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Einige Wochen nach diesen fröhlichen Besuchern stellte sich ein sehr ernster und würdevoller Herr als Gast ein, der Herr Justizrat
Eilenberg, der den Prozeß gegen den Amerikaner führte, welcher in kurzem entschieden werden sollte. Die Augen des Gutsherrn hingen in angstvoller Spannung an den Lippen des berühmten Rechtsgelehrten, der sich sehr siegesgewiß aussprach.
»Kein Zweifel, daß wir gewinnen,« erklärte er, »nur müssen wir jenes Dokument haben, welches Ihrem Großvater die Teilung bestätigte.«
»Das ist ja eben das Unglück, daß es verschwunden ist,« seufzte Herr Jansen.
»Das kann und darf nicht sein, mein lieber Herr,« antwortete der Justizrat sehr bestimmt. »Vernichtet kann Ihr Großvater solch wichtiges Papier nicht haben, er hat es sicher aufbewahrt, also muß es zu finden sein, und ich bin hierher gekommen, um so lange zu suchen und mit Ihrer Erlaubnis das Unterste zu oberst zu kehren, bis wir das Ding gefunden haben.«
Die Zuversicht seines Beraters verlieh Herrn Jansen neuen Mut, das Suchen begann und wurde tagelang emsig betrieben; kein Winkel, kein Schubfach, kein Schrank blieb ungestört, aber alles war vergebens.
Der Justizrat nahm den alten Jakob ins Verhör. Der wußte genau von dem Besuche des amerikanischen Bruders, der mit seinem seligen Herrn viel Geschäftliches verhandelt hatte, aber stets in bester Eintracht; er war auch ins Zimmer gekommen, als der ganze Tisch mit Geldrollen und Papieren bedeckt gewesen, welche die beiden Brüder laut zählten, und dann erinnerte er sich der feierlichen Verhandlung in Gegenwart des Pfarrers und des Schulzen; aber weiter konnte er nichts erzählen.
Unverrichteter Sache mußte der Rechtsanwalt wieder abreisen. »Ich hoffe auf das moralische Gewicht unserer Gründe,« hatte er kleinlaut getröstet. »Wir sind fest von der Wahrheit der von uns behaupteten Thatsachen überzeugt, da werden wir uns doch nicht ohne Kampf ergeben, und auf einen Vergleich will sich ja unser Gegner nicht einlassen.« –
Trübe, sorgenschwere Tage folgten. Herr Martin Jansen konnte weder Ruhe noch Schlaf finden, er genoß fast gar nichts, und sein jähes Zusammenschrecken bei dem geringsten Geräusch bewies, in welch trauriger Verfassung sich seine Nerven befanden. Christine suchte ihm Mut und Hoffnung einzuflößen, doch mit schlechtem Erfolg; sie selbst bangte sehr vor der Entscheidung. Jakob schlich wie ein Geist im Hause umher, unablässig suchend; oft trieb es ihn in der Nacht vom Lager, weil ihm plötzlich ein Winkel einfiel, der noch nicht genug durchstöbert war und der sicher das Dokument enthalten mußte. Kummervoll sah er sich wiederum in seinen Erwartungen getäuscht, ohne deshalb die Hoffnung aufzugeben. Sein guter, kluger Herr konnte nichts Unvernünftiges gethan, er mußte das Schriftstück sicher aufbewahrt haben, und da würde es Jakobs Pflicht und größte Freude sein, dasselbe aus seiner Vergessenheit ans Licht zu ziehen und die Familie seines geliebten Herrn dadurch vor großem Unglück zu bewahren.
