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Hof
Schönwiese war ein beneidenswertes Besitztum mit seinem stattlichen, altmodischen Herrenhause, seinen gut erhaltenen Wirtschaftsgebäuden, dem ausgedehnten, sorgfältig gepflegten Parke, den großen Strecken fruchtbaren Ackerlandes und dem Reichtum von saftigen, fetten Wiesen, auf denen Pferde und Rinder von bester Zucht weideten. Das Gut war seit undenklichen Zeiten Eigentum der Familie
Jansen – braver, rechtlicher Menschen, die sich den Fortschritten und Anforderungen der Jetztzeit nicht verschlossen, dabei aber doch die Einfachheit und alten Sitten ihrer Vorväter liebten und bewahrten. Schönwiese lag etwa zwei Meilen von der See entfernt und war durch die neu erbaute Eisenbahn, die an der Küste entlang führte, seiner einstigen Abgeschiedenheit entrückt worden, sehr zur Freude seines Besitzers, der nun die Erzeugnisse des Gutes besser verwerten konnte, weil sie sich leichter fortschaffen ließen.
Dennoch war Herrn Jansens Stirn oft umwölkt und die Sorge saß unsichtbar neben ihm. Das machte der böse Prozeß, in den er nun schon seit einem Jahre verwickelt war. Er war ja felsenfest von seinem guten Rechte überzeugt und sein Anwalt suchte ihn auch zu ermutigen, fügte aber stets hinzu: »Nur das eine Dokument müssen Sie beschaffen, Herr Jansen, davon hängt alles ab. Wenn wir das haben, und wäre es auch nur in einfacher Briefform, so haben wir gewonnen und können unsere Gegner mit Schimpf und Schande heimschicken.«
Ja, aber gerade dies Schriftstück war nirgends aufzufinden trotz alles Suchens, und so sehr Herr Jansen auch auf das Wort und die Versicherung seines verstorbenen Großvaters baute, daß jene Forderung befriedigt sei, so bedurfte es doch der Beweise; – die hatte er nicht und damit fing die sorgenvolle Kette immer von neuem an und fesselte ihm Sinn und Gedanken.
Als aber das liebe Weihnachtsfest herannahte, machte sich Herr Jansen von allem frei, was ihn bedrückte. Von jeher hatten innige Frömmigkeit und fester Christenglaube in der Familie geherrscht und man hatte stets in froher Gemeinschaft der Engelsbotschaft gedacht, die Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen verkündete. In diesem Jahre war das um so mehr der Fall, als zugleich ein schönes Familienfest gefeiert wurde, die Verlobung der ältesten Tochter Christine mit Herrn Doktor Hagen, einem jungen Gelehrten, der bereits namhafte Erfolge auf seinem Gebiete, dem Studium der Botanik, zu verzeichnen hatte. Christine war eine glückliche Braut und der Vater legte mit vollem Vertrauen ihre Hand in die des neu gewonnenen Sohnes; dennoch war er nicht frei von Wehmut. Christine hatte es seit Jahren zu ihrer Lebensaufgabe gemacht, dem Vater und den beiden Geschwistern die heimgegangene Mutter zu ersetzen, und ihr stilles, unermüdliches Walten im Hause, ihr segensreicher, liebevoller Einfluß auf die Kinder, ihr treues Anteilnehmen an den Sorgen und Plänen des Vaters würden überall vermißt werden und durch nichts zu ersetzen sein.
Doch solche Betrachtungen durften ihrem Glücke nicht hindernd in den Weg treten; hatte sie doch seit Jahren geduldig geharrt und sich von dem treuen Bewerber immer wieder eine Frist erbeten, weil sie sich unentbehrlich im Vaterhause sah. Nun waren die Geschwister herangewachsen; Heinrich, trotz seines Jugendübermutes, treu und fest, war in sein fünfzehntes Lebensjahr getreten und würde allmählich zur Stütze des Vaters heranreifen, und das elfjährige Elschen sollte später zur Schwester in die Stadt kommen, um auch ferner unter ihrer treuen Hut zu bleiben.
