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Die Doppelhochzeit im Hause des Handelsherrn nahte heran und sollte sehr großartig gefeiert werden. Heinrich und Elschen sahen voll Freude dem Fest entgegen, das ihnen, wie sie hofften, ein Wiedersehen mit Vater und Schwester bringen sollte. Die Genesung des ersteren machte langsame Fortschritte, der Aufenthalt an der See that ihm sichtlich wohl und so bauten die Geschwister um die Wette Luftschlösser für diesen ersehnten Besuch. Der Onkel mochte sie nicht enttäuschen; er wußte sehr wohl, daß das Befinden seines armen Vetters noch immer sehr zu wünschen übrigließ und daß eine Reise für denselben unmöglich war; aber er gönnte Christine, für die er große Zuneigung und hohe Achtung empfand, eine kleine Abwechslung und Erholung und dachte, es werde ihr gelingen, sich für einige Tage frei zu machen.
Hilda und Charlotte waren fest entschlossen, diesen ihnen so unangenehmen Besuch zu vereiteln. Sie saßen an dem großen Tische des behaglichen Bibliothekzimmers, der mit Schreibgerätschaften bedeckt war; vor ihnen lag die Liste der Gäste, daneben die gedruckten Einladungen, elegante Briefumschläge und Freimarken.
Eben war der Brief an das reiche Fräulein Ellinger fertig geworden; hier genügte das gedruckte Formular nicht, außerdem hatten die Schwestern in nicht gerade zarter Weise ihre Wünsche in betreff des Hochzeitsgeschenks genannt.
»Nun muß noch an Christine geschrieben werden, der Papa besteht ja darauf,« sagte Charlotte mit einem ärgerlichen Seufzer.
»Sei unbesorgt, ich will es schon so einrichten, daß ihr alle Lust zum Herkommen vergeht,« meinte Hilda und machte sich ans Werk. Es dauerte nicht lange, so reichte sie der Schwester den Brief hin, den diese nun vorlas. Er lautete so:
Liebe Cousine!
»Die Eltern wünschen, daß Du auch eine Einladung zu unserer Hochzeit erhältst, damit Du nicht denkst, wir schämten uns Deiner in Deinen veränderten Verhältnissen. So genüge ich denn der Form, will Dir aber nicht verhehlen, daß meine Schwester und ich es sehr begreiflich finden und es Dir durchaus nicht übelnehmen, wenn Du unsere Bitte nicht erfüllst. Es würde für Dich und uns peinlich sein, wenn ein Unterschied zwischen Dir und unsern andern, vom Geschick mehr begünstigten Gästen sich bemerkbar machte. Im übrigen bleiben wir, Charlotte und ich, stets Deine Dir freundschaftlich zugethanen Cousinen.«
»So, das wird sie wohl verstehen,« sagte Hilda befriedigt.
»Ich fürchte, es wird sie sehr kränken,« meinte Charlotte; »aber wir können ihr nicht helfen. Papa würde sie uns bis zum letzten Augenblick als Vorbild hinstellen, und außerdem möchte ich nicht, daß Fräulein Ellinger mit ihr bekannt wird. Die würde auch gleich von ihr eingenommen sein, und es ist nicht nötig, daß Christine solche Freundin gewinnt.«
Damit steckte sie den Brief in den Umschlag und übergab ihn mit den übrigen dem Diener zur Besorgung. –
Christine schaffte in ihrem kleinen Gärtchen, das sauber und schmuck aussah. Der Vater saß in seinem Lehnstuhl und sah ihr lächelnd zu. Er nahm nun wieder teil an ihrem Thun und Treiben und hatte seine Freude an dem kleinen Hause mit dem hübschen Garten, welches Christine so hübsch einzurichten gewußt hatte. Nur ihre Sorgen hielt sie ihm fern und trug sie allein tapfer und ohne Klage. Sie waren nicht gering. Zwar erfüllten sie die Briefe der Geschwister jetzt mit wohlthuender Befriedigung, sie waren gern im Hause der Verwandten, lernten fleißig und machten gute Fortschritte, während jene sie nicht genug loben konnten und immer wieder von dem guten Einflusse sprachen, den sie auf ihre eigenen Kinder ausübten. Dennoch sah Christine mit Bangen der Zukunft entgegen. Sie hatte ihre geringen Geldmittel für häusliche Einrichtungen verausgabt; wenn die so heiß ersehnten Badegäste ausblieben, so fehlte ihr das Notwendige zum Leben. Daß sie der Onkel nicht im Stich lassen würde, wußte sie wohl; aber es widerstrebte ihrem zarten Ehrbegriffe, sich von ihm helfen zu lassen, da sie jung und arbeitsfähig war, und jede Unterstützung erschien ihr wie ein Almosen.
