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Siebentes Kapitel.
In der Sturmnacht.

. Das Wetter war mild und schön gewesen, und nach einer angenehmen Reise langten Günther und Martha wohlbehalten und vergnügt in Flundersdorf an; Christine hatte nur Mühe, sich all der Huldigungen, die ihr dargebracht wurden, zu erwehren; es herrschte eine förmliche Eifersucht zwischen den Geschwistern und den Gästen, weil jeder ihr beweisen wollte, daß er sie am liebsten habe. Die junge Gesellschaft fand Flundersdorf entzückend, selbst jetzt im Winter. Wie hübsch lag das Häuschen da auf dem hohen Ufer, das an seinem steilen Abhange noch einen Strandweg freiließ, gegen den das Meer seine breiten, ruhigen Wogen der flachen Küste zurollte.

»Ein bißchen langweilig finde ich eure See doch,« sagte Günther, »eine Welle nach der andern kommt mit dem größten Gleichmut an und verläuft sich ganz gemütlich im Sande. Es ist zum Einschlafen.«

»Das würdest du nicht immer sagen können,« entgegnete Christine; »manchmal tobt und wütet das Meer wie ein wildes Raubtier, das seinen Rachen verlangend nach Beute aufreißt. Wir haben jetzt eine seltsame Witterung. Die Luft ist unnatürlich weich und warm, dabei regt sich kaum ein Windhauch. Ich würde mich nicht wundern, wenn wir bald einen tüchtigen Sturm erlebten.«

»Dann wollen wir uns nur heute noch nach Schönwiese aufmachen und unsern alten Jakob besuchen,« meinte Heinrich.

»Du willst doch nicht in diese Löwengrube?« fragte Günther. »Ich würde doch dies Haus, welches der räuberische Amerikaner jetzt sein eigen nennt, mit keinem Fuße mehr betreten.«

»Fällt mir auch nicht ein,« entgegnete Heinrich. »Aber der alte Jakob kann im Winter nicht herüberkommen, der Rheumatismus plagt ihn zu sehr, wie Christine sagt, und sehen muß ich den alten treuen Menschen, der mit ganzer Seele an uns hängt. In Schönwiese werden wir in jedem Hause als hoch willkommene Gäste aufgenommen, und dann lassen wir den Alten rufen.«

Günther war damit einverstanden und nach einem früher als sonst eingenommenen Mittagsessen machten sie sich auf den Weg nach Schönwiese. Heinrich hatte wahr gesprochen. Seine Ankunft erregte die größte Freude und in allen Familien wollte man ihn als Gast aufnehmen. Sie kehrten beim Schulzen ein, der sogleich einen Boten ins Herrenhaus an Jakob abschickte. Unterdes ließen sie sich von den Zuständen im Dorf erzählen. Der neue Herr, der den Leuten kalt und fremd gegenüberstand, hatte wenig Liebe gefunden, alle sehnten sich nach der alten Herrschaft zurück, die mit ihnen Leid und Freud geteilt hatte.

Jetzt kam Jakob angehumpelt, dessen ehrliches Gesicht von Glück strahlte. »Nun, solche Freude,« sagte er und schüttelte den beiden Knaben immer wieder die Hand. »Daß Sie mir die Ehre anthaten und um mich alten Mann den weiten Weg machten, das lohne Ihnen unser Herrgott. Und wie Sie gewachsen sind, junger Herr! Ganz der selige Herr, Ihr Großvater! Wenn der doch das erlebt hätte!«

»Nun erzähle uns aber, wie es dir geht, alter Jakob,« bat Heinrich freundlich. »Der Vater und Christine und Elschen lassen schön grüßen und sie wollen natürlich alles genau wissen.«

»Danke, danke vielmals,« schmunzelte der alte Diener. »Ich kann ja nicht klagen, denn bösartig ist Mr. Jansen nicht, aber natürlich – Fremder bleibt er, und der Tag, wo ich den Schein finde und Sie alle wieder ihren Einzug in Schönwiese halten, wird schon erscheinen. Man darf sich nur das Warten nicht verdrießen lassen.«

»Das ist förmlich bei ihm zur fixen Idee geworden,« flüsterte der Schulze den beiden Knaben zu.

