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Fahrt nach Osten

Es regnete am Rhein, als wir die Siebensachen unserer kleinen Einheit verluden: zwei Kraftwagen, eine stattliche Anzahl vollgepackter und säuberlich beschrifteter Kisten und schließlich uns selbst. Wir begegneten dem altersschwachen französischen Personenwagen, der nun für einige Tage und Nächte unsere Wohnung werden sollte, anfangs mit Mißtrauen; als wir aber erfuhren, was für ein bedeutsames Stück Geschichte er durchlaufen hatte, war er uns mit einem Male vertraut wie ein Landsmann, und der durchgewetzte Plüsch seiner Polsterung wirkte fast rührend, wenn man bedachte, daß der alte Karren ein Heimkehrer war und die französischen Aufschriften erst seit dem Tage trug, an welchem er mit vielen anderen als Reparationsgut gleichsam in Gefangenschaft geraten war. Er hat sich übrigens gut gehalten, und als wir ihn nach vier Tagen und Nächten für immer verließen, taten wir es so, wie man von einem liebenswerten Kameraden Abschied nimmt. Die meisten von uns hatten sein Schicksal bereits mit vollem Bewußtsein miterlebt, waren also Weltkriegsleute, und seine Geschichte rief Erinnerungen wach, die für eine Fahrt ins Kriegsgebiet gerade paßten.

Dunkel, fast schwarzgrau, stand der Dom im Regen und ebenso dunkel die Schlote und Öfen, die riesigen Behälter und Werkhäuser. Mit dem gleichen schweren Ernst wie das alte Gotteshaus ragten die Kirchen der Technik über die Wohnhäuser empor, und die räumliche Nachbarschaft so ungleicher Zeichen menschlichen Trachtens schien auch die Zeiten zu überbrücken, aus denen die Glockentürme und die rauchenden Schlote stammten. Sahen sie sich feindlich an? Es kam wohl darauf an, wie man selber sie ansah, ob es einem gelang, zu beiden ja zu sagen, weil sie beide aus unserem Leben hervorgewachsen waren; denn unser Leben, wenn es ein Ganzes sein soll, reicht hinab bis in die Dombauhütten und herauf bis in die Laboratorien unserer Chemie. Beides zusammen und dazu noch die Bahnhöfe und alten Rathäuser, die ewigen Dörfer und die Sportplätze von heute – alles zusammen erst ist unsere äußere und innere Heimat, und von der nahmen wir also Abschied, um in ein ganz anderes Land zu fahren. Erst dort sollte es sich sichtbarlich bestätigen, wie dicht und fast fugenlos im äußeren Bild unseres Lebens die Zeiten auseinander hervorgegangen sind, ein nun tausendjähriger Bau, langsam und nach keinem anderen Plan als dem der Notwendigkeit gewachsen, und darin wohnen wir, wie die Väter und Urväter gewohnt haben, dem Vergangenen so nahe wie dem Künftigen. Es war gut, solches Wissen mitzunehmen. Wenn wir auch nicht als Siedler, sondern als Soldaten nach Osten fuhren, das Wissen um die Wohlgeratenheit dessen, was man verläßt, ist für Kopf und Herz ein eiserner Vorrat, und wer nicht um die innere, die geistige Größe des Reiches weiß, dem wird der Schritt über die alten Grenzen bloß einen geographischen Horizont weiter auftun, ihn aber nicht ins wirklich Zukünftige führen.

Immer wieder gingen die Gespräche während der Fahrt um das ferne östliche Land. Manche von uns waren zeitlebens gewohnt gewesen, nach Westen zu sehn, nach Westen zu hören; Paris, Brüssel, London hatten mehr bedeutet als Lemberg, Warschau oder Kiew. Wohl hatte den einen und andern von uns der Weltkrieg bis nach Brest-Litowsk oder gar nach Odessa verschlagen, aber erst nach dem Polenkrieg war es deutlich geworden, daß sich das Reich bewußt und willentlich umgewandt hatte, so wie ein Mann sich plötzlich zur anderen Seite kehrt, entschlossen zu einem neuen Weg. Schon einmal hatten die Geschlechter dorthin geblickt und waren den Weg auch gegangen, kämpfend, planend, bauend. Es waren Ritter und Priester aus allen deutschen Landschaften gewesen, ein Orden von Kriegern, Verkündigern und Siedlern. Wer die Marienburg kennt, Danzig, Frauenburg, Marienwerder, kann nicht anders als in großer Ehrfurcht von diesen Männern reden, in denen ein gewaltiger Traum von Größe und Auftrag des Reichs geglüht haben muß. Ihr Blick war nicht enger als jener der staufischen Kaiser, ihr Herz nicht kleiner, ihre bauende Hand fruchtbarer.