Jetzt kam der Postbote und übergab ihr mehrere Briefe, den von den Geschwistern öffnete sie zuerst. Sie schrieben voll Freude von der bevorstehenden Hochzeit, berichteten von den Aufführungen, bei denen sie mitwirken sollten, schilderten ihre Anzüge, die ganz gleich für die beiden Knaben und ebenso für die beiden Mädchen angefertigt werden sollten, vor allem aber erfüllte sie der Gedanke an das Wiedersehen mit Jubel. Christinens Herz begann schneller zu schlagen. Vielleicht ließ es sich doch ermöglichen. Auch sie sehnte sich nach den Geschwistern, und sie war noch so jung und lebensfreudig, daß die Aussicht, nach so langer trübseliger Einsamkeit einmal vergnügt unter heitern Menschen zu sein, auch ihr verlockend erschien. Vielleicht konnte sich der Vater einige Tage ohne sie behelfen, namentlich wenn Jakob als ihr Stellvertreter von Schönwiese herüberkam; sie durchflog schnell ihre Garderobe; es fand sich wohl noch etwas darunter, was sich mit geringen Kosten einfach, aber zweckentsprechend herstellen ließ.
Nun erbrach sie auch Charlottens Brief und dachte dabei: »Es ist doch hübsch von der Cousine, daß sie mir selbst schreibt und es nicht bei der gedruckten Einladung bewenden läßt.«
Doch als sie die grausamen Worte las, rollten ihr Thränen über die Wangen, ohne doch die Bitterkeit ihres Herzens zu lindern. Zorn und Ärger gegen die Cousinen gewannen die Oberhand in ihr; sie dachte nur an Rache. Sicher wußte der Onkel nichts von diesem Briefe; aber er sollte alles erfahren, sie wollte ihm das Schreiben zuschicken. Warum sollte sie sich ungestraft kränken lassen?
Lange dauerten diese unedlen Regungen nicht; dann schämte sich Christine vor sich selbst. Weil ihr die Cousinen so verletzend begegnet waren, wollte sie ihnen wieder Leid bereiten? Das durfte nicht sein. Sie bezwang sich, schrieb einige freundliche Zeilen und lehnte die Einladung dankend ab. Jetzt konnte sie mit sich zufrieden sein, wenn auch die Kränkung noch schmerzhaft fühlbar blieb. So arbeitete sie auch ruhig weiter an ihren Hochzeitsgeschenken, wundervollen Stickereien, welche durch Feinheit und Schönheit der mühevollen Arbeit die mangelnde Kostbarkeit des Materials ersetzten. Die Freude an den Geschenken war ihr zerstört, aber sie wollte der Regung nicht nachgeben, welche sie antrieb, sie beiseite zu werfen und niemals wieder anzusehen.
Herrn und Frau Jansen that es aufrichtig leid, daß Christine die Einladung ablehnte, aber sie glaubten an das Zwingende ihrer Gründe. Sie hätten ihr die Zerstreuung so sehr gegönnt, und die Kinder dauerten sie, die sich so auf den Besuch der Schwester gefreut hatten und nun betrübt mit gesenkten Köpfen umherschlichen. Erst durch den fröhlichen Tumult des Hochzeitsfestes wurden sie ihrer Kümmernis entrissen. Sie führten ihre Rollen am Polterabend zusammen mit Günther und Martha sehr gut durch und alle Gäste freuten sich an ihrem so wohl gesitteten und netten Benehmen.