Aber das scharfe Ohr des Alten hatte die Worte doch vernommen. »Es ist kein Wahn,« entgegnete er sehr ernst, »sondern meine feste Hoffnung auf Gottes Gerechtigkeit. Er wird mein Gebet schon erhören, der Schein muß ja da sein, und warum sollte ich alter Diener ihn nicht finden und so meinem seligen Herrn an seiner Familie das vergelten, was er für mich gethan hat?«

Die feste, gläubige Zuversicht, die sich in seinem ganzen Wesen aussprach, verfehlte ihre Wirkung auf die Zuhörer nicht. »Gott gebe es,« sagte der Schulze ernst.

»Heut' habe ich einen doppelten Glückstag gehabt,« fuhr Jakob fort, »der liebe Besuch und vorher noch eine andere große Freude. Hören Sie nur. Mr. Jansen lebt zwar wie ein Einsiedler und es kommt kaum ein Mensch zu uns; dennoch hat er sich in den Kopf gesetzt, daß das Haus nicht hübsch genug eingerichtet sei, und er will alles neu ausstaffieren. Die alten, lieben Sachen, die noch größtenteils von meinem Herrn herrühren, müssen nun auf die Rumpelkammer wandern. Die neuen Möbel für die Halle sind heute angekommen und diese wurde also ausgeräumt. Auch das Pult vom seligen Herrn kam fort nach oben. Seine Bibel hatte immer darauf gelegen und niemand hatte sich um sie gekümmert. Da faßte ich mir ein Herz und bat Mr. Jansen um das Buch, das für mich ein so köstliches Andenken an meinen Herrn sein würde. Er sah mich einen Augenblick schweigend an, dann sagte er: ›Nehm Sie sich das Bibel, ich kann nicht brauchen es,‹ und so hatte ich das liebe, alte Familiengut wieder in unserm Besitz!«

»Wie wird Christine das freuen!« sagte Heinrich. »Sie macht sich noch immer Vorwürfe über ihre Vergeßlichkeit.«

»Sobald sich eine Fahrgelegenheit nach Flundersdorf bietet, bringe ich ihr die Bibel,« versicherte Jakob. »Ich muß sie ihr selbst geben, das wird mein größtes Vergnügen sein.«

»Darf ich es ihr schon erzählen?« fragte Heinrich.

Der Alte besann sich einen Augenblick und nickte dann. »Ja, sagen Sie es ihr nur, damit sie sich nicht mehr beunruhigt. Aber bringen muß ich die Bibel selbst; sie wäre auch zu schwer für Sie zum Tragen.« –

Nun mußten die Knaben an den Heimweg denken; die Kürze des Tages erlaubte kein längeres Verweilen, denn es blieb immerhin ein starker Marsch; sie rechneten auf den Mond, der bereits am Himmel stand. Der Schulze und mehrere Männer aus Schönwiese ließen es sich nicht nehmen, ihnen das Geleit zu geben, und so schritten sie tüchtig darauf los.

Noch immer kam der Wind aus Süden, aber er hatte sich verstärkt und manchmal sauste er in kurzen, scharfen Stößen daher; dann schien er sich wieder ganz zu legen; dunkle Wolken zogen über den Mond, und ihre Schnelligkeit bewies, daß in den oberen Luftregionen nicht die Ruhe herrschte, wie in der Nähe der Erde.

Die Männer schauten prüfend aus: »Der Wind geht nach Westen herum,« sagten sie, »es wird nicht allzulange dauern, bis wir ein schweres Wetter bekommen.«

Sie verabschiedeten sich nun und kehrten um; Heinrich und Günther setzten ihren Weg schnell fort, und als der Vater den Theetisch gerüstet hatte, trafen auch sie ein. Sie hatten sich bereits beunruhigt, denn der Wind steigerte seine Heftigkeit von Viertelstunde zu Viertelstunde und das Meer schäumte und brauste.

Die beiden Knaben hatten viel zu erzählen; auch Herr Martin Jansen lauschte mit Spannung auf alles, was sie von Schönwiese berichteten, und als sie von der Bibel sprachen, freuten sich alle sehr, besonders aber Christine. Es war ein behagliches Bild, welches das hell erleuchtete Zimmer bot: die Fensterläden waren geschlossen, die Vorhänge zugezogen, der große Ofen strahlte eine gemütliche Wärme aus, der runde Tisch war mit Büchern, Zeitungen, Handarbeiten bedeckt und um denselben saßen fröhlich plaudernde Menschen. Nur zuweilen unterbrachen sie ihr Gespräch, um auf das Toben des Sturmes und das Brausen des Meeres zu lauschen; der Sturm hatte seine Gewalt jetzt voll entfaltet und umtobte das kleine Haus, als wollte er es in seinen Grundfesten erschüttern.

