buches gelesen hatte, legte ich es beiseite: mag es auf sich beruhen und Künftigem nicht im Wege stehn!

Die Frühkontrolle der Wache rief mich zum Dienst. Noch standen die Sterne so dicht, als wäre die Schwärze zu funkelndem Eis gefroren, und der Schnee sprühte den Schein tausendfach zersplittert zurück. Aber im Osten verriet eine ganz zarte Blässe am Himmel den kommenden Tag.


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