Fräulein Ellinger wurde von Hilda und Charlotte mit Aufmerksamkeiten und Zuvorkommenheiten überhäuft, ohne daß sie sich dadurch verblenden ließ. Sie hatte jeder von ihnen den gewünschten kostbaren Schmuck geschenkt, ließ es sich aber nicht schwer anmerken, daß sie nun ihren Verpflichtungen mehr als genügt habe. Sie war eine scharfe und kluge Beobachterin, und so wenig ihr die Oberflächlichkeit und Herzlosigkeit der beiden ältesten Schwestern entgingen, so sehr gefielen ihr die jüngeren Kinder und sie sprach dies auch öfter aus.
»Ja, Günther und Martha machen uns jetzt viel Freude,« sagte der Vater, »der Umgang mit den anderen beiden Kindern hat ihnen so gut gethan. Christinens Einfluß wirkt auch in ihrer Abwesenheit!«
»Schade, daß ich dies Mädchen nicht kennen lerne, ich habe ihren Namen fortwährend aus dem Munde der Kinder gehört,« sagte Fräulein Ellinger. »Erzählen Sie mir doch von ihr, ist sie wirklich ein solches Muster von Vollkommenheit.«
Herr Jansen war mit Freuden dazu bereit. Er erzählte der alten Dame von dem Unglück seiner Verwandten und wie vorzüglich sich Christine dabei benommen habe; sie hörte ihm sehr aufmerksam zu und wollte alles ganz genau wissen.
Endlich sagte sie: »Diese Christine gefällt mir außerordentlich. Das ist eine andere Sorte wie Ihre Töchter, die nie große Hoffnungen erweckten und noch weniger erfüllten. Also durch die Vermietung ihres Häuschens will sich das Mädchen mit dem Vater durchbringen? Das wird ihr schwer fallen. Wer geht denn heutzutage nach Flundersdorf!«
Herr Jansen zuckte die Achseln. »Die Aussichten sind nicht groß, aber ich wollte der guten Christine nicht den Mut rauben; schließlich bin ich ja immer da.«
Fräulein Ellinger nickte einverstanden und reichte ihm die Hand. »Jawohl, Sie beweisen stets, daß Sie Kopf und Herz auf der rechten Stelle haben. Es wundert mich nur, daß Ihre Töchter Ihnen nicht mehr gleichen. – Aber diese Christine muß man unterstützen. Wer so redlich will, dem muß man auch das Können ermöglichen. Wissen Sie was? Ich reise ja doch in ein Bad, da kann ich ja auch nach Flundersdorf gehen. Auf eine gute Pensionszahlung soll es mir nicht ankommen, und da Christine ihren Vater so vortrefflich pflegt, wird sie auch gut für mich sorgen.«
Herr Jansen war sehr erfreut über diesen Plan und sprach der alten Dame seine Anerkennung ihrer Güte aus. So schieden sie als die besten Freunde. –
Christine hatte von Tag zu Tag vergebens auf Fremde gehofft; die wenigen, welche nach Flundersdorf kamen, gingen in die ihnen bekannten Wohnungen, bei ihr klopfte niemand an. So saß sie traurig über ihre Stickereien gebeugt, denn sie hatte sich aus einem Geschäft Arbeiten schicken lassen, allein der Verdienst war so gering, daß er fast gar nicht in Betracht kam; sie hatte aber doch wenigstens die Genugthuung, daß sie nicht die Hände in den Schoß legte, sondern jeden Augenblick nutzbar verwandte.
