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So wie es geborene Kaufleute gibt, gibt es geborne Quartiermacher. Die Begabung hiezu setzt sich zusammen aus einer guten Spürnase für Unterkunftsmöglichkeiten überhaupt, aus der Fähigkeit, sich vorzustellen, wieviel an Ordnung aus einem Chaos herauszuholen ist, aus der Freude am raschen und wehrhaften Zugriff und schließlich aus einer guten Portion Glück, das letzten Endes ja auch Sache der Begabung ist.
Einen solchen Quartiermacher nun haben wir, und wenn er nicht ein gebürtiger Pommer wäre, würde man ihn für einen waschechten Münchner halten. Aber er ist viele Jahre zur See gefahren und er spinnt das Garn seiner Erinnerungen wie ein richtiger Seemann, wirft vielmaschige Netze aus und läßt uns, wenn es spannend wird, die gehörige Weile zappeln. Beim Quartiermachen aber ist er wie ein feuriger Besen hinter Handwerkern, Scheuermädchen, Packträgern her und gibt nicht eher Ruhe, bis nicht alles von Sauberkeit blitzt wie auf einem ordentlichen Schiff. So richtig zum Blitzen kommt es hier im Osten freilich nie, und es war bisher immer so, daß die Handwerker im Haus herumwirtschafteten, bis wir wieder weiterzogen; dabei sind wir alles eher als eine sehr bewegliche Einheit, unsre Aufgabe zwingt uns geradezu zur Seßhaftigkeit. Aber auch das äußerlich manierlichste Haus hat Wochen des Krieges hinter sich und vorher jahrelange Schlamperei.
Das Gebäude, das wir in Rowno bezogen, hatte irgendein Amt beherbergt, war also für eine Dienststelle, die – vom Frontsoldaten her gesehen – mit Papier gegen Papier kämpft und viele getrennte Arbeitsräume braucht, vorzüglich geeignet. Als schließlich alle Türen wirklich schlossen, die Fenster dicht, die Schalter benützbar, die Aborte europäisch waren, fühlten wir uns zu wohl, um Aussicht auf längere Bleibe zu haben, und als dann wirklich der Abmarschbefehl kam, begannen wir das heimliche Gesetz zu erkennen: sobald du eingerichtet bist, schnür dein Bündel und wandre! An dieses Gesetz halten wir uns seither.
Es war ein kleiner Schritt näher ans Kriegsmäßige, als wir uns von Lemberg ab selbständig machten und nicht mit der Bahn, sondern im Kraftwagen nach Osten weiterzogen. Das Wetter war schön. Echte ursprüngliche Reiselust wachte in uns auf, als die kleine Kolonne die Stadt verließ.
Es hat uns immer wieder gewundert, was die Leute in diesem Land so viel auf den Straßen zu tun haben. Viele Kilometer vor und hinter jeder größeren Siedlung ist ein ständiges Hin und Her von Wanderern, zu Fuß, zu Pferd und zu Wagen. Das macht die endlosen Straßen lebendig, man fühlt, sie sind die Blutstränge des Landes, uralte Wanderwege eines Volkes, das wie kein anderes dem Boden der Erde verhaftet ist. Noch war es eine nach westlicher Art gebaute Straße, die wir fuhren; erst später sollten wir kennenlernen, was man unter russischen Straßen versteht. Sie besaß eine Asphaltdecke, und neben ihr liefen links und rechts die weicheren Bahnen für die Fuhrwerke, knöcheltiefer Staub oder hufezerstampfter Humus des dunklen ukrainischen Bodens.
Die meisten Leute trugen große Lasten in Leinensäcken; oft so, daß ein kleinerer Sack, der von der Schulter über die Brust hinabhing, für den größeren am Rücken das Gegengewicht bildete. Auch Frauen jeden Alters schleppten sich mit solchen Lasten, den Körper bis zur Hüfte steif nach vorne gezogen, die Beine in hohen Stiefeln oder nackt, die Gesichter rot vor Anstrengung. Wir überholten viele, und die jungen waren meist derbe, stämmige Figuren, breithüftig, großbrüstig, viele blond und mit hellen Augen, ein breites, gesundes Gesicht unter dem weißen Kopftuch.
Oder sie kauerten auf dem Stroh ihrer Panjewagen, die trotz ihrer Unbequemlichkeit ganze Familien zu beherbergen imstande sind. Die Peitsche des Bauern läßt die zwei leichten Pferdchen fleißig traben, ihnen zur Seite oder hinten an den Wagen gebunden zockelt ein drittes, ein junges, mit. Kutschierende Bauern erinnern oft am stärksten an die Figuren Gogols, Tolstojs und Dostojewskijs; da findet man die bärtigen, rotbackigen Gesichter mit den schnapsblauen Äuglein wieder, die hohe Pelzmütze über dem Kranz von grauem, struppig krausem Haar. Oder junge, hagerlange Gestalten mit knochigen Gesichtern, endlosen Gliedmaßen und einer Langsamkeit in jeder Bewegung, als wollten sie damit sagen, daß in einem so großen Lande doch alle Eile vergeblich ist. Die Bekleidung ist durchwegs verwahrlost, zerrissen, zur Not zusammengeflickt, unschön und schmutzig. Ich habe noch niemals eine so weitverbreitete Gleichgültigkeit gegen die eigne Erscheinung kennengelernt wie in diesem Lande.