Endlich kam die Entscheidung. Herr Jansen war, wie er jetzt immer zu thun pflegte, dem Postboten weit entgegengeeilt; Christine, deren Begleitung er nicht duldete, folgte ihm in einiger Entfernung mit bangem Herzen. Nun hielt er das dicke Schriftstück in den zitternden Händen und blickte auf die großen Siegel des Justizrats, die zu brechen ihm der Mut fehlte. Endlich that er es doch; mit angstvoller Hast durchflog sein Auge den Inhalt; dann stieß er einen Schrei aus. Das Urteil war gefällt, er hatte verloren, sollte die geforderte Summe mit den aufgelaufenen Zinsen herauszahlen – das bedeutete seinen vollständigen Ruin – er und seine Kinder waren Bettler, denn alles, was er besaß, würde kaum hinreichen, um diese Schuld und die großen Prozeßkosten zu bestreiten.
Es schwindelte dem unglücklichen Manne; vor seinen Augen dunkelte es und in seinen Ohren brauste es; seine bebenden Füße vermochten ihn nicht mehr zu tragen. Am Wege lag ein großer, moosbewachsener Stein, dorthin taumelte er, um sich darauf niederzulassen; aber ehe er ihn erreicht hatte, wurde es Nacht um ihn, und mit einem dumpfen Stöhnen sank er zu Boden.
Christine hatte aus der Ferne alles mit angesehen und jetzt eilte sie mit von Angst beschwingten Füßen herbei. Daß der unglückliche Ausfall des Prozesses dies Unheil herbeigeführt, war ihr nicht zweifelhaft; aber was kümmerte sie ein Verlust an Geld und Gut jetzt, wo es sich um das Leben des geliebten Vaters handelte! Sie kniete bei ihm nieder, versuchte ihn aufzurichten, und als ihr das nicht gelang, bettete sie seinen Kopf in ihren Schoß und hüllte den leblosen Körper, dessen eine Seite eiskalt war, in ihre Kleider. So verging eine angstvolle halbe Stunde, die sich ihr zur Ewigkeit ausdehnte. Verlassen konnte sie den Vater nicht, und wo sollte sie Hilfe finden hier in der Einsamkeit, in der ihr verzweiflungsvolles Rufen ungehört verhallte?
Endlich tauchte in der Ferne eine Gestalt auf, die nun, als sie ihr Schreien verstärkte, mit Windeseile herbeiflog. Es war Heinrich, den die Unruhe aus dem Hause getrieben, als er beim Schluß der Schulstunden weder den Vater noch Christinen fand und dem der Postbote von dem dicken Briefe erzählt hatte und von der Erregung des Herrn Jansen.
»Gott sei Dank, daß du kommst!« rief ihm Christine entgegen. Der Knabe wollte sich erst seinem Jammer und Schmerz überlassen, aber sie duldete das nicht und durch ihre Selbstbeherrschung und ruhige Überlegung stärkte sie auch seine Kraft.
»Wenn wir den Vater lieben, müssen wir jetzt an ihn, nicht an uns selbst denken,« sagte sie; »so lange es zu helfen gilt, darf man nicht klagen. Laufe nach Hause, hole Leute herbei, besorge eine Tragbahre, Decken, schicke einen reitenden Boten zum Arzt, Jakob soll alles in stand setzen zur Pflege des Vaters, wenn wir ihn bringen!«
Heinrich bezwang sich mit großer Anstrengung, schluckte die Thränen hinunter und erstickte seine jammernden Klagen. »Es soll alles besorgt werden, verlaß dich drauf,« sagte er kurz und stürmte davon.
Seine verständigen Anordnungen beseitigten im Herrenhause hilflosen Schreck und unnütze Verwirrung; jeder that tief ergriffen, aber besonnen und ruhig seine Pflicht, und als der Arzt erschien, fand er den Kranken in größter Ruhe und Stille zweckmäßig gebettet und mußte lobend anerkennen, daß alles geschehen war, was sich nur ermöglichen ließ. Er verhehlte den Geschwistern, die Wahrheit von ihm begehrten, seine Besorgnisse nicht; Herr Jansen hatte einen Gehirnschlag erlitten, der die eine Körperseite vollständig gelähmt hatte. Noch war er ohne Bewußtsein, und wenn sich der Anfall wiederholte, so würde er todbringend sein. Doch war die Hoffnung nicht ausgeschlossen, daß bei Vermeidung aller Aufregungen und unter sorgfältiger Pflege eine sehr allmähliche Besserung eintreten könne, volle Genesung wohl kaum wieder.