Da traf der Brief des Fräulein Ellinger ein, der ihren Kummer in Freude verwandelte. Die alte Dame meldete sich mit ihrer Jungfer, mit Schoßhund, Papagei und Kanarienvogel an und setzte selbst so großartige Bedingungen fest, daß alle Sorge von Christine genommen war. Diese bot alles auf, um es ihrem Gaste behaglich und angenehm zu machen und errang sich bald die volle Zufriedenheit des Fräuleins. Sie lebten sich sehr miteinander ein, so daß Fräulein Ellinger den ganzen Sommer dablieb und für den nächsten ihre sichere Wiederkehr in Aussicht stellte. Auch auf den Kranken hatte ihre Anwesenheit eine sehr günstige Wirkung, sie gewährte ihm Zerstreuung und Unterhaltung, belebte dadurch seinen Geist und förderte sichtbar seine Genesung. Er und die alte Dame wurden die besten Freunde, und für diese war es ein wohlthuendes Gefühl, sich dem Leidenden zu widmen und so zu etwas Gutem behilflich zu sein. –
Als alle Unruhe und Aufregung, welche die Doppelhochzeit verursachte, vorüber war, fühlte sich Frau Jansen sehr angegriffen und Stille und Zurückgezogenheit waren ihr dringendes Bedürfnis. Von ihren beiden Kindern sah sie wenig; Günther nahmen seine Lehrstunden in Anspruch, und ihre freie Zeit verbrachten er und Heinrich auf Spaziergängen oder mit körperlichen Übungen, wie es Herr Jansen für sie wünschte. Die beiden Mädchen waren bei ihrer Engländerin gut aufgehoben. Martha besaß eine geräuschvolle Lebendigkeit, welche die Mutter schwer ertragen konnte, und wenn sie sich beherrschen und stiller sein sollte, so fühlte sie sich beengt und unbehaglich, so daß sie so viel als möglich der Mutter aus dem Wege ging.
Frau Jansen empfand dies schmerzlich, und oft suchten sie trübe Gedanken heim. Der Mangel an Gemüt und selbstloser Liebe hatte sie oft bei ihren jetzt verheirateten Töchtern betrübt, würde es anders sein, wenn Martha erwachsen wäre? Würde nicht auch sie Ansprüche stellen und Opfer verlangen und dann später ihren eigenen Weg gehen ohne einen Gedanken an die Vereinsamung ihrer alternden Eltern? Wie anders war doch Christine! War nicht deren Vater glücklicher in Armut und Krankheit, als sie, die reiche Frau, im Schoße des Überflusses?
Mit solch quälenden Erwägungen lag sie im verdunkelten Zimmer auf dem Ruhebett; der Kopf schmerzte, die Augen brannten, jeder Nerv erbebte in ihr; sie konnte sich nicht beschäftigen, und doch war ihr die Einsamkeit unerträglich, aber ebensowenig mochte sie ihr Kammermädchen um sich dulden, deren Bewegungen ihr heute nicht leise genug schienen, deren Stimme sie hart und unangenehm berührte. So begrüßte sie Marthas Eintritt mit Freuden; kam das liebe Kind, um sich nach ihrem Ergehen zu erkundigen, um ein Weilchen bei ihr zu sitzen, um ihr ganz leise etwas vorzuplaudern?
Sie streckte ihr die Hand entgegen. »Ich bin wach, mein liebes Kind, komm nur her zu mir,« sagte sie freundlich. »Setz dich hierher auf den Sessel und laß mir deine liebe Hand!«
»Ach, Mamachen, ich will gleich wieder fort,« antwortete Martha arglos; »ich wollte nur fragen, ob wir mit Miß Davis eine Wasserfahrt machen dürften und draußen im Friedrichsgarten zu Abend essen? Wir möchten es so gern?«
»So willst du mich gleich wieder verlassen?« sagte die Mutter betrübt. »Ich hätte dich heute gern in meiner Nähe behalten.«
Martha entgegnete nichts und die Mutter schwieg auch. Aber schon nach wenigen Minuten konnte die erstere es nicht länger ertragen. Sie seufzte und sagte: »Dann willst du nicht? Wie schade! Es wäre so hübsch gewesen.«
»Ich habe auch nichts dagegen,« erwiderte Frau Jansen matt. »Vielleicht bin ich morgen wohl genug, um euch begleiten zu können. Heut' ist mir so einsam zu Mute, willst du nicht ein wenig bei mir bleiben?«
Martha setzte sich nieder, sehr wenig aufgelegt, eine liebenswürdige Gesellschafterin zu sein. Mit Mühe begann die Mutter ein Gespräch, nachdem sie vergeblich gewartet hatte, daß Martha etwas zur Unterhaltung thäte; doch erhielt sie nur kurze und einsilbige Antworten. Sie fühlte, daß sie sich innerlich ärgerte und aufregte.