Es ging über flache, langgezogene Hügelwellen ostwärts. Besonders von der Strecke Lemberg-Brody sind mir herrliche Bäume, einzeln oder stattlich gruppiert, in Erinnerung. Sie verloren sich, je weiter wir ostwärts kamen. Dafür nahmen die Zeichen des Kampfes zu, und wir gaben es bald auf, die zerschlagenen, ausgebrannten oder sonstwie unbeweglich gewordenen russischen Tanks jeder Größe zu zählen, die links und rechts der Straße den Weg des deutschen Vormarsches bezeichneten. Auf ungefähr hundert feindliche Kampfwagen traf es einen unsrigen. An einem Dorfeingang standen sich ein grüner und ein grauer so gegenüber, als sei die Schlacht plötzlich erstarrt und warte bloß auf ein Zeichen, um wieder aufzuwachen. Mit unvorstellbarer Wucht hatten da und dort Fliegerbomben die eisernen Ungetüme auseinandergerissen; Tiere einer phantastischen Insektenwelt waren von stählernen Schnäbeln zerhackt, von glühendem Atem verbrannt.
In Brody machten wir Mittag. Ein Mädchen von etwa fünfzehn Jahren trug das Essen auf. Ob sie ging, stand oder sich setzte, es gab keinen Augenblick, in welchem sich ihre Anmut verlor; die ärmliche Kammer, durch die sie hin- und herschritt, war gleichsam erfüllt von einem unaufhörlichen Wohllaut fürs Auge. Er stand in schmerzlichem Widerspruch zu dem, was den Ohren zugemutet wurde: eine kleine Tanzkapelle erzeugte, so klein sie war, mit Geigen, Trompeten und Schlagzeug einen solchen Lärm, daß die Gläser auf den Tischen zitterten und die Trommelfelle wehtaten. Wenn sich meine Stimme hätte durchsetzen können, wäre es zu der Philippika gekommen, zu der mich von Zeit zu Zeit der ewige Mißbrauch von Musik hinreißt.
Die Karte ließ erkennen, daß das Städtchen, das weit vor uns, an eine bräunlich grüne Bodenwelle gelehnt, im Lichte des Sommernachmittags weiß und silbrig schimmerte, Rowno war, ein zartes Farbenspiel unter dem lichten Blau des Himmels. Aber je näher wir kamen, desto unverhüllter trat seine wahre Gestalt hervor, und als wir in die Hauptstraße einbogen, starrten uns die Gerippe der Häuser tot und brandgeschwärzt entgegen. Von stehengebliebenen Mauern hingen die Balkone, an Zimmerwänden noch die gekachelten Öfen über den tiefen Schächten der Zerstörung. Eisenträger, von ungeheuren Kräften ineinander verknäuelt, Blechdächer, vom Feuer wie Papier gerollt, ein wenig verkohltes Holz und sonst nur noch Ziegel, Ziegel, Mörtel und wieder Ziegel – das bleibt übrig von einem Haus, wenn die Bombe trifft. Ein großer Platz abseits der Hauptstraße war nichts als ein einziger Backsteinhaufen, aus dem da und dort ein vom Boden bis zur Dachhöhe unversehrter Kamin ragte. Manche Häuser zeigten Formen der Zerstörung, als stellten sie die Theaterkulisse »Romantische Ruine« dar, doch das helle Tageslicht tastete sie schamlos ab, ihr aufgerissenes Innere, ihre nackten Skelette. Da war noch ein Stückchen Zimmerfarbe, und der grelle Fleck mitten in der Verwüstung sah wie echtes Leben aus – ein erbärmlicher Rest von Behagen, ein armseliges Lächeln.
Die Hauptkirche des Ortes war völlig unversehrt geblieben. Die vielen hellgrünen Kuppeln ihres wie durch Zellteilung und Quellung entstandenen Baues leuchteten fröhlich, und auf der höchsten Zwiebel glänzte ein goldenes Kreuz. Dieser Kirche gegenüber war für uns Quartier gemacht und in allen unsern Fenstern stand ihr Bild, mit Ahornen davor, einer weißen Mauer, dem alleinstehenden Turm, durch dessen hohes, weites Tor man in den Hof vor der Kirche kam. Im Mondlicht ein Palast aus Bagdad, bei Tag ein etwas kropfiges Bauwerk, aber trotz der dicken Mauern, der allzu schweren Bögen und vielen Zwiebeltürme immer heiter und licht. Das Innere war reich an Wandbildern; sie konnten nicht alt sein, die Farbe war noch grell und die Malerei selbst von einer unangenehmen, fast schmissigen Glattheit. Die starren, gestreckten Gestalten der Heiligen und Engel zeigten die Formenstrenge russischer Ikonen, aber es steckte nichts Besonderes hinter der sakralen Haltung. Daneben gab es jedoch kleine, merkwürdige Bildwerke: faltenreiche Gewänder, aus goldig leuchtendem Metall getrieben, reliefartig aus der Fläche hervortretend, sparten Kopf und Hände aus, und die waren auf Holz gemalt; dadurch waren gleichsam zwei unvereinbare Ebenen der Darstellung entstanden, man konnte die Figur nicht zusammensehen, das Gesicht versteckte sich und blieb im Dunkel der farbigen Fläche.