Christine nahm das arme Elschen in ihre Arme und gestattete ihr, an ihrer treuen Brust den ersten, so schweren Kummer ihres Lebens auszuweinen, dann küßte sie dieselbe und ermahnte sie zärtlich, brav und verständig zu sein. Um zu helfen war sie noch zu jung; aber wenn sie sich ruhig und gefaßt benahm, konnte sie den andern ihre Aufgabe erleichtern. Elschen nickte und versprach unter Thränen alles. Sie verkroch sich in einen Winkel mit ihren Puppen, nahm die arme Rosalinde, die ja auch das Leid des Lebens kannte, auf den Schoß und fand einen Trost darin, ihr mit leiser Stimme zu klagen, was ihr kleines Herz bedrückte.
Heinrich mußte an den Onkel schreiben und ihm von allem Mitteilung machen, dann blieb er im Krankenzimmer, jedes Winkes gewärtig und bereit, auf den Zehen schleichend jeden Auftrag der Schwester auszuführen.
Christine wich nicht von dem Lager und verwandte kaum ein Auge von dem Leidenden; vergebens drangen Jakob und der Kandidat in sie, ihnen die Krankenwache zu überlassen und sich etwas Ruhe zu gönnen. Die Angst um den Vater, die Sorge für die Zukunft und das Ringen ihrer Seele mit einem schweren Entschlusse hätten sie doch keine Ruhe finden lassen. Gegen Morgen war der innere Kampf vorüber und sie bereit, das zu thun, was sie als ihre Pflicht erkannt hatte. Sie sandte Jakob, der seinen Platz am Fußende des Bettes als treuer Wächter behauptet hatte, zu dem Kandidaten und ließ ihn bitten, für sie einzutreten, was er mit Freuden that. Dann ging sie in ihr Zimmer und schrieb an ihren Verlobten.
Sie teilte ihm das doppelte Unglück mit, das ihre Familie betroffen hatte, und stellte ihm vor, daß sie nun nicht mehr an ihr eigenes Glück denken dürfe, sondern ihre Pflicht zu erfüllen habe, die sie an Vater und Geschwister fessele. So bat sie ihn, ihr ihr Wort zurückzugeben und ihr nicht über eine Entscheidung zu zürnen, die sie mit blutendem Herzen, aber mit unerschütterlicher Festigkeit getroffen. Sie versiegelte den Brief, nachdem sie ihren Verlobungsring vom Finger gezogen und hineingelegt hatte; dann suchte sie, wie gebrochen an Leib und Seele, ihr Lager auf. Sie betete zu Gott für den Vater, für sich selbst; zu wünschen und zu hoffen fehlte ihr jetzt der Mut; aber sie konnte in Ergebung sprechen: »Nicht mein, sondern dein Wille geschehe!«
Dann fielen ihr die müden Augen zu und sie fand in friedlichem Schlummer Kräftigung und Stärkung zur Ausübung ihrer Pflicht.
Schon am Morgen des zweiten Tages traf Herr Steffen Jansen ein, tief ergriffen von der ihm gewordenen Unglücksbotschaft. In dem Zustand des Kranken hatte sich wenig verändert; doch war es gelungen, ihm etwas stärkende Nahrung einzuflößen, und der Arzt wagte leise zu hoffen, daß die so sehr gefürchtete Wiederholung des Schlagflusses nicht eintreten, er also dem Leben erhalten bleiben werde.
Nachdem er zuerst seine Teilnahme an dem persönlichen Ergehen seines Vetters bekundet, zeigte sich Herr Steffen als kluger, umsichtiger Geschäftsmann. Er ließ sich die Prozeßakten geben, um sich einen klaren Überblick zu verschaffen, sprach mit dem Inspektor, um sich über den Wert des Gutes zu unterrichten und kam leider zu dem traurigen Ergebnis, daß der Familie auch nicht das geringste übrigbleiben werde.