Im alten Herrenhause rüstete man alles zur Aufnahme von Gästen. Der Vetter, der in der großen Handelsstadt als reicher Kaufherr lebte, hatte die Einladung für die Neujahrszeit für sich und seine ganze Familie angenommen und wollte zur Feier der Verlobung eintreffen. Die Verwandten hatten bisher wenig von einander gesehen, die Reise war gar zu beschwerlich gewesen; doch nun, da die Eisenbahn fertig war, brauchte man die Fahrt durch die weite, winterliche Ebene nicht mehr zu scheuen und konnte den Familienverkehr, der fast ganz geruht hatte, wieder neu beleben.
Heinrich und Elschen waren voll Freude und Jubel; Besuch war ein seltenes Ereignis im einsamen Schönwiese, und nun gar der Vetter mit Günther und Martha, die fast in einem Alter mit ihnen standen; da fand jeder von ihnen einen guten Kameraden. Um die beiden großen Cousinen, Hilda und Charlotte, würden sie sich nicht viel kümmern, und selbst Tante und Onkel, wie sie den Vetter und seine Frau nannten, erschienen ihnen als Nebenpersonen. Christine nahm ihre Gedanken zusammen, nötigte den Bräutigam, mit dem Vater Schach zu spielen und schritt durch Küche und Keller, den festlich geschmückten Speisesaal und die Fremdenzimmer, um sich zum letzten Male zu überzeugen, daß alles in bester Ordnung war.
Jetzt ließ sich lautes Schellengeläute hören, das rasch näher kam; es war der Schlitten, der die Erwarteten von der nächsten Bahnstation abgeholt hatte und nun hielten die dampfenden Pferde, und aus dem großen, mit Decken und Pelzen reichlich ausgestatteten Gefährt stieg die Familie des Herrn Steffen Jansen, eines nach dem andern. Zuerst sprang Günther heraus, ein schlanker, hoch aufgeschossener Junge, der sich sogleich an die Begrüßung der Verwandten machte, bei dem Onkel anfangend.
Doch dieser schob ihn bei Seite. »Gemach, mein Junge, erst muß ich euch alle wohl geborgen da drinnen haben,« sagte er freundlich und bot den Damen seinen Beistand.
Kleinmartha, wie sie noch immer scherzend genannt wurde, wenn man sie nicht gar das Baby hieß, stand in der großen Halle und ließ sich von Elschen aus ihren Hüllen herausschälen; die älteren Schwestern folgten seufzend und ächzend, und Frau Jansen, eine blasse, angegriffen aussehende Dame, ließ sich erschöpft in den Armsessel gleiten, der in der Halle beim flackernden Kaminfeuer stand.
»Etwas durchgefroren und durchgerüttelt, Frau Cousine?« fragte der Hausherr in freundlicher Besorgnis. »Nun, lassen Sie's gut sein, wir heizen hier ein von außen und innen, da soll's ihnen bald behaglich werden! Trinken Sie ein Glas heißen Grog, es ist das beste Mittel gegen unseren scharfen Seewind, und hier meine Christine versteht den Trank zu brauen.«
Diese hatte sich der Tante mit einer Tablette genähert, auf der die dampfenden Gläser standen. »Jene sind für die Herren,« sagte sie, auf die dunkler gefärbte Mischung deutend, »nimm dies hier, liebe Tante; in unserm Klima kann man das wohl vertragen.«
Frau Jansen wandte sich schaudernd ab. »Wie kannst du so etwas von einer Dame verlangen, meine Liebe; ich bitte um eine Tasse Thee, höchstens etwas Arrak dazu.«
Christine gab dem alten Diener, der im einfachen, dunklen Tuchrocke bereit stand, den Auftrag und wandte sich etwas eingeschüchtert zu den Cousinen. »Ich weiß nicht, ob ich euch anbieten darf?« fragte sie unsicher.