Wir sahen einige Leichenfeiern – zweimal sollen Opfer von Partisanenkugeln, Soldaten der ukrainischen Miliz, zu Grabe getragen worden sein –, es waren, wenn man von ihrem traurigen Anlaß absah, wahre Feste fürs Auge, da die Mädchen, die in langer Reihe die Kränze trugen, ihre blumenbunte Tracht anhatten, mit langen farbigen Bändern im Haar; diese reichten über die Hüften hinab und flatterten im Winde, sie mischten sich lustig in die Farben des Mieders, des Rockes, der Strümpfe, und wenn der Wind stärker zufaßte, sah es aus, als stünde der ganze Zug in bunten Flammen. Die Tracht der Ukrainerin ist ein einziger Lustschrei des Frühlings, eines starken, grellen, rücksichtslosen Bauernfrühlings. Die Männer tragen buntgestickte Hemden und Reitstiefel. Bei diesen zwei Begräbnissen führten sie Spruchbänder mit, auf denen in deutscher und ukrainischer Sprache »Tod Moskau!« »Es lebe Deutschland!« und »Heil Hitler!« stand. –
Am schönsten erschien mir die Kirche an einem frühen Morgen, als ich vom Nachtdienst kam und die Höhe hinunterging, zu der die Hauptstraße ansteigt. Die Stadt war wie geheilt von der jungen Sonne, ihre Ruinen in zitterndes Licht zerlöst, und auf der grünen Zwiebel der Kirche funkelte das goldene Kreuz, als hätte sich der Morgenstern für eine Weile dort niedergelassen, ehe er im Blauen zerschmolz.
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Ich hatte einen Kameraden gefunden, der mit mir die Lust zum Spazierengehen teilte; so waren wir nach Dienstschluß oder in der Mittagspause oft unterwegs. Da wir uns auch sonst gut verstanden, wurden mir die kurzen Ausflüge in die Umgebung Rownos zum Schönsten, was der sechswöchige Aufenthalt in der fremden Stadt zu bieten hatte. Mit den kleinen Entdeckungen in der Landschaft sind nun die Gespräche für immer verknüpft, die einen anfangs zurückhaltenden Mann mehr und mehr aufschlossen und mir den Blick in ein Leben gönnten, das so ganz anders verlaufen war als das meine und das doch aus der gleichen Wurzel kam: aus dem Erlebnis des großen Krieges. Es war ein vielfältigeres Leben als das meine, es führte hinauf und hinab, war unruhig und gefährdet, von Krankheit und Arbeitslosigkeit heimgesucht, schwankend zwischen Gewinn und Verlust, immer aber getragen von einer unerschütterlichen Zuversicht und jenem Mut zum Notwendigen, den wir zwischen 14 und 18 in den Gräben gelernt haben. Was kann es einem Soldaten von damals ausmachen, wenn seine Fabrik stillsteht, weil das Geld im Deutschland der Nachkriegsjahre plötzlich wahnsinnig geworden ist; und wenn dem Manne schließlich nichts anderes übrigbleibt, als wieder von vorne anzufangen? Drei Jahre in Amsterdam schärften den Blick für die Zustände in der Heimat, und als die Möglichkeit bestand, in die junge Wehrmacht des sich rüstenden Reiches einzutreten, wurde man eben wieder Soldat, der man in seinen besten Jahren gewesen war. Die Geschichte dieses Lebens brachte vieles an den Tag, was von unserer stürmisch enteilenden Zeit weggeschwemmt worden war. Wir waren beide in dem Alter, in dem es hin und wieder not tut, die Summe zu ziehen, um zu sehen, wie es um den Haushalt der nächsten Jahre bestellt ist; daß wir es in fremdem Land, losgelöst von unseren heimatlichen Bindungen, in der Freiheit des Soldatenlebens tun konnten, machte unsere Rechnung einfach und klar und bewahrte uns davor, die wesentlichen Posten unter die zufälligen zu mengen. Krieg und fremdes Land und die Einsamkeit der Männer – vieles wird unwichtig, was jahrelang wichtig zu sein schien.
Dabei half uns, ohne daß wir es wahrscheinlich wußten, die Landschaft; denn sie ist groß, einfach, zeitlos und dabei voller Wiederkehr. Sollte nicht unser aller Leben im Grunde so sein? Mit so weitem Blick, so gelassen, so stark, so fruchtbar?
Nach Osten zu stieg die Straße an, und von dieser Höhe sah man weit nach allen Seiten. An den Rändern ging die Stadt überall in ländliche Siedlungen über, man war gleich im Bauernland, wenn man die häßlichen oder gleichgültigen Häuser der eigentlichen Stadt hinter sich ließ. Da gab es nach Süden hin den schmalen Feldweg flußentlang, zum Kraftwerk und seinem Stausee dahinter. Zigeuner hatten in der Nähe ihre Wagen stehn.
Ich weiß nicht, woran es liegt, von klein auf hat mich fahrendes Volk jeder Art mit geheimnisvoller Gewalt angezogen, Zigeuner, Zirkusleute, Seiltänzer, Scherenschleifer, wandernde Musikanten. War es das frühe, wortelose Gefühl, auf der ganzen Erde daheim zu sein gleich ihnen, oder der Traum, frei zu bleiben von jeder zu straffen Einordnung in fremde Willensbereiche? Wie oft hatte ich mir als Kind in wonnigem Grauen ausgemalt, daß mich Zigeuner mitnehmen, und das Herz klopfte in Ängsten und Abenteuern.