Christinens Ruhe und Umsicht hatten ihm sehr gefallen, und so rief er sie zur Beratung zu sich.
»Hoffentlich wird der Vater wieder genesen,« sagte er freundlich, »aber das Sorgen und Denken müssen wir ihm abnehmen. Leider sieht es sehr schlecht aus. Du bist zwar geborgen, liebes Kind, denn Doktor Hagen ist ein Ehrenmann, der fest zu dir steht, auch wenn du ein armes Mädchen bist. Aber er besitzt kein Vermögen und sein Gehalt ist noch nicht groß genug, um deine Familie mitzuernähren. Natürlich stehe ich euch treulich bei.«
»Ich habe alles bereits bedacht,« antwortete Christine; »jetzt ist es an mir, der einzigen Erwachsenen von uns Geschwistern, für die Meinen einzutreten; aber Doktor Hagen durfte ich nicht mit solcher Bürde belasten. Ich habe ihm geschrieben und ihm sein Wort zurückgegeben.«
»Mädchen, das hast du gethan! Aber denke doch, wie lieb du ihn hattest!« rief der Kaufmann tief ergriffen aus.
»Ich konnte nicht anders, es war meine Pflicht,« erwiderte Christine einfach. »Die Pflege meines armen Vaters und das Bemühen etwas zu verdienen, werden jetzt meine Lebensaufgabe bilden.«
»Ach, liebes Kind, du bist im Wohlstand aufgewachsen und hast keine Ahnung davon, wie schwer es für ein Mädchen ist, sich das tägliche Brot zu erwerben,« sagte Herr Steffen mitleidig; »noch dazu mit der Sorge um einen Kranken belastet und ohne daß du etwas Bestimmtes gelernt hast.«
»Ich verstehe den Haushalt sehr gut,« entgegnete Christine bescheiden, »und in den langen, bangen Stunden am Krankenbette habe ich über alles nachgedacht. Das Häuschen in Flundersdorf gehört mir doch, lieber Onkel, und kann mir nicht genommen werden?«
»Es ist dein unantastbares Eigentum,« versicherte ihr bestimmt Herr Jansen.
»Nun, da sind mir deine Worte eingefallen, lieber Onkel, daß Flundersdorf doch eine Zukunft als Badeort habe. Das Häuschen liegt reizend, es wird den Leuten schon gefallen. Wenn der liebe Gott dem Vater Genesung schenkt, so wird ihm die frische Seeluft neue Kraft verleihen; wir ziehen dorthin, das Leben kostet da so wenig, und wenn wir uns recht einschränken, so kann ich von den sechs Zimmern wenigstens vier vermieten – es sind ja noch Bodenkammern da, die ich für uns zu Hilfe nehmen kann, und so verdiene ich vielleicht den notwendigsten Lebensunterhalt.«
Der Kaufherr blickte das junge Mädchen, das ihm so klar und verständig seine Pläne auseinandersetzte, wortlos an. Dann glitt eine tiefe Rührung über sein Gesicht, er zog sie in seine Arme und sagte: »Christine, ich habe Respekt vor dir. Dein Vater ist reich gesegnet durch eine solche Tochter. Daß du auf meine Unterstützung bei deinem klugen Unternehmen rechnen kannst, ist selbstverständlich.«
»Ich würde aber am liebsten ganz auf eigenen Füßen stehen,« sagte Christine mit einem schwachen Lächeln. »So dankbar ich dir auch bin, lieber Onkel, so glaube ich doch, daß es den Vater demütigen würde, wenn wir von dir annehmen müßten; mit Gottes Hilfe wird er später diese Dinge wieder übersehen können.«
»Wie du willst, mein braves Mädchen,« versetzte Herr Jansen mit einem warmen Händedruck. »Die Sache hat Hand und Fuß und ich glaube, es wird dir gelingen, so für den Vater zu sorgen. Aber dann bleiben noch die Geschwister. Für diese nimmst du doch gewiß meine Beihilfe an?«
»Wie gern!« sagte Christine freudig.