»Wie schön das klingt!« sagte Günther bewundernd. »Von solchem Sturm hat man doch weiter ins Land hinein keine Vorstellung. Schade, daß es so dunkel ist, Mond und Sterne sind meist von finsteren Wolken verhüllt. Der Anblick des Meeres müßte großartig sein.«

»Die armen Seefahrer, die jetzt von den empörten Wogen umhergeschleudert werden!« sagte Christine mit einem schweren Seufzer.

»Nun, sie werden nicht zu Grunde gehen,« meinte Heinrich. »Auf offenem Meere ist solcher Sturm nicht so gefährlich, und von der Küste werden sie sich schon fern halten.«

Allein Christine blieb schreckhaft und ängstlich und konnte ihrer Unruhe nicht Herr werden. Sie war froh, als der Vater sich zur Ruhe legte und Martha und Elschen seinem Beispiele folgten.

»Ich bleibe noch auf,« sagte sie; »bei dem Sturm könnte ich doch nicht schlafen,« und die beiden Knaben erboten sich, ihr Gesellschaft zu leisten.

Doch sie waren von ihrer Wanderung ermüdet, und so gern sie noch länger dem Wüten des Orkans gelauscht hätten, so sehnten sie sich nach Schlaf und wünschten Christine gute Nacht, die nun allein blieb. Wie beklommen und angstvoll war ihr zu Mute! Wie manchen Sturm hatte sie nun schon hier erlebt, und noch nie waren ihr die entfesselten Gewalten der Luft und des Wassers so grausig erschienen. War es die Möglichkeit, daß einer, der ihrem Herzen teuer war, durch sie gefährdet sein könnte, welche ihr die Ruhe der Seele so völlig raubte und sie in so große Angst und Besorgnis versetzte?

Sie öffnete das Fenster und schob den Laden desselben zurück; doch der wütende Sturm riß ihr denselben sogleich aus der Hand, warf ihn mit dröhnender Gewalt hin und her, und als sie sich bemühte, ihn wieder zu befestigen, raubte ihr der Orkan fast den Atem. Trotzdem trieb es sie hinaus, sie mußte hinausspähen auf die brausende See, in die Finsternis der Nacht; so hüllte sie sich fest in ein großes Tuch, das sie über den Kopf zog und trat in den kleinen Garten. Kaum vermochte sie sich auf den Füßen zu halten; um sie herum sauste, pfiff, heulte, tobte es; Meer und Sturm rasten um die Wette, ihr war, als erbebten die Grundfesten des Ufers, denn die empörte See wälzte ihre Wogen über den Strandweg und brach sich dann in dröhnendem Anprall an dem Abhang der Küste. Umsonst versuchte ihr Auge die tiefe Finsternis zu durchdringen, kein leuchtender Stern sandte einen tröstenden Strahl durch die schwarzen Wolkenmassen, die sich am Himmelsgewölbe übereinanderschoben, und in den Fischerhäusern ringsumher brannte überall Licht, welches anzeigte, daß deren Bewohner in Furcht und Angst in dieser schrecklichen Nacht wachten. Gott sei Dank, daß wenigstens keins der Fischerboote aus dem Dorfe draußen war! Die Fischer hatten alle am Abend den sicheren Strand erreichen können, hatten ihre Fahrzeuge hoch hinaufgezogen, um sie vor dem tückischen Meere zu sichern, aber doch hielt sie die Sorge wach vor dem, was diese Sturmnacht bringen konnte.

Halberstarrt mußte Christine endlich ins Haus zurückkehren; ungern gab sie auf, den Blick über die dunkle Wasserfläche schweifen zu lassen in angstvollem Suchen nach den leuchtenden Punkten, welche die Nähe eines Schiffes anzeigten, das Ohr in angestrengtestem Lauschen anzuspannen, ob nicht ein dumpfer Schall die Notschüsse verkündete, durch welche ein strandendes Fahrzeug um Hilfe und Beistand rief. So saß sie wieder im Hause, alles um sie her schlummerte, ihr kam kein Schlaf in die brennenden Augen, endlos schlichen die Stunden hin, wie flehend sie auch den Zeiger der Uhr betrachtete, der noch nie so langsam auf seinem Wege vorgerückt war. Sie sehnte sich unbeschreiblich nach dem Anbruch des Tages; vor seinem Licht würden die Schrecknisse der Nacht entweichen, und doch wie viele Stunden lagen noch zwischen dem Jetzt und dem ersehnten Morgen!