»Sicherlich nicht, höchstens einen Schluck Glühwein,« sagte Hilda und fügte dann hinzu: »Hu, das war eine schauerliche Fahrt! So schlimm hätte ich's mir doch nicht vorgestellt, sonst hätte mich keine Macht der Erde hergebracht.«
»Ja, und was wir im Stich gelassen haben,« klagte Charlotte. »Jetzt giebt es jeden Tag etwas: einen Ball oder wenigstens eine Tanzgesellschaft, die Eisfeste und Schlittenpartien gar nicht mitgerechnet.«
»Da habt ihr uns allerdings ein großes Opfer gebracht und wir haben euch herzlich wenig zur Entschädigung zu bieten,« sagte Christine etwas betrübt.
»Es war kein glücklicher Einfall von Papa, auf dieser Winterreise zu bestehen,« mischte sich Frau Jansen in die Unterhaltung. »Im Sommer wären wir viel lieber gekommen.«
»Aber wir wollten doch Verlobung feiern und das geht nicht alle Tage« rief Herr Steffen Jansen. »Komm her, Christine, Mädchen, und laß dich besehen! Wie hübsch und stattlich du geworden bist! Ein frisches Röschen neben meinen bleichen Lilien da. Das macht das gesunde Landleben! Wer doch auch so in Ruhe und Stille seine Tage verbringen könnte! Aber nun meinen herzlichen Glückwunsch, und auch Ihnen, Herr Doktor!«
Er schüttelte dem Bräutigam die Hände und umarmte und küßte Christine. »Wir wollen gute Nachbarschaft halten, wenn ihr an die Universität kommt,« sagte er. »Mit dem Schnellzug braucht man ja kaum eine Stunde, da wollen wir's gut benutzen.«
»Ja, wir freuen uns auch sehr darauf,« rief Hilda aus. »Weißt du, Christine, die Universitätsbälle sollen reizend sein. Du wirst uns doch dazu einladen.«
»Daran habe ich noch gar nicht gedacht, ich habe solche Vergnügungen noch gar nicht kennen gelernt,« sagte Christine.
»Da mußt du ja ein schauerliches Leben geführt haben,« meinte die Tante. »Nun, das läßt sich nachholen, als junge Frau mußt du es um so flotter treiben. Nicht wahr, Herr Doktor, Sie werden es sicher als Ihre erste Pflicht betrachten?«
Das Brautpaar tauschte ein Lächeln aus. Ein behagliches, gemütliches Heim, in dem die Frau sich bemühte, ihren von ernsten Studien in Anspruch genommenen Gatten in seinen Mußestunden zu erheitern, gemeinsames Streben und Arbeiten, das war ihr Zukunftsbild gewesen, aber rauschende Feste und Vergnügungen standen nicht auf ihrem Programm, wenn auch eine edle und anregende Geselligkeit nicht fehlen sollte.
Heinrich und Günther waren schon im besten Einvernehmen. »Famoser Kerl, euer Kutscher,« sagte dieser; »er hat versprochen, daß er mir morgen einen Gaul satteln will. Nachher wollen wir ihn im Stall besuchen.«
»Versteht sich, du mußt doch meinen Hektor bewundern,« rief Heinrich.