»Ich will nur zur Miß und Elschen gehen und ihnen sagen, daß du es uns nicht erlauben willst,« sagte Martha jetzt, indem sie aufstand.
»Geh nur, ich will dich nicht zu etwas zwingen, was du so ungern thust,« erwiderte die Mutter leise, aber mit bebender Stimme; »laßt euch in eurem Vergnügen nicht stören!«
Martha erhob sich zögernd; eine innere Stimme flüsterte ihr zu, daß sie die Mutter nicht so verlassen dürfe; es ergriff sie ein Verlangen, ihr die lieben Hände zu küssen, ihr zu sagen, daß sie nirgends so gern wäre als bei ihrem Mütterchen. Daneben lockte die Wasserfahrt, der hübsche Garten mit den vielen Menschen – dort Vergnügen, hier Opfer. Sie fühlte sich nicht stark genug, das Rechte zu thun, und doch ließ sich das Gewissen nicht beschwichtigen. Leise schlich sie hinaus und langte mit betrübtem Gesicht, in sehr verdüsterter Stimmung im Schulzimmer an.
»Wir dürfen nicht, Tante hat es nicht erlaubt,« rief ihr Elschen, die bisher in freudiger Spannung gewesen, entgegen.
»Wer sagt das?« fragte Martha unwirsch.
»Ich dachte es nur nach deinem Aussehen,« lautete die Antwort.
»Kann ich nicht ein Gesicht machen wie ich will?« rief Martha gereizt.
Elschen kümmerte die Lösung dieser Frage wenig; ihre Gedanken drehten sich um die Wasserfahrt, und so sagte sie sehr vergnügt: »Dann hast du also die Erlaubnis und wir können uns zurechtmachen!«
»Davon habe ich nichts gesagt,« antwortete Martha vieldeutig.
Nun verlor ihre Cousine die Geduld und rief ärgerlich: »Daraus kann kein Mensch klug werden. So sage doch einfach ja oder nein. Dürfen wir, oder dürfen wir nicht?«
»Ich weiß es wirklich nicht,« gestand Martha nun; »Mama hatte Kopfschmerzen und ich konnte nicht viel mit ihr anfangen. So weiß ich mir ihre Antwort nicht recht zu deuten.«
»O, wie schade,« seufzte Elschen.
»Geh du zu ihr und frage sie noch einmal, so werden wir es erfahren,« schlug Martha vor.
Elschen war gleich bereit und lief hinunter. Betroffen blieb sie an der Thür stehen; das verdunkelte Zimmer, die regungslose Gestalt dort auf dem Ruhebett, ein leises, schmerzliches Stöhnen, das ihr Ohr traf, ließen sie ihr Anliegen vergessen und nur an die Tante denken. Sie mußte recht krank sein. Wie leid that sie ihr! Wie viel Mitleid hatte sie schon mit der Puppe Rosalinde gehabt, und hier handelte es sich um einen lieben, leidenden Menschen. Es fiel ihr die Zeit ein, wo der Papa so krank gewesen war; sie selbst hatte ja nur auf Augenblicke zu ihm gedurft, aber Christine hatte Tag und Nacht an seinem Lager gesessen und alles für ihn gethan, um seine Schmerzen zu lindern, und die arme Tante war hier so ganz allein!
Auf den Zehen schlich sie zu ihr und faßte leise ihre Hand. »Arme Tante, es geht dir schlecht, du thust mir so leid,« flüsterte sie.
Frau Jansen, deren Kopfschmerz sich zu unerträglicher Stärke gesteigert hatte, stöhnte leise und drückte die weiche Hand, die sich in die ihre geschoben hatte; die Teilnahme that ihr so wohl.
»Ich mache dir einen kalten Umschlag,« fuhr Elschen fort; »das that Christine auch bei mir, als mich der Kopf sehr schmerzte.«
»Auf meinem Toilettentische steht Kölnisches Wasser,« flüsterte Frau Jansen.