Die beiden Knaben schliefen fest und traumlos trotz des Tobens des Orkans. Erst als ein heller Lichtschimmer auf sein Gesicht fiel, erwachte Heinrich. Christine stand an seinem Bett, totenbleich, die Augen groß und eingefallen, das Haar und die Kleider triefend vor Nässe.

»Um Gottes willen, ist ein Unglück geschehen?« rief Heinrich erschrocken.

»Ein Schiff ist an unserer Küste in größter Not,« erwiderte Christine mit heiserer, tonloser Stimme. »Horch!«

Auch Günther war erwacht; beide Knaben saßen aufrecht im Bett und lauschten in höchster Spannung auf das Toben und Heulen da draußen, durch welches jetzt ein dumpfer Knall drang, dem ein zweiter und dritter folgte.

»Es sind ihre Notschüsse,« sagte Christine.

»Werden sie gehört werden?« fragte Heinrich. »Soll ich ins Dorf laufen und die Fischer wecken?«

»Ich war bereits dort,« erwiderte sie.

»Du, Christine! In dieser entsetzlichen Sturmnacht! Warum hast du uns nicht geweckt, daß wir statt deiner gingen!« rief Günther erschrocken aus.

»Ich war zu angsterfüllt! Ich konnte nicht anders, konnte keine Minute verlieren, sobald ich die Notschüsse vernahm,« antwortete Christine. »Aber es hätte dessen nicht bedurft. Die braven Männer kennen ihre Pflicht. Bei dem ersten Notsignal sind sie nach dem Schuppen geeilt, um das Rettungsboot in See zu bringen.«

»Können wir denn gar nicht helfen?« fragte Heinrich.

»Wir wollen alles in stand setzen, um Schiffbrüchige aufzunehmen, wenn deren Rettung gelingen sollte,« sagte Christine.

»Sorge auch für dich, du bist gänzlich durchnäßt,« bat Heinrich. Sie zündete Licht an und eilte hinaus, denn der Vater war wach geworden und rief nach ihr, und während sich die beiden Knaben hastig ankleideten, mußte Christine alle ihre Selbstbeherrschung aufbieten, um dem Vater den Vorgang, der ihm nicht verborgen bleiben konnte, so ungefährlich als möglich darzustellen. Auch die beiden Mädchen erwachten und kleideten sich hastig an, weinend und zitternd kamen sie herbei.

Vergebens versuchte Christine sie zu beruhigen; sie verloren Mut und Fassung; es war ihnen kaum anders, als befänden sie sich selbst auf dem bedrohten Schiff. Ihre Seelennot gab der älteren Schwester Ruhe und Geistesstärke zurück; wo so viele ihrer bedurften, konnte sie nicht auch schwach sein; da stand ja auch noch das jammernde Dienstmädchen, bereit, durch laute Klagen die Angst nur noch zu vergrößern.

»Hier heißt es helfen und auf dem Posten sein,« sagte Christine; »wir Frauen können nicht zur Rettung der Bedrohten hinaus, aber zu ihrer Aufnahme und Pflege wollen wir uns rüsten. Zünde das Feuer auf dem Herd an, Anna, damit wir jeden Augenblick heiße Getränke bereiten können; mache in den Öfen von allen Zimmern Feuer. Elschen und Martha, ihr sollt mir helfen, Betten in Ordnung zu bringen und Wäsche bereit zu halten. Alles muß wohl durchwärmt sein, denn wer in dieser Nacht den Wogen entrinnt, der bedarf sorgsamer Pflege.«

»Wir müssen hinunter an den Strand, wir können es hier nicht aushalten,« erklärten die beiden Knaben.

Christine entließ sie ungern, sah jedoch ein, daß es unmöglich sein würde, sie von diesem Vorsatz abzubringen. Sie konnte nur dafür sorgen, daß sie warm gekleidet waren und ihnen ein Glas heißen Grog geben; dann mußten sie ihr versprechen, sich nicht unnütz in Gefahr zu begeben.