Und nun tut sich noch einmal die endlose Weite im Osten auf, und auch unsere kleine Einheit ist auf dem Weg dorthin.

*

So eine Fahrt durch Tage und Nächte steht einem jedesmal wie eine kaum zu überwindende Mühsal vor Augen – nach vier Tagen tat es uns beinahe leid, schon am Ziel zu sein. Man gewöhnt sich an die Zigeunerei rascher, als man wahrhaben will, und die gutbürgerliche Seßhaftigkeit muß für den Menschen nicht ganz das Richtige sein, da ihm jede Form des Wanderns willkommen ist, wenn sie ihm nur aus seinen vier Wänden heraushilft. Da wir uns fast alle mehr oder minder fremd waren, bestand der Reiz der ersten Stunden darin, gleichsam die Instrumente des kleinen Orchesters aufeinander abzustimmen. Als wir uns nach der ersten Nacht auf dem Moabiter Güterbahnhof zwischen den Geleisen rasierten – gegenüber stand ein Transport Artillerie knapp vor der Abfahrt –, lag über der Gruppe hemdärmeliger Männer und auf ihren eingeseiften Gesichtern endlich wieder ein Schimmer jener Jahre, in denen man jung und zum erstenmal Soldat war und die Kunst zu lernen begann, wie man die gesamte Wohnungseinrichtung in einem einzigen Rucksack verstaut.

Wenn ein Kommandant so viel Humor hat wie der unsere, dann wird bald der Humor zum Kommandanten – die beste Führung auf solcher Fahrt. Denn je weiter wir nach Osten kamen, desto länger blieben wir auf irgendeinem Güterbahnhof liegen, zwischen langen Reihen von Transporten aller Art; die Auskünfte über Weiterfahrt und Ankunft wurden immer orakelhafter, die Namen der Ortschaften unaussprechbarer, die Aufschriften unverständlicher. Wir waren über die Sprachgrenze des Reichs geraten, aber dann gab es doch hin und wieder ein Wort, das so unentbehrlich zu unserem Leben gehörte wie die paar anderen Dinge, aus denen das Gerüst unserer Erinnerung sich aufbaut; es waren Ortsnamen, die uns vor siebenundzwanzig Jahren Kampf und Mühe, Tod und Kameradschaft bedeutet hatten. Unser Gedächtnis hatte sie auch dann aufbewahrt, wenn wir niemals den Ort betreten hatten, den sie bezeichneten, sie lebten in uns mit dem Blut der Freunde, sie hatten von ihm ihren Wert empfangen und waren uns darum teuer. Als wir nun die Orte selbst sahen, fehlte ihnen der Glanz, den sie in unserer Vorstellung hatten; um so ergreifender sprach uns ihre Dürftigkeit an, der das Schicksal mehr Gewicht verliehen hatte als mancher großen Stadt.