»Wer ist denn das?«
»Ach, ein Brauner; er ist jetzt zwei Jahre alt; nächsten Sommer kann ich ihn manchmal in Gebrauch nehmen, mit großer Vorsicht natürlich,« erzählte Heinrich. »Früher hatte ich einen Pony, aber der bekommt nur noch das Gnadenbrot, höchstens Elschen fährt mit ihm spazieren; für solch Mädel ist er immer noch gut genug.«
Günther nickte einverstanden. »Du hast's wahrlich gut. Wie steht's denn mit dem Lernen? Mußt du dich sehr quälen?«
»Jetzt habe ich Ferien,« entgegnete Heinrich, »und da giebt mir der Herr Kandidat nichts auf. Sonst versteht er keinen Spaß und ich muß tüchtig 'ran. Nee, das hilft nun einmal nichts und man muß sich darein ergeben.«
»Bist doch gewiß besser dran, als ich,« meinte Günther. »Dein Kandidat scheint nicht ohne vernünftige Ansichten zu sein, und einer kann einem doch das Leben nicht so schwer machen, als ein Dutzend, wie man sie auf dem Gymnasium auf dem Halse hat. Weißt du, wenn ich Kaiser wäre, ich schaffte das viele Lernen ab. Es kommt nichts dabei heraus, raubt der Jugend die Lust und den Mut, und drei Viertel von dem Kram ist doch nur Bücherweisheit.«
»Papa und der Herr Kandidat sprechen ganz anders,« sagte Heinrich bedenklich, »und ich arbeite eigentlich nicht ungern. Es ist doch unsere Pflicht, und die muß man erfüllen.«
»Das sind so Ansichten, wie man sie dir hier in der Abgeschiedenheit nicht verargen kann,« meinte Günther herablassend. »Du wirst andere Begriffe kriegen, wenn du mich einmal besuchst und meine Freunde kennen lernst. Schneidige Jungen, sage ich dir, da steckt 'was drin.«
Heinrich sah den Vetter etwas betreten an; er sah so forsch aus in seiner farbigen Schülermütze, die ihm keck auf dem einen Ohre saß, dazu war er so elegant angezogen und so sicher in seinem Auftreten und überzeugt von seinen Ansichten. War er selbst wirklich so zurückgeblieben hier auf dem Lande? Aber das Rechte und das Wahre müßte doch dasselbe auf der ganzen Welt sein? Er wollte mit Christine darüber sprechen; die Schwester war ja stets seine Zuflucht, mochte er Beistand und Hilfe brauchen auf welchem Gebiete es war. Jetzt blieb keine Zeit zu langen Überlegungen; sie waren auf dem Gutshofe, die Hunde umsprangen sie bellend, und aus der Thür des Pferdestalles winkte der alte Kutscher dem Gaste ein freundliches Willkommen zu.
Christine hatte indessen die Tante und die Cousinen in die für sie bestimmten Gemächer geleitet, und zwar mit etwas beklommenem Herzen. Vorhin noch war ihr alles so traulich und behaglich erschienen, jetzt fragte sie sich, ob es den verwöhnten Damen wohl genügen werde. Sie sagte einige schüchterne Worte.
»Schon gut, mein liebes Kind,« erwiderte die Tante herablassend. »Wir bleiben ja nur kurze Zeit und da wollen wir uns schon behelfen. Unsere Koffer sind ja da und das ist die Hauptsache.«
Sie deutete auf die riesigen Reisekoffer, die Hutschachteln und Kartons, die ein zweiter Schlitten den Herrschaften nachgefahren hatte.
»Du bist wohl so gut und schickst uns deine Jungfer, liebe Christine?« bat Charlotte. »Es ist allerdings wenig für drei Damen, aber wir wollen uns einrichten.«
»Ich habe keine Kammerjungfer, und unsere Mägde eignen sich wenig für solche Dienste,« gestand Christine erschrocken. »Darf ich euch nicht behilflich sein?«
Die drei Damen sahen sie entsetzt an. »Keine Kammerzofe! Wie kann man so existieren! Hätten wir davon nur eine Ahnung gehabt! Wir hätten natürlich Flora oder Lisette mitgebracht. Was soll nun aus uns werden?«
In hilflosem Jammer saßen sie da. Christine half, wo sie nur konnte, verstand aber zu wenig von den Künsten und Geheimnissen der Toilette, um von großem Nutzen sein zu können. Sie sah sehr niedergeschlagen aus, als sie endlich als unbrauchbar von den Damen entlassen wurde und nun ihrem Verlobten auf dem Korridor begegnete.
»Was giebt's? Ihr habt euch doch nicht gezankt?« fragte er sie neckend.