Der Sturm empfing sie mit lautem Geheul und trieb sie mit unwiderstehlicher Gewalt vor sich her, so daß sie sich kaum auf den Füßen zu halten vermochten; ein eisiger Regen, mit Schnee untermischt, peitschte ihnen das Gesicht und hinderte sie am Sehen. Sie klammerten sich einer am andern fest, und ihren vereinten Anstrengungen gelang es, sich durchzuarbeiten. Mit Schaudern dachten sie an Christine; wie hatte sie sich nur allein schutzlos in diesen Schrecknissen zu behaupten vermocht?

Vor dem Schuppen, in dem sich das Rettungsboot befand, waren alle Männer des Dorfes versammelt; trübe Laternen gaben ein ungenügendes Licht; die Fackeln, welche man anzuzünden versucht, hatten Sturm und Regen wieder ausgelöscht. Danach bemühten sich einige junge Burschen, oben am Ufer auf einem Vorsprunge ein qualmendes Feuer zu erhalten, das zischend und prasselnd gegen den Regen ankämpfte; es sollte den Hilfebegehrenden ein tröstliches Zeichen sein, daß man ihre Not erkannt hatte und zum Beistande bereit war.

Undurchdringliche, rabenschwarze Finsternis lag über Land und Meer; aber wenn die dumpfen Kanonenschläge erdröhnten, so blitzte auch ein flammender Schein von dort drüben auf und gab Auskunft über das Schiff, das hilflos, eine Beute des Orkans, dem Ufer zutrieb. Verloren war es auf alle Fälle, daran zweifelte keiner der Fischer; zerschellte es nicht an den gefährlichen Riffen, die weiter hinaus diese Küste so unheilbringend machten, so würde es stranden, würde machtlos auf dem Meeresboden festsitzen und von den tobenden Wogen zertrümmert werden.

Jetzt brachte man die Pferde herbei, welche vor den Wagen gespannt werden sollten, auf dem das vollständig ausgerüstete, seefertige Rettungsboot zum Gebrauch bereit stand. Widerwillig, zitternd gehorchten die armen Tiere ihrem Führer; ihnen war nicht fremd, was man von ihnen begehrte, und mit gesträubten Mähnen und bebenden Nüstern empfanden sie die Nähe der gefürchteten See.

»Vorwärts!« hieß es. Die Peitsche knallte über das Viergespann hin, einige Männer schritten mit Laternen voraus, andere ergriffen die Zügel der widerstrebenden Tiere und zwangen sie fort.

»Seewärts!« lautete das Kommando, und der Zug wandte sich zur Rechten, um das Boot möglichst vor dem Winde ins Wasser zu bringen.

»Mannschaft ins Boot!« kommandierte der alte, aber noch rüstige Seemann, der einst als Lotse mit der See gekämpft hatte und nun beim Rettungsdienst angestellt war.

»Adjes, Stine, sei guten Mutes!« sagte ein junger Mann zu seinem Weibe, das sich an ihn klammerte.

»Ängstige dich nicht, Mutter, unser Herrgott ist bei uns,« tröstete ein anderer die alte Frau, die sich trotz ihrer wankenden Kniee mitgeschleppt hatte.

»Seid brav, meine Jungens,« sagte ein Mann, der bei einem Schiffbruch den Arm eingebüßt hatte, zu seinen beiden Söhnen, die ihm zunickten und die Hand schüttelten ohne ein Wort zu sagen.

In den dicken Flausjacken, die hohen Wasserstiefel über die Kniee gezogen, den Südwester tief im Nacken, so stiegen die Zehn, welche diesmal an der Reihe waren, in das Boot und nahmen ihre Sitze ein, sich krampfhaft an dieselben klammernd, um nicht fortgespült zu werden. Ruhig und ernst, im vollen Bewußtsein der Gefahr, aber ohne Furcht vor derselben, dachte jeder dieser einfachen Männer nicht einen Augenblick daran, sich dem Rufe der Pflicht zu entziehen; sie hatten daheim Weib und Kind oder alte Eltern, für die sie sorgten; doch jetzt galt ihnen das eigene Leben nichts, sie setzten es freudig ein zur Rettung derer, die sie nicht kannten, deren Namen sie nicht einmal wußten, die sie vielleicht nie wieder sehen würden, aber die jetzt in höchster Not ohne ihren Beistand verloren waren und sehnsüchtig nach ihrer Hilfe verlangten.

Den Bug des Bootes dem Meere zugewandt, die Mannschaft mit den Rudern in der Hand, um sie sofort zu gebrauchen, so wurden die schnaubenden, stampfenden Pferde mit dem Wagen in die See hinausgetrieben; eine mächtige Woge hatte sich eben herangewälzt und ehe die nächste ihr folgen konnte, da schwamm das Boot bereits. Die Zehn setzten die Ruder ein und strebten hinaus, der Wagen kehrte um.