Elschen ging leise dorthin, nahm das Flacon und badete die Schläfen der Tante, in denen das Blut sichtbar pulsierte; dann faltete sie ein Tuch zusammen, drückte es sorgfältig in kaltem Wasser aus und legte es ihr auf die Stirn. Das Herz des Kindes floß von Mitleid über; hatte Christine sie doch gelehrt, mit jedem leidenden Wesen Mitgefühl zu haben, zum ersten Male konnte sie dies hier bethätigen, und das angeborene und anerzogene Geschick, fremde Not zu lindern, bewährte sich.
»O, das thut wohl,« flüsterte die Tante.
Elschen setzte sich still auf einen kleinen Sessel neben ihrem Lager; als es Zeit war, erneuerte sie leise und geschickt den Umschlag. So verging die Zeit, es mochte schon länger als eine halbe Stunde sein, aber sie dachte gar nicht mehr an den eigentlichen Zweck ihres Kommens.
Ein Geräusch an der Thür schreckte sie auf; sie ging hin, um leise zu öffnen und fand Martha dort stehen.
»Du kommst ja gar nicht wieder,« sagte diese mit finsterer Miene.
»Die arme Tante ist so leidend, ich wollte sie nicht verlassen,« erwiderte Elschen flüsternd. »Ich habe auch noch nicht fragen können.«
Martha war ins Zimmer getreten und Elschen beschäftigte sich jetzt wieder mit der Erneuerung des Umschlags. Die Lippen der Leidenden hauchten ein leises Dankeswort. Ein eigentümliches Gefühl erwachte in Marthas Brust; wäre es nicht ihr Platz gewesen, den die Cousine jetzt einnahm? Wer hatte größeres Anrecht auf die Pflege der Mutter als ihre Tochter? Daneben regten sich mahnende, vorwurfsvolle Stimmen und fragten sie: ›Hast du nicht deine Pflicht selbst von dir gewiesen, warst du nicht hart und lieblos gegen deine Mutter und dachtest du nicht nur an dich selbst?‹
Sie senkte den Kopf; heiße, schwere Thränen stahlen sich unter ihren Wimpern hervor; der Zorn und die Eifersucht, welche sie noch eben gegen Elschen empfand, machten edleren Regungen Platz, sie umschlang sie und bat demütig: »Laß mich dir helfen, zeige mir, wie ich es machen muß, ich möchte auch gern etwas für meine Mama thun.«
Elschen trat augenblicklich zurück und räumte Martha ihre Stelle ein; sie begnügte sich, ihr den Umschlag zurecht zu machen, rückte ihn auch ein wenig anders, aber es erschien ihr so selbstverständlich, daß die Tochter das erste Anrecht auf die Pflege der Mutter hatte, daß sie ihr bereitwillig wich.
Miß Davis pochte leise an die Thür, um nach ihren Schutzbefohlenen zu sehen; als ihr Elschen flüsternd mitteilte, daß sie bei der Kranken bleiben wollten, nickte sie einverstanden und zog sich geräuschlos zurück.
Nach wenigen Stunden ließ die Heftigkeit des Anfalles nach. Frau Jansen konnte wieder freier denken, sie öffnete die Augen und lächelte den beiden Kindern freundlich zu. Dann erinnerte sie sich allmählich an ihre Bitte und sagte matt: »Ihr habt mir so wohl gethan, meine lieben Kinder. Aber ihr habt ein Vergnügen geplant. Ich will euch nicht länger zurückhalten.«
»Wir möchten lieber bei dir bleiben, Mama,« bat Martha; »schicke uns nicht fort, wir sind am liebsten bei dir.«
Frau Jansen nickte ihnen lächelnd Gewährung und schloß die Augen wieder; ihr Kopf schmerzte noch heftig, aber doch empfand sie ein wohlthuendes Gefühl, die Freude an den Kindern. Am nächsten Morgen war alles überstanden, sie fühlte sich wohler und heiterer als seit langem.