»Nun siehst du, ich nehme die beiden in mein Haus,« fuhr Herr Steffen Jansen fort. »Es war schon alles beschlossen zwischen meiner Frau und mir. Sie passen prächtig zu meinen Kindern. Mein Günther ist ein guter Junge, aber ein leichtsinniger Schlingel daneben, und Heinrich wird ihn etwas im Zügel halten, er hat mehr Charakterstärke und auch wohl eine sorgfältigere Erziehung,« fügte er seufzend hinzu. »Siehst du, mein liebes Kind, da fehlt es bei uns. Ich habe zu viel zu thun, mir bleibt nur selten Zeit für meine Familie, und meine arme Frau mit ihren schwachen Nerven kann sich nicht um die Kinder kümmern, namentlich jetzt nicht, wo die beiden großen Mädel viel in Gesellschaft gehen. Ich wünschte, sie glichen dir, aber sie haben leider nur Sinn für Putz und Tand und machen uns mit ihren Ansprüchen das Leben schwer. Kleinmartha steckt nun den ganzen Tag bei ihrer Engländerin, die recht tüchtig ist, nur besitzt sie weder Herz noch Gemüt. Meine Frau hat das Kind sehr wenig um sich, und ich möchte doch so gern, daß sie anders würde, als ihre Schwestern. Wie gut wird ihr der Verkehr mit dem herzigen Ding, dem Elschen, thun! Nun, bist du einverstanden, mein liebes Kind?«
»Du bist so gut, lieber Onkel,« antwortete Christine mit Thränen in den Augen. »Wie soll ich dir danken?«
»Ist nicht nötig, mein Kind; ich thue nur meine Schuldigkeit, denn hat dein Vater mir nicht auch treu beigestanden, als mich das Unglück bedrohte?« sagte der Kaufherr und fügte herzlich hinzu: »Brauchst dir nicht verstohlen die Augen zu trocknen, deine Thränen achte und ehre ich. Ich weiß ja, du warst wie eine Mutter zu den Kindern und es wird dir sehr schwer, dich von ihnen zu trennen. Aber glaube mir, sie sollen's gut bei mir haben, meine Frau und ich, wir wollen sie wie unsere eigenen behandeln.«
Christine wollte voll Dankbarkeit dem Onkel die Hand küssen, er duldete es jedoch nicht, nahm sie an sein Herz und versicherte immer wieder, er wünsche nur, sie wäre seine Tochter, oder seine kleine Martha gliche ihr einst.
So war die Sorge für die Zukunft zwar gelichtet, aber ein sehr schwerer Kampf stand Christinen noch bevor, als gegen Abend Doktor Hagen eintraf, um ihr ihren Ring wiederzubringen. Doch er bat und beschwor sie vergeblich; umsonst stellte er ihr vor, daß das Unglück sie nur fester verbinden könne; Christine blieb unerschütterlich, und auch der Onkel, an den sich der junge Gelehrte um Beistand wandte, vermochte nichts auszurichten.
Endlich sagte Doktor Hagen: »So nehme ich also diesen Ring zurück, doch nur um ihn in treuer Hut zu bewahren. Sobald es mir gelungen ist, eine so gesicherte Stellung zu finden, daß ich nicht nur meiner Braut, sondern auch den ihren ein Heim zu bieten vermag, werde ich wiederkehren, und dann darf mir Christine nicht versagen, dies Zeichen unseres Bundes von neuem von mir zu empfangen.«
»So wollen wir alle auf eine bessere Zukunft hoffen,« fügte Herr Steffen hinzu.