Mit der Hand die Augen schützend, folgten die Blicke der Zurückbleibenden dem Fahrzeug, das nun in der Finsternis verschwand.

»Werden sie das Schiff erreichen?« fragte Heinrich den alten Lotsen, an dessen Seite er stand.

»Das steht in Gottes Hand, mein Junge,« antwortete dieser; »ich glaub's schwerlich, der Sturm ist zu arg und die See zu wild.«

Da – ein gellender, furchtbarer Angstschrei tönte zu ihnen herüber, der die beiden Knaben bis ins Innerste ihrer Seele erbeben ließ.

»Das Boot ist gekentert,« sagte der Alte ruhig.

»Und die braven Männer sind verloren?« schrie Günther auf.

»Wollen's nicht hoffen,« erwiderte der alte Seemann. »Solch Rettungsboot bleibt nicht Kiel oben, das richtet sich nach seiner Bauart von selbst wieder auf und unsere Teerjacken kommen wohl wieder an Bord.«

Wieder spähten sie mit Angst und Sorge hinaus; da tauchte das Boot dicht am Strande auf; die vereinte Kraft der zehn Insassen vermochte es nicht gegen den Orkan in die See hinauszutreiben. Mehrere Stunden dauerte dies Ringen und Mühen; doch umsonst. Zweimal war das Boot gekentert, und nur mit großer Not hatten sich die Braven gerettet; endlich sahen sie das Vergebliche ihrer Anstrengungen ein, und zum Tode erschöpft, durchnäßt, erstarrt gaben sie den Kampf auf und ließen sich auf den Strand werfen, wo sich ihnen hilfreiche Arme entgegenstreckten.

Das Schiff schwebte noch immer in höchster Not und rief mit dröhnendem Schall um Hilfe; es war jetzt in nächster Nähe der Küste, die Wogenberge hatten es hoch über die Riffe fortgeschleudert, aber nur um es dem Strande zuzutreiben, auf dem es zerschellend ihnen zur sicheren Beute werden mußte.

Arm in Arm standen die beiden Knaben noch immer unter den Männern, nicht achtend auf Frost und Nässe, die ihr Blut erstarren ließen, nur an die Not der unglücklichen Schiffbrüchigen denkend. Als das Rettungsboot auf den Strand gezogen wurde, schnürte sich ihr Herz zusammen, sie glaubten alles verloren, aber der alte Lotse tröstete sie.

»Wenn sie nur erst nahe genug sind, so versuchen wir's mit der Rettungsleine,« sagte er. »So leicht lassen wir sie nicht im Stich.«

Seine Worte belebten die sinkende Hoffnung der Knaben aufs neue. Nun begann der erste bleiche Schimmer des neuen Tages den östlichen Himmel zu erhellen und die dichte Finsternis lichtete sich allmählich. Man konnte jetzt die Umrisse des gefährdeten Schiffes wahrnehmen und sehen, wie es hilflos, mit gebrochenen Masten der Gewalt der Wogen preisgegeben war und der Küste zutrieb. Es war ein Dampfer von mäßiger Größe, der Bauart nach ein Engländer, und als es heller wurde, glaubten die scharfen Augen der Seeleute in ihm die » Wild Flower« zu erkennen, welche zwischen Hull und Stettin ihre Fahrten machte.

Die Wut des Orkans legte sich zwar etwas, als der Morgen anbrach, doch blieb es noch immer stürmisch, das Meer befand sich in größter Erregung und schien bis zum Grunde aufgewühlt. Bald schwebte das unglückliche Schiff auf dem Gipfel einer haushohen Woge, bald versank es in einen Wellenabgrund, der es den Blicken entzog, und unaufhaltsam wurde es seinem Schicksal entgegengeschleudert. Jetzt mußte der entscheidende Moment eingetreten sein, der gellende Angstschrei vieler Menschen hallte durch die Lüfte, ein Knirschen und Krachen drang durch das Brausen der Brandung und des Sturmes, und nun lag das Schiff fest, sich nach einer Seite neigend, sich hebend und senkend im Anprall der Wogen und sich immer tiefer einbohrend in den Meeresboden. Eine Sturzsee nach der andern ging über das Wrack hin, mit sich in die Tiefe reißend, was nicht genügend befestigt war. Die Menschen schützten sich gegen dies Schicksal wohl nur durch die starken Stricke, mit denen sie sich an sichern Halt festgebunden hatten.