Wir standen eine Weile vor Wagen und Zelt; eine kohlschwarze Kleine starrte reglos in einen winzigen Spiegelscherben; zwei junge Männer lagen im Gras und rauchten abwechselnd an derselben Zigarette; die Mütter lausten ihre Brut; ein Alter handwerkte an einem zerbrochenen Wagenrad. In den Schilfbuchten des Stausees lag die Abendsonne kupferfarben, der Himmel aber war föhnblau wie in Tirol. Ich sah lange nach Westen, nicht der kleinste Berg stieg herauf, endlos dehnte es sich zwischen hier und dort, wie das Meer, wie das Verlangen und das Vergessen. Die Sonne tauchte in immer dichtere Schichten von Gewölk, und als wir heimgingen, rauchte es rostbraun, tiefviolett und eisengrau um sie, wie nach einem ungeheuern Himmelsbrand.
Ein andres Mal kamen wir spät zurück. Mehr als tot, grauenhaft tot sind die Ruinen in der Nacht – so müßte es sein, wenn man im Grabe dem eignen Zerfall zusehen könnte –; in einem riesigen Loch der höchsten Mauer stand hinter trübem Dunst der Mond, rötlich glimmend, halb verkohlt, und aus der Seitenstraße kam das Trippeln kleiner Schritte und, fast irre vor Angst, der Schrei: Mamma! Es war etwas Böses, grausam Sattes in dem echolosen Schweigen der Nacht, als säße der Krieg, ein feistes Ungeheuer, auf einer der Mauern und horchte, was es da noch zu rufen gibt.
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In Rowno begannen wir mit unserer Arbeit. Wenn ich den Zeichnern zusehe, die über ein Gebiet von rund hunderttausend Quadratkilometern das Spinnennetz der Nah- und Fernleitungen werfen, und daran denke, daß jede Planung, jede Sicherung und Verstärkung dieses Netzes dazu dient, den Organismus des Heeres zu jeder Stunde wach und gespannt zu halten, ihn bis in die äußersten Nervenenden zu beherrschen, dann überkommt mich mit der Bewunderung eines solchen Gefüges und mit dem Stolz, mit an der Arbeit zu sein, jedesmal eine Art Furcht vor dem menschlichen Wesen. Auf meinem Tisch steht ein kleiner, unscheinbarer Apparat. Wenn ich an seiner Kurbel drehe, bin ich innerhalb weniger Minuten imstande, mit Paris, Riga oder Athen zu sprechen. Es gibt keine Ferne, keine Fremdheit mehr, wir sind ein einziger Riesenbau, dessen kleinste Zellen alle miteinander in Verbindung stehn, und doch weiß keine um die andre, jede aber spürt und trägt auf ihre Weise das Gewicht des Ganzen mit. Solange dies alles einem eindeutigen Ziele dient, wie das Heer dem Krieg, geht davon ein gewaltiger Kraftstrom aus und ist in jedem einzelnen wirksam; die Kameradschaft, die jede Einheit zusammenhält und von innen her festigt, ist in ihrer höchsten und allgemeinsten Form das Bewußtsein, daß jeder Flieger, jeder Schütze, jeder U-Bootmann, daß überhaupt jeder, der Soldat ist, das gleiche will wie ich. Wer die Organisation des deutschen Heeres kennt, weiß, daß dies nicht etwa ein schwärmerisches Gefühl, sondern eine in Hunderten von Dienstvorschriften vergegenständlichte, bis ins Kleinste und Zufälligste durchdachte Wirklichkeit ist, genau und doch elastisch, unausweichlich und doch so, daß ihre beste Seite der Entschluß des einzelnen bleibt. Als ich im Sommer 1940 sechs Wochen lang selbst die Gelegenheit hatte, die Kampftechnik des Infanteristen zu lernen, wußte ich, daß gegen die zehn Mann der Schützengruppe, wenn sie was taugt, kein Kraut gewachsen ist.
Die Furcht aber, von der ich vorhin sprach, ist die Furcht des träumerischen Menschen vor der grellen Wachheit alles Organisatorischen, auch die des Einsamen vor der Gefährdung seiner Einsamkeit, und er ist um so besorgter um sie, je mehr er ihr verdankt.
Bis zu welch hohem Maße das deutsche Heer ein wirklicher Organismus ist, geht auch daraus hervor, daß er wie alles Lebendige auf das sparsamste angelegt ist: man kann nichts von ihm wegnehmen, ohne ihn schwer zu verletzen. Der Infanterist kann sich ohne Artillerie, ohne Funker und Fernsprecher, ohne Flieger eine Weile behelfen; der tödliche Zugriff aber, den die Führung will, das unaufhaltsame Vorwärts ist ohne die drei andern nicht möglich. So hat in allen Feldzügen seit 1939 die Meisterschaft der Führung gerade im Zusammenspiel aller Waffen bestanden, der Aufklärer, der Panzer, der Pioniere, der Infanterie, der Artillerie, der Nachrichtentruppen, der Flieger; alles technische Wissen und Können ist dem einen Zwecke dienstbar gemacht, das Heer in einen einzigen übermenschlichen Kämpfer zu verwandeln, der weit genug sieht, fein genug hört, rasch genug denkt, den Gegner faßt, ihn festhält, umklammert, erwürgt; wenn er weicht, ihn verfolgt; und dies alles auf dem Boden des andern, immer drängend, nie wartend, in rastlosem Vorwärts die Zeit ebenso an sich raffend wie den Raum.