Christine jedoch bestand darauf, daß ihr bisheriger Verlobter ganz frei und durch kein Versprechen gebunden sein solle; es fehlte ihr der Mut, ihn an ihr Geschick zu fesseln, das ihr so dunkel und schwer erschien, obwohl sie sich bemühte, nach außen ihren Gleichmut zu bewahren. Die beiden Herren reisten zusammen ab, denn dem Kaufherrn mangelte die Zeit zu längerem Verweilen, vorläufig gab es nichts für ihn zu thun, es mußte alles beim alten bleiben, und die Verhandlungen mit dem Amerikaner, dem jetzigen Herrn von Schönwiese, ließen sich ja schriftlich von jedem Orte aus führen. –
Mr. John Jansen war keineswegs bösartig; aber er war von seinem guten Rechte fest überzeugt und sehr erbittert gegen die Verwandten, die ihm das nach seiner Ansicht Zustehende verweigerten. Im Reichtum aufgewachsen, hatte er sich niemals um den Ursprung desselben bekümmert; erst nach dem Tode seines Vaters wandte er sich den Geschäften zu, welche die Ordnung von dessen Nachlaß mit sich brachte, und da fand er unter den Papieren eine Abschrift der letztwilligen Verfügung seines deutschen Urgroßvaters, aber nichts, was ihm anzeigte, daß dieselbe zur Ausführung gekommen war. Ein Wunder war es nicht, daß jede ordentliche Buchführung fehlte; der amerikanische Zweig der Familie Jansen hatte sich bald auf der Höhe, bald in der Tiefe befunden, das eine Unternehmen war vom Glück begünstigt gewesen, das andere hatte an den Rand des Verderbens geführt, jetzt drängten unbefriedigte Gläubiger, bald darauf war man wieder im Besitz großer Summen. So hatte Mr. John Jansen als dermaliges Haupt der Familie den Prozeß begonnen und war nun, ohne sich durch eine weiche Regung beeinflussen zu lassen, der rechtliche Besitzer von Schönwiese geworden, denn das Gut selbst und das gesamte Vermögen des bisherigen Eigentümers reichten kaum zur Deckung der Ansprüche hin, welche Mr. John Jansen zu erheben hatte. –
Während sich der arme Kranke langsam besserte, aber doch ein an Leib und Seele gebrochener Mann blieb, unfähig zu jeder selbständigen Bestimmung und gänzlich auf die Pflege seiner Tochter angewiesen, traf Herr Steffen Jansen mit dem Amerikaner das Abkommen, daß die Familie zum Herbst des Jahres das Gut verlassen solle, damit er es mit allem lebenden und toten Zubehör übernehmen könne; nur so viel Hausrat, als das kleine Haus in Flundersdorf fassen konnte und ihr persönliches Eigentum war den Abziehenden mitzunehmen erlaubt.
Christine hielt mutig allem stand. Sobald sie den Vater für einige Stunden verlassen konnte, fuhr sie nach Flundersdorf hinüber und richtete dort alles für ihre Zwecke ein. Jakob ging ihr treulich zur Hand; der Kummer über das Unglück seiner Herrschaft hatte ihn um zehn Jahre älter gemacht und Christine mußte ihn oft trösten, wenn sie ihn fand, das greise Haupt in die Hand gestützt, während eine Thräne nach der anderen ihm über die gefurchten Wangen rann.
»Laß nur sein, Alter,« sagte sie herzlich, »man kann auch in der Armut glücklich und zufrieden sein. Jetzt wollen wir auf volle Genesung für den Vater und auf Badegäste für uns in Flundersdorf hoffen, dann wird es dir dort auch gefallen.«
»Ach, Fräulein Christine, das ist ja mein großer Kummer: ich kann nicht mit Ihnen, ich muß hier in Schönwiese bleiben,« klagte der alte Diener, mühsam sein lautes Schluchzen unterdrückend.