»Schlimmer als das, Emil, wir stehen gar nicht auf derselben Stufe der Kultur; jetzt erkenne ich erst, was du für eine unzivilisierte Frau bekommst.«
Er blickte ihr lachend und doch voll aufrichtiger Verehrung in die Augen. »Ein Edelstein bist du, wenn auch in einfachster Fassung,« sagte er. »Gott bewahre mich vor solchen Modedamen!«
Christine errötete und eilte davon, obschon er sie nicht gern entließ. Martha war ihr eingefallen, die sie ganz vergessen und nach der weder Mutter noch Schwestern gefragt hatten. Doch sie brauchte sich um die Kleine nicht zu sorgen. Aus der anfänglichen Befangenheit, die ihnen kaum zu sprechen erlaubte, hatte sich zwischen ihr und Elschen schnell Freundschaft entwickelt, und die beiden Kinder saßen in Elschens Spielzimmer, das an Christinens Stübchen stieß, in die Puppenwirtschaft vertieft, welche sich hier in schönster Ordnung und in großer Vollkommenheit vorfand.
Die Puppen hatten ihrem Gast zu Ehren ihren besten Staat angelegt; sie saßen um den Theetisch, der zierlich gedeckt war; in der Küche blitzte und blinkte alles, der Kaufladen war reichlich mit Rosinen, Mandeln und ähnlichen guten Dingen ausgestattet. Das schöne Himmelbett stand mit geschlossenen Vorhängen da und nun lugte Martha neugierig hinein, während Elschen eifrig beschäftigt war, all die Dinge, die ihr kleiner Gast achtlos durcheinander warf, wieder an ihre Stelle zu bringen.
»Hu, was liegt da für ein Greuel in dem hübschen Bettchen!« rief Martha, eine arme Puppe mit verblichenen: Gesicht und eingedrückter Nase, deren Haarwuchs schlimmen Schaden erlitten hatte, verächtlich bei Seite werfend.
»Ach, das ist meine arme Rosalinde, die Heinrichs Teckel so arg zugerichtet hat!« seufzte Elschen und nahm die Verunglückte zärtlich in ihre Arme.
»Warum wirfst du sie nicht fort?« fragte Martha. »Spielen kannst du ja doch nicht mehr mit ihr, und du hast ja Puppen genug.«
»Meine arme Rosalinde fortwerfen, weit sie solch Unglück gehabt hat?« rief Elschen erschrocken aus. »Ach, ich habe mich damals so gefreut, als ich sie bekam und habe immer so schön mit ihr gespielt, und daher muß ich jetzt erst recht gut gegen sie sein! Christine sagt, so macht es eine Mutter auch; die hat immer dasjenige Kind am liebsten und behandelt es am zärtlichsten, das krank und gebrechlich ist.«
Martha sah sie erstaunt an. »Thust du denn immer, was dir deine Schwester sagt?«
»Manchmal nicht, wenn ich unartig bin,« gestand Elschen bekümmert. »Aber es dauert nicht lange, dann sehe ich wieder ein, daß Christine immer recht hat, und wenn ich sie um Verzeihung bitte, ist sie gleich wieder gut, und dann kann ich erst wieder froh werden.«
»Bei uns ist das ganz anders,« sagte Martha. »Meine Schwestern kümmern sich nicht viel um mich und meistens bin ich ihnen im Wege. Sie schelten mich und nennen mich eine garstige Kröte, wenn ich nicht für sie laufen und springen will, und ich – nun, ich ärgere sie recht gern, wenn ich kann,« gestand sie errötend ein.
»Das muß schrecklich sein,« meinte Elschen, und Martha sagte weiter nichts, aber sie nahm ihr die arme Rosalinde ab und legte sie sanft und sorgfältig wieder in das schöne Himmelbett. –
Herr Steffen Jansen saß im Gemach des Hausherrn und ließ sich den alten Rheinwein und die gute Cigarre dazu wohl schmecken.
