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Nachwort

Gnädige Frau! Zuweilen wird etwas geboren. Man schaut hin und erkennt ein Ding, dessen Fußsohlen wie ein Pikaß aussehen. Dieses Etwas sagt wau-wau und ist ein Hund. Man schaut von neuem hin, das Pikaß wird zu einem Treffaß. Das Etwas sagt pfffff und ist eine Katze.

Dies ist die Geschichte der sichtbaren Welt, im besonderen der Welt von Toby und Kiki, meiner Patenkinder. Sie sind so natürlich – ich gebrauche das Wort »natürlich« in dem Sinne, wie es von den Wilden in Australien gebraucht wird – daß jede ihrer Gebärden einem einfachen Lehrsatz des Daseins entspricht. Sie sind Tiere im wahrsten Sinne des lateinischen Wortes animal, sind animos, d. h. beseelte Wesen, die wie die Tiere im Faust ausrufen könnten:

Der alberne Tropf,
Er kennt nicht den Topf,
Er kennt nicht den Kessel!

*

Diese Tiere also haben Sie, gnädige Frau, in eine Umgebung hineingesetzt, in die sie hineingehören, in das irdische Paradies, in Ihre Wohnung. Gummibaum und Palme, die gewiß in Ihrem Wohnzimmer stehen und sich dessen Proportionen angepaßt haben, geben ein Bild der üppigen paradiesischen Flora …

*

Sie sind ein echter Dichter, und ich will dies gern bekennen, ohne mich weiter um die Legende zu kümmern, mit der die Pariser jede Berühmtheit umgeben. Wie sie denn auch Gauguin und Verlaine weniger wegen des Genialen, das sie geleistet, als wegen ihrer Extravaganzen bewunderten.

So muß denn ich, der ich in Orthez lebe, ganz Paris darüber aufklären, wer Sie sind, und muß Sie allen denen, die Sie doch kennen, vorstellen, ich, der ich Sie nie gesehen habe?

*

So sage ich also, daß Colette keine Männerkleider trägt, daß sie ihren Kater nicht ins Konzert mitnimmt und daß die Hündin ihrer Freundin nicht nur aus einem Weinglas trinkt. Es stimmt nicht, daß Colette in einem Eichhörnchenkäfig arbeitet, daß sie am Trapez und an den Ringen derart turnt, daß sie mit dem Fuß ihren Nacken berührt.

Vielmehr ist es wahr, daß Frau Colette nie aufgehört hat, eine ausgezeichnete Hausfrau zu sein, die mit dem ersten Morgengrauen aufsteht, den Pferden Hafer, den Hühnern Mais, den Kaninchen Kohl, den Finken Kreuzkraut, den Enten Schnecken und ihren Schweinen Wasser gibt. Im Sommer wie im Winter kocht sie um acht Uhr für ihr Mädchen und für sich den Kaffee. Es vergeht kaum ein Tag, an dem sie nicht über das entzückende Buch von Frau Millet-Robinet »Das Landhaus der eleganten Dame« nachdenkt.

Bienenkorb, Obst- und Gemüsegarten, Stall, Hühnerhof und Treibhaus bergen keine Geheimnisse für sie. Sie hat, erzählt man, einem hohen Staatsmann, der sie fußfällig darum gebeten, rundweg abgeschlagen, ihm das Geheimnis zu verraten, wie man Maulwurfsgrillen ausrottet.

*

Colette ist reizend, wenn sie uns ihren gefleckten Boxer und ihren Kater mit dem gleichen Selbstbewußtsein vorführt wie Diana ihr Windspiel und wie eine Bacchantin ihren Tiger.

Ihre Wangen sind wie Äpfel, ihre Augen wie Vergißmeinnicht, ihre Lippen wie Mohnblumenblätter und ihre Anmut gleicht der eines Geisblattes! Ist die Art, wie sie sich an den grünen Zaun ihres Landhäuschens lehnt oder wie sie sich unter die von Insekten umsummte Sommerlaube legt, nicht schön?

Frau Colette ist eine lebendige Frau, eine Frau, die den Mut hat, natürlich zu sein und die mehr einer kleinen Hausfrau vom Lande gleicht als einer perversen Literatin.

*

Man lese ihr Buch und man wird sehen, wie sehr das, was ich gesagt habe, der Wahrheit entspricht. Frau Colette hat zwei entzückende kleine Tiere mit dem ganzen Duft der Gärten, der ganzen Frische der Wiesen, der ganzen Hitze der Landstraße und der ganzen seelischen Erregung des Menschen ausgestattet … Mit allen Erregungen … denn durch ihr Kinderlachen hindurch, das durch den Wald schallt, höre ich eine Quelle schluchzen. Man beugt sich nicht zu einem Hund oder zu einer Katze herab, ohne daß einem dabei eine dumpfe Angst das Herz zusammenschnürt. Man fühlt, wenn man sich mit ihnen vergleicht, alles, was den Menschen von ihnen trennt und alles, was ihn mit ihnen verbindet.

Im Auge des Hundes liegt die ganze Traurigkeit darüber, vom ersten Tage der Schöpfung an die Peitsche seines unerbittlichen Henkers vergebens geleckt zu haben. Denn nichts hat den Menschen gerührt: weder die Beute, die ein ausgehungerter Jagdhund ihm bringt, noch die rührende Unschuld, mit der ein Schäferhund unter den Sternen die dunkle Weichheit der Herden bewacht.

Im Blick des Katers leuchtet ein tragisches Entsetzen auf. »Was wirst du mir nun noch antun?« scheint er zu fragen, wenn er auf dem Misthaufen liegt und die Krätze ihn peinigt und der Hunger ihn plagt. Und fiebernd erwartet er, daß eine neue Qual seine Nerven zerrütte. –

... Aber fürchtet nichts … Frau Colette ist sehr gut. Sie hat die atavistischen Ängste von Toby und Kiki rasch verscheucht. Sie veredelt die Rasse, so daß schließlich Katzen und Hunde einsehen werden, daß es nicht langweilig ist, mit einem Dichter umzugehen.

Toby und Kiki wissen ganz genau, daß ihre Herrin eine Dame ist, die weder einem Stück Zucker noch einer Maus ein Leid antun würde; eine Dame, die zu unserm Entzücken durch ein Seil springt, das sie aus Worten geflochten hat, die Blumen gleichen, welche sie nie zertritt, und mit deren Duft sie uns beglückt; eine Dame, die mit der Stimme eines klaren Baches von der traurigen Zärtlichkeit singt, die das Herz der Tiere schneller schlagen läßt.

Francis Jammes

 


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