Aber nicht bloß die Namen auf den Bahnhöfen wurden fremd, es änderte sich auch das Bild der Siedlungen, und dies um so deutlicher, je weiter es nach Osten ging. Man hatte das Gefühl, als drängte sich die Erde immer breiter, immer rücksichtsloser zwischen die Wohnstätten der Menschen, als würde sie immer mehr zur Herrin, zu einer gewaltig herrschenden Mutter, die ihre Kinder gerade noch duldet. Das deutsche Dorf ist eine Form der menschlichen Freiheit: der Bauer hat sich das Land unterworfen, und sein Hof ist die Burg, von der aus seine Arbeit herrscht; die Höfe wiederum schließen sich zum Dorf zusammen, eine neue, höhere Einheit bildend, und davon haben unsere bäuerlichen Siedlungen ihr klares, lebensvolles Gesicht. Aber schon in Galizien beginnen sich die Dorfschaften in Hütten zu zerlösen, die man nicht mehr als Höfe ansprechen will; Unterschlüpfe gegen Wind und Wetter – so kann man sie höchstens nennen, denn sie ermangeln der Gliederung, die als eines der Zeichen für lebendige Ordnung gelten darf. Erst aus ihr wächst ja eine Wohnstatt hervor, die den Namen Haus verdient; die kleinen, aus Balken gefügten Menschenställe mit ihren vier Wänden und dem Stroh- oder Schilfdach darüber sind trotz des Herdes, den sie umschließen, noch keine Häuser. Eine Fahrt mit der Bahn oder im Kraftwagen kann auch bei größter Aufmerksamkeit nicht Aufschluß genug über die innere Struktur der Siedlungen geben, durch die man kommt. Die Ukraine ist ein geschichtlich altes Land; es ist nicht anzunehmen, daß man es hier mit überlieferungslosen Kolonistenfarmen zu tun hat, aber Dörfer nach unserem Begriff sind es nicht. Sie zeigen in den einzelnen Landschaften des riesigen Gebietes Unterschiede, die auch dem rasch Vorüberfahrenden auffallen, gemeinsam ist ihnen die ungemeine Hörigkeit der Erde gegenüber, so daß ihre braunen, mit Lehm verschmierten Hütten wie Warzen und Höcker auf dem braunen Pelz des großen Muttertieres aussehen, als das die Erde hier wirkt. Die hölzernen, weiß oder hellblau gestrichenen Kirchen mit ihren vielen Zwiebeltürmen heben sich von den Bauernhäusern viel deutlicher ab als unsere bescheideneren Gotteshäuser von den stattlichen Höfen. Manchmal lag eine kleine Siedlung, lang auseinandergezogen, am Waldrand – dann konnte ein Gefühl von Geborgenheit hineinempfunden werden, wenn auch ein unendlich schwermütiges. Einmal sahen wir Hütten am Sumpf, sie standen nicht auf Pfählen, erinnerten aber dennoch an Bilder von Pfahlbauten, und ein unmeßbares Alter schien sie aus der Zeit herauszuheben, oder die Zeit, für die unser Kraftwagen gerade das richtige Fahrzeug war, flog an ihnen vorbei wie an der Ewigkeit.

Den kleinen Städten fehlt nun auch dieser Rest von Ehrwürde, den die Dörfer vom Ackerboden empfangen; sie sind völlig mißglückte Gebilde; Häuser in einer armseligen und dennoch übertreibenden Bauform, die Ziegelwände ohne Bewurf, aber mit dicker Kalkbrühe getüncht oder gar mit irgendeinem Himmelblau gefärbelt, ein Anstrich, der die Dürftigkeit und Verwahrlosung nur noch greller ins Licht rückt. Nichts erinnert an die bauliche Geschlossenheit deutscher Kleinstädte, denen der Geist einer Epoche unvergeßliche Gestalt verliehen hat; ein völlig herkunftsloser Baustil hat hier mit Formen gewirtschaftet, die ohne jeden Charakter sind.