»Ihr Landleute seid doch glückliche Menschen,« sagte er; »ihr lebt in Ruhe und Behagen aus eurem Eigentum, und von dem Jagen und Hasten, von dem Spekulieren und Rechnen, mit dem wir im Kontor und an der Börse uns zu plagen haben, habt ihr keine Ahnung.«
»Es sind auch schlechte Zeiten für die Landwirtschaft,« sagte Herr Martin Jansen seufzend.
»Nun, in Schönwiese kannst du's aushalten,« meinte sein Vetter. »Das Gut hat vortrefflichen Boden und ist in bestem Stande, und da du die Eisenbahn so nahe bekommen hast, läßt sich auch alles gut verkaufen, und Schönwiese ist an Wert sehr gestiegen.«
»Das wohl,« erwiderte der Hausherr und setzte seufzend hinzu: »Wenn nur mein Prozeß nicht wäre!«
»Du wirst ihn doch gewinnen,« entgegnete Herr Steffen zuversichtlich. »Freilich, unangenehm bleibt so was immer, aber es geht vorüber.«
»Daß auch gerade dies Schriftstück nicht aufzufinden ist, das allem sogleich ein Ende machen würde!« seufzte sein Vetter.
»Wie so? Was willst du damit sagen?« fragte der Kaufherr begierig. »Mir ist die ganze Geschichte nicht klar, erzähle.«
»Ja, siehst du, das stammt von lange her,« fing Herr Martin Jansen an. »Mein Urgroßvater, ein schlichter, arbeitsamer Mann, hatte zwei Söhne; mein Großvater artete ihm nach, den andern trieb sein unruhiger Sinn in die weite Welt.«
»Der glich vermutlich seinem Onkel, meinem Urgroßvater,« warf Herr Steffen Jansen lächelnd ein; »von dem stammt ja unsere Verwandtschaft her; wir sind Vettern im – ich weiß nicht – wievielsten Glied.«
»Haben aber doch stets treu zusammengehalten und uns als echte Verwandte betrachtet,« sagte Herr Martin.
»Das will ich meinen,« bekräftigte Herr Steffen mit herzlichem Händedruck. »Ich werde es dir nie vergessen, wie du mir in der schweren Handelskrisis vor fünfzehn Jahren, als mein Haus durch den Zusammenbruch befreundeter Firmen ins Wanken kam, dein halbes Vermögen zur Verfügung stelltest. Dir danke ich es, wenn ich heute ein reicher Mann bin.«
»Du hättest mir ja auch beigestanden, wenn es mir schlecht ergangen wäre,« sagte Herr Martin Jansen einfach. »Aber nun höre. Mein Urgroßvater bestimmte in seinem Testament, daß Schönwiese an den Großvater fallen und der andere Sohn, obwohl er der ältere war, durch Geld entschädigt werden solle; dazu fügte er den Wunsch, die beiden möchten alles brüderlich, ohne gerichtliche Einmischung, ordnen. Das ist denn auch geschehen. Sie bewirkten die Teilung in bestem Einvernehmen, wie sie sich stets sehr lieb gehabt hatten, und mein Großonkel kehrte nach Amerika zurück, wo er Weib und Kind und großartige Pflanzungen besaß. Bald darauf starb er.«
»Er hatte doch hoffentlich vorher eine genügende Bescheinigung ausgestellt, daß er mit allen Ansprüchen abgefunden war?« fragte der Kaufmann.
»Der Großvater hat es öfter gesagt; es hat auch niemand Anfechtungen erhoben,« erwiderte der Gutsherr. »Jetzt, vor Jahresfrist, meldet sich ein Amerikaner, ein Urenkel des Verstorbenen, verlangt den Anteil seines Großvaters mit Zins und Zinseszinsen und bestreitet, daß derselbe je ausgezahlt sei.«
»Und ist dein Schein nicht in voller Ordnung, um das Gegenteil zu beweisen?« fragte Herr Steffen.