Christine sah ihn erstaunt an, dann sagte sie: »Beruhige Dich, Jakob, wir trennen uns nicht von dir; so lange wir ein Stück Brot im Schranke und ein Dach über dem Kopfe haben, so lange gehörst du zu uns.«
»Das weiß ich ja, Fräulein Christine,« entgegnete der Alte betrübt. »Aber mit kann ich doch nicht; ich muß hier bei dem bösen Amerikaner aushalten, bis ich den Schein gefunden habe. Mein Herr hat ihn ganz gewiß aufgehoben, er muß im Hause sein, und der liebe Gott wird mir ja so lange das Leben schenken, bis alles ans Licht gekommen ist und Schönwiese wieder uns gehört.«
Dabei beharrte Jakob; so schwer ihm auch die Trennung von seiner Herrschaft wurde, so ernstlich ihm Christine vorstellte, wie sehr der Kranke und sie seine bewährten Dienste vermissen würden, so ließ sich der alte Mann doch nicht von seinem Vorsatz abbringen. Auch Herr Steffen Jansen versuchte vergebens seine Beredsamkeit bei seinem nächsten Besuche in Schönwiese; kopfschüttelnd mußte er es aufgeben und meinte die fast kindische Hartnäckigkeit des Alters in dem Vorhaben Jakobs zu erblicken; an ein Auffinden des Dokuments glaubte er nicht mehr. Von dem Onkel erfuhr Christine, daß Doktor Hagen der Aufforderung gefolgt sei, an einer wissenschaftlichen Expedition nach den Anden Südamerikas teilzunehmen, die ihn vielleicht jahrelang fernhalten würde und die seinem Namen einen guten Klang in der Gelehrtenwelt sicherte. Er war bei Herrn Steffen Jansen gewesen, um sich zu verabschieden und ihm Grüße für Christine aufzutragen. Sie empfing schweigend die Botschaft; nur im stillen Kämmerlein, allein mit Gott, dachte sie an ihr eigenes Leid; sonst mußten Kopf und Hände im Dienst der Ihren stehen. –
Mit beklommenem Herzen sah man in Schönwiese die Vorboten des Herbstes sich einstellen, während man sich sonst auf die trauliche Behaglichkeit des Winters gefreut hatte. Wenigstens war der Kranke so weit genesen, daß er im Fahrstuhl ins Freie konnte, wo er sich an jedem Sonnenstrahl labte, der seine matten Kräfte neu belebte. Für Christine und ihre Geschwister nahte nun das bittere Trennungsweh; sie, die so innig verbunden gewesen, mußten auseinandergehen.
»Nimm mich doch wenigstens mit dir,« bat Elschen; »ein Mädchen braucht nicht so viel zu lernen und du kannst mich ja unterrichten; ich will auch sehr fleißig und aufmerksam sein und dir gar keine Mühe machen.«.
»Es geht nicht, mein Liebling,« antwortete Christine mit schmerzlichem Lächeln. »Ich werde so viel zu thun haben, daß ich für dich keine Zeit behalten würde. Mache uns das Notwendige nicht noch schwerer.«
Elschen ließ betrübt den Kopf hängen. »Meine Rosalinde nehme ich aber mit,« sagte sie leise vor sich hin. »Die hat das beste Herz von allen meinen Puppen, und Schwester Christine hat so viel für sie gethan, sie sieht wieder ganz manierlich aus; drum weiß Rosalinde am besten, wie lieb ich meine Christel haben muß.«
»Schreibe mir nur recht oft, lieber Heinrich,« bat Christine den Bruder.
»Ja, weißt du, mit dem Schreiben ist es ein eigen Ding,« meinte dieser; »ich will nichts versprechen, was ich nicht halten kann.«
»Ach, Heinrich, ich wüßte doch so gern, wie es in und um euch steht,« bat sie, »und Elschen ist noch so jung und kann es nicht so berichten.«
»Ist auch vielleicht ganz gut, Christelchen,« sagte Heinrich; »so ganz glatt wird es nicht immer abgehen, und wenn ich etwas verübe, was nicht recht ist, kann ich es dir doch nicht erzählen und verschweigen mag ich es auch nicht.«
»Da werde ich keine ruhige Stunde haben,« sagte Christine betrübt.