Aber wie sollten auch Städte gegen eine Landschaft aufkommen, die alle deutschen Landschaften an Weiträumigkeit übertrifft, wie das Meer etwa unsere Voralpenseen? Sie ist nicht reine Ebene, eine überaus gewaltige Bewegung geht durch den Boden, und wenn die Straße die flachen Schwellen quer durchschneidet, scheint einem die Erde wirklich entgegenzurollen, langsamer, schwerer, dunkler als das Meer. Der Himmel, die Erde, die Straße – das ist der einfache, zeitlose Dreiklang dieser Landschaft; ob eine blaue Stufe Wald den Horizont abschließt, eine riesige Welle Weizen oder braunes Moor – dahinter ist Land, Land und wieder Land, und die Straße geht stundenlang schnurgerade in diese unaufhörliche Ferne, die alle Nähe verschlingt, und der Himmel darüber ist so groß wie jener über dem Meer. Es gibt Gegenden hier, in denen sich unabsehbar ein einziger Acker breitet, ohne Zaun, ohne Hecke, ohne das lebhafte Kreuz und Quer unserer Feldwege; dann versinkt das Gehöft, als ginge das Land darüber hinweg. Ist umgepflügt und der Boden feucht, dann sehen die Schollen aus wie fettes schwarzes Fleisch; strotzend von Kraft liegt das Nackte da, eine wilde, unbändige Fruchtbarkeit schläft in ihm. Daneben sahen wir kleine geschlossene Landschaften, mit den einfachsten Mitteln schön: ein niedriger Hügel, langgestreckt, mit ein paar Birken bestanden, vor ihm ein kleiner Teich, schilfumschlossen, ein paar Hütten am Flüßchen, das ihm entströmt, ein zartes Himmelblau über dem falben Goldbraun, muschelfarbene Wolken, ein kleiner Wind im Gras, Fohlen auf der Weide – da war in der Dürftigkeit so viel Lächeln, in der Schwermut so viel Zauber; junges, bräutliches Land, von Vorfrühling in Spätherbst spielend, sehnsüchtig, zart, in seiner Armut noch voll herber Lieblichkeit.

*

In Zuravica, einem Bahnhof knapp vor Przemysl, wachte ich um zwei Uhr morgens auf. Der Zug stand wohl schon längst; ich erfuhr, daß er vor sieben Uhr früh nicht weiterfahren werde. Aller Nachschub fand nun immer engere Kanäle, durch die er geschleust werden mußte, bald würde es nur noch ein einziger Strang sein, der ihn durchläßt. So ist es kein Wunder, wenn sich auf den Güterbahnhöfen die Transporte drängen und weniger Frontwichtiges gegen die Ansprüche des Schlachtfeldes zurückstehen muß.

Die Kameraden schliefen. Um sechs Uhr war es schon taghell. Zwischen den langen Wagenreihen, die mit ihrem Eisengrau und Rostrot dem trüben, nieselnden Morgen einen kalten Anstrich gaben, ging ein alter polnischer Eisenbahner die Garnituren entlang und schrieb die Wagen auf. Er war wohl schon im österreichischen Galizien gefahren, er sprach gut deutsch. Ein großer Schnurrbart, wie man ihn heute fast nie mehr sieht, die tiefliegenden Augen, die nach innen gebuchteten Schläfen und wohl auch die frühe Morgenstunde, die immer noch etwas von der Schauspielerei der Traumwelt an sich hat, waren schuld daran, daß mir Friedrich Nietzsche einfiel, als ich dem Manne begegnete. Auch die kleine zarte Gestalt mochte stimmen. Es war kein philosophisches Gespräch, das wir führten, aber philosophisch erschien die Gelassenheit, mit der der alte Mann – Angehöriger eines völlig geschlagenen Volkes – seiner morgendlichen Arbeit nachging und zwischenhinein höflich Auskunft gab. Aus solcher Haltung wurde unmittelbar klar, wie sehr ein Geschehen, das die Welt verändert, sich der Jugend und der vollen Manneskraft eines Volkes bedient, während das Alter seine kürzer werdenden Schritte weitertut, aber nicht mehr heraus aus dem Bereich des persönlichen Lebens. Ein Kind, das auf den Trümmern seines Elternhauses mit der Puppe spielt, ähnelt darin dem wagenzählenden Greis, nur daß dieser seine Erfahrung wie einen mühseligen, weil allzu dicht verschlungenen Wald hinter sich läßt, während der gleiche Wald dem Kind auf den Trümmern von weit draußen lockend entgegenblaut. Vielleicht lassen sich die Kriege und das Entsetzen, das sie hinter sich herziehen, vom Menschengeschlecht deshalb ertragen und überstehn, weil das unsäglich bedrohte und tödlich verletzte Leben zwischen Großvätern und Enkeln so gut wie unberührt bleibt; während Männer und Frauen es einsetzen, es töten und verteidigen, reichen es die Greise heimlich den Kindern weiter, nicht das geschichthafte, sondern das andere, das naive, das lachende und weinende, untragische Leben, das nicht zu töten ist.