»Das ist ja eben das Unglück, daß das Papier nirgends zu finden ist.«
Herr Steffen sprang auf. »Wie ist so etwas möglich!« rief er aus. »Wie kann man so unverantwortlich leichtsinnig mit einem so wichtigen Dokument umgehen!«
Sein Vetter zuckte die Achseln. »Es ist allerdings schwer zu begreifen. Aber wir legten so wenig Wert auf das Schriftstück; in Wahrheit haben weder mein Vater noch ich je seiner gedacht. Der amerikanische Zweig unserer Familie ist uns vollständig entfremdet und die ganze Angelegenheit in Vergessenheit geraten. Wahrscheinlich hat schon der Großvater den Schein vernichtet oder verloren.«
»Wie könnte man einem vernünftigen Menschen etwas Derartiges zutrauen?« widersprach der Handelsherr.
»Vergiß nicht, daß der Großvater ein einfacher Mann war, der seine Bildung nicht dem Lernen, sondern dem Leben verdankte. Unser Geschlecht ist alt, aber unsere Vorfahren waren ursprünglich doch nur Bauern. So galt dem Großvater das gesprochene Wort mehr als das geschriebene, und das echt brüderliche Verfahren, das bei der Erbteilung obwaltete, ließ nie den Gedanken in ihm aufkommen, es könne einst anders in der Familie werden.«
»Und du hast gar keinen Beweis für die gerichtliche Feststellung deines Rechts?«
»Keinen, der gesetzliche Gültigkeit hat,« erwiderte Herr Martin Jansen. »In der alten Familienbibel, welche der Großvater, der ein sehr frommer Mann war, täglich zu benutzen pflegte, findet sich auf dem ersten Blatt, wo er die wichtigen Familienereignisse, Todesfälle, Hochzeiten, Geburten seiner Kinder einzutragen pflegte, der Vermerk mit dem Datum des Tages: ›Heut' verließ mein guter Bruder die Heimat, um für immer nach Amerika zurückzukehren, nachdem wir uns in den väterlichen Nachlaß geteilt und er seinen Anteil ausgezahlt erhalten hatte.‹
»Das ist allerdings etwas, aber nicht genügend,« sagte Herr Steffen mit einem Seufzer.
»Außerdem erinnert sich Jakob, unser alter Diener, den der Großvater als jungen Burschen in seine Dienste nahm, daß die beiden Brüder in feierlicher Verhandlung und in Gegenwart des damaligen, natürlich längst verstorbenen Pfarrers und des gleichfalls seit vierzig Jahren toten Schulzen von Neuhof ein Schriftstück aufgesetzt haben. Er, mein alter Jakob, mußte den Armleuchter anzünden und war dabei, als die Amtsstempel der beiden Zeugen aufgedrückt wurden. Ueber den Inhalt weiß Jakob nichts, und da er in meinen Diensten steht, kann er auch nicht für mich zeugen. Dennoch hofft mein Anwalt Günstiges von diesen beiden Zeugnissen für meine Sache, dazu das lange Schweigen jener Familie, unser geachteter Name und die Überzeugung, in der wir alle durch den Ausspruch des Großvaters, daß alles geordnet sei, gelebt haben. Aber du begreifst, daß ich nicht ruhig sein kann, bis alles geordnet ist.«
»Das begreife ich nur zu wohl, und kann lebhaft deine Unruhe mitfühlen,« murmelte Herr Steffen.
Eine lange Pause trat ein. Dann hob der Hausherr den Kopf und sagte: »Ich baue auf den lieben Gott, der mein gutes Recht nicht untergehen lassen wird. Jetzt wollen wir alle sorgenvollen Gedanken verbannen und freudig unser Beisammensein genießen. Komm zu den andern, ich höre aus dem Gartensaal ihre Stimmen, wir werden gleich zu Tische gerufen werden.«
Herr Steffen fügte sich der Aufforderung, obwohl er nicht zu begreifen vermochte, wie seinem Vetter auch nur ein ruhiger Augenblick werden konnte; und von der drohenden Wetterwolke, die über dem Hause stand, war nicht wieder die Rede.