Die Nachrichtentruppe, der wir angehören, baut an den Nervenbahnen dieses Kämpfers. Es ist buchstäblich nicht anders als mit unserem Körper selbst: Meldung und Befehl – dies ist das blitzschnelle Hin und Her, ohne das sich da wie dort kein Wille in Tat verwandelt. Und so kann es geschehen, daß die Zerstörung eines Kabels wie ein Schlag ins Gehirn wirkt, der die Glieder lähmt, oder eine rechtzeitig zustande gekommene Funkverbindung Tausenden von Männern das Leben rettet und den Sieg schenkt.
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Unsere Dienstfahrten gingen über weite Strecken. Noch konnte man im offenen Wagen fahren, und so war jeder Auftrag zugleich die Freikarte für eine Reise, auf die man sich in friedlichen Zeiten lange gefreut und vorbereitet hätte. Hier ging es schneller: man wußte oft beim Aufstehen nicht, daß man in einer Stunde fünfhundert Kilometer weit zu fahren habe, und wenn es auch nach Widerspruch aussieht: gerade so überraschende Befehle geben dem Soldaten das Gefühl einer unvergleichlichen Freiheit.
Morgensonne und das feine Beben des Motors, das sich über das Steuer den Händen mitteilt, das Vorüberfegen des Fahrwinds und die entgegenrollende Straße – all dies in einem Land, das man nicht kennt, Städten und Dörfern entgegen, die man nie gesehen – es ist immer wieder ein erregendes Gefühl, ein Schluck prickelnder Freude, eine plötzliche Verjüngung. Der Wachtmeister neben mir schweigt viel, und das ist mir gerade recht; niemals laufen die Gedanken so schnelle und kuriose Wege wie am Steuer eines Wagens, der einem nicht weiter zu schaffen macht. Die Straße ist halbwegs gut, die dreihundert Kilometer lange Strecke nach Brest-Litowsk in fünf Stunden zu fahren.
Ich bin in einem Hochgebirgsland aufgewachsen, und auch der letzte Krieg hat mich nicht aus den Bergen herausgeführt, sondern zwei Jahre lang auf ihren Gipfeln festgehalten. Auch dort war Größe und Weite, die Ketten reihten sich hinaus ins fernhin Verblauende, und deckte der Nebel Täler, Mulden und Wannen, dann lag ein weißes Meer vor uns, und wir standen auf schwarzgrünen Inseln wie auf Schären einer felsig zerrissenen Küste; aber es gab auch den Blick in die Tiefe. Der Mensch des Flachlandes kennt ihn nicht. Es ist der Blick, der das Herz hinabzieht ins warme Dunkel, in die liebe Enge, zu Einkehr und Rast und Abend, es ist der heimwehe, heimselige Blick, der den Gebirgler zu bleiben zwingt, mag das Leben in seinem Hochtal noch so arm und mühselig sein.
Hier aber gab es diesen Blick nicht mehr, hier strömte nach allen Seiten das Land, in großer flacher Dünung, und die Hütten standen nicht geborgen im Tal, an fester, behüteter Stelle; sie schwammen gleichsam im Unbestimmten, Unbegrenzten, kleine erdbraune Schollen auf dem großen erdbraunen Meer. Und dies nun, daß die Hütten der Bauern nicht einluden und nicht hinlockten zu sich, sondern selber dahinzutreiben schienen auf der ungegliederten Fläche, dies erst gab Gefühl und Bewußtsein einer Weite, wie auch der freieste Blick von Berggipfeln sie nicht zu geben vermag.
Über alle Dörfer und Städte, durch die wir fuhren, war der Krieg verwüstend hingegangen; aber man gewöhnt sich an nichts so schnell wie an den Anblick zerstörten Menschenwerks; er ruft keine Anteilnahme mehr hervor, wenn er sich wiederholt. An wieviel Trümmern von Fahrzeugen, Kampfwagen, Geschützen und allem möglichen Gerät sind wir vorübergekommen – nicht gerade auf dieser Fahrt –, wieviel Gerümpel lag über den Boden dieses Landes gestreut: Gasmasken, Munition, sanitäres Gerät, Gewehre, Ausrüstungsgegenstände aller Art – es kam uns nicht der Gedanke, wieviel wertvoller Rohstoff, wieviel Geld und Arbeit damit vertan und vernichtet ist; oder wenn jemand daran erinnerte, weckte er damit kein Gefühl in uns. Der Kadaver eines Pferdes dagegen, gedunsen von beginnender Verwesung, in der Haltung des Kopfes noch die ganze Bedrängnis des letzten lebendigen Augenblicks, ins Grausige gekehrt durch das grinsende Gebleck der Zähne – es ist das Bild der geängstigten, schmerzhaft getroffenen Kreatur. Ein Wesen ist zerstört, nicht ein »Machwerk« (das Wort in seiner wertungsfreien Bedeutung verstanden); jenes hat gelebt, gezeugt oder geboren – dieses war hergestellt worden und kann in beliebiger Menge ersetzt werden durch Gleichartiges und Gleichwertiges. Ob der tiefe Zusammenhang alles Lebendigen, ob der Kreis der Liebe verletzt ist oder nicht, darauf kommt es wohl an.
Bis Luzk schwingt das Land in großen Wellen dahin und schwingt langsam aus in starres Wald- und Sumpfgebiet, in reglose Ebene.