Zu Besinnungen solcher Art sind in einem Landstrich, über den vor kurzem der Krieg gegangen ist, Schritt auf Tritt Anstöße da. Denn wo der Tod so hart an das Leben grenzt, wird alles in einer sinnbildhaften Art bedeutsam. Wenn es auch wahr sein mag, daß der Soldat der Handelnde im äußersten Sinne ist, den Bildern entrinnt auch er nicht; als man jung war, fielen sie sprachlos ins Innere, durch Augen, aufgerissen von Durst oder Schrecken; nun gehn sie durch den Filter der Erfahrung, sie erscheinen nicht mehr so übergroß, aber sind sicherer zu deuten.

Hinter Przemysl zeigten sich die ersten Spuren des russischen Feldzuges: zertrümmerte Häuser, gesprengte Brücken, Brandstätten, zerschlagene Kampfwagen, verstummte Geschütze. Einige von uns kannten das Bild von Frankreich her, andere von Polen. Immer wieder macht es nachdenklich, wie rasch und gleichmütig der Mensch sich neben den Ruinen aufs neue einrichtet, und wenn man die Bauern ihre pflügenden Gespanne an den ausgebrannten Tanks vorüberführen oder den Erntewagen durchs zusammengestürzte Dorf schwanken sieht, dann nimmt die gewesene Schlacht den Charakter eines Unwetters an, das von Flammen dröhnend über das Land rollte und sich im Unfaßlichen verlor. Sie ist dann trotz der Spuren, die sie hinterließ, nicht mehr recht zu glauben, und man möchte ihr nacheilen, um in den Linien der kämpfenden Kameraden ihre Wirklichkeit zu greifen. Besonders den Soldaten des Weltkriegs ziehen die Zeichen der Zerstörung mit magischer Gewalt nach vorne, in die Zone der Entscheidung, wo damals – im vierjährigen, pausenlosen Krieg – sein eigentliches Daheim war: die Kompanie, die Batterie, das Grabenstück, das er besser kannte als sich selbst. Anwandlungen dieser Art hat er in dem Streifen zwischen Front und Heimat immer wieder zu bestehn; er begegnet Verwundetenzügen, feindwärts rollenden Kolonnen, Meldefahrern, er fühlt sich dazugehörig und zugleich ausgeschlossen, und die Überlegung, daß auch er an dem Platze dient, an dem die Führung seiner bedarf, überzeugt nur seinen Kopf, nicht sein Herz. Stärker war der Ausspruch eines jungen Leutnants – wir bildeten bei derselben Ersatztruppe Rekruten aus –, der mir während eines Gesprächs über diese Dinge sagte: »Sie waren doch damals dabei, lassen Sie diesmal uns drankommen; wie sollen wir Ihnen nach diesem Krieg ins Gesicht sehen, wenn wir nicht draußen waren?« Litt die Generation nach uns unter den vier Jahren, die wir ihr voraus hatten? So ist es billig, daß nun sie diesen Krieg führt und uns einholt.

Von allen Zeichen des Kampfes ergreift mich immer am stärksten das Soldatengrab, dieses winzige Stück Heimat in der Fremde. Wir sahen die Kreuze mit dem Helm darüber, und vor den meisten lagen Blumen. Kreuz und Helm – nichts könnte eindringlicher zu einem reden, nichts überträfe, und wäre es beste Kunst, die beiden schlichten Zeichen an Würde und Feierlichkeit. Zum letztenmal durchdringt hier ein persönlicher Ton die Anonymität des Schlachtfeldes im Maschinenkrieg: der Name des Gefallenen. Da und dort standen Kinder davor, erneuerten die Blumen, und das war, als schlösse sich eine Wunde, oder eine Melodie, die jäh verstummt war, höbe wieder leise zu tönen an.

Flieger zogen ostwärts, dem heraufdrängenden Tag entgegen, mit tödlicher Fracht, leicht, sicher, unbeirrbar; wir sahen ihnen nach wie eigenen Söhnen.

Dann fuhr der Zug in Lemberg ein.


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