»Die Rettungsrakete!« kommandierte der alte Lotse.

Alles war in Bereitschaft; hierauf beruhte ja die einzige Hoffnung zur Rettung der Schiffbrüchigen, denn so nahe sie dem Lande waren, so unüberwindbar war die trennende Kluft. Wie war durch die tobende Brandung ein Rettungsweg zu finden, wenn er nicht hoch durch die Luft genommen wurde?

Die Lunte war bereit, die Rakete, an der das dünne, leichte Seil, welches die erste Vermittlung bringen sollte, befestigt war, lag zur Hand, lange und genau visierte der Mann, denn es war sehr schwer bei der unablässigen Bewegung, in der sich das auf- und niederwogende Schiff befand, ein Ziel zu finden. Nun krachte der Schuß, zischend stieg die Rakete in die Höhe, neigte sich zur Seite und sauste dem Wrack zu. In höchster Spannung folgten ihr aller Augen.

Vergebens! Die Rakete fiel hinter dem Schiff ins Meer, eine zweite und dritte teilte dasselbe Schicksal. Jede frische wurde mit neuer Hoffnung begrüßt, mit größtem Eifer verfolgt und brachte doch schließlich nur Enttäuschung. Endlich, nach langem Mühen, gelang der Schuß; die Rakete fiel auf dem Deck des Wracks nieder, und ein lauter Freudenruf, der am Lande sein Echo fand, verkündete den Erfolg. Die erste Verbindung zwischen Schiff und Land war nun hergestellt, und an der dünnen Leine, deren Gewicht die Rakete in ihrem Fluge nicht hemmen durfte, wurde nun ein Kloben befestigt, in den eine andere, stärkere Leine eingeschoben war; die beiden Enden derselben blieben am Ufer und wurden hier befestigt.

Die Schiffbrüchigen holten an ihrer dünnen Leine, indem sie dieselbe aufwickelten, den Kloben aufs Schiff, befestigten ihn und besaßen nun eine Bahn, auf der das Troß, ein dickes Tau, zu ihnen herüberglitt. Einige Matrosen erkletterten den Rest des Hauptmastes, der im Sturm zersplittert war, aber doch noch den Schornstein des Wrackes überragte, und machten das Tau dort fest. Am Lande hatte man das andere Ende mit einem schweren Anker im Sande befestigt.

Nun konnte das Schiff sein Rettungsmittel benutzen; eine Art Korb wurde der Verbindungsbahn, welche das Troß darstellte, übergeben, eine Mutter mit ihrem Kinde bestieg das eigenartige Luftschiff und glitt an dem ausgespannten Tau zu den Helfern hinüber. Immer von neuem machte das schwankende Fahrzeug die gefährliche Reise. Der Kapitän des Wracks bewährte sich bis zuletzt als tüchtiger, gewissenhafter Schiffsführer; in vorzüglicher Mannszucht gehorchten ihm seine Leute und die Passagiere erschwerten ihm seine Aufgabe nicht durch Unbotmäßigkeit und sinnlose Angst. Erst wurden Frauen und Kinder gerettet, dann kamen die männlichen Fahrgäste, nach ihnen die Mannschaft, als letzter harrte der Kapitän auf seinem Posten aus, der durch die Gewißheit, daß das Schiff nicht mehr lange dem Anpralle der Wogen zu widerstehen vermochte, immer gefährlicher wurde.

Heinrich und Günther erwarteten mit gehobenem Herzen die Ankunft der ersten Geretteten. Gottlob, nun konnten sie doch auch etwas thun, brauchten nicht länger nur als müßige Zuschauer dem furchtbaren Schauspiele beizuwohnen! Heinrich nahm das Kind in seine Arme, Günther stützte sorgsam die totenblasse, erschöpfte Mutter, und so brachten sie beide zu Christine, in deren Hut und Pflege sie wohl geborgen waren.

Bis sie wieder am Strande anlangten, waren schon mehrere der Schiffbrüchigen gerettet und in den Fischerhäusern untergebracht, in deren jedem man hilfsbereit und freudig ihnen entgegenharrte. Noch einmal brachten die Knaben eine Frau mit zwei Kindern zu Christine und versprachen der Jammernden, die sich kaum über die eigene Rettung zu freuen vermochte, so lange sie von ihrem Gatten getrennt war, ihr diesen zuzuführen, so bald er auf dem Lande sein würde, und so eilten sie wieder fort, um ihr Versprechen einzulösen.