Luzk, eigentlich schön gelegen, weil der Fluß Styr, als hätte er kein festes Bett, zu Teichen und Weihern zerfließt, darin sich grünes Ufer und blasser Himmel, Häusermauern und farbiges Gewölk verschwimmend spiegeln, ist wie alle Städte, durch die wir kommen, voller Brandstätten und zerfallender Viertel. Es reizt nicht, anzuhalten und dem Leben seiner besseren Tage nachzuspüren oder dem jäh gestörten Traum seiner Geschichte. Heute rollt der Tag durch die Stadt hindurch, ohne ihrer weiter zu achten, von weither kommend, weithin zielend, unbeteiligt daran, ob dieser Haufen von Häusern nun Luzk heißt oder Gomel oder Shitomir – was sind sie denn viel mehr als Ortskommandantur, Verpflegungslager, Kraftfahrpark, Lazarett, Frontleitstelle und Soldatenheim? Alle sind sie das gleiche, eine kleine Ansammlung zweckdienlicher Einrichtungen für den Soldaten, der lang auf dem Weg ist, Papiere vorweist oder empfängt, ein Glas Bier trinkt und wieder weiter will. Der Krieg hat sie uniformiert; soweit er sie verschont hat, dienen sie seinen Zwecken. Sie haben plötzlich aufgehört, sie selbst zu sein; ihre Brücken haben nur Sinn, weil unsere Kolonnen über den Fluß müssen, ihre Häuser, weil wir Quartiere brauchen. Sind Menschen auf den Straßen? Kinder? Frauen? Man weiß es kaum, auch wenn man sie sieht. Zwei Bahnen des Lebens haben sich gekreuzt; die stärkere hat die schwächere ausgeschaltet. Dies ist ein sprachliches Bild – aber hier an der Behelfsbrücke von Luzk trifft es gegenständlich zu; eine lange Reihe von Bauernfuhrwerken staut sich vor der schmalen Einbahnbrücke, der Unteroffizier neben dem Posten regelt den Verkehr, das heißt, er sorgt dafür, daß unsere Fahrzeuge freie Bahn haben, und da kann es den halben Tag dauern, bis die Panjes an die Reihe kommen.
Nördlich Luzk geht die fruchtbare Schwarzerde Podoliens und Wolhyniens in die kargen Wald- und Sumpfflächen des Poleßje über; damit reicht die Ukraine in die landschaftliche Formenwelt Weißrußlands hinein. Bis Kowel, das in offener Gegend liegt, ist das Land noch einigermaßen besiedelt, obwohl man den Dörfern schon die Dürftigkeit des Bodens anmerkt; dann aber geht die Straße kilometerweit einsam und schnurgerade durch eine sandige und moorige Ebene, durch Föhren- oder Birkenwald, zeitweilig durch Heiden, auf denen noch Zwergkiefern mühselig fortkommen. Ein ungeheurer Ernst, eine Art Bangigkeit oder Trauer scheint über der Landschaft zu liegen. Ich bin die Strecke nach Brest einige Male gefahren; der Kraftwagen ist schnell genug, um selbst in dieser Unermeßlichkeit den Übergang aus dem kraftvoll lebendigen Ackerland, dem fleischig schwellenden Gebiet der Schwarzen Erde in die fahle Starre des armen Bodens deutlich spüren zu lassen; der Wechsel erweckt das Gefühl, als träte man immer tiefer in ein unerlösbares Schweigen ein. Pfahlbautenartige Siedlungen, Einzelgehöfte hin und wieder, dann meilenweit nichts als unberührte, sich selbst überlassene Erde. Nie vorher habe ich die Unheimlichkeit des russischen Landes so stark gespürt, die Gleichgültigkeit, die Verneinung des Menschen und seiner Arbeit, die großartige Apathie. Gewaltiger noch als das Meer ist dieses stumme, hellbraune, mit stumpfem Grün durchsetzte, zwecklose, zeitlose Land, und ich glaubte in ihm die russische Seele zu begreifen, die mir auch aus den besten Büchern nicht verständlich geworden war. Wer hier aufwächst, muß anders sein als wir.
Wieder einmal erschrak ich über die Ausdrucksgewalt unserer Erde. Wie hilflos ist unser Wort, wenn es nachzustammeln versucht, was sie schweigend zu verstehn gibt! Und es brannte die Begierde in mir, das ganze Leben nur noch daran zu wenden, sie in ihren großen Daseinsformen kennenzulernen; ihr wieder so zu begegnen wie vor fünfundzwanzig Jahren, als sie mir die allmorgendliche neue Schöpfung war, der erste Wald, der erste Berg, der erste Kuckucksschrei, der erste Sturm. Sie hatte das hymnische Wort in mir geweckt, und ich fühlte, ihr liebster Sohn ist der Dichter. Sie wieder groß und einsam zu sehn, Bild und Sinnbild in einem, ihre fremdeste Fremdheit umzufühlen in Verwandtschaft, darnach brannte mir das Herz, als ich durch die menschenlose Ebene fuhr.
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Es freut jeden Soldaten, wenn es mit seinem Auftrag »klappt«. Wir hatten mit dem unsrigen Glück, wir trafen auf den Dienststellen, mit denen wir zu tun hatten, Kameraden, die uns die Sache leicht machten. Das Rote Kreuz führt das Soldatenheim, und überall, wo die feldgrauen Schwestern Hand anlegen, ist es sauber, ordentlich und so gut, als es die Umstände erlauben. Auch dies macht vergnügt.