»Heut' sollt ihr eure Wasserfahrt haben, um die ihr gestern durch mich gekommen seid,« sagte sie zu den beiden Mädchen, »und ich will auch dabei sein.«
»Dann nehmt mich auch mit,« fügte der Vater hinzu, dem sie den Vorgang erzählt und der sich sehr darüber gefreut hatte.
Martha blickte ihren Vater ganz erstaunt an; das war noch nie dagewesen, daß der Papa sich an so etwas beteiligt hatte. Dann brach sie in lauten Jubel aus und tanzte im Zimmer umher.
»Seht doch die kleine, närrische Person,« rief Herr Jansen lächelnd aus; »sie freut sich also über meine Teilnahme an der Partie. Da muß ich recht liebenswürdig und heiter sein, daß es sich auch lohnt.«
»O, es wird wundervoll werden,« behauptete Elschen und Martha fügte hinzu: »Aber Günther und Heinrich müssen auch mit.«
»Versteht sich, ein richtiges Familienvergnügen,« bestätigte Herr Jansen.
Das wurde es auch im wahren Sinne des Wortes, und es war schwer zu sagen, ob Eltern oder Kinder mehr Freude daran hatten. Die ersteren saßen gemütlich beisammen und freuten sich von ganzem Herzen über die vergnügte Jugend.
»Das lasse ich mir doch gefallen,« sagte Herr Jansen heiter. »Das ist doch auch eine Erholung für uns, ganz anders als diese endlosen Nächte, die wir sonst auf Bällen oder bei ähnlichen Vergnügungen zubringen mußten.«
Seine Frau nickte zustimmend. »Ich bin ja nun freier, da will ich mich den Kindern mehr widmen, die bisher so wenig von mir hatten.«
»Ja, ja; was hindert uns denn, mit ihnen und für sie zu leben?« sagte Herr Jansen. »Du kannst glauben, wir erleben viel Freude an ihnen und sie werden uns nicht so durch Selbstsucht verletzen, wie ihre Schwestern es gethan. Aber ich bleibe dabei, Christinens Einfluß ist ein Segen für uns alle. Wie sie trotz der räumlichen Trennung auf ihre Geschwister einwirkt, so haben diese wieder unseren Kindern auf den rechten Weg geholfen.«
»Sie haben ihnen sehr gut gethan,« sagte Frau Jansen; »aber sie haben nicht nur gegeben, sondern auch empfangen. Die wahre Freundschaft, die sie miteinander verbindet, gereicht jedem von ihnen zum Segen, und trotz ihrer Verschiedenheit sind sie alle im Streben nach dem Rechten einig.«
Von diesem Tage an wurde es anders in dem reichen Hause; Eltern und Kinder standen sich nicht mehr fern, sondern ein herzliches, inniges Familienleben vereinte sie alle, und wenn jeder seine Pflichten erfüllt hatte, so brachte ihnen das Zusammensein die schönste Erholung.
So verging die Zeit fast unbemerkt; aus Wochen wurden Monate, und das schöne Weihnachtsfest nahte zum zweiten Male, seit jenem Winter, der die Familie in Schönwiese zusammenführte. So wohl und glücklich sich Heinrich und Elschen auch im Hause ihrer Verwandten fühlten, das ihnen eine zweite Heimat geworden war, so hegten sie doch den Wunsch, das Fest daheim zu verleben und Onkel und Tante zeigten sich damit einverstanden. Günther und Martha waren es in geringerem Maße. Sie hatten ihre Gefährten so lieb gewonnen, waren so vollständig mit ihnen eins geworden, daß selbst eine vorübergehende Trennung ihnen schwer zu ertragen dünkte. So fand Christinens Vorschlag, daß sie beide nach dem Christfest nach Flundersdorf kommen und den Rest der Ferien dort verleben sollten, den Beifall der Eltern und erregte den Jubel der Jugend.
Die beiden Knaben, die jetzt der Ober-Sekunda zustrebten, waren verständig genug, um ihrem Schutz die Schwestern für die Reise ruhig anvertrauen zu können. Heinrich und Elschen hatten noch mehrere große Kisten mitzunehmen, in denen sich reiche Weihnachtsgeschenke befanden, nicht nur für sie beide, sondern auch für Christine und den Vater.