Die Frauen und Kinder waren alle glücklich geborgen, und nun wurde der erste männliche Schiffbrüchige dem Korbe entnommen; es war keine leichte Aufgabe, denn er selbst konnte nur wenig Hilfe dabei leisten; ein schwerer Gegenstand, den eine Sturzsee losgerissen hatte, war ihm über den Fuß gerollt und hatte diesen arg zerquetscht, Schmerz und Erschöpfung hatten seine Kräfte aufgezehrt; trotzdem weigerte er sich, das Wrack zu verlassen, so lange die Frauen und Kinder nicht sämtlich gerettet waren, und alle Vorstellungen des Kapitäns hatten nichts gefruchtet.

Mit äußerster Vorsicht suchte man ihm Hilfe zu leisten, als sein trauriger Zustand erkannt wurde; das schmerzliche Stöhnen, welches er nicht zu unterdrücken vermochte, bewies dennoch, welche Qualen ihm jede Bewegung bereitete.

Voll Teilnahme waren die Knaben herzugetreten und bemühten sich, den Verwundeten zu unterstützen. Da rief Heinrich plötzlich: »Doktor Hagen!«

»Du hier, lieber Heinrich, wie froh bin ich!« sagte dieser.

»Ja, und hier ist auch Günther, und oben wartet Christine auf Schiffbrüchige,« antwortete Heinrich und setzte unbefangen hinzu: »Wird sich die freuen!«

»Wird sie das?« fragte der Doktor mit so frohem Ausdruck, daß Heinrich erst jetzt einfiel, daß zwischen Christine und ihrem Verlobten alles aus sei. So zog er es vor, lieber keine Antwort zu geben, tröstete sich aber innerlich mit dem Gedanken, daß alles schon wieder in Ordnung kommen und er den netten Schwager, der ihm stets sehr gefallen hatte, doch noch erhalten werde.

Vorläufig wollte er sich diplomatisch benehmen; die Anrede blieb eine unangenehme Klippe. »Du« mochte er unter diesen Umständen nicht sagen und zum Sie konnte er sich auch nicht entschließen, so sagte er: »Man muß hier unten lieber warten, ich springe hinauf und besorge eine Matratze und etwas wie eine Tragbahre, damit man den Fuß möglichst schonen kann. Günther, du paßt auf unseren Schiffbrüchigen auf.«

Damit eilte er davon, um das Erforderliche zu besorgen. »Die Christel muß doch ein wenig vorbereitet werden,« dachte er verständig.

»Wir bringen noch einen Geretteten,« sagte er zu der Schwester; »er kann in unser Zimmer, Günther und ich, wir behelfen uns schon. Aber er hat ein bißchen abgekriegt; ganz heil ist er nicht, das heißt, er hat einen schlimmen Fuß.«

»Der Ärmste,« meinte Christine mitleidig; »bringt ihn nur vorsichtig herauf, es soll hier alles für ihn geschehen.«

»Schön, meine Matratze will ich ihm geben,« fuhr Heinrich fort, »eine Tragbahre haben wir ja. Sehr schlimm ist es übrigens nicht, sonst ist er ganz munter und denke dir nur, sogar ein Bekannter von uns. Ob du es wohl erraten würdest? Es ist –«

Christine war sehr blaß geworden, faltete die Hände über der Brust und sagte nur: »O, meine Ahnung!«

Heinrich sah sie an, es lag eine wunderbare Mischung von Freude und Schmerz in ihren Zügen. Er umschlang sie, von plötzlicher Rührung übermannt, und flüsterte: »Meine liebe Christine, meine brave Schwester!«

Nun hatte sie sich schon wieder gefaßt, dachte an alles Notwendige und während Heinrich und ein Fischer mit Matratze und Tragbahre hinabeilten, richtete sie sein Zimmer her und sandte einen Boten zum Arzt nach der nächsten Stadt. Als der Verwundete oben anlangte, konnte sie ihm äußerlich ruhig entgegentreten, zumal alles, was ihm Erleichterung verschaffen konnte, geschehen war. Doktor Hagen achtete ihren Willen; er begrüßte sie als guter Freund, aber nichts in seinen Worten deutete auf ihr früheres Verhältnis.


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