Ich hatte eine dienstliche Nachfrage im Lazarett. Als risse einer die Hülle vom Gesicht der Zeit, daß es plötzlich gnadenlos seine wahren Züge wies, traf mich der Anblick der beiden Tragbahren, die im Treppenhaus standen. Kopfschüsse. Unter den weißen Verbänden zwei Gesichter: das eine schlafend, aber anders, als der Mensch schläft, wenn er gesund oder bloß krank ist; in einen Schlaf entrückt, der wie von weit her seine Lähmung über das Gesicht breitete, in ein Schweigen, das schon ein kleiner irdischer Teil des großen Schweigens war, das jenseits der Schwelle beginnt und nie mehr endet; – das andre Gesicht: wach, aber entsetzlich fern von uns, noch immer hinter Schlachten, die uns nur Namen sind, ihm aber das Schicksal, das es von uns unüberbrückbar trennt – o, ich sah solche Gesichter, damals, vor fünfundzwanzig Jahren, sie sind mir unauslöschlich ins Bewußtsein gezeichnet, ich fürchtete mich vor ihrem plötzlichen Wissen und der Übermacht ihrer Ferne, ehe sie erloschen. Sie sehen dich an, als hättest du alles verschuldet – nicht ihre Wunde, ihren Schmerz oder ihr nahes Ende, sondern alles: daß das Leben so ist, wie es ist, und daß es nun vorbeigeht, du aber übrigbleibst, aufrecht, redend, lachend, in deinen Kleidern, mit deinen Hoffnungen, ein Kind des Tages – über sie aber kommt, ein dunkel und für immer sich schließender Bogen, die Nacht.
Es tut not, der Zeit so ins Gesicht zu sehen und das Bild zu behalten für die Jahre des Friedens und bis zum eigenen Ende, damit der Ernst uns nie ganz verlasse und wir in jeder guten Stunde der Opfer bewußt bleiben, die sie gekostet hat und täglich kostet. Es ist gut, das Nackte nackt zu sehn, zu fühlen auch – in Scham und Bitterkeit –, daß unser Wort, als Trost gemeint, die beiden, die da liegen, nicht mehr einholt. Aber auch kein anderes Wort mehr. Und damit ist dem Schweigen Platz gemacht, das den wenigen wirklich ernsthaften Dingen geziemt.
Nichts könnte die quälende Ungereimtheit des Lebens krasser aufzeigen, als wenn sich in der Erinnerung zwei Vorgänge auf das engste verbinden, die sich wesentlich so unterscheiden wie eine Begegnung mit Schwerverwundeten und der Besuch eines Fronttheaters am gleichen Tag. Bei solchem Anlaß wird am stärksten deutlich, daß wir in einer Welt leben, die übereingekommen ist, allem und jedem seinen bestimmten Platz anzuweisen und daß wir in unserem Innern gleichsam eine Fächerung vorgenommen haben, die jener Aufteilung entspricht. Fast nur noch in der Liebe kann es geschehen, daß das Gefühl wie eine Flamme die Fächer durchschlägt und uns in ein einziges Organ umschmelzt; dann gibt es freilich nichts Schönes in der Welt, das nicht der Geliebten gliche, und nichts Häßliches, das nicht ihren Reiz erhöhte; keine Freude, die nicht ihr zu danken wäre, und keinen Schmerz, den sie nicht stillte.
Der Saal war voll Soldaten. Ihre Erwartung und später ihr dankbares Mitgehen erinnerte an Theaternachmittage für Kinder. Die Truppe, die aus Wien gekommen war, nannte ihre Vortragsfolge »Rund um den Stephansturm«. Sie bot Couplets, kleine Tanznummern, ein gutes Schrammelquartett und viel »Ansage«. Eine frische, wirklich lustige Soubrette hatte Temperament und echten Humor. Wien wurde in der bekannten Weise als Stadt des Weines, der Walzermusik, der Fiaker und der süßen Mädeln gefeiert. Ich weiß nicht, warum mich dies jedesmal so melancholisch macht, nicht etwa schwermütig in Erinnerung an irgendeine »gute alte Zeit«, sondern einfach übellaunig oder – wie man in Wien sagen würde – grantig. Und dies besonders dann, wenn die Zuhörerschaft wie an dem Abend in Brest überwiegend aus Nord- oder Mitteldeutschen besteht. Mir ist dann immer zumut, als preise einer seine Geliebte an, und es ist doppelt peinlich, wenn man weiß, ihre Reize sind nicht mehr ganz von heute und vieles ist Schminke, was da nach Jugend und Lächeln und Liebreiz aussieht. Es ist dann wirklich ein sonderbares Gefühl, im Dunkel des Saales zu sitzen und als einer, der diesen weichen und gutmütigen Dialekt bis in die intimste Wendung versteht, von ihm also nicht zu benebeln ist, sich – gleichsam mitverantwortlich – ein wenig der Dürftigkeit zu schämen, mit der eine so schwierige Stadt wie Wien auf einen so harmlos geläufigen Nenner gebracht wird.