Das war ein Jubel und eine Wiedersehensfreude, die sich kaum beschreiben ließen! Wie groß und kräftig war Heinrich geworden, wie frisch und blühend sah Elschen aus! Der Vater, der sich jetzt wieder gut bewegen konnte und nur eine leichte Schwäche im Arm zurückbehalten hatte, blickte mit freudigem Stolze auf die beiden und dann wieder auf die guten Zeugnisse, welche sie mitgebracht hatten. Nur Christine war unverändert geblieben, so gut und so voll Fürsorge für ihre Lieben, mit so hellen Augen und so freundlichem Lächeln um die frischen Lippen, und die Heimgekehrten blickten mit unendlicher Liebe auf sie, die ihnen Mutter und Schwester zugleich war.
»Hier hat mir der Onkel einen Brief an dich mitgegeben,« sagte Heinrich und überreichte ihr ein dickes Schreiben.
Sie erbebte leise. Doktor Hagen stand in fleißigem Briefwechsel mit dem Kaufherrn, und obwohl er nie eine Zeile an Christine direkt richtete, so war doch eigentlich alles für sie geschrieben, und der Onkel faßte es auch so auf und beförderte es getreulich weiter. Die Expedition war vom Glück begünstigt gewesen, ihre Forschungen wurden mit Erfolg gekrönt und mit reichen Sammlungen wollte sie den Heimweg antreten. Das wußte Christine bereits; was mochte nun dieser Brief enthalten?
Der Vater bedurfte noch der Schonung und zog sich früh zur Ruhe zurück; die Plauderlust der Geschwister war jedoch nicht zu hemmen. Was hatten sie ihr nicht alles mitzuteilen, was schriftlich doch nur unvollkommen oder gar nicht hatte geschehen können. So wurde es recht spät, bis sie endlich allein war und mit zitternden Händen den Briefumschlag erbrechen konnte.
Doktor Hagen berichtete wieder von seiner Reise, die als beendigt anzusehen war, mit dem nächsten Schiffe sollte die Heimfahrt angetreten werden. Der Brief mußte eine Verzögerung erlitten haben, denn es fand sich ein zweiter, bereits aus England datierter, dabei. Die Reisenden waren glücklich bis dahin gelangt; ihr bedeutendes Gepäck, durch die viele Kisten füllenden Sammlungen so angeschwollen, verursachte ihnen Umstände und Aufenthalt, und so hatte Doktor Hagen beschlossen, sich von seinen Gefährten, welche die Sorge für ihr Mitgeführtes übernehmen wollten, zu trennen und in wenigen Tagen die Reise nach Deutschland anzutreten, wo sich sein Geschick für ihn zum Glücke entscheiden sollte, wie er zuversichtlich hoffte.
Regungslos saß Christine da, in tiefes Sinnen verloren. Wie glücklich war sie, daß der ihr so teure Mann alle Gefahren der weiten Reise überstanden hatte, und doch, mit welchem Bangen sah sie seiner Ankunft entgegen, welche die alten schweren Kämpfe für sie erneuern mußte. Wohl zog sie ihr Herz zu ihm hin, an dem sie mit treuer Liebe hing, aber ihre Verhältnisse waren dieselben geblieben – sie durfte den Vater nicht verlassen, sie durfte nicht vergessen, daß alles, was die Geschwister jetzt im Hause der Verwandten fanden, eine Gabe freier Liebe war, daß sie alle wieder mittellos und verlassen im Kampf des Lebens dastehen konnten, und sie durfte eine Bürde nicht auf die Schultern des Mannes legen, den sie begehrte.
Sie rang lange und in tiefem Schmerz mit sich selbst; endlich fand sie Frieden. Sie wollte den rechten Weg gehen, Gott würde sie nicht verlassen und ihr in ihrer Schwachheit beistehen. So konnte sie am nächsten Morgen den ihren mit ruhiger Heiterkeit begegnen, und in der treuen Erfüllung ihrer täglichen Pflichten fand sie die Kraft, der Zukunft gefaßt entgegenzutreten.