»Unsinn!« schalt Heinrich. »Ich will gewiß versuchen, was ich thun kann. Aber die guten Vorsätze sind gefährlich, wie du auch weißt, deshalb fasse ich sie nicht im voraus. Weißt du,« fuhr er vertraulich fort, »der Günther ist ein schneidiger Bengel, dabei schrecklich klug, aber ich habe doch gemerkt, er thut, was er will und es kommt ihm nicht darauf an, seinem Vater etwas vorzuflunkern. Na, das habe ich doch noch nie gethan, und lernen möchte ich es auch nicht. Aber darüber sprechen kann ich in keinem Falle. Glaube mir, Christel, ich will das meine schon thun und immer an dich denken, wenn es etwas durchzufechten giebt.«
»Ach, nicht an mich, lieber Heinrich, an einen Höhern,« bat sie.
»Natürlich an alles, was du mir immer gesagt hast, das meint dasselbe,« erwiderte er.
»Und achte auch auf Elschen,« bat Christine wieder; »sie ist so gut, aber ein kleiner Leichtfuß ist sie immer gewesen.«
»Und ob!« meinte der Bruder. »Na, ich will sie nach Kräften bemuttern, so viel ich nämlich bei mir selbst übrig behalte. Ängstige dich nur nicht, du liebes Schwesterchen, treu und ernst meine ich's, da wird mir der liebe Gott ja wohl weiter helfen.«
Damit umschlang er die Schwester und schmiegte sich dicht an sie, um die Thränen, die ihm in die Augen getreten waren und deren er sich schämte, zu verbergen, und Christine wußte, daß er gut gerüstet das Vaterhaus verließ.
Herr Steffen Jansen kam selbst, um seine Pflegbefohlenen abzuholen; schließlich ging alles sehr rasch und hastig; der Amerikaner hatte seine bevorstehende Ankunft angemeldet und dann wollte die Familie um jeden Preis aus dem Hause sein. Der Vater hatte keine klare Vorstellung davon, was diese Veränderung zu bedeuten habe, und freute sich auf den Umzug nach Flundersdorf, wo er, wie man ihm sagte, ganz gesunden solle; ebenso ging die Trennung von seinen jüngeren Kindern fast spurlos an ihm vorüber; er hatte sie wenig um sich gehabt, da er sehr ruhebedürftig war und fühlte sich zufrieden, wenn ihm nur Christine blieb.
Diese ermannte sich und ertrug mit äußerer Ruhe allen Trennungsschmerz; die Geschwister hingen weinend an ihrem Halse; sie tröstete dieselben und ermahnte sie zur Selbstbeherrschung und zur Rücksichtnahme auf ihr neues Heim, das sie nicht mit zu trüben Gesichtern betreten durften. Als sie abgereist waren, wurde die Überführung des Vaters bewirkt; es war seine erste weitere Ausfahrt, der Christine und der Arzt nicht ohne Besorgnis entgegensahen. Es machte sich jedoch besser, als sie gedacht, und in wenigen Tagen hatte sich der Kranke in die neuen Verhältnisse eingelebt und fühlte sich wohl darin.
Nun kam Christine erst zur Besinnung; sie ordnete alles im Hause und richtete sich ein. Da gewahrte sie etwas, was sie mit großer Betrübnis erfüllte. Die Bibel des Großvaters war in Schönwiese geblieben. Sie hatte sie selbst mit herüberbringen wollen und in dem Tumult um sie her, in dem bewegten Abschiednehmen von der geliebten alten Heimat und den treuen Menschen, die sie dort zurückließ, in der Sorge um den Vater hatte sie das teure, liebe Erbstück vergessen. Jetzt war bereits der Amerikaner eingetroffen und hatte von allem Besitz ergriffen und etwas von ihm als Geschenk erbitten, das ließ Christinens Stolz nicht zu.
Als Jakob an einem der ersten Sonntage herüberkam, klagte sie ihm ihr Leid; er erbot sich zwar, bei dem neuen Herrn das Gesuch um die Bibel anzubringen, gab sich aber zufrieden, als Christine dies nicht wollte. Der Amerikaner war zwar nicht unfreundlich gegen seine Leute, aber kühl und geschäftsmäßig, und er zeigte unverhohlen den Groll, den er gegen den früheren Besitzer hegte. Da hätte eine Bitte wohl kaum Erfolg gehabt.