Eine Nummer des Programms aber gab zu ganz anderen Überlegungen Anlaß. Der Mann, der als Ansager die einzelnen Stücke zusammenzuknüpfen versuchte – eine Aufgabe, die wohl oder übel zu leeren Schwätzereien führen muß – erwies sich in seiner eigenen Nummer als vorzüglicher Schauspieler. Er stellte einen Grinzinger Stammgast dar und illustrierte das Lied, das er vorzutragen hatte, vers- und strophenweise mimisch durch. Er trug Zylinder, Frack und weiße Weste, dazu in der rechten Hand eine Weinflasche. Das Lied selbst war eine Art komischer Verhimmelung des Sichbesaufens. Die Darstellung des von Strophe zu Strophe zunehmenden Rausches war meisterhaft. Aus einer Unzahl feinster, treffsicherster Züge baute sich ein Vorgang voll unheimlicher Lebendigkeit auf, aber je zwingender der alkoholische Exzeß in Erscheinung trat, desto weiter entfernte sich das Spiel vom Komischen. Die Würdelosigkeit des Zustandes war so unverhüllt zur Schau gestellt, daß es einem das Lachen verschlug und einen das Grausen ankam. (Der Genauigkeit halber muß freilich zugegeben werden, daß diese Wirkung nicht allgemein war; es wurde bis zum Schluß der Nummer viel gelacht, aber dies steigerte nach meinem Empfinden nur noch die rücksichtslose Gewalt des Spiels.) Ich war an die kleine Folge von Zeichnungen erinnert, mit der Wilhelm Busch die Rückfälle der Frommen Helene darstellt: wie die Knieende, das Gebetbuch in der einen Hand, mit der andern nach der Flasche langt – nie ist die Dämonie des Zwanges, dem der Trinker zu gehorchen hat, meisterlicher aufgezeigt worden. Hier aber wurde offenbar, daß der Betrunkene an und für sich kein Gegenstand der Komik ist; bloß was er in seinem Rausch philosophiert oder anstellt, kann komisch wirken, er selbst bleibt ein trauriges Opfer seines Dämons oder seiner Dummheit.
So hat gerade die Vortrefflichkeit einer Darstellung ihren eigentlichen Inhalt verscherzt – Form ist doch etwas sehr Heikles!
Im Soldatenheim begegnete ich einem verwundeten Leutnant, dessen rechter Arm durch ein Drahtgestell waagrecht zur Schulter emporgestützt wurde. Er erzählte von der Front, und das war mir tatsächlich, als spräche einer von daheim; so unverloren sind die Wochen und Monate von damals, sie sind nur überschüttet, aber wenn einer von draußen erzählt, treten sie wieder hervor wie nackter Fels nach einem Regenguß. Alles war so wie damals, nur eines war neu und erschreckend: daß der Feind fünf verwundete Kameraden des Leutnants, die von der Kompanie zurückgelassen werden mußten, zu Tode verstümmelt hatte; so fand man sie wieder, als der zweite Sturm gelang. Solche Art, Krieg zu führen, war uns erspart geblieben.
Ich hielt den Leutnant für einen fünfundzwanzigjährigen aktiven Offizier, aber als er von seinem Buben zu erzählen begann und von der Dorfschule, an der er unterrichtete, als er mir auf mein Erstaunen hin sagte, er sei dreiunddreißig Jahre alt und längst verheiratet, da sah ich erst, wie stark uns das Soldatsein verwandelt. Beglückt nahm ich hinter allen Sätzen des Jüngern eine Haltung wahr, die gutes echtes Leben verbürgte. Und ich sagte mir: Tausende und Abertausende kehren einmal so zurück, so nüchtern, so gefaßt, so still, so heiter – und sie werden es den Söhnen vererben und davon wird Deutschland leben.
Die Rückfahrt am nächsten Tag war ungewöhnlich schön. Früher Herbst macht die Luft klar, aber das ist nicht sein ganzes Geheimnis. Worin beruht es? Woran liegt es überhaupt, daß uns dieses Stück Erde stärker ergreift als jenes, ein Tag inniger anrührt als der andre; wodurch ist der Herbst so anders als der Sommer, was macht ihn still, sanft, lächelnd vor Weisheit und Glück? Es ist doch nichts Menschliches in der Natur, und doch ist kein Tag im Jahr, der nicht wäre wie ein Mensch; jede Landschaft scheint Gemüt zu haben, alles ist durchdrungen von Empfindung; die Erde und wir: ein Wesen, als gäbe es nur eine Seele, die alles durchseelt, und wir liegen im All der Welt wie das Kind im Leib der Mutter, vom gleichen Blutstrom durchströmt, vom gleichen Atem genährt – ist es wirklich der Tod, in den uns der Schoß dann entläßt?
Die Sonne stand im Westen, als wir das letzte Stück Straße vor uns hatten. Wie in lustvoller Betäubung fuhr ich auf den hellen Streifen zu, der mir entgegenzulaufen schien. Ein rosig bräunliches Licht lag auf ihm, das Land zu beiden Seiten aber leuchtete in schönen, starken Farben: ockergelb, orange, ziegelrot, rostbraun und darüber, noch reicher und reiner, die Farben der Wolken und zwischen den Wolken das meerferne sehnsüchtige Blau. Eine ungeheure Kraft lebte in dieser Farbigkeit, die Gesichter der Bauern glühten wie rote Erde, tiefer Purpur spiegelte sich in jedem Gewässer, die Sonne war eine riesige Kugel aus feurigem Erz, die Schatten lagen braun und fast körperhaft neben den leuchtenden Flächen, in seliger Schwere ruhte das Land und glühte.